Duden Deutsche Geschichte, Was jeder wissen muss
Bonner Republik und Deutsche Demokratische Republik
1945 Zwei staaten unter Vorbehalt Bonner Republik und Deutsche Demokratische Republik
1945–1990
Noch während der ersten
Nachkriegskonferenzen
brach der Kalte Krieg aus
und brachte die Teilung
Deutschlands mit sich. Die
Buch.indb 245 1990 Bundesrepublik Deutsch-land wurde in das westliche Bündnis eingebunden, die Deutsche Demokratische Republik in den Ostblock. 09.06.2009 18:31:43 Uhr
1945–1990 246
neubeginn und Besatzungszeit
1945 Der Alliierte Kontrollrat übernimmt am 5. 6. die Regierungsgewalt
in Deutschland und teilt das Gebiet in vier Besatzungszonen auf,
für die jeweils die Militärgouverneure verantwortlich sind. Die
Hauptstadt des Deutschen Reichs, Berlin, wird in vier Sektoren
aufgeteilt und unter die Obhut der Alliierten Kommandantur
gestellt, die dem Kontrollrat untersteht.
Mit dem Befehl Nr. 2 der Sowjetischen Militäradministration in
Deutschland wird am 10. 6. die Bildung von Gewerkschaften und
Parteien in ihrer Besatzungszone eingeleitet. Hierzu wurden
deutsche Kommunisten und Widerstandskämpfer in Moskau
geschult und anschließend nach Ostdeutschland gebracht. In
diesem Zuge gründet die »Gruppe Ulbricht« um den späteren
Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden der DDR, Walter
Ulbricht, am 11. 6. die Kommunistische Partei Deutschlands
neu.
Auf eine Anregung des im April 1945 verstorbenen amerikani-
schen Präsidenten Franklin D. Roosevelt hin werden am 26. 6.
feierlich in San Francisco die Vereinten Nationen (UNO) gegrün-
det. Diese globale Dachorganisation soll einen weiteren Welt-
krieg verhindern und die Zusammenarbeit der Nationen för-
dern. Die »Charta der Vereinten Nationen« wird von den 50
Gründungsmitgliedern unterzeichnet. Deutschland gehört nicht
zu ihnen.
Mit der Bildung der sowjetischen Besatzungszone (sBZ) am 9. 7.
entstehen dort auch die ersten Länder. Sie dienen lediglich der
Verwaltung, da die Sowjetunion eine zentralistische Struktur für
ihre Besatzungszone plant.
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247 Zwei Staaten unter Vorbehalt
MeIleNsTeIN
1945 Die Teilung Deutschlands beginnt
17. juli mit Franklin d. roosevelts Tod im Frühjahr 1945 war
die »antiHitlerKoalition« des Zweiten Weltkriegs zerbrochen.
auf der Potsdamer Konferenz, der vom 17. 7. bis zum 2. 8. ta
genden nachkriegskonferenz, nahm von den ehemaligen Verbün
deten nur noch stalin teil – Harry s. Truman war roosevelt im
amt gefolgt und vertrat die usa, Winston Churchill hatte eine
empfindliche Wahlniederlage erlitten und wurde am 28. 7. vom
neuen britischen Premierminister Clement attlee, einem Labour
politiker, abgelöst. die Verhandlungen der drei großen mächte
gestalteten sich daher fortan schwieriger als zuvor. einstimmig
keit erzielten die Großmächte über eine aufteilung des deut
schen reichs, über die entnazifizierung und den umgang mit der
Wirtschaft und der Bevölkerung deutschlands. jede der vier Be
satzungsmächte sollte in der jeweiligen Zone politische Hand
lungsfreiheit erhalten. darüber hinaus verständigten sich die sie
germächte über die reparationszahlungen, den umgang mit
Kriegsverbrechern sowie der entmilitarisierung deutschlands. die
Beschlüsse wurden im Potsdamer abkommen festgehalten.
In der amerikanischen Besatzungszone werden zum 19. 9. die
Bundesländer Hessen, Württemberg-Baden und Bayern geschaf-
fen. Im Gegensatz zur UdSSR bevorzugen die USA ein föderales
System in Deutschland.
Am 20. 11. beginnen die von der Weltöffentlichkeit mit Spannung
erwarteten Nürnberger Prozesse, die sich inklusive der zwölf
Nachfolgeprozesse bis zum 14. 4. 1949 hinziehen. Ein internatio-
nales Militärtribunal ahndet die von Deutschen im Namen des
Nationalsozialismus begangenen Verbrechen. Das NS-Führer-
korps, Gestapo, SD und SS werden zu verbrecherischen Organi-
sationen erklärt. Von den Hauptkriegsverbrechern werden zwölf
zum Tod und sieben zu langen Freiheitsstrafen verurteilt. Die
Nürnberger Prozesse stellen eine Zäsur in der Entwicklung des
Völkerrechts dar: Erstmals wurden Angehörige einer Staatsfüh-
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1945–1990 248
rung wegen völkerrechtlicher Verbrechen zur Rechenschaft ge-
zogen.
1946 Mit der Direktive Nr. 24 beginnt am 12. 1. die entnazifizierung in
Deutschland. Der Alliierte Kontrollrat entfernt Nationalsozialis-
ten und politische Gegner der neuen Ordnung aus öffentlichen
Ämtern und von Führungspositionen aus der Wirtschaft. Der Vereinigungsparteitag am 21./22. 4. beginnt in Berlin. KPD
und SPD schließen sich in der Sowjetischen Besatzungszone zur
sozialistischen einheitspartei Deutschlands (seD) zusammen.
Die Sozialdemokraten in Westberlin sprechen sich gegen einen
Zusammenschluss aus, sodass die SED lediglich in der SBZ ge-
gründet wird. Als Reaktion darauf lädt Kurt Schumacher am
9. 5. die Sozialdemokraten der westlichen Besatzungszonen ein
und gründet die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)
neu. In der Zwischenzeit hatte sich auch aus überkonfessionell
christlichen und konservativen Strömungen in allen vier Besat-
zungszonen die Christlich Demokratische Union Deutschlands
(CDU) herausgebildet. 1948 entsteht die Freie Demokratische
Partei (FDP) als Plattform des Liberalismus.
Die USA schlagen am 1. 7. vor, die Besatzungszonen zusammen-
zuführen. Dies scheitert jedoch am Widerstand Frankreichs so-
wie der Sowjetunion. Daher beschließen die Militärgouverneure
Großbritanniens und der USA am 5. 9. die Schaffung einer Bi-
zone, um die Verwaltung durch die Einrichtung von Zentralstel-
len zu erleichtern.
In der Britischen Besatzungszone werden die Länder Nordrhein-
Westfalen, Schleswig-Holstein (beide am 23. 8.) und Niedersach-
sen (26. 10.) geschaffen.
1947 Die amerikanischen und britischen Zonen schließen sich am 1. 1.
in Westdeutschland zur Bizone zusammen, deren Verwaltungs-
struktur in vieler Hinsicht die spätere politische Ordnung der
Bundesrepublik Deutschland vorwegnimmt. In der sowjetischen
Zone prägen sich unterdessen Grundzüge einer sozialistischen
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249 Zwei Staaten unter Vorbehalt
Ordnung aus. Unterdessen verhärten sich im beginnenden Kal-
ten Krieg die Fronten zwischen Ost und West weiter. Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordne-
ten Behörden werden am 25. 2. durch das Kontrollratsgesetz
Nr. 46 aufgelöst. Dieser Tag markiert das Ende der ehemaligen
Großmacht Preußen.
Vor dem US-Kongress verkündet Präsident Harry S. Truman am
12. 3. als Leitlinie der künftigen amerikanischen Politik die Ein-
dämmung kommunistischer Bestrebungen, die als Trumandokt-
rin bekannt wird. Die Londoner Konferenz der Außenminister
der vier Besatzungsmächte scheitert am 15. 12.: Über der Frage
nach der Einheit Deutschlands kommt es zum Bruch zwischen
den USA und der UdSSR, die eine Beteiligung über die Kontrolle
des Ruhrgebiets und Reparationen aus dem Ertrag Gesamt-
deutschlands fordern. Sie legen genau wie Frankreich ein Veto
zur Errichtung einer gemeinsamen Zentralverwaltung für alle
Besatzungszonen ein.
US-Außenminister George C. Marshall kündigt am 5. 6. in Har-
vard ein umfangreiches Hilfsprogramm für Europa an. Dieser
»Marshallplan«, das wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm
der USA, beinhaltet Kredite, Rohstoff- und Warenlieferungen.
Es hat zum Ziel, zunächst die hungernde Bevölkerung Europas
zu versorgen, die Ausbreitung der sowjetischen Macht einzu-
dämmen sowie einen Absatzmarkt für amerikanische Produkte
zu schaffen. Bis 1952 nehmen 16 Staaten die Hilfe von insgesamt
16,2 Milliarden US-Dollar in Anspruch.
Als Reaktion auf den großen Flüchtlingsstrom europäischer Ju-
den nach Palästina verabschieden die Vereinten Nationen am
29. 11. einen Teilungsplan für Palästina. Nach Abzug der briti-
schen Besatzungstruppen proklamiert der israelische Premier-
minister David Ben Gurion 1948 den Staat Israel. 1948 Die Gegensätze in der deutschen Frage unter den Alliierten spit-
zen sich zu. Stein des Anstoßes ist die eingeleitete Währungsre-
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form im Westen. Am 1. 3. nimmt die Bank deutscher Länder ihre
Arbeit auf. Mit der Währungsreform von 21. 6. wird die Deutsche
Mark in den westlichen Besatzungszonen eingeführt. Die UdSSR
führt in der SBZ ab dem 23. 6. eine eigene Währung ein und ver-
sucht zugleich ab dem 24.6., durch eine Blockade Berlins die
Währungsreform in den Westzonen und die Weststaatsgrün-
dung zu verhindern. Westberlin wird von den Westalliierten bis
zum Ende der Blockade am 12. 5. 1949 über eine Luftbrücke
durch die »Rosinenbomber« mit Waren und Lebensmitteln ver-
sorgt.
