Die stählerne Mauer

Ludwig Ganghofer · Kapitel 11 von 13

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Die stählerne Mauer

Kapitel 9

 

 

20. März 1915.

 

Erinnert euch an alles, was ich seit drei Monaten an Zerstörungswerken des

Krieges geschildert habe, von Audun le Roman bis zum »Friedenspark« von

Hollebeke und bis zum toten Dorfe bei Arras – erinnert euch an diese hundert

Bilder des Grauens, und dann sagt: »Das alles war nichts, war nur ein

ungeschicktes Kinderspiel, nur eine Lehrlingsarbeit des Krieges!« Was ich jetzt

sehe, ist sein Meisterwerk im Zerbrechen und Vernichten. Erst diese

kleingehämmerte, tote, versunkene Stadt Dixmuiden zeigt mir, was Untergang

unter den Stürmen des Krieges bedeutet.

 

Das schildern? Es ist unmöglich. Ich will keinen Versuch machen, will nur

zum Geleit für die Schritte, die mich an diesem endlosen Gemenge von

Trümmern und Schutt vorüberführen, Wort für Wort vor mich hinsagen.

 

In der Ruinengasse, die zum Rathaus leitet, können Menschen über dem

Erdboden nicht mehr wohnen. Der letzte Einwohner von Dixmuiden ist längst

verschwunden. Unsere Reserven, die hier ausharren müssen, hausen in den

gewölbten Kellern. Um in dieser Finsternis ein wenig Licht zu haben, holten die

Soldaten aus den zerstörten Häusern die noch unzerbrochenen Spiegel, alle

blanken Bleche und polierten Holzflächen heraus und befestigten sie in schräger

Stellung vor den Kellerlöchern, als Reflektoren der Himmelshelle. Ein Soldat

sagt zu mir: »En bißche Licht, un denn is man ooch widder zufrieden!«

 

Die Trümmergasse ist leer; nur manchmal sieht man einen Feldgrauen aus

einem Kellerloch herausschlüpfen und im anderen verschwinden. Ich frage

einen: »Wieviel von den Unseren sind denn noch hier?« Der Soldat – ich glaube,

ein Hallenser – sagt lachend: »Genugg, daß mer's aufhalten, die annern!« Ein

deutsches Wort! Und nicht nur von Dixmuiden gilt es. Nicht nur vom heißen

Boden am Yserkanal. Es gilt von Belfort und vom Wasgenwald bis nach Ostende und Zeebrügge.

 

Nun kommt, was im Oktober noch ein feines, prunkvolles gotisches Rathaus

war. Was es jetzt ist, weiß ich nicht zu sagen. So sinnlos sieht es aus! In dem

vom Sparrenwerk des Daches noch übrig gebliebenen Gerippe steckt – wie ein

Kinderpfeil in der Binsenscheibe – ein schlankes, prächtiges Türmchen, mit dem

Fuß nach oben, mit der Spitze nach unten. Und nicht weit davon ist ein Rätsel

der Mechanik zu sehen. Eine große Granate, viele Zentner schwer, die einen

Dachfirst zerschlug, ohne zu explodieren, ist über den Rest des Daches

heruntergekollert und quer auf einer faustdicken Latte im Gleichgewicht liegen

geblieben. Macht eine Detonation der Beschießung das zertrümmerte Gemäuer

zittern, so schaukelt die Granate eine Weile und schwebt dann wieder ruhig in

der Luft. Das ist so unwahrscheinlich, daß man lange hinsehen muß, bevor man

es glauben kann.

 

Über den Marktplatz geht ein verlassener Schützengraben, mit einem Wall

von Pflastersteinen; und eine Schuttstelle, die früher ein hübsches Haus

gewesen, ist verwandelt in den gewaltigen Trichter einer deutschen

Brummergranate.

