Duden Deutsche Geschichte, Was jeder wissen muss
Restauration und Revolution
1815 Bürger auf den Barrikaden Restauration und Revolution
1815–1871
Mit dem Wiener Kongress
wurden die Hoffnungen der
Bürger auf Freiheit zunich-
tegemacht. Trotz aufkom-
mender Industrialisierung
herrschten im Deutschen
Buch.indb 135 1871 Bund politische Repression und Pressezensur. Auch die gescheiterte Revolution von 1848 änderte daran nichts. 09.06.2009 18:30:59 Uhr
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Liberalismus und nationalismus
im Vormärz
1815 In der Hoffnung auf eine liberal-nationale Einheit Deutschlands
gründen am 12. 6. in Jena die bisher landsmannschaftlich orga-
nisierten Studenten eine Burschenschaft. Als Bundesfarbe wäh-
len sie die Farben Schwarz, Rot und Gold in Anlehnung an das
lützowsche Freikorps. Viele Teilnehmer der Gründungsver-
sammlung, die selbst im Freikorps aktiv waren, glauben fälschli-
cherweise, als Bundesfarbe die Symbolfarben des Alten Reichs
ausgewählt zu haben.
1816 Am 5. 11. wird in Frankfurt am Main die Bundesversammlung des
Deutschen Bundes eröffnet. Der Deutsche Bund mit 35 souverä-
nen Fürstentümern und vier freien Städten trat 1815 infolge der
Beschlüsse des Wiener Kongresses die Nachfolge des aufgelös-
ten Heiligen Römischen Reichs an.
In einigen deutschen Staaten – etwa in Nassau und Sachsen-Wei-
mar-Eisenach, in Baden, Württemberg und Bayern – entstehen
Verfassungen und Volksvertretungen; in Preußen und Öster-
reich – entgegen dem Verfassungsversprechen der Bundesakte
von 1815 – verweigern die Regierungen dieses Zugeständnis. 1817 Im März wird in Preußen mit dem preußischen Staatsrat eine
neue oberste Behörde gebildet. Der Staatsrat, der sich in den
kommenden Jahrzehnten immer mehr zu einem eigenständigen
Machtfaktor entwickelt, erhält in breiten Teilen der Bevölke-
rung den Beinamen »Beamtenparlament«, da in ihm die Spitzen
der Behörden vertreten sind.
Mit der Erfindung des Forstmeisters Karl Freiherr Drais von sau-
erbronn, die er im Juni in Mannheim vorstellt, beginnt der Sie-
geszug eines Fortbewegungsmittels, das bis heute unvermin-
dert anhält. Drais stellt auf einer Probefahrt eine »einspurige
Laufmaschine« der staunenden Öffentlichkeit vor. Aus dieser
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137 Bürger auf den Barrikaden
Laufmaschine wurde im weiteren Verlauf des Jahrhunderts das
Fahrrad.
Anlässlich des vierten Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig
und der Dreihundertjahrfeier der Reformation kommen mehr
als vierhundert Studenten aus allen Teilen Deutschlands am
18. 10. auf der Wartburg in Eisenach zusammen. Auf dem Wart-
burgfest wird zum ersten Mal öffentlich Kritik an der Kleinstaa-
terei in Deutschland, die durch die Bildung des Deutschen Bun-
des entstand, geübt. Dass die deutschen Burschenschaften in ih-
rem Bemühen um einen liberal-gesamtdeutschen Staat auch
selbst intolerant sind, zeigt sich an der Bücherverbrennung am
Abend des 18. 10., bei der sie, wie sie es selbst formulieren, »reak-
tionäre und undeutsche« Schriften verbrennen. 1819 Am 23. 3. ermordet der radikale Student Karl ludwig sand in
Mannheim den Theaterdichter August von Kotzebue. Dieses
Ereignis, wie auch das missglückte Attentat eines Burschen-
schaftlers auf den nassauischen Staatsrat Karl von Ibell im Juli,
nimmt der österreichische Außenminister Fürst Klemens von
Metternich zum Anlass, in Deutschland schärfere Repressionen
einzufordern. Metternich, der 1821 österreichischer Staats-
kanzler wird, gestaltet den Deutschen Bund, in dem Österreich
den Vorsitz innehat, zum Organ seiner Restaurationspolitik. Der Maschinenfabrikant Friedrich Harkort richtet nach briti-
schem Vorbild auf der leer stehenden Burg Wetter an der Ruhr
eine Maschinenfabrik ein. In dieser, wie der Unternehmer es
selbst formuliert, »mechanischen Werkstatt« baut Harkort v. a.
Dampf- und Fördermaschinen. Die Anlage auf der Burg Wetter
ist nicht nur eine der ersten Maschinenfabriken im allmählich
zur Industrieregion aufstrebenden kohlereichen Ruhrgebiet,
sondern beweist mit ihrer Gründung, dass in nicht allzu ferner
Zukunft auch in Deutschland ein neues Wirtschaftszeitalter be-
ginnen wird.
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MeIleNsTeIN
1819 Die Beschlüsse des Herrn von Metternich
20. september nicht, dass Fürst Klemens von metternich dar
auf gewartet hätte. der österreichische außenminister war seit
der Gründung des deutschen Bundes 1815 der einflussreichste
Politiker im Bund und wusste, dass die Fürsten der Bundesstaa
ten trotz der bürgerlichliberalen Bewegung in deutschland auch
weiterhin alleinige Träger von souveränität und staatsgewalt sein
wollten. doch die attentate zweier studenten im märz und juli
kamen metternich sehr gelegen. das politische Klima war güns
tig, einer deutschen ministerkonferenz in Karlsbad Vorschläge zu
unterbreiten, die auf ein Verbot jedweder liberaler aktivitäten hi
nauslief. diese vom Bundestag am 20. 9. genehmigten Karlsba
der Beschlüsse führten zur Zensur aller Bücher, schriften und
Zeitungen, zum Verbot der Burschenschaften, zur Überwachung
aller universitäten und zur entlassung »revolutionär« gesinnter
Lehrkräfte. in deutschland begannen nun, aufbauend auf re
pression und Überwachung, die jahre des Biedermeier. in mainz
richteten die Fürsten eine Kommission zur Überwachung von
ruhe und Ordnung ein – in jener stadt also, in der im 15. jh. der
Buchdruck erfunden wurde.
1820 In den 1820er-Jahren, als in Deutschland die Gesellschaft durch
das »metternichsche System« in Restauration und im Bieder-
meier versinkt, finden in anderen Staaten Entwicklungen statt,
ohne die das 19. Jh. nicht den Beinamen »das industrielle Zeit-
alter« erhalten hätte. In Großbritannien beginnt im September
1825 mit der Eröffnung der ersten eisenbahnstrecke zwischen
Darlington und Stockton das Zeitalter der Eisenbahn. Und ein
Jahr später überquert das erste Dampfschiff den Atlantik. In
Frankreich gibt Nicéphore Niepce mit der Entwicklung des
ersten fotografischen Positivbildes den Anstoß für den Sieges-
zug eines neuen Mediums. Und ebenfalls in Frankreich ent-
deckt 1820 der Physiker André Marie Ampère, dass sich parallel
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gerichtete Ströme einander anziehen und entgegengesetzte sich
abstoßen. Sein »ampèresches Gesetz« wird zur Grundlage der
Elektrodynamik. Einen alten Traum der Menschheit, endlich
die ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern, kann 1822 der
Franzose Jean-François Champollion erfüllen; anhand des
»Steins von Rosette« lüftet er das Geheimnis der uralten
Schriftzeichen.
Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel veröffentlicht seine
»Grundlinien der Philosophie des Rechts«, in dem er formuliert,
dass das Wesen des Geistes die Freiheit sei. Ganz im Sinn Hegels
gründen am 30. 4. 1825 in Leipzig 99 Verleger und Buchhändler
den »Börsenverein der Deutschen Buchhändler«. 1827 Auch wenn dem Komponisten Franz schubert mit seinen Sinfo-
nien wie auch seinen Opern der große Durchbruch versagt bleibt,
seine Liederzyklen, etwa die »Schöne Müllerin« (1824) und die
»Winterreise« (1827), markieren in der Musikgeschichte den Be-
ginn der Romantik.
1828 Die Mehrheit der Staaten des Deutschen Bundes erkennt, dass sie
den Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung nicht durch
die Kleinstaaterei verlieren darf. Am 18. 1. schließen Bayern und
Württemberg einen Vertrag zur Gründung eines Zollvereins.
Wenige Wochen später schließen auch Preußen und Hessen-
Darmstadt solch ein Wirtschaftsbündnis. Beide Zusammen-
schlüsse sind ein wichtiger Schritt zum Deutschen Zollverein
von 1834.
1830 In Frankreich beginnt im Juli der Aufstand gegen das konserva-
tive bourbonische Königshaus, das nach dem Scheitern Napole-
ons und vom französischen Adel getragen die Macht innehatte.
Mit der Einsetzung des »Bürgerkönigs« Louis Philippe von Or-
léans im August löst das Großbürgertum den Adel als staatstra-
gende Macht ab. Nach der Julirevolution kommt es auch in meh-
reren deutschen Staaten zu Unruhen, die den Ruf nach Freiheit
lauter werden lassen.
