Das Haidedorf

Adalbert Stifter · Kapitel 2 von 8

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Das Haidedorf

Kapitel II

Erziehung hatte er vollendet, und was die Haide geben konnte, das hatte sie

gegeben; der reife Geist schmachtete nun nach seinem Brote, dem W i s s e n,

und das Herz nach seinem Weine, der L i e b e. Sein Auge ging über die fernen

Duftstreifen des Moores, und noch weiter hinaus; als müsse dort draußen etwas

sein was ihm fehle, und als müsse er eines Tages seine Lenden gürten, den Stab

nehmen, und weit, weit von seiner Heerde gehen.

 

Die Wiese, die Blumen, das Feld und seine Aehren, der Wald und seine

unschuldigen Thierchen sind die ersten und natürlichsten Gespielen und Erzieher

des Kinderherzens. Ueberlaß den kleinen Engel nur seinem eigenen innern

Gotte, und halte bloß die Dämonen ferne, und er wird sich wunderbar erziehen

und vorbereiten. Dann, wenn das fruchtbare Herz hungert nach Wissen und

Gefühlen, dann schließ ihm die Größe der Welt, des Menschen und Gottes auf.

 

Und somit laßt uns Abschied nehmen von dem Knaben auf der Haide.

 

II.

 

Das Haidehaus.

 

Eine gute Wegestunde von dem Roßberge stand ein Haus, oder vielmehr eine

weitläufige Hütte. Sie stand am Rande der Haide weit ab jeder Straße

menschlichen Verkehres; sie stand ganz allein, und das Land um sie war selber

wieder eine Haide, nur anders, als die, auf der der Knabe die Ziegen hütete. Das

Haus war ganz aus Holz, faßte zwei Stuben und ein Hinterstübchen, alles mit

mächtigen braunschwarzen Tragebalken, daran manch Festkrüglein hing, mit

schönen Trinksprüchen [54] bemalt. Die Fenster, licht und geräumig, sahen auf

die Haide, und das Haus war umgeben von dem Stalle, Schuppen [55] und der

Scheune. Es war auch ein Gärtlein vor demselben, worin Gemüse wuchs, ein

Hollunderstrauch und ein alter Apfelbaum stand--weiter ab waren noch drei

Kirschbäume, und unansehnliche Pflaumengesträuche. Ein Brunnen floß vor

dem Hause, kühl, aber sparsam; er floß von dem hohen starken Holzschafte in

eine Kufe nieder, die aus einem einzigen Haidestein gehauen war.

 

In diesem Hause war es sehr einsam geworden; es wohnten nur ein alter Vater

und eine alte Mutter darinnen, und eine noch ältere Großmutter--und Alle waren

sie traurig; denn er war fortgezogen, weit in die Fremde, der das Haus mit seiner

jugendlichen Gestalt belebt hatte, und der die Freude Aller war. Freilich spielte noch ein kleines Schwesterlein an der Thürschwelle, aber sie war noch gar zu

klein, und war noch zu thöricht; denn sie fragte ewig, wann der Bruder Felix

wieder kommen werde. Weil der Vater Feld und Wiese besorgen mußte, so war

ein anderer Ziegenknabe genommen worden; allein dieser legte auf der Haide

Vogelschlingen, trieb immer sehr früh nach Hause, [56] und schlief gleich nach

dem Abendessen ein. Alle Wesen auf der Haide trauerten um den schönen

lockigen Knaben, der von ihnen fortgezogen.

 

Es war ein traurig schöner Tag gewesen, an dem er fortgegangen war. Sein Vater

war ein verständig stiller Mann, der ihm nie ein Scheltwort gegeben hatte, und

seine Mutter liebte ihn, wie ihren Augapfel;--und aus i h r e m Herzen, dem er

oft und gerne lauschte, sog er jene Weichheit und Fantasiefülle, die sie hatte,

aber zu nichts verwenden konnte, als zu lauter Liebe für ihren Sohn. Den Vater

ehrte sie als den Oberherrn, der sich Tag und Nacht so plagen müsse, um den

Unterhalt herbeizuschaffen, da die Haide karg war, und nur gegen große Mühe

sparsame Früchte trug, und oft die nicht, wenn Gott ein heißes Jahr über dieselbe

