De Profundis

Georg Trakl · Kapitel 1 von 1

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De Profundis

De Profundis

Georg Trakl

 

Inhalt

 

Vorstadt im Föhn

Menschliches Elend

Psalm

Verwandlung

Dämmerung

Trübsinn

De profundis

Trompeten

Menschheit

Drei Blicke in einen Opal

 

VORSTADT IM FÖHN

 

Am Abend liegt die Stätte öd und braun,

Die Luft von gräulichem Gestank durchzogen. Das Donnern eines Zugs vom Brückenbogen -- Und Spatzen flattern über Busch und Zaun. Geduckte Hütten, Pfade wirr verstreut,

In Gärten Durcheinander und Bewegung, Bisweilen schwillt Geheul aus dumpfer Regung, In einer Kinderschar fliegt rot ein Kleid.

Am Kehricht pfeift verliebt ein Rattenchor. In Körben tragen Frauen Eingeweide,

Ein ekelhafter Zug voll Schmutz und Räude, Kommen sie aus der Dämmerung hervor.

Und ein Kanal speit plötzlich feistes Blut

Vom Schlachthaus in den stillen Fluß hinunter. Die Föhne färben karge Stauden bunter

Und langsam kriecht die Röte durch die Flut.

Ein Flüstern, das in trübem Schlaf ertrinkt. Gebilde gaukeln auf aus Wassergräben,

Vielleicht Erinnerung an ein früheres Leben, Die mit den warmen Winden steigt und sinkt.

Aus Wolken tauchen schimmernde Alleen, Erfüllt von schönen Wägen, kühnen Reitern. Dann sieht man auch ein Schiff auf Klippen scheitern Und manchmal rosenfarbene Moscheen.

 

MENSCHLICHES ELEND

 

Die Uhr, die vor der Sonne fünfe schlägt -- Einsame Menschen packt ein dunkles Grausen, Im Abendgarten kahle Bäume sausen.

Des Toten Antlitz sich am Fenster regt.

Vielleicht, daß diese Stunde stille steht.

Vor trüben Augen blaue Bilder gaukeln

Im Takt der Schiffe, die am Flusse schaukeln. Am Kai ein Schwesternzug vorüberweht.

Im Hasel spielen Mädchen blaß und blind, Wie Liebende, die sich im Schlaf umschlingen. Vielleicht, daß um ein Aas dort Fliegen singen, Vielleicht auch weint im Mutterschoß ein Kind.

Aus Händen sinken Astern blau und rot,

Des Jünglings Mund entgleitet fremd und weise; Und Lider flattern angstverwirrt und leise; Durch Fieberschwärze weht ein Duft von Brot.

Es scheint, man hört auch gräßliches Geschrei; Gebeine durch verfallne Mauern schimmern. Ein böses Herz lacht laut in schönen Zimmern; An einem Träumer läuft ein Hund vorbei.

Ein leerer Sarg im Dunkel sich verliert.

Dem Mörder will ein Raum sich bleich erhellen, Indes Laternen nachts im Sturm zerschellen. Des Edlen weiße Schläfe Lorbeer ziert.

 

PSALM

 

Karl Kraus zugeeignet

 

Es ist ein Licht, das der Wind ausgelöscht hat. Es ist ein Heidekrug, den am Nachmittag ein Betrunkener verläßt. Es ist ein Weinberg, verbrannt und schwarz mit Löchern voll Spinnen.

Es ist ein Raum, den sie mit Milch getüncht haben. Der Wahnsinnige ist gestorben. Es ist eine Insel der Südsee, Den Sonnengott zu empfangen. Man rührt die Trommeln. Die Männer führen kriegerische Tänze auf. Die Frauen wiegen die Hüften in Schlinggewächsen und Feuerblumen,

Wenn das Meer singt. O unser verlorenes Paradies.

* * * * *

 

Die Nymphen haben die goldenen Wälder verlassen. Man begräbt den Fremden. Dann hebt ein Flimmerregen an. Der Sohn des Pan erscheint in Gestalt eines Erdarbeiters, Der den Mittag am glühenden Asphalt verschläft. Es sind kleine Mädchen in einem Hof in Kleidchen voll herzzerreißender

Armut!

Es sind Zimmer, erfüllt von Akkorden und Sonaten. Es sind Schatten, die sich vor einem erblindeten Spiegel umarmen. An den Fenstern des Spitals wärmen sich Genesende. Ein weißer Dampfer am Kanal trägt blutige Seuchen herauf.