In der Londoner Sechsmächtekonferenz werden die drei Frankfur-
ter Dokumente ausgearbeitet, die die Bedingungen für die Grün-
dung eines westdeutschen Staates festlegen, der in das europäi-
sche Wiederaufbauprogramm mit einbezogen werden soll. Am
1. 7. übergeben die drei Militärgouverneure der Besatzungszo-
nen die Frankfurter Dokumente den westdeutschen Minister-
präsidenten, die vom 8. 7. bis zum 10. 7. auf der »Rittersturzkon-
ferenz« die Gründung der Bundesrepublik Deutschland be-
schließen. Schließlich konstituiert sich am 1. 9. der
Parlamentarische Rat in Bonn aus Mitgliedern der einzelnen
Landtage. Er ist mit der Aufgabe betraut, das Grundgesetz der
Bundesrepublik zu verfassen.
In Berlin macht sich die deutsche Teilung besonders bemerkbar.
Die kommissarische Berliner Oberbürgermeisterin Louise Schrö-
der (SPD) entlässt am 26. 8. den Berliner Polizeipräsidenten Paul
Markgraf (SED). Immer wieder kommt es in der Folge zu De-
monstrationen beider Seiten. Der spätere Regierende Bürger-
meister von Berlin, Ernst Reuter (SPD), hält auf einer Demonst-
ration am 9. 9. seine berühmt gewordene Rede mit dem Aufruf
an die Westmächte, Berlin nicht aufzugeben: »Ihr Völker der
Welt, schaut auf diese Stadt!« Er wird zur Symbolfigur des Wi-
derstands gegen die Berlinblockade.
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251 Zwei Staaten unter Vorbehalt
Gründerjahre in Ost und West
1949 Als sozialistischer Gegenentwurf zum Marshallplan unterzeich-
nen sechs Vertreter aus den Staaten des Ostblocks am 18. 1. in
Moskau das Protokoll zur Gründung des Rates für gegenseitige
Wirtschaftshilfe (RGW).
Auf dem Weg zum Grundgesetz fordern die Westalliierten am
3. 3. Nachbesserungen der föderalen Struktur des neuen Staa-
tes.
Die Sowjetunion hebt nach langen Verhandlungen am 12. 5. die
Berlinblockade auf. Am 15. 5. stimmen 66,1 % in der Sowjeti-
schen Besatzungszone für die Kandidaten der Einheitsliste. Zeitgleich zur deutschen Teilung entwickeln sich die transnatio-
nalen Bündnisse. Am 4. 4 wird die North Atlantic Treaty Organi-
zation (NATO) gegründet, ein Verteidigungsbündnis aus nord-
amerikanischen und westeuropäischen Staaten. Ebenso grün-
den zehn westeuropäische Staaten am 5. 5. den europarat.
MeIleNsTeIN
1949 Das Grundgesetz tritt in Kraft
23. mai die drei westlichen Besatzungsmächte waren sich un
eins. Großbritannien favorisierte einen Zentralstaat aus allen vier
Besatzungszonen, die usa bevorzugten einen föderativen staat
aus den westlichen Zonen; Frankreichs Ziel war lediglich ein ge
schwächtes deutschland. auf der Basis der Frankfurter doku
mente und des vom Verfassungskonvent von Herrenchiemsee vor
gelegten entwurfs arbeiteten die 65 mitglieder des Parlamentari
schen rats, alle gewählt durch die Landtage der westlichen
Besatzungszonen, in zähen Verhandlungen untereinander und
mit den Westalliierten das Grundgesetz aus; auf der letzten sit
zung des Plenums wurde es mehrheitlich angenommen und ver
kündet. das Grundgesetz war ursprünglich nicht als dauerhaft
und nur für die westlichen Besatzungszonen gedacht; daher ver
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1945–1990 252
zichtete man bewusst auf die Bezeichnung »Verfassung«. mit
dem Grundgesetz wurden die rahmenbedingungen für den west
deutschen staat getroffen: demokratie, republik, sozialstaat,
rechtsstaat und eine föderale struktur wurden festgelegt. darü
ber hinaus regelte es die staatsorganisation und gewährte den
deutschen Bürgern ihre individuellen Freiheiten. in der Präambel
des Grundgesetzes wurde als Zielvorgabe die Wiedervereinigung
formuliert.
Auf der Außenministerkonferenz in Paris am 20. 6. kommt keine
Einigung in der deutschen Frage zustande.
MeIleNsTeIN
1949 Der erste Deutsche Bundestag wird gewählt
14. august Vernachlässigt man die Landtagswahlen in den
Bundesländern 1946, so war die Wahl zum ersten deutschen
Bundestag die erste freie Wahl seit 1932 in deutschland. seit
der Befreiung vom nationalsozialismus hatten sich in West
deutschland mehrere Parteien gebildet und wiedergegründet, un
ter ihnen die »alte« sPd. die neu geformte Cdu dagegen war
eine überkonfessionelle Partei mit konservativem Charakter, die
den Parteien ähnlicher politischer einstellung – etwa dem katho
lischen Zentrum – bald den rang ablief. Bei der Bundestagswahl
siegte die Cdu/Csu bei einer Wahlbeteiligung von 78,5 % mit
31 % der stimmen knapp vor der sPd mit 29,2 % sowie der FdP
mit 11,9 %. im Bundestag bildete sich eine regierungskoalition
aus Cdu/Csu, FdP und der deutschen Partei (dP), die den da
mals 73 jahre alten ehemaligen Kölner Oberbürgermeister und
Vorsitzenden des Parlamentarischen rats, Konrad adenauer
(Cdu), zum ersten Bundeskanzler wählte – mit dem denkbar
knappsten Vorsprung von einer stimme! adenauer, der Kanzler
des »Wirtschaftswunders«, der sich für eine enge anbindung an
den Westen und eine aussöhnung mit Frankreich einsetzte, ent
wickelte sich dennoch rasch zu einer identifikationsfigur des
neuen staates.
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253 Zwei Staaten unter Vorbehalt
Seit dem 29. 8. ist auch die Sowjetunion im Besitz einer Atom-
bombe. Das Kernwaffenmonopol der USA ist gebrochen. Am 7. 9. tritt zum ersten Mal der Bundestag zusammen, am 15. 9.
wird Konrad Adenauer (CDU) zum ersten Bundeskanzler ge-
wählt. Bundeswirtschaftsminister wird ludwig erhard, der mit
dem Konzept der sozialen Marktwirtschaft eine wesentliche Vo-
raussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung der Bundes-
republik durchsetzt. Als erster Bundespräsident wird am 12. 9.
der Politiker und Journalist Theodor Heuss (FDP) von der Bun-
desversammlung gewählt; sein Gegenkandidat ist Kurt Schuma-
cher (SPD). Als Reaktion auf die Gründung der Bundesrepublik
erfolgt am 7. 10. durch die Konstituierung des Zweiten Deut-
schen Volksrates der Sowjetischen Besatzungszone die Grün-
dung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Aus dem
Zweiten Deutschen Volksrat wird die provisorische Volkskam-
mer gebildet. Hauptstadt wird Ostberlin. In der DDR finden am
11. 10. Wahlen zur provisorischen Länderkammer statt. Zusam-
men mit der provisorischen Volkskammer wählt sie Wilhelm
Pieck zum ersten und einzigen Präsidenten der DDR. Erster
Ministerpräsident der DDR wird Otto Grotewohl. Die Sowjetunion, die zuvor die Gründung der Bundesrepublik
mehrfach als Vertragsbruch unter den Besatzungsmächten ver-
urteilt hat, erkennt am 15. 10. die DDR offiziell an. Beide nehmen
diplomatische Beziehungen miteinander auf. In der Folge er-
richtet die DDR diplomatische Beziehungen mit Polen, der
Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und China.
Der Text »Auferstanden aus Ruinen« von Johannes R. Becher
wird mit der Melodie von Hanns Eisler zur Nationalhymne der
DDR und am 6. 11. erstmals vorgestellt.
Im Alleingang schließt Bundeskanzler Adenauer am 22. 11. das
Petersberger Abkommen mit den Alliierten. Die Bundesrepublik
verpflichtet sich darin, gegen jede Form von Totalitarismus und
Kartellbildung vorzugehen. Die internationale Ruhrbehörde er-
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hält die Aufsicht über die deutsche Schwerindustrie. Im Gegen-
zug erhält die Bundesrepublik das Beitrittsrecht zum Europarat
sowie das Recht, diplomatische Beziehungen mit anderen Län-
dern aufzunehmen, die Demontage der Industrie wird einge-
stellt und die Unterstützung durch den Marshallplan fortge-
setzt.
1950 Im Görlitzer Abkommen mit Polen vom 6. 6. erkennt die DDR-Re-
gierung die Oder-Neiße-Grenze als Westgrenze Polens an. Der Deutsche Bundestag beschließt am 15. 6. den Beitritt zum Eu-
roparat.
Walter Ulbricht wird am 25. 7. auf der konstituierenden Sitzung
des Zentralkomitees SED-Generalsekretär.
Die Außenminister der drei Besatzungsmächte erklären auf ihrer
Konferenz am 19. 9. in New York, dass sie die Bundesregierung
in Bonn, das der Bundestag 1949 zur vorläufigen Hauptstadt der
Bundesrepublik erklärt hatte, als einzige gesetzlich legitimierte
Regierung auf deutschem Boden anerkennen. Die DDR tritt am
29. 9. dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe bei.
