Die großen Mächte

Leopold von Ranke · Kapitel 6 von 10

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Die großen Mächte

Preußen

 

In diesem Moment einer augenscheinlichen wahren Gefahr des deutschen

Vaterlandes, das damals weder mächtige Staaten hatte, noch durch Taten

ausgezeichnete Männer, noch ein ausgesprochenes festes Nationalgefühl, – keine

Literatur, keine Kunst und eigene Bildung, die es dem Übergewichte der

Nachbarn hätte entgegensetzen können, trat Friedrich II. auf, erhob sich Preußen.

 

Es ist hier nicht der Ort, weder den Fürsten zu schildern, noch den Staat, den er

fand, den er bildete; auch möchten wir es uns nicht so leicht getrauen, die

ursprüngliche Kraft des einen und des anderen und die Fülle des Daseins, die sie

entfalteten, darzustellen; suchen wir uns nur ihre Weltstellung zu

vergegenwärtigen.

 

Dann müssen wir allerdings zugestehen, daß die erste Bewegung Friedrichs von

der Richtung, welche die französische Politik gleich nach dem Tode Karls VI.

einschlug, unterstützt wurde. Allein sollte er sich viel weiter mit derselben

einlassen? Er selber ist es, der als Kronprinz und noch entfernt von eigentlichen

Geschäften jene Betrachtungen, von denen ich eben eine Idee zu geben suchte,

aufgesetzt hatte; sie sind, wie man sieht, ganz wider die französische Politik

gerichtet. Die Gefahr, welche von dieser Seite her über Deutschland schwebte,

sah er so deutlich, empfand er so lebhaft als irgend möglich. Eben deshalb aber

hatte er seinen Krieg ganz auf eigene Hand unternommen; er wollte nie, daß der

Erfolg seiner Waffen den Franzosen förderlich würde. Mit welchem Ernst

erklärte er ihrem Gesandten, er sei ein deutscher Fürst; er werde ihre Truppen

nicht länger auf deutschem Boden dulden, als das Wort der Verträge besage. In

dem Spätjahre 1741 hätte es nicht so unmöglich scheinen sollen, Österreich

völlig herabzubringen. Böhmen und Oberösterreich waren nicht viel minder in

feindlichen Händen als Schlesien; Wien war so gut bedroht wie Prag; wenn man

diese Angriffe mit angestrengten Kräften fortgesetzt hätte, wer will sagen, wozu

es hätte kommen können? Ich will es Friedrich nicht als Großmut anrechnen,

daß er diesen letzten Schritt vermied; er wußte am besten, daß es sein Vorteil

nicht gewesen wäre, Frankreich des alten Gegners zu entledigen. Als er die

Königin von Ungarn am Rande des Verderbens sah, wollte er sie Atem schöpfen lassen; er sagt es selbst; mit Bewußtsein hielt er inne und ging seinen Stillstand

ein. Sein Sinn war, weder von Frankreich noch von Österreich abzuhängen;

völlig frei wollte er sich fühlen und zwischen ihnen eine unabhängige, auf

eigene Kraft gegründete Stellung einnehmen. In diesem einfachen Vorhaben

liegt der Aufschluß für seine Politik während der Schlesischen Kriege. Nie ward

eine Erwerbung mit eifersüchtigerer Wachsamkeit behauptet als die seinige. Er

mißtraut den Freunden nicht minder als den Feinden; immer hält er sich gerüstet

und schlagfertig; sobald er sich im Nachteil glaubt, sobald er die Gefahr nur von

fern kommen sieht, greift er zu den Waffen; sowie er im Vorteil ist, sowie er den

Sieg erfochten hat, bietet er die Hand zum Frieden. Wenn es sich versteht, daß es

ihm nicht beikommen konnte, sich einem fremden Interesse zu widmen, so hat er

doch auch sein eigenes ohne Übertreibung, ohne Selbstverblendung vor Augen;

nie sind seine Forderungen übermäßig; nur das Nächste bezwecken sie; dabei

aber will er bis zum Äußersten festhalten.