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MeIleNsTeIN
1832 In schwarz-Rot-Gold »hinauf, hinauf zum schloss«
27. mai auch wenn sich große Teile des Bürgertums in die ver
meintliche idylle des Biedermeier zurückgezogen hatten, verhin
derten die Karlsbader Beschlüsse nicht, dass weite Teile der bür
gerlichen mittelschicht, aber v. a. intellektuelle und Künstler,
auch weiterhin den Wunsch nach liberalen reformen begeistert
aufgriffen. Besonders in der Pfalz war die erinnerung an die Zeit,
als die französischen Besatzer reformen einleiteten, noch vielen
menschen bewusst. so wundert es nicht, dass im mai führende
Vertreter des in der Pfalz beheimateten liberalen »deutschen
Press und Vaterlandsverein« zu einer Kundgebung auf der ruine
des Hambacher schlosses bei neustadt aufriefen. so zogen am
27. 5. 20 000 bis 30 000 menschen in einem Festzug, ge
schmückt mit schwarzrotgoldenen Fahnen, dem inzwischen von
allen liberalen Kräften akzeptierten symbol deutscher einheit, hi
nauf zur Burgruine. das Hambacher Fest, auf dem sich die men
schen für nationale einheit, gegen unterdrückung und gegen die
aufkommende soziale not vieler schichten der Bevölkerung aus
sprachen, wurde zum symbol eines freien Bürgerwillens in einem
freien Land.
1833 Knapp ein Jahr nach dem Hambacher Fest kommt es in Frankfurt
am Main zu einer Erhebung von Studenten und Handwerkern.
Auch wenn dieser »Frankfurter Wachensturm« scheitert, erreicht
er weit über die Stadt am Main Bedeutung: Aufgeschreckt von
den Unruhen, verschärfen die Fürsten des Deutschen Bundes
um ein weiteres Mal ihre Repressionen gegen das liberale Bür-
gertum in Deutschland.
MeIleNsTeIN
1834 Von schranken befreit sind Handel und Wirtschaft
1. januar Wie sehr die Zollschranken den Handel und die Wirt
schaft in den jahrzehnten der aufkommenden industrialisierung
behinderten, wird allein an der großen anzahl von 38 Zollsyste
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men deutlich, die ab 1815 im deutschen Bund bestanden.
schon 1819 hatte der Ökonom Friedrich List in einer denk
schrift auf diesen unhaltbaren Zustand aufmerksam gemacht.
doch statt ihm zuzuhören, empfanden die Fürsten dies als zu li
beral und verurteilten ihn erst einmal zu Festungshaft. doch als
immer deutlicher wurde, dass die in anderen staaten schon weit
vorangeschrittene industrialisierung in deutschland sich gerade
wegen der unmengen an Zollschranken nicht entwickeln konnte,
ergriff Preußen, das besonders unter der weitläufigen Zersplitte
rung seiner Territorien litt, die initiative. so trat zum 1. 1. der
deutsche Zollverein – ohne Beteiligung von Österreich – in Kraft,
in dessen inneren Grenzen es nun keine Zollbeschränkungen
mehr gab. der Zollverein trug dadurch wesentlich zu einem effi
zienteren Handelsverkehr und zur entwicklung des eisenbahnwe
sens bei, die zur schlüsseltechnologie der industrialisierung auf
steigen sollte.
1835 Auch wenn die ein Jahr zuvor gefallenen Zollschranken den Han-
delsverkehr in Europa beleben, gibt es immer noch natürliche
Barrieren, die den so wichtigen Fernverkehr zwischen Norden
und Süden sowie Westen und Osten behindern. Eine Überque-
rung der Alpen stellt sich immer noch als Abenteuer dar. Doch
nachdem nach fast zehnjähriger Bauzeit 1830 die neue Pass-
straße über den sankt Gotthard mit dem Bau der Teufelsbrücke
über die Schöllenenschlucht fertiggestellt wurde, ist mit dieser
so wichtigen Fernverbindung nach Italien endlich auch ein noch
höheres Handelsaufkommen mit dem Süden Europas möglich.
Ab 1835 verkehrt sogar eine regelmäßige Postverbindung über
den Pass.
Mit der Fertigstellung der Berliner Bauakademie hat der Archi-
tekt Karl Friedrich schinkel erneut eines jener monumentalen
Gebäude fertiggestellt, die vom Geist der antiken Vorbilder ge-
prägt sind. Schon 1818 hatte Schinkel mit dem Bau der »Neuen
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Wache« in Berlin die klassizistische Architektur in Deutschland
zur Blüte geführt.
MeIleNsTeIN
1835 ein Adler führt Deutschland zum land unter Dampf
7. dezember Geisteskrank wurde keine der zweihundert Perso
nen, die das Privileg hatten, bei der ersten Fahrt einer eisenbahn
in deutschland mitfahren zu dürfen. denn das behaupteten man
che Ärzte, die vielleicht auch unter jenen Tausenden von Zu
schauern waren, die sich dieses spektakel nicht entgehen lassen
wollten. denn was in england schon gang und gäbe war, sollte
nun auch in deutschland Wirklichkeit werden. so zog dann end
lich jenes feurige ungetüm mit dem namen »adler« am 7. 12.
mehrere Wagen mit 40 km/h in neun minuten von nürnberg nach
Fürth. das ereignis wurde zum auftakt einer beispiellosen Karri
ere. in weniger als fünfzig jahren sollte das schienennetz in
deutschland auf 33 800 km (im jahr 1880) anwachsen und das
eisenbahnwesen zur schlüsselindustrie der industrialisierung
werden. der »adler« war im Übrigen in england geschlüpft, in
der Fabrik des robert stephenson. die erste in deutschland ge
baute Lokomotive war die »saxonia«, die vier jahre später auf der
strecke Leipzig–dresden verkehrte.
1836 Zwischen 1835 und 1837 erreichen die Repressionen gegen Libe-
rale und Intellektuelle im deutschen Vormärz einen erneuten
Höhepunkt. Der Deutsche Bundestag verhängt über fast alle Li-
teraten des »Jungen Deutschlands« die Zensur. Mit dem Verbot
der Schriften von Georg Herwegh, Ludwig Börne und Ferdinand
Freiligrath, um nur einige wenige zu nennen, wollen die Fürsten
auch weiterhin jedes kritische Denken im Keim ersticken. Auch wenn Meinungsfreiheit im Biedermeier weiterhin ein uner-
füllter Wunsch bleibt, löst die Entlassung der »Göttinger sie-
ben«, zu denen auch die beiden Germanisten Jacob und Wil-
helm Grimm gehören, im Dezember 1837 durch König Ernst
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143 Bürger auf den Barrikaden
August II. von Hannover eine besondere Empörung in Deutsch-
land aus.
1837 Die gesellschaftliche und auch die politische Lage im Deutschen
Bund dieser Jahre werden von einer eigenartigen Ruhe, ja viel-
leicht sogar von einer »bürgerlichen Beschaulichkeit« geprägt,
die v. a. aber auf die verschärften Repressions- und Zensurbe-
stimmungen zurückzuführen ist. Sichtbare Zeichen eines neuen
ökonomischen Aufbruchs sind die zahlreichen neuen eisen-
bahnstrecken im Bund. Die Gründung der Rheinischen Eisen-
bahngesellschaft, der Ausbau der Linie Leipzig–Dresden und
der Linie Köln–Aachen–Antwerpen beweisen, welchen hohen
Stellenwert die Mächtigen dem Eisenbahnbau einräumen. In
wenigen Jahrzehnten wird ein dichtes Netz von Schienensträn-
gen Deutschland überziehen.
Mit der Forcierung des Eisenbahnbaus entstehen neue Industrien.
So werden manche Unternehmen wie die 1837 in Berlin von Au-
gust Borsig gegründete Maschinenbauanstalt und die ein Jahr
später in München durch Joseph Anton von Maffei eröffnete Fa-
brik zum Synonym für modernen Lokomotivbau. 1839 Nachdem in Preußen im Zug einer allmählich immer stärker wer-
denden industriellen Entwicklung auch die Kehrseiten der har-
ten Fabrikarbeit deutlich werden, erlässt das Land ein erstes Ge-
setz zur Arbeitsschutzpolitik. Jugendliche dürfen ab sofort nicht
mehr als zehn Stunden am Tag arbeiten, Kinderarbeit ist fortan
grundsätzlich unter Strafe gestellt.
1840 Mit König Friedrich Wilhelm IV. besteigt in Preußen ein Intellek-
tueller den Thron. Auch wenn der König, der vom liberalen Bür-
gertum mit großen Erwartungen begrüßt wird, in den ersten
Jahren seiner Herrschaft seinem Ruf gerecht wird und die Zen-
surbestimmungen gegen einige Schriftsteller aufhebt, so wird es
Friedrich Wilhelm IV. sein, der die Deutsche Revolution von
1848 zum Scheitern bringt. Dem »Romantiker auf dem Thron«
ist es maßgeblich zu verdanken, dass ab 1842 mit dem Kölner
Buch.indb 143 09.06.2009 18:31:03 Uhr
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Dombaufest die Fertigstellung des Doms zu Köln in Angriff ge-
nommen wird. Der Weiterbau einer im Mittelalter nicht fertig-
gestellten gotischen Kathedrale verdeutlicht in seiner Einzig-
artigkeit das Sinnbild der Romantik des 19. Jahrhunderts. 1841 Auf der Nordseeinsel Helgoland verfasst der Dichter August Hein-
rich Hoffmann von Fallersleben das »Lied der Deutschen«. Sein
Hamburger Verleger Julius Campe unterlegt dem Text die Melo-
die der Kaiserhymne von Joseph Haydn. Am 5. 10. wird das Lied
in Hamburg zum ersten Mal öffentlich aufgeführt und gesun-
gen.
1843 »Dies Buch gehört dem König«: Aus mehreren Gründen widmet
die Schriftstellerin Bettina von Arnim das Werk dem preußi-
schen König. Will sie so einerseits der Zensurbehörde zuvor-
kommen, so weiß sie, dass sie mit diesem Titel die Aufmerksam-
keit der Öffentlichkeit erreicht. Denn das Buch beschreibt in be-
merkenswert offenen Worten die soziale Lage der Armen in
Berlin. Es gilt als erste Sozialreportage überhaupt.
