Die Brüder Wright, eine Studie über die Entwicklung der Flugmaschine von Lilienthal bis Wright

Vorrede.

 

Der Prophet gilt nichts im Vaterlande! Dieses alte Sprichwort will andeuten,

dass infolge der Unvollkommenheit der menschlichen Natur das Verdienst

hervorragender Männer oft nicht so gewürdigt wird, wie es seiner Bedeutung

nach sein müsste. Die meisten Menschen können sich eben nicht über das

Alltägliche erheben und dem Gedankenfluge weitausschauender Zeitgenossen

folgen. Neid und Missgunst stellen sich den Grossen dieser Erde entgegen, und

die Rivalität der Konkurrenten, die alles verkleinern und herabziehen. Im

Kampfe um die Eroberung der Luft haben wir zwei hervorragende Fälle dafür

gehabt, wie sich die Bahnbrecher nur mühselig zu Anerkennung durchzuringen

vermögen. Wir haben aber hier gleichzeitig ein seltenes Beispiel, wie zwei

Männer noch bei Lebzeiten die grösste Anerkennung ihrer Zeitgenossen

gefunden haben. Der Gedanke an die Eroberung der Luft ist so bestechend, dass

er in den weitesten Schichten der Völker ganz aussergewöhnlichen Anteil findet.

Bislang beherrschte der Mensch nur zwei Dimensionen. Jetzt hat er auch

begonnen, sich die dritte Dimension, die Luft, zu erobern. Zeppelin und Wright

sind die Könige der Luft. Ihnen beiden ist es zu danken, dass wir anfangen, die

Luft sowohl mit Fahrzeugen, „leichter als die Luft“, als auch mit solchen, die

„schwerer als die Luft“ sind, zu beherrschen. Beide haben lange arbeiten

müssen, bis sie der Welt die Richtigkeit ihres Gedankenfluges beweisen konnten.

Beide sind sie viel geschmäht und mit Schmutz beworfen worden. Der Name

Zeppelin ist heute nicht nur dem deutschen Volke bekannt, er hat überall

ausgezeichneten Klang. Ueberall widmet man dem greisen Forscher eine

Verehrung, wie man sie den grössten Helden aller Zeiten kaum entgegengebracht

hat. Auch an Wright haben wir Europäer viel gesündigt. Man ging sogar soweit,

die beiden Brüder, die bereits im Jahre 1905 die grössten Erfolge erzielt hatten,

in Umprägung des Wortes „die fliegenden Brüder“—„die lügenden Brüder“ zu

nennen. Erst im Jahre 1908 konnten sie, die auch bei ihren Landsleuten in

Amerika wenig Glauben gefunden hatten, beweisen, welch gewaltigen

Fortschritt sie in ernster Arbeit gemacht hatten. Verfasser folgt der Anregung,

eine allgemein verständliche Abhandlung über die Gebrüder Wright zu

schreiben, mit um so grösserer Freude, als er ziemlich der einzige war, der unentwegt die beiden genialen Erfinder in Wort und Schrift verteidigt und

niemals an dem Wert ihrer Mitteilungen gezweifelt hat. Bei der Abfassung der

kleinen Schrift kommt es dem Verfasser sehr zu statten, dass er bei einem

Besuch in Amerika sowohl den Lehrer der Brüder Wright, den jetzt 77 Jahre

alten hervorragenden Ingenieur Chanute, und dessen Assistenten Herring, wie

die Stätten, an denen die Flugmaschine geboren wurde, kennen lernte. Besonders

zu Dank verpflichtet ist er dem in Gross-Lichterfelde lebenden Baumeister

Gustav Lilienthal, der ihm in früheren Jahren authentisches Material über seinen

Bruder Otto Lilienthal, den Altmeister der Fliegekunst übermittelt hat, ferner

dem in New York lebenden Ingenieur Herring, sowie auch Ingenieur Chanute in

Chicago, der umfangreiches Material der ersten Flugversuche in Amerika zur

Verfügung gestellt hat; endlich dem Bischof Milton Wright zu Dayton in Ohio,

der sowohl beim Besuch des Verfassers eingehende mündliche Angaben

gemacht hat, als auch jetzt in bereitwilligster Weise altes Material über seine

Familie und seine Söhne zur Verfügung stellte. Orville Wright ist nun nach

Berlin gekommen, wo er auf Veranlassung des „Lokal-Anzeigers“ sein bis jetzt

unübertroffenes Können vorführen will. Noch sind wir erst im Anfangsstadium

des Kampfes um die Eroberung der Luft, und viel Arbeit ist nötig, ehe wir

einigermassen sicher die Luft beherrschen. Mögen die Vorführungen von Wright

für unsere deutschen Erfinder und namentlich für diejenigen, die sie finanziell

unterstützen wollen und müssen, ein Ansporn zur weiteren Förderung sein.

Berlin, August 1909.

A. Hildebrandt.