 

Indessen konnte wohl diese so unerwartet emporgekommene Unabhängigkeit,

die eine kühne und trotzige Stellung einnahm, nicht anders als das Mißfallen, die

Feindseligkeit der Nachbarn erregen.

 

Man begreift es, wenn Maria Theresia den Verlust einer reichen Provinz nicht

sogleich verschmerzte und die Erhebung eines so glücklichen und geschickten

Nebenbuhlers im Reiche mit Mißbehagen ansah. Aber auch in das nördliche

System griff das Ansehen von Preußen bedeutend ein; daß es einen übrigens sehr

unschuldigen Traktat zur Behauptung des Gleichgewichts im Norden mit

Schweden und Frankreich eingegangen, erweckte ihm den ganzen Haß einiger

russischen Minister, die ihre Suprematie im Norden bedroht glaubten.

 

Billig hätte der König um so mehr eine Stütze an Frankreich finden sollen. Aber

daß er nicht wie Schweden zu regieren war, daß er sich erdreistete, eine freie

selbständige Politik zu befolgen, zog ihm den Unwillen auch des Hofes von

Versailles zu; obwohl dieser Hof sehr gut sah, was es auf sich habe, so beschloß

er doch, sein ganzes System zu ändern und sich nunmehr an Österreich

anzuschließen. Die öffentliche Meinung stimmte in einer jener plötzlichen

Aufwallungen, die ihr besonders in Frankreich so eigen sind, dem Traktate

freudig bei. So gelang es der Kaiserin, die beiden großen Kontinentalmächte mit

sich zu vereinigen; minder Mächtige, die Nachbarn in Sachsen, Pommern,

gesellten sich zu ihnen; es war ein Bund im Werke, nicht viel anders, als wie er

nach Karls VI. Tode wider Österreich geschlossen worden war, und durch die

Teilnahme von Rußland sogar noch stärker; von einer Teilung der preußischen

Staaten war nicht minder die Rede, als früher von einer Teilung der österreichischen, und nur über der See fand Friedrich Verbündete – die

nämlichen, die es damals mit Österreich gehalten hatten.

 

Im Besitz einer trotz der neuen Erwerbung doch nur sehr mäßigen, diesem

Bunde gegenüber unbedeutenden Macht sollte er fähig sein, sollte er es nur

wagen, den Kampf mit demselben zu bestehen?

 

Er hatte, wie bekannt, den Wiener Hof um eine kategorische Erklärung über

dessen Rüstungen ersucht. »Wenn sie nur einigermaßen genugtuend ausfällt,«

sagte er einem seiner Minister, »so marschieren wir nicht.« Endlich kam der

erwartete Kurier. Es fehlte viel, daß die Antwort ausreichend gewesen wäre.

»Das Los ist geworfen,« sagte er, »morgen marschieren wir!«

 

So stürzte er sich mutig in diese Gefahr; er suchte sie auf, er rief sie fast selbst

hervor; aber erst mitten darin lernte er sie völlig kennen.

 

Wenn jemals ein Ereignis auf einer großen Persönlichkeit beruht hat, so ist es

das Ereignis des Siebenjährigen Krieges.

 

Die Kriege unserer Zeit pflegen durch wenige entscheidende Schläge zu Ende

gebracht zu werden; frühere dauerten länger; doch stritt man mehr über

Forderungen und Ansprüche als über die Summe der Existenz, über das Sein

oder Nichtsein der Staaten selbst. Der Siebenjährige Krieg unterscheidet sich

dadurch, daß bei so langer Dauer doch jeden Augenblick die Existenz von

Preußen auf dem Spiele stand. Bei dem Zustande der Dinge, der allgemeinen

Feindseligkeit bedurfte es nur eines einzigen unglücklichen Tages, um diese

Wirkung hervorzubringen. Vollkommen fühlte dies Friedrich selbst. Nach der

Niederlage von Kollin rief er aus: »Es ist unser Pultawa!« Und wenn sich ihm

dies Wort glücklicherweise nicht erfüllt hat, so ist doch wahr, daß er sich seitdem

von Moment zu Moment vom Untergange bedroht sah.

