Die Brüder Wright, eine Studie über die Entwicklung der Flugmaschine von Lilienthal bis Wright
Das Ringen der Wrights um Anerkennung.
Sobald die Nachricht von den Erfolgen des Jahres 1905 nach Europa gelangt
war, nahm sich der rühmlichst bekannte französische Flugtechniker
Artilleriehauptmann Ferber des Gegenstandes an und schrieb zunächst an den
ihm persönlich bekannten Chanute in Chicago, der ihm die Angaben der Wrights
bestätigte. Im Oktober 1905 richteten alsdann die beiden Wrights einen Brief an
Ferber, der folgenden Wortlaut hatte:
Dayton, 9. Oktober 1905.
Geehrter Herr!
Als wir Ihren letzten Brief erhielten, fassten wir gerade die
Ergebnisse unserer Versuche zusammen und glaubten, auf Ihre
Frage über den praktischen Wert unseres Fliegers bald antworten
zu können. Wir haben länger mit der Antwort warten müssen,
als wir dachten. Wir wollten erst längere Flüge, als die in der
letzten Saison abwarten, die nur fünf Minuten dauerten; heute
können wir kühn behaupten, dass unser Flieger für künftige
praktische Verwendung geeignet ist.
Unsere Versuche im vergangenen Monat haben uns gezeigt,
dass wir jetzt Maschinen bauen können, die wirklich für
verschiedene Zwecke, militärische usw., brauchbar sind. Am 3.
Oktober haben wir einen Flug von 24,535 Kilometer in 25
Minuten 5 Sekunden gemacht. Dieser Flug wurde dadurch
beendet, dass sich ein Lager aus Mangel an Oel heisslief. Am 4.
Oktober haben wir eine Entfernung von 33,456 Kilometern in 33
Minuten 17 Sekunden erreicht. Wieder lief die Transmission
warm, aber wir konnten zum Abflugsplatz zurückkehren, ohne
landen zu müssen. Am 5. Oktober dauerte unser Flug 38
Minuten 3 Sekunden und bedeckte eine Distanz von 39
Kilometern. Die Landung wurde durch Benzinmangel
erzwungen. Ein Oeler hatte der Ursache abgeholfen, welche die
früheren Flüge verkürzt hatte. Die Zuschauer dieser Flüge
begeisterten sich so, dass sie ihre Zunge nicht mehr hüten
konnten. Da unsere Versuche bekannt zu werden anfingen,
entschlossen wir uns, sie einzustellen, bis wir einen einsameren
Platz gefunden hätten.
Wir haben die letzten Jahre vollständig damit verbracht,
unsern Flieger zu vollenden, und wir haben wenig darüber
nachgedacht, was wir damit machen würden, wenn er fertig
wäre. Aber unsere jetzige Absicht ist, ihn zuerst den
Regierungen zu Kriegszwecken anzubieten, und wenn Sie
glauben, dass Ihre Regierung dafür interessiert werden könnte,
so würden wir gern deshalb mit ihr in Verbindung treten.
Wir sind bereit, Maschinen nach Vertrag zu liefern,
abnehmbar erst nach einem Versuch über 40 Kilometer, wobei
die Maschine einen Lenker und einen Benzinvorrat für mehr als
100 Kilometer tragen soll. Wir könnten auch einen Kontrakt
machen, in dem die Strecke des Versuchsfluges grösser als 40
Kilometer ist, aber dann wäre der Preis der Maschine höher.
Wir könnten diese Maschinen auch für mehr als eine Person
Belastung bauen.
Ergebenst
(gez.) W. und O. Wright.
Um sich von der Richtigkeit dieser Angaben zu überzeugen, richtete
Hauptmann Ferber an den ihm persönlich bekannten Ingenieur Chanute ein
Schreiben, in dem er ihn bat, ihm über die Leistungen der Wrights Auskunft zu
geben. Er erhielt darauf folgenden Bescheid:
Chicago, 9. November 1905.
Lieber Hauptmann Ferber!
Soeben habe ich Ihren Brief vom 26. Oktober erhalten.
