Die großen Mächte
Die großen Mächte
Mit Studien und Lektüre verhält es sich nicht anders als mit den
Wahrnehmungen einer Reise, ja mit den Ereignissen des Lebens selbst. So sehr
uns das einzelne anziehen und fördern mag, indem wir es genießen, so tritt es
doch mit der Zeit in den Hintergrund zurück, verwischt sich, verschwindet; nur
die großen Eindrücke, die wir auf einer oder der anderen Stelle empfinden, die
Gesamtanschauungen, die sich uns unwillkürlich oder durch besonders
aufmerksame Beobachtungen ergaben, bleiben übrig und vermehren die Summe
unseres geistigen Besitzes. Die vornehmsten Momente des genossenen Daseins
treten in der Erinnerung zusammen und machen ihren lebendigen Inhalt aus.
Gewiß tut man wohl, nach der Lektüre eines bedeutenden Werkes sich die
Resultate desselben, soweit man es vermag, abgesondert vorzulegen, die
wichtigeren Stellen noch einmal zu übersehen; es ist ratsam, zuweilen die
Summe eines mehrere umfassenden Studiums zu ziehen; ich gehe weiter und
lade den Leser ein, sich die Ergebnisse einer langen historischen Periode, die nur
durch mannigfaltige Bemühungen kennen zu lernen ist – der letzten anderthalb
Jahrhunderte –, einmal im Zusammenhange zu vergegenwärtigen.
Ohne Zweifel hat in der Historie auch die Anschauung des einzelnen Momentes
in seiner Wahrheit, der besonderen Entwickelung an und für sich einen
unschätzbaren Wert; das Besondere trägt ein Allgemeines in sich. Allein niemals
läßt sich doch die Forderung abweisen, vom freien Standpunkte aus das Ganze
zu überschauen; auch strebt jedermann auf eine oder die andere Weise dahin; aus
der Mannigfaltigkeit der einzelnen Wahrnehmungen erhebt sich uns
unwillkürlich eine Ansicht ihrer Einheit.
Nur ist es schwer, eine solche auf wenigen Blättern mit gehöriger Rechtfertigung
und einiger Hoffnung auf Beistimmung mitzuteilen. Ich will mich jedoch einmal
daran wagen.
Denn womit könnte ich einen neuen Band dieser Zeitschrift[1] besser einleiten,
als wenn ich einige Irrtümer über den Bildungsgang der modernen Zeiten, die
sich fast allgemein verbreitet haben, zu erschüttern vermöchte, wenn es mir einigermaßen gelänge, den Weltmoment, in dem wir uns befinden, deutlicher
und unzweifelhafter, als es gewöhnlich geschehen mag, zur Anschauung zu
bringen?
Wage ich mich nun an diesen Versuch, so darf ich nicht zu weit zurückgreifen, es
wäre sonst notwendig eine Weltgeschichte zu schreiben; auch halte ich mich
absichtlich an die großen Begebenheiten, an den Fortgang der auswärtigen
Verhältnisse der verschiedenen Staaten; der Aufschluß für die inneren, mit denen
jene in der mannigfaltigsten Wirkung und Rückwirkung stehen, wird darin
großenteils enthalten sein.