Duden Deutsche Geschichte, Was jeder wissen muss

Alexander Emmerich · Kapitel 2 von 10

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Duden Deutsche Geschichte, Was jeder wissen muss

Hohes und spätes Mittelalter

919 Im schatten von Burgen und Kathedralen Hohes und spätes Mittelalter

919 –1495

 

Rechts des Rheins entwi-

ckelte sich ab dem 10.Jh. aus

dem Ostfränkischen Reich

das »Regnum Teutonicum«,

das »Deutsche Reich«. Otto-

nen, Salier und Staufer stell-

 

Buch.indb 23 1495 ten bis ins 13. Jh. die Könige. Erlangten sie die Kaiser-würde, beanspruchten sie eine Vorrangstellung in Europa – auch gegenüber dem Papst. 09.06.2009 18:30:21 Uhr

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die Herausbildung

des »regnum Teutonicum«

918 Auf dem Sterbebett bestimmt Konrad I., der 911 nach dem Aus-

sterben der ostfränkischen Karolinger zum König gewählt wor-

den war, den Sachsenherzog Heinrich zu seinem Nachfolger.

Den Ausführungen des Geschichtsschreibers Widukind von Cor-

vey zufolge erklärt der sterbende Herrscher, Heil und Tugend

seien nicht länger mit den Franken, sondern mit den Sachsen.

Durch diesen Akt geht das bisher von den Franken als Nachfol-

ger beherrschte »Reich der Römer« an die Sachsen über (»Trans-

latio imperii«).

919 Vier Monate nach dem Tod Konrads I. wählen die Großen des

Reichs Heinrich I. in Fritzlar zum König. Im Ostfränkischen

Reich beginnt die Herrschaft der Ottonen. Heinrichs Regierung ist gekennzeichnet durch eine Politik, die auf

Festigung der neuen, ottonischen Herrschaft in Ablösung der

Karolinger abzielt. Mit diplomatischem Geschick wie durch de-

monstrative Stärke ist der König gezwungen, den Großen im

Reich zu zeigen, dass nunmehr die Sachsen zum königstragen-

den Volk aufgestiegen sind. Daneben ist der Beginn der ottoni-

schen Herrschaft gekennzeichnet durch eine effektive Sicherung

der Reichsgrenzen, die sowohl durch Einfälle der Normannen

wie auch der Magyaren gefährdet sind.

MeIleNsTeIN

921 Königstreffen auf dem Rhein

7. november die mitte des stroms schien den Königen der ge

eignete Ort zu sein, um die seit über einem jahrzehnt schwelen

den streitigkeiten beizulegen. als die Linie der Karolinger mit

dem Tod Ludwigs des Kindes im Ostfränkischen reich erloschen

und Konrad i. zum Herrscher erhoben worden war, bedeutete

 

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dieser akt eine tief greifende Zäsur für das karolingische West

frankenreich. im Vertrag von Bonn bemühten sich Heinrich i. und

der westfränkische König Karl der einfältige um einen Konsens.

symbolisierte schon der Treffpunkt mitten auf dem rhein die

Gleichrangigkeit der beiden monarchen, so erkannten sie in dem

Freundschaftsvertrag ihre legitime Herrschaft wechselseitig an –

und damit ebenso ihre territorialen Besitzungen. schon wenig

später versicherte sich Karl zumindest der neutralität der

schwurfreundschaft, indem er inmitten seiner auseinanderset

zung mit dem westfränkischen adel eine Handreliquie des heili

gen dionysius an Heinrich schickte.

 

926 Der Osten des Reiches wird durch Einfälle plündernder Magyaren

bedroht. Gegen Zahlung von Tribut gelingt es Heinrich I., einen

neunjährigen Waffenstillstand zu erwirken. Der König nutzt die

Atempause, um einen systematischen Burgenbau an der östli-

chen Grenze durchzuführen.

933 Unter Zustimmung der Großen des Reichs auf dem Hoftag in Er-

furt stellt Heinrich I. die Tributzahlungen an die Magyaren ein

und provoziert so bewusst einen militärischen Schlagabtausch.

Am 15. 3. besiegt der König die Magyaren bei Riade an der

Unstrut. Mit sich ins Feld führt er die Heilige lanze, die ihm Ru-

dolf II. von Hochburgund geschenkt hatte.

935 Der bereits schwer kranke König Heinrich I. erwirkt auf dem Hof-

tag in Erfurt die Unterstützung der Großen zur Wahl seines äl-

testen Sohnes Otto zum Nachfolger. Noch zu Lebzeiten gelingt

es ihm damit, die Herrschaft über das Reich erstmals ungeteilt

zu übertragen und die Dynastie der (später nach Otto benann-

ten) Ottonen zu stärken.

936 Ottos Nachfolge wird durch die Großen bereits im Rahmen der

Beisetzungsfeierlichkeiten für König Heinrich I. in Quedlinburg

durch Huldigung bestätigt. Einige Wochen später erfolgt die

Wahl in Aachen, mit der Otto I., der Große, bewusst an die von

 

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Karl dem Großen begründete Tradition anknüpft. Mit Ottos

Herrschaft, der auf einer durch seinen Vater gefestigten Grund-

lage regieren kann, beginnt nach Auffassung einiger Historiker

die eigenständige Geschichte eines »Deutschen Reichs« Gestalt

anzunehmen.

937 Zurückgekehrt nach Quedlinburg, gründet Otto I. das Mauritius-

kloster an seinem Lieblingsort Magdeburg. In der Folgezeit baut

der König Magdeburg zu seiner Hauptresidenz aus. Wenig spä-

ter gelingt es dem neuen König, innerfamiliäre Streitigkeiten um

seine Thronfolge beizulegen und auch die Opposition der Söhne

des verstorbenen Bayernherzogs Arnulf zu brechen. 939 Wenig später muss sich Otto I. abermals einer Gruppe opponie-

render Adliger unter Führung seines Bruders Heinrich stellen,

der sich mit den Herzögen Giselbert von lothringen und eber-

hard von Franken verbündet. Die Unterstützung Hermanns von

Schwaben sichert dem König den Sieg bei Andernach am Rhein.

Otto nimmt seinen abtrünnigen Bruder Heinrich daraufhin wie-

der auf und setzt ihn als Herzog von Lothringen ein. Das vakante

Herzogtum Franken wird unmittelbar der Krone unterstellt. 941 Heinrich kann sich als Herzog von Lothringen nicht halten. Er

spinnt weiter Intrigen gegen seinen Bruder Otto I. An Pfingsten

wird die nächste, dieses Mal von sächsischen Adligen unter-

stützte Verschwörung aufgedeckt. Am Weihnachtsfest unter-

wirft sich Heinrich erneut seinem königlichen Bruder. 947 Otto I. übergibt seinem Bruder Heinrich das Herzogtum Bayern,

auf das dieser durch sein Ehebündnis mit der Luitpoldingerin

Judith Ansprüche geltend machen kann. Durch eine geschickte

Heiratspolitik gelingt es Otto, alle Herzogtümer in die Hand der

königlichen Familie zu bringen.

951/952 Der König zieht zur Unterstützung von Adelheid, der Witwe des

italienischen Königs Lothar, nach Italien. Widerstandslos zieht

Otto I. in Pavia ein und wird dort zum »König der langobarden«

gekrönt.

 

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MeIleNsTeIN

955 sieg im Glanz der Heiligen lanze

10. august den magyaren war die Gelegenheit günstig erschie

nen, um ein weiteres mal innerhalb kurzer Zeit einen umfangrei

chen Beutezug nach Westen zu unternehmen. Otto i. schien ih

nen nach niederschlagung des weitreichenden aufstands, in dem

sich der süden seines reiches gegen ihn gestellt hatte, zu

schwach für eine effektive abwehr. dennoch gelang es dem Herr

scher, Truppenkontingente aus Bayern, Franken und schwaben

zusammenzuziehen, dem sich noch Kämpfer aus Böhmen an

schlossen. auf dem Lechfeld, südlich von augsburg, kam es zur

entscheidenden schlacht, in der gemäß der Tradition der augs

burger Bischof ulrich wie auch Handwerker aus der stadt eine

bedeutende rolle spielten. die Heilige Lanze, die im Kampf mit

geführt worden war, beflügelte den ausführungen der Chronisten

zufolge das Heer Ottos. in dreitägigem Kampf wurden die magya

ren vernichtend geschlagen. die schlacht auf dem Lechfeld

setzte den jahrzehntelangen raubzügen der magyaren ein ende.

in der Folge wurden diese sesshaft und wenig später christiani

siert.

962 Otto I. wird in der Peterskirche zu Rom zum Kaiser gekrönt. Das

Kaisertum im Westen, das in seiner engen Anbindung an das

Papsttum den Blick der Nachfolger Ottos auf die Herrschaft über

Italien und Rom richtete, ohne dass für die damit einhergehen-

den Belastungen ein institutioneller Ausgleich geschaffen wor-

den war, ist damit erneuert; heraufbeschworen wurde mit die-

sem Schritt zudem wieder die Konkurrenz zum in Konstantino-

pel residierenden Kaiser des Byzantinischen Reichs. Nur wenige Tage später erlässt der Papst eine Enzyklika, in der

Magdeburg zum Erzbistum und Merseburg zum Bistum erho-

ben wird. Der Bischof von Halberstadt, auf dessen territoriale

Kosten dieser Schritt geht, verweigert sich. Die Umsetzung des

Plans scheitert damit vorerst. Der frischgebackene Kaiser sichert

sich jedoch weitreichende Rechte bei der Papstwahl. Das neue

 

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Kirchenoberhaupt darf erst nach Ablegung des Treueeides vor

einem kaiserlichen Gesandten geweiht werden. Wenig später

ringt Otto den Römern die Zusicherung ab, dass vor der Wahl ei-

nes neuen Papstes künftig die Zustimmung des Kaisers einzu-

holen ist.

968 Sechs Jahre später als geplant gelingt es Otto I., die Gründung des

erzbistums Magdeburg auf der Synode von Ravenna durchzuset-

zen. Die Reichskirche, als deren damals bedeutendste Vertreter

Ottos Bruder Bruno, Erzbischof von Köln, und sein Sohn Wil-

helm, Erzbischof von Mainz, gelten, etabliert sich als Stütze der

königlichen Herrschaft.

972 Theophanu, die Nichte des byzantinischen Kaisers Nikephoros

Phokas, wird in Rom mit dem Thronfolger Otto II. vermählt. 973 Otto I. stirbt nach kurzer Krankheit in der Pfalz Memleben und

wird seinem Wunsch gemäß an der Seite seiner ersten Gattin

Editha im Dom zu Magdeburg beigesetzt.

