Die stählerne Mauer

Ludwig Ganghofer · Kapitel 9 von 13

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Die stählerne Mauer

Kapitel 7

 

 

17. März 1915.

 

Die Fahrt geht an Roubaix und Tourcoing vorüber und durch das nette, von

Feldgrauen wimmelnde Meenen. Über die freundliche, sanft geglättete

Landschaft streckt sich eine nach der Schnur gezogene Alleestraße hin und

erinnert mich an die ersten perspektivischen Zeichnungen, die ich einst in der

Schule machte: vorne die zwei Bäume, die in den Himmel wachsen, hinten zwei

winzige Besenblümchen und dazwischen eine immer kleiner werdende Leiter;

vorne eine Durchfahrt so breit wie der Weg des Lasters, und in der Ferne eine

enge Baumschlucht, die dem Pfade der Tugend gleicht.

 

Weil wir damals in der Schule freihändig zeichnen mußten, ohne Lineal, drum

waren alle Linien krumm, die gerade sein sollten.

 

Genau so ist es auch hier.

 

Es gibt da keinen Strauch, der aufrecht steht, keinen Baum, der senkrecht zum

lieben Herrgott trachtet. Alle Kinder der Natur, Halme und Stauden und Bäume

sind vom ewig über das Land her blasenden Meerwind nach Osten gebogen.

Sogar die Telegraphenstangen haben was lustig Schiefes.

 

Dadurch bekommt die Landschaft, in der sich die großen Flügel vieler

Windmühlen wie in ehrgeizigem Wettrennen durch den Nebel drehen, einen

ganz wunderlich fidelen Charakter, einen Zug von liebenswürdiger

Beschwipstheit.

 

Freut sich diese Gegend, weil die Schrecken des Krieges barmherzig und

schonungsvoll an ihr vorüberschritten?

 

Manchmal sieht man auf den Feldern die Erdwälle von kurzen

Schützengräben, die hastig geschaufelt und schnell wieder verlassen wurden.

Aber keine verwüstete Kirche ist zu gewahren, kein zerschossenes Haus,

keine Brandstätte, kein Mauerschutt und kein Trümmerhaufen.

 

Ruhig stehen die hübschen Dörfer mit den farbigen Häuschen inmitten

sprossender Saaten.

 

Die erwachsenen Leute sind bei der Arbeit, und vor den Haustüren stehen

kleine blondhaarige Mädelchen in großen Holzschuhen.

 

Das Bild dieser Menschen und die ganze Landschaft mutet germanisch an,

und überall an der Straße reden die Wirtshausschilder eine Sprache, die ein

Deutscher versteht, auch ohne daß er Flämisch lernte: »In 't wite Kruis« (Zum

weißen Kreuz), »De dree Linden«, »De niuwe meiboom«, »Vlaamsh

bierhuis«, »De Zomerbloem« (das Sommerblümchen), und ganz besonders

freundlich grüßt mich ein Schild: »De landgenoot« – der Landsmann!

 

Eine doppelte Freude ist in mir: die Freude, auf germanischem Boden zu sein,

und die Freude, nach Bildern des Krieges, die ich sah, nun wieder – wenn auch

nur für ein kurzes Aufatmen – friedliche Bilder des Lebens schauen zu dürfen.

 

Nun geht die Fahrt den schönen, gut gepflegten Wäldern entgegen, hinter

denen Brügge liegt, die matt gewordene Perle einer großen flandrischen

Vergangenheit.

 

Wie wird sich auf diesem historischen Boden die Zukunft gestalten? Wird

unter kraftvoller Führung wieder aufblühen, was Jahrhunderte politischer

Zerrissenheit versinken ließen und in wehrloser Ohnmacht der fortschreitenden

Versandung preisgaben? Ist der Krieg nur Vernichtung? Regen sich in ihm nicht

auch Kräfte, die beleben, erneuern und frisch erschaffen?

 

Ich schließe die Augen; alle die mächtigen, Herz und Nerven erschütternden

Gesichte der letzten Tage gleiten wieder an meiner Seele vorüber, und inmitten

dieses huschenden Panoramas von Zerstörung und Vernichtung klingt mir, gleich

einer wegweisenden Glocke, das Verheißungswort einer klaren und ruhigen

Mannsstimme:

 

»Der Krieg ist hart, aber er wird auch Großes bringen. Alles Starke, wenn es

gerecht ist, muß sich belohnen. Wir haben noch immer schwere Arbeit zu

leisten, doch ich glaube, daß das Schwerste bereits getan ist.«

 

Diese Worte hörte ich von jenem deutschen Heerführer, dem wir seit der

Erlösungsschlacht in den Vogesen begeisterte Dankbarkeit und ein erhöhtes Maß von Verehrung entgegenbringen, und der auch in den schmerzvollen Stunden

schwerster menschlicher Prüfung ein aufrechter Held blieb und das stählerne

Wort von der Zeit sprach, in der man handeln muß und nicht trauern darf.

