Das Haidedorf
Kapitel III
die Stirne, auf den Mund und die Brust, und als hierbei seine rauhe Hand zitterte,
und um den harten Mund ein heftiges Zucken ging, da hielt sich der Knabe nicht
mehr. Mit einem Thränengusse warf er sich an die Brust des Vaters, und dessen
linker Arm umkrampfte [64] ihn eine Sekunde, dann ließ er ihn los, und schob
ihn wortlos gegen die Haide. Die Mutter aber rief ihn noch einmal, und sagte, er
möge doch auch das kleine Schwesterchen gesegnen, [65] die man in ihrem
Bettlein ganz vergessen habe. Drei Kreuze machte er über den schlafenden
Engel, dann schritt er schnell hinaus, und ging trotzig vorwärts gegen die Haide.
So ziehe mit Gott, du unschuldiger Mensch, und bringe nur das Kleinod wieder,
was du so leichtsinnig fortträgst!
Als er an den Roßberg gekommen, ging die Sonne auf, und schaute in zwei
treuherzige, zuversichtliche, aber rothgeweinte Augen. Am Haidehause spiegelte
sie sich in den Fenstern, und an der Sense des Vaters, der mähen ging.
III.
Das Haidedorf.
Des ersten Abends war es öde und verlassen, und den beiden Eltern that das
Herz weh, als sie in der Dämmerung des Sommers zu Bette gingen, und auf
seine leere Schlafstelle sahen. Um denselben Menschen, der vielleicht eben jetzt
noch auf dürrer Heerstraße wanderte, und von Keinem beachtet, ja von den
Meisten v e r a c h t e t wurde, brachen fast zwei naturrohe Herzen im entlegenen
Haidehause, daß sie ihn von nun an, vielleicht auf immer entbehren sollten; aber
sie drückten den Schmerz in sich, und jedes trug ihn einsam, weil es zu
schamhaft und unbeholfen war, sich zu äußern.
Aber es kam ein zweiter Tag, und ein dritter, und ein vierter, ein jeder spannte
denselben glänzenden Himmelsbogen über die Haide, und funkelte nieder auf
die Fenster und das altergraue Dach des Hauses eben so freundlich und lieblich,
wie als er noch dagewesen war.
Und dann kamen wieder Tage und wieder.
Die Arbeit und Freude des Landmanns, durch Jahrtausende einförmig, und durch
Jahrtausende noch unerschöpft, zog auch hier geräuschlos und magisch ein Stück ihrer uralten Kette durch die Hütte, und an jedem ihrer Glieder hing ein
Tröpflein Vergessenheit.
Die Großmutter trug nach wie vor ihren Holzschemel auf die Wiese, und betete
daran, und sie und klein Marthe fragten täglich, wann denn Felix komme. Der
Vater mähete Roggen und Gerste--die Mutter machte Käse und band Garben--
und der fremde Ziegenbube trieb täglich auf die Haide. Von Felix wußte man
nichts.
Die Sonne ging auf, und ging unter, die Haide wurde weiß, und wurde grün, der
Hollunderbaum und der Apfelbaum blüheten vielmal--klein Marthe war groß
geworden, und ging mit, um zu heuen [66] und zu ernten, aber sie fragte nicht
mehr,--und die Großmutter, ewig und unbegreiflich hinaus lebend, wie ein vom
Tode vergessener Mensch, fragte auch nicht mehr, weil er ihr entfallen war, oder
sich zu ihren heimlichen Fantasiegestalten gesellt hatte.
