Das Haidedorf

Adalbert Stifter · Kapitel 4 von 8

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Das Haidedorf

Kapitel IV

küssen, und auch sie stand blöde vor ihm, und sah ihn bloß liebreich an--endlich

grüßten und küßten sie sich herzinnig als Geschwister und der ehrliche Benedikt

reichte ihm die Hand und sagte, wie er ihn vor zwei Jahren so emsig in der

ungeheuersten Entfernung gesucht habe.

 

"Da war ich im Lande Egypten," sagte Felix, "und Ihr hättet mich auch dort

kaum erfragt; denn ich war in der Wüste."

 

Auch die Bauern und ihre Weiber und Kinder, die sich vor Niklas Hause

eingefunden hatten, und ehrbar neugierig umherstanden, grüßte er alle

freundlich, lüftete den Reisehut, und reichte ihnen, obwohl unbekannt, die Hand.

 

Endlich ging man in das Haus und nach Haidesitte gingen viele Nachbarn mit,

und waren dabei, wie er Geschenke und Berichte auspackte. Auf der Gasse

wurde es stille, die Menschen suchten nach dortigem Gebrauche zeitig ihre

Schlafstellen, und die rothen Pfingstwolken leuchteten noch lange über dem

Dorfe.

 

IV.

 

Der Haidebewohner.

 

Und als des andern Tages die ersten Sonnenstrahlen glänzten, und die

Haidedorfbewohner bereits im Festputze gerüstet waren, um zur fernen Kirche

zu gehen: so war einer der Bewohner mehr, und einer der Kirchgänger mehr. Die

Nacht hatte es Manchem verwischt, [80] daß er gekommen, aber der Morgen

brachte ihnen wieder neu den neuen Besitz, damit sie sich daran ergötzten: Die

Einen mit ihrer Neugierde, die Andern mit ihrer Liebe--Alle aber hatten eine

unsichere Scheu, selbst die Eltern, was es denn wäre, das ihnen an ihm

zurückgebracht worden sei, und ob er nicht ein fremdes Ding in der übrigen

Gleichheit und Einerleiheit [81] des Dorfes wäre.

 

Er aber stand schon angekleidet, Und zwar in dem leinenen Haidekleide und

dem breiten Hute im Freien, und schaute mit den großen, glänzenden, sanften

Augen um sich, als die Mutter zu ihm trat und ihn fragte, ob er auch in die

Kirche gehen werde, oder ob er müde sei, und Gott zu Hause verehren wolle.

 

"Ich bin nicht müde," antwortete er freundlich, "und ich werde mit Euch gehen;" denn er sah, daß die Mutter zum Kirchengehen angezogen war, und daß auch der

Vater in seinem Sonntagsrocke aus dem Hause komme.

 

Festliche Gruppen zeigten sich hie und da auf dem Anger des Dorfes; Manche

traten näher und grüßten, Andere hielten sich verschämt zurück, besonders die

Mädchen, und wieder andere, welche zu Hause blieben, und in der

Festtagseinsamkeit das Dorf hüten mußten, standen unter den Hausthüren oder

sonst wo, und schauten zu.

 

Und als noch Pfingstthau auf den Haidegräsern funkelte und glänzte, und als die

Morgenkühle wehte, setzte sich schon Alles in Bewegung, um zu rechter Zeit

anzulangen--und so führte denn Felix das alte Weib an seiner Hand, und leitete

sie so zärtlich um den sanften Haidebühel [82] hinan, wie sie einstens ihn, da er

noch ein schwacher Knabe war und Sonntags Vormittags die Ziegen und Schafe

zu Hause lassen durfte, damit er hinausgehe und das Wort Gottes höre. Der Vater

ging innerlich erfreut daneben, die Andern theils voran, theils hinten. Endlich

war die letzte Gruppe hinter dem Bühel verschwunden, die Nachschauenden

traten in ihre Häuser zurück, und kurz darauf war jene funkelnde Einsamkeit

über den Dächern, die so gern an heitern Sonntagvormittagen in den verlassenen

Dörfern ist;--die Stunden rückten trockener und heißer vor, eine dünne blaue

Rauchsäule stieg hie und da auf, und mitten in dem Garten des Haidehauses

kniete die hagere Großmutter und betete.--Und wie endlich nach stundenlanger

Stille durch die dünne, weiche ruhende Luft, wie es sich zuweilen an ganz

besonders schweigenden Tagen zutrug, der ferne feine Ton eines Glöckleins

kam, da kniete manche Gestalt auf den Rasen nieder, und klopfte an die Brust;--

dann war es wieder stille und blieb stille----die Sonnenstrahlen sanken auf die

Häuser nieder, mehr und mehr senkrecht, dann wieder schräge, daß die Schatten

auf der andern Seite waren--endlich kam der Mittag, und mit ihm alle

Kirchgänger--sie legten die schönsten Kleider und Tücher von dem erhitzten

Körper, thaten leichtere an, und jedes Haus verzehrte sein vorgerichtetes

Pfingstmahl.

