Duden Deutsche Geschichte, Was jeder wissen muss

Alexander Emmerich · Kapitel 7 von 10

PDF-Seiten

Duden Deutsche Geschichte, Was jeder wissen muss

Weimarer Republik

1918 Deutschlands erste Demokratie Weimarer Republik

1918–1933

 

Die erste liberale Demokra-

tie in Deutschland schei-

terte an der unterlassenen

Demokratisierung von

Justiz, Beamtenschaft und

Heer, der verbreiteten

 

Buch.indb 201 1933 Geringschätzung des Parlamentarismus und der Wirtschaftskrise. 09.06.2009 18:31:28 Uhr

1918–1933 202

 

die junge republik in der Krise

 

1918 Nach der Übergabe des Reichskanzleramtes an den Sozialdemo-

kraten Friedrich Ebert und der Ausrufung der Republik am 9. 11.

bildet dieser am 10. 11. mit der USPD (Unabhängige Sozialdemo-

kratische Partei Deutschlands) den Rat der Volksbeauftragten.

Der Beruhigung der inneren Entwicklung dienen am 10. 11. ein

Pakt mit der Obersten Heeresleitung, die ihre Loyalität gegen-

über der neuen Regierung erklärt (»Ebert-Groener-Pakt«), und

am 15. 11. ein Abkommen zwischen Unternehmerverbänden

und Gewerkschaften (»Stinnes-Legien-Abkommen«). Am 29. 11. verabschiedet der Rat der Volksbeauftragten ein Ge-

setz über die Wahlen zur verfassunggebenden Nationalver-

sammlung. Vom 16. bis 20. 12. tagt in Berlin der Allgemeine

Deutsche Rätekongress; er bestimmt als Wahltermin den 19. 1.

1919 und lehnt mit großer Mehrheit das Rätesystem als Grund-

lage der Verfassung ab. Die Vertreter der USPD verlassen am

28. 12. den Rat der Volksbeauftragten.

1919 Am 1. 1. hält die KPD in Berlin ihren Gründungsparteitag ab. Am

5. 1. lösen Linksradikale den spartakusaufstand aus; Bewaffnete

besetzen Zeitungsgebäude, bilden einen Revolutionsausschuss

und erklären die Regierung für abgesetzt. Die Regierung schlägt

den Aufstand bis zum 11. 1. nieder. Die Parteiführer Rosa lu-

xemburg und Karl liebknecht werden am 15. 1. ermordet. Bei den Wahlen am 19. 1., zu denen erstmals in der deutschen Ge-

schichte auch Frauen zugelassen sind, wird die SPD mit 37,9 %

der Stimmen stärkste Partei, die Mehrheit gewinnen jedoch die

bürgerlichen Parteien. In der am 6. 2. in Weimar eröffneten Nati-

onalversammlung bildet die SPD mit Zentrum und DDP (Deut-

sche Demokratische Partei) die »Weimarer Koalition«; für die

Verfassung bedeutet dies, dass sie auf der Grundlage eines Kom-

promisses zwischen sozialdemokratischen und bürgerlich-libe-

 

Buch.indb 202 09.06.2009 18:31:29 Uhr

203 Deutschlands erste Demokratie

 

ralen Ideen entsteht. Friedrich Ebert wird am 11. 2. zum ersten

demokratisch legitimierten Staatsoberhaupt Deutschlands ge-

wählt. Am 13. 2. bilden SPD, DDP und Zentrum unter Reichs-

kanzler Philipp Scheidemann (SPD), der schon am 21. 6. durch

Gustav Bauer (SPD) abgelöst wird, die erste demokratisch legiti-

mierte Regierung Deutschlands.

Das Frühjahr ist bestimmt von Streiks und Unruhen in vielen Tei-

len des Reichs, die von USPD und KPD angeführt werden. In

Bayern wird am 21. 2. der Ministerpräsident der Revolutionsre-

gierung Kurt eisner von einem Nationalisten ermordet. In den

folgenden Unruhen wird am 7. 4. die Räterepublik ausgerufen,

die mit der Besetzung Münchens durch Reichstruppen am 2. 5.

zusammenbricht. Damit ist die Revolution 1918/19 im Reich be-

endet.

MeIleNsTeIN

1919 Die sieger diktieren den Frieden

28. juni im spiegelsaal des Versailler schlosses unterzeichne

ten die Vertreter der siegermächte und der Weimarer republik

den ohne deutsche mitwirkung ausgehandelten Vertrag, der den

ersten Weltkrieg beendete. Trotz schwerer Bedenken unter

schrieb die deutsche seite, nachdem ein ultimatum militärische

aktionen angedroht hatte. deutschland verlor durch den Versail

ler Vertrag – außer seinen Kolonien – 70 579 km2 mit 7,3 millio

nen einwohnern und wurde zur Wiedergutmachung der Kriegs

schäden verpflichtet. die linksrheinischen Gebiete sowie drei

Brückenköpfe wurden besetzt. Vergiftet wurde die atmosphäre

vor allem durch artikel 231, der deutschland und seinen Verbün

deten die alleinschuld am Krieg anlastete. das Hauptziel deut

scher außenpolitik war fortan die revision des Vertrags. die

meisten deutschen lehnten das »diktat von Versailles« ab. die

nationalsozialistische Propaganda nutzte diese stimmung. sie

hetzte gegen das »system von Versailles« und setzte diese Parole

im Kampf gegen den demokratischen Verfassungsstaat ein.

 

Buch.indb 203 09.06.2009 18:31:29 Uhr

1918–1933 204

Am 28. 6. unterzeichnet die Vollversammlung der Versailler Frie-

denskonferenz die am 28. 4. angenommene Satzung des Völker-

bunds, die Bestandteil des Versailler Vertrags wird. Die besieg-

ten Staaten bleiben vorerst ausgeschlossen.