* * * * *

 

Die fremde Schwester erscheint wieder in jemands bösen Träumen. Ruhend im Haselgebüsch spielt sie mit seinen Sternen. Der Student, vielleicht ein Doppelgänger, schaut ihr lange vom Fenster

nach.

Hinter ihm steht sein toter Bruder, oder er geht die alte Wendeltreppe

herab.

Im Dunkel brauner Kastanien verblaßt die Gestalt des jungen Novizen.

Der Garten ist im Abend. Im Kreuzgang flattern die Fledermäuse umher.

Die Kinder des Hausmeisters hören zu spielen auf und suchen das Gold des

Himmels.

Endakkorde eines Quartetts. Die kleine Blinde läuft zitternd durch die Allee,

Und später tastet ihr Schatten an kalten Mauern hin, umgeben von Märchen

und heiligen Legenden.

* * * * *

 

Es ist ein leeres Boot, das am Abend den schwarzen Kanal heruntertreibt.

In der Düsternis des alten Asyls verfallen menschliche Ruinen. Die toten Waisen liegen an der Gartenmauer. Aus grauen Zimmern treten Engel mit kotgefleckten Flügeln. Würmer tropfen von ihren vergilbten Lidern. Der Platz vor der Kirche ist finster und schweigsam, wie in den Tagen der

Kindheit.

Auf silbernen Sohlen gleiten frühere Leben vorbei Und die Schatten der Verdammten steigen zu den seufzenden Wassern nieder.

In seinem Grab spielt der weiße Magier mit seinen Schlangen.

* * * * *

 

Schweigsam über der Schädelstätte öffnen sich Gottes goldene Augen.

VERWANDLUNG

 

Entlang an Gärten, herbstlich, rotversengt: Hier zeigt im Stillen sich ein tüchtig Leben. Des Menschen Hände tragen braune Reben, Indes der sanfte Schmerz im Blick sich senkt.

Am Abend: Schritte gehn durch schwarzes Land Erscheinender in roter Buchen Schweigen. Ein blaues Tier will sich vorm Tod verneigen Und grauenvoll verfällt ein leer Gewand.

Geruhiges vor einer Schenke spielt,

Ein Antlitz ist berauscht ins Gras gesunken. Holunderfrüchte, Flöten weich und trunken, Resedenduft, der Weibliches umspült.

 

DÄMMERUNG

 

Im Hof, verhext von milchigem Dämmerschein, Durch Herbstgebräuntes weiche Kranke gleiten. Ihr wächsern-runder Blick sinnt goldner Zeiten, Erfüllt von Träumerei und Ruh und Wein.

Ihr Siechentum schließt geisterhaft sich ein. Die Sterne weiße Traurigkeit verbreiten.

Im Grau, erfüllt von Täuschung und Geläuten, Sieh, wie die Schrecklichen sich wirr zerstreun.

Formlose Spottgestalten huschen, kauern Und flattern sie auf schwarz-gekreuzten Pfaden. O! trauervolle Schatten an den Mauern.

Die andern fliehn durch dunkelnde Arkaden; Und nächtens stürzen sie aus roten Schauern Des Sternenwinds, gleich rasenden Mänaden.

 

TRÜBSINN

 

Weltunglück geistert durch den Nachmittag. Baracken fliehn durch Gärtchen braun und wüst. Lichtschnuppen gaukeln um verbrannten Mist, Zwei Schläfer schwanken heimwärts, grau und vag.

Auf der verdorrten Wiese läuft ein Kind

Und spielt mit seinen Augen schwarz und glatt. Das Gold tropft von den Büschen trüb und matt. Ein alter Mann dreht traurig sich im Wind.

Am Abend wieder über meinem Haupt

Saturn lenkt stumm ein elendes Geschick. Ein Baum, ein Hund tritt hinter sich zurück Und schwarz schwankt Gottes Himmel und entlaubt.

Ein Fischlein gleitet schnell hinab den Bach; Und leise rührt des toten Freundes Hand

Und glättet liebend Stirne und Gewand.

Ein Licht ruft Schatten in den Zimmern wach.

 

DE PROFUNDIS

Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt. Es ist ein brauner Baum, der einsam dasteht. Es ist ein Zischelwind, der leere Hütten umkreist -- Wie traurig dieser Abend.

