Die Brüder Wright, eine Studie über die Entwicklung der Flugmaschine von Lilienthal bis Wright
Der Motorflieger der Wrights.
Bei der Arbeit hatte die Flugmaschine verschiedene Veränderungen erfahren.
Der Motor erhielt 16 PS und wog, Vergaser und Schwungrad eingeschlossen,
62,7 Kilogramm. Es wurden zwei Propeller unmittelbar hinter den
Haupttrageflächen angebracht, die sich in verschieden gerichtetem Sinne mit
1200 Touren in der Minute drehten. Der Motor, Viertakt-Benzinmotor mit 4
Zylindern, war in der Fabrik der Wrights gebaut. In einer Stunde wurden 4,5
Kilogramm Benzin verbraucht.
Die Trageflächen hatten eine Breite von 12,25 Metern, eine Tiefe von 6,12
Metern und eine Oberfläche von 48 Quadratmetern. Am 17. Dezember 1903
wurden an einem kalten und windigen Tage zu Kill Devil bei Kitty Hawk in
Gegenwart von nur 5 Personen die ersten Flugversuche mit dem Motorflieger
unternommen. Dieser Tag ist demnach als Geburtstag der ersten freifliegenden
mit eigener Kraft vorwärts getriebenen Flugmaschine anzusehen. Allerdings
hatte bereits im Jahre 1898 der schon erwähnte Flugtechniker Herring am
Michigansee einen 9 Sekunden langen Flug mit einem Flieger ausgeführt, aber
die Wiederholung gelang nicht; es war eben nur ein Sprung unter günstigen
Verhältnissen gewesen.
Illustration: Der Flieger beim Start am Ende seiner Ablaufschiene
Der Flieger beim Start am Ende seiner Ablaufschiene: Von einem
Militärballon bei Rom aufgenommen. In der Mitte des Bildes steht ein
Offizier, rechts sitzen einige Soldaten
Der Anflug erfolgte von einem 60 m hohen Hügel, die Windgeschwindigkeit,
die mit einem Anemometer gemessen wurde, betrug 9,72 m in der Sekunde zur
selben Zeit, als der Windmesser der meteorologischen Station zu Kitty Hawk
etwa 12 m in der Sekunde registrierte. Die Anfahrt wurde genau gegen den Wind
gerichtet. Der auf Schlittenkufen montierte Apparat glitt mittels eines nur 20 cm
hohen Rades auf einer Holzschiene zunächst etwa 10,25 m vorwärts und erhob
sich bei Einstellung des Steuers in schräger Richtung bis zu einer Höhe von etwa
3 Metern, in welcher er in gerader Linie weiterflog. Der erste Flug dauerte 12 Sekunden. Dies ist zwar eine bescheidene Leistung, war jedoch von
allerhöchster Bedeutung, da nunmehr die Konstrukteure sicher waren, dass ihr
Flieger mit Motor genau so stabil in der Luft war, wie früher ihr Gleitflieger. Ein
zweiter und dritter Versuch dauerte schon etwas länger, und endlich bei dem
vierten Versuch wurde eine Strecke von 260 Metern in 59 Sekunden
zurückgelegt. Die letzte Landung ging nur deshalb so früh vor sich, weil der
Führer das Steuer eine Kleinigkeit zu stark gedreht hatte. Die Maschine folgte
sofort diesem leisen Druck und kam zum Boden herab, ehe der Pilot das Steuer
wieder umzustellen vermochte. Die Geschwindigkeit über dem Erdboden betrug
14,47 Meter in der Sekunde, in der Luft bis zu 15,65 Meter.
Illustration: Der Drachenflieger 6 m über dem Felde
Der Drachenflieger 6 m über dem Felde: Von vorn seitwärts gesehen.
Aufnahme aus einem Militärballon bei Rom. Im Hintergrunde sieht man
aus der Vogelperspektive Fussgänger, Reiter und Fahrzeuge an der sich hell
abhebenden Strasse
Als jedoch nach der Landung Wrights mit ihren Gästen die Resultate dieses
bedeutsamen Tages besprachen, achteten sie in begreiflicher Erregung nicht
genügend auf ihre Maschine. Ein plötzlicher Windstoss hob den Apparat empor,
und obgleich einer der Zuschauer, ein Mann von herkulischer Gestalt,
hinzusprang und ihn noch an den Trageflächen zu halten versuchte, wurde er
umgerissen, der Flieger vom Winde emporgehoben und mit solcher Gewalt auf
die Erde geworfen, dass er schwere Beschädigungen erlitt. [Footnote: The
Wright Brother’s Aeroplane of Orville und Wilbur Wright,—The Century
Magazine, September 1908.]
Illustration: Die erste Flugschule der Welt
Die erste Flugschule der Welt: Wilbur Wright erklärt seinen Schülern
Tissandier, Kapitän Lucas Gerardville und Graf Lambert die
Flugmaschine. Orville Wright steht neben seinem Bruder. Rechts ist
deutlich die gekreuzte Kette sichtbar, welche die Bewegung vom Motor auf
die linke Schraube überträgt.