Meiner Meinung nach können Sie in die Angaben, die Ihnen die
Brüder Wright über ihre Versuche gemacht haben, vollstes
Vertrauen setzen. Ich selbst hatte nur Gelegenheit, einem kleinen
Fluge über einen halben Kilometer beizuwohnen, dagegen haben
mir die Brüder wöchentlich Nachricht über ihre Versuche
zukommen lassen, und Freunde, die selbst Zeugen der
Experimente waren, haben mir diese Angaben bestätigt, als ich,
um einem geplanten Fluge von 60 Kilometer in der Stunde
beizuwohnen, vorige Woche in Dayton war. Leider konnte
dieser Flug infolge zu grossen Sturmes nicht stattfinden. Die
Wrights haben sich Frankreich, das die Fortschritte auf dem
Gebiete der Lenkballons seit dem Jahre 1885 geheimgehalten
hat, zum Beispiel genommen. Auf ihre Bitte haben die
Zeitungen in Dayton über die Versuche Schweigen bewahrt. Es
ist wohl eine Indiskretion begangen worden. Es wurde ein
Artikel veröffentlicht, der aber bereits zurückgezogen ist. Die
Wrights wollten Ihnen übrigens am 4. November selbst
schreiben.
Mit vorzüglicher Hochachtung
C. Chanute.
Am 4. November war inzwischen auch von den Wrights selbst nachfolgendes
Schreiben an Hauptmann Ferber eingetroffen:
Dayton, 4. November 1905.
Geehrter Herr!
Wir haben Ihren Brief vom 20. Oktober erhalten und machen
Ihnen unser Kompliment. Niemand in der Welt kann mehr als
wir Ihre Leistung anerkennen. Es ist aber ein grosser Sprung
vom Aeroplan ohne Motor, mit seiner leichten Kontrolle, zur
Entdeckung ausreichender und wirksamer Methoden, um Herr
des so ungelehrigen Aeroplans mit Motor zu werden. Nach den
Experimenten so fähiger Leute wie Langley, Maxim und Ader,
die Millionen ausgegeben und Jahre ohne Resultat daran
gewandt haben, hätten wir es nicht für möglich gehalten, vor
fünf oder zehn Jahren eingeholt zu werden. Frankreich ist eben
günstig gestellt. Aber wir glauben nicht, dass das den Wert
unserer Erfindung vermindern könnte. Denn, wenn es bekannt
wird, dass man in Frankreich Experimente mit Motorfliegern
gemacht hat, werden die anderen Nationen gezwungen sein,
Zuflucht zu unserm Wissen und unserer Praxis zu nehmen.
Russland und Oesterreich von Unruhen heimgesucht, ein
Weltbrand kann jeden Augenblick ausbrechen. Keine Regierung
wird mit einer Flugmaschine im Hintertreffen stehen wollen.
Um ein Jahr früher als die andern fertig zu sein, wird man den
Betrag, den wir für unsere Erfindung fordern, gering finden.
Obwohl Sie in Frankreich voran sein mögen, werden Sie
wünschen, unsere Erfindung zu kaufen, zum Teil, um die Kosten
eigener Versuche zu vermeiden, zum Teil, um sich über den
Stand unserer Kunst bei den Nationen zu unterrichten, die dabei
sind, uns die Geheimnisse unserer Maschine abzukaufen.
Aus diesen Gründen würden wir darein willigen, unsern Preis
für die französische Regierung auf eine Million Francs
herabzusetzen, zahlbar, nachdem der Wert unserer Erfindung in
Gegenwart offizieller Persönlichkeiten durch einen Flug von 50
Kilometer in weniger als einer Stunde festgestellt ist. Der Preis
schliesst eine vollständige Maschine ein, Instruktion über die
Grundlagen unserer Kunst, Formeln für den Bau unserer
Maschine, Schnelligkeit, Oberfläche usw., Instruktion von
Personal für den Gebrauch der Maschine. Diese Instruktion
würde natürlich in der gewünschten Form gegeben werden.
Ihre ergebenen
(gez.) W. und O. Wright.
Hauptmann Ferber antwortete den beiden Brüdern, dass es unmöglich wäre,
auch nur die geringste Unterstützung von der französischen Regierung zu
erhalten, wenn nicht zuvor eine aus französischen und amerikanischen Gelehrten
bestehende Kommission die Maschine geprüft hätte. Die Wrights wollten aber
das Geheimnis ihrer Erfindung sicher gewahrt wissen, und hatten anderseits eine
heilige Scheu vor dem Gutachten der am grünen Tisch arbeitenden Gelehrten,
die ja schon häufiger ein grosser Hemmschuh für die Entwickelung der
Luftschiffahrt gewesen waren; sie erklärten deshalb, von ihren Bedingungen
nicht abgehen zu können. Eine ganze Reihe von Veröffentlichungen finden in
der Folge noch statt, und selbst der Aeroklub von Amerika, der eine Reihe
Zeugnisse angesehener Mitbürger von Wright veröffentlicht, vermochte niemand
von der Wahrheit der Angaben über die geheimnisvollen Flieger zu überzeugen,
und überall belegte man in Europa die Wrights mit dem wenig schönen
Ausdruck „die lügenden Brüder“. Verfasser, der die flugtechnischen Arbeiten
seit langen Jahren aufs genaueste verfolgt hatte, beschloss der Bedeutung der
Sache wegen keine Aufwendungen zu scheuen und selbst an Ort und Stelle in
Dayton in Ohio Nachforschungen anzustellen. Er reiste deshalb im Oktober 1907 dahin und besuchte dort am 4. Oktober den alten Bischof Wright.