 

Am verwichenen Abend hatte ich mir in Brügge eine Mappe mit Ansichten

von Dixmuiden gekauft, wie es früher war. Und nun sitze ich an der linken Ecke

des Marktplatzes auf einem Steinhaufen und vergleiche die Bilder von einst mit

den Bildern von jetzt. Sie gleichen einander wie Haus und Grab, wie Leben und

Tod. Keine Spur von Ähnlichkeit ist mehr vorhanden. Das Heftchen zeigt mir

eine wundervolle gotische Kirche. Wo ist sie? Das aberwitzige Ruinengewirre,

das hinter den Trümmern des Rathauses von ehemals hervorragt? Ist das die

schöne Kirche gewesen? Eine schmerzende Trauer umklammert mein Herz. Und

während ich so sitze, stumm, und immer dieses grauenvolle Bild des Untergangs

betrachte, ist hoch aus den Lüften herunter das knatternde Geräusch einer

Flugmaschine zu hören. Sonst, wenn ich diesen Ton vernahm, suchten meine

Augen immer gleich in der Höhe. Was kümmert mich jetzt der Flieger? Immer

muß ich zu diesem grauen, unsagbaren Ding hinüberschauen, das eine Kirche

und ein Rathaus und die schmucke Front eines städtischen Platzes war. Da sagt

einer von den vier Offizieren, die bei mir sind: »Wir müssen weg da! Der Flieger

hat eine Schwenkung gemacht, er hat uns gesehen.« Wir wandern davon, schräg

über den Platz hinüber, und kaum sind wir in der anderen Ecke, da saust es über

unseren Köpfen, und hinter uns ist ein brüllender Teufel los. Genau bei dem

Steinhaufen, wo wir vor drei Minuten noch gestanden, fährt die schwarze

Rauchwolke auseinander.

In der Trümmerallee, durch die wir kommen, ist ein Lazarett in einem

ehemaligen Weinkeller eingerichtet. Ein paar Schritte weiter, und ich sehe einen

grotesken Gegensatz. Im Hause eines Schlächters, über dessen Ladentür als

Handwerkszeichen ein großer Ochsenschädel prangt, hat eine Granate das obere

Stockwerk auseinandergerissen und die ganze Einrichtung auf die Straße

geschleudert; eine zweispannenlange Mädchenpuppe ist mit dem

Spitzenhemdchen am rechten Hornzinken des Ochsenschädels hängen geblieben.

Kann auch sein, daß die Soldaten das Püpplein so aufhängten. Dann ist es ein

Beweis für den Humor, mit dem unsere Feldgrauen in solcher Umgebung

ausharren.

 

Wieder dröhnt eine Granate. Wir springen durch ein von Schutt übergossenes

Gärtchen und kommen zu einem Damm aus Sandsäcken. Der führende Offizier

mahnt immer wieder und wieder: »Ducken! Ducken! Ducken!«

 

Nun sind wir im Schützengraben, beim Wall der Yser, deren Lauf die Stadt

von der Vorstadt trennt. Die Stellung ist nicht in den Boden eingeschnitten,

sondern geht über die Erdfläche hin, gegen die feindliche Seite durch Gemäuer

und feste Brustwehren aus Quadern und Sandsäcken geschützt. So zieht die

Stellung durch Häuser und Gärten, durch einen Turm, durch ein Brückentor,

durch eine Kapelle. Das ist wieder, wie es im Mittelalter war; genau so muß es

ausgesehen haben, wenn im sechzehnten Jahrhundert eine Stadt oder Burg

verteidigt wurde. Nur Kostüm und Waffen sind ein bißchen anders.

 

Ich gucke durch die Scharte eines Stahlschildes und sehe die den blauen

Himmel spiegelnde Flut der Yser, sehe die feindliche Stellung, die nur dreißig

Meter von uns entfernt ist, sehe die gleichen Steinwehren und Sackmauern wie

herüben. Aus den Schlitzen der stählernen Schilde ragen die Gewehrläufe

heraus; und schießt da drüben einer, so sieht man einen matten Feuerblitz und

ein bißchen Rauch. Über die feindliche Brustwehr starren die Hausruinen empor,

und zwischen dem Schuttwerk trauern die Reste einer Wirtschaft mit dem

Namen: »Duc de Lorraine«. Und immer saust es und dröhnt, immer knallt es.

Um besseren Ausblick zu haben, benütze ich den Winkelspiegel, eine längliche

Holzröhre, deren oberes Spiegelauge über den Saum des Waldes hinausragt; aber

der Apparat pariert nicht recht; während der Benutzung bekam er drei

Streifschüsse; der Holzkasten ist zersplittert, der Spiegel blieb unversehrt.

