Duden Deutsche Geschichte, Was jeder wissen muss
Weimarer Republik
1918 Deutschlands erste Demokratie Weimarer Republik
1918–1933
Die erste liberale Demokra-
tie in Deutschland schei-
terte an der unterlassenen
Demokratisierung von
Justiz, Beamtenschaft und
Heer, der verbreiteten
Buch.indb 201 1933 Geringschätzung des Parlamentarismus und der Wirtschaftskrise. 09.06.2009 18:31:28 Uhr
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die junge republik in der Krise
1918 Nach der Übergabe des Reichskanzleramtes an den Sozialdemo-
kraten Friedrich Ebert und der Ausrufung der Republik am 9. 11.
bildet dieser am 10. 11. mit der USPD (Unabhängige Sozialdemo-
kratische Partei Deutschlands) den Rat der Volksbeauftragten.
Der Beruhigung der inneren Entwicklung dienen am 10. 11. ein
Pakt mit der Obersten Heeresleitung, die ihre Loyalität gegen-
über der neuen Regierung erklärt (»Ebert-Groener-Pakt«), und
am 15. 11. ein Abkommen zwischen Unternehmerverbänden
und Gewerkschaften (»Stinnes-Legien-Abkommen«). Am 29. 11. verabschiedet der Rat der Volksbeauftragten ein Ge-
setz über die Wahlen zur verfassunggebenden Nationalver-
sammlung. Vom 16. bis 20. 12. tagt in Berlin der Allgemeine
Deutsche Rätekongress; er bestimmt als Wahltermin den 19. 1.
1919 und lehnt mit großer Mehrheit das Rätesystem als Grund-
lage der Verfassung ab. Die Vertreter der USPD verlassen am
28. 12. den Rat der Volksbeauftragten.
1919 Am 1. 1. hält die KPD in Berlin ihren Gründungsparteitag ab. Am
5. 1. lösen Linksradikale den spartakusaufstand aus; Bewaffnete
besetzen Zeitungsgebäude, bilden einen Revolutionsausschuss
und erklären die Regierung für abgesetzt. Die Regierung schlägt
den Aufstand bis zum 11. 1. nieder. Die Parteiführer Rosa lu-
xemburg und Karl liebknecht werden am 15. 1. ermordet. Bei den Wahlen am 19. 1., zu denen erstmals in der deutschen Ge-
schichte auch Frauen zugelassen sind, wird die SPD mit 37,9 %
der Stimmen stärkste Partei, die Mehrheit gewinnen jedoch die
bürgerlichen Parteien. In der am 6. 2. in Weimar eröffneten Nati-
onalversammlung bildet die SPD mit Zentrum und DDP (Deut-
sche Demokratische Partei) die »Weimarer Koalition«; für die
Verfassung bedeutet dies, dass sie auf der Grundlage eines Kom-
promisses zwischen sozialdemokratischen und bürgerlich-libe-
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ralen Ideen entsteht. Friedrich Ebert wird am 11. 2. zum ersten
demokratisch legitimierten Staatsoberhaupt Deutschlands ge-
wählt. Am 13. 2. bilden SPD, DDP und Zentrum unter Reichs-
kanzler Philipp Scheidemann (SPD), der schon am 21. 6. durch
Gustav Bauer (SPD) abgelöst wird, die erste demokratisch legiti-
mierte Regierung Deutschlands.
Das Frühjahr ist bestimmt von Streiks und Unruhen in vielen Tei-
len des Reichs, die von USPD und KPD angeführt werden. In
Bayern wird am 21. 2. der Ministerpräsident der Revolutionsre-
gierung Kurt eisner von einem Nationalisten ermordet. In den
folgenden Unruhen wird am 7. 4. die Räterepublik ausgerufen,
die mit der Besetzung Münchens durch Reichstruppen am 2. 5.
zusammenbricht. Damit ist die Revolution 1918/19 im Reich be-
endet.
MeIleNsTeIN
1919 Die sieger diktieren den Frieden
28. juni im spiegelsaal des Versailler schlosses unterzeichne
ten die Vertreter der siegermächte und der Weimarer republik
den ohne deutsche mitwirkung ausgehandelten Vertrag, der den
ersten Weltkrieg beendete. Trotz schwerer Bedenken unter
schrieb die deutsche seite, nachdem ein ultimatum militärische
aktionen angedroht hatte. deutschland verlor durch den Versail
ler Vertrag – außer seinen Kolonien – 70 579 km2 mit 7,3 millio
nen einwohnern und wurde zur Wiedergutmachung der Kriegs
schäden verpflichtet. die linksrheinischen Gebiete sowie drei
Brückenköpfe wurden besetzt. Vergiftet wurde die atmosphäre
vor allem durch artikel 231, der deutschland und seinen Verbün
deten die alleinschuld am Krieg anlastete. das Hauptziel deut
scher außenpolitik war fortan die revision des Vertrags. die
meisten deutschen lehnten das »diktat von Versailles« ab. die
nationalsozialistische Propaganda nutzte diese stimmung. sie
hetzte gegen das »system von Versailles« und setzte diese Parole
im Kampf gegen den demokratischen Verfassungsstaat ein.
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Am 28. 6. unterzeichnet die Vollversammlung der Versailler Frie-
denskonferenz die am 28. 4. angenommene Satzung des Völker-
bunds, die Bestandteil des Versailler Vertrags wird. Die besieg-
ten Staaten bleiben vorerst ausgeschlossen.
MeIleNsTeIN
1919 Demokratische Verfassung in liberalem Geist
11. august nach halbjährigen debatten der – wegen der in Ber
lin herrschenden unruhen – in Weimar tagenden nationalver
sammlung unterzeichnete reichspräsident Friedrich ebert am
11. 8. die »Weimarer Verfassung«. sie konstituierte das deut
sche reich als parlamentarische demokratie. Zentrales Organ der
reichsgewalt wurde der reichstag, der die Gesetzgebung inne
hatte und die von seinem Vertrauen abhängige regierung kontrol
lierte. eingeschränkt wurde seine machtfülle durch die starke
stellung des auf sieben jahre direkt gewählten reichspräsiden
ten, der die regierung ernannte und entließ und den reichstag
auflösen konnte. Über den Weg des Volksentscheids konnte er in
die Gesetzgebung eingreifen und mithilfe des artikels 48 (»aus
nahmezustand«) über das Parlament hinweg durch »notverord
nungen« regieren. Zum ersten mal in deutschland hatten nach
der Verfassung alle männer und Frauen dieselben staatsbürgerli
chen rechte und Pflichten; alle Vorrechte durch Geburt oder
stand waren aufgehoben.
