Duden Deutsche Geschichte, Was jeder wissen muss
Antike und frühes Mittelalter
2. Jh. Wo die »Deutschen« herkommen Antike und frühes Mittelalter v. Chr.
2. Jh. v. Chr. – 919
Mit dem Untergang des Im-
perium Romanum entwi-
ckelten sich germanische
Königreiche im Zentrum
Europas. Geprägt waren sie
von ihrem römischen Erbe.
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2. Jh. v. Chr.–919 8
das römische Germanien
113–101 Mit dem Marsch der Kimbern und Teutonen werden die Ereig-
v. Chr. nisse im Gebiet des späteren Deutschen Reichs in den Schrift-
quellen historisch fassbar. Auf ihrem Weg in Richtung Mittel-
meer schlagen die wandernden Germanen bei Noreia, nördlich
des heutigen Klagenfurt in Kärnten, zwei römische Legionen.
Schließlich vernichten die Römer mit einem riesigen Heer unter
Führung von Marius und Catulus die Kimbern, die über die Al-
pen in die Poebene eingedrungen waren. Doch auch in den fol-
genden Jahrzehnten reißt die Bedrohung des Römischen Rei-
ches durch die Invasion aus dem Norden nicht ab. 58–51 Als eine große Anzahl von Germanen unter Führung des Ariovist v. Chr. den Rhein nach Westen überquert, um dort sesshaft zu werden,
beauftragt der römische Senat den Feldherrn Gaius Iulius Caesar
mit der Eroberung Galliens; diese beschreibt er selbst in seinem
Werk »Der Gallische Krieg« (»De bello Gallico«). Mehrfach setzt
Caesar zu Strafexpeditionen auf rechtsrheinisches Gebiet über.
Außerdem unternimmt er zwei Feldzüge nach Britannien. 16 v. Chr. Die Römer gründen an der Mosel Augusta Treverorum, das heu-
tige Trier, das – gefolgt von dem zunächst als Militärlager einge-
richteten Augusta Vindelicorum (Augsburg) – als älteste Stadt
Deutschlands gilt.
12–9 Da sich Kaiser Augustus zur Eindämmung militärischer Bedro-
v. Chr. hung dazu entschließt, das Römische Reich über den Rhein hin-
weg nach Germanien auszudehnen, betraut er seinen Stiefsohn
Drusus mit der Eroberung des »freien Germanien«. Unterstützt
von der römischen Flotte, die über die großen Flüsse bis ins
Landesinnere vordringt, gelingt es Drusus, die germanischen
Stämme bis zur Elbe zu unterwerfen.
8 v. Chr. Tiberius führt die Germanenkriege fort, nachdem sein Bruder
Dru sus an den Folgen eines Reitunfalls gestorben war. Obwohl
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9 Wo die »Deutschen« herkommen
er mit mehreren Stämmen Verträge abschließen kann, bleibt
Germanien in der Folgezeit stets ein unruhiges Gebiet.
MeIleNsTeIN
9 n. Chr. Römisches Trauma, germanischer Triumph
im Herbst »Varus, gib mir meine Legionen wieder!«, soll Kaiser
augustus den ausführungen suetons zufolge gerufen haben, als
ihn die nachricht der verheerenden niederlage im Teutoburger
Wald erreichte. Publius Quinctilius Varus war mit drei Legionen auf
dem Weg von minden an der Weser ins Winterlager nach Haltern.
der in römischen diensten stehende Cherusker arminius lockte
diese durch die fingierte meldung über einen germanischen stam
mesaufstand in einen Hinterhalt. als sich Varus entschloss, von
seiner marschroute abzuweichen, um die vermeintlichen unruhen
im Keim zu ersticken, schnappte die Falle zu. in den unwegsamen
Wäldern und sümpfen – möglicherweise bei Kalkriese, nahe Osna
brück – griffen die Germanen die rund 25 km lange Kolonne aus
dem Hinterhalt an. die XVii., XViii. und XiX. Legion, begleitet von
ihren Familienangehörigen mitsamt Gepäckzug, wurden vollstän
dig vernichtet. Fortan bildeten rhein und donau die »Grenzen« des
gewaltigen imperium romanum. Züge römischer militärverbände
nach Germanien – in einem solchen Zusammenhang fand wohl im
frühen 3. jh. n. Chr. am Harzhorn bei Kalefeld eine schlacht zwi
schen Germanen und römern statt – schloss dies aber ebenso
wenig aus wie einfälle der »Barbaren« in die wohlhabenden römi
schen Provinzen.