Sein erst 18-jähriger Sohn Otto II. folgt ihm auf den Thron und fes-

tigt in der dritten Generation die familiäre Erbfolge. Auch unter

seiner Herrschaft übt der König weiterhin maßgeblichen Ein-

fluss auf die Papstwahl aus. Innerhalb seiner vergleichsweise kur-

zen Regentschaft bleibt ihm jedoch nur wenig Zeit, von eigener

Hand gefestigte politische Herrschaftsstrukturen zu etablieren.

Durch die Übernahme des alten römischen Kaisertitels hebt der

mit einer Byzantinerin verheiratete Otto II. das westliche Kaiser-

tum gegenüber dem östlichen, byzantinischen im Wert an. 976 In einer spanischen Handschrift lässt sich erstmals die Verwen-

dung der arabischen Zahlen in Europa nachweisen. 978 Auf dem Magdeburger Hoftag wird der Aufstand des Bayernher-

zogs Heinrich des Zänkers, des Augsburger Bischofs Heinrich

und des Heinrich von Kärnten, bekannt auch als der »Aufstand

der drei Heinriche«, endgültig beigelegt. Durch die Abtrennung

Kärntens und dessen Erhebung zu einem eigenen Herzogtum

soll die zuvor starke Stellung Bayerns geschwächt werden.

 

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981 Otto II. zieht nach Italien, um gegen die Araber vorzugehen. In

Tarent nimmt er den römischen Kaisertitel an und nennt sich

fortan »Romanorum imperator Augustus«. Die Thronwirren in

Byzanz erlauben ihm, in byzantinischem Territorium weitge-

hend unbehelligt zu operieren. Der bisher dem byzantinischen

Basileios vorbehaltene Titel wird nunmehr für den deutschen

König als Anwärter auf die Kaiserkrone gebraucht. 983 Ottos II. stirbt infolge einer plötzlich auftretenden Erkrankung

und wird als einziger Kaiser in Sankt Peter in Rom begraben.

Sein Thronfolger, Otto III., ist beim Tod seines jungen Vaters

erst drei Jahre alt, sodass unweigerlich der Streit um die Vor-

mundschaft entbrennt.

Eine wesentliche Rolle bei der Erziehung fällt dabei der Kaiserin

Theophanu zu. Während der Minderjährigkeit ihres Sohnes ge-

lingt es ihr, die Kaiserherrschaft in Italien zu sichern. Zugleich

findet der Aufbau des Reichskirchensystems seinen Höhepunkt.

Dieses ermöglicht Otto III., entscheidenden Einfluss auf die

Papstwahlen auszuüben und seine Kandidaten an die Spitze zu

bringen.

987 Die karolingische Dynastie endet im Westfränkischen Reich mit

dem Tod Ludwigs V. Hugo Capet wird mit Unterstützung des

Erzbischofs Adalbero von Reims zum König gewählt und be-

gründet die Dynastie der Kapetinger.

991 Theophanu stirbt in Nimwegen und wird in Sankt Pantaleon zu

Köln beigesetzt.

994 Otto III. wird im Alter von 14 Jahren mündig und damit auf dem

Hoftag von Solingen regierungsfähig erklärt.

996 Der jugendliche Otto III., der Zeit seines kurzen Lebens von der

»Wiederherstellung des Römischen Reiches« unter deutscher

Herrschaft träumt, zieht mit großem Gefolge von Regensburg

gen Italien. Im Mai wird er vom Papst in Sankt Peter zu Rom ge-

krönt und führt fortan den Titel »Kaiser der Römer«.

 

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998 Der Kaiser beginnt mit dem Bau einer Pfalz am Palatin und macht

sich daran, eine Verwaltung nach römisch-byzantinischem Mus-

ter aufzubauen. Gleichzeitig greift er die Form metallener Siegel

wieder auf, die sowohl die Karolinger als auch sein Großvater,

Otto I., gebraucht hatten. Seine erste Büste ziert die Frauenbüste

der Roma, umrahmt von der Umschrift »Renovatio imperii Ro-

mani« (»Erneuerung des Römischen Reichs«).

999 Der gelehrte Cluniazenser Gerbert von Aurillac besteigt als Papst

Silvester II. den Stuhl Petri. Als einer der ersten Abendländer

hatte er auf der Iberischen Halbinsel das Rechnen mit arabischen

Zahlen kennengelernt. Er konstruiert einen Abakus, mit dessen

Hilfe die im römischen Zahlensystem schwierigen Rechenopera-

tionen von Multiplikation und Division durchführbar sind. vor 1000 In den Städten entlang dem Rhein entstehen bedeutende jüdische

Gemeinden. Speyer, Worms und Mainz entwickeln sich zu den

geistigen Zentren des abendländischen Judentums. 1000 Der Tag des »Jüngsten Gerichts« den viele Zeitgenossen für den

Jahrtausendwechsel befürchtet hatten, bleibt aus. Im Zeichen der Erweiterung der Einflusssphäre des Reichs im Os-

ten setzt Otto III. auf die Gründung neuer Bistümer. Vor diesem

Hintergrund erfolgt die Einrichtung der Erzbistümer Gnesen

(1000) und Gran (1001), mit denen zugleich eigene Kirchenpro-

vinzen in Polen und Ungarn entstehen. Otto III. schließt mit Bo-

leslaw Chrobry einen Freundschaftsvertrag. Aus diesem Anlass

erhält Boleslaw eine Nachbildung der Heiligen Lanze, die wie

das angebliche Original einer Kreuznagelreliquie enthält. 1002 Zu Jahresbeginn stirbt der kaum 21-jährige Otto III. kinderlos auf

seinem Zug nach Italien und wird in Aachen beigesetzt – und

nicht in Rom, wie er selbst es sich gewünscht hat. Angesichts der unklaren Nachfolgesituation ergreift der Bayern-

herzog Heinrich die Initiative und fordert den unter Führung

des Erzbischofs Heribert von Köln stehenden Geleitzug des kai-

serlichen Leichnams in Polling zur Herausgabe der Insignien

 

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und der Überstellung der Heiligen Lanze auf. Heribert wird

einstweilen als Geisel genommen. Nachdem schließlich auch die

Sachsen einer Nachfolge durch Heinrich zustimmen, kann sich

dieser als neuer Herrscher durchsetzen – er wird der letzte Ot-

tone auf dem Thron.

Heinrich II. setzt die übergeordneten Strukturen der Politik seiner

Vorgänger fort, konzentriert sein politisches Interesse jedoch

weniger auf Italien denn auf das Reich. Nicht einheitlich bewer-

tet wird in der Forschung Heinrichs Haltung zu einer »Renova-

tio regni Francorum« (»Erneuerung des Fränkischen Reiches«),

die er zumindest in der Umschrift seines Siegels zum politischen

Programm erklärt. Große Bedeutung spielte die Kirchenpolitik,

darunter die Wiedereinrichtung des Bistums Merseburg sowie

die Gründung des Bistums Bamberg als neues Zentrum der Mis-

sion im Osten und neue Hauptresidenz des Kaiserpaares. Heinrichs Frömmigkeit, nicht zuletzt die Kinderlosigkeit der Ehe,

die von den Zeitgenossen als besonderes Zeichen ehelicher

Keuschheit interpretiert wird, führen nur wenige Jahrzehnte

nach dem Tod des Kaisers zu dessen Heiligsprechung. Auch

seine Gemahlin Kunigunde wird in der Folge heiliggesprochen.

MeIleNsTeIN

1007 eine Morgengabe wird zum Bistum

1. november auf der reichssynode in Frankfurt am main nahm

der Plan des Königs reale Gestalt an. Bamberg, der Lieblingsort

Heinrichs ii. und morgengabe seiner Gemahlin Kunigunde, wurde

zum Bistum erhoben. unproblematisch war dieser schritt, mit

dem der Herrscher sich ein neues, eigenes machtzentrum inner

halb des reiches zu schaffen suchte, allerdings nicht. immerhin

gehörte der größte Teil des vorgesehenen Bistumsgebiets zum

Gebiet der Würzburger diözese, ein anderer zum Bistum eich

stätt. Heinrichs diplomatische Bemühungen im Vorfeld der syn

ode, mit großzügigen Versprechungen den Würzburger Bischof

auf seine seite zu ziehen, schlugen fehl. der Oberhirte erschien

 

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nicht auf der Versammlung und sein eingesetzter stellvertreter

setzte alles daran, die stimmung gegen den König anzuheizen.

Heinrich ii. hingegen verteidigte sein Vorhaben mit dem Verweis

auf die notwendigkeit, ein missionsbistum für den Osten einzu

richten und zugleich das machtvakuum zu füllen, das sich mit

der unterwerfung Heinrichs von schweinfurt ergeben hatte. es

war der mainzer erzbischof Willigis, der dem königlichen Plan

letztlich die Zustimmung der synode zu sichern verhalf. Bamberg

stieg nun zur königlichen Hauptresidenz auf. das Bistum wurde

in der Folge mit reichen schenkungen ausgestattet und kurz dar

auf unmittelbar dem Heiligen stuhl unterstellt.

 

1024 Auf dem Höhepunkt seiner Macht erkrankt Heinrich II. schwer

und stirbt in der Pfalz Grona. Beigesetzt wird er seinem Wunsch

gemäß im Bamberger Dom. Mit dem Tod des kinderlos verstor-

benen Heinrich II. erlischt das Haus im Mannesstamm. Gemäß

dem Erbrecht gibt es indes potenzielle Thronanwärter, aus de-

nen das Geschlecht der Salier triumphierend hervorgeht.

 

dynastiewechsel zu den saliern

 

1024 In Kamba wird der 35-jährige Salier Konrad II. von einer Versamm-

lung der geistlichen und weltlichen Großen des Reichs zum

Nachfolger Heinrichs II. gewählt. Das Herrschaftszentrum des

Reichs verschiebt sich nun an den Rhein, wo die Salier um Worms

und Speyer begütert sind. In speyer wird nur wenige Monate

nach Konrads Thronbesteigung der Grundstein zur Krypta des

Kaiserdoms gelegt, der den Saliern als Grablege dient. Konrad bleibt für die Dauer seiner Regierung ein rastloser Herr-

scher. Durch seine Präsenz an den Unruheherden versteht er es,

die Opposition in Schach zu halten. Außenpolitisch zeigt er sich

 

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als geschickter Diplomat, der Spannungen v. a. in Italien – im

Gegensatz zu zahlreichen anderen Kaisern des Heiligen Römi-

schen Reichs – nicht immer mit Krieg zu lösen weiß. Tatkraft und hartes Durchgreifen zeichnen den Herrscher aus.