Am 10. 9. unterzeichnen die Alliierten und Österreich in Saint-
Germain-en-Laye den Friedensvertrag, in dem Österreich die
Unabhängigkeit Ungarns, der Tschechoslowakei, Polens und Ju-
goslawiens anerkennen und Südtirol bis zum Brenner, Triest, Is-
trien und Gebiete von Kärnten und Krain abtreten muss. Die
weiteren Vorortverträge folgen in Neuilly mit Bulgarien (27. 11.),
in Trianon mit Ungarn (4. 6. 1920) und in Sèvres mit der Türkei
(10. 8. 1920). Damit ist der Erste Weltkrieg formal beendet. 1920 Der Versailler Vertrag tritt am 10. 1. in Kraft. Gleichzeitig nimmt
der Völkerbund in Genf seine Tätigkeit auf. Nach der Ablehnung
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des Versailler Vertrags und der anderen Vorortverträge durch
den Senat bleiben die USA dem Völkerbund fern. Im Frühjahr radikalisiert sich die politische Meinung in Deutsch-
land nach rechts und links. Am 13. 3. versuchen rechtsradikale
Politiker um Wolfgang Kapp (Vaterlandspartei) und unzufrie-
dene Militärs um General Walther von Lüttwitz einen Umsturz.
Die Marinebrigade Ehrhardt und andere Formationen unter
Lüttwitz besetzen das Berliner Regierungsviertel und proklamie-
ren Kapp zum Kanzler. Die Regierung weicht nach Stuttgart aus.
Doch ein Generalstreik und Befehlsverweigerung der Bürokratie
in Berlin lassen den Kapp-lüttwitz-Putsch am 17. 3. scheitern. Bei der Reichstagswahl am 6. 6. verlieren die Parteien der Mitte,
denen die Opposition die »erfüllungspolitik«, d. h. Erfüllung der
Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag, vorwirft. Rechte
und Linke erstarken. Auf Hermann Müller (SPD) folgt am 25. 6.
mit Constantin Fehrenbach (Zentrum) der erste nicht von der
SPD gestellte Reichskanzler der Weimarer Republik. In der Folge
wechseln häufig die Regierungen, was sich ungünstig auf die
ohnehin schwierige Außenpolitik auswirkt; als Reichskanzler
der vom bürgerlich-konservativen Lager geführten Kabinette
amtieren nach Fehrenbach (1920/1921) Josef Wirth (Zentrum,
1921/1922), Wilhelm Cuno (parteilos, 1922/1923), Gustav Stre-
semann (DVP, 1923), Wilhelm Marx (Zentrum, 1923/1924 und
1926–1928) und Hans Luther (parteilos, 1925/1926). 1921 Die Pariser Konferenz vom 24. bis 29. 1. setzt die Reparationen auf
226 Milliarden Goldmark fest, zu zahlen in 42 Jahreszahlungen,
die Raten steigend von zwei auf sechs Milliarden. Am 3. 3. setzt
eine Gläubigerkonferenz in London der deutschen Regierung
eine Frist von vier Tagen zur Annahme. Deutsche Gegenange-
bote werden abgelehnt, als Sanktion werden am 8. 3. Düsseldorf,
Ruhrort und Duisburg besetzt. Eine Kommission errechnet als
neue Summe 132 Milliarden, die nach neuerlichen Androhun-
gen von Sanktionen angenommen wird.
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In Verkennung ihrer Stärke nach dem Anschluss des linken Flü-
gels der USPD löst die KPD am 20. 3. im mitteldeutschen Indus-
triegebiet um Halle und Merseburg einen Aufstand gegen die
parlamentarische Republik aus (»Märzaktion«), der von der
preußischen Polizei in teilweise erbitterten Kämpfen unter-
drückt wird.
Am 20. 3. findet in Oberschlesien die im Versailler Vertrag vorge-
sehene Volksabstimmung statt. 60 % stimmen für den Verbleib
bei Deutschland, 40 % für den Anschluss an Polen. Im Mai lösen
die Polen einen Aufstand aus. Trotz Erfolgen der deutschen Frei-
korps muss sich Deutschland dem Entscheid des Völkerbundra-
tes am 20. 10. beugen. Oberschlesien wird so geteilt, dass Polen
fast das ganze Industriegebiet erhält.
Am 24. 8. schließen die USA einen separatfrieden mit Deutsch-
land, am 25. 8. mit Österreich.
1922 Am 3. 4. übernimmt stalin das neu geschaffene Amt des General-
sekretärs der KPdSU. Er beginnt, seine Macht gewaltsam auszu-
bauen und die Grundlagen für seine Diktatur zu schaffen. Am Rand der Weltwirtschaftskonferenz in Genua schließen
Deutschland und die russische Sowjetrepublik am 16. 4. den Ver-
trag von Rapallo. Beide Mächte verzichten auf Ersatz von Kriegs-
kosten und beschließen die Aufnahme diplomatischer Bezie-
hungen. Dass Reichswehr und Rote Armee zusammenarbeiten
wollen, weckt starkes Misstrauen bei den Westmächten. Nach der Ermordung von Außenminister Walther Rathenau am
24. 6., der einem Attentat zweier Offiziere der rechtsextremen
»Organisation Consul« zum Opfer fällt, verabschiedet der
Reichstag am 21. 7. das »Gesetz zum schutz der Republik«, das
Mordverschwörungen unter schwere Strafen stellt und das Ver-
bot extremistischer Organisationen ermöglicht. Bayern erkennt
dieses Gesetz nicht an; dort können sich rechtsextremistische
Organisationen wie die NSDAP frei entfalten.