Die Felder des Haidebauers besserten sich nachgerade, als ob der Himmel seine
Einsamkeit segnen und ihm vergelten wollte, und es wurde ihm so gut, [67] daß
er schon manchen Getreidesack, aufladen, und mit schönen Ochsen fortführen
konnte, wofür er dann einige Thaler Geldes, und Neuigkeiten von der Welt
draußen heimbrachte. Einmal kam auch ein Schreinergeselle mit seinem
Wanderpacke [68] zu Vater Niklas, dem Haidebauer, und brachte einen Gruß und
einen Brief von Felix, und sagte, daß derselbe in der großen, weit entfernten
Hauptstadt ein schmucker, fleißiger Student sei, daß ihn Alles liebe, und daß er
gar eines Tages Kaplan in der großen Domkirche werden könnte. Der
Schreinergeselle wurde über Nacht im Haidehause gut gehalten, und ließ eitel
Freude [69] zurück, als er des andern Tages in entgegengesetzter Richtung von
dannen zog. [70] So kam es, daß jedes Jahr ein- oder zweimal ein Wandersmann
den Umweg über die Haide machte, dem schönen, freundlichen, handsamen
Jünglinge zu Liebe, der gern einen Gruß an sein liebes Mütterchen schicken
wollte. Ja sogar einesmals kam Einer geschritten, und conterfeite das Häuschen
sammt dem Brunnen und Flieder- und Apfelbaume.
Auch andere Veränderungen begannen auf der Haide. Es kamen einmal viele
Herren und vermaßen ein Stück Haideland, das seit Menschengedenken keines
Herrn Eigenthum gewesen war, und es kam ein alter Bauersmann, und zimmerte
mit vielen Söhnen und Leuten ein Haus darauf, und fing an, den vermessenen
Fleck urbar zu machen. Er hatte fremdes Korn gebracht, das auf dem
Haideboden gut anschlug, [71] und im nächsten Jahre wogte ein grüner Aehrenwald zunächst an Vater Niklas Besitzungen, wo noch im vorigen
Frühlinge nur Schlehen und Liebfrauenschuh geblüht hatten. Der alte Bauer war
ein freundlicher Mann, ein Mann vieler Kenntnisse, und teilte gerne seinen Rath
und sein Wissen und seine Hülfe an die frühern Haidebewohner, und hielt gute
Nachbarschaft mit Vater Niklas. Sie fuhren nun Beide gar in die Stadt,
verkauften dort ihr Getreide weit besser, und am Getreidemarkt im goldenen
Rosse waren die Haidebauern wohl gekannt und wohlgelitten.
Nach und nach kamen neue Ansiedler; auch eine Straße wurde von der
Grundherrschaft [72] über die Haide gebahnt, so daß nun manchmal des Weges
ein vornehmer Wagen kam, deßgleichen man noch nie auf der Haide gesehen.
Auch des alten Bauers Söhne bauten sich an, [73] und einer, sagte man sich in's
Ohr, werde wohl schön Marthens Bräutigam werden. Und so, ehe sieben Jahre
in's Land gegangen, standen schon fünf Häuser mit Ställen und Scheunen, mit
Giebeln und Dächern um das kleine, alte, graue Haidehaus, und Felder und
Wiesen und Wege und Zäune gingen fast bis auf eine Viertelstunde Weges gegen
den Roßberg, der aber noch immer so einsam war, wie sonst;--und am
Pankratiustage hatte Vater Niklas die Freude, zum Richter des Haidedorfes
gewählt zu werden,--er der Erste seit der Erschaffung der Welt, der solch Amt
und Würde auf diesem Flecke bekleidete.