MeIleNsTeIN

1919 Demokratische Verfassung in liberalem Geist

11. august nach halbjährigen debatten der – wegen der in Ber

lin herrschenden unruhen – in Weimar tagenden nationalver

sammlung unterzeichnete reichspräsident Friedrich ebert am

11. 8. die »Weimarer Verfassung«. sie konstituierte das deut

sche reich als parlamentarische demokratie. Zentrales Organ der

reichsgewalt wurde der reichstag, der die Gesetzgebung inne

hatte und die von seinem Vertrauen abhängige regierung kontrol

lierte. eingeschränkt wurde seine machtfülle durch die starke

stellung des auf sieben jahre direkt gewählten reichspräsiden

ten, der die regierung ernannte und entließ und den reichstag

auflösen konnte. Über den Weg des Volksentscheids konnte er in

die Gesetzgebung eingreifen und mithilfe des artikels 48 (»aus

nahmezustand«) über das Parlament hinweg durch »notverord

nungen« regieren. Zum ersten mal in deutschland hatten nach

der Verfassung alle männer und Frauen dieselben staatsbürgerli

chen rechte und Pflichten; alle Vorrechte durch Geburt oder

stand waren aufgehoben.

 

Am 10. 9. unterzeichnen die Alliierten und Österreich in Saint-

Germain-en-Laye den Friedensvertrag, in dem Österreich die

Unabhängigkeit Ungarns, der Tschechoslowakei, Polens und Ju-

goslawiens anerkennen und Südtirol bis zum Brenner, Triest, Is-

trien und Gebiete von Kärnten und Krain abtreten muss. Die

weiteren Vorortverträge folgen in Neuilly mit Bulgarien (27. 11.),

in Trianon mit Ungarn (4. 6. 1920) und in Sèvres mit der Türkei

(10. 8. 1920). Damit ist der Erste Weltkrieg formal beendet. 1920 Der Versailler Vertrag tritt am 10. 1. in Kraft. Gleichzeitig nimmt

der Völkerbund in Genf seine Tätigkeit auf. Nach der Ablehnung

 

Buch.indb 204 09.06.2009 18:31:29 Uhr

205 Deutschlands erste Demokratie

 

des Versailler Vertrags und der anderen Vorortverträge durch

den Senat bleiben die USA dem Völkerbund fern. Im Frühjahr radikalisiert sich die politische Meinung in Deutsch-

land nach rechts und links. Am 13. 3. versuchen rechtsradikale

Politiker um Wolfgang Kapp (Vaterlandspartei) und unzufrie-

dene Militärs um General Walther von Lüttwitz einen Umsturz.

Die Marinebrigade Ehrhardt und andere Formationen unter

Lüttwitz besetzen das Berliner Regierungsviertel und proklamie-

ren Kapp zum Kanzler. Die Regierung weicht nach Stuttgart aus.

Doch ein Generalstreik und Befehlsverweigerung der Bürokratie

in Berlin lassen den Kapp-lüttwitz-Putsch am 17. 3. scheitern. Bei der Reichstagswahl am 6. 6. verlieren die Parteien der Mitte,

denen die Opposition die »erfüllungspolitik«, d. h. Erfüllung der

Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag, vorwirft. Rechte

und Linke erstarken. Auf Hermann Müller (SPD) folgt am 25. 6.

mit Constantin Fehrenbach (Zentrum) der erste nicht von der

SPD gestellte Reichskanzler der Weimarer Republik. In der Folge

wechseln häufig die Regierungen, was sich ungünstig auf die

ohnehin schwierige Außenpolitik auswirkt; als Reichskanzler

der vom bürgerlich-konservativen Lager geführten Kabinette

amtieren nach Fehrenbach (1920/1921) Josef Wirth (Zentrum,

1921/1922), Wilhelm Cuno (parteilos, 1922/1923), Gustav Stre-

semann (DVP, 1923), Wilhelm Marx (Zentrum, 1923/1924 und

1926–1928) und Hans Luther (parteilos, 1925/1926). 1921 Die Pariser Konferenz vom 24. bis 29. 1. setzt die Reparationen auf

226 Milliarden Goldmark fest, zu zahlen in 42 Jahreszahlungen,

die Raten steigend von zwei auf sechs Milliarden. Am 3. 3. setzt

eine Gläubigerkonferenz in London der deutschen Regierung

eine Frist von vier Tagen zur Annahme. Deutsche Gegenange-

bote werden abgelehnt, als Sanktion werden am 8. 3. Düsseldorf,

Ruhrort und Duisburg besetzt. Eine Kommission errechnet als

neue Summe 132 Milliarden, die nach neuerlichen Androhun-

gen von Sanktionen angenommen wird.

 

Buch.indb 205 09.06.2009 18:31:30 Uhr

1918–1933 206

In Verkennung ihrer Stärke nach dem Anschluss des linken Flü-

gels der USPD löst die KPD am 20. 3. im mitteldeutschen Indus-

triegebiet um Halle und Merseburg einen Aufstand gegen die

parlamentarische Republik aus (»Märzaktion«), der von der

preußischen Polizei in teilweise erbitterten Kämpfen unter-

drückt wird.

Am 20. 3. findet in Oberschlesien die im Versailler Vertrag vorge-

sehene Volksabstimmung statt. 60 % stimmen für den Verbleib

bei Deutschland, 40 % für den Anschluss an Polen. Im Mai lösen

die Polen einen Aufstand aus. Trotz Erfolgen der deutschen Frei-

korps muss sich Deutschland dem Entscheid des Völkerbundra-

tes am 20. 10. beugen. Oberschlesien wird so geteilt, dass Polen

fast das ganze Industriegebiet erhält.

Am 24. 8. schließen die USA einen separatfrieden mit Deutsch-

land, am 25. 8. mit Österreich.

1922 Am 3. 4. übernimmt stalin das neu geschaffene Amt des General-

sekretärs der KPdSU. Er beginnt, seine Macht gewaltsam auszu-

bauen und die Grundlagen für seine Diktatur zu schaffen. Am Rand der Weltwirtschaftskonferenz in Genua schließen

Deutschland und die russische Sowjetrepublik am 16. 4. den Ver-

trag von Rapallo. Beide Mächte verzichten auf Ersatz von Kriegs-

kosten und beschließen die Aufnahme diplomatischer Bezie-

hungen. Dass Reichswehr und Rote Armee zusammenarbeiten

wollen, weckt starkes Misstrauen bei den Westmächten. Nach der Ermordung von Außenminister Walther Rathenau am

24. 6., der einem Attentat zweier Offiziere der rechtsextremen

»Organisation Consul« zum Opfer fällt, verabschiedet der

Reichstag am 21. 7. das »Gesetz zum schutz der Republik«, das

Mordverschwörungen unter schwere Strafen stellt und das Ver-

bot extremistischer Organisationen ermöglicht. Bayern erkennt

dieses Gesetz nicht an; dort können sich rechtsextremistische

Organisationen wie die NSDAP frei entfalten.