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Mit dem »Marsch auf Rom« am 28. 10. greifen die Faschisten in
Italien nach der Macht. König Viktor Emanuel III. ernennt Mus-
solini am 30. 10. zum Ministerpräsidenten, der im November
vom Parlament unbeschränkte Vollmacht auf zwei Jahre erhält.
MeIleNsTeIN
1923 Französische soldaten rücken ins Revier ein
9. januar rückstände bei deutschen sachlieferungen nutzte
Frankreich zur Besetzung des ruhrgebiets, um im Versailler Ver
trag nicht durchgesetzte Ziele zu erreichen, nämlich die Zurück
drängung der deutschen Grenze an den rhein. am 9. 1. rückten
60 000 Franzosen und Belgier in das ruhrgebiet ein. im Lauf
des jahres wurde die Truppenstärke auf 100 000 erhöht. die
reichsregierung stellte sofort alle Zahlungen ein und rief zum
»passiven Widerstand« auf. die Besatzungsmächte reagierten da
rauf mit der ausweisung von Beamten der Zivil und Bahnverwal
tung und der totalen abriegelung des ruhrgebiets. die Hilfe für
die Bevölkerung kostete das reich im »ruhrkampf« unsummen,
ohne dass es einnahmen von dort hatte und zudem Kohle für das
übrige reichsgebiet im ausland kaufen musste. dadurch stürzte
das reich noch tiefer in die Wirtschaftskrise. die regierung stre
semann sah keinen anderen Weg als die Kapitulation und brach
den passiven Widerstand am 26. 9. ab.
Die Ende 1922 einsetzende Inflation beschleunigt sich rapide. Da
der Finanzbedarf des Reichs nur noch zu einem Siebtel aus Ein-
nahmen gedeckt werden kann, füllt die Notenpresse die Lücke.
Eine Goldmark von 1914 entspricht am 20. 7. 100 000 Reichs-
mark, am 16. 8. einer Million, am 2. 10. 100 Millionen, am 11. 10.
einer Milliarde, am 19. 10. zehn Milliarden Reichsmark. In Sachsen (10. 10.) und Thüringen (16. 10.) bilden sich Koalitio-
nen von sPD und KPD. Die SPD will auf parlamentarischer Basis
Arbeiterregierungen als Gegengewicht zu der von Bayern dro-
henden Gefahr von rechts bilden. Dagegen folgt die KPD der von
der Kommunistischen Internationale geforderten Taktik der
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1918–1933 208
einheitsfront und will vom mitteldeutschen Industriegebiet aus
die revolutionäre Bewegung ausbauen.
MeIleNsTeIN
1923 »Hier sendestelle Berlin, Voxhaus, Welle 400«
29. Oktober um 8 uhr abends sendete die radiostunde aG die
erste unterhaltungssendung aus Berlin. Zwischen märz und Okto
ber 1924 wurden neun weitere sender in verschiedenen Teilen
des reichs errichtet; die rundfunkgesellschaften wurden 1926
im dachverband reichsrundfunkGesellschaft zusammenge
fasst. der auftrag der reichsregierung an das neue medium war,
unpolitisch zu sein, zu unterhalten und zu belehren. so spielte
von anfang an neben musiksendungen die Literatur eine wichtige
rolle: im Oktober 1924 sendete Frankfurt am main das erste
Hörspiel. die reichsregierung verzichtete also darauf, durch Ver
breitung demokratischer ideen zur Festigung des staates beizu
tragen. ein Programmbeirat überwachte die einhaltung der re
geln. dagegen band die regierung Franz von Papen den rund
funk 1932 an die regierung an. diese reform sollte es den
nationalsozialisten ermöglichen, das wirkungsvolle massenme
dium unmittelbar nach adolf Hitlers ernennung zum Kanzler für
ihre Propaganda zu nutzen.
Am 29. 10. setzt die Reichsregierung die sächsische Regierung aus
SPD und KPD ab. Damit ist der von den Kommunisten geplante
»deutsche Oktober«, der von Sachsen und Thüringen aus das
Reich erfassen sollte, durch schnelles Handeln der Regierung,
die Reichswehrtruppen in Sachsen einrücken lässt, gescheitert.
Wegen der lascheren Haltung der Regierung gegenüber der
Rechten, z. B. in Bayern, verlässt die SPD am 3. 11. die Koalition.
MeIleNsTeIN
1923 Tote vor der Feldherrnhalle
9. november in den ersten novembertagen spitzte sich der
schwere Konflikt zwischen Bayern und dem reich zu. in rechten
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209 Deutschlands erste Demokratie
Kreisen in Bayern ging das Wort vom »marsch auf Berlin« um,
wobei Generalkommissar ritter Gustav von Kahr eher für sonder
rechte Bayerns eintrat, während die durch adolf Hitler vertretene
extreme rechte eine »nationale erhebung« anstrebte. am 8. 11.
hatte Kahr seine anhänger in den münchener Bürgerbräukeller
gerufen. in diese Versammlung stürmte Hitler mit bewaffneten
saLeuten, um die anwesenden auf seine seite zu zwingen. er
erklärte die reichsregierung für abgesetzt und rief sich im »Hit
lerputsch« zum Kanzler einer provisorischen regierung aus. Be
reits in der nacht setzten sich die Überrumpelten wieder ab. der
von Hitler und General erich Ludendorff angeführte demonstrati
onszug am 9. 11. wurde von der Polizei vor der Feldherrnhalle
mit Waffengewalt aufgehalten; dabei starben 14 demonstranten
und drei Polizisten. die Bevölkerung hatte sich nicht solidarisiert;
die »nationale revolution« war gescheitert.
Am 15. 11. beginnt die Mitte Oktober errichtete Deutsche Renten-
bank, die Rentenmark als neues Zahlungsmittel auszugeben.