Ausserdem wurden eine Anzahl der angesehensten Bürger der Stadt Dayton, die
etwa 85000 Einwohner zählt, eingehend befragt. Ein dem „Berliner
Lokalanzeiger“ zur Verfügung gestellter Bericht hierüber sei im folgenden unter
Weglassung der hier schon angegebenen Konstruktionseinzelheiten
wiedergegeben.
Illustration: Messen der Windgeschwindigkeit
Messen der Windgeschwindigkeit: Wilbur Wright misst mit einem
kleinen Anemometer—Windmesser, der durch die sich im Winde drehenden
Flügel angibt, wieviel Meter in der Sekunde die Luft vorwärtsströmt—Die
Geschwindigkeit des Windes
Illustration: Flieger-Werkstätte
Flieger-Werkstätte: Im Hangar bei Pau. Eine gewölbte Tragefläche ist
rechts in ihrer ganzen Ausdehnung zu sehen.
Lokalanzeiger Nr. 588 vom 18. November 1907.
Die Flugmaschine der Gebrüder Wright.
Dayton (Ohio), Ende Oktober.
„'Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein
Charakterbild in der Geschichte', so kann man auch von dem
Drachenflieger der Gebrüder Wright sagen! Dass die beiden eine
Flugmaschine gebaut haben, weiss jeder Fachmann; auch glaubt
man es meist, dass sie mit dieser frei in der Luft geflogen sind;
dass sie aber längere Strecken mit grosser Geschwindigkeit
zurückgelegt haben und dabei wieder an die Abfahrtsstelle
zurückgekehrt sind, das wird heute noch von den meisten
Luftschiffern bestritten! Um die Sache zu klären, habe ich hier
an Ort und Stelle bei zehn Augenzeugen eingehende
Nachforschungen angestellt, auf Grund deren ich zu der
Ueberzeugung gelangt bin, dass alle Angaben über diese
Flugmaschine auf voller Wahrheit beruhen.“
Es folgen nun einige Angaben über die ersten Versuche, alsdann fährt der
Artikel wie folgt fort:
„Grosses Aufsehen erregten nun die am 12. März 1906 von den
Erfindern veröffentlichten Daten über die mit dem
Motorluftschiff erzielten Erfolge. Danach sollte schliesslich als
beste Leistung am 5. Oktober 1905 ein Flug von 38,956
Kilometern in 38 Minuten 3 Sekunden vollendet worden sein.
Wenn diese Angaben den Tatsachen entsprachen, so war damit
das Zeitalter des ballonlosen lenkbaren Luftschiffes
angebrochen! Die Fachwelt verhielt sich zunächst abwartend
und dann ablehnend. Hierzu war auch aller Grund vorhanden.
Erst hiess es, die amerikanische Regierung habe die
Flugmaschine für eine Million Dollars angekauft; dann plötzlich
wurde dies dementiert und man hörte, Wrights versuchten in
Frankreich ihre Erfindung los zu werden. Die Verhandlungen
zerschlugen sich aber, weil die Konstrukteure die Forderung
stellten, man solle ihnen ihr Luftschiff unbesehen für eine
Million Dollars abnehmen; allerdings verpflichteten sie sich,
nach Inkrafttreten des Vertrages den Flieger in einem 50
Kilometer langen Fluge vorzuführen. Auf solche Abmachungen
wollte aber niemand eingehen. Demnächst hörte man nichts
mehr von den Wrights, bis der Aeroklub von Amerika erklärte,
auf Grund seiner Untersuchungen sei er zu der Ueberzeugung
gekommen, dass die Angaben der Brüder auf Wahrheit beruhten.
Aus Interesse zur Sache beschloss ich, an Ort und Stelle selbst
Nachforschungen anzustellen und die Angelegenheit zu klären.
Zunächst nahm ich Fühlung mit den beiden Konkurrenten der
Wrights, Herring in New York und Chanute in Chicago. Jener
erklärte mir, dass er nach Rücksprache mit Augenzeugen die
gemachten Angaben nicht mehr bezweifeln könne; die Sache sei
so einfach, dass er hoffe, mit Hilfe eines von ihm erprobten
leichten Motors, der nur 1 Pfund (etwa 3/4 deutsche Pfund) pro
Pferdekraft wöge, die Leistungen bei weitem zu übertreffen.