Von besonderer Bedeutung ist seine Gesetzgebung zum Lehens-

wesen: Die Stellung der Untervasallen, die eine tragende Basis

königlicher Herrschaft sind, wird ausgebaut. Konrad festigt die

zentrale Macht im Reich, das durch den Zuwachs von Burgund

eine herausragende Stellung im Verbund der europäischen Rei-

che einnimmt. Zugleich gelingt es ihm, die östlichen Reichsgren-

zen zu sichern.

1033 Nach dem Tod Rudolfs III. übernimmt Konrad II., wie zuvor im

Vertrag von Basel festgelegt, als König die Herrschaft über Bur-

gund. Mit der Angliederung Burgunds an das Reich regiert Kon-

rad in Personalunion als Erster die drei Königreiche »Deutsch-

land«, »Italien« und »Burgund«.

1039 Konrad II. stirbt in Utrecht, wo seine Eingeweide beigesetzt wer-

den. Der Leichnam findet seine letzte Ruhe in der Vorkrypta des

Domes zu Speyer.

1046 Heinrich III., der Konrad II. auf den Thron folgt, betreibt mit den

synoden von sutri und Rom entscheidende Schritte zur Kirchen-

reform. Unter dem Einfluss des Saliers werden die drei Päpste

Gregor VI., Silvester III. und wenig später auch Benedikt IX. ab-

gesetzt. Nach der Beseitigung des Schismas geht Heinrich daran,

die Vormachtstellung der römischen Familien bei der Besetzung

des Stuhles Petri zu brechen. Der Bamberger Bischof Suitger

wird an Weihnachten als Papst Clemens II. neues Oberhaupt der

Christenheit und krönt Heinrich III. zum Kaiser. 1054 Das »schisma von 1054« (»Morgenländisches Schisma«) be-

ginnt, als sich die Oberhäupter der Ost- und der Westkirche vor

dem Hintergrund ihres jeweiligen universalen Herrschaftsan-

spruchs gegenseitig bannen. Damit wird die Christenheit nach-

haltig in eine römische und eine orthodoxe Kirche gespalten.

 

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1056 Der erst sechsjährige Heinrich IV. wird als Nachfolger seines Va-

ters König. Die Kaiserwitwe Agnes stützt sich während der Un-

mündigkeit ihres Sohnes auf einflussreiche Berater, darunter

den Abt Hugo von Cluny als Taufpate Heinrichs IV. und den

mächtigen Erzbischof Anno von Köln. Die Herrschaft Heinrichs steht unter keinem guten Stern. Zeitle-

bens muss sich der Herrscher gegen eine starke Opposition be-

haupten. Prägend für seine Geschicke ist der lange Investitur-

streit mit den Reformpäpsten. Durch die Auseinandersetzung

mit dem Papst wird die Natur des Königtums selbst infrage ge-

stellt. Der gebannte Heinrich kann durch den Bußgang nach Ca-

nossa nur mir knapper Not seiner Absetzung entgehen. Doch

auch in der Folgezeit bleibt seine Position im Reich schwierig,

bis er am Ende seines Lebens durch den Verrat des eigenen Soh-

nes von diesem gefangen gesetzt wird und kurz nach seiner

Flucht stirbt.

1062 Anno von Köln übernimmt die Führung der Reichsregierung,

nachdem er den jungen Heinrich IV. auf einem Schiff bei Kai-

serswerth in seine Obhut gebracht hat.

1065 In Worms findet die Schwertleite Heinrichs IV. statt. Der Trierer

Erzbischof Eberhard erteilt dabei den Segen. Gottfried der Bär-

tige trägt den Schild für den jungen König. Einige Monate später

übernimmt Heinrich die Regierung. Seine Mutter Agnes zieht

sich zur Buße nach Rom zurück.

1066 Wilhelm der eroberer, Herzog der Normandie, setzt mit einer ge-

waltigen Flotte nach England über, um seine Ansprüche auf den

englischen Thron geltend zu machen. In der schlacht bei Has-

tings bezwingt er seinen Kontrahenten Harold Godwinson. Wil-

helm zieht daraufhin nach London und lässt sich zum König

krönen. Damit begründet er die Herrschaft der Normannen in

England. Die Ereignisse im Umfeld der normannischen Invasion

und der Schacht von Hastings werden in einem kostbaren

 

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Wandschmuck, dem »Teppich von Bayeux«, für die Nachwelt

festgehalten.

1071 In der schlacht bei Mantzikert erleidet das byzantinische Heer

eine schwere Niederlage gegen die in Kleinasien vorrückenden

Seldschuken. Das Byzantinische Reich erlebt daraufhin eine

schwere innenpolitische Krise.

1073 Der Benediktinermönch Hildebrand besteigt als Papst Gregor VII.

den Stuhl Petri und macht sich daran, die Reform des Papsttums

energisch voranzutreiben. Seine Kampfansage gilt der Simonie,

d. h. der Verleihung geistlicher Ämter gegen Geld, der Priester-

ehe und der Laieninvestitur, d. h. der Einsetzung in das geistli-

che Amt durch weltliche Regenten.

1075 Teil von Gregors VII. Reformplänen ist es, den universalen Herr-

schaftsanspruch des Papstes gegenüber den weltlichen Herr-

schern durchzusetzen. Dieses legt Gregor im Memorandum

»Dictatus Papae« nieder, demzufolge das Oberhaupt der Kirche

zur Absetzung weltlicher Herrscher berechtigt ist. Mit diesem

Anspruch untergräbt der Papst die Auffassung von einem gottge-

wollten Königtum, was die Herrscher zu Reaktionen herausfor-

dert. Heinrich IV. gerät dabei in den Mittelpunkt des Konflikts. 1076 Heinrich IV. lässt nach Einberufung einer Reichsversammlung

nach Worms zwei Briefe verfassen, in denen er mit Härte auf das

Memorandum des Papstes reagiert. In dem einen Schreiben ruft

er in seiner Funktion als weltlicher Schutzherr (»patricius«)

Roms die Römer auf, gegen den Papst vorzugehen. Weiterhin

verlangt er von Gregor VII., den Stuhl Petri zu verlassen, auf den

er kein Anrecht habe. In noch schärferem Ton wird das zweite,

direkt an den Papst gerichtete Schreiben formuliert. Darin wird

Gregor als »Hildebrand, nicht mehr Papst, sondern falscher

Mönch« angeredet. Direkt fordert Heinrich IV. Gregor zur Ab-

dankung auf und beschuldigt ihn, durch Gewalt und Simonie zu

seinem Amt gelangt zu sein. Damit beginnt der sogenannte In-

vestiturstreit. In seinem Mittelpunkt steht die Frage, wer zur

 

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Einsetzung der Bischöfe und Äbte sowie zur zeremoniellen Ver-

leihung von Ring und Stab berechtigt ist.

Die Antwort des Papstes auf Heinrichs Schreiben lässt nicht lange

auf sich warten. Auf der Fastensynode im lateran wird der König

von Gregor VII. exkommuniziert und für abgesetzt erklärt. Hein-

richs Untertanen entbindet der Papst von allen gegenüber dem

Herrscher geleisteten Eiden. Die Fürsten schwören sich darauf-

hin bei einer Versammlung in Tribur gegenseitig, Heinrich nicht

länger als König anzuerkennen, wenn dieser nicht innerhalb ei-

nes Jahres und eines Tages nach dem päpstlichen Bannspruch

wieder in den Schoß der Kirche aufgenommen wird. 1077 In Forchheim wählt eine schwäbisch-sächsische Fraktion mit Ru-

dolf von Rheinfelden den ersten Gegenkönig der deutschen Ge-

schichte – sein Herrschaftsanspruch endet 1080 nach der

Schlacht an der Weißen Elster in Thüringen, in der Rudolf den

Tod findet.

MeIleNsTeIN

1077 ein König barfuß im schnee

25. januar Tagelang soll König Heinrich iV. barfuß und nur mit

dem Büßergewand bekleidet vor der Burg von Canossa ausgeharrt

haben, um Papst Gregor Vii. endlich zur aufhebung des Kirchen

banns zu bewegen. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. im Oktober

des Vorjahres hatte eine Versammlung der Fürsten in Tribur ent

schieden, dass sich der König bis zum jahrestag des Bann

spruchs von der exkommunikation lösen müsse, wenn er seiner

absetzung entgehen wolle. die Frist nahte heran. die Versamm

lung hatte den Papst für den 2. 2. nach augsburg eingeladen, um

den streit beizulegen. drei Tage lang ließ Gregor Vii. den König

im schnee warten, bis er diesen vom Bann löste und mit diesem

schritt wieder in die Kirchengemeinschaft aufnahm. maßgebli

chen anteil daran hatte die Fürsprache mathildes von Tuszien

wie auch des abtes Hugo von Cluny, des Taufpaten Heinrichs iV.

der Bußgang nach Canossa wird in der historischen Forschung

sehr unterschiedlich beurteilt. Während manche Historiker die

 

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These vertreten, dass Heinrichs Bußgang nach Canossa einen

nachhaltigen Prestigeverlust königlicher Herrschaft bedeutete,

betonen andere, dass der gebannte König den Papst mit seiner

theatralischen inszenierung in Wahrheit nur »genarrt« habe.

 

1085 König Alfons VI. erobert die alte westgotische Hauptstadt Toledo

von den Muslimen zurück und treibt damit die Reconquista der

Iberischen Halbinsel weiter voran.

um 1087 Der aus Nordafrika stammende und nach Italien geflohene Ge-

lehrte Constantinus Africanus stirbt, nachdem er die wichtigsten

medizinischen Werke aus dem Arabischen ins Lateinische über-

setzt hat. Damit werden die Wissensschätze aus dem Orient

erstmals im Abendland zugänglich.

1095 Auf dem Konzil von Clermont ruft Papst Urban II. zur Teilnahme

am Kreuzzug auf. Unter dem jubelnden Ruf der Massen, »Gott

will es!«, beginnt der erste Kreuzzug in die Levante. Während

die Ritter ihren langen Marsch sorgfältig vorbereiten, machen

sich die Horden des »Volkskreuzzugs« umgehend auf den Weg.

Die Ritterheere ziehen einige Monate später auf unterschiedli-

chen Routen los. An ihrer Spitze stehen hohe Adlige, jedoch

kein König.