Eine Billion Papiermark entspricht einer Rentenmark, ein US-
Dollar entspricht 4,20 Rentenmark. Die Rentenmark wird eine
stabile Währung, da sie wieder durch einen Gegenwert gedeckt
ist. Dieser besteht aus Rentenpapieren über Sachwerte, die durch
eine Hypothek von 3,2 Milliarden Rentenmark auf Grundbesitz
gesichert sind.
jahre relativer stabilität
1924 Vom 26. 2. bis zum 1. 4. findet in München der Hochverratsprozess
gegen die Beteiligten am Hitlerputsch statt. Die milde Prozess-
führung bietet Adolf Hitler ein einmaliges Podium für Propagan-
dareden. Er erhält fünf Jahre Festungshaft, was ihn für viele zu
einem nationalen Märtyrer macht. Während der Inhaftierung
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1918–1933 210
formuliert Hitler im ersten Band von »Mein Kampf« sein politi-
sches Programm. Bereits im Dezember 1924 vorzeitig entlassen,
kann er die orientierungslose NSDAP neu formieren.
MeIleNsTeIN
1924 Geld für den Wirtschaftsaufschwung
16. august die Zerrüttung der deutschen Wirtschaft, die Hyper
inflation und die dadurch bedingte Kapitalflucht hatten den sie
germächten deutlich gemacht, dass das reich die reparationen
nicht würde zahlen können. erst die Währungsreform im novem
ber 1923 erlaubte eine realistische Kalkulation der deutschen
Leistungsfähigkeit. auf dieser Grundlage erarbeitete eine Kom
mission unter Vorsitz des amerikanischen Bankiers Charles G.
dawes einen Plan, den alle Beteiligten am 16. 8. akzeptierten.
danach sollte das reich jährlich 2,42 milliarden Goldmark zah
len, voll zahlbar nach dem fünften jahr, um Zeit zur wirtschaftli
chen erholung zu geben. reichsbahn und reichsbank wurden
zur sicherung unter internationale Kontrolle gestellt, einnahmen
aus Zöllen und Verbrauchssteuern wurden verpfändet. die stren
gen Kontrollklauseln machten deutschland zu einem sicheren
anlegerland, weshalb wieder Kapital nach deutschland strömte,
das die Wirtschaft in Gang brachte.
Nach wochenlangen ergebnislosen Verhandlungen über die Re-
gierungsbildung wird der Reichstag vorzeitig aufgelöst. Die
Reichstagswahlen am 7. 12. bringen den radikalen rechten und
linken Parteien erhebliche Verluste, was auf die allmähliche Sta-
bilisierung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse
nach Überwindung des Krisenjahres 1923 zurückzuführen ist.
MeIleNsTeIN
1925 »Zum Handwerk zurück!«
märz Wegen zunehmender Probleme mit der rechten regierung
in Thüringen zog das 1919 in Weimar gegründete »Bauhaus« als
Hochschule für Gestaltung nach dessau um. sein direktor Walter
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211 Deutschlands erste Demokratie
Gropius hatte in seinem Programm geschrieben: »architekten,
Bildhauer, maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück.« die
Forderung der einheit von Kunst und Handwerk wurde durch ein
beziehung der Technik erweitert und somit der Weg zur industri
ellen Formgebung geöffnet. die Gegenstände des alltags sollten
einfachheit, Formstrenge, Funktionalismus und schönheit ver
binden. Für dessau, wohin das »Bauhaus« 1925 umsiedelte, ent
warf Gropius das »Bauhaus«Gebäude und »meisterhäuser« für
die Künstler, in denen er seine ideen von Wohnen und arbeiten
verwirklichte. nach dem Wahlsieg der nsdaP in dessau zog das
Bauhaus 1932 nach Berlin um und wurde 1933 zur auflösung
gezwungen. Von allen kulturellen Äußerungen der Weimarer re
publik ging vom Bauhaus die nachhaltigste internationale Wir
kung aus.
1925 Zum Nachfolger des am 26. 2. verstorbenen Reichspräsidenten
Ebert wird der erst für den zweiten Wahlgang am 26. 4. von den
Rechtsparteien wegen seiner Popularität als »Sieger von Tan-
nenberg« (1914) aufgestellte Generalfeldmarschall Paul von Hin-
denburg gewählt. Obwohl dieser sich bemüht, sein Amt gemäß
der Verfassung zu führen, ist seine Wahl eine Niederlage der de-
mokratischen Republik, da er wegen der labilen Mehrheiten im
Reichstag bei Regierungsbildungen seine politischen Präferen-
zen geltend machen kann.
Am 14. 7. beginnt die Räumung des Ruhrgebiets von der französi-
schen Besatzung (am 1. 8. abgeschlossen). Am 25. 8. werden
auch Düsseldorf, Ruhrort und Duisburg geräumt. Die bereits am
10. 1. fällige Räumung der ersten Rheinlandzone (Köln) wird
weiter verschoben, weil Frankreich die Sicherheitsfrage noch
nicht gelöst sieht.
Buch.indb 211 09.06.2009 18:31:32 Uhr
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MeIleNsTeIN
1925 Deutschlands Rückkehr auf die europäische Bühne
5.–16. Oktober Wesentlich auf außenminister Gustav strese
manns initiative ging die Konferenz der führenden europäischen
staatsmänner in Locarno zurück. Grundlage des erfolgs war stre
semanns gutes Verhältnis zum französischen außenminister aris
tide Briand, der ebenfalls eine Verständigung mit dem »erbfeind«
herbeiführen wollte. deutschland garantierte die unverletzlich
keit der Westgrenze und bestätigte die im Versailler Vertrag fest
gelegte entmilitarisierung des rheinlands, war jedoch nicht zu
einer entsprechenden Garantie der Ostgrenze bereit. dagegen
schloss es mit der Tschechoslowakei und Polen schiedsverträge,
die gewaltsame Grenzveränderungen ausschlossen. die Verträge
von Locarno wurden am 1. 12. in London unterzeichnet. sie lös
ten deutschland aus seiner politischen und moralischen isolie
rung. auf der Konferenz war deutschland zum ersten mal seit
dem Krieg als gleichberechtigter Partner behandelt worden.
1926 Am 24. 4. wird der deutsch-sowjetische Freundschaftsvertrag ge-
schlossen. Dieser »Berliner Vertrag« garantiert die Neutralität
eines Partners, wenn einer der beiden von dritten Mächten an-
gegriffen wird. Der Vertrag zerstreut sowjetische Befürchtungen
nach den Locarnoverträgen und erschwert die Situation Polens,
dem sein Bündnis mit Frankreich nur noch nützt, falls im Kon-
fliktfall Deutschland der Angreifer ist.