 

Die Bilderflucht meines Erinnerns zeigt mir das Quartier des jungen

siegreichen Heerführers, des Kronprinzen Rupprecht von Bayern.

 

Still die Straße, still der Garten, auch still das Haus.

 

Die mahnende Stimme eines unsichtbaren Hüters scheint da immer zu

flüstern: »Nicht laut sein, nicht stören!«

 

Ein Doppelposten steht vor dem Gartentor, und im Hause sieht man zwei

Diener.

 

Der Tag unter diesem Dache ist militärische Arbeit, Vortrag und Beratung, nur

unterbrochen durch den Ausritt zu den Stellungen an der Front.

 

Mittags speisen die Generale des Stabes mit dem Prinzen, am Abend sind im

Wechsel die höheren Offiziere des Kommandos zu einer Tafel von acht oder

zehn Gedecken geladen.

 

Der Salon des abgereisten Besitzers dient als Empfangsraum. Inmitten einer

typisch französischen, dem Empirestil nachempfundenen Einrichtung gewahrt

man mit Vergnügen zwei Dinge, die gut münchnerisch sind: Adolf Hengelers

»Tagebuch von 1914«, jene entzückende, aus vaterländischem Zorn und

spielender Ironie geborene Künstlergabe – und auf dem Marmorgesimse des

prunkvollen Kamins, zwischen kostbaren Bronzen, liegt neben einer kleinen

Spielmarkenschachtel ein heimatliches Remedium für müde Abendstunden, in

denen der Kopf sich ausruhen möchte – ein nicht mehr ganz neues Päckchen

bayerischer Tarockkarten. – Heimat ist Heimat; bei allem, was in der feindlichen

Fremde die Erinnerung an das Heimatliche wachruft, schätzt man das Wertvolle

und das Bescheidene mit einander ebenbürtigen Ziffern ein.

 

Das köstliche Werk Meister Hengelers und diese sechsunddreißig

Kartenblättchen hatten für mich, wenn auch nicht die gleiche

kunstgeschichtliche Bedeutung, so doch den gleichen Gefühlswert des

Augenblickes. Ich empfand so was Ähnliches, wie es unsere Feldgrauen in ihren

feuchten und dunklen Lehmhöhlen fühlen, wenn sie ein kleines, zerknittertes,

von daheim gekommenes Zettelchen zärtlich streicheln und glätten, um dann

leise und inbrünstig zu singen:

»In der Heimat, in der Heimat,

Da gibt's ein Wiedersehn!«

 

– Während im Empiresalon die paar Gäste sich versammeln, klingt durch die

Glaswand des anstoßenden Raumes die Stimme eines vortragenden Offiziers,

und manchmal hört man eine rasche und knappe Zwischenfrage des

Kronprinzen. Auch diese Worte, wie streng und ernst ihr Klang ist, haben

heimatliche Wärme.

 

Nun kommt er – eine schlanke, straffe Soldatengestalt, lebhaft und elastisch.

In der Art, wie er die Gäste begrüßt und mit ihnen plaudert, ist heitere

Freundlichkeit.

 

Sieben Kriegsmonate, die Fülle des Geschehens und der militärischen

Verantwortung, wie auch persönliches Erleben und Überwinden haben diesen

charakteristischen Fürstenkopf noch schärfer gemeißelt, noch herber geformt.

Die blaugrauen Augen sind von einer Ruhe, die wie ein Schleier ist. Doch immer

wieder leuchten sie bei raschem Gespräche blitzartig auf, und dann hört man

auch immer ein Wort, das man sich merken muß, weil etwas Starkes und

Aufrichtendes aus ihm redet.

 

Bei der Tafel, deren paar Gänge die heimatliche Küche durch gefüllte

Kalbsbrust und echt Münchnerischen Kartoffelsalat angenehm in Erinnerung

bringen, herrscht der gleiche, aus Ruhe und Heiterkeit gemischte Ton. Flattert

ein munteres Wort auf, ein kleiner Scherz, so schmunzelt man. Dann wird wieder

ernst von den militärischen Dingen des Tages gesprochen.

