Die stählerne Mauer
3. Tagebuchblätter vom 22. Februar bis 9. März 1915
3.
Tagebuchblätter
vom 22. Februar bis 9. März 1915
Bei den Güterhallen und Plätzen von Avesnes sah ich ein fesselndes
Arbeitsbild. Alles hilft da in Eintracht zusammen, Freund und Feind. Unsere
Feldgrauen plagen sich in Soldatentreue zum Vorteil des Vaterlandes, die
Einheimischen ums tägliche Mittagessen, das viele von ihnen nicht hätten, wenn
sie sich's nicht bei der deutschen Armee verdienen könnten. Auch nur ums liebe
Brot, versüßt durch zahlreiche Leckerbissen, arbeitet dabei eine kluge und
fleißige, rührend gutmütige, aber unglaublich robuste junge Dame von achtzehn
Jahren mit. Sie ist auch überaus sittsam. Es wurde mir amtlich versichert, daß sie
bislang noch immer ihren jungfräulichen Stand bewahrte, obwohl sie sich schon
seit längerer Zeit in Frankreich befindet. Ihre Wohlerzogenheit ist
unbeschreiblich. Mit vorsichtiger Zartheit frißt sie jedem Freunde und Feinde
aus der Hand, bittet mit dem Füßchen (Schuhnummer 217) um ein Stückelchen
Zucker und bedankt sich dafür durch ein auf hundert Schritte noch deutlich
hörbares Geklapper mit den Ohrlappen und durch eine graziöse Neigung des
schlanknäsigen Köpfchens, dessen Hutweite 336 Zentimeter betragen würde.
Wer es nur immer wünscht, kann dieser Dame auf den Buckel steigen, ohne
daß sie dazu auffordert. Und ohne die geringste Einwendung dagegen zu
erheben, läßt sie einen ausgewachsenen Mann auf ihrem jungfräulichen Nacken
reiten. Alle Geduld und Güte ihrer keuschen Mädchenseele ist am deutlichsten
zu erkennen, wenn man sie von hinten betrachtet – da ist jede Bewegung und
Riesenform die personifizierte Sanftmut! Aber noch viel unbeschreiblicher als
der Reichtum ihres Gemütes sind die erstaunlichen Arbeitsleistungen dieser
Dame. In einer Stunde erledigt sie, was hundert Packträger an einem ganzen
Tage nicht fertig brächten. Mit ihrem Schnäbelchen, das einem Gigantenfinger
ähnlich ist, hebt sie die zentnerschweren Proviantkisten wie Zündholzschachteln
und schwingt die Getreidesäcke spielend in die Eisenbahnwagen.
Diese für die deutsche Arbeit hinter der Front höchst nützliche Dame ist die
achtzehnjährige Elefantin »Jenny«, welche Hagenbeck für die Etappenarbeit zur
Verfügung stellte. Und daß dieses fleißige, für Deutschland rastlos arbeitende
Fräulein eine Tochter des englischen Indiens ist, das erscheint mir als ein
besonders erquickender Gedanke.
*
Bei Fourmies stand ich vor einem Wunderbau deutscher Technik. Die
Franzosen haben hier einen Eisenbahnviadukt, der ein dreißig Meter tiefes und
zweihundert Meter langes Tal übersetzt, in seiner ganzen Länge gesprengt. Sie
hofften, daß die Zerstörung einer Brücke, deren Bau mehrere Jahre erfordert
hatte, den Bahnbetrieb der Deutschen auf dieser Strecke für die ganze
Okkupationsdauer lahmlegen würde. Dabei ließen sie die deutschen Pioniere
außer Rechnung. Die haben hier, neben und zwischen einem Wirrsal von
Trümmern, in nicht ganz drei Wochen eine mit genialer Grazie konstruierte
Holzbrücke erbaut, über welche jetzt die schweren Proviantzüge mit zwei
Lokomotiven und fünfzig Wagen hinübergleiten, ohne daß ein merkliches Zittern
des Baues zu spüren ist. Ich guckte von oben hinunter und guckte von unten
hinauf an diesen dreißig Meter hohen, scheinbar aus zarten Spänen, in
Wirklichkeit aus fünfzehn Meter langen Baumstämmen dreistöckig gefügten
Pfeilern – und ich entblößte meinen Kopf, wie man's vor einer heiligen Sache
tut. Deutsche Arbeit! Welch ein irdisches Ding könnte uns heiliger sein! Der
Gedanke, daß die Franzosen, deren geistreichstes Kampfmittel in der
zwecklosen Zerstörung ihres eigenen Gutes besteht, uns jemals niederringen
könnten, wird beim Anblick solcher Arbeit eine drollig wirkende Vorstellung.