In Polen errichtet Józef Piłsudski durch einen Staatstreich am
12. 5. ein autoritäres Regierungssystem.
Als Folge der Locarnoverträge wird Deutschland am 8. 9. in den
Völkerbund aufgenommen. Stresemanns erster Auftritt in der
Völkerbundversammlung am 10. 9. wird mit starkem Beifall be-
grüßt. Die internationale Presse würdigt seine Rede als überzeu-
genden Ausdruck des deutschen Friedens- und Verständigungs-
willens.
Die Londoner Konferenz vom 19. 10. bis 18. 11. gestaltet das Briti-
sche Reich zum Commonwealth of Nations um: Großbritannien
Buch.indb 212 09.06.2009 18:31:32 Uhr
213 Deutschlands erste Demokratie
und die Dominions (Kanada, Neufundland, Australischer Bund,
Neuseeland und der Irische Freistaat) werden autonome und
gleichberechtigte Gemeinschaften innerhalb des Britischen Rei-
ches, die durch gemeinsame Treue gegenüber der Krone geeint
sind.
M E I L E N S T E I N
1926 Friedensnobelpreis für Gustav Stresemann
10. Dezember In seiner nur 100 Tage dauernden Amtszeit als Reichskanzler legte Stresemann mit dem Abbruch des passiven
Widerstands im Ruhrkampf 1923 den Grund für eine Politik der
Verständigung mit den Siegermächten. Von 1923 bis zu seinem
Tod Außenminister, bemühte er sich um eine behutsame Revi-
sion des Versailler Vertrages. Die Aussöhnung mit Frankreich war
sein vorrangiges Ziel. Hilfreich war das freundschaftliche Verhält-
nis, das er zu seinem französischen Kollegen Aristide Briand ent-
wickelte. Seine Politik erreichte über den Dawesplan mit den Lo-
carnoverträgen und Deutschlands Eintritt in den Völkerbund ih-
ren Höhepunkt. Gegenüber der UdSSR setzte er die Politik der
Neutralität fort. Er arbeitete unermüdlich dafür, dass das Aus-
land wieder Vertrauen zur deutschen Politik fasste, und war einer
der wenigen Politiker seiner Zeit, die europäisch dachten. Ge-
meinsam mit Briand wurde er dafür mit dem Friedensnobelpreis
ausgezeichnet.
1927 Am 10. 1. wird Fritz Langs Film »Metropolis« in Berlin uraufge-
führt, zahlreiche Uraufführungen folgen in diesem Jahr. Deutsch-
land produziert mehr Filme als alle anderen Länder Europas zu-
sammen. Nach Schätzungen gehen in Deutschland täglich zwei
Millionen Menschen ins Kino. Berlin ist die vielfältigste Zei-
tungsstadt der Welt, die Stadt der Großverlage, Theater, Kon-
zertsäle und des politischen Kabaretts. Es ist in den »Goldenen Zwanzigerjahren« mit seinem pulsierenden geistigen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben zur europäischen Kulturmetropole
aufgestiegen.
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In China zerbricht das Bündnis der nationalistischen Kuo-min-
tang mit den Kommunisten. Nach der Einnahme Schanghais
löst Tschiang Kai-schek, Führer der Kuo-min-tang, am 12. 4.
mithilfe von örtlichen Banden das Massaker von schanghai aus,
dem Tausende Kommunisten zum Opfer fallen. Die Kommunis-
ten verlieren ihre wichtigste Basis. Tschiang Kai-schek bildet
eine Nationalregierung in Nanking und verfolgt fortan einen
scharfen antikommunistischen Kurs.
Am 16. 7. wird die Arbeitslosenversicherung eingeführt und als
Träger die »Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslo-
senversicherung« gegründet. Die Pflichtversicherten haben jetzt
bei unverschuldeter Arbeitslosigkeit einen Rechtsanspruch auf
Unterstützung. Die Beiträge dürfen 3 % des Lohns nicht über-
schreiten und werden je zur Hälfte von Arbeitgebern und Pflicht-
versicherten entrichtet.
Vom 2. 12. bis 19. 12. findet in der UdSSR der XV. Parteitag der
KPdSU statt. Stalin setzt die ersten »säuberungen« durch: Leo
Trotzki, Grigori Sinowjew und über 70 Personen, die sich für die
Freiheit der Meinungsäußerung einsetzen, werden aus der Par-
tei ausgeschlossen. Trotzki wird 1929 ausgewiesen, nach Aber-
kennung der Staatsbürgerschaft 1932 vom sowjetischen Ge-
heimdienst verfolgt und 1940 in Mexiko ermordet. 1928 Am 15. 2. zerbricht die bürgerliche Koalitionsregierung am Kon-
flikt um die Schulfrage. Nach einem vom Zentrum vorgelegten
Gesetzentwurf sollten auch in den Ländern, die Gemeinschafts-
schulen hatten, Bekenntnisschulen zugelassen werden. Dies
lehnt die DVP (Deutsche Volkspartei) ab; das Zentrum erklärt
darauf die Koalition für aufgelöst.
Aus der Reichstagswahl am 20. 5. gehen SPD mit 29,8 % der Stim-
men und KPD mit 14,2 % gestärkt hervor, während die bürgerli-
che Mitte und die Rechte verlieren. Die Gewinne mehrerer klei-
ner Splitterparteien zeigen die nachlassende Bindekraft der Mit-
telparteien. Erstmals seit 1923 ist die SPD wieder bereit, sich an
Buch.indb 214 09.06.2009 18:31:32 Uhr
215 Deutschlands erste Demokratie
der Regierungsbildung zu beteiligen. Hermann Müller (SPD) wird
Kanzler einer Großen Koalition.
