Die großen Mächte

Leopold von Ranke · Kapitel 8 von 10

PDF-Seiten

Die großen Mächte

Wiederherstellung

 

Sollten aber die energischen Gewalten, welche in den großen Mächten

hervorgetreten waren, so mit einem Mal erstickt und vernichtet sein?

 

Der Krieg, sagt Heraklit, ist der Vater der Dinge. Aus dem Zusammentreffen

entgegengesetzter Kräfte, in den großen Momenten der Gefahr – Unglück,

Erhebung, Rettung – gehen die neuen Entwickelungen am entschiedensten

hervor.

 

Frankreich war nur dadurch zu seiner Übermacht gelangt, daß es mitten in seiner

wilden Bewegung das Gemeingefühl der Nation lebhafter als je zu erhalten, die

nationalen Kräfte in einer so ungemeinen Ausdehnung zu dem einzigen Zweck

des Krieges anzustrengen gewußt hatte.

 

Wollte man ihm widerstehen oder je diese Übermacht noch einmal zu brechen

die Hoffnung fassen dürfen, so war da nicht mit Mitteln auszureichen, wie sie

bisher genügt hatten; selbst eine Verbesserung der Militärverfassung allein hätte

noch nicht geholfen; es gehörte eine gründlichere Erneuerung dazu, um alle

Kräfte zusammenzunehmen, in deren Besitz man sein mochte; man mußte sich

entschließen, jene schlummernden Geister der Nationen, von denen bisher das

Leben mehr unbewußt getragen worden, zu selbstbewußter Tätigkeit

aufzuwecken.

 

Es müßte eine herrliche Arbeit sein, dieser Verjüngung des nationalen Geistes in

dem ganzen Umfange der europäischen Völker und Staaten nachzuforschen, die

Ereignisse zu bemerken, die ihn wieder erweckten, die Zeichen, die seine erste

Erhebung ankündigten, die Mannigfaltigkeit der Bewegungen und Institutionen,

in denen er sich allenthalben aussprach, die Taten endlich, in denen er siegreich

hervortrat. Doch ist dies ein so weit aussehendes Unternehmen, daß wir es hier

auch nicht einmal berühren könnten.

 

Gewiß ist, daß man erst dann mit einiger Aussicht auf Erfolg zu streiten anfing –

1809 –, als man hierin der Forderung des Weltgeschickes ein Genüge zu leisten

begann. Als in wohlgeordneten Reichen ganze Einwohnerschaften ihre althergebrachten Wohnsitze, an die sie selbst die Religion knüpfte, verließen und

sie den Flammen preisgaben, – als große Bevölkerungen, von jeher an ein

friedlich bürgerliches Leben gewöhnt, Mann bei Mann zu den Waffen griffen, –

als man zugleich des ererbten Haders endlich wirklich vergaß und sich ernstlich

vereinigte, – erst da, nicht eher gelang es, den Feind zu schlagen, die alte

Freiheit herzustellen und Frankreich in seine Grenzen einzuschließen, den

übergetretenen Strom in sein Bette zurückzutreiben.

 

Wenn es das Ereignis der letzten hundert Jahre vor der Französischen Revolution

war, daß die großen Staaten sich erhoben, um die Unabhängigkeit von Europa zu

verfechten, so ist es das Ereignis der seitdem verflossenen Periode, daß die

Nationalitäten selbst sich verjüngt, erfrischt und neu entwickelt haben. Sie sind

in den Staat mit dem Bewußtsein eingetreten, er würde ohne sie nicht bestehen

können.

 

Man ist fast allgemein der Ansicht, unsere Zeit habe nur die Tendenz, die Kraft

der Auflösung. Ihre Bedeutung sei eben nur, daß sie den zusammenhaltenden,

fesselnden Institutionen, die aus dem Mittelalter übrig, ein Ende mache; dahin

schreite sie mit der Sicherheit eines eingepflanzten Triebes vorwärts; das sei das

Resultat aller großen Ereignisse, Entdeckungen, der gesamten Kultur; ebendaher

komme aber auch die unwiderstehliche Hinneigung, die sie zu demokratischen

Ideen und Einrichtungen entwickele; und diese bringe dann alle die großen

Veränderungen, deren Zeuge wir sind, mit Notwendigkeit hervor. Es sei eine

allgemeine Bewegung, in der Frankreich den anderen Ländern vorangehe. Eine

Meinung, die freilich nur zu den traurigsten Aussichten führen kann. Wir denken

indes, daß sie sich gegen die Wahrheit der Tatsachen nicht zu halten vermögen

wird.

