Die großen Mächte

Leopold von Ranke · Kapitel 5 von 10

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Die großen Mächte

England, Österreich, Rußland

 

Zuerst erhob sich England zu dem Gefühle seiner Stärke. Dies war, sahen wir,

bisher dadurch zurückgehalten, gebrochen worden, daß Ludwig XIV. zugleich

Karl II. und das Parlament bearbeitete und bald den einen, bald das andere für

seine Zwecke zu bestimmen wußte. Mit Jakob II. aber stand Ludwig in einem

viel vertraulicheren Verhältnis als mit Karl. Wenn nichts anderes, so vereinigte

sie schon ihre religiöse Gesinnung, die gemeinschaftliche Devotion. Daß Jakob

den Katholizismus so auffallend begünstigte, war einem Fürsten erwünscht, der

die Protestanten selber grausam verfolgte. Ludwig ergoß sich in Lob, und der

englische Gesandte kann nicht genug sagen, mit welcher Herzlichkeit er sich zu

jedem erdenklichen Beistand erboten habe, als Jakob den entscheidenden Schritt

getan und die Bischöfe gefangen gesetzt hatte. Aber eben dies bewirkte, daß alle

popularen und, da die englische Kirche angegriffen war, selbst die

aristokratischen Gewalten sich zugleich ihrem Könige und den Franzosen

entgegenwarfen. Es war eine religiöse, nationale und im Interesse des bedrohten

Europas unternommene Bewegung, der die Stuarts unterlagen. Eben der leitete

sie, der bisher die Seele aller Unternehmungen gegen Frankreich gewesen war,

Wilhelm III. Der neue König und sein Parlament bildeten seitdem eine einzige

Partei. Es konnte Streitigkeiten, selbst heftige Streitigkeiten zwischen ihnen

geben, aber auf die Dauer, in der Hauptsache konnten sie sich nicht wieder

entzweien, zumal da der Gegensatz so stark war, den sie gemeinschaftlich

erfuhren. Die Parteien, die sich bisher in die Extreme geworfen, um einander

von den entgegengesetztesten Standpunkten aus zu befehden, wurden in den

Kreis des Bestehenden verwiesen, wo sie freilich auch miteinander stritten, aber

sich zugleich miteinander ausglichen, wo ihr Widerstreit zu einem lebendigen

Gärungsstoff der Verfassung wurde. Es ist nicht ohne Interesse, diesen Zustand

mit dem französischen zu vergleichen. Sie hatten doch vieles gemein. In

Frankreich wie in England waren aristokratische Geschlechter im Besitz der

Gewalt; die einen wie die anderen genossen einer alle anderen ausschließenden

Berechtigung; sie besaßen dieselbe beide vermöge ihrer Religion, die einen

durch ihren Katholizismus, die anderen durch ihren Protestantismus. Dabei aber

bestand der größte Unterschied. In Frankreich war alles Uniformität,

Unterordnung und Abhängigkeit eines reich entwickelten, aber sittlich verderbten Hofwesens. In England ein gewaltiges Ringen, ein politischer

Wettkampf zweier fast mit gleichen Kräften ausgerüsteter Parteien innerhalb

eines bestimmten, umschriebenen Kreises. In Frankreich schlug die nicht ohne

Gewalt gepflanzte Devotion nur zu bald in ihr offenbares Gegenteil um. In

England bildete sich eine vielleicht beschränkte, im ganzen männlich

selbstbewußte Religiosität aus, die ihre Gegensätze überwand. Jenes verblutete

an den Unternehmungen eines falschen Ehrgeizes; diesem strotzten die Adern

von jugendlicher Kraft. Es war, als träte der Strom der englischen Nationalkraft

nun erst aus den Gebirgen, zwischen denen er sich bisher zwar tief und voll, aber

enge, sein Bette gewühlt, in die Ebene hervor, um sie in stolzer Majestät zu

beherrschen, Schiffe zu tragen und Weltstädte an seinen Ufern gründen zu sehen.

Das Recht der Geldbewilligung, über welches bisher die meisten Streitigkeiten

zwischen dem König und dem Parlament ausgebrochen, fing nun vielmehr an,

sie miteinander zu verbinden. Karl II. hatte während des Vierteljahrhunderts

seiner Regierung alles in allem dreiundvierzig Millionen Pfund eingenommen.