Am 27. 8. unterzeichnen 15 Nationen, darunter Deutschland, ei-
nen von dem amerikanischen Außenminister Frank B. Kellogg
angeregten und von seinem französischen Kollegen Aristide Bri-
and unterstützten Kriegsächtungspakt, den Briand-Kellogg-
Pakt, dem bis Ende 1929 54 Staaten beitreten. Die Unterzeichner
verzichten auf den Krieg als Mittel nationaler Politik; Streitfälle
sollen auf friedlichem Weg beigelegt werden.
1929 Am 31. 1. erscheint der antimilitaristische Kriegsroman »Im Wes-
ten nichts Neues« von Erich Maria Remarque, der die Ereignisse
an der Westfront aus der Sicht eines jungen Kriegsfreiwilligen
schildert. Nach Vorabdruck in der Vossischen Zeitung ist die
erste Auflage bereits vor Erscheinen vergriffen. Noch 1929 er-
scheinen Übersetzungen in 26 Sprachen, 1930 wird der Roman
in den USA verfilmt. 1933 werden Remarques Bücher in Deutsch-
land verboten.
Am 11. 2. beginnt in Paris unter Vorsitz des amerikanischen Wirt-
schaftsfachmanns Owen D. Young eine Konferenz zur Neurege-
lung der deutschen Reparationen. Anders als im Dawesplan wird
eine Endsumme (112 Milliarden Reichsmark) und eine Laufzeit
von 59 Jahren festgelegt; in den ersten drei Jahren muss Deutsch-
land 1,7 Milliarden weniger zahlen als nach dem Dawesplan, au-
ßerdem fallen die internationalen Kontrollen fort. Auf der Haager
Konferenz (6.–31.8.) wird der Youngplan angenommen. Mit der
Annahme des Plans erreicht Stresemann, dass die Alliierten die
vollständige Räumung des Rheinlands bis 30. 6. 1930 zusichern,
fünf Jahre vor dem im Versailler Vertrag vorgesehenen Termin. Gegen den Youngplan bildet der Führer der DNVP (Deutschnati-
onale Volkspartei) Alfred Hugenberg am 9. 7. mit dem »Stahl-
helm, Bund der Frontsoldaten« einen »Reichsausschuss für das
deutsche Volksbegehren«, dem sich die NSDAP sofort anschließt.
Das Volksbegehren scheitert am 22. 12., doch die Mitarbeit im
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»Reichsausschuss« bietet Adolf Hitler zum ersten Mal seit 1923
wieder eine öffentliche Plattform.
Am 5. 9. legt Aristide Briand der Völkerbundsversammlung einen
Plan für die Vereinigung europas vor. Briand erhält den Auftrag,
genauere Vorschläge für seine Idee einer Föderation zu entwi-
ckeln. Stresemann unterstützt in seiner letzten Rede vor dem
Völkerbund am 9. 9. den Europagedanken und hebt vor allem
die wirtschaftlichen Vorteile hervor.
MeIleNsTeIN
1929 Die spekulationsblase platzt
25. Oktober jahre des aufschwungs hatten in den usa immer
größere Bevölkerungskreise dazu verleitet, sich am Börsenspiel
zu beteiligen. Ohne dass ein besonderes politisches ereignis
Ängste geschürt hätte, häuften sich am 24. 10., einem donners
tag, die Verkäufe an der new Yorker Börse, was die Kurse abstür
zen ließ. Trotz relativ normaler Geschäfte prägte sich jedoch der
25. 10. als »schwarzer Freitag« ins Gedächtnis ein. am diens
tag, dem 29. 10., folgte ein noch stärkerer Kurssturz. Wegen der
engen Verflechtungen der Volkswirtschaften löste der Börsen
krach eine weltweite Wirtschaftskrise aus. deutschland wurde be
sonders hart getroffen, da sich der wirtschaftliche aufbau stark
auf kurzfristige auslandskredite stützte, die nun abgezogen wur
den. die arbeitslosenzahlen stiegen bis januar 1932 auf sechs
millionen; jeder dritte arbeitnehmer war arbeitslos. auch nicht
direkt Betroffene wurden von der Katastrophenstimmung erfasst,
die rechte und linke Gegner der republik zur agitation gegen das
system nutzten. Besonders die nsdaP profitierte von der Krise
und legte bei den folgenden Wahlen kräftig zu.
In Österreich verabschiedet der Nationalrat am 7. 12. eine Verfas-
sungsänderung, die eine Machtverschiebung vom Parlament
zum Bundespräsidenten enthält. Dieser ernennt und entlässt
die Regierung und kann den Nationalrat auflösen. Außerdem
wird seine Direktwahl eingeführt.
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217 Deutschlands erste Demokratie
die aushöhlung der demokratie
1930 Am 23. 1. wird Wilhelm Frick Staatsminister für Inneres und Volks-
bildung in Thüringen. Damit besetzt die NSDAP erstmals ein Mi-
nisteramt. Der Personalabbau im Zug einer Verwaltungsreform
trifft vor allem sozialdemokratische Beamte, während bei der Po-
lizei bevorzugt Mitglieder der NSDAP eingestellt werden. In Indien beginnt »Mahatma« Gandhi am 12. 3. im Rahmen seiner
Kampagne des »zivilen Ungehorsams« den »Salzmarsch«: Mit
seinen Anhängern marschiert er in 24 Tagen über 385 km zum
Meer, wo er mit dem symbolischen Aufsammeln von Salzkör-
nern gegen das britische Salzmonopol protestiert. Die Aktion ist
ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Unabhängigkeit Indiens. Am 27. 3. tritt die Regierung Hermann Müller (SPD) zurück, nach-
dem die Große Koalition keinen Kompromiss über die Erhö-
hung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung erzielen konnte.
Hindenburg beauftragt am 28. 3. Heinrich Brüning (Zentrum)
mit der Regierungsbildung. In dem vom Vertrauen Hindenburgs
abhängigen ersten Präsidialkabinett stellen die bürgerlichen Par-
teien die Minister, doch besteht die Absicht einer Erweiterung
nach rechts. In seiner Regierungserklärung macht Brüning deut-
lich, notfalls auch gegen das Parlament zu arbeiten.