um 90 Nachdem es den Römern schließlich gelingt, ihre Position jenseits
des Mittel- und Oberrheins wie auch der oberen Donau weiter
auf germanisches Gebiet zu verschieben, beginnen sie durch den
Bau einer großen, im Lauf der Zeit immer weiter verbesserten
Anlage zur Kontrolle und Absicherung der Grenze. Ihr Herz-
stück, der mit Wachtürmen und Kastellen ausgestattete Ober-
germanisch-Rätische limes, verläuft auf einer Länge von etwa
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2. Jh. v. Chr.–919 10
550 Kilometern zwischen Bad Hönningen am Rhein und Castra
Regina, dem heutigen Regensburg, an der Donau. 98 Der Geschichtsschreiber Tacitus verfasst mit der »Germania«
(»De origine et situ Germanorum«) das wichtigste literarische
Dokument über die Germanen, die – so die Kelten und nach ih-
nen Caesar – rechtsrheinischen Völkerschaften. In der einzigen
aus der römischen Literatur bekannten länderkundlichen Mo-
nografie schildert Tacitus die Herkunft der Germanen, be-
schreibt ihr Land und ihre Stämme, ihr Heerwesen, ihre Religion,
ihre Sitten und Gebräuche. Im 15. Jh. in einer Abschrift im Klos-
ter Hersfeld wiederentdeckt, entwickelt sich die »Germania« zu
einem Kristallisationspunkt »deutscher« Identitätsfindung. 166/167 Mit den Markomannenkriegen, zu deren Beginn verschiedene bis 180 germanische Stämme die Grenze zum Römischen Reich an der
Donau durchbrechen und bis zur Adria vorstoßen, spitzt sich
die Bedrohung des Imperiums zu.
MeIleNsTeIN
259/260 Ansturm der »Barbaren«
der Limes, das Grenzbollwerk aus Palisaden, 900 Wachtürmen
und 60 Kastellen, konnte dem ansturm der germanischen stam
mesverbände nicht länger standhalten. aus den vierzig stämmen,
die Tacitus in seinem Werk »Germania« aufzählte, hatten sich bis
zum 3. jh. neue Großstämme entwickelt. erstmals nannten die
Geschichtsschreiber nun den namen der alemannen, die den
Obergermanischrätischen Limes durchbrachen und sich im de
kumatenland niederließen. Bereits drei jahrzehnte zuvor sollen
sie Kastelle und siedlungen entlang dem Limes zerstört haben,
darunter auch die saalburg bei Bad Homburg. archäologische
Befunde zeugen bis heute vom ansturm germanischer stämme
auf den Limes. ein altarstein für die römische siegesgöttin Victo
ria, der 1992 bei Grabungen in augsburg freigelegt wurde, erin
nert an den angeblichen sieg über die semnonen oder juthun
gen. seiner schutzfunktion beraubt, gaben die römer die Grenz
anlage nach den alemanneneinfällen (259/260) endgültig auf.
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11 Wo die »Deutschen« herkommen
284 Diocletian wird zum Kaiser erhoben. Zu den einschneidendsten
Reformen Diocletians gehört die Neuordnung kaiserlicher Herr-
schaft durch Einführung der Tetrarchie: Das Großreich wird in
eine westliche und eine östliche Hälfte unter vier Herrschern
(zwei »Augusti« sowie zwei »Caesares« als Unterregenten) auf-
geteilt. Nach einem Orakelspruch beginnt Diocletian mit der Be-
drückung und Verfolgung von Christen.