MeIleNsTeIN

1096 Judenmassaker am Rhein

Frühjahr der Beginn der Kreuzzüge zum ende des 11. jh. be

deutete für die juden unter christlicher Herrschaft einen tiefen

einschnitt und bildete den auftakt zu einer Vielzahl von Pogro

men. Viele Zeitgenossen gaben den juden die schuld am Kreu

zestod Christi. Für diesen Frevel rache zu nehmen, erschien

vielen Kreuzfahrern als Teil ihres »gottgewollten« Werkes. eine

ausschlaggebende rolle für die judenmassaker im umfeld des

ersten Kreuzzuges spielte aber nicht zuletzt die aussicht auf

Plünderung jüdischer Habe. nachdem die jüdische Gemeinde

 

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von rouen in der normandie als erste von den Horden des

»Volkskreuzzugs« heimgesucht worden war, traf es im Frühling

des jahres 1096 die blühenden Gemeinden entlang dem rhein.

Kaiser Heinrich iV. war zu dieser Zeit aufgrund des Konflikts mit

Welf ii. in italien gebunden. in speyer gelang es dem Bischof,

die Gewalt abzuwenden und die juden weitgehend vor Übergrif

fen zu schützen. doch in mainz, Worms und anderen städten am

mittelrhein verübten Teilnehmer des Volkskreuzzuges, angeführt

von Graf emicho von Leiningen sowie dem Prediger Folkmar und

angetrieben von der unheilvollen Kombination aus religiöser in

brunst und Beutegier, ein Blutbad.

 

1098 Robert von Molesme gründet das Kloster Cîteaux. Die Zisterzien-

ser treten in ihrer Bedeutung als geistige Richtungsgeber all-

mählich die Nachfolge der Cluniazenser an, die für die Vorberei-

tung des ersten Kreuzzuges eine tragende Rolle spielten. Die Kreuzfahrer erreichen den Vorderen Orient. Nach monatelan-

ger Belagerung gelingt die Eroberung von Antiochia. In edessa

wird die erste Kreuzfahrerherrschaft eingerichtet. 1099 Im Sommer erobern die Kreuzfahrer Jerusalem und verüben ein

Massaker unter den Einwohnern der Heiligen Stadt. Der Herzog

von Niederlothringen, Gottfried von Bouillon, wird erster latei-

nischer Herrscher. Nicht letztlich gesichert ist, dass er auf den

Königstitels verzichtete und sich stattdessen »Advocatus sancti

sepulchri« (»Beschützer des Heiligen Grabes«) nennt. Angeblich

will er in der Stadt, in der Christus die Dornenkrone aufs Haupt

gesetzt wurde, keine Krone aus Gold tragen. Gottfried regiert

nur kurz. Sein Bruder Balduin folgt ihm nach und lässt sich in

Bethlehem zum König des Lateinischen Königreichs Jerusalem

krönen.

1105 Heinrich V. nimmt seinen Vater Heinrich IV. auf der Burg Bockel-

heim an der Nahe gefangen. Auf einer Versammlung in Ingel-

heim zwingt er ihn wenig später zur Abdankung.

 

Buch.indb 38 09.06.2009 18:30:27 Uhr

39 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

1106 Heinrich IV. kann aus der Gefangenschaft fliehen, stirbt aber

kurze Zeit später in Lüttich. Heinrich V. übernimmt die Herr-

schaft im Reich. Er ist der erste Herrscher, der seinen Vater ab-

setzt und sich durch die Unterstützung des Papstes zum Herr-

scher krönen kann. Bei seinem Herrschaftsantritt ist der Investi-

turstreit noch immer nicht beigelegt. Anfangs setzt der neue

Herrscher den von seinem Vater eingeschlagenen Konfliktkurs

fort, bevor im Wormser Konkordat schließlich eine Lösung ge-

funden wird. Am Ende seiner Herrschaft ist die Stellung des Kö-

nigtums stark geschwächt, während besonders im östlichen Teil

des Reichs weltliche wie geistliche Fürsten an Macht gewinnen.

Daneben bereitet die Herrschaft Heinrichs V. dem späteren Auf-

stieg der Staufer den Weg.

1107 In Frankreich wird der Investiturstreit beigelegt. In England wird

ein Konkordat geschlossen, durch das die Querelen um die In-

vestitur ebenfalls beigelegt werden.

1111 Heinrich V. erklärt im Vorvertrag von Turri und sutri seinen Ver-

zicht auf das Recht der Investitur. Papst Paschalis II. verpflichtet

sich im Gegenzug, alle Bischöfe und geistlichen Würdenträger

zur Rückgabe der königlichen Rechte und Güter anzuhalten. um 1119 Unter Führung Hugos von Payns, eines Adligen aus der Champa-

gne, schließen sich Ritter zu einer Gemeinschaft zum Schutz der

Pilgerwege zwischen Jerusalem und der Küste zusammen. König

Balduin überlässt ihnen den sogenannten Templum Salomonis,

die Al-Aksa-Moschee, auf dem Jerusalemer Tempelberg als

Hauptquartier. In der Folge entwickelt sich aus der Gemein-

schaft rasch der Orden der Templer.

MeIleNsTeIN

1122 Das ende des Investiturstreits

23. september der Papst, und nur er allein, hatte das recht,

die investitur der Bischöfe und Äbte mit ring und stab vorzuneh

men. im Wormser Konkordat legten Papst Calixt ii. und Hein

 

Buch.indb 39 09.06.2009 18:30:28 Uhr

919–1495 40

 

rich V. den schon über jahrzehnte währenden investiturstreit for

mal bei. der dort formulierte Kompromiss sah vor, dass der König

freie Wahlen und Weihen der Bischöfe und Äbte zuließ und das

Kirchengut zurückerstattete, das er und sein Vater Heinrich iV.

an sich gezogen hatten. im Gegenzug räumte Calixt ii. dem Kö

nig ein, bei der Bischofswahl anwesend zu sein. Ferner sollte der

Gewählte im reich noch vor seiner Weihe die sogenannte regali

eninvestitur mit dem Zepter durch den König erhalten. in diesem

Zusammenhang fand erstmals der Begriff »deutsches reich«

(»regnum Teutonicum«) Verwendung, der sich in der Folgezeit

durchsetzte. jeder investierte war dem monarchen zum Königs

dienst (»servitium regis«) wie zur Leistung des Treueeides ver

pflichtet – Bischöfe und Äbte nahmen nunmehr den rang könig

licher Vasallen ein.

 

1122 Nachdem die Übereinkunft des Wormser Konkordats vor den To-

ren der Stadt verlesen worden war, löst der Papst den Bann über

Heinrich V. und nimmt den König mit der Feier des Abendmahls

wieder in die Gemeinschaft der Kirche auf.

1125 Heinrich V. stirbt kinderlos in Utrecht, womit die Dynastie der Sa-

lier erlischt. Sein Leichnam wird nach Speyer überführt und im

Kaiserdom beigesetzt. Seine Witwe Mathilde kehrt nach Eng-

land zurück. Sie heiratet den Grafen Gottfried von Anjou. Aus

der Eheverbindung entstammt der spätere englische König

Heinrich II. Der von Heinrich V. auf dem Totenbett zum Nach-

folger designierte Herzog Friedrich von Schwaben wird von den

Fürsten nicht unterstützt. Ein vierzigköpfiges Wahlmännergre-

mium wählt stattdessen den 52 Jahre alten, kinderlosen Herzog

von Sachsen, lothar III., zum König – mit diesem Akt, in dem ri-

valisierende Fürstengruppen die Thronfolge zu objektivieren

trachten, beginnt der Streit zwischen Welfen und Staufern.

 

Buch.indb 40 09.06.2009 18:30:28 Uhr

41 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

Könige und Kaiser der staufer

 

1127 Roger II. gründet in Süditalien das normannische Königreich bei-

der Sizilien.

1138 Nach langem Streit um die Thronfolge wird schließlich Kon-

rad III., der sich als Gegenkönig gegen den 1137 verstorbenen

Lothar III. erhoben hatte, als erster Staufer zum König des Reichs

gewählt. Seine Macht steht auf einer schwachen Grundlage, die

Konrad durch geschickte Heiratspolitik und Förderung etwa der

Städte und Orden wie der Zisterzienser zu stärken sucht. Einen

Mittelpunkt seiner Herrschaft nimmt die Auseinandersetzung

mit den mächtigen Welfen ein, die dem König erfolgreich die

Stirn bieten und an seinen Kräften zehren. Eine zusätzliche

Schwächung bringt die glücklose Teilnahme am zweiten Kreuz-

zug, in dessen Rahmen sich der Versuch der Eroberung von Da-

maskus als entscheidender Strategiefehler erweist. Immerhin

gelingt es Konrad, die dynastische Folge zu sichern. 1144 Die Kreuzfahrerherrschaft Edessa wird von den Muslimen unter

Führung des Atabek Zengi zurückerobert. Der Papst ruft in der

Folge zum zweiten Kreuzzug auf.

1146 Der charismatische Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux über-

redet Konrad III., das Kreuz zu nehmen.

1148 Der Zug ins Heilige Land endet erfolglos. Nachdem die Kreuzfah-

rer einen Angriff auf Damaskus starten, müssen die unzurei-

chend vorbereiteten Christen die Belagerung aufgeben. Kon-

rad III. reist nach Europa zurück. Heinrich II. wird von Papst Eu-

gen III. heiliggesprochen.

1152 Konrad III. stirbt noch, bevor die Streitigkeiten mit Heinrich dem

löwen beigelegt sind. Der König wird im Bamberger Dom beige-

setzt. Auf dem Königsthron folgt ihm Friedrich I. Barbarossa

nach. Nicht zuletzt durch seine lange Regierungszeit von nahezu

vier Jahrzehnten ist Friedrich I., der Kaiser mit dem »roten Bart«

 

Buch.indb 41 09.06.2009 18:30:28 Uhr

919–1495 42

(»Barbarossa«), eine der prägendsten Herrschergestalten des

deutschen Mittelalters. Es gelingt ihm durch ebenso kluges dip-

lomatisches Taktieren wie durch politische Stärke, die langjähri-

gen Auseinandersetzungen mit den Welfen beizulegen. Dabei

verbringt der Kaiser einen großen Teil seines Lebens im Sattel,

um sowohl im Reich als auch in Italien die Verhältnisse in sei-

nem Sinn zu ordnen.

Kennzeichnend für die Herrschaft Friedrichs I. ist die Hinwen-

dung zu einem »Heiligen Reich« (»Sacrum Imperium«), die so-

wohl durch die Überführung der Gebeine der Heiligen Drei Kö-

nige nach Köln als auch durch den Versuch der Heiligsprechung

Karls des Großen äußerlich Gestalt annimmt. Das »Heilige

Reich«, so wurde mit der Bezeichnung zum Ausdruck gebracht,

sei dabei kein Ableger der »heiligen Kirche«, sondern eine eigen-

ständige, gleichwertige Größe.