MeIleNsTeIN
1844 »Wir weben hinein den dreifachen Fluch«
4. juni der aufstand der Weber im schlesischen Peterswaldau
richtete sich weder gegen die in der industrialisierung immer
mehr aufkommenden maschinenwebstühle, noch zeigten sich in
der revolte jene anzeichen von Hungerrevolten, die wenig später
in ganz deutschland ausbrechen sollten. der Protest der Weber
richtete sich zuallererst gegen die Verleger, die ihnen immer we
niger Lohn zahlten. die Verleger, die den Webern ihre in Heimar
beit produzierten Wolltücher zu einem geringen entgelt abkauf
ten, um sie dann mit Gewinn weiterzuveräußern, standen selbst
unter einem enormen druck. durch die enorme Überkapazität der
in den aufkommenden Fabriken maschinell hergestellten Tuch
waren sank der marktpreis und damit auch der Lohn, den die
Verleger den Heimarbeitern zahlen konnten. Billige importe aus
england verschärften die marktsituation noch mehr. so war der
Buch.indb 144 09.06.2009 18:31:03 Uhr
145 Bürger auf den Barrikaden
aufstand der Weber das resultat jener entwicklung, die die in
dustrialisierung ausmachte: die maschinen übernahmen immer
mehr die arbeit von Handwerkern und Heimarbeitern.
1844 In diesem Jahrzehnt nimmt nun auch in Deutschland die Indust-
rialisierung an Intensität zu. Dies betrifft v. a. den Maschinen-
bau. In fast allen Bereichen, deren Produkte bisher von Hand-
werkern oder Heimarbeitern hergestellt wurden, setzen die Un-
ternehmen zunehmend Maschinen ein. Sie produzieren die
Güter in einem Bruchteil jener Zeit, für die vorher ein Handar-
beiter ein Vielfaches benötigte. Doch gerade dieses Phänomen
zeigt die Schattenseiten der Industrialisierung auf: Die Heimar-
beiter und auch manche Handwerker werden nun nicht mehr
benötigt.
Diese Entwicklung, die zu einer Massenarbeitslosigkeit besonders
in den unterbäuerlichen Schichten führt, wird noch durch ein
Anwachsen der Bevölkerung verstärkt: Allein zwischen 1816
und 1850 steigt die Bevölkerung um 50 % an.
Viele Menschen sehen jetzt nur noch einen Ausweg, der drohen-
den Armut zu entfliehen: Sie wandern nach Übersee aus. Im Jahr
1844 erreicht die Auswanderungswelle einen ersten Höhepunkt.
20 000 Menschen – viele von ihnen stammen aus Südwest-
deutschland – verlassen in diesem Jahr ihre Heimat. Elf Jahre
später werden es sogar 110 000 Menschen sein, die von Hamburg
und Bremen aus ihr Glück in der Neuen Welt suchen.
MeIleNsTeIN
1844 Im eisigen obrigkeitsstaatlichen Winter
im jahr 1835 hatte die Zensurbehörde ein weiteres Publikati
onsverbot erlassen. diesmal traf es vor allem schriftsteller, die
später unter der Bezeichnung »junges deutschland« allgemein
bekannt wurden. einer von ihnen war schon vier jahre zuvor
Buch.indb 145 09.06.2009 18:31:04 Uhr
1815–1871 146
nach Paris emigriert. Heinrich Heine hatte schon früh ein
schreibverbot auferlegt bekommen. denn die schärfe, mit der
Heine die politischen Zustände des Vormärzes, aber auch die,
wie er es nannte, Verlogenheit der gefühlsbetonten dichter der
romantik mit spitzer Feder aufspießte, fiel den in diesen dingen
geübten Zensurbehörden besonders auf. um seine mutter zu be
suchen, kehrte Heine im Winter 1843/1844 noch einmal nach
deutschland zurück. seine eindrücke über das kalte und im Bie
dermeier erstickende deutschland brachte er wenig später in sei
nem Versepos »deutschland. ein Wintermärchen« zu Papier. in
Form einer reisebeschreibung übte Heine in diesem Werk
scharfe Kritik an den Zuständen seiner Heimat. Trotz sofortigen
Verbots veröffentlichte sein Verleger julius Campe das Werk
1844.
1845 Der preußische Staat passt im Januar seine Gewerbeordnung den
wirtschaftlichen Gegebenheiten an. Jedermann kann ab sofort
frei darüber entscheiden, ob, wo und wie er sein Einkommen
verdienen will. Sämtliche Barrieren, die auch noch nach der Ein-
führung der Gewerbefreiheit von 1810 bestanden, werden nun
endgültig mit der neuen Ordnung beiseitegeräumt. Neben der längst überfälligen Liberalisierung der Gewerbeord-
nung markiert das Jahr 1845 jedoch auch den Beginn einer stei-
genden politischen und sozialen Unzufriedenheit in Deutsch-
land. Nachdem die jetzt beginnende Versorgungskrise im gan-
zen Land zu Hungeraufständen führt, werden die Rufe nach
konstitutioneller und sozialer Veränderung immer lauter. Der Nervenarzt Heinrich Hoffmann veröffentlicht seinen »Struw-
welpeter«, der schon kurz nach seinem Erscheinen zu einem
Bestseller in deutschen Kinderstuben wird. Ein weiteres Buch
verfasst die Erzieherin Henriette Davidis. In ihrem »Praktischen
Kochbuch« beginnt fast jedes Rezept mit den Worten »Man
nehme …«. Beide Bücher, das eine für Kinder, das andere für
Buch.indb 146 09.06.2009 18:31:04 Uhr
147 Bürger auf den Barrikaden
»höhere Töchter«, werden zum Inbegriff der frühbürgerlichen
Erziehung im 19. Jahrhundert.
MeIleNsTeIN
1845 Neue Ansichten der Natur
er, der schon zu Lebzeiten berühmter war als mancher Potentat,
der die Äquinoktialgegenden südamerikas bereist sowie den nor
den amerikas und Zentralasien erforscht hatte und nun Grundla
genforschungen zu fast allen bekannten naturwissenschaften be
trieb, dieser mann war nun willens, den menschen die Welt so zu
erklären, wie sie ist und was sie im inneren zusammenhält. alex
ander von Humboldt, der in Berlin ein einflussreicher und hoch
geehrter Wissenschaftler war, wollte nun seine Forschungsergeb
nisse, seine studien und sein umfangreiches naturwissenschaftli
ches Wissen in dem Werk »Kosmos, entwurf einer physischen
Weltbeschreibung« niederschreiben. 1845 erschien der erste von
fünf Bänden. Obwohl es ihm zu verdanken ist, dass die Geografie
zu einer anerkannten Fachdisziplin reifte, betrachtete sich Hum
boldt nicht als Fach, sondern als universalgelehrter. so ging es
ihm auch in seinem »Kosmos« nicht so sehr um das einzelne,
sondern um »die erscheinung der körperlichen dinge in ihrem
Zusammenhange«. die natur galt ihm »als durch innere Kräfte
bewegtes und belebtes Ganzes«.
1847 Am 3. 2. ruft Friedrich Wilhelm IV. den vereinigten preußischen
Landtag zusammen. Der Grund ist nicht so sehr der immer lau-
ter werdende Ruf nach liberalen Reformen. Vielmehr benötigt er
die Zustimmung zu einer Verordnung über das »Staatsschul-
denwesen«. Als ihm der Landtag, dessen Abgeordnete feststel-
len müssen, dass ihre Befugnisse doch sehr gering sind, dem Kö-
nig die Zustimmung verweigern, löst Friedrich Wilhelm IV. die
Abgeordnetenversammlung wieder auf. Die Zeitgenossen sind
sich einig: Mit der Auflösung des landtages hat der König die
letzte Chance vertan, einer möglichen Reformpolitik im Land
doch noch zum Durchbruch zu verhelfen.
Buch.indb 147 09.06.2009 18:31:05 Uhr
1815–1871 148
MeIleNsTeIN
1847 Massenarmut, Hunger, Typhus
Oktober die Katastrophe deutete sich schon wenige jahre zuvor
an: ab 1844 kam es in ganz europa zu missernten, die die so
wieso schon hohen Preise für landwirtschaftliche Produkte noch
weiter ansteigen ließen. die Getreide wie auch die Kartoffelernte
verzeichneten gewaltige Verluste. diejenigen, die am meisten da
runter litten, waren die menschen in den städten. mit der aufhe
bung der Grundherrschaft wie auch der Zunftordnung zu Beginn
des jahrhunderts waren viele Landbewohner in die städte gezo
gen, wo sie sich arbeit und eine bessere Lebensexistenz erhoff
ten. doch für viele menschen trog diese Hoffnung. denn anders
als in england gab es noch keine hoch entwickelte industrialisie
rung und es bot sich damit den menschen nur eine geringe
Chance auf Verdienst. schlechte Bezahlung für die wenigen, die
arbeit fanden, und katastrophale Wohnverhältnisse kennzeichne
ten die situation jener jahre in den städten. aber auch in den
Landregionen sah es, verursacht durch die missernten, nicht bes
ser aus. diese vorindustrielle massenarmut, der »Pauperismus«,
führte zwangsläufig zu Hungersnöten und Typhusepidemien und
im Herbst 1847 zu vielen Hungerrevolten in den städten.
1847 Die Zeichen sind unübersehbar: Aus der sozialen Krise wird im-
mer mehr eine politische Krise. Im September stellen im badi-
schen Offenburg süd- und westdeutsche Demokraten einen
Grundrechtekatalog auf. Wenige Wochen nach der Verabschie-
dung dieses Offenburger Programms versammeln sich im Okto-
ber Vertreter des süd- und westdeutschen Bürgertums in Hep-
penheim und formulieren ein eigenes Grundsatzprogramm. In London beschließt drei Monate später der »Bund der Kommu-
nisten« das »Manifest der Kommunistischen Partei«. Fast drei-
ßig Jahre nach den Karlsbader Beschlüssen wird der Widerstand
gegen Repression und Unfreiheit immer lauter. Es bedarf nur
noch eines Funkens, der den erzwungenen passiven Widerstand
in offene Rebellion umschlagen lässt.