306–312 Nachdem Trier von seinem Vater Constantius I. zur kaiserlichen Re-
sidenz erhoben worden ist, residiert auch der spätere Kaiser Kons-
tantin I., der Große, in der Stadt. Die Metropole an der Mosel erlebt
eine wirtschaftliche und kulturelle Hochblüte. Mit geschätzten
80 000 Einwohnern ist sie die größte Stadt nördlich der Alpen,
auch »Rom des Nordens« genannt. Die unter Konstantin als
Palastaula erbaute »Basilika« zeugt bis heute von diesem Glanz. 312 Durch den Sieg in der schlacht an der Milvischen Brücke über sei-
nen Rivalen Maxentius wird Konstantin I. zum Augustus der
westlichen Reichshälfte. Dem Bericht des Bischofs Eusebius von
Caesarea zufolge hatte Konstantin in der Nacht vor der Konfron-
tation ein flammendes Kreuz mit den griechischen Worten »in
diesem Zeichen wirst du siegen« am Himmel gesehen. In der Fol-
gezeit wird das Christentum durch den Kaiser stark gefördert. 324 Konstantin I. erringt nach zahlreichen Bürgerkriegen die Allein-
herrschaft über das römische Großreich. Kultureller und wirt-
schaftlicher Mittelpunkt wird wenige Jahre später die neue
Hauptstadt Konstantinopel, das heutige Istanbul. 336 Der von Eusebius von Caesarea als »Bischof der Christen im Land
der Goten« eingesetzte Wulfila wird in seinem Volk zum Wegbe-
reiter der christlichen Lehre. Hierzu übersetzt er die Bibel aus
dem Griechischen ins Gotische, wofür er eigens ein gotisches Al-
phabet erfindet. Die älteste, in Teilen erhaltene Abschrift des
Textes ist der in Silber- und Goldschrift auf purpurnem Perga-
ment verfasste »Codex Argenteus«, das »Silberbuch«, aus dem
frühen 6. Jahrhundert.
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2. Jh. v. Chr.–919 12
das Zeitalter der Völkerwanderung
MeIleNsTeIN
375 Der schrecken aus der steppe
die Hunnen, reiternomaden aus dem norden Chinas oder der
mongolei, drangen auf dem rücken ihrer kleinen Pferde massen
haft durch die Kaspische senke nach Westen vor. nachdem sie
zunächst auf die alanen gestoßen waren, hatten sie das wohlha
bende reich der Ostgoten in südrussland und der ukraine über
rannt. das plötzliche auftauchen der fremdartigen, mit reflexbo
gen bewaffneten Krieger rief bei den Zeitgenossen blankes ent
setzen hervor. dem Bericht des griechischen Historiografen
Zosimos zufolge wurden die Ostgoten von den Hunnen mit einem
todbringenden Pfeilhagel überschüttet. als der greise Ostgoten
könig ermanerich das Blutbad sah, soll er sich selbst getötet ha
ben. Zwar unterwarfen sich die meisten Ostgoten den neuen
Herrschern, doch hatte die hunnische invasion zugleich eine ge
waltige massenflucht zur Folge. diese setzte in einer art domino
effekt die große Völkerwanderung in Gang, die für manche Histo
riker den Beginn des Frühmittelalters markiert.
378 Auf der Flucht vor den Hunnen bewegen sich Westgoten, ver-
sprengte Ostgoten und Alanen auf die Grenze des Römischen
Reiches an der Donau zu. In der schlacht bei Adrianopel in der
heutigen Türkei unterliegt das römische Heer, Kaiser Valens
fällt in der Schlacht. In der Folge schließt Kaiser Theodosius I. ei-
nen Vertrag (»foedus«) mit den Westgoten, die sich als erste
barbarische Völkerschaft ungeteilt auf römischem Reichsgebiet
ansiedeln dürfen.
391 Ein Edikt des Kaisers Theodosius I. verbietet die Ausübung aller
heidnischen Kulte im Römischen Reich. Das Christentum wird
zur alleinigen Staatsreligion erhoben.
407 Die Wandalen aus dem Theißgebiet, die sich mit Sweben und Ala-
nen kurz vor der Jahrhundertwende zur Wanderung nach Wes-
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13 Wo die »Deutschen« herkommen
ten zusammenschließen, überqueren den Rhein nach Gallien.
Dabei stoßen die wandernden Germanen nur auf geringen Wi-
derstand der Römer, deren Kräfte bei der Abwehr eines Goten-
einfalls in Italien gebunden sind. In Gallien eine Spur der Ver-
wüstung hinterlassend, ziehen die Wandalen, Sweben und Ala-
nen auf die Iberische Halbinsel weiter.
410 Unter Führung des Alarich erobern die Westgoten Rom, das drei
Tage lang geplündert wird. Wenige Monate später stirbt Alarich
und wird der Überlieferung zufolge im trockengelegten Fluss-
bett des Busentos bestattet.