 

Ich will nicht berühren, welche Hilfsquellen ihm in einer so verzweifelten Lage

sein militärisches Genie, die Tapferkeit seiner Truppen, die Treue seiner

Untertanen oder zufällige Umstände dargeboten haben. Die Hauptsache ist, daß

er sich moralisch aufrechterhielt.

 

Nur zu leichten Geistesübungen, zu flüchtiger Poesie, zu akademischen Arbeiten

hatte ihn die französische Philosophie angeleitet; eher zum Genuß des Lebens,

solange es dauert, schien sie ihn einzuladen, als zu so gewaltigen

Anstrengungen. Aber wir dürfen sagen, daß der wahre Genius selbst von der

irrigen Lehre unverletzt bleibt. Er ist sich seine eigene Regel; er ruht auf seiner eigenen Wahrheit; es gehört nur dazu, daß ihm diese zum Bewußtsein komme;

dafür sorgt dann das Leben, die Anstrengung einer großen Unternehmung; das

Unglück macht ihn reif.

 

Ein großer Feldherr war Friedrich II. längst; die Unfälle, die er erlitt, machten

ihn zum Helden. Der Widerstand, den er leistete, war nicht allein militärisch; es

war zugleich ein innerer, moralischer, geistiger; der König führte diesen Krieg

fortwährend in Überlegung der letzten Gründe der Dinge, in großartiger

Anschauung der Vergänglichkeit alles irdischen Wesens.

 

Ich will seine Gedichte nicht als ausgezeichnete Werke poetischer Kraft rühmen;

in solcher Hinsicht mögen sie manche Mängel haben; aber diejenigen

wenigstens, welche während der Wechselfälle dieses Krieges entstanden sind,

haben einen großartigen Schwung einfacher Gedanken; sie enthüllen uns die

Bewegungen einer männlichen Seele in Bedrängnis, Kampf und Gefahr. Er sieht

sich »mitten im tobenden Meer; der Blitz streift durch das Ungewitter; der

Donner«, sagt er, »entladet sich über mein Haupt; von Klippen bin ich umgeben;

die Herzen der Steuernden sind erstarrt; die Quelle des Glücks ist ausgetrocknet,

die Palme verschwunden, der Lorbeer verwelkt.« Zuweilen mag er wohl in den

Predigten des Bourdaloue einen Anhalt, eine Stärkung gesucht haben; häufiger

wendete er sich zu der Philosophie der Alten. – Jedoch das dritte Buch des

Lukrez, das er so oft studiert hat, sagte ihm nur, daß das Übel notwendig und

kein Heilmittel dagegen möglich sei. Er war ein Mann, dem selbst aus dieser

harten, verzweiflungsvollen Lehre erhabene Gedanken hervorgingen. Dem Tode,

den er sich oft gewünscht auf dem Schlachtfelde gefunden zu haben, sah er auch

auf eine andere Weise ohne Scheu geradezu ins Auge. Wie er seine Feinde gern

mit den Triumvirn verglich, so rief er die Manen des Kato und des Brutus auf

und war entschlossen, ihrem Beispiel zu folgen. Doch war er nicht ganz in dem

Falle dieser Römer. Sie waren in den Gang eines allgemeinen Weltgeschickes

verflochten – Rom war die Welt – ohne anderen Rückhalt als die Bedeutung

ihrer Person und der Idee, für die sie sich schlugen; er aber hatte ein eigenes

Vaterland zu vertreten und zu verfechten. Wenn irgendein besonderer Gedanke

auf ihn gewirkt hat, so würden wir sagen, daß es dieser Gedanke an sein Land,

an sein Vaterland gewesen ist. Wer schildert ihn uns nach der Kunersdorfer

Schlacht, wie er den Umfang seines Unglücks und die Hoffnungslosigkeit seines

Zustandes ermaß, wie er bei dem Haß und dem Glücke seiner Feinde alles für

verloren hielt, wie er dann für sein Heer und sein Land nur einen einzigen

Ausweg sah und den Entschluß faßte, diesen zu ergreifen, sich aufzuopfern, – bis

sich ihm denn doch allmählich die Möglichkeit eines erneuten Widerstandes zeigte und er sich dieser fast hoffnungslosen Pflicht aufs neue widmete.