herabsandte. Darum lebten sie in einer friedsamen Ehe, und liebten sich

pflichtgetreu von Herzen, und standen einander in Noth und Kummer bei. Der

Knabe kannte daher nie den giftigen Mehlthau für Kinderherzen, Hader und

Zank, außer, wenn ein stößiger Bock [57] Irrsal stiftete, [58] den er aber immer

mit tüchtigen Püffen seiner Faust zu Paaren trieb, [59] was das böseste Thier von

ihm, und nur von ihm allein gutwillig litt, weil es wohl wußte, daß er sein

Beschützer und zuversichtlicher Kamerade sei. Der Vater liebte seinen Sohn

wohl auch, und gewiß nicht minder als die Mutter, aber nach der Verschämtheit

gemeiner Stände, zeigte er diese Liebe nie, am wenigsten dem Sohne--dennoch

konnte man sie recht gut erkennen an der Unruhe, mit der er aus- und einging,

und an den Blicken, die er häufig gegen den Roßberg that, wenn der Knabe

einmal zufällig später von der Haide heim kam, als gewöhnlich--und der Bube

wußte und kannte diese Liebe sehr wohl, wenn sie sich auch nicht äußerte.

 

Von solchen Eltern hatte er keinen Widerstand zu erfahren, als er den Entschluß

aussprach, in die Welt zu gehen, weil er durch aus nicht mehr zu Hause zu

bleiben vermöge. Ja, der Vater hatte schon seit langem wahrgenommen, wie der

Knabe sich in Einbildungen und Dingen abquäle, die ihm selber von Kindheit an

nie gekommen waren; er hielt sie deßhalb für Geburten der Haideeinsamkeit,

und sann auf deren Abhilfe. Die Mutter hatte zwar nichts Seltsames an ihrem

Sohne bemerkt, weil eigentlich ohnehin ihr Herz in dem seinen schlug; allein sie

willigte doch in seine Abreise aus einem dunklen Instinkte, daß er da ausführe,

was ihm Noth thue.

Noch e i n e Person mußte gefragt werden, nicht von den Eltern, sondern von

ihm: die G r o ß m u t t e r. Er liebte sie zwar nicht so wie die Mutter, sondern