 

Und was war es denn, was ihnen an Felix zurückgebracht worden war, und

warum ist er denn so lange nicht gekommen, und wo ist er denn gewesen?

 

Sie wußten es nicht.

 

In der Kirche war er mit gewesen;--fast so kindlich andächtig, wie einst, hatte er

auf die Worte des Priesters gehorcht, sanftmüthig war er neben der Mutter nach Hause gekehrt, und wenn dann bei Tische der Vater das Wort nahm, so brach

Felix das seine aufmerksam ab, und hörte zu--und gegen Abend saß er mit der

Großmutter im Schatten des Hollunderbusches, und redete mit ihr, die ihm ganz

sonderbare und unverständliche Geschichten vorlallte [83]---und wenn dann so

den Tag über die Neugier der Mutter in sein Auge blickte, halb selig, halb

schmerzenreich, wenn sie nach den einstigen weichen Zügen forschte--ihren

ehemaligen heitern, treuherzigen, schönen Haideknaben suchte sie----und siehe,

sie fand ihn auch: in leisen Spuren war das Bild des gutherzigen Knaben geprägt

in dem Antlitze des Mannes, aber unendlich schöner--so schön, daß sie oft einen

Augenblick dachte, sie könne nicht seine Mutter sein;--wenn er den ruhigen

Spiegel seiner Augen gegen sie richtete, so verständig und so gütig--oder wenn

sie die Wangen ansah, fast so jung, wie einst, nur noch viel dunkler gebräunt,

daß dagegen die Zähne wie Perlen leuchteten, dieselben Zähne, die schon an

dem Haidebuben so unschuldig und gesund geglänzt--und um sie herum noch

dieselben lieblichen Lippen, die aber jetzt reif und männlich waren, und so

schön, als sollte sogleich ein süßes Wort daraus hervorgehen, sei's der Liebe,

sei's der Belehrung----

 

"Er ist gut geblieben," jauchzte in ihr dann das Mutterherz; "er ist gut geblieben,

wenn er auch viel vornehmer ist, als wir."

 

Und in der That, es war ein solcher Glanz keuscher Reinheit um den Mann, daß

er selbst von dem rohen Herzen des Haideweibes erkannt und geehrt wurde.

 

Was lebte denn in ihm, das ihn unangerührt durch die Welt getragen, daß er

seinen Körper als einen Tempel wiederbrachte, wie er ihn einst aus der

Einsamkeit fortgenommen?----

 

Sie wußten es nicht; nur immer heiterer und fast einfältiger legte sich sein Herz

dar, [84]so wie die Stunden des ruhigen Festtages nach und nach verflossen.

 

Spät Abends erzählte er ihnen, da alle um den weißen buchenen Tisch saßen,

und auch Marthe mit ihrem Kinde da war, und Benedikt und andere Nachbarn--

er erzählte ihnen von dem gelobten Lande, wie er dort gewesen, wie er

Jerusalem und Bethlehem gesehen habe, wie er auf dem Tabor gesessen, sich in

dem Jordan gewaschen;----den Sinai habe er gesehen, den furchtbar zerklüfteten

Berg, und in der Wüste sei er gewandelt.--Er sagte ihnen, wie seine gezimmerten

Truhen mit dem Postboten kommen würden; dann werde er ihnen Erde zeigen,

die er aus den heiligen Ländern mitgebracht--auch getrocknete Blumen habe er, und Kräuter, aus jenem Lande und Fußtritte des Herrn, und was nur immer dort

das Erdreich erzeuge und bringe--und viel heiliger, viel heißer und viel einsamer

seien je [85] Haiden und Wüsten, als die hiesige, die eher ein Garten zu nennen--

--und wie er so redete, sahen alle auf ihn, und horchten--und sie vergaßen, daß es

Schlafenszeit vorüber, daß die Abendröthe längst verglommen, daß die Sterne

emporgezogen, und in dichter Schaar über den Dächern glänzten.

