Die Brüder Wright, eine Studie über die Entwicklung der Flugmaschine von Lilienthal bis Wright
Nachfolger Lilienthals in England und Amerika.
In England und Amerika hatte man sich inzwischen eifrigst mit der
Verfolgung der Lilienthalschen Gedanken beschäftigt. In England war es
besonders der Marine-Ingenieur Percy Sinclair Pilcher, der bereits im Jahre 1894
sich von Lilienthal einen Flugapparat kaufte, mit dem er zahlreiche Versuche
anstellte. Naturgemäss kam er hierbei auch zur Entwickelung selbständiger
Ideen, und er konstruierte sich, nachdem er verschiedene Versuche mit dem
amerikanischen Kastendrachen von Hargrave angestellt hatte, mehrere eigene
Apparate, die sich namentlich durch grössere Stabilität auszeichnen sollten als
ihr deutsches Vorbild. Die Versuche mit Drachen führten Pilcher dazu, seine
Apparate an einer Schnur auszuprobieren. Er liess eine 300 Meter lange Leine an
dem Drachenflieger befestigen und durch galoppierende Pferde unter Benutzung
einer Flaschenzug-Uebertragung gegen den Wind anziehen. Sobald nun der
Flieger unter der Drachenwirkung hoch in der Luft schwebte, legte der
Luftschiffer seinen Körper langsam vor, schnitt die Halteleine durch, um alsbald,
in sanft absteigender Bahn gleitend, wieder zur Erde niederzukommen. Auch
eine mit einem 4 PS. Petroleummotor versehene Flugmaschine hatte er gebaut.
Am 30. September 1899 wurden zu Stanfordpark bei Market Harborough
verschiedene Angehörige des englischen Aeroklubs, dessen Mitglied er 1907
geworden war, auch der bekannte Flugtechniker Major Baden-Powell, zu
Versuchen eingeladen. In der geschilderten Weise liess er seinen Flugapparat
durch die Pferde in Bewegung setzen, die Leine wurde zerschnitten, und der
Luftschiffer glitt wie ein grosser Vogel in sanftem Gleitfluge zur Erde. Nachdem
die Startvorrichtung schnell wieder in Ordnung gebracht war, begann der zweite
Versuch. Der Flieger kam, durch Regen beschwert, erst langsam in die
erforderliche Geschwindigkeit und stieg dann bis auf eine Höhe von 10 Metern.
Plötzlich brach das Schwanzruder mit lautem Krachen zusammen, der Apparat
kippte, ähnlich wie bei Lilienthal, nach vorn über und fiel, sich überschlagend,
zur Erde. Unter den Trümmern lag Pilcher bewusstlos und wimmernd. Mit Mühe
konnten ihn zufällig anwesende Aerzte aus dem Trümmerhaufen herausziehen
und nach Hause transportieren. Zwei Tage darauf starb er jedoch, ohne vorher
das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Man vermutet, dass durch den Regen sich die Stricke verkürzten und das Gerüst des Hintersteuers durch gleichzeitige
starke Beanspruchung brach. In England hat dann hauptsächlich Baden-Powell
weitere Versuche in der Flugtechnik angestellt, die namentlich dazu führten, dass
er für Kriegszwecke Drachen erbaute, mit Hilfe deren man Menschen in die Luft
zu heben vermochte.
Illustration: Octave Chanute
Octave Chanute: Der erste Amerikanische Flugtechniker, Berühmter
ingenieur und früherer Präsident des Vereins amerikanischer Ingenieure,
18. Februar 1838 in Paris geboren
In Amerika haben die Lilienthalschen Versuche besonders bei dem Ingenieur
Octave Chanute Verständnis geweckt. Am 18. Februar 1832 in Paris geboren,
kam er bereits als 6jähriges Kind nach Amerika. Chanute hat sich in seiner
neuen Heimat einen bedeutenden Namen als Ingenieur im Eisenbahnwesen
gemacht, wo er beim Bau von Bahnen eine sehr fruchtbare Tätigkeit entwickelt
hat; manche gute Erfindung verdankt ihm ihre Existenz. Durch das Vertrauen
seiner Landsleute wurde er seinerzeit zum Präsidenten des Vereins
amerikanischer Ingenieure erwählt. Sein Interesse für die Luftschiffahrt ist auf
die Jahre 1876 und 1878 zurückzuführen. Zu jener Zeit sammelte er alle Projekte
über Luftschiffahrt, deren er habhaft werden konnte. Da er aber durch seine
Berufstätigkeit ausserordentlich in Anspruch genommen war, steckte er das neue
Studium eines Tages wieder auf, band alle Schriftstücke zu einem Bündel
zusammen und legte sie beiseite.