ehrte und scheute sie vielmehr; aber sie war es auch gewesen, aus der er die

Anfänge jener Fäden zog, aus welchen er vorerst seine Haidefreuden webte,

dann sein Herz und sein ganzes zukünftiges Schicksal. Weit über die Grenze des

menschlichen Lebens schon hinausgeschritten saß sie, wie ein Schemen hinten

am Hause im Garten an der Sonne, ewig einsam und ewig allein in der

Gesellschaft ihrer Todten, und zurückspinnend an ihrer innern ewig langen

Geschichte. Aber so wie sie dasaß, war sie nicht das gewöhnliche Bild

unheimlichen Hochalters, sondern wenn sie oft plötzlich ein oder das andere

ihrer innern Geschöpfe anredete, als ein lebendes und vor ihr wandelndes; oder,

wenn sie sanft lächelte, oder betete, oder mit sich selbst redete, wundersam

spielend in Blödsinn und Dichtung, in Unverstand und Geistesfülle: so zeigte sie

gleichsam, wie eine mächtige Ruine, rückwärts auf ein denkwürdiges Dasein. Ja,

der Menschenkenner, wenn hier je einer hergekommen wäre, würde aus den

wenigen Blitzen, die noch gelegentlich auffuhren, leicht erkannt haben, daß hier

eine Dichtungsfülle ganz ungewöhnlicher Art vorübergelebt worden war,

ungekannt von der Umgebung, ungekannt von der Besitzerin, vorübergelebt in

dem schlechten Gefäße eines Haidebauerweibes. Ihre gemüthreiche Tochter, die

Mutter des Knaben, war nur ein schwaches Abbild derselben. Das alte Weib

hatte in ihrem ganzen Leben voll harter Arbeiten nur ein einziges Buch gelesen,

die Bibel; aber in diesem Buche las und dichtete sie siebenzig Jahre. Jetzt that

sie es zwar nicht mehr, verlangte auch nicht mehr, daß man ihr vorlese; aber

ganze Prophetenstellen sagte sie oft laut her, und in ihrem Wesen war Art und

Weise jenes Buches ausgeprägt, so daß selbst zuletzt ihre gewöhnliche

Redeweise etwas Fremdes und gleichsam Morgenländisches zeigte. Dem

Knaben erzählte sie die heiligen Geschichten. Da saß er nun oft an

Sonntagnachmittagen gekauert [60] an dem Hollunderstrauch--und wenn die

Wunder, und die Helden kamen, und die fürchterlichen Schlachten, und die

Gottesgerichte--und wenn sich dann die Großmutter in die Begeisterung geredet,

[61] und der alte Geist die Ohnmacht seines Körpers überwunden hatte--und

wenn sie nun anfing, zurückgesunken in die Tage ihrer Jugend, mit dem welken

Munde zärtlich und schwärmerisch zu reden, mit einem Wesen, das er nicht sah,

und in Worten, die er nicht verstand, aber tief ergriffen instinktmäßig nachfühlte,

und wenn sie um sich alle Helden der Erzählung versammelte, und ihre eigenen

Verstorbenen einmischte, und nun alles durcheinander reden ließ: da grauete er

sich innerlich entsetzlich ab, [62] und um so mehr, wenn er sie gar nicht mehr

verstand--allein er schloß alle Thore seiner Seele weit auf, und ließ den

fantastischen Zug [63] eingehen, und nahm des andern Tages das ganze Getümmel mit auf die Haide, wo er Alles wieder nachspielte.

 

Dieser Großmutter nun wollte er sein Vorhaben deuten, damit sie ihn nicht eines

Tages zufällig vermisse, und sich innerlich kränke, als sei er gestorben.

 

Und so--an einem frühen Morgen stand er neben den Eltern reisefertig vor der

Thür, sein dürftig Linnenkleid an, den breiten Hut auf dem Haupte, den

Wacholderstab in der Hand, umgehängt den Haidesack, in welchem zwei

Hemden waren und Käse und Brot. Eingenäht in die Brusttasche hatte er das

wenige Geld, welches das Haus vermochte.

 

Die Großmutter, immer die erste wach, knieete bereits nach ihrer Sitte inmitten

der Wiese an ihrem Holzschemel, den sie dahin getragen, und betete. Der Knabe

warf einen Blick auf den Haiderand, welcher schwarz den lichten Himmel

schnitt--dann trat er zu der Großmutter und sagte: "Liebe Mutter, ich gehe jetzt,

lebet wohl und betet für mich!"

 

"Kind, du mußt der Schafe achten, der Thau ist zu früh, und zu kühl!"

 

"Nicht auf die Haide gehe ich, Großmutter, sondern weit fort in das Land, um zu

lernen und tüchtig zu werden, wie ich es Euch ja gestern Alles gesagt habe."

 

"Ja, Du sagtest es," erwiederte sie, "Du sagtest es, mein Kind--ich habe Dich mit

Schmerzen geboren, aber Dir auch Gaben gegeben, zu werden, wie einer der

Propheten und Seher--ziehe mit Gott, aber komme wieder, Jacobus!"

 

Jacobus hatte ihr Sohn geheißen, der auch einmal fortgegangen, vor mehr als

sechzig Jahren, aber nie wieder zurückgekehrt war.

 

"Mutter," sagte er noch einmal, "gebt mir Eure Hand."

 

Sie gab sie ihm; er schüttelte sie und sagte: "Lebt wohl, lebt wohl."

 

"Amen, Amen," sagte sie, als hörte sie zu beten auf.

 

Dann wandte sich der Knabe gegen die Eltern; das Herz war ihm so sehr

emporgeschwollen--er sagte nichts, sondern mit eins hing er am Halse der

Mutter, und sie, heiß weinend, küßte ihn auf beide Wangen, und schob ihm noch

ein Geldstück zu, das sie einst als Pathengeschenk empfangen, und immer

aufgehoben hatte, allein er nahm es nicht. Dem Vater reichte er bloß die Hand, weil er sich nicht getraute, ihn zu umarmen. Dieser machte ihm ein Kreuz auf