 

Von Städten, den Menschen und ihrem Treiben hatte er nichts gesagt, und sie

hatten nicht gefragt. Die Worte seines Mundes thaten so wohl, daß ihnen gerade

das, was er sagte, das Rechte däuchte, und sie nicht nach Anderem fragten.

 

Marthe trug endlich das schlafende Kind fort, Benedikt ging auch, die Nachbarn

entfernten sich--und noch seliger und noch freudenreicher, als gestern gingen die

Eltern zu Bette, und selbst der Vater dachte, Felix sei ja fast wie ein Prediger und

Priester des Herrn.

 

Auch auf die Haide war er gleich nach den Feiertagen gegangen, auf seiner

Rednerbühne war er gesessen; die Käfer, die Fliegen, die Falter, die Stimme der

Haidelerche und die Augen der Feldmäuschen waren die nämlichen. Er

schweifte herum, die Sonnenstrahlen spannen,--dort dämmerte das Moor, und

ein Zittern und Zirpen und Singen----und wie der Vater ihn so wandeln sah,

mußte er sich über die dünnen grauen Haare fahren, und mit der schwielenvollen

Hand über die Runzeln des Angesichts streichen, damit er nicht glaube, sein K n

a b e gehe noch dort, und es fehlen nur die Ziegen und Schafe, daß es sei wie

einst, und daß die lange, lange Zeit nur ein Traum gewesen sei. Auch die

Nachbarn, wie er so Tag nach Tag unter ihnen wandelte, wie ihn schon alle

Kinder kannten, wie er jedem derselben, auch mit dem häßlichen, so freundlich

redete, und wie er so im Linnenkleide durch die neuen Felder ging--glaubten

ganz deutlich, er sei einer von ihnen, und doch war es auch wieder ganz deutlich,

wie er ein weit anderer sei, als sie.

 

Eine That müssen wir erzählen, ehe wir weiter gehen, und von seinem Leben

noch entwickeln, was vorliegt--eine That, die eigentlich geheim bleiben sollte,

aber ausgebreitet wurde, und ihm mit eins alle Herzen der Haidebewohner

gewann.

 

Als endlich die gezimmerten Truhen mit dem Postboten in die Stadt, und von da

durch Getreidewagen auf die Haide gekommen waren, als er daraus die

Geschenke hervorgesucht und ausgetheilt, als er tausenderlei Merkwürdiges gezeigt, Blumen, Federn, Steine, Waffen--und alles genug bewundert worden

war,--trat er desselben Tages Abends zu dem Vater in die hintere Kammer, als er

gesehen hatte, daß derselbe hineingegangen, und, wie er gern that, sich in den

hineinfallenden Fliederschatten gesetzt hatte--er trat beklommen hinein und

sagte fast mit bebender Stimme: "Vater, Ihr habt mich auferzogen, und mir

Liebes gethan, seit ich lebe--ich aber habe es schlecht vergolten; denn ich bin

fortgegangen, daß Ihr keinen Gehülfen Eurer Arbeit hattet, und Eurer Sorge für

Mutter und Großmutter--und als ich gekommen, warfet Ihr mir nichts vor,

sondern waret nur freundlich und lieb; ich kann es nicht vergelten, als daß ich

Euch nicht mehr verlassen und Euch noch mehr verehren und lieben will, als

sonst. So viel Jahre mußtet Ihr sein, ohne in mein Auge schauen zu können, wie

es Eurem Herzen wohlgethan hätte;--aber ich bleibe jetzt immer, immer bei

Euch.--Allein weil mich Euch Gott auch zur Hülfe geboren werden ließ, so

lernte ich draußen allerlei Wissenschaft, wodurch ich mir mein Brot verdiente,

und da ich wenig brauchte, so blieb Manches für Euch übrig. Ich bringe es nun,

daß Ihr es auf Euer Haus wendet, [86] und im Alter zu Gute bekommet, [87] und

ich bitte Euch, Vater, nehmt es mit Freundlichkeit an."

