Die stählerne Mauer

Ludwig Ganghofer · Kapitel 5 von 13

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Die stählerne Mauer

Kapitel 4

 

11. März 1915.

 

Eine stürmische Nacht will sich verwandeln in einen trüben Morgen. Meine

Uhr sagt mir: jetzt muß es Tag werden! Aber die Helle will nicht kommen.

Immer bleibt dieses dicke, für die Augen undurchdringliche Grau über allen

Dingen hängen. Manchmal huscht am Wagen eine Laterne vorbei, deren Licht so

heftig flackert, daß es immer zu erlöschen und wieder aufzuglimmen scheint.

Flimmernde Regentropfen und Schneeflocken fliegen horizontal an den

Wagenfenstern vorüber. Manchmal brennt in der Ferne, bald hier, bald dort, eine

rötliche Helle im Nebel auf. Das sind die Leuchtkugeln, die aus den

Schützengräben emporgeschossen werden, um das Gelände zwischen Freund

und Feind für eine halbe Minute zu erhellen. Fällt die Kugel nach kräftigem

Glanze rasch herunter, so ist es eine deutsche, die nur die feindliche Stellung

aufklären, nicht auch den deutschen Graben für die Feinde beleuchten will –

bleibt die Kugel in der Höhe hängen und treibt sie eine Weile im Winde, so ist es

eine feindliche, die an einem kleinen seidenen Fallschirm hängt.

 

Einmal hält der Wagen; man muß in dieser grauen Finsternis bei einer

Wegkreuzung die Karte zu Rate ziehen. Der schwache Lichtkegel des

elektrischen Taschenlämpchens gleitet über das Blatt. Ferner Kanonendonner

und nahes Gewehrfeuer ist zu hören. Zur Rechten und Linken des Weges seh' ich

undeutliche Ruinen im Nebel hängen, sehe zerrissene Mauern und leere

Fensterlöcher. Schwerbeladene Karren ächzen vorüber, und ich höre die

Stimmen der Fuhrleute. Welche Sprache reden sie? Nicht Französisch. Auch

nicht Deutsch. Ich verstehe kein Wort. Und dennoch klingt diese Sprache so, als

wäre sie eine liebe Schwester meiner eigenen. Etwas Warmes, fast Zärtliches

erwacht in mir. Ich weiß: jetzt bin ich auf flämischem Boden! Wie die Leute da

draußen, so ähnlich reden unsere Bauern bei Aachen und am Niederrhein.

Während der Wagen weiterfährt, spritzen von den Rädern dicke

Schlammgüsse gegen die Fenster herauf. Nun halten wir und steigen aus,

inmitten eines Waldes, den ein Wirbelsturm vernichtet zu haben scheint. Fast alle

Bäume sind in halber Stammhöhe geknickt und haben besenförmige

Splitterstümpfe. So weit man in der grauen Dämmerung zu sehen vermag, ist der

Waldboden bedeckt mit einem Wust von zerschlagenen Baumkronen und mit

zahllosen runden Erdlöchern, die bis zum Rande voll sind von schlammigem

Grundwasser. – Ein Wald? Nein! Was ich sehe, war einmal ein herrlich

gepflegter, durch seine Schönheit berühmter Park – der Park des vom Kriege

zerstörten Schlosses Hollebeke.

 