Unmöglich konnte er sein Land, wie er es so lange sehen mußte, zurücklassen,

»von den Feinden überschwemmt, seiner Ehre beraubt, ohne Hilfsquellen, in

lauter Gefahr«; »dir«, sagte er, »will ich die Reste meines unheilvollen Lebens

widmen; ich will mich nicht in fruchtlosen Sorgen verzehren; ich werfe mich

wieder in das Feld der Gefahr.« »Setzen wir uns«, ruft er dann seinen Truppen

zu, »dem Geschick entgegen; mutig auf wider so viele, miteinander

verschworene, vor Stolz und Vermessenheit trunkene Feinde!« So hielt er aus.

Endlich erlebte er doch den Tag des Friedens. »Die Standhaftigkeit«, sagt er am

Schluß seiner Geschichte dieses Krieges, »ist es allein, was in den großen

Geschäften aus Gefahren zu erretten vermag.« Ungeschmälert behauptete er sein

Land, und von dem Moment, daß er sich wieder den Herrn desselben wußte, ließ

er seine vornehmste, seine einzige Sorge sein, die Wunden zu heilen, die der

Krieg ihm geschlagen.

 

Wenn es als der Begriff einer großen Macht aufgestellt werden könnte, daß sie

sich wider alle anderen, selbst zusammengenommen, zu halten vermögen müsse,

so hatte Friedrich Preußen zu diesem Range erhoben. Seit den Zeiten der

sächsischen Kaiser und Heinrichs des Löwen zum ersten Male sah man im

nördlichen Deutschland eine selbständige, keines Bundes bedürftige, auf sich

selber angewiesene Macht.

 

Es erfolgte, daß Frankreich von dem an in deutschen Angelegenheiten wenig

oder nichts vermochte. Mit einer Opposition, wie es sie in dem österreichischen

Erbfolgekriege erweckt oder begünstigt hatte, war es völlig vorbei. Hatte

Preußen sich emanzipiert, so hatten Bayern und Sachsen sich wieder an

Österreich angeschlossen.

 

Auch war so bald an keine Erneuerung dieses Verhältnisses zu denken;

Frankreich selbst hatte sie dadurch verhindert, daß es in jene enge und genaue

Allianz mit Österreich getreten war, die den Siebenjährigen Krieg herbeiführte.

Ich will nicht untersuchen, inwiefern dieses Bündnis alle die anderen Folgen

gehabt hat, welche die Franzosen, wenigstens nicht ohne Übertreibung, ihm

zuschreiben; aber gewiß ist, daß Frankreich seine bisherige Stellung, kraft deren

es die deutsche Opposition begünstigt hatte, hierdurch selber aufgab, daß »von

diesem Augenblicke an«, wie dort gesagt, »der König von Preußen zum Nachteil

der französischen Suprematie auf dem Kontinent der Beschützer der deutschen

Freiheiten wurde.« Man glaube nicht, daß Österreich den Franzosen ihren alten

Einfluß gestattet habe. Noch als Koregent und von allem Anfang ließ Joseph II.

erklären, er halte die Rechte der kaiserlichen Krone für heilig; er bitte sich aus, daß man ihm nicht daran rühre, wenn man mit ihm gut stehen wolle. Es war

schon damals zu erkennen, daß der wahre Schutz der politischen Unabhängigkeit

von Deutschland in einer freien und fest begründeten Vereinigung dieser beiden

Mächte gegen das Ausland bestehe.