 

Der Alte aber, hochroth, zitternd vor Scham und vor Freude, war aufgesprungen

und wies mit beiden Händen die dargebotenen Papiere von sich, indem er sagte:

"Was kommt Dir bei, [88] Felix? Ich bin so erschrocken,--da sei Gott vor, [89]

daß ich die Arbeit und Mühe meines Kindes nehme--ach, mein Gott, ich habe

Dir ja nichts geben können, nicht einmal eine andere Erziehung, als die Dir der

Herr auf der Haide gab, nicht einmal das fromme Herz, das Dir von selber

gekommen.--Du bist mir nichts schuldig--die Kinder sind eine Gottesgabe, daß

wir sie erziehen, wie es ihnen frommt, nicht wie es uns nützt;--verzeihe mir nur,

ich habe Dich nicht erziehen können, und doch scheint es mir, bist Du so gut

geworden, so gut, daß ich vor Freuden weinen möchte."----

 

Und kaum hatte er das Wort heraus, so brach er in lautes Weinen aus, und tastete

ungeschickt nach Felix Hand--Dieser reichte sie; er konnte sich nicht helfen, er

mußte sein Antlitz gegen die Schulter des Vaters drücken, und das grobe Tuch

des Rockes mit seinen heißesten Thränen netzen. Der Vater war gleich wieder

still, und sich gleichsam schämend und beruhigend sagte er die Worte: "Du bist

verständiger als wir, Felix. Wenn Du bei uns bleibst, arbeite, was Du willst; ich

verlange nicht, daß Du mir hilfst--da ist ja Benedikt und seine Knechte, wenn es

noth thäte; auch habe ich schon ein Erspartes, daß ich mir im Alter einen Knecht

nehmen kann.--Du aber wirst etwas arbeiten, wie es Gott gefällig und wie es

recht ist."

Felix aber dachte in seinem Herzen, er werde doch in Zukunft, wenn es nötig sei,

lieber in der That selbst, und durch Leistung des eben Mangelnden beistehen,

damit ihm das Herz nicht so weh thäte, wenn er dem Vater gar nichts Gutes

bringen könnte. Ach, das Beste hat er ja schon gebracht, und wußte es nicht, das

gute, das überquellende Herz, das jedem, selbst dem gehärtetsten Vater ein

freudigeres Kleinod ist, als alle Güter der Erde, weil es nicht Lohn nach außen

ist, sondern Lohn in der tiefsten, innersten Seele.

 

Der Vater that nun gleichgültig [90] und machte sich mit diesem und jenem im

Zimmer zu thun [91]; kaum aber war Felix hinaus, so lief er eiligst zur Mutter

und erzählte ihr, was der Sohn hatte thun wollen--sie aber faltete die Hände, lief

vor die Heiligenbilder der Stube und that ein Gebet, das halb ein Frevel

stürmenden Stolzes, halb ein Dank der tiefsten Demuth war.

 

Dann aber ging sie hin und breitete es aus.

 

Das war nun klar, daß er gut war, daß er sanft, treu und weich war, und das sahen

sie auch, daß er schön und herrlich war;--des Weiteren forschten sie nicht, was es

sei, und was es sein werde.

 

Er aber ging her, und ließ sich weit draußen von dem Dorfe entlegen, auf der

Haide ein Stück Landes zumessen, und begann mit vielen Arbeitern ein

steinernes Haus zu errichten.--Daß es größer werde, als er a l l e i n brauche, fiel

Allen auf; aber als es im Herbste fertig war, als es eingerichtet und geschmückt

war, bezog er es gleichwohl allein, und so verging der Winter. Es kam der

blüthenreiche Frühling--und Felix saß in seinem Hause auf der Haide, und

herrschte, wie einst, über alle ihre Geschöpfe, und über all die hohen stillen

Gestalten, die sie jetzt bevölkerten.

 

Was war es denn aber, was den Eltern und Nachbarn an ihm zurückgebracht

worden ist?

 

Sie wußten es nicht.

 

Ich aber weiß es. Ein Geschenk ist ihm geworden, das den Menschen hoch stellt,

und ihn doch verkannt macht unter seinen Brüdern--das einzige Geschenk auf

dieser Erde, das kein Mensch von sich weisen kann. Auf der Haide hatte es

begonnen, auf die Haide mußte er es zurücktragen. Bei wem eine Göttin

eingekehrt ist, lächelnden Antlitzes, schöner als alles Irdische, der kann nichts

anders thun, als ihr in Demuth dienen.