Wieder waren Jahre um Jahre vergangen, die Obstbaumsetzlinge, zarte Stangen,
wie sie der alte Nachbarsbauer gebracht und an Niklas mitgeteilt hatte, standen
nun schon als wirthliche Bäume da, und brachten reiche Frucht, und manchen
Sonntagstrunk an Obstwein.--Marthe war an Nachbars Benedikt verheirathet,
und sie trieben eigene Wirthschaft. [74]--Die Haide war weiß und wieder grün
geworden; aber des Vaters Haare b l i e b e n weiß, und die Mutter fing bereits
an, der Großmutter ähnlich zu werden, welche Großmutter allein unverwüstlich
und unveränderlich blieb, immer und ewig am Hause sitzend, ein träumerisches
Ueberbleibsel, gleichsam, als warte sie auf Felixens Rückkehr. Aber Felix
schien, wie einst Jacobus, verschollen zu sein aus der Haide. Seit drei Jahren
kam keine Kunde und kein Wandersmann.--In der Hauptstadt, wohin gar
Benedikt gegangen, um ihn zu suchen, war er nicht zu finden, und im Amte
sagten ihm die Kanzleiherren [75] aus einem großen Buche, er sei außer Landes
gegangen, vielleicht gar über das Meer. Der Vater hörte schon auf, von ihm zu
reden; Marthe hatte ein Kindlein und dachte nicht an ihn, die Haidedörfler
kannten ihn nicht, und liebten ihn auch nicht, als einen, der da einmal
davongegangen; die Großmutter fragte nur bisweilen nach Jacobus:--aber das
Mutterherz trug ihn unverwischt und schmerzhaft in sich, seit dem Tage, als er von dannen gezogen und an ihrem Busen geweint hatte--und das Mutterherz trug
ihn Abends in das Haus, und Morgens auf die Felder--und das Mutterherz war es
auch allein, das ihn erkannte, als einmal am Pfingstsamstage durch die
Abendröthe ein wildfremder sonnverbrannter Mann gewandert kam, den Stab in
der Hand, das Ränzlein auf dem Rücken, und stehen blieb vor dem Haidehause.
"Felix"--"Mutter!"
Ein Schrei und ein Sturz an das Herz.
Das Mutterherz ist der schönste und unverlierbarste Platz des Sohnes, selbst
wenn er schon graue Haare trägt--und jeder hat im ganzen Weltall nur ein e i n z
i g e s solches Herz.
Das alte Weib brach an ihm fast nieder vor Schluchzen, und er, vielleicht seit
Jahren keiner Thräne mehr gewohnt, ließ den Bach seiner Augen strömen, und
hob sie zu sich auf, und drückte sie, und streichelte ihre grauen Haare, nicht
sehend, daß Vater und Schwester, und das halbe Dorf um sie Beide standen.
"Felix, mein Felix, wo kommst Du denn her?" fragte sie endlich.
"Von Jerusalem, Mutter, und von der Haide des Jordans.--Gott grüß' Euch, Vater,
und Gott grüße Euch, Großmutter! Jetzt bleib' ich lange bei Euch, und geliebt
[76] es Gott, auf immer."
Er schloß den zitternden Vater an's Herz, und dann die alte Großmutter, die fast
schamhaft und demüthig bei Seite stand--und dann noch einmal den Vater, den
schönen, alten, braunen Mann mit den schneeweißen Haaren, den er mit noch
dichten dunkeln Locken verlassen hatte, und der doppelt liebenswerth da stand
durch die unbehülfliche Verlegenheit, in die er dem stattlichen Sohne gegenüber
gerieth;--das Mutterherz aber, sich immer ihres unverjährbaren Ranges bewußt,
zeigte nichts dem Aehnliches; sie [77] sah nicht seine Gestalt und seine Kleider,
sondern ihr Auge hing die ganze Zeit über an seinem Angesichte, und es glänzte
und funkelte, und schäumte fast über vor Freude und vor Stolz, daß Felix so
schön geworden, und so herrlich.
Endlich, als sich sein Herz etwas gesättigt, fiel ihm klein Marthe bei [78]; er
fragte nach ihr, und sein Auge suchte am Boden umher--allein die Mutter führte
ihm ein blühendes Weib vor, mit hellen blauen Augen, ein Kind auf dem Arme,
wie eine Madonna, deren er in Welschland [79] auf Bildern gesehen--er erkannte im K i n d e klein Marthe, die Mutter des Kindes getraute er sich aber nicht zu