Der Schleier der Pierrette

Arthur Schnitzler · Kapitel 7 von 12

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Der Schleier der Pierrette

II. Bild.

 

Ein Festsaal. Im Hintergrund eine weite Flucht von Zimmern, die von vorn

gesehen leicht ansteigt. Festliche Beleuchtung. Buffet links hinten, im vorderen

Saal. Rechts Klavier und Pulte. Gewundene Stiegen laufen rechts und links

zwischen dem ersten und zweiten Saal nach oben.

 

E r s t e S z e n e .

 

H o c h z e i t s g e s e l l s c h a f t .

Eine Anzahl von Paaren tanzt Walzer.

Ältere Damen und Herren sitzen an den Seitenwänden.

Zwei Diener hinter dem Buffet damit beschäftigt, Gästen Wein einzuschenken

und Backwerk vorzuteilen.

Klavierspieler, Violinspieler und Klarinettist besorgen die Tanzmusik.

Pierrettens Vater und Pierrettens Mutter (kleine behagliche Leute)

stehen am Buffet und bekomplimentieren die Gäste.

Arlechino (der Bräutigam Pierrettens, groß, hager, nicht mehr jung, Altwiener

Kostüm, vollkommen schwarz, große weiße Blume im Knopfloch.) düster und erregt, steht mit verschränkten Armen rechts vorne und schaut dem Tanze zu.

Der Walzer endet.

Die Paare promenieren.

Vater und Mutter treten in die Mitte des Saales.

Junge Herren sprechen mit der Mutter.

Junge Damen mit dem Vater.

Gigolo der Tanzarrangeur, sehr jung, mit übertriebener Eleganz gekleidet, eilt

geschäftig im Saale hin und her, bald beim Buffet, bald bei den Musikern, bald

bei einzelnen Tänzerinnen und Tänzern.

Einige Paare zum Buffet.

Der Vater, gut aufgelegt, geleitet zwei junge Damen zum Buffet.

Zwei junge Mädchen treten zu Arlechino und sprechen lächelnd mit ihm.

Arlechinos Antlitz bleibt düster.

Einige Gäste stoßen mit Vater und Mutter an.

Der Vater kommt auf Arlechino zu, mit zwei gefüllten Gläsern, reicht ihm das

eine.

Der Vater stößt mit Arlechino an, umarmt ihn dann.

Die Umstehenden spenden Beifall (nicht Händeklatschen).

Gigolo schlägt in die Hände, animiert die Herren, ihre Damen zu engagieren,

geschäftig im Saale hin und her.

Die Paare stellen sich zu einer Quadrille bereit.

Gigolo zu Arlechino.

Sie müssen auch mittanzen, Herr Arlechino, engagieren Sie doch

Ihre Braut.

 

Arlechino nickt ernst, sieht sich im Saale um.

Die Quadrille beginnt.

Gigolo sieht, daß Arlechino noch allein ist, gebietet der Musik Einhalt.

Arlechino zu Gigolo.

Sie sehen ja, Fräulein Pierrette ist noch nicht da. Jedenfalls

verweilt sie auf ihrem Zimmer oben. Lassen Sie die Quadrille nur

weiter gehen.

 

Gigolo.

Keineswegs, das geht nicht.

 

Er eilt zur Mutter.

Herr Arlechino ist ohne Dame, Fräulein Pierrette ist nicht da.

 

Mutter erstaunt, sieht sich im Saal um.

Pierrette ist nicht da? Ach ja, ich weiß schon, sie ist auf ihrem

Zimmer, kleidet sich an, macht sich für die Reise bereit.

 

Vater ist herzugetreten.

So geh doch hinauf und hole sie.

 

Mutter rasch ab, rechts.

Gigolo gibt den Musikern ein Zeichen.

Die Musiker intonieren ein Menuett.

Die zur Quadrille gestellten Paare tanzen das Menuett.

Arlechino geht indeß rückwärts in der Flucht der Säle bis weit nach hinten, auf

und ab.

Die Mutter kommt zurück, rasch zum Vater. Zieht ihn nach vorne.

Pierrette ist nicht oben.

Vater.

Du bist verrückt.

 

Mutter.

Ich versichere dich, sie ist nicht oben.

 

Vater.

Wie ist denn das möglich?

 

Arlechino steht plötzlich bei den beiden.

Wo ist Pierrette?

 

Mutter verlegen.

Sie wird gleich kommen.

 

Arlechino dringender.

Wo ist Pierrette?

 

Mutter verwirrt.

Ich weiß es nicht.

 

Arlechino faßt die Mutter am Arm.

Der Vater will ihm das verwehren.

Arlechino stampft auf den Boden.

Wo ist Pierrette?

 

Die Paare haben bemerkt, daß etwas vorgeht. Die Tanzmusik hört auf zu spielen.

Ein Paar neben der Gruppe Arlechino, Vater, Mutter, merkt worum es sich

handelt, teilt es dem nächsten Paare mit.

Ein Paar teilt es dem andern mit.

Die Aufregung ist groß, alle gruppieren sich um Arlechino, Vater und Mutter, die

jetzt in der Mitte des Saales stehen.

Arlechino droht.

Ich werde fürchterliche Rache nehmen. Ich werde das Haus

anzünden. Ich werde alle umbringen.

 

Gigolo tritt hinzu.

Gewiß ist das Haus noch nicht ordentlich durchsucht.

 

Zu den Mädchen.

Suchen Sie doch alle, suchen Sie doch überall.

 

Die jungen Mädchen entfernen sich nach den verschiedenen Seiten, einige

über die Stiegen, laufen hin und her.

Die jungen Herren stehen in Gruppen beisammen.

Arlechino vorn, geht mit großen Schritten auf und ab.

Vater und Mutter, rechts, ziemlich hinten, machen einander Vorwürfe.

Die jungen Mädchen kommen nach und nach zurück.

Wir haben Pierrette nicht gefunden.

 

Arlechino wird rasend vor Wut. Zum Buffet, zerschlägt einige Gläser und

Flaschen. Vollführt drohende Gebärden gegen Vater und Mutter. Geht zum

Klavier, zertrümmert die Tasten, reißt den Musikern Violine und Klarinette aus der Hand, zerschmettert sie und wirft sie zu Boden. Dann eilt er durch die