Der Schleier der Pierrette
Sechste Szene.
Ich will fort, wohin immer. Ins Freie, in die Einsamkeit – –
vielleicht in den Tod.
Zum Fenster. Sieht hinab. Plötzlich wird er aufmerksam. Beugt sich weit über
die Brüstung. Fährt zurück.
Ist es möglich? Nein, ich träume.
Beugt sich wieder hinaus und verfolgt offenbar eine Gestalt, die sich unter
seinem Fenster an der Mauer des Hauses hinbewegt. Er beugt sich noch weiter
hinaus. Die Gestalt scheint ins Haustor getreten zu sein und ist seinen Blicken
entschwunden.
Er tritt vom Fenster zurück in die Mitte des Zimmers in zweifelndem Erstaunen.
Er horcht. Kein Zweifel mehr, Schritte auf der Treppe. Er stürzt ins Vorzimmer
und verschwindet.
S e c h s t e S z e n e .
Pierrot noch im Mantel, doch ohne Hut, kommt mit Pierrette, die er an beiden
Händen gefaßt hält, ins Zimmer, höchstes Erstaunen in den Zügen.
Pierrette (Altwiener Brautkleid mit Nuancen des Pierrettekostüms.
Myrtenkranz. Schleier um Haupt und Schultern), steht wie gelähmt da,
betrachtet Pierrot mit einem selig verstörten Blick.
Pierrot.
Träum ich, wach ich? Bist du's? Bin ich's? Wie ist es denn nur
möglich, daß du da bist?
Pierrette bewegt leise den Kopf.
Laß mich nur zur Besinnung kommen. Ja, ich bin hier. Bei dir.
Sie beginnt zu schwanken.
Pierrot hält sie in den Armen aufrecht, geleitet sie zu einem Sessel hin, links
vorne neben dem Tischchen.
Pierrette sinkt in den Sessel.
Pierrot sinkt vor Pierrette in die Knie, bedeckt ihre Hände mit Küssen.
Nun ist alles wieder gut, da ich dich nur habe. Aber erkläre mir
doch endlich ...
Pierrette sieht ihn mit stummen Augen an.
Pierrot erhebt sich, schleudert den Mantel weg.
So rede. Ich beschwöre dich. Woher kommst du? Ich verstehe ja
nichts von allem.
Pierrette schweigt. Sieht angstvoll zum Fenster, als hätte sie ein Geräusch
gehört.
Pierrot beruhigt sie, eilt zum Fenster, blickt hinab, schließt es.
Eilt zur Türe, blickt ins Vorzimmer, schließt ab. Eilt wieder zu Pierrette zurück.
Pierrette hat sich erhoben und breitet Pierrot die Arme entgegen.
Pierrot weicht vor ihr zurück, weist auf ihren Myrtenkranz, auf ihren Schleier.
Erkläre mir. Sprich endlich.
Pierrette öffnet ihre Arme.
Komm.
Der Schleier gleitet ihr von den Schultern herab und bleibt vorne liegen.
Pierrot.
Nein, mir graut. Woher kommst du?
Pierrette.
Was kümmert dich das jetzt? Ich bin ja bei dir.
Pierrot weist durch das Fenster hinaus.
Aber was ist indessen mit dir geschehen da draußen in der Welt?
Pierrette.
Frage nicht. Das ist vorbei, ich bin jetzt bei dir und bleibe bei dir.
Sie zieht aus ihrem Gürtel eine kleine Silberphiole.
Sieh was ich mitgebracht habe.
Pierrot.
Was ist das?
Pierrette.
Das ist Gift. Wir wollen miteinander sterben.
Pierrot nimmt ihr die Phiole aus der Hand.
Wie, das sollen wir trinken?
Pierrette.
Ja.
Pierrot.
Warum sollen wir sterben? Komm, laß uns lieber fliehen.
Pierrette schüttelt den Kopf.
Pierrot führt sie zum Fenster hin.
Sieh doch, wie schön die Welt ist. All dies ist unser. Komm, laß
uns fliehen.
Pierrette.
Fliehen? Nein! Wohin? Was sollen wir tun? Wir haben kein Geld.
Es geht nicht anders, wir müssen sterben.
Pierrot schüttelt den Kopf.
Pierrette.
Wenn du nicht willst, so laß ich dich hier und werde wieder
fortgehen. Leb wohl.
Sie wendet sich zu gehen.
Pierrot.
Bleib, bleib.
Pierrette.
Wozu?
Pierrot.