418 Die Westgoten siedeln sich als Föderaten im Südwesten Galliens
an und machen Toulouse zu ihrer Hauptstadt. 437 Der weströmische Heermeister Flavius Aetius vernichtet mit sei-
nen hunnischen Kriegern das kurzlebige Burgunderreich am lin-
ken Mittelrhein mit seiner Hauptstadt Worms – dessen Unter-
gang bildet den historischen Kern des »Nibelungenlieds«. 451 Als der Hunnenkönig Attila neben Tributzahlungen die Ehe mit
Honoria, der Schwester des weströmischen Kaisers, anstrebt
und als Mitgift die Hälfte des Weströmischen Reiches verlangt,
verweigert sich Valentinian III. diesen Forderungen. Daraufhin
überqueren die Hunnen mit ihren germanischen Verbündeten,
darunter v. a. Ostgoten, den Rhein und dringen plündernd in
Gallien ein. Auf den Katalaunischen Feldern, gelegen zwischen
Troyes und Châlons-en-Champagne, trifft Attila auf die Streit-
macht des weströmischen Heermeisters Flavius Aetius. An sei-
ner Seite stehen Westgoten, Franken, Bretonen und Burgunder
sowie andere, als Föderaten in Gallien lebende Völker. Auf bei-
den Seiten gibt es hohe Verluste, doch bringt die Schlacht keine
eindeutige Entscheidung.
453 Attila, den der Bischof Isidor von sevilla später als »Geißel Got-
tes« bezeichnet, stirbt in einer seiner Hochzeitsnächte an einem
Blutsturz. Kurz darauf ziehen die Hunnen gen Osten ab. Die
hunnische Herrschaft findet damit ihr Ende.
Buch.indb 13 09.06.2009 18:30:16 Uhr
2. Jh. v. Chr.–919 14
466 Unter der Herrschaft des westgotischen Königs Eurich oder sei-
nes Sohnes Alarich II. werden Gesetze schriftlich niedergelegt.
Der »Codex euricianus«, das älteste der überlieferten Germa-
nenrechte, entsteht wahrscheinlich in Erweiterung früherer erb-
und vermögensrechtlicher Bestimmungen. Im späten 7. Jh. wird
er zur »Lex Visigothorum« überarbeitet.
476 Der Heermeister Odoaker setzt den letzten weströmischen Kaiser,
Romulus Augustulus, ab und wird von seinen Kriegern zum Kö-
nig erhoben.
482 Chlodwig folgt seinem Vater Childerich, einem fränkischen Klein-
könig, auf den Thron in Tournai nach. Damit obliegt ihm zu-
gleich die Verwaltung der römischen Provinz Belgica Secunda,
die im Süden jedoch teilweise zum Herrschaftsbereich des west-
römischen Heermeisters Syagrius gehört.
486/487 Durch den Tod des westgotischen Königs Eurich entsteht ein
Machtvakuum, das Chlodwig und den mit ihm verbündeten
fränkischen Großen die Grundlage bietet, gegen Syagrius ins
Feld zu ziehen. Der römische Heermeister wird in der schlacht
bei soissons vernichtend geschlagen und flieht zu den Westgo-
ten. Diese liefern den Flüchtling jedoch an Chlodwig aus, der
Syagrius heimlich ermorden lässt.
488 Der oströmische Kaiser Zenon entsendet Theoderich den Großen,
König der Ostgoten, nach Italien, um den Usurpator Odoaker zu
beseitigen.
493 Nach vierjährigem Kampf vermittelt der Bischof von Ravenna ei-
nen Vertrag zwischen Odoaker und Theoderich, der eine ge-
meinsame Herrschaft der Kontrahenten vorsieht. Nachdem
Theoderich zum Schein auf das Angebot eingeht, ersticht er
Odoaker wenige Tage später eigenhändig bei einem Gastmahl.
Theoderich begründet in der Folge das Ostgotische Reich in Ita-
lien mit der Hauptstadt Ravenna, das vom oströmischen Kaiser
schließlich anerkannt wird.
Buch.indb 14 09.06.2009 18:30:16 Uhr
15 Wo die »Deutschen« herkommen
MeIleNsTeIN
498 Königstaufe in Reims
die schlacht der Franken gegen die alemannen nahe Tolbiacum,
dem heutigen Zülpich, stand auf der Kippe, als der fränkische
König Chlodwig dem Bericht des Bischofs Gregor von Tours zu
folge den Christengott um Hilfe anrief. demnach gelobte Chlod
wig, im Fall eines sieges den christlichen Glauben anzunehmen.
nach siegreicher schlacht erzählte er seiner Gattin Chrodechilde,
einer christlichen Burgunderin, von seinem Gelübde. Chrode
childe wandte sich daraufhin an Bischof remigius von reims, ih
ren langjährigen Beichtvater, der alles nötige für eine Taufe vor
bereiten sollte. Wann genau Chlodwig sich taufen ließ – ob be
reits 496, 498 oder doch erst 508 – ist durch die historische
Forschung bis heute nicht eindeutig geklärt. Fest steht hingegen,
dass die katholische Taufe des Königs, dessen Beispiel angeblich
Tausende von Franken folgten, eine politische signalwirkung für
das eigene Volk wie auch die nachbarn besaß, die arianische
Christen waren. sie stabilisierte Chlodwigs Herrschaft und er
leichterte das Zusammenleben von Germanen und romanen im
wachsenden Frankenreich.