Chanute dagegen hatte selbst einen Flug von 3/4 Meile (1,2
Kilometer) gesehen und erkannte rückhaltlos an, dass Wrights
das Flugproblem in tadelloser Weise gelöst hätten. Die Maschine
sei äusserst einfach, und der Flug habe sich in überraschend
sicherer Weise vollzogen. Er, Chanute, sei zu der Einsicht
gekommen, dass die Brüder auf dem richtigen Wege seien, und
er habe deshalb schweren Herzens seine langjährigen Versuche
eingestellt, weil er mit ihnen nicht mehr konkurrieren könne.
[Footnote: Siehe auch Seite 24 unten und Seite 25.] Auf meinen
Wunsch machte er mir einige Zeugen der Flüge namhaft.
Illustration: Wilbur Wright: Zeigt dem König von Spanien, wie er bei Beginn des
Starts mit der rechten Hand den Sperrhebel löst, der die durch das Fallgewicht
im Zug befindliche Flugmaschine frei gibt.
Wilbur Wright: Zeigt dem König von Spanien, wie er bei Beginn des
Starts mit der rechten Hand den Sperrhebel löst, der die durch das
Fallgewicht im Zug befindliche Flugmaschine frei gibt.
„Demnächst begab ich mich mit einem berufenen Aeronauten,
dem seit 15 Jahren in New York lebenden deutschen Ingenieur
Karl Dienstbach, nach Dayton in Ohio und besuchte hier den
Vater den Brüder, den alten anglo-amerikanischen Bischof
Milton Wright. Der etwa 70jährige Greis bestätigte mir mit
einfachen Worten, dass er dem längsten Fluge beigewohnt hätte.
Er sei zufällig dazu gekommen; von ständiger Sorge um das
Schicksal seiner Söhne gequält, die sich so wagehalsigen
Flugübungen hingegeben hätten, sei er häufig auf das
Versuchsfeld gegangen und so Zeuge verschiedener Aufstiege
geworden. Ueber nähere Einzelheiten wollte er sich nicht
äussern. Hätte ich nach den Unterredungen mit den beiden
Konkurrenten der Wrights noch irgend welche Zweifel gehabt,
sie wären nach dem Besuche des Vaters zerstreut worden. Ich
meine, es kann nur wenige misstrauische Leute geben, die
diesem alten, ehrwürdigen Priester nicht Glauben schenken.
Doch das persönliche Gefühl sollte bei dieser wichtigen Sache
kein bestimmendes Wort mitsprechen; es galt daher, auch
gänzlich unparteiische Leute aufzusuchen.
„Wir 'verhörten' des weiteren Mister C.S. Billmann, Sekretär
eines Bankinstituts. In lebhafter Weise rief er aus: 'Well, sie
fliegt!' Dann schilderte er, wie überwältigend es ausgesehen
habe, als die Flugmaschine vom Boden emporgestiegen und in
leicht wellenförmiger Bahn etwa in Baumhöhe über die Felder
dahingeflogen sei; wie leicht sie dem Steuer gehorcht hätte und
zur Landung gekommen sei; 'wie eine Ente' habe sie sich auf
den Boden niedergelassen. Auf nähere Einzelheiten über die
Konstruktion liess er sich jedoch auch nicht ein. Er schloss mit
den Worten, den Brüdern sei auch bester pekuniärer Erfolg zu
wünschen, sie seien feingebildete Leute, die in harter Arbeit
gross geworden wären.
„Weit mitteilsamer war ein junger Apotheker, namens
Reubens Schindler, der als ungebetener Gast seinerzeit einem
längeren Fluge beigewohnt hatte. Er sei an einem Tage, an dem
er einen Probeflug vermutet habe, dem Vater Wright von weitem
gefolgt und so Zeuge einer tadellosen Fahrt geworden. Zufällig
kam in die Apotheke auch ein Arbeiter, der ebenfalls als
Zaungast bei einem Flugversuch zugegen gewesen war und uns
unter breiter Darstellung auch der nebensächlichsten Umstände
die Angaben des Herrn Schindler bestätigte.
„Von hier aus lenkten wir unsere Schritte zu einem alten
Spenglermeister, Henry Webbert, der die Flugmaschine häufig
in der Werkstatt seines Sohnes gesehen hatte. Dieser biedere
Handwerksmeister behandelte uns mit grosser Zurückhaltung,
machte uns aber doch höchst interessante Angaben über den
Flug selbst und über die Landung. Das Luftschiff sei so sanft auf
den Boden heruntergekommen, 'wie ein Truthahn, der vom
Baume herabfliegt'. In bezug auf die Geschwindigkeit übertrieb
der alte Herr allerdings etwas mit der Behauptung, 50 Meilen
(80 Kilometer) seien in einer Stunde zurückgelegt.