Aus dem »Sacrum Imperium«, 1157 erstmals in Urkunden Fried-

richs I. Barbarossa erwähnt, entwickelt sich die 1254 erstmals in

den Königsurkunden auftauchende Bezeichnung »Sacrum Ro-

manum Imperium«; in deutscher Sprache tritt dieses »Heilige

Römische Reich« erstmals bei Karl IV. auf. Der Zusatz »deut-

scher Nation« (»Nationis Germanicae«) ist erstmals 1486 in ei-

nem Reichsgesetz belegt und wurde als Gesamtformel ab 1512

gebräuchlich – als Einschränkung der »deutschen Lande« ge-

genüber den Reichsteilen Italien und Burgund. Bereits im 11. Jh.

aufgekommen war die Bezeichnung »Römischer König« (nicht:

»Deutscher König«) für den noch nicht zum Kaiser gekrönten

König im Heiligen Römischen Reich.

Um regieren zu können, sind die Könige des Heiligen Römischen

Reichs auf die Mitwirkung der großen Reichsfürsten – etwa der

Herzöge von Sachsen, Bayern, Schwaben – angewiesen. Bedingt

durch die föderale Struktur, die das Reich von anderen Monar-

chien Europas grundlegend unterscheidet, ringen sie mit Lan-

desregenten um die Macht – beginnend bei der Frage, wer in der

 

Buch.indb 42 09.06.2009 18:30:29 Uhr

43 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

»Wahlmonarchie« überhaupt zum König gewählt werden soll

und zu welchen in der »Wahlkapitulation« genannten Bedin-

gungen der Prätendent die Thronfolge antreten kann. 1154 Friedrich I. bricht zu seinem ersten Italienzug auf und wird von

Papst Hadrian IV. zum Kaiser gekrönt. Dennoch werden die

Spannungen mit dem Papsttum ebenso offensichtlich wie die

Konflikte mit den oberitalienischen Städten, die die Kräfte des

Herrschers immer wieder binden.

MeIleNsTeIN

1164 Die Heiligen Drei Könige von Köln

23. juli ein besonders kostbares Geschenk brachte der reichs

kanzler und erzbischof von Köln aus italien mit an den rhein.

Während der Belagerung von mailand hatte Kaiser Friedrich i.

Barbarossa 1158 die Gebeine der Heiligen drei Könige, die der

frommen Überlieferung zufolge seit jahrhunderten in der Kirche

des heiligen eustorgius ruhten, heben und zunächst in das inner

städtisch gelegene Gotteshaus von sankt Georg bringen lassen.

Kurz darauf übergab er die wertvollen reliquien in die Obhut sei

nes reichskanzlers. die symbolkraft, die der Besitz der heiligen

Gebeine der »ersten christlichen Könige« gleichsam programma

tisch für das reich bedeutete, lässt sich kaum überschätzen. sie

war gegenüber dem Heiligen stuhl ein deutliches Zeichen von

staufischer machtentfaltung und ein Herrschaftsverständnis, das

sich auch durch die Hebung der Gebeine Karls des Großen mani

festierte. die Gebeine der Heiligen drei Könige, für die ein präch

tiger, goldener schrein gefertigt wurde, bescherten Köln in der

Folgezeit ströme von Pilgern. der ansturm der Gläubigen war ein

Grund für den Bau einer neuen, großen Kathedrale.

 

1165 Nach der von Rainald von Dassel inspirierten Aufhebung der Ge-

beine Karls des Großen lässt Friedrichs I. Barbarossa den Karo-

linger durch den Gegenpapst Paschalis II. heiligsprechen. Die

Heiligsprechung wird jedoch nicht allgemein anerkannt.

 

Buch.indb 43 09.06.2009 18:30:29 Uhr

919–1495 44

1167 Bei der Belagerung von Rom grassiert eine Seuche im Heer Fried-

richs I., der viele weltliche und kirchliche Würdenträger zum

Opfer fallen, darunter auch der Kölner Erzbischof Rainald von

Dassel.

1176 In der schlacht bei legnano wird das Heer Friedrichs I. Barba-

rossa von den lombardischen Truppen besiegt, als Friedrichs

Vetter, Heinrich der Löwe, unerwartet seine Hilfe verweigert. In

der Folge kommt es zu Verhandlungen und Friedensschlüssen

zwischen Friedrich und Papst Alexander III. sowie dem Lombar-

denbund.

1178 bis Heinrich der Löwe, der im Nordwesten des Reichs nach einer kö-

1181 nigsgleichen Stellung strebende Herzog von Sachsen und Bay-

ern, bleibt eine Quelle der Unruhe im Reich. Der Welfe wird von

seinem Vetter Friedrich I. Barbarossa im Rahmen zweier Pro-

zesse seiner Lehen enthoben.

1179 Das dritte Laterankonzil erlässt umfangreiche Bestimmungen

über den Umgang mit Leprakranken. Diese sollen nicht mit Ge-

sunden zusammenleben, sondern gemeinschaftlich in einem ei-

genen Haus untergebracht sein. Dazu kommen ein eigenes Got-

teshaus sowie ein eigener Friedhof.

Hildegard von Bingen stirbt hochbetagt in ihrem Kloster Ruperts-

berg. Zeit ihres Lebens hat sie Visionen, die sie ebenso wie ihre

Konzepte zur Krankenbehandlung niederschreibt. Ihre Werke

finden bei den Zeitgenossen weite Verbreitung.

MeIleNsTeIN

1184 Prunkvolle schwertleite der Königssöhne

20. mai es war ohne Frage der glanzvollste Hoftag unter seiner

Herrschaft. Kaiser Friedrich i. Barbarossa nutzte die einstweilige

ruhe nach Beilegung der Zwistigkeiten in italien, um nun auch

die schwelenden unruheherde im reich zu löschen, und lud

nach mainz. Höhepunkt des mainzer Hoftages war die schwert

leite der beiden söhne Friedrichs i., Heinrichs und Friedrichs,

 

Buch.indb 44 09.06.2009 18:30:29 Uhr

45 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

am Pfingstmontag. Graf Balduin von Hennegau fiel die ehrenvolle

aufgabe zu, das schwert in einer feierlichen Prozession zu erzbi

schof Konrad von Wittelsbach in den mainzer dom zu bringen.

scharen von menschen aus dem reich und den umgebenden

Ländern strömten an den rhein, um Zeugen des prunkvollen

schauspiels zu werden. in der rheinebene hatte der Kaiser ei

gens eine hölzerne Feststadt errichten lassen, wo narren, dich

ter, Gaukler und spielleute die Festgäste mit ihrer Kunst erfreu

ten. der Hoftag verfehlte seinen Zweck nicht. so kam auch Hein

rich der Löwe nach mainz, um Friedrich i. ein englisches

Bündnisangebot gegen Frankreich zu unterbreiten. Zwar resul

tierte hieraus keine Versöhnung der beiden Kontrahenten, doch

wies der Kaiser den Bündnisvorschlag nicht von der Hand.

 

1187 Das größte Heer, das das Lateinische Königreich Jerusalem aufzu-

bieten hat, wird von Sultan saladin in der schlacht bei den Hör-

nern von Hittin in Galiläa nahezu vollständig aufgerieben. Wenig

später fällt Jerusalem in die Hand der Muslime. Der Fall Jerusa-

lems löst den dritten Kreuzzug aus.

1189 Friedrich I. Barbarossa bricht ebenso wie der englische König Ri-

chard I. löwenherz und der französische König Philipp II. Au-

gustus zum Kreuzzug in den Orient auf. Auf dem Zug ertrinkt

der 70-jährige Barbarossa wenige Monate später im Fluss Sa-

leph.

MeIleNsTeIN

1190 Im Feldlazarett vor den Toren von Akko

medizinische Hilfe war während der monatelangen Belagerung

der Hafenstadt akko durch die von richard i. Löwenherz und

dem französischen König Philipp ii. augustus angeführten Kreuz

fahrer oft vonnöten. nach den tragischen ereignissen auf ihrem

marsch hatte nur ein kleines Kontingent deutscher Kreuzfahrer

das Heilige Land erreicht und an der eroberung akkos teilgenom

 

Buch.indb 45 09.06.2009 18:30:30 Uhr

919–1495 46

 

men. einige von diesen schlossen sich angesichts der Verwunde

ten, Kranken und Bedürftigen zu einer spitalbruderschaft zusam

men, aus der sich in der Folgezeit der deutsche Orden entwi

ckeln sollte. dabei folgte der geistliche ritterorden dem Beispiel

der johanniter und Templer. im unterschied zu diesen internati

onal geprägten Gemeinschaften gehörten dem deutschen Orden

v. a. Brüder aus dem deutschsprachigen reichsgebiet an. das

Hauptspital des deutschen Ordens in der Levante war kleiner als

das der johanniter, verfügte jedoch ebenso über Heilkundige zur

Behandlung der Kranken. nach dem Fall des Heiligen Landes be

zog der Orden zunächst ein neues Hauptquartier in Venedig und

verlegte dieses im jahr 1309 ein weiteres mal – in die marien

burg in Ostpreußen.

 

1194 In Jesi in der Mark Ancona erblickt Friedrich II. das Licht der

Welt. Der spätere König und Kaiser besucht das Reich nur sel-

ten. Er ist seiner süditalienischen, multikulturellen Heimat ver-

wurzelt, die auch sein Leben maßgeblich prägt. Zu jung, um die

Nachfolge seines Vaters bereits anzutreten, wird er zunächst

zur Schachfigur in einem Spiel unterschiedlicher Interessen.

Kennzeichnend für seine spätere Herrschaft sind sowohl die

Härte, mit denen er seine Ziele verfolgt, wie eine exquisite Bil-

dung auf der anderen Seite. Er fördert die Wissenschaften, in

denen er sich selbst betätigt. Dies bringt ihm in den Augen

feindlich gesinnter Zeitgenossen den Ruf einer unheimlichen

Aura.

Wohl kein zweiter Herrscher ist bereits zu Lebzeiten so zwiespäl-

tig beurteilt worden. Für die einen ist er »das Staunen der Welt«

(»stupor mundi«), für die anderen ein unheimlicher Ketzer. Er

korrespondiert mit orientalischen Herrschern über die Falken-

zucht und verfasst auf Anregung seines Sohnes Manfred ein ei-

genes Buch über die Falkenjagd. Gebannt, weil er seinem Eid

entsprechend nicht zum geplanten Zeitpunkt zum Kreuzzug

 

Buch.indb 46 09.06.2009 18:30:30 Uhr

47 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

aufbricht, schifft er sich schließlich doch in Richtung auf die Le-

vante ein. Kampflos gelingt es Friedrich, der die arabische Spra-

che beherrscht, im Vertrag von Jaffa den Sultan al-Kamil zur

zeitweiligen Überlassung Jerusalems zu bewegen. Besonders die

spätere Herrschaftsphase ist geprägt durch eine lang anhaltende

Auseinandersetzung mit dem Papsttum. Friedrich beharrt dar-

auf, dass Gott allein den König bestimmt. Der Kaiser stirbt, ohne

dass der päpstliche Bann gelöst ist.