Unter dem Gewehrgeknatter, das immer näher klingt, waten wir im Regen und

im schwermütigen Grau der Morgenfrühe über eine Parkstraße hin und

versinken bis zur halben Höhe der Stiefelröhren im schwarzen Schlamm. Ein

zierliches Eisengitter ist zerschlagen und hängt verknüllt um die zerschossenen

Baumstrünke; fast jeder dieser entzweigebrochenen Stämme ist hundertfach

getüpfelt von den Kugelwunden der Gewehr- und Schrapnellschüsse und von

den Rissen, welche die Granatsplitter schürften; auch die wenigen Bäume, die da

noch unentwipfelt zu stehen scheinen, werden sterben müssen an diesen

Wunden. Nun eine Mauer – nein, nur eine Reihe von Steinhaufen und

Wandfragmenten, die noch erraten lassen, daß sie einmal eine schmucke

Parkmauer waren; durch die Löcher gewahre ich zerrissenen Rasen,

zerschlagene Hecken, die auch im Sterben noch den Frühling spüren und gerne

grünen möchten, gewahre zerfetzte Wege, verwüstete Zierbäume, zerschmetterte

Palmenkübel, geknickte Eiben und Zedern, gewahre Tempelchen, von denen nur

noch die Säulenstümpfe stehen, und gewahre Blumenhäuser und Glasgebäude,

die aussehen wie ein mageres Gerippe und keine ganze Fensterscheibe mehr

haben; ein Gewirre von mattglänzenden Scherben liegt um ihren Sockel herum.

Nun kommt ein zerschossenes Parktor. Wie hübsch muß es einmal gewesen sein

mit seinen flankierenden Säulen und seinen Marmorgruppen, die jetzt

zertrümmert sind und kaum noch erkennen lassen, was sie darstellten.

 

Hinunter in einen Laufgraben! Oder ist das ein kleiner Kanal? Wir waten ein

paar hundert Meter weit im Wasser. Irgendwo unter der schlammigen Suppe liegt

der Balken, über den wir hingaukeln müssen; tappt der Fuß daneben, so geht's

hinunter bis übers Knie. Endlich, Gott sei Dank, erreichen wir den

Schützengraben, der etwas trockener ist! Von allen Frontgräben, die ich bis jetzt

gesehen habe, ist es der am stärksten befestigte, eine unbezwingbare Erdburg.

Wo ich heute bin, das ist die Stätte der schweren, blutigen Novemberkämpfe, ist eine Hölle der Ruhelosigkeit seit drei Monaten. Auch heute geht dieses harte

Geknatter ununterbrochen hin und her. Man gewöhnt sich dran, fast hört man es

nimmer.

 

In dem mit Mannschaften dicht gefüllten Graben riecht es heftig nach nassen

Kleidern. Die Hände der Feldgrauen sind ein bißchen starr von der Nachtkälte,

aber alle Gesichter sind frisch und gesund, ruhig und heiter. Und eine wahre

Blütenlese deutscher Dialekte ist da vertreten; ich höre Bayern und Schwaben,

Franken und Pfälzer, höre Sächsisch und Mannhemerisch und schwatze mit

einem Aschebercher (Aschaffenburger) aus der Vaterstadt meiner Mutter. Immer

quillt mir vor Ergriffenheit das Wasser in die Augen und immer wieder muß ich

mich freuen, muß lachen. Gesunder Humor, wohin ich lausche, wohin ich

schaue! Drollige Inschriften und heitere Höhlennamen! Natürlich fehlt es auch

nicht an einem glorios gezierten »Hindenburg-Tor«. Und eine »Gaudeamus-

Hütte« gibt es.

 

Dann werde ich stumm. Ich spähe hinaus, sehe fern im Nebel die

unbestimmten Formen der Türme von Ypern und sehe da draußen auf dem Feld

in Haufen und langen Reihen die toten Franzosen liegen; eine von unseren

Maschinengewehren niedergemähte feindliche Sturmkolonne, die das deutsche

Drahthindernis gar nicht erreichte. Sie haben schon ein sehr abgenütztes

Ansehen, diese dunkelblauen Schläfer, die niemals wieder erwachen werden!

Aber weit da draußen? Dieses Braune, ganz Neue in der Farbe? Was ist das?

Auch im Glase sieht es noch aus wie ein bräunlicher Holzpfahl. Ich selber

erkenne die Wahrheit nicht, man muß sie mir sagen. Was ich sehe, war einmal

von unseren zähesten Feinden einer, war ein lebendiger und ist nun ein toter

Engländer. Das ist ein Tod, der mir keine Ehrfurcht einflößt. In mir, der ich am

3. August noch ein Englandschwärmer war, regt sich etwas heiß Erbittertes – ich

kann es nur fühlen, nicht erklären. Meine Zähne sind hart übereinandergebissen,

und ein Zornschauer rieselt mir über den Nacken. Ich wende mich ab und gehe,

bis ich den braunen Pfahl nimmer sehen kann. Nun werde ich wieder ruhig. Man

sagt mir, daß da drüben seit Wochen keine Franzosen mehr stehen, nur noch

Engländer. Immer spähe ich mit dem Glas nach den Erdwällen der feindlichen

Stellung hinüber; aber da drüben ist nichts Lebendiges zu sehen, nichts, nichts.