Damals war er fortgegangen, er wußte nicht, was er werden würde--eine Fülle

von Wissen hatte er in sich gesogen: es war der n ä c h s t e Durst gewesen, aber

er war nicht gestillt; er ging unter Menschen, er suchte sie völkerweise--er hatte

Freunde--er strebte fort, er hoffte, wünschte und arbeitete für ein unbekanntes

Ziel--selbst nach Gütern der Welt und nach Besitz trachtete er: aber durch alles

Erlangte,--durch Wissen, Arbeiten, Menschen, Eigenthum war es immer, als

schimmere weit zurückliegend etwas, wie eine glänzende Ruhe, wie eine sanfte

Einsamkeit----hatte sein Herz die Haide, die unschuldsvolle, liebe

Kindheitshaide mitgenommen? oder war es selber eine solche liebe, stille,

glänzende Haide?----Er suchte die Wüsten und die Einöden des Orients, nicht

brütend, nicht trauernd, sondern einsam, ruhig, heiter, dichtend.--Und so trug ihn

dieses sanfte, stille Meer zurück in die Einsamkeit, und auf die Haide seiner

Kindheit----und wenn er nun so saß auf der Rednerbühne, wie einst, wenn die

Sonnenfläche der Haide vor ihm zitterte und sich füllte mit einem Gewimmel

von Gestalten, wie einst, und manche daraus ihn anschauten mit den stillen

Augen der Geschichte, andere mit den seligen der Liebe, andere den weiten

Mantel großer Thaten über die Haide schleifend--und wenn sie erzählten von der

Seele und ihrem Glücke, von dem Sterben und was nachher sei, und von

Anderem, was die Worte nicht sagen können--und wenn es ihm tief im Innersten

so fromm wurde, daß er oft meinte, als sehe er weit in der Oede draußen Gott

selbst stehen, eine ruhige silberne Gestalt: dann wurde es ihm unendlich groß im

Herzen, er wurde selig, daß er denken könne, was er dachte--und es war ihm,

[92] daß es nun so gut sei, wie es sei.

 

Die blödsinnige Großmutter war die erste gewesen, die ihn erkannt hatte.

 

"Es sind der Gaben eine Unendlichkeit über diese Erde ausgestreut worden,"

hatte sie eines Tages gerufen, "die Halmen der Getreide, das Sonnenlicht und die

Winde der Gebirge--da sind Menschen, die den Segen der Gewächse erziehen,

und ihn ausführen in die Theile der Erde; es sind, die da Straßen ziehen, Häuser

bauen, dann sind andere, die das Gold ausbreiten, das in den Herzen der

Menschen wächst, das Wort, und die Gedanken die Gott aufgehen läßt in den

Seelen. Er ist geworden, wie einer der alten Seher und Propheten, und ist er ein

solcher, so hab' ich es vorausgewußt, und ich habe ihn dazu gemacht, weil ich

die Körner des Buches der Bücher in ihn geworfen; denn er war immer weich

wie Wachs, und hochgesinnt, wie einer der Helden."

 

Die Großmutter war es aber auch, mit der er sich allein mehr beschäftigte, als

alle Andern mit ihr; er war der Einzige, der sie zu flüssigen Reden bringen konnte, und der Einzige, der ihre Reden verstand; er las ihr oft aus einem Buche

vor, und die hundertjährige Schülerin horchte emsig auf, und in ihrem

Angesichte waren Sonnenlichter, als verstände sie das Gelesene.

 

So war der Frühling vergangen, so waren wieder Pfingsten gekommen:--aber

wie waren es dießmal a n d e r e Pfingsten, als vor einem Jahre. Eine doppelte

furchtbare Schwüle lag auf beiden, auf dem Dorfe und auf Felix; und bei beiden

lösete sich die Schwüle am Pfingsttage--aber wie verschieden bei beiden!

 

Ich will noch, ehe wir von seinem einfachen Leben scheiden, dieses letzte

Ergebniß, daß ich weiß, erzählen.

 

Wenn er so manchmal von der Haide kam und durch das Dorf ging, Geschenke

für die Kinder seiner Schwester tragend, Steinchen, Muscheln, Schneckenhäuser

und dergleichen, die Locken um die hohe Stirne geworfen, wie ein Kriegsgott,

und doch die schwarzen Augen so sehnsuchtsvoll und schmachtend: dann war er

so schön, und es trug ihn wohl manche Dirne der Haide als heimlichen Abgott

im Herzen verborgen, aber er selber hatte einen Abgott im Herzen;--einen

einzigen Punkt süßen heimlichen Glückes hatte er aus der Welt getragen, als er

ihre Aemter und Reichthümer ließ-- einen einzig süßen Punkt durch alle

Wüsten--und heute, morgen, dieser Tage sollte es sich zeigen, ob er sein Haus

für sich allein gebaut, oder nicht.--Alle Kraft seiner Seele hatte er zu der Bitte

aufgeboten, und mit Angst harrte er der Antwort, die ewig, ewig zögerte.