„Sehr viele Einzelheiten über die Konstruktion des
Flugapparates erfuhren wir sodann von einem deutschen
Eisenwarenhändler, namens Frank Hamburger, der sehr scharf
beobachtet hatte und seine Schilderungen durch einige Skizzen
anschaulicher zu machen suchte. Auch der Apotheker William
Foots zeigte für Technik grösseres Verständnis und gab uns
einzelne wertvolle Aufschlüsse, während der Ingenieur Laurenz
Wright zwar die Tatsache der Flüge bestätigte, im übrigen aber
jegliche Auskunft über Aussehen der Maschine verweigerte.
Illustration: Wilbur Wright erklärt dem neben ihm sitzenden König von Spanien
seine Flugmaschine.
Wilbur Wright erklärt dem neben ihm sitzenden König von Spanien seine
Flugmaschine.
„Zum Schluss gelang es uns, noch zwei höchst wichtige Leute
zu sprechen: C.V. Ellis, höheren Justizbeamten, und Torrence
Huffmann, Präsident der grössten Bank der Stadt. Die
Unterredung mit diesen angesehenen Leuten war uns ganz
besonders deshalb wertvoll, weil wir von ihnen Aufschluss
erhielten über die Gründe dafür, dass in Amerika nicht mehr
Wesens von den bedeutenden Erfolgen der Wrights gemacht
worden ist. Nach den ersten wohlgelungenen Flügen hätten die
Brüder eine grosse Anzahl Bürger zur Besichtigung eingeladen;
beim Herausbringen aus dem Schuppen sei aber das Luftschiff
beschädigt worden, und deshalb wären die Versuche aufgegeben
worden. Das enttäuschte Publikum habe von da an der Sache ein
grosses Misstrauen entgegengebracht; die Wrights dagegen
hätten seitdem niemand mehr eingeladen und den Zeitpunkt
weiterer praktischer Versuche geheimgehalten. Der
Bankpräsident meinte ausserdem, er sehe den praktischen Wert
der Maschine nicht ein; vor allem erscheine es ihm als ein
grosser Fehler, dass sie nur von einem langen Schienengleise
auffliegen könne.“
Es folgen sodann wieder einige Konstruktionseinzelheiten, und dann schliesst
der Bericht:
„Die Versuche haben auf einer rechteckigen, von Bäumen und
einem Schuppen umgebenen Wiese stattgefunden, die einen
Umfang von etwa einer Meile (1,6 Kilometer) hat. Beim
längsten Flug ist dieses Feld etwa 30 Mal umflogen worden. Die
Flüge sind sowohl bei ruhigem Wetter als auch bei starkem
Winde ausgeführt worden.
Illustration: Das hinten befindliche Horizontalsteuer
Das hinten befindliche Horizontalsteuer: ist bei der Landung beschädigt.
Man sieht oben rechts eine gebrochene Holzstrebe herausragen.
„Ich glaube, die Tatsache des Vorhandenseins der ersten
praktisch erprobten Flugmaschine kann wohl niemand mehr
ernstlich bestreiten; es ist unmöglich, dass sich so viele
angesehene Leute der verschiedensten Berufsklassen und des
verschiedensten Alters verabredet haben sollten, einem Erfinder
zuliebe das Blaue vorn Himmel herunterzulügen. Bei einem so
langen 'Verhör', das nach vorher genau festgesetztem Programm
angestellt worden ist, hätten sie sich in einzelne Widersprüche
verwickeln müssen. Es sei im übrigen bemerkt, dass ich aus
Zeitmangel nur 10 Leute aufgesucht habe; fast jeder einzelne
hatte mir noch weitere Zeugen namhaft gemacht. Warum nun
aber weigern sich die Gebrüder Wright, ihren Flieger
eventuellen Käufern vor Abschluss des Vertrages in freiem
Fluge vorzuführen? Wenn sie wirklich so grosse Erfolge erzielt
haben, hätten sie doch das Tageslicht nicht zu scheuen gehabt!
„Auch hierfür glaube ich eine plausible Antwort gefunden zu
haben. Der Flieger ist eben so einfach, dass sie fürchten, der
Käufer wendet nach Besichtigung keine so hohe Summe, wie
eine Million Dollars, an. Ausserdem glaube ich, dass eine sehr
grosse Uebung dazu gehört, die Flugmaschine zu führen.
