Die großen Mächte

Leopold von Ranke · Kapitel 3 von 10

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Die großen Mächte

Die großen Mächte

 

Mit Studien und Lektüre verhält es sich nicht anders als mit den

Wahrnehmungen einer Reise, ja mit den Ereignissen des Lebens selbst. So sehr

uns das einzelne anziehen und fördern mag, indem wir es genießen, so tritt es

doch mit der Zeit in den Hintergrund zurück, verwischt sich, verschwindet; nur

die großen Eindrücke, die wir auf einer oder der anderen Stelle empfinden, die

Gesamtanschauungen, die sich uns unwillkürlich oder durch besonders

aufmerksame Beobachtungen ergaben, bleiben übrig und vermehren die Summe

unseres geistigen Besitzes. Die vornehmsten Momente des genossenen Daseins

treten in der Erinnerung zusammen und machen ihren lebendigen Inhalt aus.

 

Gewiß tut man wohl, nach der Lektüre eines bedeutenden Werkes sich die

Resultate desselben, soweit man es vermag, abgesondert vorzulegen, die

wichtigeren Stellen noch einmal zu übersehen; es ist ratsam, zuweilen die

Summe eines mehrere umfassenden Studiums zu ziehen; ich gehe weiter und

lade den Leser ein, sich die Ergebnisse einer langen historischen Periode, die nur

durch mannigfaltige Bemühungen kennen zu lernen ist – der letzten anderthalb

Jahrhunderte –, einmal im Zusammenhange zu vergegenwärtigen.

 

Ohne Zweifel hat in der Historie auch die Anschauung des einzelnen Momentes

in seiner Wahrheit, der besonderen Entwickelung an und für sich einen

unschätzbaren Wert; das Besondere trägt ein Allgemeines in sich. Allein niemals

läßt sich doch die Forderung abweisen, vom freien Standpunkte aus das Ganze

zu überschauen; auch strebt jedermann auf eine oder die andere Weise dahin; aus

der Mannigfaltigkeit der einzelnen Wahrnehmungen erhebt sich uns

unwillkürlich eine Ansicht ihrer Einheit.

 

Nur ist es schwer, eine solche auf wenigen Blättern mit gehöriger Rechtfertigung

und einiger Hoffnung auf Beistimmung mitzuteilen. Ich will mich jedoch einmal

daran wagen.

 

Denn womit könnte ich einen neuen Band dieser Zeitschrift[1] besser einleiten,

als wenn ich einige Irrtümer über den Bildungsgang der modernen Zeiten, die

sich fast allgemein verbreitet haben, zu erschüttern vermöchte, wenn es mir einigermaßen gelänge, den Weltmoment, in dem wir uns befinden, deutlicher

und unzweifelhafter, als es gewöhnlich geschehen mag, zur Anschauung zu

bringen?

 

Wage ich mich nun an diesen Versuch, so darf ich nicht zu weit zurückgreifen, es

wäre sonst notwendig eine Weltgeschichte zu schreiben; auch halte ich mich

absichtlich an die großen Begebenheiten, an den Fortgang der auswärtigen

Verhältnisse der verschiedenen Staaten; der Aufschluß für die inneren, mit denen

jene in der mannigfaltigsten Wirkung und Rückwirkung stehen, wird darin

großenteils enthalten sein.