 

Buch.indb 206 09.06.2009 18:31:30 Uhr

207 Deutschlands erste Demokratie

 

Mit dem »Marsch auf Rom« am 28. 10. greifen die Faschisten in

Italien nach der Macht. König Viktor Emanuel III. ernennt Mus-

solini am 30. 10. zum Ministerpräsidenten, der im November

vom Parlament unbeschränkte Vollmacht auf zwei Jahre erhält.

MeIleNsTeIN

1923 Französische soldaten rücken ins Revier ein

9. januar rückstände bei deutschen sachlieferungen nutzte

Frankreich zur Besetzung des ruhrgebiets, um im Versailler Ver

trag nicht durchgesetzte Ziele zu erreichen, nämlich die Zurück

drängung der deutschen Grenze an den rhein. am 9. 1. rückten

60 000 Franzosen und Belgier in das ruhrgebiet ein. im Lauf

des jahres wurde die Truppenstärke auf 100 000 erhöht. die

reichsregierung stellte sofort alle Zahlungen ein und rief zum

»passiven Widerstand« auf. die Besatzungsmächte reagierten da

rauf mit der ausweisung von Beamten der Zivil und Bahnverwal

tung und der totalen abriegelung des ruhrgebiets. die Hilfe für

die Bevölkerung kostete das reich im »ruhrkampf« unsummen,

ohne dass es einnahmen von dort hatte und zudem Kohle für das

übrige reichsgebiet im ausland kaufen musste. dadurch stürzte

das reich noch tiefer in die Wirtschaftskrise. die regierung stre

semann sah keinen anderen Weg als die Kapitulation und brach

den passiven Widerstand am 26. 9. ab.

Die Ende 1922 einsetzende Inflation beschleunigt sich rapide. Da

der Finanzbedarf des Reichs nur noch zu einem Siebtel aus Ein-

nahmen gedeckt werden kann, füllt die Notenpresse die Lücke.

Eine Goldmark von 1914 entspricht am 20. 7. 100 000 Reichs-

mark, am 16. 8. einer Million, am 2. 10. 100 Millionen, am 11. 10.

einer Milliarde, am 19. 10. zehn Milliarden Reichsmark. In Sachsen (10. 10.) und Thüringen (16. 10.) bilden sich Koalitio-

nen von sPD und KPD. Die SPD will auf parlamentarischer Basis

Arbeiterregierungen als Gegengewicht zu der von Bayern dro-

henden Gefahr von rechts bilden. Dagegen folgt die KPD der von

der Kommunistischen Internationale geforderten Taktik der

 

Buch.indb 207 09.06.2009 18:31:31 Uhr

1918–1933 208

einheitsfront und will vom mitteldeutschen Industriegebiet aus

die revolutionäre Bewegung ausbauen.

MeIleNsTeIN

1923 »Hier sendestelle Berlin, Voxhaus, Welle 400«

29. Oktober um 8 uhr abends sendete die radiostunde aG die

erste unterhaltungssendung aus Berlin. Zwischen märz und Okto

ber 1924 wurden neun weitere sender in verschiedenen Teilen

des reichs errichtet; die rundfunkgesellschaften wurden 1926

im dachverband reichsrundfunkGesellschaft zusammenge

fasst. der auftrag der reichsregierung an das neue medium war,

unpolitisch zu sein, zu unterhalten und zu belehren. so spielte

von anfang an neben musiksendungen die Literatur eine wichtige

rolle: im Oktober 1924 sendete Frankfurt am main das erste

Hörspiel. die reichsregierung verzichtete also darauf, durch Ver

breitung demokratischer ideen zur Festigung des staates beizu

tragen. ein Programmbeirat überwachte die einhaltung der re

geln. dagegen band die regierung Franz von Papen den rund

funk 1932 an die regierung an. diese reform sollte es den

nationalsozialisten ermöglichen, das wirkungsvolle massenme

dium unmittelbar nach adolf Hitlers ernennung zum Kanzler für

ihre Propaganda zu nutzen.

 

Am 29. 10. setzt die Reichsregierung die sächsische Regierung aus

SPD und KPD ab. Damit ist der von den Kommunisten geplante

»deutsche Oktober«, der von Sachsen und Thüringen aus das

Reich erfassen sollte, durch schnelles Handeln der Regierung,

die Reichswehrtruppen in Sachsen einrücken lässt, gescheitert.

Wegen der lascheren Haltung der Regierung gegenüber der

Rechten, z. B. in Bayern, verlässt die SPD am 3. 11. die Koalition.

MeIleNsTeIN

1923 Tote vor der Feldherrnhalle

9. november in den ersten novembertagen spitzte sich der

schwere Konflikt zwischen Bayern und dem reich zu. in rechten

 

Buch.indb 208 09.06.2009 18:31:31 Uhr

209 Deutschlands erste Demokratie

 

Kreisen in Bayern ging das Wort vom »marsch auf Berlin« um,

wobei Generalkommissar ritter Gustav von Kahr eher für sonder

rechte Bayerns eintrat, während die durch adolf Hitler vertretene

extreme rechte eine »nationale erhebung« anstrebte. am 8. 11.

hatte Kahr seine anhänger in den münchener Bürgerbräukeller

gerufen. in diese Versammlung stürmte Hitler mit bewaffneten

saLeuten, um die anwesenden auf seine seite zu zwingen. er

erklärte die reichsregierung für abgesetzt und rief sich im »Hit

lerputsch« zum Kanzler einer provisorischen regierung aus. Be

reits in der nacht setzten sich die Überrumpelten wieder ab. der

von Hitler und General erich Ludendorff angeführte demonstrati

onszug am 9. 11. wurde von der Polizei vor der Feldherrnhalle

mit Waffengewalt aufgehalten; dabei starben 14 demonstranten

und drei Polizisten. die Bevölkerung hatte sich nicht solidarisiert;

die »nationale revolution« war gescheitert.

Am 15. 11. beginnt die Mitte Oktober errichtete Deutsche Renten-

bank, die Rentenmark als neues Zahlungsmittel auszugeben.