 

Nach der Mahlzeit, bei der Zigarre, ist alles Soldatische vom Gespräche

ausgeschieden. Das berührt wie eine unausgesprochene Verabredung: man will

aufatmen, will Gehirn und Nerven rasten lassen, will sich erfrischen an einem

herzlichen und wohltuenden Lachen. Man plaudert von daheim, von

freundlichen Vergangenheiten. Eine Wendung im Gespräch bringt es, daß der

Kronprinz mit Humor und voll wirksamer Anschaulichkeit von allerlei tollem

Übermut zu plaudern beginnt, von manchem lustigen Streich seiner Jugendjahre.

Doch immer bleibt in dieser sprudelnden Heiterkeit etwas ernst Verschleiertes,

eine verhüllte Sehnsucht, die man empfindet, obwohl sie sich nie mit einem

Worte äußert. Und manchmal, nach lebhaftem Erzählen, wird er plötzlich

stumm, und die blaugrauen Augen blicken ernst, als möchten sie die Schrift

einer weiten Ferne lesen. –

Zwei Offiziere kommen. Der Kronprinz erhebt sich.

 

»Ich habe noch zu tun!«

 

Mit herzlichem Händedruck verabschiedet er sich von jedem seiner Gäste.

 

Mehrere Tage später. Ich kam in die Villa, um mich vor meiner weiteren Fahrt

für das freundliche Entgegenkommen zu bedanken, das mir so viel gegeben, mir

eine fast unbeschreibliche Fülle von Bildern dieses großen Ringens um Leben

und freie Zukunft des Deutschtums gezeigt hatte.

 

Ein Schimmer linder Frühlingssonne glänzte um die hohen Fenster des

Empiresalons, während der Kronprinz mit mir sprach. Den Inhalt dieser Stunde

will ich fest bewahren. Vieles, was ich hörte, muß ich in mir verschließen;

manches darf ich sagen und muß es sagen, weil es für das Leben in der Heimat

wegweisend, aufklärend und hilfreich ist.

 

Ein stolzes Aufleuchten in den blaugrauen Augen des Kronprinzen.

 

» U n s e r H e e r ! D a s i s t e i n M e n s c h e n m a t e r i a l , m i t d e m m a n

a l l e s , a u c h d a s f a s t u n m ö g l i c h S c h e i n e n d e l e i s t e n k a n n , w e n n

m a n e s r i c h t i g m a c h t u n d d i e r e c h t e S t u n d e w ä h l t . D i e w i r d

k o m m e n . Man darf nur in der Heimat den Erscheinungen gegenüber, welche

durch die Lage der Dinge hier verursacht werden, nicht allzu kritisch sein. Die

Situation ist für uns eine ganz verläßliche. Daheim beurteilt man das nicht

immer in zutreffender Weise. Wenn wir von der Heimat Geduld und gläubiges

Ausharren erwarten, dann verlangen wir weniger, als wir selbst im Felde hier zu

leisten haben. G l a u b e n S i e m i r, w i r i m F e l d e h i e r, b e s o n d e r s w i r

F ü h r e r, l i e f e r n G e d u l d p r o b e n , m i t d e n e n d i e d o c h w e s e n t l i c h

u n g e f ä h r l i c h e r e G e d u l d , d i e m a n i n d e r H e i m a t b e i z u s t e u e r n

h a t , d e n Ve r g l e i c h n i c h t a u s h ä l t .«

 

Ich kam auf die Skrupellosigkeit unserer Feinde in der Wahl ihrer

Kampfmittel und ihrer politischen Schachzüge zu sprechen.

 

Der Kronprinz lächelte.

 

»Politische Moral ist ein Fremdwort. Es kommt nur darauf an, wie man's

übersetzt. Bei uns Deutschen heißt es ›Gewissen‹, bei den Engländern heißt es

›Erfolg‹. Unter allen Völkern sind die Engländer in der Politik am brutalsten.

Aber man kann nicht leugnen, daß sie mit dieser gegen alle Völker gleich

rücksichtslosen Brutalität eine häufig sehr erfolgreiche Nüchternheit beim Rechnen vereinigen. Doch passiert es manchmal auch diesen gewiegten

Rechnern, daß sie theoretisch das für ihren Vorteil Richtige erkennen und in der

Praxis das Falsche, ihnen Schädliche ausführen. Ich glaube, so geht es ihnen

jetzt. In uns Deutschen wohnen Kräfte, die für die Engländer am 4. August noch

eine dunkle Ziffer waren. Darum haben sie sich verrechnet.«

 

Wir sprachen von der psychischen Erneuerung, die der Krieg und die Größe

seiner deutschen Ziele in den Lebenskräften und im Wesen unseres Volkes

hervorrufen; und sprachen auch von den materiellen Härten, durch die der Krieg

eine große Zahl von Existenzen erschüttert.

