Die Brüder Wright, eine Studie über die Entwicklung der Flugmaschine von Lilienthal bis Wright
Die Beschreibung der Wrightschen Flugmaschine.
Der Wrightsche Flieger ist ein Doppeldecker, der seinen Ursprung in den
Konstruktionen von Chanute hat. Zwei parallele, auf 1/20 ihrer Tiefe
gekrümmte, 12,5 Meter klafternde Flächen haben 1,8 Meter Abstand
voneinander. Die Tiefe der Trageflächen beträgt 2 Meter. Das aus Holz
bestehende Gerippe der Flächen ist mit Baumwollstoff bespannt; ihre Oberfläche
beträgt 50 Quadratmeter. Die konkave Seite ist nach unten gerichtet. Die
Krümmung nimmt nach vorne hin zu, wo die vorderen Kanten einige Zentimeter
dick sind. Die Verspannung erfolgt in Gitterkonstruktion durch Holz und
Klaviersaitendraht. Das Material ist amerikanisches Tannenholz, dass sich
sowohl im Luftschiffbau, als auch früher schon im Bootsbau infolge grosser
Festigkeit und geringen Gewichts bewährt hat. Drei Meter vor den Hauptflächen
befindet sich das Höhensteuer, das aus zwei spindelförmigen Flächen besteht
von 5,25 Zentimeter Breite und 0,80 Meter Tiefe. Zwischen den Höhensteuern
befinden sich noch zwei halbmondförmige vertikal angeordnete Flächen. Das
Steuer für die Horizontale befindet sich 2,7 Meter entfernt hinter den
Trageflächen. Es besteht aus zwei langen vertikalen Flächen, die 1/2 Meter
auseinanderstehen. Das Steuer kann auch in vertikaler Richtung bewegt werden,
um Beschädigungen durch Aufstossen bei der Landung zu vermeiden. Der Sitz
für den Führer und einen Begleiter befindet sich auf der vorderen unteren
Tragefläche, wo sich hinter ihm der Motor und rechts von ihm der Kühler
befindet. Der Motor ist ein Viertaktmotor mit 4 Zylindern, er entwickelt 25 PS
und wiegt in betriebsfähigem Zustande 90 Kilogramm, so dass also 3,6
Kilogramm auf eine Pferdestärke kommt. Er ist nach den ureigensten Ideen der
Wrights gebaut, und macht etwa 1400 Touren. Der Motor treibt zwei aus Holz
gefertigte, mit Tuch überklebte Schrauben von 2,80 Meter Durchmesser. Der
Antrieb erfolgt durch Ketten, die in Röhren geschützt laufen. Die Schrauben
drehen sich mit 450 Touren.
Illustration: Flug Um Den Michelin-Preis
Flug Um Den Michelin-Preis: Bei Sonnenuntergang am 31. Dezember
1908 auf dem Schiessplatz Auvours bei Le Mans.
Illustration: Blick zwischen die Tragflächen mit ihren Holzstreben
Blick zwischen die Tragflächen mit ihren Holzstreben. Wilbur auf dem
Führersitz, links steht der König von Spanien.
Die Tourenzahl des Motors kann weder durch Gasdrosselung, noch durch
Verstellen des Zündpunktes verändert werden. Die Verminderung der
Fluggeschwindigkeit wird lediglich durch Aufrichten des Fliegers mittels des
Höhensteuers bewirkt. Die Maschine ist auf Schlittenkufen montiert. Die
Steuerung erfolgt durch Betätigung zweier rechts und links vom Führersitz
befindlichen Hebel; die Vorwärts- oder Rückwärtsbewegung des linken Hebels
hat Fallen oder Steigen des Fliegers zur Folge. Mit dem rechten Hebel wird das
Horizontalsteuer und gleichzeitig auch die Verwindung der Tragflächen bewirkt.
Gerade das letzte bedeutet eine Haupteigenschaft des Wrightschen Fliegers.
Illustration: Hart O’Berg
Hart O’Berg: Der Bevollmächtigte von Wilbur und Orville Wright in
seinem Arbeitszimmer
Durch die Verwindung wird die Stabilität des Fliegers in unsteten Luftströmen
gehalten. Wenn beispielsweise ein Windstoss von links den Apparat nach rechts
kippen will, so vermehrt man auf der rechten Seite den Luftwiderstand durch
Vergrösserung der Wölbung, also durch Verwinden der Fläche nach unten.