Buch.indb 148 09.06.2009 18:31:05 Uhr
149 Bürger auf den Barrikaden
die revolution von 1848/1849
MeIleNsTeIN
1848 »ein Gespenst in europa«
21. Februar »ein Gespenst geht um in europa – das Gespenst
des Kommunismus.« mit diesen Worten beginnt die schrift, die
später zu einem der meistpublizierten Werke der Welt gehören
wird: das manifest der Kommunistischen Partei. Verfasst wurde
das Buch im auftrag des »Bundes der Kommunisten« von Karl
marx und Friedrich engels. im november 1847 hatte er sich in
London aus mehreren Bünden von Handwerkern und arbeitern,
die aus deutschland emigriert waren, gebildet. marx und engels
skizzierten im manifest, das als politisches Programm vom Bund
der Kommunisten verabschiedet wurde, die Grundlinien jener
Theorie, die marx in seinem später verfassten »Kapital« ausführ
lich begründen und beschreiben wird – auf der Theorie des histo
rischen und dialektischen materialismus, die die Bourgeoisie und
das Proletariat, damit also das Bürgertum und die arbeiterschaft,
zu den wichtigsten Klassen des Kapitalismus erklärte. Zwangs
läufig sollten, so marx, die Widersprüche zwischen diesen beiden
Klassen im Zug einer historischen entwicklung in eine soziale
revolution münden und so den sieg des Proletariats ermögli
chen.
1848 Fast scheint es so, als hätten Bürger und Arbeiter in Europa auf
diesen Tag gewartet: Fast sechzig Jahre nach der Erstürmung
der Bastille kommt es in Paris am 24. 2. erneut zu einem Sturm
auf ein Gebäude. Diesmal ist es das Château d’Eau, der Sitz der
französischen Regierung. In vielen Ländern Europas sind die
Menschen mit den Regierenden unzufrieden. Die aufgestaute
Wut wird sich in den kommenden Wochen und Monaten in Re-
volten und Aufständen entladen. Auch wenn im Januar schon
die ersten Unruhen in Mailand und der Toskana ausbrechen, so
ist es erst die Februarrevolution in Paris, die auch in Deutschland
Buch.indb 149 09.06.2009 18:31:06 Uhr
1815–1871 150
die Menschen auf die Barrikaden treiben wird. Der Sturm auf
den Pariser Regierungssitz führt in Frankreich zum Sturz des
Bürgerkönigs Louis Philippe und zur Zweiten Republik. Frank-
reich ist nach 1848 demokratisch.
Die deutsche Revolution von 1848/1849 nimmt in Baden ihren
Anfang. Hier im Südwesten Deutschlands sind es v. a. bürger-
lich-liberale, aber auch radikale Kräfte, die nach demokratischen
Prinzipien rufen. So fordert am 27. 2. eine badische Volksver-
sammlung Presse- und Vereinsfreiheit, eine Volksbewaffnung
und ein deutsches Parlament. Wenig später schließen sich Ver-
sammlungen in Württemberg und weiteren Staaten im Südwes-
ten den Forderungen aus Baden an.
Wenige Wochen später zeigen die Forderungen erste Wirkungen:
Der Bundestag in Frankfurt am Main hebt die Zensur auf und
erklärt die Farben Schwarz-Rot-Gold zu den deutschen Bundes-
farben .
Am 12. 3. beruft die Heidelberger Versammlung, konstituiert aus
Abgeordneten süddeutscher Parlamente, durch einen von ihr
begründeten Siebenerausschuss zum 31. 3. ein Vorparlament
nach Frankfurt am Main ein.
Am 13. 3. kommt es in Wien zu Unruhen. Nach zweitägigem Stra-
ßenkampf beherrschen die Aufständischen die Stadt an der Do-
nau. Der in weiten Teilen der Bevölkerung verhasste Staatskanz-
ler Klemens von Metternich tritt von seinem Amt zurück und
flieht nach England.
Am 18. 3. kommt es nach einer Großkundgebung vor dem Schloss
auch in Berlin zu den ersten Unruhen: Die Barrikadenkämpfe
mit dem Militär fordern 254 Todesopfer.
MeIleNsTeIN
1848 Die Achtung des Königs vor »Ruhestörern und Aufrührern«
19. märz die toten Barrikadenkämpfer hatte man im schlosshof
aufgebahrt. Wenig später musste auch Friedrich Wilhelm iV. er
Buch.indb 150 09.06.2009 18:31:06 Uhr
151 Bürger auf den Barrikaden
kennen, dass er die Wut und die politische unzufriedenheit sei
ner untertanen unterschätzt hatte. an jenem nachmittag des
19. 3. verbeugte sich der monarch vor jenen gefallenen men
schen, die das preußische militär stunden zuvor in straßenkämp
fen erschossen hatte. nichts symbolisierte mehr die Ohnmacht
des Königs vor den unruhen einer revolution, die nun auch in
Berlin ausgebrochen war. einen Tag zuvor hatte Friedrich Wil
helm iV. der unter den sozialen missständen leidenden Bevölke
rung Pressefreiheit, die einberufung des Landtages und die um
fassende reform des deutschen Bundes zugesagt. als das Patent
vor dem stadtschloss verlesen wurde, kam es zu unruhen, in de
ren weiterem Verlauf das militär in die menge schoss. Wenig spä
ter brachen Barrikadenkämpfe in den straßen Berlins aus. am
22. 3. wurden die »märzgefallenen« nach einem Trauermarsch
im Zentrum der stadt aufgebahrt. Laut Presseberichten war unter
den Teilnehmern auch der eisenbahnfabrikant august Borsig, der
um manchen seiner arbeiter trauerte.
1848 Friedrich Wilhelm IV. scheint zu ahnen, dass, will er auch weiter-
hin die Autorität als König besitzen, er dem Bürgertum entge-
genkommen muss. Am 21. 3. verspricht der Preußenkönig in sei-
ner Proklamation »An mein Volk und an die deutsche Nation«,
sich zur Rettung Deutschlands an die Spitze des Vaterlands zu
stellen und Preußen in einen Einheitsstaat Deutschland aufge-
hen zu lassen. Als Zeichen seines guten Willens setzt Friedrich
Wilhelm IV. am 29. 3. den Liberalen Ludolf Camphausen als Mi-
nister ein und beruft eine preußische Nationalversammlung
nach Berlin ein. Die am 22. 5. eröffnete Versammlung bleibt je-
doch in ihren Verfassungsberatungen erfolglos. Nicht zuletzt
scheitern diese Beratungen an Friedrich Wilhelm IV.: Im Verlauf
des Jahres 1848 wird der König zunehmend eine rückwärtsge-
wandte Haltung gegenüber den liberalen Forderungen einneh-
men.
Buch.indb 151 09.06.2009 18:31:06 Uhr
1815–1871 152
Am 31. 3. tritt mit Zustimmung des Bundestags in Frankfurt ein
Vorparlament zusammen. Seine einzige Aufgabe wird es sein,
eine Nationalversammlung, die eine Reichsverfassung ausarbei-
ten soll, zu beschließen. Wenige Monate später wird das erste
gesamtdeutsche Parlament in der Frankfurter Paulskirche seine
Arbeit aufnehmen.
Im April eskaliert im Südwesten Deutschlands die Revolution er-
neut. Eine republikanische erhebung in Baden unter Führung
von Friedrich Hecker, Gustav von Struve und Georg Herwegh
will nun mit radikalen Mitteln eine politische Änderung erzwin-
gen. Die mit den Aufständischen verbündete Landbevölkerung
lehnt sich besonders gegen Privilegien des Großgrundbesitzer-
tums auf. Bundestruppen jedoch ersticken sehr schnell den
Traum einer badischen Republik im Keim. Hecker und weitere
Bundesgenossen müssen nach der Niederlage Baden verlassen
und fliehen ins Ausland.
Die 585 Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung
kommen am 18. 5. zur Eröffnung des Parlaments in der Pauls-
kirche zusammen. Die Versammlung setzt sich fast ausschließ-
lich aus Mitgliedern des gehobenen Bürgertums zusammen. Die
meisten sind Juristen, Verwaltungsbeamte oder Professoren.
Aus den Fraktionen dieses »Honoratiorenparlaments« bilden
sich erste politische »Parteien«. Zum Präsidenten wählen die
Parlamentarier am 19. 5. den liberalen Minister Heinrich von
Gagern aus Hessen-Darmstadt. In einer seiner ersten Reden er-
klärt er die Souveränität der Nation zur Grundlage der vom Par-
lament zu erarbeitenden Verfassung. Am 29. 6. wählen die Ab-
geordneten Erzherzog Johann von Österreich zum Reichsver-
weser.
Die wenigen liberalen Errungenschaften, die durch die Ereignisse
der letzten Monate ausgelöst wurden, zeigen ihre Wirkung: In
Köln erscheint am 1. 6. unter der Leitung von Karl Marx und
Friedrich Engels die radikal-republikanische »Neue Rheinische
Buch.indb 152 09.06.2009 18:31:07 Uhr
153 Bürger auf den Barrikaden
Zeitung«. Dass die Pressefreiheit in Preußen nur von kurzer
Dauer sein wird, beweist das Schicksal der Rheinischen Zeitung:
Am 19. 5. 1849 muss sie ihr Erscheinen einstellen. Die Tatsache, dass die preußische Nationalversammlung, deren
Einberufung der König im März versprochen hatte, wegen zu ge-
ringer Anzahl der Abgeordneten nicht beschlussfähig ist, nimmt
Friedrich Wilhelm IV. zum Anlass, sie aufzulösen. Stattdessen
verkündet er am 5. 12. eine von seinen Beratern verfasste preußi-
sche Verfassung. Am 31. 1. 1850 wird diese vom König oktroy-
ierte Verfassung in Preußen in Kraft treten.