1198 Bei der Doppelwahl im Heiligen Römischen Reich kann sich

Otto IV. von Braunschweig gegen Philipp von schwaben durch-

setzen, wird jedoch später von dem bayerischen Herzog Otto

von Wittelsbach ermordet.

um 1200 Im Umfeld des Passauer Bischofs Wolfger von Erla verfasst ein an-

onymer Dichter das »Nibelungenlied«. 1202 Der Italiener leonardo Fibonacci macht in seinem Werk »Liber

abbaci« das arabische Zahlensystem im Abendland bekannt. 1212 Friedrich II. wird zum König des Heiligen Römischen Reichs ge-

wählt.

1214 Infolge der verlorenen schlacht von Bouvines verliert der engli-

sche König Johann I. »ohne Land« durch den Frieden von Chi-

non alle Besitzungen nördlich der Loire einschließlich der Nor-

mandie. Nur das Herzogtum Aquitanien (Guyenne) bleibt engli-

sches Lehen auf dem Kontinent und wird in der Folgezeit

mehrfach zum Gegenstand der Auseinandersetzungen zwischen

England und Frankreich. Diese gipfeln in der ersten Hälfte des

14. Jh. im Hundertjährigen Krieg.

1215 In der »Magna Charta« zwingen die englischen Barone Johann

ohne Land, ihr traditionelles Widerstandsrecht anzuerkennen.

Das Dokument mit Verfassungscharakter widmet sich darüber

hinaus Fragen des Lehnrechts.

Das vierte Laterankonzil bestimmt, dass Juden sich durch eine be-

stimmte Kleidung kenntlich machen müssen. An ihrem Gewand

sollen sie einen gelben Ring tragen.

 

Buch.indb 47 09.06.2009 18:30:31 Uhr

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1220 Friedrich II. wird zum Kaiser gekrönt.

MeIleNsTeIN

um Im spiegel des Rechts

1224/1225 das älteste und zugleich wohl bedeutendste rechtsbuch des

deutschen mittelalters ist der »sachsenspiegel« des eike von

repgow. Zunächst in lateinischer sprache verfasst, wurde das

Werk auf Betreiben des Grafen Hoyer von Falkenstein ins deut

sche übersetzt. damit wurde der »sachsenspiegel« nicht nur zum

ersten überlieferten rechtszeugnis in deutscher sprache, son

dern zugleich zum herausragenden Frühwerk der deutschsprachi

gen Prosaliteratur des mittelalters. der »sachsenspiegel« hielt

das v. a. mündlich weitergegebene Gewohnheitsrecht schriftlich

fest. in seiner ursprünglichen Form umfasste er die zwei rechts

bereiche des Land und des Lehnrechts. das Landrecht regelte

als recht aller Freien einschließlich der freien Bauern alle

Grundstücks und Güterfragen wie auch erbschafts, ehe und

nachbarschaftsangelegenheiten. Hinzu kamen das strafrecht und

die Gerichtsverfassung. demgegenüber bezog sich das Lehnrecht

auf die rechtsverhältnisse der stände untereinander sowie die

Königswahl und Verpflichtungen durch Lehen.

1226 Franz von Assisi, der Begründer des Franziskanerordens, stirbt

und wird nur zwei Jahre nach seinem Tod heiliggesprochen.

MeIleNsTeIN

1226 Deutscher Orden in Preußen angekommen

im märz ein goldenes siegel, Bulle genannt, prangte unter der

feierlichen urkunde, die Kaiser Friedrich ii. im italienischen ri

mini ausstellen ließ. darin bestätigte der staufer dem Hochmeis

ter des deutschen Ordens, Hermann von salza, und den Brüdern

die Herrschaft über das im heutigen Polen gelegene Kulmerland.

dieses war dem Orden von Herzog Konrad i. von masowien über

antwortet worden. Vom Kulmerland aus sollten die ritterbrüder

gegen die heidnischen Preußen in die schlacht ziehen und diese

unterwerfen. alle Gebiete, die im rahmen der Feldzüge erobert

 

Buch.indb 48 09.06.2009 18:30:31 Uhr

49 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

wurden, sollten laut den Bestimmungen der Goldenen Bulle an

den Orden fallen. Zugleich wurde diesem souveräne Herrschaft

über das eroberungsgebiet nebst eigener Gerichtsbarkeit zugesi

chert. damit legte die »Goldene Bulle von rimini« den Grund

stein für die Herausbildung einer Herrschaft des deutschen Or

dens über Preußen. nicht zuletzt aufgrund der weitreichenden

machtbefugnisse, die das dokument dem Orden einräumte, wie

auch der fehlenden datierung wurde die echtheit der »Goldenen

Bulle von rimini« lange Zeit infrage gestellt. inzwischen wird

diese jedoch allgemein anerkannt.

 

1229 Friedrich II. krönt sich in der Grabeskirche selbst zum König von

Jerusalem. Durch den Vertrag von Jaffa hat der Kaiser die Heilige

Stadt für einige Jahre für die Christenheit zurückgewonnen. 1231 Durch das »statutum in favorem principum« wird Heinrich VII.,

der 1220 von den Reichsfürsten zum König gewählte Sohn Fried-

richs II., auf dem Hoftag von Worms genötigt, den weltlichen

Fürsten die gleichen Rechte wie den geistlichen zuzugestehen.

Friedrich II. bestätigt das Statut ein Jahr später. Papst Gregor IX. legt die Durchführung der Inquisition in die

Hände der Bettelorden. Insbesondere die Dominikaner tun sich

in der Folgezeit darin hervor.

1235 Zum ersten Mal wird in deutscher Sprache im Mainzer Reichs-

landfrieden ein Reichsgesetz erlassen, das auf eine Sicherung der

königlichen Gerichts- und Herrschaftspraxis abzielt.

MeIleNsTeIN

1248 Baubeginn an der längsten Baustelle der Welt

15. august Lange war der Plan gereift, nun wurde er in die Tat

umgesetzt. die kostbaren Gebeine der Heiligen drei Könige in

Köln sollten ein größeres, würdigeres Haus bekommen. Zunächst

war das Vorhaben kläglich gescheitert, den alten dom umzu

bauen und zu diesem Zweck den Ostchor durch einen kontrollier

 

Buch.indb 49 09.06.2009 18:30:32 Uhr

919–1495 50

 

ten Brand abzureißen. das Feuer zerstörte nahezu den ganzen

Bau, sodass ein neuer dom errichtet werden musste. nach den

Plänen des dombaumeisters Gerhard von rile ging man ans

Werk. Bei seinen entwürfen hatte die Kathedrale von amiens

Pate gestanden. auch nachdem die Kölner die bischöfliche Ober

herrschaft in der schlacht bei Worringen abgeschüttelt hatten

und der erzbischof den dom nur noch selten aufsuchte, ging der

Bau ungehindert voran. am 27. 9. 1322 wurde der Chor geweiht,

wohin die reliquien der Heiligen drei Könige überführt wurden.

es dauerte jedoch noch nahezu ein jahrhundert, bis die erste

Glocke im südturm aufgehängt werden konnte. in der Folgezeit

wurden die Bauarbeiten nur noch schleppend vorangetrieben, be

vor sie in der ersten Hälfte des 16. jh. einstweilen vollends zum

erliegen kamen. das Bild des unfertigen doms prägte vorerst die

Kölner stadtsilhouette. erst 1880 wurde der dombau vollendet.

 

1250 Mit dem Tod Friedrichs II. löst sich die staufische Herrschaft im

Reich und in Süditalien auf.

1254 Nach dem Tod Konrads IV. beginnt die kaiserlose Zeit des Interre-

gnums. Angesichts der Unsicherheit im Reich kommt es zur

Gründung eines ersten Rheinischen Städtebundes, dem 59

Städte angehören. Nachdem die Fürsten jedoch schon zwei Jahre

später nicht mehr auf der Bundesversammlung erscheinen, zer-

fällt das Bündnis wieder.

1260 Die Mamluken besiegen die Mongolen bei den Goliathsquellen.

Damit verlieren die Invasoren aus den Steppen Asiens den Ruf

ihrer Unbesiegbarkeit.

1268 Konradin, der letzte Staufer, wird hingerichtet. Mit seinem Tod

endet die Dynastie der Staufer, deren Epoche von der älteren

deutschen Geschichtsschreibung zur »Blütezeit deutscher Kai-

serherrlichkeit« geadelt worden ist.

1271 Der venezianische Kaufmannssohn Marco Polo bricht an der Seite

seines Vaters Nicolo und seines Onkels Maffeo zum Mongolen-

 

Buch.indb 50 09.06.2009 18:30:32 Uhr

51 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

kaiser Kublai-Khan nach China auf. Nach über zwanzig Jahren

kehrt er in seine Heimat zurück und diktiert während seiner Ge-

fangenschaft in Genua seine Erlebnisse einem Mitgefangenen,

der diese in mittelfranzösischer Sprache niederschreibt.

 

aufstieg der Habsburger

 

1273 Mit der Wahl des im Südwesten des Reichs begüterten Rudolfs I.

besteigt der erste Habsburger den Thron des Heiligen Römi-

schen Reichs; seine Wahl beendet das mit dem Tod des Staufers

Konrad IV. begonnene »Interregnum«. Es gelingt dem tatkräfti-

gen Monarchen, die Ordnung und das Gleichgewicht der Kräfte

im Reich wiederherzustellen. Indem er die Herzogtümer Öster-

reich, Steiermark und Krain an seine Söhne verleiht, legt Rudolf

den Grundstock für die Hausmacht der Habsburger im Südos-

ten des Reichs und den Aufstieg seiner Dynastie.