Ich hörte über diese französische Kampfmethode von einem Amerikaner das
charakteristische Wort: »Das ist nicht mehr militärisch, das ist idiotisch!« Und
neulich, bei einer mehrstündigen Beschießung von Guillemont, haben die
Franzosen keinen deutschen Soldaten getroffen, nur sieben französische
Bauernweiber totgeschossen oder schwer verwundet.
*
Von den eingehobenen Steuerbeträgen decken die Deutschen pünktlich alle
Gehaltsquoten der Staats- und Gemeindebeamten, solange diese ordnungsgemäß
ihre Arbeitspflicht erfüllen. Diese Bedingung ist eins von den Mitteln, durch die
alle französischen »Regierungsgewalten« der okkupierten Gebiete, auch die Professoren und Volksschullehrer, bei andauernder Besonnenheit erhalten
werden. – In einem Städtchen, wo ich einige Tage Station machte, schwatzte ich
gern und viel mit dem kleinen, achtjährigen Töchterchen meiner Quartierleute.
Das liebe Kind, das immer zutraulicher wurde und mir prompt jeden
französischen Sprachschnitzer korrigierte, berichtete mir in naiver
Verwunderung: Vo r dem Kriege hätte der Herr Lehrer in der Schule erzählt, daß
jeder deutsche Soldat die französischen Kinder mit Zündhölzchen brenne und
aufs Bajonett spieße – und j e t z t versichere er täglich, daß es auf der ganzen
Welt keine gutmütigeren und freundlicheren Menschen gebe als unsere
Feldgrauen. – Ja! Der regulierbare Brotkorb ist ein sicher wirkendes Mittel, um
Frankreichs irrsinnig gewordene Pädagogen zu verständiger Menschenkenntnis
genesen zu lassen.
*
Eine dankbare Würdigung verdient die kluge, rationelle Landwirtschaft und
Verproviantierungspolitik, die unsere Feldgrauen hier betreiben.
Was die Bevölkerung hier an Vieh und Geflügel zu ihrer Ernährung benötigt,
wurde ihr belassen. Alles übrige Vieh wird von den Feldgrauen gesammelt,
behütet und gemästet, um unsere Armee auf dem Umweg durch die Feldküchen
zu kräftigen. Unsere Feldküchen, ohne deren segensreiche Existenz die deutsche
Kriegführung in den gegenwärtigen Formen mit so verläßlichem Erfolge nicht
möglich wäre, können ruhelos brodeln und dampfen – der Materialnachschub
wird ihnen nicht ausgehen! Nicht nur das Nötigste ist vorhanden; zuweilen kann
man sogar ein bißchen schlemmen. Ja! Am gastlichen Kasinotische des
Generalkommandos unseres 1. bayrischen Armeekorps hab' ich herrliche
Leckerbissen verzehrt: Blutwurst, Leberkäs und Schwartenmagen. Und einmal –
in seliger Erinnerung verdrehe ich jetzt noch die Augen – da gab es sogar
Münchener Weißwürscht! Leider nur zwei Paar pro Seele. Aber frisch im Felde
gemacht! – Treues Bayernherz, was begehrst du mehr? Da kannst du auf
Hummern, Austern und Kaviar verzichten und dich aussöhnen mit aller Mühsal
des Krieges!
