Der Schleier der Pierrette

Arthur Schnitzler · Kapitel 2 von 12

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Der Schleier der Pierrette

I. Bild.

 

Das Zimmer Pierrots. Bescheiden eingerichtet. Schreibtisch ungefähr Mitte,

mehr rechts. Davor Lehnsessel. Hinten rechts Divan. Weiter vorn an der Wand

ein Spinett mit Leuchtern. Noch weiter vorn eine Etagère, darüber Bilder. Auf

der Etagère Bücher. Ganz vorn rechts die Eingangstür. Vorne links ein

Wandspiegel, darunter eine Kommode, darauf zwei Leuchter und eine kleine,

leere Blumenvase. Links hinten ein Schrank. Vorne Tischchen, Divan mit Lehne

und zwei Sessel. Vorne mehr rechts das Bild Pierrettens auf einer Staffelei.

Im Hintergrund erkerartiger Ausbau mit großem Fenster. Ausblick auf die

Basteien und auf die Türme der Stadt. Nahe der Türe Kleiderhaken mit Mantel

und Hut Pierrots. Abenddämmerung.

 

E r s t e S z e n e .

 

Pierrot (Kostüm: ein Gemisch des traditionellen Pierrot- und des Altwiener

Kostüms) sitzt vor dem Schreibtisch, den Kopf in beide Hände gestützt. Steht

auf und geht im Zimmer auf und ab. Bleibt vor der Staffelei stehen. Fleht das

Bild Pierrettens an, droht dem Bilde, entfernt sich grollend, kehrt zurück, sinkt

vor dem Bilde nieder und schluchzt. Steht auf, geht zum Schreibtische, öffnet

eine Lade, entnimmt ihr vertrocknete Blumen, Briefe, Bänder, streut alles auf die

Tischplatte, wühlt in den Andenken.

Geht zum Fenster, öffnet es, bleibt eine Weile dort stehen. Sinkt auf den Divan

rechts vom Fenster und bleibt der Länge nach ausgestreckt liegen.

 

Z w e i t e S z e n e .

Es ist beinahe ganz dunkel geworden. Die Tür rechts öffnet sich, vom Vorzimmer fällt ein ziemlich breiter Lichtschein über den Fußboden hin.

Der Diener erscheint an der Tür. Durch eine Handbewegung lädt er die

Freunde und Freundinnen Pierrots ein einzutreten.

Fred, Florestan, Annette und Alumette treten ein.

Hinter ihnen ein kleiner, dicker Klavierspieler.

Fred, Florestan fragen den Diener, wo sein Herr sei.

Annette, Alumette, sehen sich neugierig im Zimmer um.

Der Diener weist auf den Stuhl vor dem Schreibtische.

Hier ist mein Herr gesessen.1

 

Fred, Florestan.

Du siehst ja, daß er nicht da ist. Bring doch ein Licht.

 

Der Diener holt einen Leuchter mit angezündeter Kerze aus dem Vorzimmer,

geht zum Schreibtische hin.

Fred, Florestan folgen ihm.

Alumette löscht die Kerze aus.

Florestan verweist es ihr.

Diener zündet wieder an.

Diener vor dem Schreibtische.

Hier ist er doch gesessen.

 

Alle fünf, der Diener mit dem Leuchter voraus, machen einen Rundgang durch

das Zimmer, kommen zuletzt zum Divan, auf dem sie Pierrot entdecken.

Fred.

Ich will ihn rütteln.

 

Florestan hält ihn zurück, zum Diener.

Was ist denn mit deinem Herrn geschehen?

 

Diener zuckt die Achseln.

Fred kommt auf einen Gedanken, macht Florestan auf die Staffelei mit

Pierrettens Bild aufmerksam.

Florestan versteht.

Annette, Alumette stehen vor dem Divan und sind von Pierrot entzückt.

Fred, Florestan haben ein zweites Licht angezündet und stehen vor dem Bild

Pierrettens.

Alumette zu Annette.

Ich werde Pierrot aufwecken.

 

Sie will ihn an den Haaren zupfen.

Annette hält sie zurück.

Alumette beugt sich nieder und will Pierrot küssen.

Annette hält sie zurück.

Fred, Florestan treten von dem Bilde fort zu den zwei Mädchen.

Fred gibt dem dicken Klavierspieler ein Zeichen, er möge sich hinsetzen und

spielen.

Der dicke Klavierspieler ist bisher an der Tür gestanden, lächelnd und

zerstreut.