MeIleNsTeIN
1950 eine »neue« Art Parlament
15. Oktober im Herbst 1950 waren die Wahlen zur ersten Volks
kammer geplant. Zuvor wurden jedoch alle Parteien sowie meh
rere Verbände in der ddr trotz großen Protests zur »einheitsliste
der nationalen Front« zusammengeschlossen. am 15. 10. er
folgte dann die Wahl zur ersten Volkskammer – verspätet und
nach einem anderen system als geplant. die von der sed domi
nierte einheitsliste erzielte den angaben zufolge 99,3 % der
stimmen. diese Wahlen fanden nicht geheim, sondern offen,
ohne die Benutzung einer Wahlkabine, statt und waren vielerorts
gefälscht. die Volkskammer war der auffassung der udssr und
der sed zufolge kein Parlament im sinn einer repräsentativen
demokratie, sondern eine neue art Volksvertretung. sie sollte die
einheit zwischen politischer Führung und Bevölkerung auf beson
Buch.indb 254 09.06.2009 18:31:45 Uhr
255 Zwei Staaten unter Vorbehalt
dere Weise herstellen und Parteienegoismus, den einfluss von
Wirtschaft und Kapital, persönliche Bereicherungen sowie eine
blockierende Gewaltenteilung verhindern. die eigentliche macht
im neuen staat hatte das neu geschaffene Zentralkomitee (ZK)
der sed inne.
1951 Der Bundesrepublik Deutschland gelingt es, sich schrittweise von
den Besatzungsmächten zu emanzipieren. Bundespräsident
Theodor Heuss stellt am 1. 1. die dritte strophe des Deutschland-
liedes als Nationalhymne vor (»Einigkeit und Recht und Frei-
heit«). Darüber hinaus nimmt das neue Außenministerium am
15. 3. unter Konrad Adenauer, der nun in Personalunion Bun-
deskanzler und Außenminister ist, seine Arbeit auf. Daraufhin
wird am 16. 3. der Bundesgrenzschutz eingerichtet.
MeIleNsTeIN
1951 Zusammen in und für europa
18. april die europäische Gemeinschaft für Kohle und stahl
(eGKs), häufig auch als montanunion bezeichnet, steht am Be
ginn des europäisierungsprozesses. der am 18. 4. von Frank
reich, der Bundesrepublik deutschland, italien, Belgien, den nie
derlanden und Luxemburg unterzeichnete eGKsVertrag trat am
23. 7. 1952 in Kraft. angestoßen wurde dieser Prozess auf die
initiative des französischen außenministers robert schuman.
dem Vorschlag der gemeinsamen Kontrolle der kriegsgrundlegen
den montanindustrie stimmte Bundeskanzler Konrad adenauer
sofort zu. der Kanzler sah darin eine Chance für den Fortbestand
des ruhrgebiets, das noch unter Kontrolle der siegermächte
stand und in dem die industrieanlagen demontiert wurden. schu
man beabsichtigte mit der montanunion, den inneren Frieden der
mitgliedsländer durch gegenseitige Kontrolle zu wahren. Zudem
konnte sich Frankreich so Zugang zum ruhrgebiet, dem an Bo
denschätzen reichsten Gebiet der sechs mitgliedsländer, ver
schaffen.
Buch.indb 255 09.06.2009 18:31:46 Uhr
1945–1990 256
Der Europarat beschließt am 1. 5. die Aufnahme der Bundesrepu-
blik, die am 11. 7. auch Mitglied der UNESCO wird. Nachdem bereits ab dem 9. 9. 1951 erste juristische Entscheidun-
gen getroffen werden, nimmt nun auch das Bundesverfassungs-
gericht am 28. 9. seine Arbeit in Karlsruhe auf. Errichtung, Auf-
gaben und Besetzung sind durch das Grundgesetz geregelt. 1952 Mit der stalinnote vom 10. 3. bietet die Sowjetunion die deutsche
Wiedervereinigung unter der Bedingung der Neutralität eines
vereinigten Deutschlands an; dies wird vom Westen jedoch ab-
gelehnt.
Baden-Württemberg wird am 25. 4. – nachdem sich die Bewohner
des späteren Bundeslandes am 9. 12. 1951 in einer Volksabstim-
mung mehrheitlich für den »Südweststaat« ausgesprochen ha-
ben – aus Württemberg-Baden aus der amerikanischen sowie
Baden und Württemberg-Hohenzollern aus der französischen
Besatzungszone gegründet.
Der Deutschlandvertrag vom 26. 5. regelt das Ende des Besatzungs-
statuts in der Bundesrepublik Deutschland mit den drei westli-
chen Besatzungsmächten und gibt der Bundesrepublik die
Rechte eines souveränen Staates.
SED-Generalsekretär Walter Ulbricht verkündet auf der 2. Partei-
konferenz der SED am 9. 7., dass der Aufbau des Sozialismus
nach Vorbild der Sowjetunion planmäßig verläuft. Am 23. 7. löst
die Volkskammer die fünf Länder der DDR auf und bildet statt-
dessen 14 Bezirke.
Politische Repression und wirtschaftliche Missstände bewirken
eine massenhafte Auswanderung der auch nach 1947 noch ver-
bliebenen Deutschen aus ihrer Heimat in Mittel- und Osteuropa.
Bis 1950 sind etwa 12,5 Millionen Deutsche vertrieben worden,
davon etwa 7,9 Millionen nach Westdeutschland und 4,1 Millio-
nen in die SBZ/DDR. Das Gesetz für den lastenausgleich vom
14. 8. sucht einen Ausgleich der Vermögensschäden und -ver-
luste der Vertriebenen und Aussiedler zu schaffen.
Buch.indb 256 09.06.2009 18:31:46 Uhr
257 Zwei Staaten unter Vorbehalt
Gegen die Stimmen der SPD treibt Bundeskanzler Adenauer die
Westintegration der Bundesrepublik Deutschland weiter voran,
die am 14. 8. dem Internationalen Währungsfond beitritt und
am 10. 9. ein Wiedergutmachungsabkommen mit Israel schließt,
wonach die Bundesrepublik innerhalb der nächsten zwölf Jahre
Warenlieferungen von drei Milliarden Dollar nach Israel tätigt. In beiden deutschen Staaten beginnt zu Weihnachten das Zeital-
ter des Fernsehens. In der DDR wird ab dem 21. 12. jeweils zwei
Stunden täglich gesendet. In der Bundesrepublik beginnt der
Nordwestdeutsche Rundfunk ab dem 25. 12. mit regelmäßigen
Sendungen.
1953 Stalin stirbt am 5. 3. Als sein Nachfolger kann sich Nikita Chru-
schtschow durchsetzen, der innenpolitische Reformen in Angriff
nimmt (»Tauwetter«).
MeIleNsTeIN
1953 Der erste Aufstand im Ostblock
17. juni Walter ulbricht hatte auf der 2. Parteikonferenz im juli
des Vorjahres den planmäßigen aufbau des sozialismus nach so
wjetischem Vorbild verkündet. dies bedeutete, dass Bauern mit
mehr als 100 Hektar Grundbesitz enteignet, die gesamte indust
rie verstaatlicht und die Planwirtschaft eingeführt wurde. Zudem
wurde die arbeitsnorm um 10,3 % erhöht, was am 16. 6. 10 000
demonstranten in Ostberlin auf die straße brachte. als die re
gierung unter dem druck der massen die rücknahme der norm
bewilligte, stellten die demonstranten neue Forderungen wie
freie Wahlen in der ddr. sie riefen zum Generalstreik am folgen
den Tag auf. schon in den frühen morgenstunden des nächsten
Tages waren Tausende menschen überall in der ddr auf der
straße. Bis am abend waren es über drei millionen menschen.
sie alle forderten freie und geheime Wahlen. der sowjetische mi
litärbefehlshaber, Generalmajor Pawel dibrowa, übernahm daher
die Kontrolle, verhängte den ausnahmezustand und ließ den auf
stand gewaltsam niederschlagen. ab 1954 war der 17. 6. Ge
denktag, ab 1963 der nationalfeiertag der Bundesrepublik.
Buch.indb 257 09.06.2009 18:31:46 Uhr
1945–1990 258
Bei der zweiten Bundestagswahl am 6. 9. wird Konrad Adenauer
als Kanzler bestätigt. Die Unionsparteien erhalten 45,2 % der
Stimmen. Die SPD erreicht mit ihrem Spitzenkandidat, dem
Partei- und Fraktionsvorsitzenden Erich Ollenhauer, 28,8 %. 1954 Mit dem Beitritt Italiens und der Bundesrepublik wird der Brüsse-
ler Pakt, der am 17. 3. 1948 von Frankreich, Großbritannien, Bel-
gien, den Niederlanden und Luxemburg unterzeichnet wurde,
zur Westeuropäischen Union (WeU) erweitert. Die Pariser Ver-
träge vom 23. 10. heben das Besatzungsregime in der Bundesre-
publik Deutschland auf.
MeIleNsTeIN
1954 Das »Wunder von Bern«
4. juli als außenseiter war die auswahl des dFB unter Leitung
von Bundestrainer sepp Herberger zur 5. Fußballweltmeister
schaft in die schweiz gefahren. doch die bundesdeutsche mann
schaft konnte sich bis in das Finale vorkämpfen. mit mannschaft
licher Geschlossenheit gelang es der mannschaft, die seit jahren
ungeschlagenen ungarn im Berner Wankdorfstadion zu besiegen.
noch in der ersten Halbzeit holte die mannschaft um spielführer
Fritz Walter vom 1. FC Kaiserslautern den 0:2rückstand wieder
auf. Kurz vor ende der Partie erzielte der stürmer Helmut rahn
seinen zweiten Treffer zum 3:2endstand. das spiel wurde von
radiokommentator Herbert Zimmermann in die deutschen Haus
halte gebracht. Vor den wenigen Fernsehgeräten versammelten
sich menschenmassen, um den Triumph der mannschaft live mit
zuerleben. der sieg wurde in beiden deutschen staaten bejubelt.
im Westen gab er der Bevölkerung verlorenes selbstbewusstsein
zurück; in leichter Verklärung wird er daher oft als die »eigentli
che Geburt der Bundesrepublik« dargestellt.