Illustration: Chanute-Leiter-Drachen 1895
Chanute-Leiter-Drachen 1895: Diese erste Konstruktion ist aus mehreren
Kastendrachen zusammengesetzt
Erst 11 Jahre später gewann er wieder Zeit, sich mit seiner alten Lieblingsidee
zu beschäftigen. Er machte eine Studienreise nach Europa, deren Ergebnis er
nach seiner Rückkehr in verschiedenen Vorträgen und Artikeln niederlegte.
Damals schrieb Chanute das in Luftschifferkreisen weltberühmte Buch:
„Progress in Flying Machines“—Fortschritte auf dem Gebiete der
Flugmaschinen—, in dem er eine kritische Uebersicht aller bis dahin gemachten
Experimente gab. Er war zu der Ansicht gekommen, dass namentlich der
Gleichgewichtsmangel ein Haupthindernis aller Fortschritte sei. Sein Streben
ging deshalb dahin, diesen Mangel zu beseitigen. Er machte unzählige Versuche
mit den verschiedensten Formen von Flächen und kam zu dem Resultat, dass sein Leiter-Drachen, bei dem die Tragezellen durch ein Diagonal-Rahmenwerk
in jeden beliebigen Winkel zur Luftströmung eingestellt werden konnten, die
besten Resultate ergab. Der einer Trittleiter sehr ähnlich sehende, aus drei
kastenförmigen Hargrave-Drachen zusammengesetzte Flieger erwies sich als
ausserordentlich stabil. Chanute erbaute alsdann einen Gleitflieger in einer
solchen Grösse, dass ein Mann durch die Fläche getragen werden konnte.
Illustration: Mehrdecker-Gleitflieger von Chanute (Sechste Konstruktion) 1896
Mehrdecker-Gleitflieger von Chanute (Sechste Konstruktion) 1896
In seinen Veröffentlichungen gab er damals der Ansicht Ausdruck, es sei
nötig, bei den Versuchen sehr vorsichtig zu Werke zu gehen, was dazu führte,
dass man mit leichtem Hohne ihm vorwarf, dieser Rat sei wohl leicht zu geben,
aber schwer zu befolgen. Nunmehr wollte er seine Ratschläge in die Tat
umsetzen und baute einen Vieldecker nach dem Prinzip seines Leiter-Drachens,
der am Mittelgestell mehrere Paar sich um ihre Achse drehende Flügel besass,
die durch Federkraft in Spannung gehalten wurden. Hierin besteht ein
wesentlicher Unterschied seiner Konstruktion vor derjenigen Lilienthals.
Während dieser das Gleichgewicht durch die Bewegung seiner Beine halten
musste, wurde bei dem Chanuteschen Apparat das Gleichgewicht automatisch
durch den Wind gehalten, der die Flügel selbsttätig je nach seiner Kraft in eine
geringere oder grössere Neigung einstellte. Die neue Maschine erwies sich als
sehr stabil, als sie im freien Segelfluge nach Lilienthalscher Art in Sanddünen
am Michigansee, zirka 50 Kilometer von Chicago entfernt, versucht wurde.