Gleichzeitig wird der Luftwiderstand links, wo der seitliche plötzliche Luftstrom
auftrifft, vermindert durch Verminderung der Wölbung, das heisst durch
Verwinden der hinteren Fläche nach oben. In gleicher Weise, wie eben
geschildert, muss verfahren werden, wenn der Apparat eine Wendung nach
rechts fahren soll. Alsdann beschreibt die rechte Kante des Fliegers, die sich auf
der inneren Seite der Kurve befindet, einen kleineren Weg, als die linke Kante,
die sich auf der äusseren Seite der Kurve befindet. Demnach legt die rechte
Kante einen kleineren Weg zurück, als die linke, und man muss die
Geschwindigkeit rechts etwas einschränken. Durch Verwinden der rechten
Fläche nach unten erhöht man den Luftwiderstand, vermindert also die
Schnelligkeit; durch Verwinden der linken Fläche nach oben vermindert man den
Luftwiderstand und erhöht demnach die Geschwindigkeit. Nach den
Mitteilungen Wrights kommt es dabei darauf an, anfangs zwar bei einer
Wendung das Steuer für die betreffende Richtung einzustellen, aber möglichst
bald wieder umzulegen, um ein Kippen zu vermeiden. Beim Balancehalten ist es
erforderlich, genau das Gegenteil von dem zu tun, was ein Radfahrer tut. Dieser
legt sich nach innen in die Kurve und bringt den Schwerpunkt nach innen. Bei der Flugmaschine muss man den Schwerpunkt nach aussen halten, weil sonst der
Apparat ins Kippen kommt.
Das Ausführen von Wendungen und das hierbei zur Erhaltung der seitlichen
Stabilität erforderliche Verwinden geschieht in der Weise, dass beispielsweise
der rechte Hebel nach vorwärts gezogen wird, wodurch die Steuerdrehung nach
rechts erfolgt. Gleichzeitig drückt man aber diesen Hebel auch nach links,
wodurch die Verwindung in der Weise eintritt, dass die Kanten der rechten
Trageflächen nach unten und die der linken nach oben gerichtet werden.
Kürzlich haben die Wrights ein neues Patent eingereicht, in dem sie zwei
kleine vertikale Flächen beschreiben, die noch durch einen dritten ergänzenden
Hebel betätigt werden. Diese vertikal stehenden kleinen Flächen sollen das
Gauchissement, wie man die Verwindung im Französischen nennt, verstärken
und das Gegengewicht in der Balance halten. Der Start der Wrightschen
Flugmaschine erfolgt durch eine besondere Vorrichtung, Pylon genannt. Wie
schon erwähnt, ruht die Maschine in der Mitte mit den dort befindlichen
Querverbindungen auf einer Holzschiene. An den beiden Seiten wird sie durch je
eine mit einem kleinen Rad versehene Plattform im Gleichgewicht erhalten. Die
Schiene wird meist genau gegen den Wind gerichtet. Einige Meter hinter dem
Schienenanfang, genau in der Mitte hinter dem Flugapparat, wird ein 8 Meter
hoher pyramidenförmiger Turm aufgestellt, in dessen Mitte ein 700 Kilogramm
schweres Gewicht sich befindet, das durch ein Seil, wie es die Figur auf Seite 62
zeigt, mit dem Aeroplan in Verbindung steht. Vor Beginn des Anfluges wird das
Gewicht in dem Turm hochgezogen und alsdann der Flugapparat durch eine
Sperrklinke an der Schiene befestigt. Sobald nun die Schrauben angeworfen sind
und der Motor seine volle Geschwindigkeit entwickelt hat, löst der Führer die
Sperrklinke und alsbald zieht das fallende Gewicht den Aeroplan mit
allwachsender Geschwindigkeit nach vorwärts. Das Höhensteuer hat hierbei eine
Neigung nach unten, so dass durch den Winddruck der Apparat fest gegen die
Schiene gedrückt wird. Gegen Ende der Schiene fällt das Ende des Seils von
selbst von dem Haken des Fliegers ab, der Führer stellt eine Kleinigkeit das
Höhensteuer ein und die Flugmaschine beginnt zu schweben. Es kommt nun
darauf an, in der Luft die Balance durch fortwährende Betätigung des linken
Steuerhebels zu halten, wobei die Bewegungen jedoch äusserst gering sein
müssen, weil der Flieger auf die leiseste Anstellung der Flächen reagiert.
Illustration: Schematische Zeichnung der betätigung der
Verwindungsvorrichtung
Schematische Zeichnung der betätigung der Verwindungsvorrichtung
Beim Seitwärtsschieben des Hebels A gehen die Schnüre in der
Pfeilrichtung von B nach A, von C und D nach B. Hierdurch
werden die Holzstreben CE und DP in der Pfeilrichtung nach
unten gedrückt und damit die Kanten der oberen und unteren
Trageflächen ebenfalls nach unten bewegt. Die Holzstreben
nehmen nunmehr die Stellung HG und KI ein. Die Verwindung
der rechten Flächen ist erreicht. Von E und F führen Schnüre
nach L. Diese werden folgegemäss ebenfalls in der Pfeilrichtung
nach unten bewegt und übertragen die Bewegung über L und M
nach N und O. Die Holzstreben NP und OQ werden nach oben
gezogen und nehmen die Stellung RS und TU ein. Damit hat der
Führer die Verwindung der linken Trageflächen bewirkt.]
Illustration: Startpylon für die Flugmaschine
Startpylon für die Flugmaschine
Das Gewicht G hängt an einem Tau, das über die Rolle A zu der
fast am Ende der Holzschiene angebrachten Rolle B läuft. Von
hier geht das Tau zur Maschine, wo es bei C an einem Haken
befestigt ist. Zwischen B und C befindet sich noch ein
Flaschenzug, welcher der besseren Uebersichtlichkeit halber auf
der Zeichnung fortgelassen ist.]