Es sei ... Wir werden dieses Gift trinken und werden zusammen
sterben.
Er umfaßt sie und geht mit ihr zum Divan links.
Pierrot und Pierrette lassen sich nieder.
Pierrot umarmt Pierrette heiß.
Pierrot erhebt sich plötzlich.
Pierrette bleibt sitzen und sieht Pierrot mit großen Augen an.
Pierrot geht zum Schranke links hinten, öffnet ihn, nimmt zwei Flaschen Wein
und einige Gläser heraus.
Bringt alles nach vorne und stellt es auf den Tisch.
Pierrette steht gleichfalls auf, geht zum Schranke, nimmt Backwerk, Früchte,
Tischtuch, Teller, Eßzeug heraus. Sie deckt rasch den Tisch.
Pierrot hilft ihr.
Beide bewegen sich mit forcierter Lustigkeit.
Pierrette nimmt Blumen aus ihrem Gürtel, eilt zur Kommode, steckt die
Blumen in die kleine Vase und bringt die Vase mit den Blumen auf den Tisch.
Pierrot und Pierrette hüpfen Arm in Arm durch das Zimmer, beleuchten es
festlich. Zünden die Kerzen auf dem Schreibtische, auf der Kommode, auf dem
Spinett an.
Pierrot reicht Pierrette mit scherzhafter Würde den Arm und geleitet sie zur
Tafel.
Beide nehmen auf dem Divan Platz, trinken und essen.
Pierrot rückt näher an Pierrette heran.
Pierrette schmiegt sich an Pierrot.
Lang dauernde Umarmung.
Pierrot erhebt sich plötzlich.
Es ist Zeit –
Pierrette schaudert zusammen.
Pierrot nimmt die Phiole und gießt in jedes von den beiden noch halb gefüllten
Weingläsern die Hälfte.
Er erhebt das Glas, fordert Pierrette auf anzustoßen.
Pierrot und Pierrette stoßen miteinander an.
Pierrette setzt das Glas nieder.
Pierrot ebenso.
Pierrette geht langsam nach rückwärts.
Pierrot folgt ihr.
In der Nähe des Fensters umschlingen beide einander noch einmal.
Beide umschlungen, langsam zurück zum Tischchen.
Pierrot.
Bist du bereit?
Pierrette.
Ja.
Pierrot nimmt das Glas.
Pierrette zögert.
Pierrot lächelt verächtlich.
Du hast ja doch nicht den Mut. Siehst du, ich dacht es.
Pierrette.
O Pierrot, glaub das nicht. Ich habe Mut. Nur einen Kuß noch,
dann bin ich bereit.
Beide umarmen einander glühend.
Beide setzen die Gläser an die Lippen und sehen einander lang in die Augen.
Beide neigen den Kopf nach rückwärts.
Pierrot trinkt das Glas auf einen Zug aus.
Pierrette hat keinen Tropfen über die Lippen gebracht.
Pierrot sieht es, taumelt entsetzt zurück.
Pierrette hat das Glas ein wenig von den Lippen entfernt, führt es wieder an
den Mund.
Pierrot schlägt ihr das Glas verächtlich aus der Hand. Sinkt der Länge nach
nieder hinter der Staffelei (so, daß er für einen etwa Eintretenden vorerst
unsichtbar wäre).
Pierrette steht wie starr da.
Dann wirft sie sich vor Pierrot nieder, faßt ihn an, rüttelt ihn, küßt ihn. Alles
vergeblich. Sie nimmt das Glas vom Boden wieder auf, weist es Pierrot.
Sieh nur her, ich will's ja tun.
Sie führt das Glas an die Lippen, merkt, daß es leer und zersplittert ist.
Sie steht auf, läuft im Zimmer hin und her, greift sich ratlos an den Kopf, fühlt
den Myrtenkranz, zuckt zusammen.
Plötzlich glaubt sie ein Geräusch zu hören, eilt zum Fenster, kauert auf den Divan nieder.
Sie geht wieder nach vorn, zu Pierrot; schaut angstvoll auf ihn nieder.
Du lebst, nicht wahr du lebst? So antworte doch, Pierrot!
Sie beugt sich tiefer und immer tiefer zu ihm nieder, betrachtet ihn mit wachsendem Schauder, bis sie endlich begreift, daß er tot ist. Von Entsetzen
gepackt, rennt sie zur Türe, reißt sie auf, stürzt davon.
Vo r h a n g .
Die Musik leitet ohne Pause über zum zweiten Bild.
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