Theodor Heuss (FDP) wird in der Wahl zum Bundespräsidenten
am 17. 7. mit überwältigender Mehrheit im Amt bestätigt.
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259 Zwei Staaten unter Vorbehalt
aufbau und Wirtschaftswunder
1955 Die Pariser Verträge treten am 5. 5. in Kraft. Die Bundesrepublik
Deutschland erhält die volle Staatssouveränität. Die Alliierte
Hohe Kommission wird aufgelöst, die Bundesrepublik tritt der
NATO bei und gründet nach heftigen Debatten die Bundes-
wehr.
Die Sowjetunion, Polen, die Tschechoslowakei, die Deutsche De-
mokratische Republik, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Alba-
nien gründen am 14. 5. den Warschauer Pakt. Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges treffen
die vier Siegermächte zusammen. Frankreich war bei den Nach-
kriegskonferenzen nicht vertreten. Auf der Genfer Gipfelkonfe-
renz vom 18. 7. bis zum 23. 7. erzielen sie allerdings keinen Durch-
bruch in der deutschen Frage und in Fragen der Abrüstung. Am 8. 8. läuft der 1 000 000ste Volkswagen vom Band. Der »Käfer«,
ein Symbol für den nicht immer konsequent vollzogenen Bruch
mit dem nationalsozialistischen Regime (das Volkswagenwerk
in Wolfsburg war 1937 gegründet worden) wie für das »Wirt-
schaftswunder« und die neu gewonnene Reisefreiheit der West-
deutschen, ist das meistverkaufte Auto der Welt. Vom 9. 9. bis zum 13. 9. besucht Bundeskanzler Adenauer Mos-
kau. Beide Seiten beschließen, diplomatische Beziehungen zuei-
nander aufzunehmen. Adenauer erreicht zudem, dass die letzten
Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland
zurückkehren dürfen.
1956 Die Volkskammer beschließt am 18. 1. die Schaffung einer Natio-
nalen Volksarmee.
Die Olympischen Winterspiele im italienischen Cortina
d’Ampezzo vom 26. 1. bis zum 5. 2. werden als erste Winterspiele
im Fernsehen übertragen. Die Nationalen Olympischen Komi-
tees der beiden deutschen Staaten hatten sich auf eine gesamt-
Buch.indb 259 09.06.2009 18:31:47 Uhr
1945–1990 260
deutsche Olympiamannschaft verständigt. Auch bei der Som-
merolympiade im australischen Melbourne vom 22. 11. bis zum
8. 12. tritt eine gesamtdeutsche Mannschaft an. In beiden Fällen
fungiert eine schwarz-rot-goldene Flagge mit den fünf Olympia-
ringen als Fahne und Beethovens »Freude schöner Götterfun-
ken« als Hymne.
MeIleNsTeIN
1957 Neu im Bund
1. januar Frankreich versuchte, eine abspaltung des saarlands
von deutschland zu erzwingen, und gliederte es im Februar 1946
aus seiner Besatzungszone aus. doch in den darauffolgenden
jahren behinderte der status des saarlands die deutschfranzösi
sche Versöhnung. daher einigten sich beide seiten am 24. 10.
1954 darauf, dass das saarland bis zu einem endgültigen Frie
densvertrag unter die Verwaltung der Westeuropäischen union
gestellt werden sollte. die Politik sah hierfür eine Volksabstim
mung vor, in der die saarländer das saarstatut mit der mehrheit
von 67,7 % der stimmen am 23. 10. 1955 ablehnten. das ein
deutige ergebnis wurde als Wunsch des saarlands zum an
schluss an die Bundesrepublik gewertet. daher wurde am
27. 10. 1956 in Luxemburg der saarvertrag geschlossen, der
den Beitritt des saarlands nach artikel 23 des Grundgesetzes re
gelte. allerdings bestand bis zum 6. 7. 1959 eine wirtschaftliche
Teilabhängigkeit zu Frankreich. erst danach wurde auch im saar
land die dmark eingeführt.
Die DDR bemüht sich um Ausgleich mit dem Westen. Daher
schlägt Walter Ulbricht am 30. 1. eine Konföderation beider
deutschen Staaten mit paritätisch besetztem Rat vor.
MeIleNsTeIN
1957 Richtungsweisendes aus Rom
25. märz Bereits zuvor hatte es mehrere Kooperationen ver
schiedener europäischer Länder gegeben. doch allgemein gilt die
Buch.indb 260 09.06.2009 18:31:47 Uhr
261 Zwei Staaten unter Vorbehalt
unterzeichnung der »römischen Verträge« durch Vertreter Belgi
ens, der Bundesrepublik deutschland, Frankreichs, italiens, Lu
xemburgs und der niederlanden als die Geburt europas bzw. des
europäischen einigungsprozesses. mit dem Vertrag zur europäi
schen Wirtschaftsgemeinschaft (eWG) und dem Vertrag zur euro
päischen atomgemeinschaft (euraTOm) legten die unterzeich
ner das Fundament für den europäisierungsprozess. der eWG
Vertrag umfasste einen europäischen sozialfond; darlehen von
einer europäischen investitionsbank sollten strukturschwache Ge
biete fördern. der europäische entwicklungsfonds wurde für die
unterstützung ehemaliger Kolonien in afrika, im Pazifikraum
oder in der Karibik eingerichtet. der Beitritt der Bundesrepublik
zur euraTOm war unumgänglich, da die usa dies zur Bedin
gung für eine Zusammenarbeit in der atomforschung machte.
Die Deutsche Bundesbank mit Sitz in Frankfurt am Main folgt ab
dem 26. 5. der Bank deutscher Länder nach.
Im September findet die Wahl zum dritten Bundestag statt. Aber-
mals gelingt es Adenauer, die Regierungsmehrheit zu behaup-
ten. Er ist auf dem Höhepunkt seiner Macht und erreicht mit
50,2 % die absolute Mehrheit vor der SPD mit 31,8 %. Die Bundesrepublik Deutschland bricht am 19. 10. ihre diplomati-
schen Beziehungen zu Jugoslawien ab, weil der Balkanstaat sei-
nerseits diplomatische Beziehungen zur DDR aufnimmt. Dies ist
der erste von zwei Fällen, in dem die Bundesrepublik aufgrund
des Alleinvertretungsanspruchs die Hallsteindoktrin anwendet. 1958 Vom 1. 10. bis zum 2. 3. 1960 ist der amerikanische Rock-’n’-Roll-
Star Elvis Presley im hessischen Friedberg stationiert und löst
eine Welle der Begeisterung in Deutschland aus. Im Herbst kommt es zur Berlinkrise. Walter Ulbricht erklärt am
27. 10. ganz Berlin dem Hoheitsgebiet der DDR zugehörig. Zu-
dem unterstreicht Chruschtschow am 10. 11. die Haltung des
Ostblocks und fordert vom Westen die Aufgabe der drei Berliner
Sektoren. Die Stadt solle als Freie Stadt Berlin unabhängig sein.
Buch.indb 261 09.06.2009 18:31:48 Uhr
1945–1990 262
Die UdSSR kündigt den Viermächtestatus Berlins am 27. 11. auf
und stellt dem Westen ein Ultimatum von sechs Monaten zum
Truppenabzug aus Westberlin.
Die Außenminister der drei Westmächte geben am 14. 12. ihre
Entschlossenheit kund, Berlin zu halten. Zwei Tage später folgt
die entsprechende Erklärung der NATO und am 18. 12. die der
Versammlung der Westeuropäischen Union (WEU). 1959 Am 5. 1. lehnt die Bundesrepublik die Vorschläge der DDR und
der UdSSR kategorisch ab. Sie geht keine Konföderation mit der
DDR ein, lehnt auch die Pläne zur Freien Stadt Berlin ab und er-
kennt auch die DDR nicht als souveränen Staat an. In Genf kommen vom 11. 5. bis zum 5. 8. die Außenminister der
Besatzungsmächte sowie Vertreter der Bundesrepublik und der
DDR zur Deutschlandkonferenz zusammen. Auch sie können die
Berlinkrise wie auch das Treffen zwischen Chruschtschow und
Eisenhower am 25. 9. in Camp David nicht beenden. Schließlich
lässt die UdSSR das verlängerte Ultimatum auslaufen, da sie
keine Chance auf die Verwirklichung ihrer Berlinpläne sieht. Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) lehnt eine Änderung des
Grundgesetzes ab, durch die er eine dritte Amtszeit als Bundes-
präsident hätte begehen können. Sein Nachfolger wird am 1. 7.
der bisherige Ernährungsminister Heinrich Lübke (CDU) mit
49,8 % der Stimmen.
aufbruch in den
»wilden sechzigerjahren«
1960 In der Bundesrepublik tritt am 1. 1. das Atomgesetz zur friedlichen
Gewinnung von Atomenergie in Kraft.
Ab dem 9. 9. dürfen Bürger der Bundesrepublik nicht ohne beson-
dere Genehmigung nach Ostberlin reisen. Zusätzlich erhalten
Buch.indb 262 09.06.2009 18:31:48 Uhr
263 Zwei Staaten unter Vorbehalt
die Einwohner der DDR künftig kein Visum für Aufenthalte au-
ßerhalb des Gebietes des Warschauer Paktes.
Nach dem Tod des ersten und einzigen Staatspräsidenten der
DDR, Wilhelm Pieck, wird dieses Amt abgeschafft. Der Staatsrat
gilt nun als kollektives Staatsoberhaupt, dem ab dem 12. 9. Wal-
ter Ulbricht vorsteht.
1961 Bei der Wahl zum vierten Bundestag am 17. 9. verliert die CDU/
CSU ihre absolute Mehrheit, kann aber 45,3 % der Stimmen für
sich holen. Die SPD erreicht unter Kanzlerkandidat Willy Brandt
36,2 % der Stimmen und kann sich im Vergleich zur letzten Bun-
destagswahl verbessern. Konrad Adenauer wird am 7. 11. erneut
zum Bundeskanzler gewählt und bildet eine Regierung aus CDU/
CSU und FDP.