 

Wohl kam Pfingsten näher und näher, aber zu der Schwüle, die unbekannt und

unsichtbar über des Jünglings Herzen hing, gesellte sich noch eine andere über

dem ganzen Dorfe drohend, ein Gespenst, das mit unhörbaren Schritten nahte;--

nämlich jener glänzende Himmel, zu dem Felix sein inbrünstiges Auge erhoben,

als er jene schwere Bitte abgesandt hatte, jener glänzende Himmel, zu dem er

vielleicht damals ganz allein emporgeblickt, war seit der Zeit w o c h e n l a n g

ein glänzender geblieben, und wohl hundert Augen schauten nun zu ihm

ängstlich auf. Felix, in seiner Erwartung befangen, hatte es nicht bemerkt; aber

eines Nachmittags, da er gerade von der Haide dem Dorfe zuging, fiel ihm auf,

[93] wie denn heuer gar so schönes Wetter sei; denn eben stand über der

verwelkenden Haide eine jener prächtigen Erscheinungen, wie er wohl öfters,

auch in morgenländischen Wüsten, aber nie so schön gesehen, nämlich das

Wasserziehen der Sonne [94]:--aus der ungeheuren Himmelsglocke, die über der

Haide lag, wimmelnd von glänzenden Wolken, schossen an verschiedenen

Stellen majestätische Ströme des Lichtes, und, auseinanderfahrende Straßen am Himmelszelte bildend, schnitten sie von der gedehnten Haide blendend goldne

Bilder heraus, während das ferne Moor in einem schwachen milchigten

Höhenrauche verschwamm.

 

So war es dieser Tage oft gewesen, und der heutige schloß sich wie seine

Vorgänger; nämlich zu Abends war der Himmel gefegt, und zeigte eine blanke

hochgelb schimmernde Kuppel.

 

Felix ging zu der Schwester, und als er spät Abends in sein Haus zurückkehrte,

bemerkte er auch, wie man im Dorfe geklagt, daß die Halme des Kornes so

dünne standen, so zart, die wolligen Aehren pfeilrecht empor streckend, wie

ohnmächtige Lanzen.

 

Am andern Tage war es schön, und immer schönere Tage kamen und schönere.

 

Alles und jedes Gefühl verstummte endlich vor der furchtbaren Angst, die

täglich in den Herzen der Menschen stieg. Nun waren auch gar keine Wolken

mehr am Himmel, sondern ewig blau und ewig mild lächelte er nieder auf die

verzweifelnden Menschen. Auch eine andere Erscheinung sah man jetzt oft auf

der Haide, die sich wohl früher auch mochte ereignet haben, jedoch von

Niemand beachtet; aber jetzt, wo viele tausend und tausend Blicke täglich nach

dem Himmel gingen, wurden sie als unglückweissagender Spuk betrachtet:

nämlich ein Waldes- und Höhenzug, jenseits der Haide gelegen, und von ihr aus

durchaus nicht sichtbar, stand nun öfters sehr deutlich am Himmel, das ihn nicht

nur Alles sah, sondern daß man sich die einzelnen Rücken und Gipfel zu nennen

und zu zeigen vermochte--und wenn es im Dorfe hieß, es sei wieder zu sehen, so

ging Alles hinaus, und sah es an, und es blieb manchmal stundenlang stehen, bis

es schwankte, sich in Längen- und Breitenstreifen zog, sich zerstückte, und mit

eins verschwand.

 

Die Haidelerche war verstummt; aber dafür tönte den ganzen Tag, und auch in

den warmen thaulosen Nächten das ewige einsame Zirpen und Wetzen der

Heuschrecken über die Haide, und der Angstschrei des Kibitz. Das Flinke

Wässerlein ging nur mehr wie ein dünner Seidenfaden über die graue Fläche,

und das Korn und die Gerste im Dorfe standen fahlgrün und wesenlos in die

Luft, [95] und erzählten bei dem Hauche derselben mit leichtfertigem Rauschen

ihre innere Leere. Die Baumfrüchte lagen klein und mißreif auf der Erde, die

Blätter waren staubig und von Blümlein war nichts mehr auf dem Rasen, der

sich selber wie rauschend Papier zwischen den Feldern hinzog.