Eine Billion Papiermark entspricht einer Rentenmark, ein US-

Dollar entspricht 4,20 Rentenmark. Die Rentenmark wird eine

stabile Währung, da sie wieder durch einen Gegenwert gedeckt

ist. Dieser besteht aus Rentenpapieren über Sachwerte, die durch

eine Hypothek von 3,2 Milliarden Rentenmark auf Grundbesitz

gesichert sind.

 

jahre relativer stabilität

1924 Vom 26. 2. bis zum 1. 4. findet in München der Hochverratsprozess

gegen die Beteiligten am Hitlerputsch statt. Die milde Prozess-

führung bietet Adolf Hitler ein einmaliges Podium für Propagan-

dareden. Er erhält fünf Jahre Festungshaft, was ihn für viele zu

einem nationalen Märtyrer macht. Während der Inhaftierung

 

Buch.indb 209 09.06.2009 18:31:31 Uhr

1918–1933 210

formuliert Hitler im ersten Band von »Mein Kampf« sein politi-

sches Programm. Bereits im Dezember 1924 vorzeitig entlassen,

kann er die orientierungslose NSDAP neu formieren.

MeIleNsTeIN

1924 Geld für den Wirtschaftsaufschwung

16. august die Zerrüttung der deutschen Wirtschaft, die Hyper

inflation und die dadurch bedingte Kapitalflucht hatten den sie

germächten deutlich gemacht, dass das reich die reparationen

nicht würde zahlen können. erst die Währungsreform im novem

ber 1923 erlaubte eine realistische Kalkulation der deutschen

Leistungsfähigkeit. auf dieser Grundlage erarbeitete eine Kom

mission unter Vorsitz des amerikanischen Bankiers Charles G.

dawes einen Plan, den alle Beteiligten am 16. 8. akzeptierten.

danach sollte das reich jährlich 2,42 milliarden Goldmark zah

len, voll zahlbar nach dem fünften jahr, um Zeit zur wirtschaftli

chen erholung zu geben. reichsbahn und reichsbank wurden

zur sicherung unter internationale Kontrolle gestellt, einnahmen

aus Zöllen und Verbrauchssteuern wurden verpfändet. die stren

gen Kontrollklauseln machten deutschland zu einem sicheren

anlegerland, weshalb wieder Kapital nach deutschland strömte,

das die Wirtschaft in Gang brachte.

Nach wochenlangen ergebnislosen Verhandlungen über die Re-

gierungsbildung wird der Reichstag vorzeitig aufgelöst. Die

Reichstagswahlen am 7. 12. bringen den radikalen rechten und

linken Parteien erhebliche Verluste, was auf die allmähliche Sta-

bilisierung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse

nach Überwindung des Krisenjahres 1923 zurückzuführen ist.

MeIleNsTeIN

1925 »Zum Handwerk zurück!«

märz Wegen zunehmender Probleme mit der rechten regierung

in Thüringen zog das 1919 in Weimar gegründete »Bauhaus« als

Hochschule für Gestaltung nach dessau um. sein direktor Walter

 

Buch.indb 210 09.06.2009 18:31:31 Uhr

211 Deutschlands erste Demokratie

 

Gropius hatte in seinem Programm geschrieben: »architekten,

Bildhauer, maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück.« die

Forderung der einheit von Kunst und Handwerk wurde durch ein

beziehung der Technik erweitert und somit der Weg zur industri

ellen Formgebung geöffnet. die Gegenstände des alltags sollten

einfachheit, Formstrenge, Funktionalismus und schönheit ver

binden. Für dessau, wohin das »Bauhaus« 1925 umsiedelte, ent

warf Gropius das »Bauhaus«Gebäude und »meisterhäuser« für

die Künstler, in denen er seine ideen von Wohnen und arbeiten

verwirklichte. nach dem Wahlsieg der nsdaP in dessau zog das

Bauhaus 1932 nach Berlin um und wurde 1933 zur auflösung

gezwungen. Von allen kulturellen Äußerungen der Weimarer re

publik ging vom Bauhaus die nachhaltigste internationale Wir

kung aus.

 

1925 Zum Nachfolger des am 26. 2. verstorbenen Reichspräsidenten

Ebert wird der erst für den zweiten Wahlgang am 26. 4. von den

Rechtsparteien wegen seiner Popularität als »Sieger von Tan-

nenberg« (1914) aufgestellte Generalfeldmarschall Paul von Hin-

denburg gewählt. Obwohl dieser sich bemüht, sein Amt gemäß

der Verfassung zu führen, ist seine Wahl eine Niederlage der de-

mokratischen Republik, da er wegen der labilen Mehrheiten im

Reichstag bei Regierungsbildungen seine politischen Präferen-

zen geltend machen kann.

Am 14. 7. beginnt die Räumung des Ruhrgebiets von der französi-

schen Besatzung (am 1. 8. abgeschlossen). Am 25. 8. werden

auch Düsseldorf, Ruhrort und Duisburg geräumt. Die bereits am

10. 1. fällige Räumung der ersten Rheinlandzone (Köln) wird

weiter verschoben, weil Frankreich die Sicherheitsfrage noch

nicht gelöst sieht.

 

Buch.indb 211 09.06.2009 18:31:32 Uhr

1918–1933 212

MeIleNsTeIN

1925 Deutschlands Rückkehr auf die europäische Bühne

5.–16. Oktober Wesentlich auf außenminister Gustav strese

manns initiative ging die Konferenz der führenden europäischen

staatsmänner in Locarno zurück. Grundlage des erfolgs war stre

semanns gutes Verhältnis zum französischen außenminister aris

tide Briand, der ebenfalls eine Verständigung mit dem »erbfeind«

herbeiführen wollte. deutschland garantierte die unverletzlich

keit der Westgrenze und bestätigte die im Versailler Vertrag fest

gelegte entmilitarisierung des rheinlands, war jedoch nicht zu

einer entsprechenden Garantie der Ostgrenze bereit. dagegen

schloss es mit der Tschechoslowakei und Polen schiedsverträge,

die gewaltsame Grenzveränderungen ausschlossen. die Verträge

von Locarno wurden am 1. 12. in London unterzeichnet. sie lös

ten deutschland aus seiner politischen und moralischen isolie

rung. auf der Konferenz war deutschland zum ersten mal seit

dem Krieg als gleichberechtigter Partner behandelt worden.