MeIleNsTeIN
1961 Der deutschen Teilung folgt die Teilung Berlins
13. august sie war das symbol des OstWestKonflikts und der
Teilung deutschlands: die Berliner mauer. da nach Kriegsende
immer mehr einwohner der ddr nach Westberlin flüchteten, be
gann die ddrFührung mit dem ausbau ihrer Grenze zu Westber
lin. neben den schlagbäumen errichteten sie Zäune und Wach
posten. doch weiterhin gelang vielen einwohnern der ddr die
Flucht – bis zum mauerbau waren es insgesamt 3,5 millionen.
Bereits ab 1952 existierten in der ddr geheime Pläne, die
45,1 km lange innerstädtische Grenze zu schließen. aufgrund
der mangelnden Zustimmung der sowjetunion und der Verkehrs
lage in Berlin wurde dies aber nicht umgesetzt. am 15. 6. sprach
ulbricht als erster öffentlich von einer mauer. in der nacht vom
12. 8. auf den 13. 8. riegelten 15 000 Polizisten und soldaten
die Grenze zu Westberlin und die stationen der öffentlichen Ver
kehrsmittel ab. in den nächsten Tagen wurde weitere Zäune –
und schließlich die Berliner mauer – errichtet.
1962 Vom 14. 10. bis zum 28. 10. kommt es zur Kubakrise zwischen den
USA und der UdSSR, die sich am Bau von Abschussbasen für so-
Buch.indb 263 09.06.2009 18:31:48 Uhr
1945–1990 264
wjetische Mittelstreckenraketen auf Kuba entzündet hat. Die Si-
tuation scheint zu eskalieren, als sowjetische Schiffe in der ame-
rikanischen Hemisphäre auftauchen. Die Bewohner beider deut-
scher Staaten fürchten einen Atomkrieg. Doch durch die
Besonnenheit von Kennedy und Chruschtschow kann die Krise
diplomatisch gelöst werden.
Ein Artikel im Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« vom 10. 10. löst
in der Bundesrepublik Deutschland die »spiegelaffäre« aus, in
deren Verlauf es zu einer Vertrauenskrise zwischen Regierung
und (letztlich gestärkter) Öffentlichkeit kommt. Das Magazin
schreibt, dass die Bundesrepublik im Fall eines Angriffs »nicht
verteidigungsfähig« sei. Teile der Bundesregierung sind über den
Artikel empört. In der Folge werden die Redaktionsräume des
Spiegels für mehrere Wochen besetzt und Haftbefehle gegen ei-
nige Journalisten erlassen. Die Affäre weitet sich zu einer Regie-
rungskrise aus, bei der es um Abwägung zwischen Meinungsfrei-
heit und Staatssicherheit geht. Verteidigungsminister Franz Josef
Strauß (CSU) hatte den Justizminister bei der Durchsuchungsak-
tion übergangen, weshalb die fünf FDP-Minister am 19. 11. zu-
rücktreten. Erst als Strauß am 30. 11. selbst zurücktritt, beruhigt
sich die Lage. Bundeskanzler Adenauer bildet danach am 14. 12.
sein letztes Kabinett und holt Teile der FDP-Minister zurück. 1963 Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Präsident
Charles de Gaulle unterzeichnen am 22. 1. den Élyséevertrag und
bekräftigen damit die deutsch-französische Aussöhnung. Vom 15. 1. bis zum 21. 1. findet der 6. Parteitag der SED statt. Der
Parteitag legt die Aufgaben der staatlichen Planungskommission
und des Volkswirtschaftsrats endgültig fest. Der Staatsrat der
DDR bestätigt am 15. 6. die neuen Richtlinien für die Einführung
des »Neuen ökonomischen Systems der Planung und Leitung«. Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) geht am 1. 4. auf Sendung.
Am 5. 4. strahlt die ARD den ersten »Bericht aus Bonn« aus; in
der ersten Sendung verkündet Adenauer, dass er im Herbst sein
Buch.indb 264 09.06.2009 18:31:48 Uhr
265 Zwei Staaten unter Vorbehalt
Amt niederlegen wird. Im Sommer besucht US-Präsident Ken-
nedy Deutschland und spricht am 26. 6. an der Berliner Mauer
die solidarischen Worte »Ich bin ein Berliner«. Machtwechsel in Bonn: Bundeskanzler Adenauer tritt am 15. 10.
in der Mitte der Legislaturperiode zurück. Sein Nachfolger wird
der »Vater des Wirtschaftswunders«, Wirtschaftsminister Lud-
wig Erhard, dessen Wahl Adenauer im Vorfeld zu verhindern
sucht.
Bei dem Grubenunglück von Lengede am 24. 10. kommen 29 Berg-
leute ums Leben. Untertage überleben 11 weitere Bergleute und
können nach zwei Wochen gerettet werden.
1964 Die Sowjetunion garantiert in einem Freundschafts- und Bei-
standsabkommen vom 12. 6. ausdrücklich die Unantastbarkeit
der Grenzen der DDR.
Heinrich Lübke (CDU) wird in der Bundesrepublik am 1. 7. als
Bundespräsident mit 68,1 % der Stimmen bestätigt. Ab dem 9. 9. erlaubt die DDR-Führung Rentnern Verwandtenbe-
suche in Westberlin und in der Bundesrepublik. Der ehemalige
Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl (SED), stirbt am
21. 9. in Ostberlin. Zudem kommt es zum Machtwechsel im
Moskauer Kreml. Leonid Breschnew wird am 14. 10. Parteichef
der KPdSU.
1965 Bundeskanzler Ludwig Erhard führt die CDU/CSU in die Wahlen
zum fünften Deutschen Bundestag. Als Gegenkandidat tritt
abermals Willy Brandt (SPD) an. Beide Volksparteien können
leicht zulegen. Die CDU/CSU erhält 47,6 % und die SPD 39,3 %.
Die Regierung aus CDU/CSU und FDP wird fortgesetzt.
MeIleNsTeIN
1966 Beatlemania und Jugendkultur in Deutschland
26. juni die Beatles waren anfang der sechzigerjahre in Ham
burg berühmt geworden. Zusammen mit elvis Presley waren sie
die einflussreichsten Popkünstler und beeindruckten die deut
Buch.indb 265 09.06.2009 18:31:49 Uhr
1945–1990 266
sche jugend in Ost und West nachhaltig. elvis Presley sorgte mit
laszivem Hüftschwung für die Verbreitung des rock ’n’ roll und
der amerikanischen Lebensweise in den 1950er und 1960er
jahren unter den deutschen jugendlichen. Wenige jahre später
leiteten die Beatles eine neue Qualität der jugendbewegung ein.
1966 gingen sie ein letztes mal auf Welttournee und gaben
sechs Konzerte an drei Tagen in deutschland. am 26. 6. spielten
sie vor einem begeisterten Publikum ein letztes mal in Hamburg.
»Liebe« und »Friede« waren nun die schlagworte der jugend ge
worden, die sich gegen die elterngeneration auflehnten. sie tru
gen jeans und ließen ihre Haare lang wachsen. in der ddr waren
die schallplatten der Weltstars ebenso begehrt wie im Westen
und zumindest auf dem schwarzmarkt erhältlich.
Die Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP zerbricht am
27. 10. an den unterschiedlichen Ansichten zur Verbesserung
des Haushaltsdefizits. Die CDU beschließt einen neuen Kanzler-
kandidaten zu wählen, der die Krise meistern soll. Am 10. 11.
setzt sich hierbei der Ministerpräsident von Baden-Württem-
berg, Kurt Georg Kiesinger (CDU), durch. Die SPD überlegt die
Bildung einer sozialliberalen Koalition mit der FDP, entschließt
sich aber am 26. 11. zur Bildung einer Großen Koalition mit der
CDU/CSU, die ab dem 1. 12. unter dem neuen Bundeskanzler
Kurt Georg Kiesinger ihre Arbeit aufnimmt. Vizekanzler und
Außenminister wird Willy Brandt (SPD).
Ludwig Erhard tritt am 30. 11. vom Amt des Bundeskanzlers zu-
rück. Insgesamt ist Erhards Kanzlerschaft eher glücklos. Erhards
historische Leistung ist die konsequente Umsetzung der sozia-
len Marktwirtschaft in den 1950er-Jahren, als die Bundesrepub-
lik zweitstärkste Wirtschaftsmacht hinter den USA wurde. 1967 Die Volkskammer verabschiedet am 20. 2. das Gesetz über die
»Staatsbürgerschaft der DDR« und führt eine eigene DDR-
Staatsbürgerschaft ein.
Buch.indb 266 09.06.2009 18:31:49 Uhr
267 Zwei Staaten unter Vorbehalt
Während des Besuchs des persischen schahs Resa Pahlevi vom
27. 5. bis zum 4. 6. brechen in Berlin und in zahlreichen anderen
Städten Unruhen aus.
MeIleNsTeIN
1967 Auftakt zum Protest
2. juni ende der 1960erjahre hatte sich aus der jugendkultur
eine vielschichtige politische Bewegung herausgebildet, die als
68erBewegung bekannt wurde und die Verhältnisse in Gesell
schaft und Politik der Bundesrepublik kritisierte und bekämpfte.
in deutschland solidarisierte sich die Bewegung mit dem interna
tionalen Protest gegen den Vietnamkrieg sowie gegen atomwaffen
und demonstrierte zudem für die Gleichberechtigung von minder
heiten sowie für sexuelle Freiheit. der Protest richtete sich auch
gegen die elterngeneration, der die junge Generation vorwarf, sie
habe sich am nationalsozialismus beteiligt und die jahre der dik
tatur nie wirklich aufgearbeitet. am 2. 6. löste der Besuch des
schahs von Persien eine neue Qualität an Protest aus: Bei de
monstrationen in Westberlin kam es zu gewalttätigen ausschrei
tungen, bei denen der student Benno Ohnesorg von dem Polizis
ten KarlHeinz Kurras erschossen wurde. diese Tat sowie das
Vorgehen der Berliner Polizei radikalisierten einen Teil der Be
wegung; als »Gründungsmythos« der außerparlamentarischen Op
position verstärkte sie die allgemeine Protestwelle sowie den Zu
sammenhalt der 68er.
