Die stählerne Mauer

Ludwig Ganghofer · Kapitel 7 von 13

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Die stählerne Mauer

13. März 1915.

schwarzgraue, klobige Viereck des Seminargebäudes, das noch mächtiger als die

Kirche wirkt. –

 

(Hier wurde ich heute mittag bei der Arbeit unterbrochen. Ein Auto holte

mich ab. Nun dämmert es, da ich heimkehre. Ehe der Tag versank, bekam er eine

rotglühende Sonne. Was ich in den vier vergangenen Stunden erlebte, ist in mir

wie ein Sturm, der meine Gedanken vor sich herjagt. Ich werde ein paar Tage

brauchen, bis dieser Bilderwirbel in mir sich beruhigt und ordnet. Heute kann ich

nimmer arbeiten. Nur dieses Eine muß ich noch niederschreiben: Wie stolz bin

ich auf meine Heimat, und wie viel Freude ist in mir, weil ich sagen darf: ich bin

ein Deutscher!)

 

13. März 1915.

 

Morgensonne umglänzt das Fenster meiner Stube zu Lille.

 

Ich will versuchen, ruhig ein Wort neben das andere zu setzen, will vorerst zu

Ende erzählen, was ich gestern zu schildern begann. –

 

– Die Türme von Arras standen im Nebel und umschleierten sich wieder, als

die zwei führenden Offiziere aus den weißen Kalkwänden des Schützengrabens

mit mir herausstiegen und mich hinunterführten in das tote Dorf.

 

Eine lange, ausgestorbene Gasse, Ruine neben Ruine. Kein Mensch, kein

Rind, kein Huhn und keine Taube. Nur kleine Vögel sind noch da, spüren den

nahen Frühling und zwitschern – ich seh' einen Spatzen, der gemütlich im

Mauerloch einer Schrapnellkugel sitzt, munter herausguckt und immer piepst.

Das Loch ist genau so groß, als wäre es für den Spatzen nach Maß gemacht.

 

Neben dieser Sperlingsvilla steht die Kirche mit halbem Turm und ohne

Glocke, mit zerschmetterten Wänden und ohne Dach – ein Anblick, der mir das

Herz umkrampft, obwohl ich nicht der frömmste der Christen bin.

 

Ich sehe durch offene Türen in zerschlagene Ställe, sehe durch Granatenlöcher

in verwüstete Stuben, aus deren Schutt die zerfetzten Reste gemütlicher

Lebensdinge heraustrauern – und plötzlich zwingt mich eine kleine Sache zu

wortlosem Aufenthalt.

 

In einem von Mauerstaub überstreuten Vorgarten steht, durch einen Granatensplitter übel verwundet, ein kleines Kinderpferdchen mit Rädern unter

den Hufen.

 

Mich ergreift das, obwohl ich finde, daß dieses französische Spielzeug sehr

geschmacklos ist. Aber auch symbolisch ist es. Statt der Ohren hat das Pferdchen

zwei Kurbeln – wenn der kleine verschwundene Reiter an diesen Kurbeln drehte,

ging das Rößlein vorwärts. –

 

Hat nicht der Kriegsgaul des französischen Volkes einige Ähnlichkeit mit

diesem Spielzeug? Auch Frankreich hat zwei Kurbeln in den Ohren, und

England dreht daran. Wie weit wird Frankreich kommen dabei? So weit wie

dieses Spielzeug? Ein Granatensplitter hat ihm ein Loch in den Bauch gerissen,

aus dem der verrostete Mechanismus herausguckt. –

 

– Das tote Dorf ist nicht völlig tot. Ich höre Stimmen und sehe eine Gruppe

von Feldgrauen in einem Schloßpark stehen, der aussieht wie ein kränklicher

Bruder des Parkes von Hollebeke. Das hübsche Barockschlößchen ist löcherig

wie Schweizerkäse, aber noch immer bewohnbar. Ein Dutzend Feldgraue hausen

drin, in großen Räumen mit schönen Möbeln, mit seidenen Vorhängen und guten

Bildern, mit Stutzuhren und Kandelabern auf dem Kamin, in dem ein

wärmendes Feuer brennt. Außer diesem Feuerglanz ist keine Farbe mehr zu

sehen, alles ist überbröselt von Mörtelschutt, überkrustet von Lehm. So grau wie

Straßenstaub ist auch der Parkettboden; man geht da ganz wunderlich weich; ich

frage: »Ist das eine Hanfmatte?« Ein Feldgrauer antwortet: »Nein! das war ein

Smyrnateppich!« –

 