1926 Am 24. 4. wird der deutsch-sowjetische Freundschaftsvertrag ge-

schlossen. Dieser »Berliner Vertrag« garantiert die Neutralität

eines Partners, wenn einer der beiden von dritten Mächten an-

gegriffen wird. Der Vertrag zerstreut sowjetische Befürchtungen

nach den Locarnoverträgen und erschwert die Situation Polens,

dem sein Bündnis mit Frankreich nur noch nützt, falls im Kon-

fliktfall Deutschland der Angreifer ist.

In Polen errichtet Józef Piłsudski durch einen Staatstreich am

12. 5. ein autoritäres Regierungssystem.

Als Folge der Locarnoverträge wird Deutschland am 8. 9. in den

Völkerbund aufgenommen. Stresemanns erster Auftritt in der

Völkerbundversammlung am 10. 9. wird mit starkem Beifall be-

grüßt. Die internationale Presse würdigt seine Rede als überzeu-

genden Ausdruck des deutschen Friedens- und Verständigungs-

willens.

Die Londoner Konferenz vom 19. 10. bis 18. 11. gestaltet das Briti-

sche Reich zum Commonwealth of Nations um: Großbritannien

 

Buch.indb 212 09.06.2009 18:31:32 Uhr

213 Deutschlands erste Demokratie

 

und die Dominions (Kanada, Neufundland, Australischer Bund,

Neuseeland und der Irische Freistaat) werden autonome und

gleichberechtigte Gemeinschaften innerhalb des Britischen Rei-

ches, die durch gemeinsame Treue gegenüber der Krone geeint

sind.

M E I L E N S T E I N

1926 Friedensnobelpreis für Gustav Stresemann

10. Dezember In seiner nur 100 Tage dauernden Amtszeit als Reichskanzler legte Stresemann mit dem Abbruch des passiven

Widerstands im Ruhrkampf 1923 den Grund für eine Politik der

Verständigung mit den Siegermächten. Von 1923 bis zu seinem

Tod Außenminister, bemühte er sich um eine behutsame Revi-

sion des Versailler Vertrages. Die Aussöhnung mit Frankreich war

sein vorrangiges Ziel. Hilfreich war das freundschaftliche Verhält-

nis, das er zu seinem französischen Kollegen Aristide Briand ent-

wickelte. Seine Politik erreichte über den Dawesplan mit den Lo-

carnoverträgen und Deutschlands Eintritt in den Völkerbund ih-

ren Höhepunkt. Gegenüber der UdSSR setzte er die Politik der

Neutralität fort. Er arbeitete unermüdlich dafür, dass das Aus-

land wieder Vertrauen zur deutschen Politik fasste, und war einer

der wenigen Politiker seiner Zeit, die europäisch dachten. Ge-

meinsam mit Briand wurde er dafür mit dem Friedensnobelpreis

ausgezeichnet.

1927 Am 10. 1. wird Fritz Langs Film »Metropolis« in Berlin uraufge-

führt, zahlreiche Uraufführungen folgen in diesem Jahr. Deutsch-

land produziert mehr Filme als alle anderen Länder Europas zu-

sammen. Nach Schätzungen gehen in Deutschland täglich zwei

Millionen Menschen ins Kino. Berlin ist die vielfältigste Zei-

tungsstadt der Welt, die Stadt der Großverlage, Theater, Kon-

zertsäle und des politischen Kabaretts. Es ist in den »Goldenen Zwanzigerjahren« mit seinem pulsierenden geistigen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben zur europäischen Kulturmetropole

aufgestiegen.

 

Kapitel-07.indd 213 Kapitel-07.indd 213 23.06.2009 9:33:21 Uhr 23.06.2009 9:33:21 Uhr 1918–1933 214

In China zerbricht das Bündnis der nationalistischen Kuo-min-

tang mit den Kommunisten. Nach der Einnahme Schanghais

löst Tschiang Kai-schek, Führer der Kuo-min-tang, am 12. 4.

mithilfe von örtlichen Banden das Massaker von schanghai aus,

dem Tausende Kommunisten zum Opfer fallen. Die Kommunis-

ten verlieren ihre wichtigste Basis. Tschiang Kai-schek bildet

eine Nationalregierung in Nanking und verfolgt fortan einen

scharfen antikommunistischen Kurs.

Am 16. 7. wird die Arbeitslosenversicherung eingeführt und als

Träger die »Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslo-

senversicherung« gegründet. Die Pflichtversicherten haben jetzt

bei unverschuldeter Arbeitslosigkeit einen Rechtsanspruch auf

Unterstützung. Die Beiträge dürfen 3 % des Lohns nicht über-

schreiten und werden je zur Hälfte von Arbeitgebern und Pflicht-

versicherten entrichtet.

Vom 2. 12. bis 19. 12. findet in der UdSSR der XV. Parteitag der

KPdSU statt. Stalin setzt die ersten »säuberungen« durch: Leo

Trotzki, Grigori Sinowjew und über 70 Personen, die sich für die

Freiheit der Meinungsäußerung einsetzen, werden aus der Par-

tei ausgeschlossen. Trotzki wird 1929 ausgewiesen, nach Aber-

kennung der Staatsbürgerschaft 1932 vom sowjetischen Ge-

heimdienst verfolgt und 1940 in Mexiko ermordet. 1928 Am 15. 2. zerbricht die bürgerliche Koalitionsregierung am Kon-

flikt um die Schulfrage. Nach einem vom Zentrum vorgelegten

Gesetzentwurf sollten auch in den Ländern, die Gemeinschafts-

schulen hatten, Bekenntnisschulen zugelassen werden. Dies

lehnt die DVP (Deutsche Volkspartei) ab; das Zentrum erklärt

darauf die Koalition für aufgelöst.

Aus der Reichstagswahl am 20. 5. gehen SPD mit 29,8 % der Stim-

men und KPD mit 14,2 % gestärkt hervor, während die bürgerli-

che Mitte und die Rechte verlieren. Die Gewinne mehrerer klei-

ner Splitterparteien zeigen die nachlassende Bindekraft der Mit-

telparteien. Erstmals seit 1923 ist die SPD wieder bereit, sich an

 

Buch.indb 214 09.06.2009 18:31:32 Uhr

215 Deutschlands erste Demokratie

 

der Regierungsbildung zu beteiligen. Hermann Müller (SPD) wird

Kanzler einer Großen Koalition.