 

Weit entfernt, sich bloß in Verneinungen zu gefallen, hat unser Jahrhundert die

positivsten Ergebnisse hervorgebracht; es hat eine große Befreiung vollzogen,

aber nicht so durchaus im Sinne der Auflösung; vielmehr diente ihr dieselbe,

aufzubauen, zusammenzuhalten. Nicht genug, daß es die großen Mächte allererst

ins Leben gerufen; es hat auch das Prinzip aller Staaten, Religion und Recht, es

hat das Prinzip eines jeden insbesondere lebendig erneuert.

 

Eben darin liegt das Charakteristische unserer Tage.

 

In den meisten Epochen der Welthistorie sind es religiöse Verbindungen

gewesen, was die Völker zusammengehalten hat. Doch hat es zuweilen auch

andere gegeben, die man mit der unseren eher vergleichen kann, in denen mehrere größere, durch ein politisches System verknüpfte Königreiche und freie

Staaten nebeneinander bestanden. Ich will nur die Periode der mazedonisch-

griechischen Königreiche nach Alexander erwähnen. Sie bietet manche

Ähnlichkeit mit der unsrigen dar: eine sehr weit gediehene gemeinschaftliche

Kultur, militärische Ausbildung, Wirkung und Gegenwirkung verwickelter

auswärtiger Verhältnisse; große Bedeutung der Handelsinteressen, der Finanzen,

Wetteifer der Industrie, Blüte der exakten, mit der Mathematik

zusammenhängenden Wissenschaften. Allein jene Staaten, hervorgegangen aus

der Unternehmung eines Eroberers und der Entzweiung seiner Nachfolger,

hatten keine besonderen Prinzipien ihres Daseins weder gehabt noch sich

anzubilden vermocht. Auf Soldaten und Geld beruhten sie. Eben darum wurden

sie auch so bald aufgelöst, verschwanden sie zuletzt völlig. Man hat oft gefragt,

wie Rom sie so rasch, so vollkommen bezwingen konnte. Es geschah darum,

weil Rom, wenigstens solange es Feinde von Bedeutung hatte, mit

bewunderungswürdiger Strenge an seinem Prinzipe festhielt. Auch bei uns

schien es wohl, als sei nur noch der Umfang der Besitzungen, die Macht der

Truppen, die Größe des Schatzes und ein gewisser Anteil an der allgemeinen

Kultur für den Staat von Wert. Wenn es je Ereignisse gegeben hat, geeignet,

einen solchen Irrtum zu zertrümmern, so sind es die Ereignisse unserer Zeit

gewesen. Sie haben die Bedeutung der moralischen Kraft, der Nationalität für

den Staat endlich einmal wieder zur Anschauung in das allgemeine Bewußtsein

gebracht. Was wäre aus unseren Staaten geworden, hätten sie nicht neues Leben

aus dem nationalen Prinzip, auf das sie gegründet waren, empfangen. Es wird

sich keiner überreden, er könne ohne dasselbe bestehen.

 

Nicht ein solch zufälliges Durcheinanderstürmen, Übereinanderherfallen,

Nacheinanderfolgen der Staaten und Völker bietet die Weltgeschichte dar, wie es

beim ersten Blicke wohl aussieht. Auch ist die oft so zweifelhafte Förderung der

Kultur nicht ihr einziger Inhalt. Es sind Kräfte, und zwar geistige, Leben

hervorbringende, schöpferische Kräfte, selber Leben, es sind moralische

Energien, die wir in ihrer Entwickelung erblicken. Zu definieren, unter

Abstraktionen zu bringen sind sie nicht; aber anschauen, wahrnehmen kann man

sie; ein Mitgefühl ihres Daseins kann man sich erzeugen. Sie blühen auf,

nehmen die Welt ein, treten heraus in dem mannigfaltigsten Ausdruck,

bestreiten, beschränken, überwältigen einander; in ihrer Wechselwirkung und

Aufeinanderfolge, in ihrem Leben, ihrem Vergehen oder ihrer Wiederbelebung,

die dann immer größere Fülle, höhere Bedeutung, weiteren Umfang in sich

schließt, liegt das Geheimnis der Weltgeschichte.