MeIleNsTeIN
1848 »Die Deutschen sind vor dem Gesetze gleich«
21. dezember man mag es als Fehler ansehen, dass sich die im
mai konstituierte nationalversammlung zuallererst mit der auf
stellung von Grundrechten beschäftigte. Ob dadurch in den unru
higen monaten des jahres 1848 wertvolle Zeit verloren ging, sei
dahingestellt. eines jedenfalls ist sicher: die Verfassung eines
zukünftigen deutschen reichs, die die abgeordneten ausarbeiten
wollten, wäre ohne deklaration von Grundrechten, die die men
schen forderten, wertlos gewesen. somit gehört die Verabschie
dung der »Grundrechte des deutschen Volkes« am 27. 12. zu
den herausragenden Leistungen der abgeordneten in der Frank
furter Paulskirche. denn zum ersten mal in der Geschichte der
deutschen wurden damit menschen und Freiheitsrechte – etwa
die Gleichheit aller vor dem Gesetz, die aufhebung jeglicher
standesvorteile und das recht auf meinungs, Presse und Ver
sammlungsfreiheit – für alle Bürger deklariert. nicht zuletzt, dass
viele elemente dieser 1848 verabschiedeten Grundrechte später
einzug in die Weimarer Verfassung wie auch in das Grundgesetz
der Bundesrepublik deutschland fanden, zeigt, wie wegweisend
die Parlamentarier im jahr 1848 entschieden.
1849 Im März können sich die unterschiedlichen Fraktionen in der Na-
tionalversammlung endlich auf eine deutsche Reichsverfassung
Buch.indb 153 09.06.2009 18:31:07 Uhr
1815–1871 154
verständigen. Der Kompromiss, der eine Verfassung aus födera-
tiven, demokratischen und monarchischen Elementen enthält
und auf den »Grundrechten des Deutschen Volkes«, die die Par-
lamentarier im Dezember verabschiedeten, aufbaut, sieht eine
konstitutionelle Monarchie vor. Am 28. 3. verabschieden die
Parlamentarier die Verfassung und wählen mit 290 Stimmen
Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum Kaiser des vorgesehe-
nen föderativen und konstitutionellen Reichs.
Eines der wichtigsten Debattenthemen in der Nationalversamm-
lung scheint mit der Annahme der Verfassung endgültig ent-
schieden. Soll das zukünftige Deutsche Reich ein »kleindeut-
sches« oder ein »großdeutsches« Reich unter Einschluss Öster-
reichs sein? Letztlich entscheiden sich die Parlamentarier für die
kleindeutsche Lösung unter Führung Preußens. Nur ungern scheint der Preußenkönig geneigt zu sein, die ihm an-
getragene Kaiserwürde anzunehmen. Am 3. 4. erklärt er sich nur
zur Annahme der Kaiserwürde bereit, wenn alle deutschen Re-
gierungen der Verfassung zustimmen würden. Doch nur 28 Re-
gierungen erkennen am 14. 4. die Verfassung bedingungslos an.
Vierzehn Tage später, am 28. 4., lehnt daraufhin Friedrich Wil-
helm IV. endgültig die ihm angetragene Kaiserwürde ab. Durch
die Weigerung Österreichs, der meisten deutschen Königreiche
und einiger weniger Kleinstaaten scheitert damit endgültig der
Versuch, in Deutschland ein konstitutionelles Kaiserreich zu er-
richten. Gescheitert ist damit auch die erste gesamtdeutsche
Verfassung.
Nachdem Österreich, Preußen und andere Staaten ihre Abgeord-
neten aus Frankfurt abberufen, beschließt eine linke Mehrheit,
das Rumpfparlament nach Stuttgart zu verlegen. Als die verblie-
benen Abgeordneten am 18. 6. dort zu einer Sitzung zusammen-
kommen wollen, werden sie von württembergischen Truppen
auseinandergetrieben. Im Reich ist nun endgültig die bürger-
lich-liberale Revolution gescheitert.
Buch.indb 154 09.06.2009 18:31:07 Uhr
155 Bürger auf den Barrikaden
Zahlreiche Demokraten verlassen nun aus Furcht vor Verfolgung
Deutschland und kehren dem Land den Rücken, in dem nun die
Restauration Einzug hält. Wenige Tage, nachdem in Stuttgart
die Parlamentarier vertrieben werden, endet auch in der Pfalz
und in Baden, wo die deutsche Revolution ihren Anfang nahm,
der Traum von der deutschen Republik.
MeIleNsTeIN
1849 Als die Preußen nach Waghäusel marschierten
21. juni Von allen revolutionären im deutschen Bund waren es
v. a. die badischen aufständischen, die schon von Beginn der un
ruhen an eine demokratische republik forderten – hatten sich
doch gerade hier in Baden durch den einfluss der Franzosenzeit vor
mehr als vierzig jahren die ideale von Freiheit und Gleichheit und
die Forderungen nach radikaldemokratischen reformen halten und
fortentwickeln können. Obwohl der Traum Friedrich Heckers und
anderer schon im september 1848 von württembergischem militär
beendet wurde, flammten die unruhen nach dem scheitern der
Verfassung im mai 1849 erneut auf. auch wenn die unruhen für
wenige Wochen zur Bildung einer badischen republik führten, en
dete auch diesmal ihr Traum im Kugelhagel preußischer soldaten.
die vom badischen Großherzog angeforderten preußischen Trup
pen überquerten am 20. 6. den rhein und besiegten einen Tag
später in der schlacht bei Waghäusel die badischen revolutions
truppen. mit der Kapitulation der Festung rastatt am 23. 6. endete
auch in Baden die »deutsche revolution«.
die »revolution von oben«
1850 Am 31. 1. tritt die von Friedrich Wilhelm IV. oktroyierte Verfas-
sung in Kraft. Das Datum markiert das endgültige Scheitern der
Revolution in Preußen. Auch wenn sich die reaktionären Kräfte
in ganz Deutschland letztlich durchsetzen, bedeutet das Ende
Buch.indb 155 09.06.2009 18:31:08 Uhr
1815–1871 156
der Revolution nicht unbedingt das Ende der liberal-bürgerli-
chen und auch nicht das Ende der radikal-sozialen Bewegung
der immer stärker werdenden Arbeiterschaft. Die 1848er-Revo-
lution kann als der Beginn eines Prozesses gesehen werden, der
in den kommenden Jahrzehnten zu einer immer stärkeren
emanzipation des Bürgertums und der Arbeiterschaft führen
wird.
Auch wenn die Parlamentarier des preußischen Abgeordneten-
hauses durch ein Dreiklassenwahlrecht gewählt werden, das den
mehr Steuern zahlenden Bürgern ein Vorrecht gegenüber dem
einfachen Volk einräumt, entwickelt sich das Parlament in den
folgenden Jahrzehnten zu einer immer wichtigeren politischen
und gesellschaftlichen Einflussgröße in Preußen. Der König, der
noch vor wenigen Monaten die ihm angebotene Kaiserkrone als
»imaginären Reif aus Dreck und Letten gebacken« ansah und sie
mit einem Hundehalsband verglich, wird zukünftig nicht mehr
nur allein auf die Resignation der Bürger und Arbeiter bauen
können.
1851 Nachdem der Deutsche Bund wiederhergestellt ist, hebt am 23. 8.
die Bundesversammlung die in der Paulskirche verabschiede-
ten Grundrechte vom Dezember 1848 auf. Und nicht nur die
Herrscher im Deutschen Bund versuchen, die alte Ordnung
wiederherzustellen. Eine königliche Verordnung wandelt in
Preußen die Erste Kammer in ein vom Adel dominiertes Her-
renhaus um.
Auch wenn Deutschland und Europa zunächst einmal wieder in
eine Phase der Restauration eintreten, ist der wirtschaftliche
und industrielle Fortschritt davon, wenn überhaupt, kaum be-
troffen. Im Gegenteil: In London öffnet am 1. 5. die erste Welt-
ausstellung ihre Tore. Glanzpunkt dieser Leistungsschau der eu-
ropäischen Industrie ist v. a. der Kristallpalast im Londoner
Hydepark. Diese fünfschiffige Halle, ausschließlich aus Glas und
Stahl errichtet, beweist mit ihren gigantischen Ausmaßen auf ei-
Buch.indb 156 09.06.2009 18:31:08 Uhr
157 Bürger auf den Barrikaden
ner Fläche von über 71 000 m2, welche Möglichkeiten der neue
Werkstoff Stahl bietet.
1852 Um die Verbraucher von der Leistungsfähigkeit der aufkommen-
den Konsumgüterindustrie zu überzeugen, entstehen in den fol-
genden Jahrzehnten, zunächst in Frankreich, dann in ganz Eu-
ropa, jene prachtvollen Konsumtempel und Einkaufspassagen,
die in einem Anflug von Untertreibung Kaufhäuser genannt wer-
den. 1852 eröffnet in Paris das erste Kaufhaus seine Pforten. 1854 In Österreich heiratet am 24. 4. die bayerische Prinzessin elisa-
beth, genannt sisi, den 23-jährigen Kaiser Franz Joseph I. Jahre
später wird die exzentrische Kaiserin den Repräsentationspflich-
ten und der starren Etikette am Hof durch ausgiebige Reisen zu
entfliehen suchen. Einen anderen Weg, um der von Konventio-
nen geprägten bürgerlichen Männerwelt, die den Frauen nur ei-
nen Platz in der Familie zusteht, zu entfliehen, beschreitet die
französische Schriftstellerin George sand. 1854 erscheint ihre
Autobiografie, in der sie beschreibt, wie sie sich das Ideal einer
Gleichberechtigung der Frauen vorstellt und es selbst vorlebte.