Nur die Schüsse knattern drüben genau so wie bei uns, und die Kugeln klatschen

in die Lehmsäcke. Ich frage einen Feldgrauen: »Streckt da drüben manchmal

einer die Nase heraus?« Und der Mann, ein schlanker, kräftiger Pfälzer,

antwortet: »Nee. Ich tät gern emol een niederschlaache. Awer es kommt keener.

Nu jo, Geduld muß mer ewe hawe. Bei uns do und daheem!« Ich muß dem Manne, in dem so viel deutsche Ruhe und deutsche Weisheit steckt, die Hand auf

die Schulter legen.

 

Der Graben wendet sich und klettert über einen steilen Hang hinunter. Noch

immer ist der Morgen grau, noch immer ziehen die Nebel, noch immer hängen

sie an allen Stauden, und immer rieselt der Regen. Unter Schleiern seh' ich ein

Bild, das ich im Leben niemals wieder vergessen werde.

 

Zu meinen Füßen, tief drunten, liegt der breite Kanal mit dem schwarzen, träg

fließenden Wasser. Die Eisenbahnbrücke, die ihn überspannte, ist gesprengt, und

ihre Trümmer liegen wirr in der Tiefe. Drüben – jenseits eines Faschinensteges,

der nur in finsteren Nächten begangen werden kann – steigt der deutsche

Schützengraben wieder empor. Von der Höhe, auf der ich stehe, kann ich weit in

seine Windungen hineinschauen. Alles ist grau da drüben, und dennoch regt sich

alles; aber kaum merklich heben sich unsere Feldgrauen von der Farbe des

Bodens ab. Nur auf dem Steilhang drüben kann ich sie genau unterscheiden. Ich

sehe die Unterstände und Schlupfe, sehe die Türen und Fensterchen. Das Bild

sieht aus wie eine in den Berghang eingenistete Höhlensiedelung grauer

Mönche. Und wieder seh' ich die Unseren Schulter an Schulter und unbeweglich

bei den Scharten stehen. Nur manchmal rührt sich einer ein bißchen, stampft mit

kaltgewordenen Füßen oder schlägt die Hände um die Brust, behaucht die Finger

und packt dann mit hastigem Griffe wieder das Gewehr. Achtet man des

Geknatters nimmer, an das sich die Ohren zu gewöhnen beginnen wie an das

Rauschen eines Baches, so scheint eine tiefe, fast heilige Stille über diesem

ergreifenden Bild der deutschen Soldatentreue zu liegen. Und blickt man ein

paar hundert Meter weit gegen Westen hin, so sieht man hinter den Erdwällen

der Anhöhe den dünnen Rauch der Feuerchen herausquellen, an denen sich die

Engländer ihr ausgiebiges Frühstück kochen.

 

In nördlicher Richtung, gegen Dixmuiden, fängt der Kanonendonner, der seit

einer Weile stumm geworden, wieder zu dröhnen und zu rollen an. Auch die

Engländer bei Ypern scheinen satt zu sein und wollen die zwecklos brüllende

Arbeit wieder aufnehmen. Meine Zeit ist abgelaufen, ich muß den Rückweg

antreten.