Wilhelm empfing binnen dreizehn Jahren zweiundsiebenzig Millionen Pfund;

wie ungeheuer aber stiegen seitdem diese Anstrengungen! Eben darum stiegen

sie, weil sie freiwillig waren, weil man sah, daß ihr Ertrag nicht dem Luxus

weniger Hofleute, sondern dem allgemeinen Bedürfnis diente. Da war das

Übergewicht der englischen Marine nicht lange zweifelhaft. Im Jahre 1678 war

es als ein blühender Zustand der königlichen Flotte erschienen, daß sie, die

Brander eingeschlossen, 83 Kriegsschiffe zählte, mit einer Bemannung von

18323 Mann. Im Dezember 1701 besaß man dagegen, Brander und kleinere

Fahrzeuge ausgeschlossen, 184 Schiffe vom ersten bis sechsten Range mit einer

Bemannung von 53921 Mann. Wenn, wie man glaubt, der Ertrag des Postwesens

einen Maßstab für den inneren Verkehr abgibt, so muß man sagen, daß auch

dieser ungemein gestiegen war. Im Jahre 1660 soll die Post 12000 Pfund, im

Jahre 1699 dagegen 90504 Pfund Sterling abgeworfen haben. Man hat gleich

damals bemerkt, daß das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen

Erbfolgekriege die Besorgnis war, Frankreich und Spanien vereinigt möchten

den westindischen Verkehr den Engländern und Holländern wieder entreißen.

Hätte auch sonst der Friede, den man zuletzt schloß, den Tadel verdient, den die

Whigs so lebhaft über denselben aussprachen, so hat er doch diese Furcht

beseitigt. Nichts bezeichnet mehr das Übergewicht der Engländer über die

bourbonischen Mächte, als daß sie Gibraltar behaupteten. Den besten Verkehr

mit den spanischen Kolonien brachten sie nunmehr sogar durch Vertrag an sich,

indes die eigenen sich in ungeheuerem Fortschritt ausbreiteten. Wie Batavia vor

Kalkutta, so verschwand seitdem der alte maritime Glanz von Holland vor dem

englischen, und schon Friedrich der Große fand zu bemerken, Holland folge dem Nachbar wie ein Boot seinem Schiff. Die Vereinigung mit Hannover brachte ein

neues, kontinentales, nicht minder antifranzösisches Interesse hinzu. In dieser

großen Bewegung erhob sich die englische Literatur zuerst zu europäischer

Wirksamkeit, und sie fing an, mit der französischen zu wetteifern.

Naturforschung und Philosophie, diese sowohl in der einen als in der anderen

ihrer Richtungen, brachten eine neue und originale Weltansicht hervor, in der

jener die Welt übermeisternde Geist sich selber faßte und widerspiegelte. Zwar

würde man zu viel behaupten, wenn man den Engländern die Schöpfung

vollendeter, in der Form unvergänglicher Denkmale der Poesie oder der Kunst in

dieser Zeit zuschreiben wollte; aber herrliche Genies hatten sie auch damals, und

längst besaßen sie wenigstens einen großen Dichter, dessen Werke – für alle

Zeiten faßlich und wirksam, wie sie sind – Europa nun erst kennen lernte. Hatten

sie eine Zeitlang französische Formen nicht verschmäht, so nahm man nun an

den ausgezeichnetsten Franzosen die Wirkung ihres Geistes und ihrer

Wissenschaft wahr.

 

Dergestalt setzte sich Ludwig XIV. jenem Nebenbuhler, dessen er durch Politik

oder den Einfluß der Religion Herr zu werden gehofft hatte, mächtiger in sich,

großartiger und gefährlicher, als man irgend hatte erwarten können, entgegen.

Alle maritimen Beziehungen, alle Verhältnisse des europäischen Westens

wurden dadurch von Grund aus verändert.

 

Indessen war zur nämlichen Zeit auch der Osten umgestaltet.

 