1968 In der DDR wird am 12. 1. ein neues Strafgesetzbuch beschlossen,
das die Strafen für politische Delikte verschärft. Am 18. 1. beginnt der Conterganprozess gegen die Stollberger
Firma Grünenthal in der Bundesrepublik. Zuvor war Contergan
als Mittel gegen Schwangerschaftsübelkeit verabreicht worden,
was zu Fehlbildungen bei Ungeborenen führte. Die Protestbewegung setzt sich fort. Eine Gruppe um Andreas
Baader verübt am 3. 4. einen Brandanschlag auf ein Kaufhaus in
Frankfurt am Main und wird danach zu einer Haftstrafe verur-
Buch.indb 267 09.06.2009 18:31:50 Uhr
1945–1990 268
teilt. Der Studentenführer Rudi Dutschke wird am 11. 4. auf offe-
ner Straße in Westberlin bei einem Attentat lebensgefährlich
verwundet. Der Bundestag verabschiedet die Notstandsgesetze
am 30. 5., die am 28. 6. in Kraft treten. In der Folge verschärft sich
die Situation unter den Protestierenden. In den westdeutschen
Universitätsstädten bildet sich die Außerparlamentarische Oppo-
sition (APO), die vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund
(SDS) getragen wird. Sie beabsichtigen die fehlende Opposition
innerhalb des Parlaments auszugleichen. Ihr Protest richtet sich
vor allem gegen die gesellschaftliche Verdrängung der Verbre-
chen des Nationalsozialismus durch die Elterngeneration. 1969 Bundesjustizminister Gustav Heinemann (SPD) wird am 5. 3. mit
den Stimmen von SPD und FDP zum dritten Bundespräsidenten
gewählt.
Als Demonstration des Fortschritts und Antwort auf den Sput-
nikschock betritt der Amerikaner Neil Armstrong am 21. 7. als
erster Mensch den Mond. Die Mondlandung zieht auch die Men-
schen in Deutschland in ihren Bann.
Bei der Wahl zum 6. Deutschen Bundestag am 28. 9. scheint es zu-
nächst so, als könne die CDU mit Bundeskanzler Kiesinger die
absolute Mehrheit erreichen. Im Lauf des Wahlabends wird aber
deutlich, dass die 46,1 % der von der CDU gewonnenen Stimmen
nicht für die Regierungsbildung ausreichen werden. Die SPD, für
die Willy Brandt zum dritten Mal als Spitzenkandidat angetre-
ten ist, hatte dagegen zulegen können und 42,7 % der Stimmen
erzielt, die FDP 5,8 %. Noch in der Nacht vereinbaren Brandt und
FDP-Vorsitzender Walter Scheel die Aufnahme von Koalitions-
verhandlungen. Am 21. 10. wird Willy Brandt zum Bundeskanz-
ler einer sozial-liberalen Koalition aus SPD und FDP gewählt.
Buch.indb 268 09.06.2009 18:31:50 Uhr
269 Zwei Staaten unter Vorbehalt
annäherung von Ost und West
1970 Bundeskanzler Brandts neue Ostpolitik trägt dazu bei, dass der
»eiserne Vorhang«, der die Blöcke in Europa voneinander trennt,
durchlässiger zu werden beginnt. Brandt, der von 1957 bis 1966
als Regierender Bürgermeister von Westberlin an einer Naht-
stelle des Ost-West-Konflikts agierte, trifft am 19. 3. in Erfurt
und am 21. 5. in Kassel den Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph
(SED). Außerdem schließt Brandt am 12. 8. den Moskauer Ver-
trag und am 7. 12. den Warschauer Vertrag zur Normalisierung
der Beziehungen. Sein Kniefall vor dem Ehrenmahl des jüdi-
schen Warschauer Gettos bei seinem Staatsbesuch in Polen
(7. 12.) wird weltweit als außergewöhnliche Bitte um Aussöh-
nung verstanden.
MeIleNsTeIN
1971 Honecker löst Ulbricht ab
3. mai ein machtwechsel in der ddr hatte sich bereits ab
1970 angedeutet, als Leonid Breschnew und erich Honecker in
moskau vereinbarten, dass Walter ulbricht abgelöst werden
sollte. auf initiative von Honecker richtete das Politbüro am
21. 1. ein geheimes schreiben an Breschnew, in dem es bestä
tigte, das ulbricht »zu alt« für seine aufgaben sei. Breschnew
legte daraufhin in einem persönlichen Gespräch ulbricht dar,
dass er zurückzutreten habe. auf der 16. Tagung des Zentralko
mitees der sed bat Walter ulbricht gezwungenermaßen, ihn aus
altersgründen von der Funktion des ersten sekretärs des ZK zu
entbinden. Zu seinem nachfolger wurde ebenfalls auf druck
Breschnews der 58jährige erich Honecker gewählt. er war damit
erster sekretär (ab 1976 Generalsekretär) des Zentralkomitees
der sed. Honecker übernahm auch ulbrichts Platz als Vorsitzen
der des nationalen Verteidigungsrats und wurde 1976 als nach
folger von Willi stoph von der Volkskammer zum Vorsitzenden
des staatsrates gewählt.
Buch.indb 269 09.06.2009 18:31:50 Uhr
1945–1990 270
Die Befreiung von Andreas Baader aus seinem Gefängnis am 14. 5.
gilt als Geburtsstunde der »Roten Armee Fraktion« (RAF), die in
der Folge mehrere Attentate und Gewaltverbrechen in der Bun-
desrepublik verübt.
Am 3. 9. wird das Viermächteabkommen unterzeichnet und da-
mit die Bindung von Westberlin zur Bundesrepublik bestätigt. Die Bundesrepublik und die DDR unterschreiben am 17. 12. das
Transitabkommen, das den Verkehr von zivilen Personen und
Gütern zwischen der Bundesrepublik und Westberlin durch das
Gebiet der DDR regelt.
1972 Das konstruktive Misstrauensvotum der CDU/CSU-Bundestags-
fraktion unter Rainer Barzel (CDU) gegen Willy Brandt scheitert
am 27. 4.
Andreas Baader und mehrere Mitglieder der RAF werden am 1. 6.
nach einem Schusswechsel verhaftet. In der Folge werden auch
Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof festgenommen. Bei den Olympischen Sommerspielen in München dringen am
5. 9. arabische Terroristen in das olympische Dorf ein und töten
zwei israelische Sportler. Sie nehmen fünf weitere Geiseln, die
nach langen Verhandlungen freikommen.
Die Wahl zum 7. Deutschen Bundestag am 19. 11. ist die erste vor-
gezogene Wahl – nötig wird sie aufgrund von inneren Spannun-
gen in der sozial-liberalen Koalition. Die SPD wird mit 45,8 %
erstmals stärkste Partei und bildet weiterhin mit der FDP (8,4 %)
die Regierungskoalition unter Bundeskanzler Brandt. Die CDU
erreicht mit ihrem Spitzenkandidat Rainer Barzel 44,9 %.
MeIleNsTeIN
1972 staatssouveränität, aber keine Volkssouveränität
21. dezember unter Bundeskanzler Willy Brandt änderte sich
die innerdeutsche Politik von der Hallsteindoktrin hin zum »Wan
del durch annäherung«. im Zuge der Öffnung nach Osten unter
schreiben beide deutsche staaten am 21. 12. den Grundlagen
Buch.indb 270 09.06.2009 18:31:50 Uhr
271 Zwei Staaten unter Vorbehalt
vertrag. die Verhandlungen waren schwierig, da die ddr eine völ
kerrechtliche anerkennung ihres staates forderte, die
Bundesrepublik die ddr aber nur staatsrechtlich anerkennen
wollte. Beide staaten sollten nicht füreinander »ausland« wer
den. im Grundlagenvertrag bestätigen beide seiten u. a. die in
nerdeutsche Grenze, das alleinvertretungsrecht jedes deutschen
staates. sie erkennen zudem die Grundsätze der Vereinten natio
nen an und beschließen den austausch von ständigen Vertretern
sowie in den Bereichen von Wirtschaft, Kultur und sport. der
Vertrag brachte eine relative normalisierung des Verhältnisses
beider deutscher staaten mit sich und schuf die Voraussetzung
für die mitgliedschaft bei den Vereinten nationen.
1973 Die Weltfestspiele der Jugend, die zum zweiten Mal nach 1951 in
der DDR stattfinden, werden am 28. 7. in Ostberlin eröffnet. Über
25 000 Teilnehmer aus 140 Ländern nehmen teil. Die Bundesrepublik Deutschland und die DDR werden am 18. 9.
Mitglieder der Vereinten Nationen. Die OPEC hebt am 16. 10. den Ölpreis um 70 % an, woraufhin die
Bundesrepublik auf die eintretende Ölkrise mit einer ungewöhn-
lichen Maßnahme reagiert: Vom 25. 11. angefangen gibt es vier
autofreie Sonntage.