507 Mit dem Sieg über den westgotischen König Alarich II. in der
schlacht bei Vouillé, nordwestlich von Poitiers, gelingt Chlod-
wig ein entscheidender Schritt auf seinem Weg zur Schaffung ei-
nes fränkischen Großreichs auf gallischem Boden. Während der
Frankenkönig das westgotische Herrschaftsgebiet im Westen
Galliens erobert, ziehen sich die Westgoten auf die Iberische
Halbinsel zurück. Dort begründen sie ein neues Reich, dessen
Hauptstadt Toledo wird.
511 Als Chlodwig stirbt, erstreckt sich das fränkische Reich vom Rhein
bis zu den Pyrenäen und vom Atlantik bis zur Provence. Gemäß
fränkischem Erbrecht wird es nun unter seinen Söhnen aufge-
teilt.
Buch.indb 15 09.06.2009 18:30:17 Uhr
2. Jh. v. Chr.–919 16
526 Der ostgotische König Theoderich stirbt in Ravenna, das sich un-
ter seiner Herrschaft zu hoher kultureller Blüte aufgeschwungen
hat.
um 529 Benedikt von Nursia gründet auf dem Monte Cassino eine klöster-
liche Gemeinschaft und verleiht ihr eine Regel. Die Benediktsre-
gel wird in der Folgezeit zu einer wichtigen geistigen Grundlage
des westlichen Mönchtums.
587 Im Vertrag von Andelot zwischen Guntram und seinem Neffen
Childebert erscheinen zum ersten Mal die Begriffe Austrien/
Austrasien (»Ostreich«) und Neustrien (»neues Land im Wes-
ten«) als Bezeichnungen für die fränkischen Teilreiche. 639 Durch die Beisetzung des Merowingerkönigs Dagobert I. in der
Kirche von saint-Denis bei Paris wird die Tradition der Königs-
grablege in dem Gotteshaus für das Frankenreich begründet.
MeIleNsTeIN
719 »Apostel der Deutschen«
spät berufen war der angelsachse Winfried, der die Friesenmission
zu Beginn des 8. jh. maßgeblich vorantrieb. im alter von 40 jahren
hatte er sich entschlossen, seiner insularen Heimat den rücken zu
kehren und sich nach utrecht zu begeben. sein Landsmann Willi
brord aus northumbrien hatte die stadt nach ihrer eroberung von
den Friesen zum Bischofssitz ausgestaltet und ein Kloster gegrün
det. Von Papst Gregor offiziell zur mission in Germanien entsandt
und mit dem Beinamen »Bonifatius« als Zeichen seiner Zugehörig
keit zum Heiligen stuhl versehen, verlieh Winfried der missionie
rung der Völker nördlich und östlich des rheins neuen auftrieb. mit
der Fällung der donareiche in Geismar, einer heidnischen Kult
stätte, machte der inzwischen zum Bischof geweihte Winfried sei
nen missionseifer deutlich. später vom Papst zum Legaten Germa
niens eingesetzt und somit zum stellvertreter des Heiligen Vaters
im missionsgebiet aufgestiegen, sorgte sich der »apostel der deut
schen« um die errichtung neuer Bistümer und die anwerbung
weiterer missionare. auf einer missionsreise zu den Friesen wurde
er 754 bei dokkum erschlagen; sein Grab liegt in Fulda.