 

Nun ein Kontrastbild, wie ich es vom Argonnenwald bis Ostende noch nicht

gesehen habe. Dicht beim Schützengraben liegt ein hübscher kleiner Garten. Der

ist verwandelt in einen freundlichen, mit vielem Grün gezierten Friedhof der deutschen Helden. An die zwanzig, die am Yserdamm die jungen Augen im

Kampfe für die Heimat schlossen, liegen da bestattet. Die geschmückten Hügel,

die frischen Buchsrabatten und die kleinen Kreuze schimmern schön und

friedlich in der Sonne des reinen Frühlingstages. Und zwischen diesem

leuchtenden Friedhof und dem Kapellchen, durch das der Schützengraben geht –

und unter dem Sausen und Dröhnen der Granaten und bei dem ununterbrochenen

Gewehrgeknatter, das ruhelos die bleiernen Todesboten über den stillen Lauf der

Yser hin und her wirft, sitzen im Schutze der Kapellenmauer drei Hallenser

Reservisten unter freiem Himmel an einem Tisch – und spielen Skat. Die

Kartenblätter, obwohl sie so abgegriffen sind, daß man Rot und Grün fast

nimmer unterscheiden kann, leuchten in der Sonne wie goldene Täfelchen, und

aus den glänzenden Gesichtern der drei Spieler redet gemütliche Ruhe und alles

Behagen einer köstlichen Frühlingsstunde. Ich gucke dem Spiel eine Weile zu

und frage: »Na, wie wär's denn? Könnt' ich da nicht als Vierter ein bisserl

mitspielen?« Die Drei – mein Sprachklang mag ihnen meine süddeutsche

Heimat verraten haben, und die Vorstellung, daß ein Bayer Skat spielen möchte,

scheint ihnen etwas so unglaublich Komisches zu sein wie der Versuch eines

Dromedars, auf der Mandoline zu konzertieren – die Drei legen ihre

Kartenblätter fort, gucken zuerst verwundert an mir hinauf und fangen dann so

herzlich zu lachen an, daß ihr Gelächter das Knallen der Gewehrschüsse

übertönt.

 

Dieses heitere Lachen begleitet mich und bleibt in mir. Ich hör' es noch

immer, obwohl es schon längst erloschen ist im Dröhnen der immer rascher

aufeinanderfolgenden Granaten. Schlag auf Schlag. Rauch wirbelt auf, und

überall kollern die Mauerbrocken. Die Sache wird ungemütlich, es gibt keinen

sicheren Weg mehr, und schließlich müssen wir in einen Keller hinunter. Da

kommt – in einem Raum, in dem man nicht aufrecht stehen, aber behaglich

sitzen kann – eine seltsam anheimelnde Stunde. Das Talglicht, das man auf die

Tischplatte klebte, wirft einen matten Flackerschein durch das Kellerdunkel und

läßt den Rotwein in den gastlichen Gläsern funkeln, die klein sind, aber gerne

und oft gefüllt werden. Beim Schwatzen und Erzählen vergißt man völlig, daß es

da droben über unseren Köpfen immer dröhnt und donnert. Das Gebäude und die

Kellermauern zittern. Und plötzlich gibt es auch bei uns herunten einen festen

Krach – das Bett, auf dem drei Offiziere saßen, ist zusammengebrochen. Etwas

Rotes tröpfelt – der Burgunder. Man lacht über dieses kleine Satyrspiel der

Kriegstragödie.

 

Die Beschießung mindert sich nicht. Ihr Ende ist nicht abzuwarten, wir müssen hinauf und an die Rückfahrt denken. Seit dem Morgen sind ein paar

hundert Granaten auf die Trümmerhaufen von Dixmuiden niedergefallen. Sie

haben keinen Lebenden beschädigt, nur ein paar Tote aus ihren Gräbern gerissen

– drei Granaten fielen in jenen sonnigen Garten mit den kleinen Kreuzen. Sonst

ist an den weiten Trümmerstätten nach diesem stundenlangen Kleinklopfen des

Schuttes kein Unterschied gegen früher zu gewahren.