MeIleNsTeIN
1974 Den Bundeskanzler ausspioniert
25. april als Flüchtling getarnt, war der »Offizier im besonderen
einsatz« Günter Guillaume 1956 in die Bundesrepublik einge
reist. schnell gelang ihm eine parteipolitische Karriere innerhalb
der sPd, während der er 1972 in den engsten Beraterkreis von
Bundeskanzler Willy Brandt aufstieg. im Februar 1973 ent
schlüsselte der Bundesnachrichtendienst mehrere meldungen, in
denen Guillaume als spion auftauchte, Brandt und wenige Ver
traute wurden informiert. Guillaume blieb in Brandts stab bis zu
seiner Verhaftung am 25. 4. 1974, er wurde zu acht jahren Frei
Buch.indb 271 09.06.2009 18:31:51 Uhr
1945–1990 272
heitsstrafe verurteilt. Brandt, der außenpolitisch in harten ausei
nandersetzungen mit der Opposition eine neue deutschland und
Ostpolitik durchgesetzt hatte und dafür 1971 mit dem Friedens
nobelpreis ausgezeichnet worden war, dessen innenpolitisches
reformprogramm (»mehr demokratie wagen«) unter dem ein
druck einer sich verschlechternden weltwirtschaftlichen Konjunk
tur jedoch an Grenzen stieß, trat vom amt des Bundeskanzlers
zurück. Helmut schmidt wurde am 16. 5. zum nachfolger ge
wählt.
Walter Scheel (FDP) wird am 15. 5 mit den Stimmen von FDP
und SPD gegen Richard von Weizäcker (CDU) zum vierten Bun-
despräsidenten gewählt.
Bei der Fußballweltmeisterschaft in der Bundesrepublik kommt
es am 22. 6. zum ersten und einzigen Aufeinandertreffen der
Auswahlmannschaften beider deutscher Staaten. Durch ein Tor
von Jürgen Sparwasser gewinnt die Auswahl der DDR. Wenige
Tage später gewinnt die Mannschaft des DFB den Titel mit ei-
nem 2:1 gegen die Niederlande.
Die USA nehmen am 4. 9. diplomatische Beziehungen zur DDR
auf, deren internationale Anerkennung dadurch erreicht ist. 1975 Am 21. 5. beginnt der stammheimer Prozess gegen Andreas Baa-
der, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe. Er dau-
ert bis zum 28. 4. 1977 an. Die vier Mitglieder der RAF werden zu
lebenslanger Haft verurteilt.
1976 Am 3. 10. wird der 8. Deutsche Bundestag gewählt. Für die Uni-
onsparteien trat der rheinland-pfälzische Ministerpräsident
Helmut Kohl (CDU) an, der 48,6 % der Stimmen erreichen
konnte. Dennoch gelingt es Amtsinhaber Helmut Schmidt, die
Koalition aus SPD (42,6 %) und FDP (7,9 %) fortzuführen. erich Honecker wird am 29. 10. Vorsitzender des Staatsrats der
Deutschen Demokratischen Republik.
Buch.indb 272 09.06.2009 18:31:51 Uhr
273 Zwei Staaten unter Vorbehalt
MeIleNsTeIN
1977 Terrorismus im »Deutschen Herbst«
18. Oktober Zu Beginn der 1970erjahre war es in der Bundes
republik wiederholt zu anschlägen gekommen, bis man die erste
Generation der »roten armee Fraktion« hatte inhaftieren können.
eine zweite Generation der raF überzog 1977 die Bundesrepub
lik mit Terror und versuchte, die inhaftierten freizupressen. sie
erschossen Generalbundesanwalt siegfried Buback am 7. 4. auf
offener straße und töteten bei einem entführungsversuch den
Bankier jürgen Ponto. Höhepunkt der Gewaltwelle war die ent
führung des arbeitgeberpräsidenten Hanns martin schleyer am
5. 9. da die regierung unter Bundeskanzler Helmut schmidt
sich aber nicht zu Verhandlungen bereit zeigte, erhöhte die mit
der raF verbundene Palästinensische Befreiungsfront den druck
auf die Bundesregierung und entführte am 13. 10. die Lufthan
samaschine »Landshut«. in der nacht vom 17. 10. auf den
18. 10. stürmte die GsG 9 im ostafrikanischen mogadischu das
Flugzeug und befreite alle Geiseln. daraufhin töteten sich die in
haftierten Baader, ensslin und raspe in ihren Zellen selbst. als
reaktion wurde am gleichen Tag schleyer von seinen entführern
erschossen.
1978 Als erster Deutscher fliegt Siegmund Jähn ins All und löst Begeis-
terungsströme in der DDR aus.
1979 Bundestagspräsident Karl Carstens (CDU) wird am 23. 5. zum
fünften Bundespräsidenten gewählt. Seit dieser Wahl findet die
Wahl zum Bundespräsidenten immer am 23. 5., dem Tag der
Verkündung des Grundgesetzes, statt.
Die erste Direktwahl zum europäischen Parlament findet vom 7. 6.
bis zum 10. 6. statt.
1980 Die DDR wird am 1. 1. für zwei Jahre Mitglied im Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen.
In Karlsruhe gründen am 13. 1. Umweltaktivisten und linke Grup-
pen die Bundespartei »Die Grünen«.
Buch.indb 273 09.06.2009 18:31:52 Uhr
1945–1990 274
Als Zeichen des Protests gegen den Einmarsch der UdSSR in Af-
ghanistan im Vorjahr boykottieren 65 westliche Staaten, unter
ihnen die Bundesrepublik Deutschland, die Olympischen Spiele
in Moskau, die vom 19. 7. bis zum 3. 8. dauern.
Die Wahlen zum 9. Deutschen Bundestag am 5. 10. führen zur
Fortsetzung der sozial-liberalen Koalition unter Bundeskanzler
Helmut Schmidt. Die SPD erreicht 42,9 % der Stimmen, die CDU/
CSU unter Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß 44,5 %. 1981 Vom 11. 10. bis zum 13. 10. treffen Bundeskanzler Schmidt und
Erich Honecker zu innerdeutschen Gesprächen zusammen.
stagnation und Wandel
1982 Bundeskanzler Helmut schmidt, dessen Amtszeit von den Heraus-
forderungen wirtschaftlicher und innenpolitischer Krisen geprägt
ist, dessen zupackende, hohen moralischen Grundsätzen ver-
pflichtete Amtsführung ihm im In- und Ausland aber großes An-
sehen einbringt, ist mit wachsenden Spannungen mit dem Koali-
tionspartner FDP konfrontiert – am 3. 2. stellt Schmidt im Bun-
destag die Vertrauensfrage und erhält die Zustimmung –, aber
auch mit Widerstand in der SPD, der sich besonders gegen den
von Schmidt mitformulierten NATO-Doppelbeschluss richtet. Der NATO-Gipfel findet am 10. 6. zum ersten Mal in der Bundes-
republik statt. Zeitgleich kommt es zur größten Kundgebung
der Friedensbewegung in der Bundesrepublik.
MeIleNsTeIN
1982 Die »geistig moralische Wende«
1. Oktober nach der verlorenen Bundestagswahl von 1976 war
Helmut Kohl Oppositionsführer der Cdu/CsuFraktion im Bun
destag geworden und pflegte gute Kontakte zum FdPVorsitzen
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den Hansdietrich Genscher. als es am 17. 9. über ein strategie
papier zum arbeitsmarkt von Otto Graf Lambsdorff (FdP) zum
Bruch der sozialliberalen regierung kam, nahm Kohl Koalitions
verhandlungen mit der FdP auf, die schließlich am 1. 10. zu ei
nem konstruktiven misstrauensvotum gegen Helmut schmidt
führten. Helmut Kohl gewann diese abstimmung im Bundestag
und damit das erste erfolgreiche misstrauensvotum der Bundes
republik. innerhalb der sPd wurde das Verhalten der FdP als
»Verrat« bezeichnet, auch die FdP selbst war über diesen regie
rungswechsel zerstritten. Viele FdPPolitiker traten aus der Partei
aus. noch am selben Tag wurde Kohl als Bundeskanzler verei
digt. in absprache mit der FdP beabsichtigte Kohl im nächsten
jahr neuwahlen und stellte daher im Bundestag die Vertrauens
frage, die er – trotz der mehrheit, die seine regierungskoalition
im Bundestag besaß – vereinbarungsgemäß verlor.
1983 Die Wahl zum 10. Bundestag am 6. 3 bestätigt die schwarz-gelbe
Koalition unter Bundeskanzler Helmut Kohl. Die CDU/CSU er-
reicht 48,8 % der Stimmen, die SPD erhält unter Kanzlerkandi-
dat Hans-Jochen Vogel nur 38,2 %, die FDP erzielt 7,0 % und die
Grünen sind erstmalig mit 5,6 % im Bundestag vertreten. Das Magazin »Der Stern« gibt am 25. 4. den Fund der Hitlertage-
bücher bekannt, die sich aber bald als Fälschung erweisen. 1984 Das Nationale Olympische Komitee der DDR beteiligt sich am
Boykott der meisten Ostblockstaaten der Olympischen Som-
merspiele in Los Angeles (11. 5.).
Richard von Weizäcker (CDU), vormaliger Regierender Bürger-
meister von Westberlin, wird am 23. 5. zum sechsten Bundes-
präsidenten gewählt. Besonders mit seiner Rede vor dem Bun-
destag zum 40. Jahrestag der Kapitulation Deutschlands (8. 5.
1985) versteht er es, sein von ethischen Maßstäben geprägtes
Verständnis von politischer Kultur zu vermitteln.
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1945–1990 276
MeIleNsTeIN
1984 Privatfernsehen auf empfang
1. januar Helmut schmidts regierung hatte sich noch gegen
die einführung des Privatfernsehens gewehrt. als nun die Cdu
ab 1982 wieder die regierung stellte, schlug die Geburtsstunde
des Kabelfernsehens. Vor allem Bundeskanzler Helmut Kohl för
derte diesen Prozess und ließ durch seinen Postminister Chris
tian schwarzschilling (Cdu) die republik »verkabeln«. am 1. 1.
1984 läutete die PKs (Programmgesellschaft für Kabel und
satellitenrundfunk) das neue Zeitalter ein. sie ging im Ludwigs
hafener Kabelfernsehprojekt, das etwa von 1200 Haushalten
empfangen wurde, auf sendung. einen Tag später folgte der
Luxemburger Privatsender »rTL plus«, der von 200 000 Haus
antennen empfangen werden konnte. ein jahr später sendete
rTL über satellit. im gleichen jahr benannte sich die PKs in
»sat.1« um.