„Es wird nicht jeder Luftschiffer imstande sein, sofort damit
loszufahren, sondern es gehört grosse Geschicklichkeit dazu, die
sich die Brüder Wright durch ihre zahlreichen Gleitflüge vorher
erworben hatten.
„Ich bin nun der Ansicht, dass wir jetzt, nachdem es erwiesen
ist, dass man auch mit Luftschiffen, deren Gewicht nicht durch
Gasballon getragen wird, fliegen kann, uns ernstlich der
Konstruktion von Flugapparaten zuwenden müssen. Dagegen
bin ich der festen Ueberzeugung, dass es nicht der hohen
Summe von vier Millionen Mark bedarf, wenn wir deutsche
Ingenieure und Flugtechniker—ich nenne z. B. Regierungsrat
Hofmann in Berlin—mit dieser Aufgabe betrauen. Wir werden
dann sicher nicht den amerikanischen Erfindern nachstehen.
„Hauptmann a.D. Hildebrandt.“
Illustration: Wright erteilt seinem Schüler Tissandier Unterricht
Wright erteilt seinem Schüler Tissandier Unterricht: Der Flieger steht
mit seinen Schlittenkufen etwas über dem Erdboden. Die linke Schraube
mit Welle und gekreuzter Kettenübertragung ist deutlich sichtbar.
Diese Veröffentlichung fand auch auszugsweise Platz in verschiedenen
deutschen, amerikanischen, englischen und französischen Zeitungen. Aber nur
wenige Leute waren auch durch diese Darstellung überzeugt, im Gegenteil,
mancher hervorragende deutsche Fachmann warf Verfasser noch bis zum Juni
1908 vor, er habe sich arg düpieren lassen. Nunmehr kam aber am 10. Februar
1908 aus New York die Nachricht, dass die amerikanische Regierung 3
Aeroplane bestellt habe, einen bei den Gebrüdern Wright für 25000 Dollar, den
zweiten bei dem hier schon genannten Herring für 20000 Dollar und den dritten bei einem Flugtechniker Skott in Chicago für 1000 Dollar. Die Bedingungen,
unter denen die Regierung die Abnahme der Flieger vollziehen wollte, waren
folgende: „Die Abnahmeversuche finden statt unter Aufsicht des Signalkorps in
Fort Myers in Virginia. Die verlangten Leistungen sind folgende: 1. eine
Schnelligkeitsprüfung über eine Strecke von 16 Kilometer 900 Meter auf einer
Fahrt hin und zurück; 2. ein Flug von einstündiger Dauer über eine Strecke von
64,30 Kilometer—40 Meilen—ohne Zwischenlandung. Der Aeroplan muss mit
zwei Personen bemannt sein. Jede Maschine kann drei Abnahmefahrten
unternehmen.“ Wenn ein Apparat weniger als 40 Meilen in der Stunde
zurücklegt, so wird der Kaufpreis vermindert. Bei einer geringeren
Geschwindigkeit als 36 Meilen in der Stunde wird die Maschine nicht
abgenommen; wird dagegen eine grössere Geschwindigkeit erreicht, so wird der
Kaufpreis erhöht. Bei einer Geschwindigkeit von 60 Meilen in der Stunde wird
er sogar fast verdoppelt. Sobald irgend ein Punkt des Programms nicht genau
eingehalten werden sollte, wird 10 Proz. der gestellten Kaution zurückbehalten.
Die Wrights hatten 2500 Dollar Kaution zu stellen. Im Mai 1908 begaben sich
nun die beiden Brüder in ihre alte Einöde zu Kill Devil bei Kitty Hawk, wo sie,
weit entfernt von den wenig Anerkennung zeigenden Mitbürgern ihrer
Heimatstadt, ungestört arbeiten konnten.
Illustration: König Eduard von England begibt sich auf dem Felde Pont Long bei
Pau zum Startplatz des Fliegers
König Eduard von England begibt sich auf dem Felde Pont Long bei Pau
zum Startplatz des Fliegers: Rechts neben dem König Lord Cunraven,
hinter diesem Ingenieur Rozendaal.
Illustration: Minister Barthou im Aeroplan
Minister Barthou im Aeroplan: Rechts beginnt ein Gehilfe die Schraube
anzuwerfen. Wright gibt Zündung. Der lange Zylinder enthält Benzin.
Zwischen Wright und Barthou ist der Wasserbehälter sichtbar.