Ich kann die Meinung nicht teilen, daß das deutsche Österreich in der

Bedeutung, in der wir es erblicken, eine alte Macht zu nennen sei. Während des

Mittelalters hätte es ohne das Kaisertum nur wenig zu sagen gehabt. Dann ward

es von der spanischen Monarchie zugleich mit fortgezogen und in Schatten

gestellt; am Ende des sechzehnten Jahrhunderts war es durch den Zwiespalt der

Religion und die erblichen Berechtigungen der Stände in seinen verschiedenen

Landschaften alles auswärtigen Ansehens entkleidet worden; im Anfang des

Dreißigjährigen Krieges mußten deutsche Heere dem Kaiser sein Erbland

wiedererobern. Selbst der Glanz, den die wallensteinischen Unternehmungen auf

Ferdinand II. warfen, war doch nur vorübergehend; und welche gewaltsame

Rückwirkung riefen sie nicht hervor! Wie oft wurden seitdem die Hauptstädte

österreichischer Provinzen von den schwedischen Heeren bedroht! Jedoch

gelang es eben damals dem Hause Österreich, durch die Vernichtung seiner

Gegner, die Erhebung seiner Anhänger, die endliche Befestigung des

Katholizismus seine Macht im Innern auf immer zu begründen. Es war der erste

Schritt zu dem Ansehen, das es in neuerer Zeit erworben hat. Zu einer selbständigen und europäisch bedeutenden Macht wurde aber Österreich erst

durch die Wiedereroberung von Ungarn. Solange Ofen in den Händen der

Türken war, konnten die Franzosen Österreich bedrohen, ja außerordentlich

gefährden, sooft es ihnen gefiel, ihren Einfluß auf den Diwan dahin zu

verwenden. Haben sie den Zug Kara Mustaphas im Jahre 1683 auch nicht

veranlaßt, so haben sie doch darum gewußt. Ihre Absicht war dabei nicht,

Deutschland oder die Christenheit zu verderben; so weit gingen sie nicht; aber

Wien wollten sie nehmen, die Türken wollten sie selbst bis an den Rhein

vordringen lassen. Dann wäre Ludwig XIV. als der einzige Schirm der

Christenheit hervorgetreten; in der Verwirrung, die eine solche Bewegung hätte

hervorbringen müssen, würde es ihm nicht haben fehlen können, über die

deutsche Krone zu verfügen und sie, wenn er nur wollte, selbst an sich zu

nehmen.

 

Unter den Mauern von Wien schlug dieser Plan fehl. Es war die letzte große

Anstrengung der Türken, die um so verderblicher auf sie zurückwirkte, da sie

alle ihre Kräfte dazu in barbarischem Übermaße aufgewendet hatten. Seitdem

wichen denn vor den deutschen Kriegsscharen, welche, wie ein Italiener sagt,

»wie eine starke, undurchdringliche Mauer« vorrückten, die ungeordneten

türkischen Haufen allenthalben zurück; vergebens erklärte ein Fetwa des Mufti,

daß Ofen der Schlüssel des Reiches und die Verteidigung dieses Platzes eine

Glaubenspflicht sei; es ging doch verloren; ganz Ungarn ward wiedererobert und

zu einem erblichen Reiche gemacht. Die Mißvergnügten unterwarfen sich; in die

Grenzen von Niederungarn rückte eine Raizische Bevölkerung ein, um dieses

fortan wider die Türken zu verteidigen. Seitdem hatte Österreich eine ganz

andere Grundlage als früher. Sonst wurden alle Kriege in Ungarn von deutschen

Heeren geführt, und man sagte, alle dortigen Flüsse seien mit deutschem Blute

gefärbt; jetzt erschienen die Ungarn als der Kern der österreichischen Heere in

den deutschen Kriegen. Nun war es der französischen Diplomatie nicht mehr

möglich, die Türken bei jedem leichten Anlaß in das Herz der Monarchie zu

rufen; nur noch einmal fand sie bei den Mißvergnügten Beistand und Hilfe;

endlich war alles ruhig; eben auf diejenige Provinz, die ihn bisher am meisten

gefährdet hatte, gründete seitdem der Kaiser seine Gewalt.

 

Man sieht von selbst, welch eine Veränderung die Befestigung dieser stabilen,

reichen, wohlbewaffneten Macht, welche die Türken in Zaum, ja in Furcht hielt,

in den Verhältnissen des europäischen Ostens hervorbringen mußte.

 

Ludwig XIV. erlebte wenigstens den Anfang noch einer anderen.