Ganz famos schmecken die K-Kipfelchen und das Kommißbrot. In
Wißbegierde nach dem Werdegang dieser grauen und schwarzen Köstlichkeiten
besuchte ich die Bäckerei. Sie ist in zwei großen Meierhöfen installiert, so
praktisch, als wären die beiden französischen Fermen eigens für diesen schönen
deutschen Zweck erbaut worden. Vierundzwanzig aus Ziegelsteinen gemauerte Backöfen! Wie es da duftet! Nur ein bisserl warm ist es, sehr warm! Die
Besichtigung beginnt bei der Mehlkammer; nach zehn Schritten steht man vor
den Backtrögen – die knetenden Soldaten haben Bizepse wie Athleten; von der
Teigwage wenden wir uns zum Brotformer: schwupp, ist der Laib schon weg, im
heißen Ofen, und ehe man sich ein bißchen umsieht, dampft die Wassernetzung
auf der braunglänzenden Brotrinde! Ich versuchte es, mich in den Gedankengang
eines Bäckereisoldaten hineinzuversetzen, der innerhalb seiner Schicht ungefähr
fünfzehntausend dampfende Brotlaibe mit der Wasserbürste überstreicht – aber
ich muß bekennen, daß meine sonst sehr bewegliche Phantasie da nicht
ausreichte. So wird hier Tag und Nacht an allen vierundzwanzig Öfen mit
achtstündigem Schichtwechsel ununterbrochen durchgearbeitet. Bereits am
15. Januar konnte diese Bäckerei das Jubiläum der viermillionsten Portion
feierlich begehen.
*
Jetzt, da der Frühling kommen will, pflügen und säen unsere Feldgrauen. Die
meiste Ackerarbeit wird von deutschen Motorpflügen geleistet, die man aus der
Heimat bezog. Als Aushilfe werden den Bürgermeistern Gespanne und
Mannschaften für die Feldarbeit zur Verfügung gestellt.
Diese gemeinsame Arbeit der Franzosen und Feldgrauen auf den
Frühlingsäckern trägt auch ein Erkleckliches zum friedlichen Ausgleich der
nationalen Gegensätze bei. Ich sah einen vierspännigen Pflug: die zwei
Feldgrauen gingen heiter schwatzend neben den Gäulen her, und auf den beiden
Sattelpferden ritten zwei nette junge Französinnen, die sehr vergnügt waren.
*
Eine fast unübersehbare Fülle tüchtiger Arbeit wird von unsern Feldgrauen in
Städten und größeren Ortschaften geleistet. Sie haben da alle besseren
Handwerksstätten, die von ihren Besitzern verlassen waren, in Betrieb
genommen und sieden, nur innerhalb eines Armeebezirks, in acht, zumeist mit
dem Maschinenmaterial zerstörter Zuckerfabriken eingerichteten Brauereien
einen gut trinkbaren Tropfen für die durstigen Seelen unseres braven Heeres.
Dieser ganze riesenhafte, aus der Vernichtung und aus dem Nichts
herausgebaute Arbeitsapparat des deutschen Etappenkörpers funktioniert mit
einer Pünktlichkeit, mit einer so tadellosen Ordnung bis ins kleinste, daß man nicht eine grobe Kriegsmaschine, sondern den feinen Präzisionsmechanismus
eines genialen Uhrenkünstlers zu sehen glaubt.
Auch Maschinenfabriken, welche stillstanden, wurden in Betrieb genommen.
Wer in solchen Dingen nur ein bißchen bewandert ist, dem springt sofort ein sehr
auffälliger Unterschied zwischen dem französischen und dem aus Deutschland
bezogenen Arbeitswerkzeug in die Augen. Die französischen Bohrmaschinen
und Eisendrehbänke sind nach Systemen von Anno achtzig und neunzig gebaut,
der Mechanismus ist leichtsinnig und wackelig, die Arbeit ungenau. Wahrhaftig,
die deutschen Maschinen stehen neben den französischen wie ein strammer,
verläßlicher deutscher Soldat neben einem wehleidigen Ohlala! Daß man unsere
deutsche Industrie um den Weltabsatz betrügen wird, brauchen wir wahrhaftig
nicht zu besorgen. In unserer deutschen Industrie stecken die gleichen sieghaften
Kräfte wie in unserem deutschen Volksheer.