Am 27. 8. unterzeichnen 15 Nationen, darunter Deutschland, ei-

nen von dem amerikanischen Außenminister Frank B. Kellogg

angeregten und von seinem französischen Kollegen Aristide Bri-

and unterstützten Kriegsächtungspakt, den Briand-Kellogg-

Pakt, dem bis Ende 1929 54 Staaten beitreten. Die Unterzeichner

verzichten auf den Krieg als Mittel nationaler Politik; Streitfälle

sollen auf friedlichem Weg beigelegt werden.

1929 Am 31. 1. erscheint der antimilitaristische Kriegsroman »Im Wes-

ten nichts Neues« von Erich Maria Remarque, der die Ereignisse

an der Westfront aus der Sicht eines jungen Kriegsfreiwilligen

schildert. Nach Vorabdruck in der Vossischen Zeitung ist die

erste Auflage bereits vor Erscheinen vergriffen. Noch 1929 er-

scheinen Übersetzungen in 26 Sprachen, 1930 wird der Roman

in den USA verfilmt. 1933 werden Remarques Bücher in Deutsch-

land verboten.

Am 11. 2. beginnt in Paris unter Vorsitz des amerikanischen Wirt-

schaftsfachmanns Owen D. Young eine Konferenz zur Neurege-

lung der deutschen Reparationen. Anders als im Dawesplan wird

eine Endsumme (112 Milliarden Reichsmark) und eine Laufzeit

von 59 Jahren festgelegt; in den ersten drei Jahren muss Deutsch-

land 1,7 Milliarden weniger zahlen als nach dem Dawesplan, au-

ßerdem fallen die internationalen Kontrollen fort. Auf der Haager

Konferenz (6.–31.8.) wird der Youngplan angenommen. Mit der

Annahme des Plans erreicht Stresemann, dass die Alliierten die

vollständige Räumung des Rheinlands bis 30. 6. 1930 zusichern,

fünf Jahre vor dem im Versailler Vertrag vorgesehenen Termin. Gegen den Youngplan bildet der Führer der DNVP (Deutschnati-

onale Volkspartei) Alfred Hugenberg am 9. 7. mit dem »Stahl-

helm, Bund der Frontsoldaten« einen »Reichsausschuss für das

deutsche Volksbegehren«, dem sich die NSDAP sofort anschließt.

Das Volksbegehren scheitert am 22. 12., doch die Mitarbeit im

 

Buch.indb 215 09.06.2009 18:31:33 Uhr

1918–1933 216

»Reichsausschuss« bietet Adolf Hitler zum ersten Mal seit 1923

wieder eine öffentliche Plattform.

Am 5. 9. legt Aristide Briand der Völkerbundsversammlung einen

Plan für die Vereinigung europas vor. Briand erhält den Auftrag,

genauere Vorschläge für seine Idee einer Föderation zu entwi-

ckeln. Stresemann unterstützt in seiner letzten Rede vor dem

Völkerbund am 9. 9. den Europagedanken und hebt vor allem

die wirtschaftlichen Vorteile hervor.

MeIleNsTeIN

1929 Die spekulationsblase platzt

25. Oktober jahre des aufschwungs hatten in den usa immer

größere Bevölkerungskreise dazu verleitet, sich am Börsenspiel

zu beteiligen. Ohne dass ein besonderes politisches ereignis

Ängste geschürt hätte, häuften sich am 24. 10., einem donners

tag, die Verkäufe an der new Yorker Börse, was die Kurse abstür

zen ließ. Trotz relativ normaler Geschäfte prägte sich jedoch der

25. 10. als »schwarzer Freitag« ins Gedächtnis ein. am diens

tag, dem 29. 10., folgte ein noch stärkerer Kurssturz. Wegen der

engen Verflechtungen der Volkswirtschaften löste der Börsen

krach eine weltweite Wirtschaftskrise aus. deutschland wurde be

sonders hart getroffen, da sich der wirtschaftliche aufbau stark

auf kurzfristige auslandskredite stützte, die nun abgezogen wur

den. die arbeitslosenzahlen stiegen bis januar 1932 auf sechs

millionen; jeder dritte arbeitnehmer war arbeitslos. auch nicht

direkt Betroffene wurden von der Katastrophenstimmung erfasst,

die rechte und linke Gegner der republik zur agitation gegen das

system nutzten. Besonders die nsdaP profitierte von der Krise

und legte bei den folgenden Wahlen kräftig zu.

 

In Österreich verabschiedet der Nationalrat am 7. 12. eine Verfas-

sungsänderung, die eine Machtverschiebung vom Parlament

zum Bundespräsidenten enthält. Dieser ernennt und entlässt

die Regierung und kann den Nationalrat auflösen. Außerdem

wird seine Direktwahl eingeführt.

 

Buch.indb 216 09.06.2009 18:31:33 Uhr

217 Deutschlands erste Demokratie

 

die aushöhlung der demokratie

 

1930 Am 23. 1. wird Wilhelm Frick Staatsminister für Inneres und Volks-

bildung in Thüringen. Damit besetzt die NSDAP erstmals ein Mi-

nisteramt. Der Personalabbau im Zug einer Verwaltungsreform

trifft vor allem sozialdemokratische Beamte, während bei der Po-

lizei bevorzugt Mitglieder der NSDAP eingestellt werden. In Indien beginnt »Mahatma« Gandhi am 12. 3. im Rahmen seiner

Kampagne des »zivilen Ungehorsams« den »Salzmarsch«: Mit

seinen Anhängern marschiert er in 24 Tagen über 385 km zum

Meer, wo er mit dem symbolischen Aufsammeln von Salzkör-

nern gegen das britische Salzmonopol protestiert. Die Aktion ist

ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Unabhängigkeit Indiens. Am 27. 3. tritt die Regierung Hermann Müller (SPD) zurück, nach-

dem die Große Koalition keinen Kompromiss über die Erhö-

hung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung erzielen konnte.

Hindenburg beauftragt am 28. 3. Heinrich Brüning (Zentrum)

mit der Regierungsbildung. In dem vom Vertrauen Hindenburgs

abhängigen ersten Präsidialkabinett stellen die bürgerlichen Par-

teien die Minister, doch besteht die Absicht einer Erweiterung

nach rechts. In seiner Regierungserklärung macht Brüning deut-

lich, notfalls auch gegen das Parlament zu arbeiten.