Buch.indb 16 09.06.2009 18:30:17 Uhr
17 Wo die »Deutschen« herkommen
732 Nachdem sich die muslimische Herrschaft auf der Iberischen
Halbinsel etabliert hat, unternehmen die Araber und Berber
Kriegszüge jenseits der Pyrenäen. Der fränkische Hausmeier
Karl Martell schlägt die Invasoren in der schlacht bei Tours und
Poitiers und verhindert so deren weitere Expansion in Europa. 737 Obwohl Karl Martell de facto über das Frankenreich herrscht,
nimmt er nach dem Tod des Merowingerkönigs Theuderich IV.
nicht den Königstitel an. Allerdings teilt er gemäß fränkischem
Erbrecht bei seinem Tod das Frankenreich unter seinen Söhnen
Pippin III., dem Jüngeren, und Karlmann auf. Wie die Merowin-
gerkönige verfügt Karl Martell Saint-Denis als den Ort seiner
Grablege.
747 Als Karlmann ins Kloster eintritt, wird Pippin III. als Hausmeier
Alleinherrscher über das Frankenreich.
751 Die Langobarden erobern Ravenna und erweitern damit ihr Reich
beträchtlich. Angesichts der Bedrohung ersucht der Papst den
Franken Pippin III. um Hilfe.
Pippin erwirkt nach Beratungen mit den Großen des Reichs die
Absetzung des letzten Merowingerkönigs Childerich III. Childe-
rich wird geschoren und in ein Kloster verbannt. Pippin über-
nimmt daraufhin die Königsherrschaft und begründet so die Li-
nie der Karolinger.
754 Papst Stephan II., der Pippins III. Unterstützung in der Auseinan-
dersetzung mit den Langobarden bedarf, salbt den Franken zu-
sammen mit seinen Söhnen Karl und Karlmann. Die »Pippin-
sche schenkung« legt den Grundstein für den Kirchenstaat. Pip-
pin verspricht dem Papst urkundlich die Übertragung der von
den Langobarden eroberten Gebiete in Mittelitalien (Dukat von
Rom, Exarchat von Ravenna, Pentapolis).
768 Karl I., der Große, und sein Bruder Karlmann treten nach dem Tod
Pippins III. gemeinsam die Nachfolge ihres Vaters an. Durch
Karlmanns frühen Tod wird Karl 771 zum Alleinherrscher.
Buch.indb 17 09.06.2009 18:30:18 Uhr
2. Jh. v. Chr.–919 18
In einem Schriftstück Karls des Großen erscheint erstmals das
vom germanischen Substantiv »thiot« (»Volk«) abgeleitete
Wort »theodiscus«: Auf die Sprache bezogen (»theodisca lin-
gua«), bezeichnet es die fränkische Volkssprache (im Unter-
schied zum romanischen Latein). Die im ostfränkischen Raum
entstandene althochdeutsche Form »diutisk« verdrängt in der
Folge das mittellateinische »theodiscus«; sie entwickelt sich zur
Sammelbezeichnung der Stammessprachen im Ostfränkischen
Reich und damit zum Vorläufer der heutigen Form »deutsch«.
Das »Annolied« (um 1080) verwendet dann die Bezeichnung
erstmals für die Träger der Sprache, die »Deutschen«. 772 Die Eroberung der Eresburg und die Zerstörung der Irminsul, des
heiligen Baumes, markieren den Beginn der zermürbenden
Sachsenkriege.
773 Papst Hadrian I. empfängt Karl den Großen in Rom, nachdem der
fränkische Herrscher nach Italien gezogen ist und Pavia bela-
gert. Karl gelingt es, das Langobardenreich zu unterwerfen. Nun
schmückt er sich mit dem Titel »König der Franken und Lango-
barden«. Wenig später bestätigt er die »Pippinsche Schenkung«
und sichert dem Kirchenstaat seinen Schutz zu.
MeIleNsTeIN
784 Das harte los der sachsen
die Todesstrafe sah die »Capitulatio de partibus saxoniae«, das
unstrittig härteste Gesetz im umgang der Franken mit den unter
legenen sachsen zu Lebzeiten Karls des Großen, für jeden vor,
der die christliche religion und ihre Priester beleidigte. Hinzu
richten war auch derjenige, der das Fastengebot am Freitag nicht
einhielt. mit aller Härte versuchte der fränkische König die sach
sen in die Knie zu zwingen und jegliche religiöse wie politische
Opposition im Keim zu ersticken. mit der »Capitulatio« schließt
sich der Kreis zu den ausführungen der reichsannalen. ihr Ver
fasser betonte, dass der Krieg gegen die sachsen so geführt wer
den müsse, dass diese entweder besiegt und christianisiert oder
Buch.indb 18 09.06.2009 18:30:18 Uhr
19 Wo die »Deutschen« herkommen
gänzlich vernichtet werden sollten. die »Capitulatio« steht bis
heute als ein schriftliches Zeugnis für die strategie Karls des
Großen als reaktion auf die sächsische Opposition Widukinds,
der sich angesichts der fränkischen »Politik der verbrannten
erde« letztlich zur Kapitulation gezwungen sah.