 

»Allen schwer erträglichen Härten zum Trotz ist dieser Krieg ein

Gesundbrunnen für unser Volk!« Die Stimme des Kronprinzen hob sich. »Alles

Gute und Lebensfähige stärkt er, alles Schwächliche belebt er neu, alles hilflos

Ungesunde bläst er fort. Richtet sich nicht viel Wertvolles jetzt wieder auf, von

dem man im letzten Jahrzehnt besorgen konnte, daß es für immer lahm

geworden wäre?

 

A l l e s A n g e k r ä n k e l t e , d a s s i c h v o r d r ä n g t e , v e r s c h w i n d e t . Man

ist jetzt in der Heimat doch wohl erlöst von allem überreizten Ästhetentum und

aller manierierten Dekadenz!

 

We g e n s o l c h e r D i n g e h a t m a n s i c h ü b r i g e n s v i e l m e h r S o r g e

g e m a c h t a l s n o t w e n d i g w a r. G a r s o a r g , w i e e s f ü r m a n c h e

a u s s a h , w a r e s n i c h t . D i e f r i s c h e , p r a c h t v o l l e J u g e n d , d i e j e t z t

m i t d e n R e k r u t e n n a c h s c h ü b e n i n s F e l d k o m m t , b e w e i s t e s m i r.

Solche Menschheitskrankheiten sind Wellen, die kommen und vergehen. Im

großen und ganzen ist es meine Überzeugung, daß der Mensch immer der

gleiche bleibt, sich nur in seinen äußerlichen Lebensmodalitäten ändert, gestern

zum Schlechteren, heut wieder zum Besseren.

 

Und dann kommt es auch darauf an, ob man solche Erscheinungen mit alten

oder mit jungen Augen ansieht. Alte Augen sehen das Vergängliche schärfer,

junge Augen erkennen deutlicher das neue Werden. Auch liegt es immer im

Wesen der Menschen, zu hoffen, daß das Kommende besser sein wird als das

Gegenwärtige ist, und zu glauben, daß das Gegenwärtige schlechter ist als das

Vergangene war. Jede Entfernung verklärt. Und wie in rein menschlichen

Fragen, so ist es auch in politischen Dingen.

 

Ich habe alte Männer oft sagen hören: Im Jahre 70/71 wäre es nicht so

gewesen wie in den Befreiungskriegen, nicht so groß, einheitlich und heilig. Und jetzt sagen die Altgewordenen: So wie es 70/71 war, so ist es heute nicht, weder

so heilig noch so groß.

 

I c h g l a u b e , e s w a r v o r h u n d e r t J a h r e n u n d v o r

f ü n f u n d v i e r z i g J a h r e n u n d i m v e r g a n g e n e n A u g u s t g a n z d a s

g l e i c h e : d e u t s c h e K r a f t , d i e s i c h a u f s t r e c k t e i n d e r N o t ,

d e u t s c h e r Wi l l e , d e r z u E i s e n w u r d e , u n d d e u t s c h e E n e r g i e ,

d i e s i c h n i c h t b e u g e n l ä ß t u n d b e h a r r l i c h b l e i b t , o h n e i m

G l ü c k ü b e r m ü t i g o d e r u n t e r e i n e m R ü c k s c h l a g v e r z a g t z u

w e r d e n . «

 

Ein freies, ruhiges Auflachen des Prinzen. Dann ein kurzes, nachdenkliches

Schweigen.

 

»Viele haben es hart daheim, ich weiß. Was man in einem so schweren Krieg

zu überstehen hat, das ist kein Bett auf Rosen. Es ist auch ein zweifelhafter

Trost, zu sagen: daß es unsere Feinde nach allen Niederlagen noch schlechter

haben als wir, die wir nach den bereits errungenen Erfolgen b a l d d e n

e n d g ü l t i g e n S i e g e r h o f f e n d ü r f e n. Aber man sollte doch vergleichen:

wie es hier aussieht, unter allem Kriegsschreck im Land des Feindes, und um

wieviel besser es daheim in Deutschland ist, das, ein paar Grenzstriche

angenommen, von allem verschont blieb, was der Feind unter dem Kriege leiden

muß.