MeIleNsTeIN

1930 Notverordnungen entmachten das Parlament

16. juli Heinrich Brünings Finanzprogramm, das stärkere Be

steuerung höherer einkommen und Kürzung der Löhne und Ge

hälter im öffentlichen dienst vorsah, wurde von einer reichstags

mehrheit abgelehnt. darauf setzte der reichskanzler seine Vor

lage aufgrund des artikels 48 (2) der Verfassung mit einer

notverordnung in Kraft. auch Gustav stresemann und Wilhelm

marx hatten sich vom reichstag notverordnungen bewilligen las

 

Buch.indb 217 09.06.2009 18:31:33 Uhr

1918–1933 218

 

sen. neu war, dass ein abgelehnter Gesetzesentwurf in eine not

verordnung umgewandelt und der reichstag, als er sein verfas

sungsmäßiges recht nach artikel 48 (3) in anspruch nahm und

die außerkraftsetzung der maßnahme verlangte, am 18. 7. mit

seiner auflösung »bestraft« wurde. Gestützt durch Hindenburg,

regierte Brüning fortan mit zahlreichen notverordnungen. das

Parlament war aus dem politischen entscheidungsprozess hinaus

gedrängt worden und die macht lag nun bei einem kleinen Perso

nenkreis, der einfluss auf den greisen reichspräsidenten besaß.

Die Reichstagswahl am 14. 9. bringt einen Erdrutschsieg für die

NSDAP, die ihre Stimmenzahl von 800 000 auf 6,4 Millionen stei-

gert und mit 107 (statt 12) Abgeordneten zweitstärkste Fraktion

nach der SPD mit 143 Sitzen (statt 153) wird. Auch die KPD legt

zu (77 Sitze statt 54). Diese Wahl bringt den Durchbruch für die

NsDAP, die jetzt eine Größe in der deutschen Politik ist, mit der

man rechnen muss.

Am 6. 10. spricht Brüning mit Hitler und Frick, um die NSDAP für

eine »konstruktive Opposition« zu gewinnen und verspricht so-

gar, in allen Länderparlamenten, wo es rechnerisch möglich ist,

für Koalitionsregierungen aus NSDAP und Zentrum zu sorgen.

Die NSDAP lehnt ab. Die Regierung Brüning kann sich dennoch

halten, weil die SPD sie fortan toleriert: Sie lehnt Anträge von

NSDAP, DNVP und KPD zur Aufhebung von Notverordnungen

ab, sodass die Gesetzgebung weiter auf diesem Weg erfolgen

kann. Der Grund für den Tolerierungskurs der sPD ist die Lage in

Preußen; bei einem Sturz Brünings würde das Zentrum die preu-

ßische Koalition mit der SPD verlassen und diese ihre letzte

Machtbasis im Reich verlieren.

1931 Am 20. 3. veröffentlicht die Reichsregierung den Entwurf zu einer

deutsch-österreichischen Zollunion. Nach deutscher Auffassung

verstößt das Projekt nicht gegen das Anschlussverbot des Ver-

sailler Vertrags, da beide Staaten ihre Souveränität behalten und

 

Buch.indb 218 09.06.2009 18:31:33 Uhr

219 Deutschlands erste Demokratie

 

anderen Staaten der Beitritt möglich ist. Der Plan stößt jedoch

sofort auf heftigen Widerstand aus Frankreich und wird im Au-

gust aufgegeben.

Nach großen Erfolgen der Republikaner bei den spanischen Ge-

meindewahlen am 13. 4. wird die Republik ausgerufen. König Al-

fons XIII. verlässt das Land. Die Zweite spanische Republik gibt

sich eine liberal-fortschrittliche Verfassung in einer Zeit, in der

v. a. in Ostmitteleuropa und Südosteuropa eine Tendenz zu au-

toritären Regimen herrscht.

Der Zusammenbruch der Österreichischen Credit-Anstalt am 11. 5.

ist ein Alarmsignal in ganz Europa. Der amerikanische Präsident

Herbert C. Hoover schlägt am 20. 6. ein allgemeines internationa-

les Schuldenfeierjahr vor. Das Hoovermoratorium sieht vor, dass

die Rückzahlung der Kriegsschulden, die Großbritannien, Frank-

reich und ihre Verbündeten in den USA haben, sowie die deut-

schen Reparationszahlungen für ein Jahr ausgesetzt werden.

Frankreich, das seine Schulden mit den deutschen Reparationen

abzahlt, widersetzt sich, wird aber durch die amerikanische Dro-

hung mit einem Alleingang der USA zum Einlenken gezwungen,

sodass das Moratorium am 6. 7. verkündet werden kann. Am 13. 7. muss die Darmstädter und Nationalbank, die zweit-

größte deutsche Bank, die Zahlungen einstellen. Darauf werden

die Schalter sämtlicher deutscher Banken für zwei Tage ge-

schlossen, danach können die Bankkunden nur eingeschränkt

über ihre Guthaben verfügen. Trotz des Haushaltsdefizits stellt

das Reich eine Milliarde Reichsmark zur Stützung der Banken

bereit. Die Bankenkrise hält dennoch bis ins Frühjahr 1932 an. Für den 11. 10. hat Alfred Hugenberg, der Führer der DNVP, die

»nationale Opposition« nach Bad Harzburg zu einer Großkund-

gebung eingeladen. Zur »Harzburger Front« gehören DNVP,

NSDAP, Stahlhelm u. a., die sich allerdings nur in ihrer Ableh-

nung der Regierung Brüning einig sind. Als Reaktion darauf

gründen der sozialdemokratisch geprägte Wehrverband Reichs-

 

Buch.indb 219 09.06.2009 18:31:34 Uhr

1918–1933 220

banner Schwarz-Rot-Gold, Gewerkschaften und Arbeitersport-

verbände am 16. 12. die »eiserne Front«. 1932 Am 2. 2. beginnt die Genfer Abrüstungskonferenz, die sich u. a. mit

der militärischen Gleichberechtigung Deutschlands befasst.

Diese wird in der Viermächteerklärung am 11. 12. anerkannt.

Die Konferenz scheitert schließlich v. a. an der Frage der Sicher-

heitsgarantien für die abrüstenden Staaten.