Hierdurch erfuhren die Versuche eine Unterbrechung, und da gleichzeitig der
Winter zu weit vorgeschritten war, begaben sich die Brüder mit den Resten ihrer
Maschine in ihre Heimat zurück. Hier machten sie sich sofort an die
Wiederherstellung bzw. an den Neubau ihres Fliegers. Als wesentliche
Aenderung ist hierbei der Einbau eines Motors von 25 PS zu bemerken. Nunmehr wurden die Versuche auf der Huffmann-Prärie bei Simms-Station, 17
Kilometer östlich von Dayton in Ohio, fortgesetzt. Bankdirektor Huffmann, der
Besitzer dieses Landes, stellte den Brüdern ein geeignetes Terrain zur
Verfügung. Die Versuche begannen im August 1904. Die Fortschritte waren
anfangs nur gering, weil das schlechte Wetter und heftige Regengüsse die
Experimente sehr störten. Ausserdem machte ihnen die Erhaltung des
Gleichgewichtes noch viele Schwierigkeiten; sie sahen ein, dass sie von der
Lösung dieser wichtigen Frage noch weit entfernt waren. Wir sehen sie deshalb
fleissig weiter üben bis zu Ende des Jahres. Nur im Juli werden die Flüge
zeitweise ausgesetzt. Am 15. September bereits konnten sie 800 Meter mit einer
Kurve zurücklegen, und am 26. September wird ein vollkommener Kreisflug
zustande gebracht, bei dem nach den Messungen eines Richardschen
Anemometers 1630 Meter in der Luft und 1400 Meter über dem Boden
zurückgelegt wurden. Die Angaben des Windmessers hatten bei ruhiger Luft
stets mit der gemessenen Distanz übereingestimmt. Die längsten Flüge fanden
am 9. November und am 1. Dezember statt. An diesem Tage wurden 4-1/2
Kilometer mit einer Geschwindigkeit von 51 Kilometer in der Stunde
zurückgelegt. Am 9. November war der mit einem Passagier bemannte Flieger
noch mit fünfzig Pfund, am 1. Dezember sogar mit 70 Pfund Eisenstangen
belastet worden. Die Geschwindigkeit betrug 60 Kilometer in der Luft und 75
Kilometer über dem Boden. Am 9. November erreichte die Flugdauer 5 Minuten
4 Sekunden, am 1. Dezember 4 Minuten 52 Sekunden. Im ganzen wurden im
Jahre 1904 105 Landungen ausgeführt. Im Frühjahr 1905, bei Beginn der
besseren Jahreszeit, wurden die Versuche fortgesetzt, aber erst am 6. September
gelang es, durch Zurücklegung von 4,5 Kilometer den Rekord des Vorjahres zu
schlagen. Am 26. September legten sie eine Strecke von 17,961 Kilometern—10
englische Meilen—in 18 Minuten 9 Sekunden zurück. Das Benzinreservoir
reichte damals für 20 Minuten, jedoch gingen immer einige Minuten bei dem
Ingangsetzen des Motors verloren. Am 29. September wurden sogar 19,57
Kilometer in 19 Minuten und 55 Sekunden durchmessen.
Illustration: Wilbur Wright macht eine Fahrt mit Frau Hart O’Berg
Wilbur Wright macht eine Fahrt mit Frau Hart O’Berg: Deren Kleider
unten durch eine Schnur zusammengehalten werden.
Illustration: Hölzerne Startschiene
Hölzerne Startschiene: Im Hintergrunde der Turm mit dem Fallgewicht
Bei allen diesen Versuchen führten die Wrights schon Wendungen aus, bei denen sie häufig über den Köpfen der Zuschauer mehrfach hin und her flogen
und fast immer zu ihrem Landungsort zurückkehrten. Schnell steigerte sich nun
die Flugdauer, nachdem die Erfinder ein grösseres Benzinreservoir eingefügt
hatten. Am 3. Oktober betrug die zurückgelegte Strecke bereits 24,5 Kilometer,
die in 25 Minuten und 5 Sekunden durchflogen wurden, am 4. Oktober 33,45
Kilometer in 33 Minuten und 17 Sekunden, und am 5. Oktober deckten die
Piloten eine Strecke von 38,956 Kilometern in 38 Minuten und 3 Sekunden. Dies
war der Rekord, den sie in der Nähe von Dayton erreichten.
Natürlicherweise erlitten sie auch mehrfach Pannen. Gelegentlich erhitzte sich
ein Lager oder der Motor wurde warm, das Oel ging vorzeitig aus und was der
Kinderkrankheiten noch mehr sind. In der Folge wohnten viele Einwohner von
Dayton ihren Flügen bei, aber man sprach sich in den Zeitungen sehr wenig
anerkennend darüber aus. Es wurde über die kurze Dauer der Flüge gespottet,
was darin seinen Grund hatte, dass man von den langen Flügen der europäischen
Lenkballons gelesen hatte und einen Unterschied zwischen dem Flug eines
aerostatischen und eines aerodynamischen Luftschiffes nicht zu machen
vermochte. Die Leute hielten beides für dasselbe und würdigten deshalb die
hervorragenden Leistungen ihrer Landsleute absolut nicht. In den absprechenden
Zeitungsnachrichten liegt auch der Grund, dass man in Europa den Angaben der
Wrights keinen Glauben schenkte. Man versteifte sich darauf, wenn wirklich die
beiden Brüder solche langen Flüge ausgeführt hätten, so würden die Amerikaner
in weit höherem Masse Reklame für sie gemacht haben. Man würde ihnen im
Handumdrehen genügend Geld zur praktischen Verwertung ihrer Maschine
gegeben haben.