Ich nicke nur. Anders kann es da nicht aussehen! Die Leute, die todmüde aus

dem Schützengraben kommen, können nicht erst die Kleider reinigen und die

Stiefel putzen; sie kommen und essen und werfen sich hin und schlafen ein. Und

zur anderen Hälfte macht es der Mauerstaub, den die französischen Granaten

erzeugen.

 

Ich trete hinaus auf die Veranda, die noch halb erhalten ist. Aus einem

Kellertürchen seh' ich einen alten, weißbärtigen Mann langsam heraufsteigen. Er

geht zu einem verwüsteten Blumenbeet und leert einen Nachtkübel aus. Das ist

nicht appetitlich, aber ich muß es erzählen – denn der alte Mann, der dieses üble

Morgenwerk verrichtet, ist der Besitzer des Schlosses.

 

Wir reden ihn an; er ist sehr höflich, auch sehr gesprächig, obwohl er immer

nur ein einziges Wort wiederholt: »Oui, oui, oui, oui ...«

Als der Krieg kam, brachte der alte Herr das nicht übers Herz, sein Haus und

seinen geliebten Park zu verlassen. Er blieb – mit seiner siebzigjährigen Frau.

Die Feldgrauen überließen dem alten Paar als Wohnung den bombensicheren

Keller. Da leben nun die beiden von den Nahrungsmitteln, welche die deutschen

Soldaten mit ihnen teilen. Kein Diener ist mehr im Haus, keine Magd – alle

Dienstboten sind davongelaufen, als die ersten Kanonenschüsse krachten.

 

Das ist Frankreich! Könnte Ähnliches in Deutschland möglich sein? Ein alter

Kutscher, der seiner Herrschaft viele Jahre diente, oder ein braves, gutes

deutsches Mädel wäre geblieben, auch unter Schreck und Grauen! – Ich sage das

in deutscher Sprache zu den beiden Offizieren, und der Schloßbesitzer antwortet

mit höflichem Lächeln: »Oui, oui, oui, oui ...« Ich fürchte, es sieht nimmer gut

unter seinem alten Weißkopf aus!

 

– Krieg! Wer weiß und ahnt in der Heimat, was unserem Land erspart wurde

durch unser Heer! S e h e n muß man es, hier, in Feindesland, so wie meine

Augen es sehen! –

 

Zwei Granaten sausen über die Felder hin und dröhnen; manchmal klatscht

eine Gewehrkugel ins Gemäuer des Schlosses oder in die Rinde eines

Parkbaumes. Allmählich wird das Geschützfeuer ein ununterbrochenes Rollen.

Das hört sich anders an als das übliche Geböller, das die Franzosen und

Engländer Tag für Tag nach dem Frühstück zu beginnen pflegen. Etwas Zorniges

ist in diesem aus der Ferne her dröhnenden Gebrüll. Wie ein Angriff klingt es.

Man kann auch schon unterscheiden, daß die Deutschen antworten, immer

fleißiger! Das muß bei La Bassée oder bei Lorgies sein! Oder noch nördlicher?

 

Eine lange, jagende Autofahrt mit vielen Umwegen. Gegen zwei Uhr

nachmittags tauchen die zerrupften Giebel von La Bassée aus dem Dunst heraus.

Unter dem Gerassel des Autos ist der ruhelose Geschützkampf nur wie ein

schwaches Murren zu hören. Nun halten wir. Und ein ingrimmiges

Donnerdröhnen geht durch die Lüfte.