Ihre Versuche hatten den Zweck, die während der fast dreijährigen Pause
verlorene Uebung wieder zu erreichen. Es wurden eine Anzahl von Flügen in der
Zeit vom 14. bis 16. Mai ausgeführt, die zunächst in gerader Linie gegen den
Wind gingen und alsdann mit dem Ausfahren von Kreisen endeten. Der längste
Flug dauerte 7 Minuten 29 Sekunden, und führte bei einer Windgeschwindigkeit
von 8 Metern in der Sekunde über eine Strecke von 8,03 Kilometern.
Rekordflüge waren nicht beabsichtigt; die Flüge wurden meistenteils nur von
einem ausgeführt.
Schon am 10. April hatte sich in Frankreich infolge der Bemühungen des erst
kürzlich von der französischen Regierung für seine Verdienste um die
Flugtechnik mit dem Kreuze der Ehrenlegion ausgezeichneten Herrn Hart
O’Berg unter Leitung von Lazare Weiller eine Gesellschaft gebildet, die für die
Summe von 500000 Francs die französischen Patente der Wrights ankaufen
wollte. Am 1. Juni traf Wilbur Wright in Paris ein, um dort mit Hilfe seines
Bevollmächtigten Hart O’Berg die Bedingungen zu erfüllen.
Illustration: Die mit 2 Personen bemannte Flugmaschine
Die mit 2 Personen bemannte Flugmaschine: schwebt auf dem Felde bei
Pau über ihrem Hangar. In der Mitte sieht man vor dem Zaune eine der
kleinen, einrädigen Plattformen, auf denen der Flieger vor dem Start mit
den Seiten ruht
Orville Wright blieb einstweilen in Amerika, wo er in Fort Myers am 3.
September mit den Abnahmefahrten begann. Als erster Passagier wurde in dem
Aeroplan der Leutnant Frank P. Lahm mitgenommen, der seinerzeit im ersten
Gordon-Bennett-Wettfliegen von Paris aus Sieger geblieben war. Als zweiter
Passagier wurde Major Squir vom Signalkorps mitgenommen, und als dritter
nahm am 17. September der Leutnant Selfridge an der Seite Orvilles Platz. An
jenem Tage war der Durchmesser der Schrauben um 3 Zentimeter vergrössert. In
30 Meter Höhe riss plötzlich einer der Steuerdrähte; dadurch geriet der
korrespondierende Draht, nunmehr schlaff geworden, in die Schraube, der
Flieger geriet ins Schwanken und senkte sich aus 30 Meter etwas herab,
überschlug sich sodann und stürzte mit einem heftigen Stoss auf den Boden.
Orville Wright hatte einen komplizierten Schenkelbruch, eine Stirnwunde und
verschiedene Kontusionen erlitten. Leutnant Selfridge stöhnte noch etwas und
hauchte bald sein Leben aus. Die Versuche in Amerika wurden nunmehr
ausgesetzt, da Orville Wright längere Zeit zu seiner Wiederherstellung bedurfte.
Er hatte bereits sehr schöne Resultate erzielt und einen Weltrekord geschaffen.
Am 12. September 1908 hatte er einen Flug von einer Stunde 15 Minuten und 20
Sekunden in einer Höhe von etwa 60 Metern zurückgelegt.
Illustration: Der Flieger im Fluge, von vorn gesehen
Der Flieger im Fluge, von vorn gesehen: Aufnahme aus einem
Militärballon bei Rom.
Wilbur Wright hatte sich inzwischen mit Hart O’Berg nach Le Mans begeben,
wo er auf dem Rennplatze von Hunaudiere am 8. August seine Versuche begann. Anfangs gelangen die Versuche nicht so gut, namentlich deshalb nicht, weil
Wright in der Betätigung der Steuerhebel unsicher geworden war. Die Maschine
war für zwei Personen eingerichtet. Seine ersten Versuche unternahm er allein;
er musste sich also wieder an die Steuerung allein gewöhnen. Da der Rennplatz
zu klein war, siedelte er bald nach dem Schiessplatz Auvours über, wo er sich
einen kleinen Schuppen bauen liess, in dem er seinen Aeroplan unterbrachte und
auch sich selbst einquartierte. Auf dem Rennplatz war der längste Flug am 13.
August mit 8 Minuten 13 Sekunden ausgeführt worden. Die Versuche wurden
am 21. August auf dem Schiessplatze Auvours fortgesetzt. Den Dauerrekord mit
einem Passagier stellte er am 3. Oktober mit einem Fluge von 55 Minuten 37,2
Sekunden mit Franz Reichel vom „Figaro“ auf. Am 18. November schuf er mit
110 Metern Höhe seinen Weltrekord, und am 21. September schlug dann Wilbur
Wright auch den Rekord seines Bruders, indem er 1 Stunde 31 Minuten und 25
Sekunden in der Luft blieb und 66,6 Kilometer zurücklegte. Am 16. September
hatte er zum ersten Male einen Passagier, den französischen Luftschiffer Ernest
Zens, mitgenommen.