 

Am Weiler vorbei

Sammelt die sanfte Waise noch spärliche Ähren ein. Ihre Augen weiden rund und goldig in der Dämmerung Und ihr Schoß harrt des himmlischen Bräutigams.

Bei der Heimkehr

Fanden die Hirten den süßen Leib

Verwest im Dornenbusch.

Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern. Gottes Schweigen

Trank ich aus dem Brunnen des Hains.

Auf meine Stirne tritt kaltes Metall.

Spinnen suchen mein Herz.

Es ist ein Licht, das in meinem Mund erlöscht.

Nachts fand ich mich auf einer Heide,

Starrend von Unrat und Staub der Sterne. Im Haselgebüsch

Klangen wieder kristallne Engel.

 

TROMPETEN

 

Unter verschnittenen Weiden, wo braune Kinder spielen Und Blätter treiben, tönen Trompeten. Ein Kirchhofsschauer. Fahnen von Scharlach stürzen durch des Ahorns Trauer, Reiter entlang an Roggenfeldern, leeren Mühlen.

Oder Hirten singen nachts und Hirsche treten In den Kreis ihrer Feuer, des Hains uralte Trauer, Tanzende heben sich von einer schwarzen Mauer; Fahnen von Scharlach, Lachen, Wahnsinn, Trompeten.

 

MENSCHHEIT

 

Menschheit vor Feuerschlünden aufgestellt, Ein Trommelwirbel, dunkler Krieger Stirnen, Schritte durch Blutnebel; schwarzes Eisen schellt; Verzweiflung, Nacht in traurigen Gehirnen: Hier Evas Schatten, Jagd und rotes Geld. Gewölk, das Licht durchbricht, das Abendmahl. Es wohnt in Brot und Wein ein sanftes Schweigen. Und jene sind versammelt zwölf an Zahl.

Nachts schrein im Schlaf sie unter Ölbaumzweigen; Sankt Thomas taucht die Hand ins Wundenmal.

 

DREI BLICKE IN EINEN OPAL

 

An Erhard Buschbeck

 

1.

Blick in Opal: ein Dorf umkränzt von dürrem Wein, Der Stille grauer Wolken, gelber Felsenhügel Und abendlicher Quellen Kühle: Zwillingsspiegel Umrahmt von Schatten und von schleimigem Gestein.

Des Herbstes Weg und Kreuze gehn in Abend ein, Singende Pilger und die blutbefleckten Linnen. Des Einsamen Gestalt kehrt also sich nach innen Und geht, ein bleicher Engel, durch den leeren Hain.

Aus Schwarzem bläst der Föhn. Mit Satyrn im Verein Sind schlanke Weiblein; Mönche der Wollust bleiche Priester, Ihr Wahnsinn schmückt mit Lilien sich schön und düster Und hebt die Hände auf zu Gottes goldenem Schrein.

 

2.

Der ihn befeuchtet, rosig hängt ein Tropfen Tau Im Rosmarin: hinfließt ein Hauch von Grabgerüchen, Spitälern, wirr erfüllt von Fieberschrein und Flüchen. Gebein steigt aus dem Erbbegräbnis morsch und grau.

In blauem Schleim und Schleiern tanzt des Greisen Frau, Das schmutzstarrende Haar erfüllt von schwarzen Tränen, Die Knaben träumen wirr in dürren Weidensträhnen Und ihre Stirnen sind von Aussatz kahl und rauh.

Durchs Bogenfenster sinkt ein Abend lind und lau. Ein Heiliger tritt aus seinen schwarzen Wundenmalen. Die Purpurschnecken kriechen aus zerbrochenen Schalen Und speien Blut in Dorngewinde starr und grau.

 

3.

Die Blinden streuen in eiternde Wunden Weiherauch. Rotgoldene Gewänder; Fackeln; Psalmensingen; Und Mädchen, die wie Gift den Leib des Herrn umschlingen. Gestalten schreiten wächsernstarr durch Glut und Rauch.

Aussätziger mitternächtigen Tanz führt an ein Gauch Dürrknöchern. Garten wunderlicher Abenteuer; Verzerrtes; Blumenfratzen, Lachen; Ungeheuer Und rollendes Gestirn im schwarzen Dornenstrauch.

O Armut, Bettelsuppe, Brot und süßer Lauch; Des Lebens Träumerei in Hütten vor den Wäldern. Grau härtet sich der Himmel über gelben Feldern Und eine Abendglocke singt nach altem Brauch.

Tag der Veröffentlichung: 27.09.2011

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