Die großen Mächte

Leopold von Ranke · Kapitel 9 von 10

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Die großen Mächte

[Schlußworte nach dem Texte der Historisch-politischen Zeitschrift 2. Band, 1833]

[Schlußworte nach dem Texte der Historisch-politischen

 

Zeitschrift 2. Band, 1833]

 

Sind wir nun von einer geistigen Gewalt angegriffen, so müssen wir ihr geistige

Kräfte entgegensetzen. Dem Übergewichte, das eine andere Nation über uns zu

bekommen droht, können wir nur durch die Entwickelung unsrer eigenen

Nationalität begegnen. Ich meine nicht einer erdachten, chimärischen, sondern

der wesentlichen, vorhandenen, in dem Staate ausgesprochenen Nationalität.

 

Wie aber, wird man mir erwidern, ist nicht die Welt gerade in der Ausbildung

einer immer engern Gemeinschaft begriffen? Würde nicht diese Richtung, die sie

genommen, durch den Gegensatz der Völker und Volkstümlichkeiten, der

Staaten und ihrer Prinzipien gehindert, eingeengt werden?

 

Es verhält sich damit, wenn ich mich nicht täusche, wie mit der Literatur. Nicht

damals hat man von einer Weltliteratur geredet, als die französische Europa

beherrschte; erst seitdem ist diese Idee gefaßt, ausgesprochen und verbreitet

worden, seit die meisten Hauptvölker von Europa ihre eigene Literatur

selbständig und oft genug im Gegensatz miteinander entwickelt haben. Ist es mir

erlaubt, ein kleines Verhältnis mit den großen zu vergleichen, so möchte ich

daran erinnern, daß nicht diejenige Gesellschaft Genuß und Förderung gewährt,

wo einer das Wort führt und die Unterhaltung leitet, noch auch die, wo alle auf

gleicher Stufe oder, wenn man will, in gleicher Mittelmäßigkeit nur immer

dasselbe sagen. Da erst fühlt man sich wohl, wo sich mannigfaltige

Eigentümlichkeiten, in sich selber rein ausgebildet, in einem höhern

Gemeinsamen begegnen, ja wo sie dies, indem sie einander lebendig berühren

und ergänzen, in dem Momente hervorbringen. Es würde nur eine leidige

Langeweile geben, wenn die verschiedenen Literaturen ihre Eigentümlichkeit

vermischen, verschmelzen sollten. Nein! die Verbindung aller beruht auf der

Selbständigkeit einer jeden. Auf das lebendigste und immerfort können sie

einander berühren, ohne daß doch eine die andere übermeistere und in ihrem

Wesen beeinträchtige.

 

Nicht anders verhält es sich mit den Staaten, den Nationen. Entschiedenes

positives Vorwalten einer einzigen würde den andern zum Verderben gereichen. Eine Vermischung aller würde das Wesen einer jeden vernichten. Aus Sonderung

und reiner Ausbildung wird die wahre Harmonie hervorgehen.

 

Diese Abhandlung Leopold von

Rankes gelangt hier mit Genehmigung

des Verlages von Duncker & Humblot

in München und Leipzig zum Abdruck.

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Der Druck erfolgte in der Piererschen

Hofbuchdruckerei in Altenburg.