 

Diese große Veränderung bekam jedoch erst dadurch ihre volle Bedeutung, daß

zugleich in der Literatur eine Befreiung der Nation von den französischen

Vorbildern und ihrer falschen Nachahmung erfolgte. Ich will nicht sagen, daß

sich unsere Nation nicht auch bisher geistiger Unabhängigkeit in einem gewissen

Grade erfreut hätte. Am meisten lag dieselbe wohl in der Ausbildung des

theologischen Systems, welches alle Geister ergriffen hatte und in der

Hauptsache ursprünglich deutsch war. Allein einmal war es doch nur ein Teil der

Nation, dem es angehörte; sodann in welch seltsame, scholastische Form fand

sich hier die reine, ideale, innerliche Erkenntnis der Religion eingezwängt! Man

kann die Tätigkeit und den teilweisen Erfolg nicht verkennen, mit denen in

manchen anderen Wissenschaften gearbeitet wurde; aber sie hatten sich alle der

nämlichen Form unterwerfen müssen; in verwickelten Lehrgebäuden, für die

Überlieferung des Katheders, selten für eigentlich geistiges Verständnis geeignet,

breiteten sie sich aus; die Universitäten beherrschten nicht ohne Beschränktheit

und Zwang die allgemeine Bildung. Um so leichter geschah es, daß die oberen

Klassen der Gesellschaft allmählich davon minder berührt wurden und sich, wie

gedacht, von französischen Richtungen hinreißen ließen. Seit der Mitte des

Jahrhunderts aber begann eine neue Entwickelung des nationalen Geistes. Wir

dürfen nicht vergessen, daß diese doch sehr von jenem Standpunkt ausging,

obwohl sie in einem gewissen Gegensatze mit demselben begriffen war.

Unbefriedigt, zwar noch festgehalten, aber nicht mehr so beschränkt von dem

dogmatischen System, erhob sich der deutsche Geist zu einer poetischen

Ergänzung desselben; die Religion ward endlich einmal wieder, und zwar,

worauf alles ankommt, ohne Schwärmerei, in ihren menschlichen Beziehungen

dem Gemüte nahe gebracht. In kühnen Versuchen ermannte sich die Philosophie

zu einer neuen Erörterung des obersten Grundes aller Erkenntnis.

Nebeneinander, an demselben Orte, wesentlich verschieden, aber nahe verwandt,

traten die beiden Richtungen der deutschen Philosophie hervor, welche seitdem,

die eine mehr anschauend, die andere mehr untersuchend, sich neben- und

miteinander ausgebildet, sich angezogen und abgestoßen, aber nur zusammen

die Fülle eines originalen Bewußtseins ausgedrückt haben. Kritik und

Altertumskunde durchbrachen die Masse der Gelehrsamkeit und drangen bis zu

lebendiger Anschauung hindurch. Mit einem Schlage dazu erweckt, von seiner

Gründlichkeit und Reife unterstützt, entwickelte dann der Geist der Nation selbständig und frei versuchend eine poetische Literatur, durch die er eine

umfassende, neue, obwohl noch in manchem inneren Konflikt begriffene, doch

im ganzen übereinstimmende Weltansicht ausbildete und sich selber

gegenüberstellte. Diese Literatur hatte dann die unschätzbare Eigenschaft, daß

sie nicht mehr auf einen Teil der Nation beschränkt blieb, sondern sie ganz

umfaßte, ja ihrer Einheit zuerst wieder eigentlich bewußt machte. Wenn nicht

immer neue Generationen großer Poeten auf die alten folgen, so darf man sich

nicht so sehr darüber wundern. Die großen Versuche sind gemacht und gelungen;

es ist im Grunde gesagt, was man zu sagen hatte, und der wahre Geist

verschmäht es, auf befahrenen, bequemen Wegen einherzuschreiten. Doch wurde

das Werk des deutschen Genius noch bei weitem nicht vollendet; seine Aufgabe

war, die positive Wissenschaft zu durchdringen; mancherlei Hindernisse haben

sich ihm dabei entgegengestellt, die aus dem Gange seiner eigenen Bildung oder

auch anderen Einwirkungen entsprangen; wir dürfen nun hoffen, daß er sie alle

überwinden, zu einem vollkommneren Verständnis in sich selbst gelangen und

alsdann zu unablässig neuer Hervorbringung fähig sein werde.