789 Die im Rahmen der karolingischen Reformpolitik erlassene »Ad-
monitio generalis« (»Generalermahnung«) bestimmt Kleriker
im Frankenreich zum Unterricht für Christen. Die Grundlage für
den Aufbau eines Schulwesens wird auf diese Weise gelegt. 794 Aachen wird zur Hauptresidenz Karls des Großen, die in den fol-
genden Jahren ausgebaut wird. Die dortige Pfalzkapelle entwi-
ckelt sich im Mittelalter in einem Reich, das keine Hauptstadt
hat und von einem umherreisenden Herrscher regiert wird, zum
Krönungsort der Römischen (»deutschen«) Könige. 795 Nach einer ebenso kurzen wie erfolglosen Intervention Karls des
Großen auf der Iberischen Halbinsel wird die Spanische Mark
als Puffer gegen die arabische Bedrohung eingerichtet.
MeIleNsTeIN
800 Feierliche Kaiserkrönung in Rom
25. dezember Karl der Große wäre an diesem hohen Feiertag
gar nicht erst in die Kirche gegangen, hätte er gewusst, dass
Papst Leo iii. ihn zum Kaiser krönen würde – so zumindest be
schrieb Karls Biograf einhard den Gang der ereignisse an diesem
Weihnachtsfest in rom. in der historischen Forschung sind die
darstellungen der Kaiserkrönung kontrovers diskutiert worden.
Zweifelsfrei war Karl an der Krönung selbst durchaus gelegen,
doch hätte er sich möglicherweise eine andere Form des rituals
gewünscht. Kniend vor dem Papst die Krone zu empfangen, be
deutete zugleich eine anerkennung päpstlicher macht bei der
einsetzung weltlicher Herrscher. Wohl nicht umsonst verlief die
Krönungszeremonie unter Karls eigener regie entscheidend an
ders, als er seinen sohn im jahr 813 in der aachener Pfalzka
Buch.indb 19 09.06.2009 18:30:19 Uhr
2. Jh. v. Chr.–919 20
pelle zum mitregenten erhob und diesen eigenhändig krönte. in
jedem Fall war die Kaiserkrönung Karls ein akt weitreichender
Bedeutung. sie stellte – sehr zum missfallen von Byzanz – das
Kaisertum im Westen in der nachfolge roms wieder her, die
Franken traten nun endgültig das erbe der römer an.
802 Mit dem allmählichen Ende der kriegerischen Auseinanderset-
zung zwischen Sachsen und Franken wird das sächsische Volks-
recht (»Lex Saxonum«) aufgezeichnet. Ziel der Rechtsaufzeich-
nung ist es, ein friedliches Zusammenleben zwischen Franken
und Sachsen zu begünstigen.
804 Nach mehr als dreißig Jahren enden die seit 772 mit Unterbre-
chungen andauernden Sachsenkriege, der längste von Karl dem
Großen geführte Krieg.
814 Bei seinem Tod hinterlässt Karl der Große seinen Nachfolgern ein
beträchtlich gewachsenes, von den zahlreichen – oft im Geist der
antiken Traditionen durchgeführten – Reformen profitierendes
Vielvölkerreich. Seine letzte Ruhe findet der Kaiser in Aachen. 817 Mit der »Ordinatio imperii« (»Reichsordnung«) versucht lud-
wig I., der Fromme, die Herrschaftsfolge bereits zu Lebzeiten in
seinem Sinn zu regeln. Die »Reichsordnung« verfügt u. a. ein
Mitkaisertum Lothars I. Dennoch können die Reichsteilungen,
vorgenommen nach germanischem Vorbild, durch die »Ordina-
tio imperii« nicht verhindert werden – sie schwächen die karo-
lingische Herrschaft in der Folgezeit weiterhin.
840 Die jüngeren Söhne Ludwigs des Frommen, Ludwig der Deutsche
und Karl der Kahle, schließen sich zu einem Bündnis gegen ih-
ren älteren Bruder Lothar zusammen.