 

Wieder erschüttern mich die Bilder namenloser Vernichtung, während wir

flink von Ruine zu Ruine springen und uns bei jedem Sausen in den Lüften

hinter einem noch festen Gemäuer zu decken suchen. Und da pfeift es wieder

einmal gegen uns her. Hinter der Schuttstätte des Domes springe ich in eine

gewölbte Stube, an der die ganze Straßenwand schon herausgerissen ist. Mit

einem Husch der Augen gewahre ich zerfetzte Geräte, einen zertrümmerten

Schreibtisch, zerschmetterte Bücherkasten, zerknüllte Heiligenbildchen und

einen fast tischhohen Wust von Schutt und umhergestreuten Büchern. Hier muß

ein Prälat gewohnt haben. An einer weißen Wand, die noch steht, aber schon

viele Sprünge hat, ist ein Kruzifix befestigt – das grün bemalte

Christusfigürchen, das den linken Arm schon verloren hat, hängt von dem

schwarzen Kreuzholze nach vorne heraus, haftet nur noch am Fußnagel und

droht mit jedem nächsten Augenblick in den wüsten Schutt herunterzufallen. Ein

dumpfes Dröhnen. Staub wirbelt, die Mauern zittern und Mörtel bröselt von den

zerrissenen Wänden. Das schwarze Kreuzholz an der Wand ist leer – der kleine

grüne Heiland hängt am verknüllten Messing eines leise schaukelnden

Kerzenlüsters und fällt – nun liegt er auf meinem Arm, und ich halte ihn fest.

 

Ein kunstloses, naives Schnitzwerk ohne Handelswert! Und armlos, von

Schuttstaub überkrustet, von Steinsplittern und Glasscherben zerkratzt! Ich hab's

nicht fertig gebracht, dieses Figürchen hinfallen zu lassen auf den üblen Schutt,

es der völligen Vernichtung preiszugeben. Das mißhandelte Holzbild war mir

lieb geworden in diesen dröhnenden Sekunden. Ich nahm es mit. Hab' ich mich

dadurch der Plünderung schuldig gemacht? Dann bin ich bereit, zehnfachen

Ersatz zu bieten. Aber ich gebe meinen kleinen grünen Herrgott von Dixmuiden

nimmer her, ich will ihn behalten, so lang ich lebe.

 

– Noch ein bedenklicher Weg durch verwüstete Gassen; ein flinkes Springen

von Deckung zu Deckung. Dann dröhnten die Granaten h i n t e r uns, immer

ferner. Und immer leiser wurde das Pfeifen der Sprungstücke.

 

Aus dem Ende einer Trümmerstraße traten wir hinaus auf das freie Feld

zwischen der zerstörten Stadt und der nahen Bahnstrecke. Und da sah ich ein Frühlingsbild, dessen Grauen mich schaudern machte und dessen seltsame

Schönheit mich doch überwältigte.

 

Zwischen mächtigen Wasserflächen, die vom lauen Winde gekräuselt waren

und von Sonne blitzten, sah ich leichtgebuckelte grüne Wiesen. Ihre zarte

Frühlingsfarbe schien tausendfältig überstreut zu sein von kleinen schwarz und

weiß gesprenkelten Steinchen, von großen braunroten Knospen der

Gänseblümchen und von weißen Herbstzeitlosen. Und je weiter die Wiesen sich

in die Ferne dehnten, um so mehr der Herbstzeitlosen schienen da zu blühen;

schließlich verschwand das Grün der Wiesen völlig und alle Ferne wurde weiß,

gleich einem Schneefeld, das in der Sonne glänzt. Doch manchmal, wenn der

Donner einer schweren Granate die Luft erschütterte, flogen die gesprenkelten

Steinchen und die weißen Herbstzeitlosen in dichten Schwärmen von der Erde

auf und waren Tausende von Kiebitzen und viele Tausende von Möwen. Nur die

großen braunroten Knospen der Gänseblümchen blieben unbeweglich auf dem

Boden und waren Hunderte von verwesenden Pferden und Rindern. Über ihnen

gaukelten die Wolken der unzählbaren Vögel auf und nieder und hin und her.

Und wenn das donnernde Rollen verstummte und die sonnige Luft wieder ruhig

wurde, sanken die Vogelschwärme zu den Säumen der leuchtenden

Wasserflächen und auf die grünen Wiesen hin und bedeckten alles Tote wie mit

einem Blütenregen des ewigen Lebens.