MeIleNsTeIN
1854 »es war einmal« auch ein Wörterbuch
der aufbau war einheitlich: zunächst das Wort, dann der lateini
sche ursprung, dem die Geschichte des Wortes folgte, und zu
letzt eine erläuterung anhand von Beispielen. den ersten Band
dieses »deutschen Wörterbuches« veröffentlichten die Brüder ja
cob und Wilhelm Grimm im jahr 1854. der anspruch, dem sich
die Brüder Grimm mit der Herausgabe des Wörterbuches stellten,
war gewaltig. so sollte es den gesamten bekannten Wortschatz
der deutschen sprache ab dem 16. jh. umfassen, wissenschaft
lich fundiert und nebenbei auch noch dem »einfachen mann von
nutzen« sein. dabei hatten sich die beiden Brüder gegenüber ih
rem Verleger nur aus purer finanzieller notlage heraus bereit er
klärt, das auf mehrere Bände angelegte Werk anzugehen. muss
ten beide doch nach einer politisch motivierten Kritik an König
Buch.indb 157 09.06.2009 18:31:09 Uhr
1815–1871 158
ernst august ii. von Hannover im jahr 1837 den Hochschul
dienst an der Göttinger universität quittieren. mit dem Wörter
buch schrieben die Brüder dennoch Wissenschaftsgeschichte:
die Veröffentlichung des ersten Bandes markiert den Beginn der
deutschen sprachwissenschaft.
1856 Im Frieden von Paris muss Russland, das den 1853 begonnenen
Krimkrieg gegen das mit Frankreich und England verbündete
Osmanische Reich verloren hat, erhebliche Zugeständnisse ma-
chen.
1857 Ab 1851 kommt es in Deutschland zu einer gewaltigen Gründer-
welle. Die Wirtschaft, die noch in den 1840er-Jahren an den Fol-
gen der Revolution zu leiden hatte, erlebt nun besonders im Ban-
ken- und Eisenbahnsektor einen ungeahnten Aufschwung. An-
gelockt von hohen Renditen, bringen viele Fabrikanten ihre
Unternehmen an die Börse. Dies wiederum führt zu einer Viel-
zahl von Bankgründungen. Auch der Welthandel nimmt in die-
sen Jahren an Schwung zu, wovon auch deutsche Unternehmen
profitieren. Doch die Kehrseite des aufkommenden weltweiten
Handels wird im Herbst 1857 sichtbar. Als ein Kurssturz an der
New Yorker Wertpapierbörse im August eine Krise einläutet, die
wenig später zu einer Weltwirtschaftskrise her anwächst, wer-
den im Herbst die Folgen auch in Deutschland spürbar. Allein in
Hamburg müssen mehr als 150 Firmen und Banken Bankrott
anmelden.
Auch wenn diese erste Weltwirtschaftskrise die Gründerwelle in
Deutschland beendet, so werden ihre negativen Auswirkungen
nicht von langer Dauer sein. In den folgenden 1860er-Jahren
wird das Wirtschaftsaufkommen stetig und stabil ansteigen um
dann, nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871,
einen neuen Gründerboom zu erleben.
Buch.indb 158 09.06.2009 18:31:09 Uhr
159 Bürger auf den Barrikaden
Als Friedrich Wilhelm IV. durch eine schwere geistige Erkran-
kung regierungsunfähig wird, übernimmt sein Bruder, Prinz
Wilhelm die Regentschaft in Preußen. Vier Jahre wird Wilhelm
als Stellvertreter die Regierungsgeschäfte leiten. Erst nach dem
Tod von Friedrich Wilhelm IV. am 18. 10. 1861 wird er als Wil-
helm I. die Nachfolge als König antreten. Zu Beginn seiner Re-
gentschaft schlägt Wilhelm einen eher liberal-konstitutionellen
Kurs ein. Das erstaunt umso mehr, da gerade er es war, der 1849
den Aufstand in der Pfalz niederschlug und seitdem in demokra-
tischen Kreisen als »Kartätschenprinz« verhasst ist. Im November entlässt Wilhelm das bisherige konservative Kabi-
nett und setzt stattdessen Minister mit einer liberaleren Hal-
tung ein. Auch das wenige Tage später von ihm verkündete Re-
gierungsprogramm überrascht und weckt, besonders im libera-
len Bürgertum, die Hoffnung auf eine politische Wende, bedeutet
doch die Rede Wilhelms eine Abkehr der bisherigen ultrakon-
servativen Politik Friedrich Wilhelms IV.
1859 Am 24. 11. stürzt ein Mann die Welt in einen Disput, der bis heute
noch nicht beendet scheint, obwohl längst die Theorie des
Charles Darwin als bewiesen gilt. Auf seiner fünfjährigen Welt-
reise mit der »Beagle« gelangte Darwin zu der Erkenntnis, dass
alle Arten, auch der Mensch, eine gemeinsame Abstammung be-
saßen und sich erst im Verlauf einer langen Entwicklung unter-
schiedlich entwickelten. Seine Evolutionstheorie veröffentlicht
Charles Darwin in seinem Buch »On the origin of species by
means of natural selection« (»Über die Entstehung der Arten«).
Besonders orthodoxe Gläubige verunglimpfen seine Theorie als
»Affentheorie«. Darwins Verdienst ist es, dass er der auf Glau-
ben aufbauenden Schöpfungslehre eine wissenschaftlich fun-
dierte Evolutionstheorie gegenüberstellt.
1860 Nach wenigen Jahren kooperativer Zusammenarbeit von König
und Parlament führt eine von Wilhelm angestrebte preußische
Heeresreform zu einer spürbaren Abkühlung der Beziehung.
Buch.indb 159 09.06.2009 18:31:10 Uhr
1815–1871 160
Das Reformpaket, das Wilhelm den Abgeordneten zur Abstim-
mung vorlegt, sieht eine Anhebung der Heeresstärke von 150 000
auf 220 000 Mann vor. Außerdem will der König die Dienstzeit
von zwei auf drei Jahre verlängern. Die liberale Mehrheit im Ab-
geordnetenhaus lehnt die Pläne Wilhelms jedoch ab. Der Streit
um die Heeresreform wird den preußischen Landtag weitere
zwei Jahre beschäftigen und 1862 in einen Verfassungskonflikt
münden.
Giuseppe Garibaldi, der Führer des »Zugs der Tausend«, stürzt
die Herrschaft der Bourbonen in Sizilien und Unteritalien und
schafft damit die Voraussetzung für die Bildung des Königreichs
Italien; erster König wird 1861 Viktor Emanuel II. von Piemont. 1861 Nach der Wahl Abraham Lincolns zum US-Präsidenten eskaliert
der zwischen Nord- und Südstaaten bestehende Konflikt, der
sich besonders an der Sklavenfrage entzündet, zum sezessions-
krieg. Vier Jahre später endet der Krieg, der die Union der USA
wiederherstellt, mit dem Sieg der Nordstaaten.
1862 Auch bis zum März ist der Streit zwischen König und Parlament
um die preußische Heeresreform noch nicht beigelegt. Als der
Landtag dem König sogar die Bewilligung des Militäretats für
das laufende Jahr verweigert, entlässt Wilhelm I. daraufhin das
liberale Kabinett und löst den Landtag auf.
Doch die von Wilhelm I. erhoffte konservative Wende im Landtag
bleibt auch nach den Neuwahlen aus. Auch jetzt wieder stellen
die bürgerlichen Liberalen die Mehrheit im Landtag. Kompro-
missvorschläge zur Lösung des Streits um die Heeresreform
lehnt Wilhelm I. kategorisch ab und droht mit seiner Abdan-
kung. In dieser Situation schlägt der Kriegsminister dem König
vor, den preußischen Gesandten in Paris, Otto von Bismarck,
zum neuen Regierungschef zu ernennen. Der Vorschlag des
Kriegsministers kommt nicht von ungefähr. Bismarck, ein preu-
ßischer Junker durch und durch, gilt als kompromissloser Kon-
servativer. Ihm trauen die konservativen Kräfte im Landtag wie
Buch.indb 160 09.06.2009 18:31:10 Uhr
161 Bürger auf den Barrikaden
auch der König zu, die Heeresreform, auch notfalls am Parla-
ment vorbei, durchzusetzen. Am 24. 9. ernennt Wilhelm I. Otto
von Bismarck zum Ministerpräsidenten.
Der neue starke Mann enttäuscht seinen König nicht. In einer
Rede vor der Budgetkommission des Landtages fordert Bis-
marck die Abgeordneten umgehend auf, der Heeresreform zu-
zustimmen. Für ihn sei es unerlässlich, die deutsche Frage (da-
mit sprach Bismarck den immer stärker eskalierenden Streit
zwischen Österreich und Preußen an) mit einem starken Heer
zu lösen. Nur durch »eisen und Blut« (und nicht durch Reden
und Beschlüsse) könnten die großen Fragen der Zeit gelöst wer-
den. Als die Abgeordneten die Bewilligung des Heeresetats auch
weiterhin ablehnen, setzt Bismarck die Reform dennoch ohne
Parlamentsbeschluss um. Diese Entscheidung führt direkt in ei-
nen Verfassungskonflikt. Als »eiserner Kanzler« wird Bismarck
fortan bis zum Deutschen Krieg 1866 die Geschicke Preußens
am Parlament vorbei entscheiden.