Buch.indb 20 09.06.2009 18:30:19 Uhr
21 Wo die »Deutschen« herkommen
MeIleNsTeIN
842 ein frühes Zeugnis sprachlicher Verständigung
14. Februar der fränkische Geschichtsschreiber nithard, ein
enkel Karls des Großen, hielt in seinem Werk ein herausragendes
Zeugnis der sprachlichen Verständigung zwischen Germanen und
romanen fest – die in althochdeutscher (rheinfränkischer) und
altfranzösischer sprache verfassten »straßburger eide«. durch
diesen Treueschwur bekräftigten die jüngeren söhne Kaiser Lud
wigs des Frommen – Ludwig ii., der deutsche, und Karl ii., der
Kahle – das Bündnis gegen ihren Bruder Lothar. Während Karl
auf althochdeutsch (»in teudisca lingua«) seinen eid leistete, be
diente sich sein Bruder Ludwig des altfranzösischen (»romana
lingua«), um auch von den Vasallen des Vertragspartners verstan
den zu werden. Ludwig gelobte, seinem Bruder in allen dingen
beizustehen, »so wie man seinem Bruder beistehen soll« (»si
cum om dreit son fradra salvar dist«). die altfranzösische Version
der straßburger eide gilt als das älteste erhaltene schriftstück in
dieser sprache.
843 Der Vertrag von Verdun legt den Konflikt zwischen den Söhnen
Ludwigs des Frommen bei. Das Frankenreich wird in drei Teile
aufgeteilt. Lothar I. wird das Mittelreich zugesprochen. Ludwig
der Deutsche erhält das Ostfrankenreich, während Karl der
Kahle das Westfrankenreich regiert. Auf diese Weise bleibt die
Einheit des Frankenreichs ideell gewahrt.
870 Nach dem Tod Lothars I. regeln die überlebenden Söhne Ludwigs
des Frommen im Vertrag von Meersen die Aufteilung Lotharin-
giens, des fränkischen Mittelreichs.
877 Nach dem Tod Karls des Kahlen zerfällt das Westfränkische Reich
in Fürstentümer. Während Karolinger und Robertiner sich über
mehr als ein Jahrhundert auf dem Thron des Westfrankenreichs
ablösen, können sich die Könige nicht zu einer starken Zentral-
macht aufschwingen.
880 Im Vertrag von Ribemont werden die fränkischen Reichsteile aber-
mals neu strukturiert. Ganz Lotharingien fällt an das Ostfran-
Buch.indb 21 09.06.2009 18:30:20 Uhr
2. Jh. v. Chr.–919 22
kenreich, während Ludwig III. und sein Erzkanzler Gauzlin Fran-
zien und Neustrien erhalten und Karlmann und Hugo, dem Abt,
Burgund, Aquitanien und Gothien zugesprochen wird.
MeIleNsTeIN
900 Blühendes Handelszentrum an der schlei
Bis ins ferne Byzanz und nach schweden entsandten die Wikin
ger ihre schiffe von ihrer siedlung Haithabu an der schlei, die
sich bis zum Beginn des 10. jh. zum bedeutendsten Handelszen
trum im westlichen Ostseeraum entwickelte. schätzungsweise
1500 menschen lebten in der stadt, die nach einem Besuch
Ottos i., des Großen, 948 zum Bischofssitz erhoben wurde. der
wirtschaftliche aufschwung wurde durch die verkehrsgünstige
Lage zwischen dem Frankenreich und skandinavien sowie zwi
schen nord und Ostsee begünstigt. stellvertretend für andere
Handelsplätze des Ostseeraums, so das schwedische Birka, zeugt
Haithabu vom kaufmännischen und handwerklichen Geschick der
Wikinger. Vor allem Tonwaren, Glas und Werkzeuge wurden hier
hergestellt. in seiner Blütezeit trafen selbst arabische reisende
und Händler, mit denen die Wikinger im Orient einen schwung
haften sklavenhandel betrieben, in Haithabu ein. nachdem
Haithabu in der zweiten Hälfte des 11. jh. von den slawen ver
wüstet worden war, verschwand die Handelsmetropole bis zu
ihrer archäologischen Wiederentdeckung zu Beginn des 20. jahr
hunderts.
909/910 Das Kloster Cluny in Burgund wird von Herzog Wilhelm III. ge-
stiftet. In der Folgezeit reformieren die Cluniazenser das bene-
diktinische Mönchtum.
911 Mit dem Tod Ludwigs IV., des Kindes, erlischt die karolingische
Dynastie im Ostfränkischen Reich.
Buch.indb 22 09.06.2009 18:30:20 Uhr