Die Zustände von Polen, durch die es ihm leicht wurde, in diesem Lande immer

eine Partei zu haben, die Macht von Schweden, das durch Herkommen und alten

Bund wenigstens in der Regel an ihn geknüpft war, gaben ihm ohne viel

Anstrengung ein entschiedenes Übergewicht in dem Norden. Karl XII. machte

darin keine Änderung. Es war einer seiner ersten Entschlüsse, wie er zu seinem

Kanzler sagte, »schlechterdings die Allianz mit Frankreich abzuschließen und zu

dessen Freunden zu gehören.« Es ist wahr, der Spanische Erbfolgekrieg und der

Nordische, die hierauf fast zu gleicher Zeit begannen, hatten keinen

vorausbedachten, durch Unterhandlungen vermittelten Zusammenhang, obwohl

man ihn oft vermutete; aber die schwedischen Unternehmungen kamen den

Franzosen durch ihren Erfolg zustatten; in der Tat hatten die Begebenheiten eine

gleichartige Tendenz. Während die spanische Sukzession dienen sollte, den

Bourbonen den Süden von Europa in die Hände zu liefern, waren die alten

Verbündeten der Bourbonen, die Schweden, nahe daran, die Herrschaft in dem

Norden völlig an sich zu bringen. Nachdem Karl XII. die Dänen überfallen und

zum Frieden gezwungen, nachdem er Polen erobert und einen König daselbst

gesetzt, nachdem er die Hälfte von Deutschland, das in seinem Osten nicht viel

besser befestigt war, als in seinem Westen, durchzogen und Sachsen eine

Zeitlang innegehabt, blieb ihm zur Befestigung seiner Suprematie nichts mehr

übrig, als den Zaren, den er schon einmal geschlagen, völlig zu vernichten. Dazu

brach er mit seinem in Sachsen verjüngten Heere auf. Der Zar hatte sich indes

mit großer Anstrengung gerüstet. Es kam zu dem entscheidenden Kampfe des

Jahres 1709. Sie begegneten einander noch einmal, diese beiden nordischen

Heroen, Karl XII. und Peter I., originale Geburten germanischer und slawischer

Nationalität. Ein denkwürdiger Gegensatz. Der Germane großgesinnt und

einfach, ohne Flecken in seinem Lebenswandel, ganz ein Held, wahr in seinen

Worten, kühn in seinem Vornehmen, gottesfürchtig, hartnäckig bis zum

Eigensinn, unerschütterlich. Der Slawe, zugleich gutmütig und grausam, höchst

beweglich, noch halb ein Barbar, aber mit der ganzen Leidenschaftlichkeit einer

frischen lernbegierigen Natur den Studien und Fortschritten der europäischen

Nationen zugewandt, voll von großen Entwürfen und unermüdlich, sie

durchzusetzen. Es ist ein erhabener Anblick, den Kampf dieser Naturen

wahrzunehmen. Man könnte zweifeln, welches die vorzüglichere war; so viel ist

gewiß, daß sich die größere Zukunft an die Erfolge des Zaren knüpfte. Während

Karl für die wahren Interessen seiner Nation wenig Sinn zeigte, hatte Peter die

Ausbildung der seinigen, die er selbst vorbereitet und begonnen, an seine Person

geknüpft und ließ dieselbe sein vornehmstes Augenmerk sein. Er trug den Sieg

davon. In dem Berichte, den er über die Schlacht von Pultawa an seine Leute

ergehen ließ, fügte er in einer Nachschrift hinzu, »damit sei der Grundstein zu St. Petersburg gelegt.« Es war der Grundstein zu dem ganzen Gebäude seines

Staates und seiner Politik. Seitdem fing Rußland an, in dem Norden Gesetze zu

geben. Es wäre ein Irrtum, wenn man glauben wollte, es hätte dazu einer langen

Entwickelung bedurft; es geschah vielmehr auf der Stelle. Wie hätte auch

August II. von Polen, der seine Herstellung einzig und allein den Waffen der

Russen verdankte, sich ihrem Einfluß entziehen können? Aber überdies mußte er

in den inneren Entzweiungen, im Kampfe mit seinem Adel, ihre Hilfe aufs neue

in Anspruch nehmen. Hierdurch ward Peter I. unmittelbarer Schiedsrichter in

Polen, mächtig über beide Parteien; um so gewaltiger, da die Polen ihre Armee

um drei Vierteile verminderten, während die seinige immer zahlreicher, geübter

und furchtbarer wurde. Der Zar, sagt ein Venezianer im Jahre 1717, welcher

sonst Gesetze von den Polen empfangen hat, gibt deren jetzt ihnen nach seinem

Gutdünken mit unbeschränkter Autorität. Notwendigerweise hörte seitdem der

Einfluß der Franzosen in Polen mehr und mehr auf; sie vermochten ihre

Thronkandidaten nicht mehr zu befördern, selbst wenn sie den Adel für sich

hatten. Indessen war Schweden durch eben diese Ereignisse entkräftet und

herabgebracht worden. Noch in seinen letzten Tagen hatte Ludwig XIV. dieser

Krone alle ihre Besitzungen garantiert; nichtsdestominder war sie zuletzt eines

bedeutenden Teiles derselben verlustig gegangen. Wohl behaupteten die

Franzosen ihren Einfluß in Stockholm. Man klagte dort 1756, Schweden werde

von Paris aus regiert, wie eine französische Provinz. Aber wie gesagt, Schweden

war ganz unbedeutend geworden. Es waren armselige innere Entzweiungen der

Mützen und Hüte, auf die man Einfluß hatte. Wenn man sie ein paarmal

benutzte, um einen Krieg gegen Rußland hervorzurufen, so war das eher ein

Nachteil; man gab diesem Reiche nur Gelegenheit zu neuen Siegen und

Vergrößerungen.