 

Die Einfahrt nach La Bassée erweckt den Eindruck: das ist ein Städtchen, das

trotz allem noch lebt! Freilich, die Mehrzahl der Bevölkerung besteht aus

deutschen Feldgrauen. Zwischen ihnen und den Einheimischen ist ein auffälliger

Unterschied: die letzteren stehen zwecklos und mit ängstlichen Gesichtern unter

den Türen, die Unseren gehen ruhig ihrer Arbeit nach oder schmauchen, wenn

sie Rast haben, gemütlich ihr Pfeiflein. Manchmal ruft einer: »Obacht!« Dann

wird die Straße leer, jeder Lebende drückt sich flink an die Hausmauer – ich bin überrascht, wie schnell ich das lerne – eine unsichtbare Lokomotive schnaubt

über die Dächer weg, irgendwo hinter den Häusern kracht es sehr heftig, die

Mauern zittern, der Boden schüttert, die Ohren klingen – dann geht man weiter.

Die gleiche Sache wiederholt sich nach jeder Minute.

 

Nun kommt die Quergasse von La Bassée. Die ist beinahe ausgestorben. Wie

die Kirche, die schrecklich anzusehen ist, genau so sehen alle Häuser aus. An

keinem ist mehr ein ganzes Dach, an keinem eine ganze Fensterscheibe, an

keinem eine unversehrte Mauer. Die meisten Häuser stehen leer, mit

abgesperrten Türen. Einige sind noch bewohnt. In ihnen hausen Bauersleute, die

von den zerstörten Dörfern hereinflüchteten in das Städtchen, irgendeine

verschlossene Tür erbrachen und sich einnisteten in den leeren Stuben; wenn sie

hungrig werden, gehen sie zu den deutschen Feldküchen. Die paar Frauen, die

aus den Fenstern gucken, haben blasse, verstörte Gesichter. Ein bißchen lustiger

sehen die Kinder aus. Die benehmen sich wie der Spatz im Mauerloch, huscheln

sich in eine Schutthöhle und zwitschern. Auch sie werden bleich, so oft die

unsichtbare Lokomotive braust. Aber kaum ist der Donnerschlag vorüber, so

lachen sie, zuerst wohl ein bißchen scheu und unbehilflich, aber nach einer

halben Minute ganz munter und natürlich.

 

Aus einer Haustür sieht ein junges, bildschönes Mädel heraus, mit einem Kind

an der Hand. In ihrem Gesicht ist wahrhafte Heiterkeit, keine Spur von Sorge.

Der Blick, mit dem sie uns ansieht, scheint zu sagen: »Ich weiß, daß ich schön

bin. Schönheit ist eine Macht. Mir geschieht nichts. Und geschähe mir was, so

würdet ihr fremden Männer springen, um mir zu helfen!« –

 

Der Blick des schönen Mädchens hat recht. Schönheit ist eine Überwinderin.

Wie dieses schöne, junge Geschöpf, so wahrhaft heiter und ohne Sorge darf

unsere deutsche Heimat sein. In ihrer Volksseele ist Jugend, Schönheit und

Kraft. Und da ihr was Übles zu geschehen drohte, sprangen Millionen deutscher

Männer, um ihr zu helfen.

 

Wieder pfeift die unsichtbare Lokomotive, und hinter zertrümmerten Häusern

wirbeln dichte Rauchwolken herauf. Dann erfragen wir's bei der Befehlsstelle:

zwei englische Angriffe sind abgewiesen worden, noch ehe sie recht begannen,

ich glaube bei Guinchy oder Givenchy, ein paar Kilometer westlich von La

Bassée. Weiter nördlich dröhnt und rollt es noch immer, hat noch immer einen

erbitterten Klang. Dort scheint noch keine Entscheidung gefallen zu sein. Was

hier bei La Bassée noch aufbrüllt in immer länger werdenden Pausen, ist nur der

Schlußakkord eines schon zu Ende gehenden Kriegskonzertes.

Von einem Hausgarten, der uns zwischen verwinkeltem Gemäuer etwas

Aussicht bietet, sehen wir auf den Äckern die schwarzen Rauchbäume wachsen,

sehen über unseren Köpfen die Schrapnellwolken und hören von den

Hausdächern das Geprassel der einschlagenden Kugeln, hören das Geplätscher

von Schutt und Scherben. Nicht weit vom Gartenzaun schlägt eine Granate ein,

ganz nahe huscht ein scharfes Zischen vorüber und das Sprungstück fährt in die

Hausmauer.