MeIleNsTeIN
1862 Vom Tiegelgussstahl zum Bessemerverfahren
Weder der maschinelle Webstuhl noch andere errungenschaften
des industriezeitalters machten deutschland am ende des 19. jh.
zu einer der führenden industrienationen. auf eisen, Kohle und
stahl baute das Land seinen industriellen erfolg aus. aus stahl
baute man eisenbahnen, errichtete Brücken und neuartige Ge
bäude. die stahlproduktion wurde zum industriellen Führungs
sektor und machte jenes unternehmen groß, das noch 1826
hoch verschuldet war und nur sieben mitarbeiter zählte: die
kruppsche Gussstahlfabrik in essen. Wenig später entwickelte al
fred Krupp den nahtlos geschmiedeten und gewalzten eisenbahn
radreifen. nur mit ihm konnten die Lokomotiven ihre hohe Ge
schwindigkeit erreichen. und 1862 war es wiederum der inzwi
schen erfolgreiche alfred Krupp, der als erster unternehmer auf
dem Kontinent in seinen Fabriken stahl nach dem Bessemerver
Buch.indb 161 09.06.2009 18:31:11 Uhr
1815–1871 162
fahren herstellen ließ. mit dem Verfahren, das auf einem für da
malige Verhältnisse völlig neuartigen Frischeprozess (per Zufuhr
von sauerstoff) aufbaute, ließen sich nun erheblich höhere men
gen an stahl herstellen. stahl war fortan ein massenprodukt.
1863 In Leipzig gründen mehrere Arbeiterführer am 23. 5. den »Allge-
meinen Deutschen Arbeiterverein« (ADAV) unter Vorsitz des Pu-
blizisten Ferdinand Lassalle. Bewusst wollen sich Lassalle und
seine Mitstreiter von dem Programm des bekannten liberalen
Sozialpolitikers Hermann Schulze-Delitzsch absetzen, der jede
staatliche Förderung von genossenschaftlichen Zusammen-
schlüssen der Arbeiter ablehnt. Vielmehr vertraut Schulze-De-
litzsch auf die Bereitschaft der Arbeiter, diese Genossenschaften
selbst finanzieren zu können. Ferdinand lassalle dagegen hält
dies für unmöglich. Wie sollen Arbeiter, so seine Meinung, eine
Rücklage bilden können, wenn sie dem »ehernen Lohngesetz«
unterworfen sind? Das Lohngesetz von Lassalle besagt nichts
anderes, als dass der Durchschnittslohn eines Arbeiters auf
Dauer nicht das Existenzminimum übersteigen kann. Auch
wenn Lassalle gerade wegen dieser Theorie eine heftige Ausein-
andersetzung mit den radikalsozialen Kräften um Marx und En-
gels führte, stärkte die Gründung des ADAV die Arbeiterbewe-
gung.
1864 Als der dänische König Christian IX. im Rahmen einer Verfas-
sungsreform beabsichtigt, Schleswig in den dänischen Staats-
verband einzubinden, stößt dieses Vorhaben auf den erbitterten
Widerstand Preußens und Österreichs, die darin einen Verstoß
gegen die Gebietsbeschlüsse des Wiener Kongresses von 1815
sehen. Entscheidender jedoch ist, dass der preußische Kanzler
Otto von Bismarck in diesem sich anbahnenden Konflikt eine
Möglichkeit sieht, die zwischen Österreich und Preußen um-
strittene Vormachtstellung im Deutschen Bund zugunsten
Buch.indb 162 09.06.2009 18:31:11 Uhr
163 Bürger auf den Barrikaden
Preußens zu klären – würde doch die Eingliederung Schleswigs
und Holsteins in das preußische Herrschaftsgebiet nicht nur ei-
nen territorialen Zugewinn bedeuten, sondern auch das Macht-
verhältnis im Bund zugunsten Preußens verschieben. Schon
hier, im Konflikt um Schleswig, wird deutlich, wie intensiv Bis-
marck sein Ziel eines Deutschen Reiches unter Führung Preu-
ßens verfolgt. Noch einmal jedoch kämpfen nun Österreich und
Preußen im Deutsch-Dänischen Krieg Seite an Seite. Am 30. 10.
tritt Dänemark im Frieden von Wien die Herzogtümer Schles-
wig, Holstein und Lauenburg an die beiden Siegermächte ab. 1865 Nach dem Sieg über Dänemark kommt es zwischen Österreich
und Preußen zu Spannungen um die erworbenen Herzogtümer
im Norden. Noch einmal jedoch können sich die beiden Mächte
im Vertrag von Gastein einigen. In Holstein soll Österreich und in
Schleswig Preußen die gemeinsamen Rechte über die Gebiete
ausüben. Gegen Zahlung einer Geldentschädigung geht Lauen-
burg in den Besitz Preußens über.
MeIleNsTeIN
1865 »leipziger Frauenschlacht«
18. Oktober mit dem scheitern der revolution von 1848 waren
auch vorerst jene Bemühungen von Frauen wie Bettina von arnim
im Keim erstickt worden, die ihre eigenen rechte stärken woll
ten. doch mit der Gründung des allgemeinen deutschen Frauen
vereins (adF) im Oktober in Leipzig unter Führung von Luise Otto
Peters und auguste schmidt lebte auch in deutschland eine Be
wegung wieder auf, die in den jahren zuvor schon in england,
aber besonders intensiv in den Vereinigten staaten an Zustim
mung gewonnen hatte. der adF, der das recht von Frauen auf
höhere Bildung, aber auch auf erwerbstätigkeit forderte, stand
damit im scharfen Gegensatz zu den Gesetzen in den deutschen
Ländern, die den Frauen die mitgliedschaft in Vereinen unter
sagte. mit den Forderungen, die der adF in den folgenden jahr
zehnten stellen sollte, gehörte er zur bürgerlichgemäßigten Frau
Buch.indb 163 09.06.2009 18:31:12 Uhr
1815–1871 164
enbewegung. dennoch bezeichnete die Presse den Gründungs
kongress von 1865 abwertend als »Leipziger Frauenschlacht«.
Vielleicht aber auch deswegen, da damals nur männer journalis
ten sein durften?
1866 Die folgenden beiden Jahre stehen ganz im Zeichen des Dualis-
mus zwischen Preußen und Österreich. Am Ende dieses Kon-
flikts wird Bismarck sein Ziel einer preußischen Vormachtstel-
lung in Deutschland erreicht haben. Die Möglichkeit dazu bietet
sich dem Kanzler durch die anhaltenden Spannungen zwischen
den beiden Großmächten um den Herrschaftsanspruch in
Schleswig und Holstein. Bismarck plant nun, die Entscheidung
offensiv und mit kriegerischen Mitteln herbeizuführen. So
schließt er am 8. 4. mit Italien ein geheimes Angriffsbündnis ge-
gen Österreich. Zugleich stellt Preußen beim Bundestag den An-
trag auf eine Reform des Deutschen Bundes mit dem Ziel eines
gesamtdeutschen Parlaments. Bismarck ist sich bewusst, dass
dieses Ansinnen in Wien auf entschiedenen Widerstand stoßen
wird.
Aber auch Österreich bleibt nicht untätig. Im Juni erklärt Wien,
die Erbfolge in Holstein einem Bundesurteil zu unterstellen. Dies
stellt für Preußen einen eindeutigen Bruch des Gasteiner Ab-
kommens dar, weswegen Preußen wenig später Holstein be-
setzt. Außerdem fordert Bismarck den Ausschluss Österreichs
aus dem Deutschen Bund.
Der streit um Holstein eskaliert zusehends. Nicht nur dass Öster-
reich mit Frankreich ein Geheimbündnis gegen Preußen schließt,
auch der Bundestag kündigt auf Antrag Bayerns und Österreichs
eine Teilmobilmachung der Bundesarmee an. Preußen sieht da-
raufhin die Bundesakte als gescheitert an und tritt am 14. 6. aus
dem Deutschen Bund aus.
Buch.indb 164 09.06.2009 18:31:12 Uhr
165 Bürger auf den Barrikaden
Ab dem 20. 6. kämpft Preußen im Deutschen Krieg gemeinsam
mit 17 kleineren norddeutschen Staaten gegen Österreich, Bay-
ern, Württemberg, Sachsen und weitere Staaten des Deutschen
Bundes. Die militärische Entscheidung des Konflikts fällt am
3. 7. in der Schlacht bei Königgrätz.
MeIleNsTeIN
1866 Mit dem Zündnadelgewehr zur Vormachtstellung in Mitteleuropa
3. juli Kaiser Franz joseph i. und die österreichische militärfüh
rung hätten es eigentlich wissen müssen: schon 1864, im
deutschdänischen Krieg, war jene Waffe kriegsentscheidend ge
wesen, die nun auch in der schlacht bei Königgrätz (in nordböh
men) von den preußischen Truppen verwendet wurde. ein Groß
teil der unter dem Kommando von Helmuth von moltke stehen
den Truppen war mit einem Gewehr ausgerüstet, dass von vorn
mit einer Patrone geladen wurde, die zugleich Zünd und Treib
mittel, aber auch das Geschoss enthielt. die Folge dieses techni
schen »Fortschritts« war, dass die soldaten in einer viel kürzeren
Zeitspanne erneut zum schuss kamen. so kam es, wie es kom
men musste: aus der schlacht ging Preußen als sieger hervor.
im Frieden von Prag, gut einen monat später, musste sich Öster
reich dem diktat Bismarcks beugen und verlor damit seine Vor
machtstellung in europa. in der schlacht von Königgrätz verloren
(auch) durch das Zündnadelgewehr 5658 Österreicher und sach
sen und »nur« 1920 Preußen ihr Leben.
1866 Nachdem Bismarck im Juli mit Österreich einen Vorfrieden mit
dem Ziel, den ehemaligen Gegner in Zukunft als Bundesgenos-
sen gewinnen zu können, geschlossen hatte, vereinbarten Öster-
reich und Preußen am 23. 8. den Frieden von Prag. In dem Ver-
trag stimmt Österreich der Auflösung des Deutschen Bundes
und einer Neugestaltung Deutschlands unter Führung Preußens
zu. Ebenfalls gehen alle Rechte an Schleswig und Holstein auf
Preußen über.