Es war die äußerste Zeit. Man flehte mit Inbrunst zu dem verschlossenen

Gewölbe des Himmels. Wohl stand wieder mancher Wolkenberg tagelang am

südlichen Himmel, und nie noch wurde ein so stoffloses Ding wie eine Wolke,

von so vielen Augen angeschaut, so sehnsüchtig angeschaut, als hier--aber wenn

es Abend wurde, erglühte der Wolkenberg purpurig [96] schön, zerging, lösete

sich in lauter wunderschöne zerstreute Rosen am Firmamente auf, und

verschwand--und die Millionen freundlicher Sterne besetzten den Himmel.

 

So war der Freitag vor Pfingsten gekommen; die weiche blaue Luft war ein

blanker Felsen geworden. Vater Niklas war Nachmittags über die Haide

gekommen, das Bächlein war nun auch versiecht, [97] das Gras bis auf eine

Decke von schalgrauem [98] Filze verschwunden, nicht Futter gebend für ein

einzig Kaninchen; nur der unverwüstliche und unverderbliche Haidesohn, der

mißhandelte und verachtete Strauch, der Wachholder, stand mit eiserner

Ausdauer da, der einzige lebhafte Feldbusch, das grüne Banner der Hoffnung;

denn er bot freiwillig gerade heuer eine solche Fülle der größten blauen Beeren,

so überschwenglich, wie sich keines Haidebewohners Gedächtniß, entsinnen

konnte.--Eine plötzliche Hoffnung ging in Niklas Haupte auf, und er dachte als

Richter mit den Aeltesten des Dorfes darüber zu rathen, wenn es nicht morgen

oder übermorgen sich änderte. Er ging weit und breit und betrachtete die Ernte,

die keiner gesäet, und auf die keiner gedacht, und er fand sie immer ergiebiger

und reicher, sich, weiß Gott, in welche Ferne erstreckend--aber da fielen ihm die

armen tausend Thiere ein, [99] die dadurch werden in Nothstand versetzt sein,

wenn man die Beeren sammle: allein er dachte, Gott der Herr wird ihnen schon

eingeben, wohin der Krammetsvogel fliegen, das Reh laufen müsse, um andere

Nahrung zu finden.

 

Da er heimwärts in die Felder kam, nahm er eine Scholle und zerdrückte sie;

aber sie ging unter seinen Händen wie Kreide auseinander--und das Getreide,

vor der Zeit Greis, fing schon an, sich zu einer tauben Ernte [100] zu bleichen.

Wohl standen Wolken am Himmel, die in langen milchweißen Streifen

tausendfarbig und verwaschen die Bläue durchstreiften, sonst immer Vorboten

des Regens; aber er traute ihnen nicht, weil sie schon drei Tage da waren, und

immer wieder verschwanden, als würden sie eingesogen von der unersättlichen

Bläue. Auch manch anderer Hausvater ging händeringend zwischen den Feldern

und als es Abend geworden, und selbst zerstückte Gewitter um den Rand des

Horizontes standen, und sich gegenseitig Blitze zusandten,--sah ein von der

Stadt heimfahrender Bauer selbst die halbgestorbene [101] Großmutter mitten

im Felde knien, und mit emporgehobenen Händen beten, als sei sie durch die allgemeine Noth zu Bewußtsein und Kraft gelangt, und als sei sie die Person im

Dorfe, deren Wort vor allen Geltung haben müsse im Jenseits.

 

Die Wolken wurden dichter, aber blitzten nur und regneten nicht.

 

Wie Vater Niklas zwischen die Zäune bog, begegnete er seinem Sohne und siehe,

dieser ging mit traurigem Angesichte einher, mit weit traurigerem, als jeder

Andere im Dorfe.

 

"Guten Abend, Felix," sagte der Vater zu ihm, "giebst Du denn die Hoffnung

ganz auf?"

 

"Welche Hoffnung, Vater?"

 

"Giebt es denn eine andere, als die Ernte?"