 

Es scheint, eine Beschießung durch die Engländer ist eine für Unbeteiligte, die

abseits stehen, nicht völlig gefahrlose Sache. Die britische Kugel nimmt häufig

einen anderen Flug, als es die Engländer wünschen. Nach allem, was ich von

deutschen Offizieren höre, stehen und fechten die Engländer im Nahkampf

besser als sie im Fernkampf schießen. Ein paarmal zischt es lehrreich an uns

vorüber, und ich gewinne innerhalb weniger Minuten die beruhigende

Überzeugung, daß die deutschen Batterien, die augenblicklich von den

Engländern »beschossen« werden, viel sicherer sind als meine harmlose

Bürgerhaut, die weit davon entfernt ist.

 

Auf dem Rückweg zum Auto geht's immer hart an der deckenden Häuserzeile

hin. Kaum sitz' ich im Wagen, da spring' ich wieder heraus. Ein Feldgrauer

bringt zwei gefangene Engländer eskortiert. Sie enttäuschen mich. Wenn die

anderen von Kitcheners »Millionenarmee« nicht wesentlich männlicher

aussehen als diese beiden, dann sollte man für das englische Heer auch einige

Kindergärtnerinnen anwerben. Der eine ist ein achtzehnjähriges Bürschlein, nur

käsehoch, mit Säbelbeinen; er watschelt wie eine Ente und weckt die Erinnerung

an Falstaffs berühmte Rekruten.

 

Der andere – nein, ich kann nicht spotten – dieser andere ist ein schlanker

hübscher Mensch von etwa zwanzig Jahren, trägt den schlaff hängenden linken

Arm mit einer Schuhschnur an die Brust gebunden, wandert mühsam und hat

den Ausdruck eines quälenden Schmerzes im jungen schmalen Gesicht. Das ist

kein Feind mehr, das ist ein leidender Mensch. Ich sage ihm rasch, daß er

nimmer weit bis zu dem Hause hat, wo ein deutscher Arzt ihm helfen wird. Er

lächelt mit blassem Mund, sein Wort und seine Augen danken.

 

Dann bringt man drei andere. Die sind besser gewachsen, sehen kräftig aus.

Zwei von ihnen sind verwundet, und die feldgraue Eskorte war so barmherzig,

die Tornister dieser beiden dem dritten aufzuladen, einem festen und gesunden

Kerl, der aber das harte Schleppen nicht zu lieben scheint. Er sieht sehr

mißmutig drein und schwitzt unter den drei gewichtigen Tornistern wie ein Maulesel unter vielen Getreidesäcken. Dem vergönn' ich es. Jeder Tropfen seines

Schweißes soll ihn brennen, wie Reue brennt!

 

Hinter uns verstummt das Kriegsgewitter von La Bassée. Weiter nördlich

dröhnt es noch immer weiter. Schließlich übertönt das Geräusch des Wagens

auch dieses ferne Murren.

 

Bei der Einfahrt in Lille ist der Abend noch hell, kaum sechs Uhr vorüber.

Doch alle Läden sind schon geschlossen, die großen und hübschen Straßen sind

völlig menschenleer. Das sonst so muntere Lille sieht aus wie eine Märchenstadt

aus Tausendundeiner Nacht, wie eine Stadt der unsichtbaren Magier, wie die

Stadt der verzauberten, in einen fernen Weiher verwunschenen Fische.

 

Mit dieser frühen Polizeistunde und dem Entgang des Abendbummels muß

Lille jene Begriffsverwechslung büßen, deren es sich beim Durchzug der

französischen Gefangenen schuldig machte.

 

Die gute Lehre wirkte bereits. Als vorgestern neuerdings dreihundert

französische Gefangene durch die Straßen von Lille geführt wurden, benahm

sich die einheimische Bevölkerung geradezu musterhaft. Eine Krankheit mag

heißen, wie sie will – wenn man das richtige Medikament erwischt, so hilft es

i m m e r ! –

 

Für heute genug! Morgen will ich zu erzählen versuchen, was ich gestern

erlebte.