Im ersten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl am 13. 3. verfehlt

Hindenburg mit 49,6 % der Stimmen die absolute Mehrheit; für

Hitler stimmen 30,1 %. Hindenburg hatte zuvor im Rundfunk er-

klärt, er kandidiere, damit nicht ein »Parteimann, Vertreter ein-

seitiger und extremer Anschauungen« gewählt werde. So hatte

auch die SPD zu seiner Wahl aufgerufen. Der zweite Wahlgang

am 10. 4. wird zur Volksabstimmung für oder gegen Hitler. Hin-

denburg erhält 53 % der Stimmen, Hitler 36,8 %. Mit dem Ergebnis der Präsidentenwahl im Rücken setzt Reichs-

wehrminister Groener am 13. 4. das Verbot von sA und ss durch,

der Kampfverbände der NSDAP, die inzwischen rund 500 000

Mann stark sind.

Bei den landtagswahlen am 24. 4. in Preußen, Bayern, Württem-

berg, Hamburg und Anhalt gewinnt die NSDAP stark hinzu,

ebenso in Oldenburg (25.5.), Mecklenburg-Schwerin (5.6.), Hes-

sen (19.6.) und Thüringen (31.7.) und stellt danach die Minister-

präsidenten in Anhalt, Oldenburg, Mecklenburg-Schwerin und

Thüringen.

In Österreich bildet engelbert Dollfuß am 20. 5. eine konservative

Regierungskoalition. In enger Anlehnung an das faschistische

Italien bekämpft er den Anschluss Österreichs an Deutschland.

Seine Regierung nimmt zunehmend autoritäre Züge an. Am 29. 5. entlässt Hindenburg Brüning; Franz von Papen bildet

ein Präsidialkabinett fast ausschließlich aus parteilosen Minis-

tern, das »Kabinett der Barone«. Hinter diesen Vorgängen steht

Kurt von Schleicher, seit Juni Reichswehrminister, der mit Hitler

 

Buch.indb 220 09.06.2009 18:31:34 Uhr

221 Deutschlands erste Demokratie

 

eine Abmachung getroffen hat: Für dessen Duldung des Kabi-

netts soll das Verbot der SA vom 13. 4. aufgehoben und der

Reichstag aufgelöst werden.

Vom 16. 6. bis 9. 7. tagt die Konferenz von lausanne. Deutschland

wird nach einer auf drei Milliarden Reichsmark festgesetzten

symbolischen Abschlusszahlung, die jedoch nie geleistet wird,

von weiteren Reparationen befreit.

Im zu Preußen gehörenden Altona bei Hamburg kommt es am

17. 7. zu einer Schießerei zwischen Nationalsozialisten, Kommu-

nisten und Polizei, die 18 Tote und 285 Verletzte fordert. Der

»Altonaer Blutsonntag« gilt als blutiger Höhepunkt der insbe-

sondere vor Reichstagswahlen mit roher Gewalt ausgetragenen

Auseinandersetzungen der politischen Lager, die sich in aller Öf-

fentlichkeit in Aufmärschen, Überfällen und Saalschlachten ma-

nifestieren.

MeIleNsTeIN

1932 Das letzte demokratische Bollwerk fällt

20. juli aus der Landtagswahl in Preußen am 24. 4. war die

nsdaP als stärkste Partei hervorgegangen; die Koalitionsregie

rung Otto Braun (sPd) hatte keine parlamentarische mehrheit

mehr, blieb aber geschäftsführend im amt, da keine andere Koa

lition zustande kam. im einvernehmen mit Hindenburg und

reichswehrminister Kurt von schleicher setzte reichskanzler

Franz von Papen am 20. 7. die regierung Braun sowie den Berli

ner Polizeipräsidenten und den Kommandanten der schutzpolizei

in einem staatsstreichartigen manöver ab (»Preußenschlag«) und

übernahm des amt des reichskommissars. an Widerstand war

kaum zu denken, da bei der hohen arbeitslosigkeit wenig Bereit

schaft zu einem Generalstreik bestand und ein einsatz der preu

ßischen Polizei verantwortungslos erschien, weil die reichswehr

zu militärischem Vorgehen bereit war. die Kontrolle des reichs

über die »letzte Bastion« der sPd und v. a. über die preußische

Polizei erleichterte Hitler nach seiner machtübernahme die er

richtung seines regimes.

 

Buch.indb 221 09.06.2009 18:31:35 Uhr

1918–1933 222

Bei der Reichstagswahl am 31. 7. wird die NsDAP stärkste Partei

(37,3 %); die SPD erhält 21,6 %, die KPD 14,3 %. Hitler will nun die

Regierung Papen nicht mehr tolerieren. Seinen Anspruch auf die

Bildung einer neuen Regierung lehnt Schleicher ab; auch Hin-

denburg weist am 13. 8. Hitlers Forderung zurück. Die NSDAP

schlägt daraufhin einen Konfrontationskurs gegen Papen ein.

Nach einem Misstrauensvotum gegen Papen wird der Reichstag

am 12. 9. erneut aufgelöst. Bei der Wahl am 6. 11. verliert die

NSDAP rund zwei Millionen Stimmen, bleibt aber mit 33,1 %

stärkste Partei

Am 8. 11. wird der Demokrat Franklin D. Roosevelt mit großer

Mehrheit zum Präsidenten der USA gewählt (Amtsantritt 4. 3.

1933). Sein Programm des New Deal sieht einschneidende Refor-

men zur Sanierung der Wirtschaft vor.

Am 2. 12. entlässt Hindenburg Papen und ernennt Kurt von schlei-

cher zum Reichskanzler. Zum Kampf gegen die Arbeitslosigkeit

versucht Schleicher, für ein umfangreiches Arbeitsbeschaffungs-

programm eine breite Basis im Reichstag zu gewinnen. Als dies

misslingt, will er über die Ausrufung des Staatsnotstands den

Reichstag auflösen und Neuwahlen auf unbestimmte Zeit ver-

schieben. Hindenburg lehnt dies am 23. 1. 1933 ab. Der Weg Hit-

lers ins Kanzleramt ist vorgezeichnet, als Hindenburg im Ja-

nuar – der 85-Jährige steht unter dem Eindruck von hochkon-

servativen Kreisen um seinen Sohn Oskar, von Papens

»Zähmungskonzept« und von Invektiven aus Unternehmer-

und Großgrundbesitzerkreisen – seinen Widerstand gegen die

Ernennung des »böhmischen Gefreiten« zum Reichskanzler auf-

gibt. Die »Republik ohne Demokraten« ist endgültig gescheitert.

 

Buch.indb 222 09.06.2009 18:31:35 Uhr