Am 7. Oktober bestieg als erste Dame den Führersitz Frau Hart O’Berg. In der
Folge sind dann eine grosse Anzahl von Flügen mit den verschiedensten
Passagieren an Bord durchgeführt worden, und am 31. Dezember stellte Wilbur
Wright mit einem Fluge von 2 Stunden 20 Minuten und 23 Sekunden den
Dauerweltrekord auf. 124,7 Kilometer betrug die hierbei zurückgelegte Strecke.
Er gewann damit den grossen Preis, der von Michelin gestiftet war und 20000
Francs betrug.
Illustration: Orville, Katherine, Wilbur Wright
Orville, Katherine, Wilbur Wright
Die französischen Patente wurden nunmehr von der Weiller-Gesellschaft unter
der Bedingung übernommen, dass Wilbur Wright drei Schüler, die ihm von der
Gesellschaft bezeichnet würden, im Lenken seines Aeroplans ausbilde. Er
verlegte sein Versuchsfeld am 3. Januar nach Pau in Südfrankreich, wo ihm die
Stadt bei Pontlong ein grosses Aerodrom erbaut hatte. Seine ersten Schüler
waren Paul Tissandier, Graf Lambert und der Hauptmann der französischen
Genietruppen Lucas Gerardville. Bereits am 6. Januar führte er hier seine ersten
Flüge aus und errang sich am 8. durch einen Flug von 112 Kilometern den Preis
von Triaca. Am 15. Februar fuhr Wilburs Schwester Katherine zum erstenmal im
Aeroplan mit dem Bruder. Am 17. Februar liess sich König Eduard in Pau den
Apparat vorführen und wohnte einem Aufstiege bei, der eine halbe Stunde dauerte. Fünf Tage später besichtigte König Alfons von Spanien, der eigens von
San Sebastian gekommen war, die Flugmaschine. Am 6. März wurden die
Brüder durch den Titel eines „Doktor-Ingenieurs“, den ihnen die Technische
Hochschule in München verliehen, ausgezeichnet. Am 8. April machte Wright
mit seinen Schülern den letzten Aufstieg in Pau, erklärte ihre Ausbildung für
beendet und begab sich nach Rom, um seinen Aeroplan dort der italienischen
Regierung vorzuführen und einen Schüler auszubilden. Unmittelbar nach seiner
Abreise von Pau wurde der dort benutzte, ziemlich stark mitgenommene Apparat
im Auftrage der französischen Regierung nach Paris geschafft, um dort im
Konservatorium der Künste und des Handwerks Aufstellung zu finden. Auch in
Rom gelang es Wilbur, ganz Italien durch seine hervorragenden Leistungen von
seinem grossen Können zu überzeugen. Am 24. April führte er seinen Apparat
dem Könige von Italien vor, und bereits am 28. April konnte sein Schüler, der
Genieleutnant Calderara, trotz starken Regens selbständig einen Flug von 35
Minuten Dauer vollführen. Durch Aussetzen des Motors stürzte der Apparat
damals aus einer Höhe von drei Metern zur Erde herab, der Lenker blieb
unverletzt, während das Steuer brach und die Schraubenachse verbogen wurde.
In kurzer Zeit konnten die Schäden an der Maschine aber beseitigt werden, und
am 6. Mai sehen wir Calderara einen neuerlichen Flug unternehmen, der aber
infolge eines Ohnmachtsanfalles des Aviatikers ein tragisches Ende nehmen
sollte. In einer Höhe von 40 Metern kippte der Aeroplan um, die Maschine
stürzte zu Boden und begrub den Lenker unter ihren Trümmern. Die beiden
Steuer waren gebrochen, die Tragflächen und die Spanndrähte verbogen und
zerrissen. Calderara hatte mehrere Brüche und eine Gehirnerschütterung erlitten
und wurde nach Rom ins Spital gebracht. Bereits nach Monatsfrist war er
geheilt. Auch die Maschine war wiederhergestellt worden, so dass der Offizier
am 19. Juli abermals einen kurzen Flug unternahm. Später wurde von seinem
behandelnden Arzte festgestellt, dass er zu Ohnmachtsanfällen neige, weshalb er
das Lenken von Aeroplanen endgültig aufgeben musste.
Illustration: Katherine und Orville Wright
Katherine und Orville Wright: machen in Pau unter der Führung des
Franzosen Ernest Zens (links im Korbe) ihre erste Freiballonfahrt