 

Und so war der Norden unter eine ganz andre Herrschaft geraten als die

mittelbare von Frankreich; eine große Nation trat dort in eine neue, eine

eigentlich europäische Entwickelung ein. In dem Osten war der französische

Einfluß zwar nicht verschwunden; aber er hatte daselbst, obwohl Österreich

unter Karl VI. schwach genug wurde, doch lange nicht mehr die alte Bedeutung.

Die See war in den Händen des Nebenbuhlers; die vorteilhafte Verbindung,

welche Frankreich über Cadiz mit dem spanischen Amerika angefangen, duldete

oder unterbrach derselbe nach seiner Konvenienz.

 

In dem südlichen Europa dagegen, durch das natürliche Einverständnis der

bourbonischen Höfe, das nach kurzer Unterbrechung bis zu gemeinschaftlichen

Plänen hergestellt worden war, und in Deutschland hatte Frankreich noch immer ein großes Übergewicht.

 

Vor allem in Deutschland.

 

Es existieren Betrachtungen über den politischen Zustand von Europa vom Jahre

1736, die uns die Lage, besonders der deutschen Angelegenheiten, kurz vor dem

österreichischen Sukzessionskriege geistreich und bündig schildern. Wenn der

Verfasser zugibt, daß Kaiser Karl VI. seine Macht im Reiche zu erweitern, die

Verfassung monarchischer zu machen bemüht sei, daß derselbe sogar durch

seine Verbindung mit den Russen, die schon damals an dem Rhein erschienen,

einigen Artikeln seiner Kapitulation zuwidergehandelt habe, so findet er doch

auf dieser Seite die Gefahr so groß nicht; der letzte Krieg, meint er, habe die

Schwäche des kaiserlichen Hofes offenbart; in dem Stolze und der

Gewaltsamkeit, mit denen derselbe seine Pläne durchzusetzen suche, liege ein

Heilmittel gegen sie. Hüten wir uns dagegen, ruft er aus, vielmehr vor denen, die

durch geheime Kunstgriffe, durch einschmeichelnde Manieren und eine

erdichtete Güte uns in die Sklaverei zu bringen suchen. Er findet, daß Kardinal

Fleury, damals Premierminister von Frankreich, obwohl er die Miene

außerordentlicher Mäßigung annehme, dessenungeachtet und zwar gerade unter

diesem Scheine die Pläne eines Richelieu und Mazarin verfolge. Durch

anscheinende Großmut schläfere er seine Nachbarn ein; er leihe gleichsam

seinen sanften und ruhigen Charakter für die Politik seines Hofes her. Mit wie

viel Klugheit, ohne Aufsehen und Lärm, habe er Lothringen an Frankreich zu

bringen gewußt; – um die erwünschte Rheingrenze zu erobern, woran nicht gar

viel fehle, erwarte er nur die Verwirrungen, die der Tod des Kaisers unfehlbar

nach sich ziehen müsse.

 

Im Jahre 1740 starb Karl VI. Kardinal Fleury ließ sich sogar zu noch kühneren

Schritten fortreißen, als man ihm zugetraut hatte. Er sagte geradeheraus, er wolle

den Gemahl der Maria Theresia nicht zum Nachfolger ihres Vaters, weil derselbe

schlecht französisch gesinnt sei; er vor allen war es, der Karl VII. von Bayern

die deutsche Krone verschaffte; er faßte den Plan, in Deutschland vier, ungefähr

gleich mächtige Staaten nebeneinander zu errichten, das Haus Österreich

ziemlich auf Ungarn einzuschränken, Böhmen dagegen an Bayern, Mähren und

Oberschlesien an Sachsen zu bringen, Preußen mit Niederschlesien zu

befriedigen; wie leicht hätte über vier solche Staaten, die sich ihrer Natur nach

niemals miteinander verstanden haben würden, Frankreich dann eine

immerwährende Oberhoheit behauptet!