 

"Ja, Vater, es giebt eine andere;--die der Ernte wird in Erfüllung gehen, die

andere nicht. Ich will es Euch sagen, ich selber habe etwas für Euch und das

Dorf gethan. Ich habe zu der Obrigkeiten der fernen Hauptstadt geschrieben, und

ihnen der Stand der Dinge gemeldet; ich habe Freunde dort und manche haben

mich lieb gehabt,--sie werden Euch helfen, daß ihr keinen Hauch von Noth

empfindet sollet, und auch ich werde so viel helfen, als in meiner Kraft ist. Aber

tröstet Euch und tröstet das Dorf: alle Hilfe von Menschen werdet Ihr nicht

brauchen; ich habe den Himmel und seine Zeichen auf meinen Wanderungen

kennen gelernt, und er zeigt, daß es morgen regnen werde.--Gott macht ja immer

Alles, Alles gut, und es wird auch dort gut sein, wo er Schmerz und Entsagung

sendet."

 

"Möge Dein Wort in Erfüllung gehen, Sohn, daß wir zusammen glückliche

Festtage feiern."

 

"Amen," sagte der Sohn, "ich begleite Euch zur Mutter; wir wollen glückliche

Festtage feiern."

 

Pfingstsamstags-Morgen war angebrochen und der ganze Himmel hing voll

Wolken; aber noch war kein Tropfen gefallen. So ist der Mensch. Gestern gab

jeder die Hoffnung der Ernte auf, und heute glaubte jeder, mit einigen Tropfen

wäre ihr geholfen. Die Weiber und Mägde standen auf dem Dorfplatze und

hatten Fässer und Geschirr hergebracht, um, wenn es regne, und der Dorfbach

sich fülle, doch auch heuer wie sonst, ihre Festtagsreinigungen vornehmen zu können und feierliche Pfingsten zu halten. Aber es wurde Nachmittag, und noch

kein Tropfen war gefallen, die Wolken wurden zwar nicht dünner--aber es kam

auch Abend, und kein Tropfen war gefallen.

 

Spät Nachts war der Bote zurückgekommen, den Felix in die Stadt zur Post

gesendet, und brachte einen Brief für ihn. Er lohnte [102] den Boten, trat, als er

allein war, vor die Lampe seines Tisches, und entsiegelte die wohlbekannte

Handschrift: "Es macht mir vielen Kummer, in der That, s c h w e r e n Kummer,

daß ich Ihre Bitte abschlagen muß. Ihre selbstgewählte Stellung in der Welt

macht es unmöglich zu willfahren; meine Tochter sieht ein, daß so nichts sein

kann, und hat nachgegeben. Sie wird den Sommer und Winter in Italien

zubringen, um sich zu erholen, und sendet Ihnen durch mich die besten Grüße.

Sonst ihr treuer, ewiger Freund."

 

Der Mann, als er gelesen, trat mit schneebleichem Angesichte und mit

zuckenden Lippen von dem Tische weg--an den Wimpern zitterten Thränen vor.

Er ging ein paarmal auf und ab, legte endlich das erhaltene Schreiben langsam

auf den Tisch, schritt mit dem Lichte gegen einen Schrein, nahm ein Päckchen

Briefe heraus, legte sie schön zusammen, umwickelte sie mit einem feinen

Umschlage, und siegelte sie zu--dann legte er sie wieder in den Schrein.

 

"Es ist geschehen," sagte er athmend, und trat an's Fenster, sein Auge an den

dicken finstern Nachthimmel legend. Unten stand ein verwelkter Garten--die

Haide schlummerte--und auch das entfernte Dorf lag in hoffnungsvollen

Träumen.

 

Es war eine lange, lange Stille.

 

"Meine selbstgewählte Stellung," sagte er endlich sich emporrichtend--und im

tiefen, tiefen Schmerze war es wie eine zuckende Seligkeit, die ihn lohnte. Dann

löschte er das Licht aus und ging zu Bette.

 

Des andern Morgens, als sich die Augen aller Menschen öffneten, war der ganze

Haidehimmel grau, und ein dichter sanfter Landregen träufelte nieder.

 

Alles, alles war nun gelöset; die freudigen Festgruppen der Kirchgänger rüsteten

sich, und ließen gern das köstliche Naß durch ihre Kleider sinken, um nur zum

Tempel Gottes zu gehen und zu danken--auch Felix ließ es durch seine Kleider

sinken, ging mit und dankte mit, und Keiner wußte, was seine sanften, ruhigen

Augen bargen.