 

Jedoch ich halte inne, denn von der Politik wollte ich reden, obschon diese

Dinge auf das genaueste zusammengehören und die wahre Politik nur von einem

großen nationalen Dasein getragen werden kann. Soviel ist wohl gewiß, daß zu

dem Selbstgefühl, von welchem dieser Schwung der Geister begleitet war, keine

andere Erscheinung so viel beigetragen hat wie das Leben und der Ruhm

Friedrichs II. Es gehört dazu, daß eine Nation sich selbständig fühle, wenn sie

sich frei entwickeln soll; und nie hat eine Literatur geblüht, ohne durch die

großen Momente der Historie vorbereitet gewesen zu sein. Aber seltsam war es,

daß Friedrich selbst davon nichts wußte, kaum etwas ahnte. Er arbeitete an der

Befreiung der Nation, die deutsche Literatur mit ihm; doch kannte er seine

Verbündeten nicht. Sie kannten ihn wohl. Es machte die Deutschen stolz und

kühn, daß ein Held aus ihnen hervorgegangen war.

 

Es war, wie wir sahen, ein Bedürfnis des siebzehnten Jahrhunderts, Frankreich

einzuschränken. Auf welche alle Erwartung übersteigende Weise war dies jetzt

geschehen! Man kann im Grunde nicht sagen, daß sich ein künstlich

verwickeltes politisches System hierzu gebildet habe; was man so nennt, waren

die Formen; das Wesen bestand darin, daß sich große Staaten aus eigener Kraft

erhoben, daß neue nationale Selbständigkeiten in ursprünglicher Macht den

Schauplatz der Welt eingenommen hatten. Österreich, katholisch-deutsch,

militärisch-stabil, in sich selbst voll frischer, unversiegbarer Lebenskräfte, reich,

eine für sich abgeschlossene Welt. Das griechisch-slawische Prinzip trat in Rußland mächtiger hervor, als es jemals in der Weltgeschichte geschehen; die

europäischen Formen, die es annahm, waren weit entfernt, dies ursprüngliche

Element zu erdrücken; sie durchdrangen es vielmehr, belebten es und riefen

seine Kraft erst hervor. Wenn sich dann in England die germanisch-maritimen

Interessen zu einer kolossalen Weltmacht entwickelten, die alle Meere

beherrschte, vor der alle Erinnerungen früherer Seemächte zurücktraten, so

fanden die deutsch-protestantischen den Anhalt, den sie lange gesucht, ihre

Darstellung und ihren Ausdruck in Preußen. »Wenn man das Geheimnis auch

wüßte,« sagt ein Dichter, »wer hätte den Mut, es auszusprechen?« Ich will mich

nicht vermessen, den Charakter dieser Staaten in Worte zu fassen; doch sehen

wir deutlich, daß sie auf Prinzipien gegründet sind, die aus den verschiedenen

großen Entwickelungen früherer Jahrhunderte hervorgegangen waren, daß sie

sich diesen analog in ursprünglichen Verschiedenheiten und mit abweichenden

Verfassungen ausbildeten, daß sie großen Forderungen entsprachen, die gemäß

der Natur der Dinge an die lebenden Geschlechter geschahen. In ihrem

Aufkommen, ihrer Ausbildung, welche, wie sich versteht, nicht ohne

mannigfaltige Umgestaltung innerer Verhältnisse erfolgen konnte, liegt das

große Ereignis der hundert Jahre, die dem Ausbruch der Französischen

Revolution vorhergingen.