 

Die Landstrecke zwischen dem Schützengraben und dem verwüsteten Park

von Hollebeke ist ein Panorama des Grauens, ist völlig durchsiebt von

Granatenschlägen. Die Erde sieht hier aus wie der hundertäugige Argus – jedes

Auge ein runder, schwermütiger Wasserfleck, der keinen Himmel zu spiegeln

hat. Das hübsche Pförtnerhaus des Parkes ist verwandelt in eine Trümmergrotte; zentnerschwere Steinplatten liegen weit umhergestreut, so wie ein Windstoß die

welken Rosenblätter auseinanderweht. Das große, schöne schmiedeeiserne Tor

ist eine sinnlos verknüllte Sache geworden. Überall liegen die Granatenzünder,

die Blindgänger und Bombensplitter, die Ausbläser und Schrapnellböden in

solchen Massen umher, wie hinter den Alpenvereinshütten die Bierflaschen und

Konservenbüchsen.

 

In allem Grauen auch noch ein Bröselchen Humor: dem Standbild einer

griechischen Göttin ist ein eingetriebener Zylinderhut aufgesetzt und hinter das

Hutband ist eine Pfauenfeder gesteckt, ein grüner Eibenzweig und ein großer

Granatensplitter, der einem vierblättrigen Kleeblatt aus Eisen gleicht.

 

Wohin man sich wendet, überall dieses Gewirre von niedergebrochenen und

zerfetzten Bäumen. Jeder Weg ist bedenklich; Fußangeln liegen umher, und

immer wieder bleibt man an den Stacheldrähten versteckter Hindernisse hängen.

Dann steht man vor dem einstens herrlichen Schloß, das berühmt war um seiner

Schönheit und seines Prunkes willen und jetzt verwandelt ist in ein namenloses,

von Schutt und Gebälk überkollertes Ruinengewirre. Jede Mauer, die noch steht,

ist dem Einsturz nahe und verwehrt allem Lebendigen den Aufenthalt in diesem

Trümmerhaufen. Durch formlose Fensterhöhlen sieht man noch die zermürbten

Reste einer verschwundenen, verschütteten Pracht. Und was an Gemäuer noch

übrig blieb, hat keinen anderen Zweck mehr, als eine Reihe von liebevoll

geschmückten deutschen Soldatengräbern vor dem Einschlag der englischen

Granaten zu beschützen.

 

Alles, was da Ruine geworden, ist englisches Werk. In der Nacht vom 30. auf

den 31. Oktober, als die Deutschen das Schloß eroberten und den Offiziersstab

der Engländer bei einem üppigen Nachtmahl überraschten, war der herrliche Bau

noch heil und unversehrt. Dann wurde er von den englischen Geschützen so

zugerichtet, wie er sich heute zeigt – nur zu dem einen Zweck: daß die

Deutschen kein Dach hätten, unter dem sie nach dem Regen wieder trocken

werden könnten.

 

Alles Atmende ist verscheucht von dieser Trümmerstätte. Und wo ein

zerrissener Weg aus diesem Wirrsal der entzweigebrochenen Parkbäume

hinausflüchtet gegen die Straße, wie in Sehnsucht nach der Nähe lebender

Menschen, da sieht man die Ruine eines Gebäudes – man kann nicht mehr

erraten, was es war, das Haus ist ausgebrannt, zerbröselt und zerfallen, nur die

Quadern des Türgemäuers stehen noch, und oberhalb des Türloches sind in den

Steinen mit großen deutlichen Lettern die drei flämischen Worte gemeißelt: »In de vrede!« Das bedeutet: »Tretet ein, hier wohnt der Friede!«

 

Ein Dichter, im Geiste jenem Unsterblichen ähnlich, der das »Glück von

Edenhall« besang, wird vielleicht einmal eine Ballade singen: »Der Friede von

Hollebeke«. Die Wahrheit der Gegenwart vermöchte seinem Zukunftsliede einen

phantastischen Schlußgedanken zu geben – man erzählte mir: Das schöne Schloß

wäre der von übermütiger Lebenslust erfüllte Besitz einer von ihrem Gatten

getrennten Frau gewesen, und ihr einziger Sohn, jetzt Fliegeroffizier der

französischen Armee, komme von Zeit zu Zeit auf seinem Doppeldecker

herangeflogen und umflattere stundenlang in schwindelnder Höhe, klein wie ein

Sperber, die im Winde staubende Trümmerstätte seines Mutterhauses.