MeIleNsTeIN

1281 Neue Hanseniederlassung in london eröffnet

die Bleiplomben der Tuchballen gaben der neuen Hansenieder

lassung in London ihren namen. der »stalhof« sicherte künftig

die interessen der deutschen Kaufleute im Handel mit den eng

ländern. als der englische König Heinrich ii. um 1157 einer Ver

einigung Kölner Kaufherren umfangreiche Privilegien nebst der

erlaubnis des ungehinderten Warenhandels in London erteilte,

wurde damit ein wichtiger Grundstein für die entwicklung der

Hanse gelegt. Wenige jahre später schlossen sich westfälische,

lübische und sächsische Fernkaufleute, die regelmäßig die insel

Gotland aufsuchten, zu einer Genossenschaft zusammen. Lübeck

wurde zum »Haupt der Hanse«. am ende des 12. jh. begannen

die Hansekaufleute, deutsche Kaufmannsniederlassungen an den

Zentren ihrer Handelsaktivitäten zu gründen. der erste dieser

 

Buch.indb 51 09.06.2009 18:30:33 Uhr

919–1495 52

 

auslandsstützpunkte, später Petershof genannt, entstand in now

gorod. es folgten der Londoner »stalhof«, ein Haus in Brügge so

wie 1350 die »deutsche Brücke« im norwegischen Bergen. We

nig später ist in den schriftstücken erstmals die rede von den

»Kaufleuten der deutschen Hanse« (»düdesche Hanse«). Wäh

rend ihrer Blütezeit im 14. jh. umfasste die vom Kaufmanns

zum städtebund avancierte Gemeinschaft rund 200 städte.

1288 In der schlacht bei Worringen besiegen die Kölner an der Seite des

Herzogs von Brabant sowie u. a. der Grafen von Jülich, Berg und

Kleve den Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg und seine

Verbündeten. Die Stadt Köln schüttelt die bischöfliche Herr-

schaft ab. Der Erzbischof kann seine Machtentfaltung in West-

falen nicht weiter fortsetzen.

1291 Mit der Hafenstadt Akko fällt der letzte Stützpunkt der Kreuzfah-

rer im Heiligen Land.

Die drei Gemeinden Uri, Schwyz und Unterwalden formieren sich

zu einem Bund (»eidgenossenschaft«) gegen die Expansionsbe-

strebungen der habsburgischen Landeshoheit.

1302 In der sporenschlacht bei Kortrijk wird das französische Reiter-

heer von den Flamen vernichtend geschlagen.

1307 Der französische König Philipp IV., der schöne, lässt durch einen

Geheimbefehl alle Templer in seinem Reich verhaften. Eine

lange Liste von Anklagen wird gegen die Brüder erhoben. Dazu

zählen u. a. Ketzerei, das Betreiben schwarzer Magie, Götzen-

dienst und Homosexualität. Nach einem spektakulären Prozess

wird der Orden einige Jahre später aufgelöst. Der letzte Groß-

meister, Jacob von Molay, wird in Paris verbrannt. 1309 Im Rahmen der Templerprozesse lässt sich Papst Clemens V. in

Avignon, an der Grenze zum Königreich Frankreich, nieder. Da-

mit beginnt die »Babylonische Gefangenschaft der Kirche«. 1314 ludwig IV., der Bayer, obsiegt nach der verhängnisvollen Doppel-

wahl im Reich gegen seinen Widersacher Friedrich den schönen.

 

Buch.indb 52 09.06.2009 18:30:33 Uhr

53 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

Die Basis für seine Herrschaft ist schwach. Auf dem Schlachtfeld

vermag Ludwig seine Stellung jedoch zu behaupten, seine Erb-

und Heiratspolitik festigen die dünne Machtgrundlage zusätz-

lich. Im Mittelpunkt seiner Politik steht die Förderung der

Städte. Er sieht in ihnen potenzielle Verbündete im Kampf ge-

gen die oppositionellen Fürsten. Wie wenig gefestigt sich die Po-

sition des Wittelsbachers letztlich zeigte, demonstriert der

Kampf um die Macht mit den Habsburgern wie den Luxembur-

gern. Diese gehen am Ende siegreich aus dem Konflikt hervor. 1315 Ein habsburgisches Ritterheer wird in der Schlacht von Morgaten

von der Schweizer Eidgenossenschaft besiegt. In der Folge

wächst die Eidgenossenschaft um zahlreiche weitere Gemein-

den wie Zürich, Luzern und Bern an.

1337 Die Streitfragen um die französische Thronfolge, das Herzogtum

Guyenne und die Anerkennung der Lehenshoheit führen zum

Hundertjährigen Krieg. Frankreich wird hart von den Kriegs-

kampagnen getroffen. Erst 116 Jahre später wird der Dauerkon-

flikt beigelegt.

1338 Der Kurverein von Rhense gibt eine grundlegende Richtline für die

Modalitäten der Königswahl im Heiligen Römischen Reich.

Demnach ist nur eine Wahl durch die Mehrheit der Kurfürsten

rechtens. Der Gewählte soll keiner päpstlichen Bestätigung be-

dürfen. Einzig der Krönungsakt selbst bleibt dem Papst vorbe-

halten.

1346 Der Luxemburger Karl IV. wird von den Kurfürsten zum König des

Heiligen Römischen Reichs gewählt. In die Zeit seiner Herr-

schaft fallen nachhaltige Reformen, darunter die »Goldene

Bulle«, die nicht nur die Rechte und Pflichten des Königs, des

Adels sowie der Städte, sondern auch die Modalitäten der

Königswahl durch die sieben Kurfürsten festschreibt. Karl, ein

hochgebildeter, in Frankreich sozialisierter Herrscher widmet

sich intensiv dem Ausbau seiner Hausmacht in Böhmen; beson-

ders Prag baut er – als erste Residenz des Heiligen Römischen

 

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Reichs, das (anders als die westeuropäischen Monarchien) keine

Hauptstadt besitzt – prachtvoll aus. 1355 zum Kaiser gewählt,

gelingt es ihm – als erster Herrscher seit den Staufern – seinen

Sohn Wenzel zum Nachfolger wählen zu lassen (1376).

MeIleNsTeIN

1348 Die erste Universität auf dem Boden des Reichs

7. april Vergleichsweise spät wurde mit der »alma mater Caro

lina« in Prag die erste universität im Heiligen römischen reich

gegründet. die Hochschulen in Bologna oder Padua, montpellier

oder Oxford blickten zu dieser Zeit bereits auf eine mehr als hun

dertjährige, ruhmreiche Geschichte zurück. mit der universitäts

gründung setzte Karl iV. ein weiteres Glanzlicht in seiner aufblü

henden residenzstadt Prag. die Organisation der Hochschule ori

entierte sich am Vorbild von Paris. der Lehrbetrieb widmete sich

vier Fakultäten: der juristischen, der theologischen, der medizini

schen sowie der artistenfakultät. Wie an anderen mittelalterli

chen universitäten waren die studierenden auch in Prag nach ih

rer geografischen Heimat in vier verschiedene »nationen« (»na

tiones«) geteilt. so gab es eine böhmische, eine polnische, eine

bayerische und eine sächsische nation. die an der Hochschule

von Beginn an zahlenmäßig am stärksten vertretene böhmische

»nation« erwirkte 1409 von König Wenzel iV. im Kuttenberger

dekret eine Privilegierung, die ihre stimmen mit denen der drei

übrigen »nationen« aufwog. in der Folge kehrten zahlreiche stu

denten und Professoren der sich benachteiligt fühlenden »natio

nen« Prag den rücken.

 

1348 Mit dem schwarzen Tod bricht ein Massensterben bislang unbe-

bis 1352 kannten Ausmaßes über Europa herein. Die Seuche bildet den

Auftakt zu einer langen Reihe verheerender Pestepidemien, die

die Städte in der Folgezeit immer wieder heimsuchen sollten.

Viele Zeitgenossen glauben, durch Frömmigkeitsbezeigungen

die durch göttlichen Zorn heraufbeschworene Seuche abwen-

den zu können. Diese Auffassung vertreten auf spektakuläre

 

Buch.indb 54 09.06.2009 18:30:34 Uhr

55 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

Weise die »Geißler«, die in großen Scharen durch das Land zie-

hen, Bußpsalmen singen und sich selbst mit Geißeln peitschen.

Der Heilige Stuhl gebietet dem Treiben, das die Stimmung zu-

sätzlich anheizt, schließlich Einhalt. Die Ärzte sind machtlos ge-

gen den Schwarzen Tod. Sie erklären das Phänomen mit schlech-

ten Ausdünstungen (Miasmen) in Kombination mit einer un-

günstigen Planetenkonstellation.

MeIleNsTeIN

1348 Der apokalyptische Reiter in europa

Begonnen hatte der schrecken im Frühjahr 1347 in der genuesi

schen Handelsniederlassung Caffa, dem heutigen Feodosia, auf

der Krim. Caffa wurde von den Tartaren belagert, in deren Heer

plötzlich rätselhafte Todesfälle auftauchten. doch die Belagerer

zogen nicht unverrichteter dinge ab: sie schleuderten die Körper

der Toten in die belagerte stadt, in der rasch das seuchenster

ben einsetzte. der schilderung des Chronisten Gabriele de mus

sis nach schleppten schiffsbesatzungen aus dem verseuchten

Caffa den schwarzen Tod in italien ein. sich seinen Weg nord

wärts bahnend, erreichte der schwarze Tod im sommer 1349

den Oberrhein. Zahlreiche deutsche städte wurden in den folgen

den monaten nahezu entvölkert. anderen wie Würzburg, wohl

auch augsburg und münchen, blieb dieses schicksal aus noch

ungeklärten Gründen erspart. im umfeld des unerklärlichen mas

sensterbens tauchte v. a. im deutschsprachigen reichsgebiet das

Gerücht auf, juden hätten die Brunnen vergiftet und so den

schwarzen Tod ausgelöst. noch bevor die seuche überhaupt aus

brach, wurden die jüdischen einwohner in den meisten städten

des deutschen reichs Opfer der blutigsten Pogrome vor dem Ho

locaust.

 

MeIleNsTeIN

1356 Der König und die Kurfürsten

10. januar das ringen um die modalitäten der Königswahl im

Heiligen römischen reich hatte in der prächtigen urkunde ein

 

Buch.indb 55 09.06.2009 18:30:34 Uhr

919–1495 56

 

für alle Parteien rechtlich bindendes ende gefunden. die »Gol

dene Bulle« bestimmte die Bischöfe von Köln, mainz und Trier,

den markgrafen von Brandenburg, den Herzog von sachsen, den

Pfalzgrafen bei rhein sowie den König von Böhmen zu den sie

ben Kurfürsten und bestätigte zugleich die dynastische erbwahl.

in aller ausführlichkeit wurden das Wahlverfahren wie auch die

Wahlordnung festgelegt. dies begann bei den modalitäten für das

Geleit der Kurfürsten, setzte sich mit Bestimmungen zur einbe

rufung und der sitzordnung sowie Fragen der stimmmehrheit

fort. Frankfurt am main wurde als Wahlort festgeschrieben. die

Bedeutung der »Goldenen Bulle« war nachhaltig: als erstes

reichsumfassendes Gesetz regelte sie bis zum ende des alten

reiches 1806 verbindlich die Formalitäten der Wahl zum König.

daneben legte die »Goldene Bulle« u. a. eine reihe von Verfü

gungen zum Zoll und münzwesen fest.