1985 Michail Gorbatschow wird am 11. 3. Generalsekretär der KPdSU;
die Spannungen zwischen den Blöcken vermindern sich infolge
seiner Reformpolitik. In der Folge trifft sich Gorbatschow mehr-
fach mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan zu
Abrüstungsgesprächen. Gorbatschow stellt seine künftige Poli-
tik unter die Schlagworte »Glasnost« (Transparenz der Staats-
führung) und »Perestroika« (Umgestaltung des gesellschaftli-
chen, wirtschaftlichen und politischen Systems). 1986 Im Kernkraftwerk Tschernobyl kommt es am 26. 4. zum bislang
folgenschwersten Reaktorunfall in der Geschichte der friedli-
chen Nutzung der Kernenergie. Dieser Vorfall sorgt auch in
Deutschland für Besorgnis und für wachsende Akzeptanz für die
Ökologiebewegung.
1987 Bei den Wahlen zum 11. Deutschen Bundestag am 25. 1. werden
die Koalition der Unionsparteien mit der FDP sowie Helmut Kohl
als Bundeskanzler bestätigt. CDU/CSU kommen auf 44,3 % der
Stimmen, die SPD unter Herausforderer Johannes Rau auf 37,0 %.
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Erich Honecker besucht am 7. 9. als erster DDR-Staatschef die
Bundesrepublik Deutschland.
»Der Spiegel« meldet am 12. 9., einen Tag vor der Landtagswahl in
Schleswig-Holstein, dass Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU)
seinen Herausforderer Björn Engholm (SPD) bespitzeln lassen
hat. Die »Barschelaffäre« endet mit dem unter ungeklärten Um-
ständen erfolgten Tod des Politikers am 11. 10. in Genf.
aufbruch zur Wiedervereinigung
1989 In den osteuropäischen Ländern und der Deutschen Demokrati-
schen Republik kommt es zu starken Protestbewegungen und
Reformen. Ungarn öffnet am 2. 5. die Grenze des Eisernen Vor-
hangs zu Österreich und leitet eine Massenflucht in den Westen
ein. Zeitgleich flüchten Hunderte DDR-Bürger in die bundes-
deutschen Botschaften in Prag, Warschau und Budapest, um in
den Westen auszureisen. Insgesamt flüchten während dieser
Protestphase 225 000 DDR-Bürger in die Bundesrepublik. Michail
Gorbatschow lehnt es in einer Ansprache vor dem Europarat in
Straßburg ab, sowjetische Soldaten zur Herstellung des inneren
Friedens in der DDR einzusetzen. Das SED-Regime verliert so-
mit seinen Rückhalt.
Anlässlich des 28. Jahrestages des Mauerbaus am 13. 8. stellt die
SED klar, dass die DDR keiner Reformen bedarf. Ab dem 4. 9.
kommt es zu den leipziger Montagsdemonstrationen. Nach dem
Friedensgebet in der Nicolaikirche ziehen Tausende jeden Mon-
tag durch die Straßen und fordern Reise-, Presse- und Versamm-
lungsfreiheit. Bis Oktober sind es montäglich nahezu 10 000 De-
monstranten, die auch die Wiedervereinigung fordern. Als erste
von mehreren Bürgerbewegungen gründet sich das »Neue Fo-
rum« am 11. 9.
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Bei den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR vom 5. 10. bis
zum 7. 10. empfiehlt Gorbatschow der DDR-Führung politische
Reformen. Während der Feierlichkeiten kommt es zu den größ-
ten Massendemonstrationen seit dem Aufstand vom 17. Juni
1953. Auch in den nächsten Wochen demonstrieren in allen ost-
deutschen Städten mehrere Tausend Menschen. Unter dem po-
litischen Druck tritt schließlich Erich Honecker am 18. 10. zu-
rück. Sein Nachfolger als SED-Generalsekretär wird Egon Krenz.
Die Regierung unter Willi Stoph tritt am 7. 11. zurück.
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1989 Die Mauer ist gefallen
9. november die demonstration vom 4. 11. auf dem Berliner
alexanderplatz, an der eine million menschen teilnahm, erhöhte
den druck auf die ddrregierung. sie zeigte sich danach gewillt,
zumindest Privatreisen ins ausland zu erlauben, um so die aufge
heizte stimmung in der ddr zu beruhigen. der sedFunktionär
Günter schabowski las am 9. 11. während einer Pressekonferenz
eine Verlautbarung des Politbüros vor, demzufolge die erlaubnis
zur ausreise ohne Vorlage von bestimmten Gründen direkt an den
Grenzposten erteilt werden würde. Viele konnten diese nachricht
kaum glauben, die sich wie ein Feuer durch die ddr und Ostber
lin verbreitete. alle eilten zu den überforderten Grenzpolizisten,
die schließlich nachgaben und die Grenzen zum Westen öffne
ten. in der nacht kam es überall in Berlin und in grenznahen
städten zu Freudenszenen. Kanzler Helmut Kohl brach seine
auslandsreise in Warschau ab und nahm am 10. 11. an einer
Kundgebung vor dem schöneberger rathaus teil.
Hans Modrow wird am 13. 11. von der Volkskammer zum Minis-
terpräsidenten gewählt.
Nachdem Gorbatschow am 15. 11. die Wiedervereinigung
Deutschlands als eine interne Angelegenheit der Deutschen be-
zeichnet, setzt sich Bundeskanzler Kohl mit seinem »10-Punkte-
Plan zur Überwindung der Teilung Deutschlands und europas«
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am 28. 11. an die Spitze der Bewegung. Er bietet der DDR wirt-
schaftliche Unterstützung unter der Bedingung freier Wahlen
und der Einführung eines Rechtsstaats an. Zudem schlägt er
konföderative Strukturen zwischen der Bundesrepublik und der
DDR vor. Das erste Zusammentreffen eines Rundes Tisches fin-
det am 7. 12. aus Vertretern der Bürgerbewegung und der Politik
statt. Gregor Gysi wird am 9. 12. Vorsitzender der SED. 1990 Am 4. 2. gibt sich die SED den Namen »Partei des Demokrati-
schen Sozialismus« (PDS). Die langjährigen Forderungen nach
freien Wahlen in der DDR werden mit der Volkskammerwahl
vom 18. 3. erfüllt. Die Wahl wird von der »Allianz für Deutsch-
land«, einem Bündnis aus CDU, DSU und Demokratischem Auf-
bruch, mit 48,1 % der Stimmen gewonnen; die SPD erreicht nur
21,9 %, der Bund Freier Demokraten 5,3 % und das Bündnis 90,
das aus den Bürgerbewegungen besteht, erhält 2,9 %. Lothar de Maizière (CDU) gelingt es nach zähen Verhandlungen,
eine Große Koalition aus der Allianz, der SPD und dem Bund
Freier Demokraten zu bilden. Daraufhin wird er von der Volks-
kammer zum Ministerpräsidenten gewählt.
Die Einheit nimmt Gestalt an, als die »Zwei-plus-vier-Konferenz«
der Außenminister am 5. 5. in Bonn tagt und über die außenpo-
litische Rolle eines vereinten Deutschlands spricht. Die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokrati-
sche Republik gehen ab dem 1. 7. eine Wirtschafts- und Wäh-
rungsunion ein. Die D-Mark löst die Mark der DDR ab. Am glei-
chen Abend spricht Bundeskanzler Kohl in Hinblick auf die Wie-
dervereinigung von »blühenden Landschaften« in den neuen
Bundesländern. Am 15./16. 7. erhält er während eines Staatsbe-
suchs in der UdSSR von Gorbatschow die Garantie der vollstän-
digen Souveränität des wiedervereinigten Deutschlands sowie
die Zustimmung zur NATO-Zugehörigkeit eines vereinten
Deutschlands.
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In dieser Phase wehen überall euphorisch deutsche Flaggen. Dies
ist auch bei der Fußballweltmeisterschaft in Italien zu beobach-
ten, bei der die Auswahl des DFB am 8. 7. zum dritten Mal Fuß-
ballweltmeister wird.
Die Volkskammer stimmt am 23. 8. für den Beitritt zur Bundesre-
publik. In der Folge schließen die DDR und die Bundesrepublik
den einigungsvertrag in Ostberlin. Der Zwei-plus-vier-Vertrag
über die »abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland«
vom 12. 9. regelt die Wiedervereinigung und Westbindung
Deutschlands, das auf den Besitz von atomaren, biologischen
und chemischen Waffen verzichtet. Die Mitgliedschaft der DDR
im Warschauer Pakt wird am 25. 9. beendet. In Berlin endet mit
der Verabschiedung der alliierten Stadtkommandanten der drei
Sektoren die Besatzungszeit.
Die Deutsche Demokratische Republik tritt nach Artikel 23 des
Grundgesetzes am 3. 10. der Bundesrepublik Deutschland bei;
damit endet auch die Ära der »Bonner Republik«.
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1990 Der Tag der einheit ist gekommen
3. Oktober ab den 1970erjahren fanden sich viele Bürger der
Bundesrepublik mit der Teilung deutschlands und Berlins als po
litische realität ab. an eine baldige Wiedervereinigung war nicht
zu denken. umso erfreuter zeigte sich der Westen über die fried
liche und mutige revolution in Ostdeutschland im Herbst 1989,
die das politische system der ddr stürzte und die Wende
schließlich herbeibrachte. mit einem feierlichen akt vor dem
reichstag und einer großen Feier am Brandenburger Tor wurde in
der nacht vom 2. 10. auf den 3. 10. die Wiedervereinigung voll
zogen. in vielerlei Hinsicht ging damit ein historischer Prozess zu
ende, der im frühen 19. jh. seinen anfang genommen hatte. die
damals gestellte Forderung nach einheit, Freiheit und demokra
tie wurde mit der Wiedervereinigung nun endgültig für das ge
samte deutsche Volk erfüllt. seither ist der 3. 10. der nationalfei
ertag der Bundesrepublik deutschland.
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