MeIleNsTeIN
1930 Notverordnungen entmachten das Parlament
16. juli Heinrich Brünings Finanzprogramm, das stärkere Be
steuerung höherer einkommen und Kürzung der Löhne und Ge
hälter im öffentlichen dienst vorsah, wurde von einer reichstags
mehrheit abgelehnt. darauf setzte der reichskanzler seine Vor
lage aufgrund des artikels 48 (2) der Verfassung mit einer
notverordnung in Kraft. auch Gustav stresemann und Wilhelm
marx hatten sich vom reichstag notverordnungen bewilligen las
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sen. neu war, dass ein abgelehnter Gesetzesentwurf in eine not
verordnung umgewandelt und der reichstag, als er sein verfas
sungsmäßiges recht nach artikel 48 (3) in anspruch nahm und
die außerkraftsetzung der maßnahme verlangte, am 18. 7. mit
seiner auflösung »bestraft« wurde. Gestützt durch Hindenburg,
regierte Brüning fortan mit zahlreichen notverordnungen. das
Parlament war aus dem politischen entscheidungsprozess hinaus
gedrängt worden und die macht lag nun bei einem kleinen Perso
nenkreis, der einfluss auf den greisen reichspräsidenten besaß.
Die Reichstagswahl am 14. 9. bringt einen Erdrutschsieg für die
NSDAP, die ihre Stimmenzahl von 800 000 auf 6,4 Millionen stei-
gert und mit 107 (statt 12) Abgeordneten zweitstärkste Fraktion
nach der SPD mit 143 Sitzen (statt 153) wird. Auch die KPD legt
zu (77 Sitze statt 54). Diese Wahl bringt den Durchbruch für die
NsDAP, die jetzt eine Größe in der deutschen Politik ist, mit der
man rechnen muss.
Am 6. 10. spricht Brüning mit Hitler und Frick, um die NSDAP für
eine »konstruktive Opposition« zu gewinnen und verspricht so-
gar, in allen Länderparlamenten, wo es rechnerisch möglich ist,
für Koalitionsregierungen aus NSDAP und Zentrum zu sorgen.
Die NSDAP lehnt ab. Die Regierung Brüning kann sich dennoch
halten, weil die SPD sie fortan toleriert: Sie lehnt Anträge von
NSDAP, DNVP und KPD zur Aufhebung von Notverordnungen
ab, sodass die Gesetzgebung weiter auf diesem Weg erfolgen
kann. Der Grund für den Tolerierungskurs der sPD ist die Lage in
Preußen; bei einem Sturz Brünings würde das Zentrum die preu-
ßische Koalition mit der SPD verlassen und diese ihre letzte
Machtbasis im Reich verlieren.
1931 Am 20. 3. veröffentlicht die Reichsregierung den Entwurf zu einer
deutsch-österreichischen Zollunion. Nach deutscher Auffassung
verstößt das Projekt nicht gegen das Anschlussverbot des Ver-
sailler Vertrags, da beide Staaten ihre Souveränität behalten und
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219 Deutschlands erste Demokratie
anderen Staaten der Beitritt möglich ist. Der Plan stößt jedoch
sofort auf heftigen Widerstand aus Frankreich und wird im Au-
gust aufgegeben.
Nach großen Erfolgen der Republikaner bei den spanischen Ge-
meindewahlen am 13. 4. wird die Republik ausgerufen. König Al-
fons XIII. verlässt das Land. Die Zweite spanische Republik gibt
sich eine liberal-fortschrittliche Verfassung in einer Zeit, in der
v. a. in Ostmitteleuropa und Südosteuropa eine Tendenz zu au-
toritären Regimen herrscht.
Der Zusammenbruch der Österreichischen Credit-Anstalt am 11. 5.
ist ein Alarmsignal in ganz Europa. Der amerikanische Präsident
Herbert C. Hoover schlägt am 20. 6. ein allgemeines internationa-
les Schuldenfeierjahr vor. Das Hoovermoratorium sieht vor, dass
die Rückzahlung der Kriegsschulden, die Großbritannien, Frank-
reich und ihre Verbündeten in den USA haben, sowie die deut-
schen Reparationszahlungen für ein Jahr ausgesetzt werden.
Frankreich, das seine Schulden mit den deutschen Reparationen
abzahlt, widersetzt sich, wird aber durch die amerikanische Dro-
hung mit einem Alleingang der USA zum Einlenken gezwungen,
sodass das Moratorium am 6. 7. verkündet werden kann. Am 13. 7. muss die Darmstädter und Nationalbank, die zweit-
größte deutsche Bank, die Zahlungen einstellen. Darauf werden
die Schalter sämtlicher deutscher Banken für zwei Tage ge-
schlossen, danach können die Bankkunden nur eingeschränkt
über ihre Guthaben verfügen. Trotz des Haushaltsdefizits stellt
das Reich eine Milliarde Reichsmark zur Stützung der Banken
bereit. Die Bankenkrise hält dennoch bis ins Frühjahr 1932 an. Für den 11. 10. hat Alfred Hugenberg, der Führer der DNVP, die
»nationale Opposition« nach Bad Harzburg zu einer Großkund-
gebung eingeladen. Zur »Harzburger Front« gehören DNVP,
NSDAP, Stahlhelm u. a., die sich allerdings nur in ihrer Ableh-
nung der Regierung Brüning einig sind. Als Reaktion darauf
gründen der sozialdemokratisch geprägte Wehrverband Reichs-
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banner Schwarz-Rot-Gold, Gewerkschaften und Arbeitersport-
verbände am 16. 12. die »eiserne Front«. 1932 Am 2. 2. beginnt die Genfer Abrüstungskonferenz, die sich u. a. mit
der militärischen Gleichberechtigung Deutschlands befasst.
Diese wird in der Viermächteerklärung am 11. 12. anerkannt.
Die Konferenz scheitert schließlich v. a. an der Frage der Sicher-
heitsgarantien für die abrüstenden Staaten.