Jedoch war der Neigungswinkel zu steil. Als Uebelstand zeigte sich, dass die
vorderen Flügel die Luft nach abwärts führten und dadurch die Tragkraft der
übrigen verminderten. Chanute brachte nacheinander bis zu fünf Paar Flächen
am vorderen Teile an, und der Neigungswinkel wurde dadurch verringert, bis er
etwa dieselbe Neigung erhielt, wie bei den Lilienthalschen Gleitfliegern.
Illustration: Chanute-Doppeldecker im Fluge zu Dune-Park 1896
Chanute-Doppeldecker im Fluge zu Dune-Park 1896
Im Dezember 1895 gewann sich Chanute die Hilfe des Ingenieurs Herring, der
sich schon mehrere Jahre mit aviatischen Versuchen beschäftigte und einen
seiner Lilienthalschen Flieger, die er schon in New York erprobt hatte, für
weitere Versuche umbaute.
Beim weiteren Ausbau seiner Apparate stellte Chanute zur Verminderung des
Luftwiderstandes einen Dreiflächenflieger her, aus dem sich schliesslich der Doppeldecker entwickelt hat, der jetzt bei grosser Haltbarkeit durch eine
sinnreiche Brücken-Diagonal-Tragband-Konstruktion nur ein Minimum von
Material erfordert. An diesen Apparaten war ein sehr praktischer
selbstregulierender Mechanismus angebracht, den Herrings erfunden hatte. Die
praktischen Segelflugversuche wurden im Dune-Park im Jahre 1896 ausgeführt.
Im ganzen machten Chanute selbst sowie seine Assistenten, Herring, Avery und
Butusoff, etwa 2000 Gleitflüge ohne den geringsten Unfall, wenn auch die
Flugmaschine in einigen Fällen leicht beschädigt wurde.
Illustration: Chanute-Doppeldecker zu Dune-Park 1896
Chanute-Doppeldecker zu Dune-Park 1896
Im Jahre 1902 baute Chanute einen dritten Typ, bei dem das Gleichgewicht
durch Vor- und Zurückschwingen der Flügel um ihre Achse gehalten wurde.
Dieser Dreidecker hatte ausgezeichnete Resultate und wurde den Brüdern
Wright zu Versuchen übergeben. 1904 stellte Chanute zu St. Louis einen Apparat
zum Vorwärtsziehen eines Gleitfliegers aus; er hatte dabei die Experimente
Pilchers vor Augen, der, wie schon erwähnt, seine Flugmaschine durch Pferde in
die Luft fierte. Chanute benutzte zum Hochfieren seiner Apparate einen auf
einen Wagen gesetzten Dynamo.
In der Folge gab er aber, als die Brüder Wright immer mehr hervortraten,
seine Experimente auf. Einerseits veranlasste ihn hierzu sein hohes Alter—er ist
gegenwärtig 77 Jahre alt—und anderseits war er zu den Wrights in nähere
Beziehungen getreten und hatte in ihnen Leute schätzen gelernt, die mit grosser
Energie und Sachkenntnis sich dem Flugproblem widmeten. Ihre mechanischen
Vorkenntnisse, ihre grosse Praxis in der Kleinmechanik und ihre körperliche
Behendigkeit befähigten die beiden seiner Ansicht nach, das Werk zu einem
durchschlagenden Erfolge zu führen. Er hat ihnen deshalb nach Aufgabe seiner
Versuche soviel wie möglich geholfen; er ist ihnen mit dem reichen Schatz
seiner Erfahrungen beigesprungen und bei ihren Berechnungen behilflich
geworden. Später, als man den Mitteilungen über die Erfolge Wrights nirgends
Glauben schenken wollte, hat er sich durch Wort und Schrift bemüht, ihnen die
verdiente Anerkennung zu verschaffen. Wenn in der Geschichte der
Luftschiffahrt das Wirken der Wrights gewürdigt wird, so darf man keinesfalls
den Namen Chanute dabei vergessen, der in selbstloser Weise im Interesse der
Flugtechnik gewirkt hat.
Illustration: Chanute-Gleitflieger: Beim Beginn des Starts von vorn gesehen.
1904
Chanute-Gleitflieger: Beim Beginn des Starts von vorn gesehen. 1904