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Wenig später annektiert Preußen Hannover, Kurhessen, Nassau
und Frankfurt am Main. Mit dem Anschluss dieser noch vor we-
nigen Monaten Kriegsgegner in den preußischen Herrschaftsbe-
reich erreicht Bismarck sein vorläufiges Ziel: Am 18. 8. wird mit
der Gründung des Norddeutschen Bundes die Vormachtstellung
Preußens in Deutschland, aber auch in Mitteleuropa endgültig
besiegelt.
MeIleNsTeIN
1867 22 staaten, 30 Millionen einwohner
14. juli mit dem ausgang des deutschen Krieges von 1866
hatte sich endgültig das machtgefüge in deutschland von Wien
nach Berlin verlagert. mit der Wahl des konstituierenden nord
deutschen reichstags am 12. 2. war nun Preußen endgültig die
rolle als mitteleuropäische Führungsmacht zugefallen. Öster
reich dagegen, das sollten auch die nächsten jahrzehnte bestäti
gen, übte seinen einfluss, mit dem es einst einmal ganz europa
beherrschte, nur noch in seinen Kernlanden sowie in Böhmen
und ungarn aus. Preußen dagegen war endlich am Ziel angekom
men. Konsequent hatte das Land – und nicht erst seit dem Wie
ner Kongress von 1815 – seine Vormachtstellung in deutschland
ausgebaut. der norddeutsche Bund, dem neben Preußen mit sei
nen annektierten Gebieten und den 17 ehemals verbündeten
norddeutschen Kleinstaaten auch sachsen und das Großherzog
tum Hessen angehörten, umfasste nun 22 staaten mit 30 millio
nen einwohnern. als Bismarck am 14. 7. zum Kanzler des Bun
des gewählt wurde, stand er damit nicht nur einer politischen
machtgröße, sondern in Zeiten des industriellen aufschwungs
auch einem gewaltigen Wirtschaftsraum vor.
1867 Der Ausgang des Deutschen Krieges hat auch für die Habsburger-
monarchie Auswirkungen. Als Ausgleich der Verluste, die Öster-
reich in dem Krieg hinnehmen musste, wird nun aus dem ehe-
maligen Einheitsstaat eine Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.
Am 15. 3. leistet der ungarische Graf Gyula Andrássy als ungari-
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scher Ministerpräsident auf den österreichischen Kaiser Franz
Joseph I. den Treueid. Damit ist fortan das österreichische Kai-
serreich in Personalunion eine Doppelmonarchie. Am 17. 1. hält der Ingenieur Werner siemens einen Vortrag über
die von ihm entwickelte Dynamomaschine; seine Erfindung
bringt er in das Unternehmen Siemens und Halske ein und be-
gründet damit ein Wirtschaftsimperium. Der aus Frankfurt am
Main stammende Apotheker Heinrich Nestle gründet im schwei-
zerischen Vevey eine Milchmehlfabrik, in der eine von ihm ent-
wickelte Säuglingsnahrung aus Milch, Zucker und Weizenmehl
hergestellt wird. Um die Jahrhundertwende ist sein Unterneh-
men der zweitgrößte Nahrungsmittelhersteller der Welt. Um die Auswüchse einer, wie er es sagt, auf Ausbeutung beruhen-
den Wirtschaftsform zu beschreiben und wissenschaftlich zu er-
forschen, verfasst Karl Marx sein Hauptwerk »Das Kapital«. Am
11. 9. erscheint in Hamburg der erste Band. Die beiden Folge-
bände des Werks werden nach dem Tod von Karl Marx von sei-
nem Freund Friedrich Engels herausgegeben. Die »Kritik der po-
litischen Ökonomie« wird zum Grundlagenwerk des Marxis-
mus.
MeIleNsTeIN
1869 Wer führt die Arbeiter?
8. august in den 1860erjahren war es in der deutschen arbei
terbewegung zu einem erbitterten streit gekommen. die ausein
andersetzungen betrafen die alles entscheidende Frage, wie die
rechte von arbeiterinnen und arbeitern im von Preußen be
herrschten deutschland umgesetzt werden konnten. die gemä
ßigten, mehr reformorientierten Kräfte hatten sich schon 1863
unter Ferdinand Lassalle zum »allgemeinen deutschen arbeiter
verein« (adaV) zusammengefunden. anders als die »Lassallea
ner«, deren Kernforderung arbeiterproduktivgenossenschaften
waren, standen die radikaldemokratischen Kräfte den ideen und
aussagen von Karl marx nahe. sie forderten den freien Volks
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staat, die abschaffung der Klassenherrschaft sowie die direkte
Überwindung der damals herrschenden Produktionsweisen. am
8. 8. gründeten die eher »marxistisch« orientierten arbeiterführer
unter maßgeblicher Beteiligung von august Bebel und Wilhelm
Liebknecht in eisenach die »sozialdemokratische arbeiterpartei«
(sdaP). sechs jahre später vereinigte sie sich mit dem adaV zur
»sozialistischen arbeiterpartei deutschlands« (saP) und verab
schiedeten das berühmte »Gothaer Programm«. ab 1890 hieß
die saP »sozialdemokratische Partei deutschlands« (sPd).
1870 Die »emser Depesche« ist nur der Auslöser. Die Ursache ist die
Frage, wer den spanischen Thron besteigen soll. Nachdem der
Erbprinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen seine Kandi-
datur auf den Thron im fernen Süden angekündigt hatte und
dieser Entschluss von Otto von Bismarck gefördert und unter-
stützt worden war, sieht sich Frankreich erneut von Deutsch-
land bedroht. Am 6. 7. verfasst daher die französische Regierung
eine Erklärung, die ernste Kosequenzen für den Fall vorsieht,
dass ein Hohenzoller die spanische Krone erben sollte. Infolge
der politischen Verstimmung in Paris verzichtet jedoch wenige
Tage später der Prinz auf die Kandidatur.
Die Regierung Napoleons III. lässt dem in Bad Ems weilenden
Kanzler Bismarck am 13. 7. eine Depesche zukommen, in der
Frankreich Bismarck auffordert, niemals wieder einer solchen
Kandidatur für den spanischen Thron sein Einverständnis zu
geben. Dieses Schreiben kommt einer Provokation gleich. Doch
Bismarcks Reaktion provoziert ebenfalls: Er lässt die Depesche
in verkürzter Form veröffentlichen, sodass sie erheblich schärfer
wirkt, als sie in der Ursprungsfassung formuliert war. Die »em-
ser Depesche« führt so schließlich zum Ausbruch des Deutsch-
Französischen Kriegs, in dem alle süddeutschen Staaten an die
Seite Preußens treten.
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Nach der Kriegserklärung Frankreichs an Preußen am 19. 7. rückt
die preußische Armee zügig nach Frankreich vor. Die Entschei-
dung über Sieg oder Niederlage im Krieg fällt am 2. 9. zugunsten
Preußens in der schlacht bei sedan. Die Gefangennahme von
Napoleon III. am gleichen Tag führt endgültig zum Zusammen-
bruch der französischen Linien, aber auch des französischen
Kaisertums. Am 4. 9. wird in Paris Napoleon III. abgesetzt und
eine Republik ausgerufen. Die deutschen Truppen stoßen der-
weil in wenigen Tagen bis nach Paris vor und beginnen ab dem
19. 9. mit der Belagerung der Stadt.
Nach dem sich abzeichnenden Erfolg im Krieg gegen Frankreich
kann Bismarck im Oktober und November den wohl wichtigsten
Erfolg auf dem Weg zu einem von ihm favorisierten »kleindeut-
schen« Kaiserreich unter Führung Preußens verbuchen. In zä-
hen Verhandlungen erreicht er den Zusammenschluss der süd-
deutschen Staaten mit dem Norddeutschen Bund zum Deut-
schen Reich.
MeIleNsTeIN
1871 ein Kaiserreich entsteht
18. januar das Gemälde des malers anton von Werner sollte
für Generationen das Bild der Krönung Wilhelms i. zum deut
schen Kaiser im spiegelsaal von Versailles prägen. sieht man
doch auf dem Bild nur uniformierte Fürsten, die den neuen Kai
ser huldigen. Weder Zivilisten noch das einfache Volk hat der
maler dargestellt. Wie sollte er auch? denn der einfache Bürger
fehlte in Versailles. im ehemaligen schloss der französischen
Könige fand die ausrufung des deutschen Kaiserreichs statt, da
Preußen mit Frankreich, das kurz vor der Kapitulation stand, ei
nen Krieg führte. und gleich nach der siegreichen schlacht von
sedan im september 1870 hatte Otto von Bismarck mit jenen
Ländern im süden deutschlands erfolgreiche Verhandlungen ge
führt, die nicht zum norddeutschen Bund zählten: mit Bayern,
Baden und Württemberg. das Ziel war die schaffung des deut
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schen reichs. da Bismarck den süddeutschen Partnern im
neuen staatenbund föderale eigenstrukturen zugestand, er
reichte er ihre Zustimmung zur »reichsgründung« – so konnte
im januar 1871 der preußische König zum »deutschen Kaiser«
ausgerufen werden. Hatte Bismarck Wilhem i. erst überreden
müssen, die neue Krone anzunehmen, trug die überwiegende
mehrheit des nun erstmals in einem nationalstaat vereinten
deutschen Volkes die reichsgründung mit.
1871 Am 10. 5. schließen Frankreich und Preußen in Frankfurt am
Main Frieden. Frankreich muss nicht nur an das Deutsche Reich
Elsass und Lothringen abtreten, sondern auch eine Kriegsent-
schädigung von 5 Milliarden Franc zahlen.
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