 

Für viele daheim ist's eine harte Zeit. Vieles, was man verlieren mußte, ist

unersetzlich. Aber materielle Verluste kann man doch wirklich bei dem

Gedanken verschmerzen und überwinden, daß eine große Zukunft den Verlust

wieder ersetzen wird. Ich weiß, daß gerade unsere engere Heimat, der deutsche

Süden, sehr empfindlich leidet. Es gibt da nicht viele Industrien, die auf die

Arbeit für den Heeresbedarf umsatteln können. Kunst und Kunsthandwerk,

Luxusgeschäfte und Fremdenindustrie haben bittere Zeiten durchzumachen. Ich

hoffe, unsere Kunst und unser Kunsthandwerk werden diese Prüfungsmonate mit

ungebrochenen Kräften überdauern.

 

Und was die Fremdenindustrie anbelangt – wer weiß, ob da der Krieg nicht

gerade für uns Münchener etwas sehr Gutes und Heilsames brachte? Ein

reichflutender Fremdenverkehr ist gewiß etwas Angenehmes und Nützliches.

Aber wenn sich eine große Stadt und ein ganzer Landesteil fast ausschließlich

auf den Fremdenverkehr einrichten würde, so ist auch immer die Gefahr dabei,

daß Zeiten kommen können, in denen der Verkehr stockt und die Fremden ausbleiben. Unser liebes schönes München wird nach dieser Erfahrung ein

bißchen umlernen müssen. Ich bin überzeugt, daß München auch n a c h dem

Kriege die Kunststadt bleiben wird, die es war, und ich hoffe, daß es daneben

eine Stadt der deutschen Arbeit sein wird, die in ihrer Blüte unabhängig ist von

allem Fremden.«

 

Beim Abschied, als der Kronprinz mit festem Druck meine Hand umspannte,

sagte er: »Erzählen Sie nur zu Hause, wie der Krieg aussieht: J e d e u t l i c h e r

S i e e s s a g e n , u m s o m e h r w i r d m a n d a h e i m a u f a t m e n. Daß unser

Volk durch dick und dünn durchhalten wird, daran hab' ich noch keine Sekunde

gezweifelt. Ein paar Ungeduldige und Wehleidige? Was macht das aus! Das Volk

im ganzen fühlt seine deutsche Pflicht. Und Pflichtgefühl und Geduld sind

immer zwei Dinge, die zusammengehören wie Schwestern. Wenn wir recht und

fest unsere Pflicht erfüllen, dann ist die Geduld von selber dabei. Oder haben Sie

hier bei uns im Feld schon einen Ungeduldigen gesehen?«

 

»Nein, Königliche Hoheit! Nur Sehnsüchtige.«

 

Der Kronprinz nickte:

 

»Das ist was andres. Wär's nicht so, dann wären wir doch keine Deutschen.

Sie, Herr Doktor, werden wohl früher nach Hause kommen als ich. G r ü ß e n

S i e v o n m i r d i e H e i m a t !« –

 

Als ich das Quartier des fürstlichen Heerführers verließ, war's im Osten blau,

und die Mittagssonne überglänzte die dicken Meernebel, die von Westen schon

wieder herquollen über die Dächer der Stadt. Dann ging die Fahrt hinein in diese

ziehenden Dünste, und bevor es dämmern wollte, tauchte eine feine, schmucke,

wundervoll von alten Zeiten redende Stadt vor mir auf. Keine Spur von

Zerstörung, alles ein Bild des Friedens. Und überall die Heimlichkeiten einer

Vergangenheit mit deutschem Gesicht! Auch die vielen vergnügten Kinder auf

der Straße scheinen Deutsch zu reden, obwohl ich ihr lustiges Geschrei nicht

verstehe. Und deutsche Blaujacken bewachen die Autosperre, deutsche

Blaujacken hüten das alte kleine Tor; überall seh' ich sie gehen, mit den Händen

in den Hosentaschen, mit ruhigen, wettergebräunten Gesichtern, mit nackten

Hälsen, mit wehenden Bändern hinter den deutschen Seemannsmützen. – Und

am Abend, in einem Kreise deutscher Marineoffiziere, vernahm ich Dinge, die

mir das Herz froh und heiß machten, und hörte das ruhig rechnende und eben

deshalb so tief erquickende Wort des Kommandierenden Admirals:

 

»Wir haben zu Beginn des Krieges vieles unterschätzt, aber e i n s haben wir ü b e r s c h ä t z t : d i e e n g l i s c h e F l o t t e!«