Im ersten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl am 13. 3. verfehlt
Hindenburg mit 49,6 % der Stimmen die absolute Mehrheit; für
Hitler stimmen 30,1 %. Hindenburg hatte zuvor im Rundfunk er-
klärt, er kandidiere, damit nicht ein »Parteimann, Vertreter ein-
seitiger und extremer Anschauungen« gewählt werde. So hatte
auch die SPD zu seiner Wahl aufgerufen. Der zweite Wahlgang
am 10. 4. wird zur Volksabstimmung für oder gegen Hitler. Hin-
denburg erhält 53 % der Stimmen, Hitler 36,8 %. Mit dem Ergebnis der Präsidentenwahl im Rücken setzt Reichs-
wehrminister Groener am 13. 4. das Verbot von sA und ss durch,
der Kampfverbände der NSDAP, die inzwischen rund 500 000
Mann stark sind.
Bei den landtagswahlen am 24. 4. in Preußen, Bayern, Württem-
berg, Hamburg und Anhalt gewinnt die NSDAP stark hinzu,
ebenso in Oldenburg (25.5.), Mecklenburg-Schwerin (5.6.), Hes-
sen (19.6.) und Thüringen (31.7.) und stellt danach die Minister-
präsidenten in Anhalt, Oldenburg, Mecklenburg-Schwerin und
Thüringen.
In Österreich bildet engelbert Dollfuß am 20. 5. eine konservative
Regierungskoalition. In enger Anlehnung an das faschistische
Italien bekämpft er den Anschluss Österreichs an Deutschland.
Seine Regierung nimmt zunehmend autoritäre Züge an. Am 29. 5. entlässt Hindenburg Brüning; Franz von Papen bildet
ein Präsidialkabinett fast ausschließlich aus parteilosen Minis-
tern, das »Kabinett der Barone«. Hinter diesen Vorgängen steht
Kurt von Schleicher, seit Juni Reichswehrminister, der mit Hitler
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221 Deutschlands erste Demokratie
eine Abmachung getroffen hat: Für dessen Duldung des Kabi-
netts soll das Verbot der SA vom 13. 4. aufgehoben und der
Reichstag aufgelöst werden.
Vom 16. 6. bis 9. 7. tagt die Konferenz von lausanne. Deutschland
wird nach einer auf drei Milliarden Reichsmark festgesetzten
symbolischen Abschlusszahlung, die jedoch nie geleistet wird,
von weiteren Reparationen befreit.
Im zu Preußen gehörenden Altona bei Hamburg kommt es am
17. 7. zu einer Schießerei zwischen Nationalsozialisten, Kommu-
nisten und Polizei, die 18 Tote und 285 Verletzte fordert. Der
»Altonaer Blutsonntag« gilt als blutiger Höhepunkt der insbe-
sondere vor Reichstagswahlen mit roher Gewalt ausgetragenen
Auseinandersetzungen der politischen Lager, die sich in aller Öf-
fentlichkeit in Aufmärschen, Überfällen und Saalschlachten ma-
nifestieren.
MeIleNsTeIN
1932 Das letzte demokratische Bollwerk fällt
20. juli aus der Landtagswahl in Preußen am 24. 4. war die
nsdaP als stärkste Partei hervorgegangen; die Koalitionsregie
rung Otto Braun (sPd) hatte keine parlamentarische mehrheit
mehr, blieb aber geschäftsführend im amt, da keine andere Koa
lition zustande kam. im einvernehmen mit Hindenburg und
reichswehrminister Kurt von schleicher setzte reichskanzler
Franz von Papen am 20. 7. die regierung Braun sowie den Berli
ner Polizeipräsidenten und den Kommandanten der schutzpolizei
in einem staatsstreichartigen manöver ab (»Preußenschlag«) und
übernahm des amt des reichskommissars. an Widerstand war
kaum zu denken, da bei der hohen arbeitslosigkeit wenig Bereit
schaft zu einem Generalstreik bestand und ein einsatz der preu
ßischen Polizei verantwortungslos erschien, weil die reichswehr
zu militärischem Vorgehen bereit war. die Kontrolle des reichs
über die »letzte Bastion« der sPd und v. a. über die preußische
Polizei erleichterte Hitler nach seiner machtübernahme die er
richtung seines regimes.
Buch.indb 221 09.06.2009 18:31:35 Uhr
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Bei der Reichstagswahl am 31. 7. wird die NsDAP stärkste Partei
(37,3 %); die SPD erhält 21,6 %, die KPD 14,3 %. Hitler will nun die
Regierung Papen nicht mehr tolerieren. Seinen Anspruch auf die
Bildung einer neuen Regierung lehnt Schleicher ab; auch Hin-
denburg weist am 13. 8. Hitlers Forderung zurück. Die NSDAP
schlägt daraufhin einen Konfrontationskurs gegen Papen ein.
Nach einem Misstrauensvotum gegen Papen wird der Reichstag
am 12. 9. erneut aufgelöst. Bei der Wahl am 6. 11. verliert die
NSDAP rund zwei Millionen Stimmen, bleibt aber mit 33,1 %
stärkste Partei
Am 8. 11. wird der Demokrat Franklin D. Roosevelt mit großer
Mehrheit zum Präsidenten der USA gewählt (Amtsantritt 4. 3.
1933). Sein Programm des New Deal sieht einschneidende Refor-
men zur Sanierung der Wirtschaft vor.
Am 2. 12. entlässt Hindenburg Papen und ernennt Kurt von schlei-
cher zum Reichskanzler. Zum Kampf gegen die Arbeitslosigkeit
versucht Schleicher, für ein umfangreiches Arbeitsbeschaffungs-
programm eine breite Basis im Reichstag zu gewinnen. Als dies
misslingt, will er über die Ausrufung des Staatsnotstands den
Reichstag auflösen und Neuwahlen auf unbestimmte Zeit ver-
schieben. Hindenburg lehnt dies am 23. 1. 1933 ab. Der Weg Hit-
lers ins Kanzleramt ist vorgezeichnet, als Hindenburg im Ja-
nuar – der 85-Jährige steht unter dem Eindruck von hochkon-
servativen Kreisen um seinen Sohn Oskar, von Papens
»Zähmungskonzept« und von Invektiven aus Unternehmer-
und Großgrundbesitzerkreisen – seinen Widerstand gegen die
Ernennung des »böhmischen Gefreiten« zum Reichskanzler auf-
gibt. Die »Republik ohne Demokraten« ist endgültig gescheitert.
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