*
Eine tiefe Erschütterung befiel mich beim Besuch einer Werkstätte, die keinen
deutlichen Namen hat, nur »Reparaturstelle« heißt. Hier werden die Gewehre,
Waffen, Armierungsteile und alle sonstigen Fundstücke des Schlachtfeldes
gereinigt und wieder brauchbar gemacht. Durch jeden der Helme, Tornister und
Mäntel, die ich da aufgeschichtet sah wie etwas tadellos Neues, ist irgendeinmal
und irgendwo der harte bleierne Tod gegangen. Jetzt wird das gesunde Leben sie
wieder tragen, zu unserem Schutz!
Unter den vielen Dingen, die vom Schlachtfeld zu dieser Reparaturstelle
kamen, sah ich eine für Europa sehr wunderliche Beutegattung: die aus drei
zähen Holzarten zusammengefügten zwei Meter langen Bogen indischer
Urwaldleute oder afrikanischer Pfeilschützen! Solche Waffen und solche
Kämpfer gegen unsere Maschinengewehre und Mörser ins Gefecht zu hetzen?
Ist das nicht sinnlos und idiotisch? Ganz abgesehen davon, daß es auch
verbrecherisch ist!
Von den fünfzig oder sechzig Bogen, die ich bei der reichen Schlachtbeute
liegen sah, sind die meisten entzweigebrochen. Das geschah wohl nicht im
Kampfe. Ich vermute, daß die Leute, welche diese Bogen auf dem Schlachtfeld
zusammenlasen, sie aus Neugier und in Unkenntnis dieser exotischen Waffe
nach der falschen Seite zu spannen versuchten. Krümmt man einen solchen
Bogen, der auch ungespannt eine Biegung zeigt, nach einwärts, so zerbricht er; man muß ihn, um ihn elastisch zu machen, über die Biegung nach auswärts
spannen.
In ähnlich verkehrter Weise versuchten es unsere Feinde mit Deutschland zu
machen. Sie wollten uns klein zusammenbiegen, uns nach einwärts krümmen.
Aber wir zerbrachen nicht. Und w i e uns die Torheit der Feinde auch zu beugen
versucht, immer schlägt und wirkt die zähe, unzerstörbare Spannkraft des
deutschen Stahlbogens nach außen hin!
*
Ich habe da aus der Fülle der deutschen Arbeitsbilder, die ich zu sehen bekam,
nur ein paar ungenügende Stichproben aufgezählt. Wollte man diesem deutschen
Friedenswerk inmitten des Krieges gerecht werden, so müßte man ein dickes
Buch schreiben. Aber auch das Wenige wird ausreichen, um in der Heimat
erkennen zu lassen, wie viel kluge, energische und erfolgreiche Arbeit hinter der
Front geleistet wird, und wie viele Siege des deutschen Geistes und Fleißes
unsere Feldgrauen in jenen scheinbaren »Ruhezeiten« erfechten, von deren
Inhaltsfülle die militärischen Tagesberichte schweigen. Ebenso viel und ebenso
Großes, wie von unseren siegreichen Kämpfen an der Front, wo die deutschen
Truppen unerschütterlich im feindlichen Feuer stehen, wird die Geschichte des
Weltkrieges einmal von diesen deutschen Wirtschaftserfolgen auf erobertem
Boden zu erzählen haben. Und wenn ich bei der Schilderung dieser Bilder
manches scherzhaft genommen und heiter geformt habe, so soll das den Wert der
Sache nicht verkleinern. Die fröhliche Form ergab sich so, weil Heiterkeit, Ruhe
und froher Glaube die kostbaren Geschenke sind, die ich als schauender Bürger
im Feld empfange. Und wenn ich fröhlich erzähle, wohnt und schimmert hinter
jedem meiner Worte eine Bewunderung, so ernst und tief, daß ich sie nicht
auszusprechen vermag – und eine deutsche Dankbarkeit, so heiß und ehrlich,
daß ich sie nicht sagen, nur fühlen kann.