1368 In Augsburg sichern sich die Handwerker infolge eines Zunftauf-

standes politische Mitsprache im Stadtregiment. Sie setzen die

Aufstellung einer Zunftverfassung nach dem Beispiel anderer

Städte durch. Hans Fugger aus dem Lechfelddorf Graben lässt

sich in Augsburg nieder. Der Weber legt den Grundstein für den

beispiellosen Aufstieg der Familie zu den wohlhabendsten Kauf-

leuten in Europa.

MeIleNsTeIN

1370 Die Macht der Hanseaten

24. mai es ging um nicht weniger als die dänische Thronfolge.

Fern von Kaiser und Hof nahmen die Hanse und ihr Haupt Lü

beck im bewaffneten Konflikt mit dem dänischen König Walde

mar iV. atterdag eine rolle als Kriegspartei ein, die es ihnen er

möglichte, im Frieden von stralsund eigenständig zu handeln.

nachdem Waldemar ein gutes jahrzehnt zuvor auf der insel Got

land gelandet war und den bedeutenden Handelsplatz Visby ein

genommen hatte, fürchtete die Hanse angesichts des dänischen

expansionsdrangs um ihre wirtschaftlichen interessen in der Ost

 

Buch.indb 56 09.06.2009 18:30:35 Uhr

57 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

see. der Krieg zwischen dänen und Hanse begann. dieser trat

1367 in seine entscheidende Phase, als die Hanseaten in der

Kölner Konföderation ein militärbündnis gegen das Königreich

dänemark begründeten und Waldemar iV. atterdag in die Knie

zwangen. im Frieden von stralsund wurde der Hanse nach dem

Tod des Herrschers das recht auf mitsprache bei der dänischen

Thronfolge verbrieft. darüber hinaus erlangten die Hanseaten die

Kontrolle über die für den Handel in der Ostsee strategisch wich

tigen schlösser am Öresund, auch wenn Gotland einstweilen in

dänischer Hand blieb.

 

1378 Im großen »Abendländischen schisma« zerfällt die Einheit der

katholischen Christenheit für mehrere Jahrzehnte in verschie-

dene Obödienzen. Während Frankreich und seine Anhänger den

Papst in Avignon anerkennen, folgen das Heilige Römische

Reich und seine Verbündeten dem Papst in Rom. Schließlich

wählt das Konzil von Pisa noch einen dritten Papst.

MeIleNsTeIN

1381 städte verteidigen ihre Freiheit gegen die Fürsten

20. märz es war eine Frage der macht, als sich die städte

straßburg, speyer, Worms, mainz, Frankfurt und Hagenau zum

zweiten rheinischen städtebund zusammenschlossen. das

Bündnis, das den Zweck hatte, städtische souveränität gegen die

wachsenden ansprüche v. a. der Landesherren zu sichern, war

ebenso kurzlebig wie sein Vorgänger. der erste rheinische städ

tebund, dem 59 städte angehört hatten, hatte sich nach kaum

drei jahren 1257 in Wohlgefallen aufgelöst, als die Fürsten die

Bundesversammlungen nicht mehr besuchten. Kaum länger hatte

der zweite rheinische städtebund Bestand. noch im jahr seiner

Gründung verschmolz er mit dem schwäbischen Bund zum gro

ßen süddeutschen städtebund. nach erbitterten Kämpfen gegen

die Fürsten behielt der adel schließlich die Oberhand und schlug

die verbündeten städte 1388. im Landfrieden von eger erwirkten

die Fürsten und Herren schließlich das Verbot der städtebünde.

 

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1386 Bei Sempach wie auch zwei Jahre später bei Näfels siegt das Heer

der Schweizer Eidgenossenschaft über die Habsburger. Die Universität Heidelberg wird gegründet; nach Prag (1348) und

Wien (1365) ist sie die drittälteste Universität im Heiligen Römi-

schen Reich.

MeIleNsTeIN

1396 Niederlage gegen die Osmanen

25. september den taktischen Fehlern und dem Leichtsinn

folgte die niederlage des deutschungarischfranzösischen Hee

res. johann ohne Furcht, der sohn Herzog Philipps des Kühnen

von Burgund, führte das französische Truppenkontingent an. in

maßloser selbstüberschätzung bestand er darauf, den ersten

schlag gegen die Osmanen ohne das durch sigismund von Lu

xemburg befehligte deutschungarische Heer zu führen. Blind

lings liefen die Franzosen in die Falle, die sultan Bayezid ihnen

gestellt hatte. nicht besser erging es darauf dem geschwächten

deutschungarischen Heer. Während johann ohne Furcht in os

manische Gefangenschaft geriet und für ein hohes Lösegeld

freigekauft werden musste, gelang sigismund mit knapper not

die Flucht per schiff über die donau. angesichts der schweren

niederlage sahen sich die christlichen reiche vorerst außer

stande, dem Vordringen der Osmanen auf dem Balkan einhalt

zu gebieten.

1400 Mit Wenzel wird erstmals ein König des Heiligen Römischen Reichs

abgesetzt. Die vier rheinischen Kurfürsten werfen ihm Untätig-

keit und die Vernachlässigung der Reichsangelegenheiten vor.

Als sein Nachfolger wird Ruprecht von der Pfalz eingesetzt. 1402 Vor Helgoland gelingt es der Hanse, die Hauptleute der sogenann-

ten Vitalienbrüder gefangen zu nehmen, darunter vermutlich

Klaus störtebeker. Die Piraten werden in Hamburg geköpft. Im

Lauf des 15. Jh. laufen flämische und englische Kaufleute (»mer-

chant adventurers«) den Hanseaten auf See allmählich den Rang

ab.

 

Buch.indb 58 09.06.2009 18:30:35 Uhr

59 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

1410 Der zweite Sohn Karls IV., siegmund, wird zum König des Heili-

gen Römischen Reichs gewählt.

Der Deutsche Orden unterliegt in der schlacht bei Tannenberg,

einer der größten Schlachten des Mittelalters, gegen ein pol-

nisch-litauisches Heer. Im ersten Thorner Frieden (1411) kann

der Deutsche Orden sein Territorium jedoch behaupten.

MeIleNsTeIN

1414 Zu viele Päpste auf dem stuhl Petri

5. november Kriege und die drohende spaltung der Christenheit

waren die nicht länger hinnehmbaren Folgen des »abendländi

schen schismas«, das das unter der schirmherrschaft siegmunds

von Luxemburg nach Konstanz einberufene Konzil zu beenden

trachtete. mit Gregor Xii., Benedikt Xiii. und johannes XXiii. be

anspruchten gleich drei Päpste den stuhl Petri für sich. im april

1415 verabschiedete das Konzil ein dekret, in dem es die Ober

hoheit über den Papst verkündete und infolgedessen zunächst

johannes XXiii. absetzte. einige monate später konnte die Ver

sammlung auch Gregor Xii. zum rücktritt bewegen. dieser hatte

das Konzil zwar nicht anerkannt, sich zwecks Beendigung des

schismas aber per eid zur abdankung verpflichtet. Lediglich der

Gegenpapst Benedikt Xiii. weigerte sich hartnäckig, seinen an

spruch auf den stuhl Petri aufzugeben und der absetzung durch

das Konzil Folge zu leisten. er floh auf die iberische Halbinsel

nach Peñiscola, wo er bis zu seinem Tod blieb. nun war der Weg

frei für einen neuanfang. das Konzil wählte einen neuen Papst,

der den namen martin V. annahm und in der Folge das schisma

beendete.

 

1415 Jan Hus und Hieronymus von Prag erscheinen auf dem Konstan-

zer Konzil. Trotz Zusicherung freien Geleits werden beiden zum

Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Die Hinrichtung vermag

jedoch den Zulauf zur hussitischen Bewegung in Böhmen nicht

zu unterbinden. In der Folge kommt es zu anhaltenden kriegeri-

 

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schen Auseinandersetzungen. Die »Hussitenkriege« treffen be-

sonders das böhmische Grenzgebiet hart.

1431 Das Konzil von Basel widmet sich Fragen einer kirchlichen Re-

form und wird nach jahrelangen Zusammenkünften durch den

Papst aufgelöst. Dieser setzt damit ein Zeichen seiner Machtan-

sprüche gegen den Konzilsgedanken, der später durch Papst

Pius II. als Ketzerei verdammt wird.

 

aufbruch in eine neue Zeit

1440 Friedrich III. besteigt als König den Thron des Heiligen Römi-

schen Reiches und regiert von allen deutschen Herrschern am

längsten. Der zaudernde König verharrt in alten Strukturen und

konzentriert seine Kraft v. a. darauf, die von den Luxemburgern

hinterlassenen Konfliktfelder zu beseitigen.

MeIleNsTeIN

um 1450 eine technische Revolution hält einzug

ein lang gehegter Traum wurde durch die bahnbrechende erfin

dung des johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, zur Wirk

lichkeit. dank des von ihm entwickelten druckverfahrens mit

beweglichen Lettern mussten Texte nicht mehr mühsam von

Hand abgeschrieben werden, sondern konnten rasch in großer

stückzahl vervielfältigt werden – diese »medienrevolution«

machte in der Folge etwa die durchsetzung der reformation erst

möglich. nach vielen Fehlversuchen und herben rückschlägen

gelang es Gutenberg kurz nach der mitte des 15. jh., die be

rühmte 42zeilige Bibel als erstes Werk in mainz zu drucken.

die technische neuerung bestand darin, die Buchstaben des al

phabets als erhabene Formen auf rechteckige metalltypen aus

Blei anzubringen, wobei die Lettern beliebig in Zeilen angeord

net werden konnten. Gehalten wurden die Zeilen für jeweils ein

 

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61 Im Schatten von Burgen und Kathedralen

 

druckblatt durch einen rahmen. dieser druckstock wurde mit

Tinte eingefärbt und mithilfe einer Presse auf Papier oder Per

gament gedrückt. Während sich die ersten drucker bemühten,

die Form der zeitgenössischen Handschrift in ihren drucktypen

nachzuempfinden, entwickelten sich schon bald eigenständige

schrifttypen.

 

1453 Der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich fin-

det ein Ende. Die Osmanen erobern Konstantinopel. 1466 Nach verlustreichen Niederlagen sieht sich der Deutsche Orden

im zweiten Thorner Frieden zur Aufgabe seiner souveränen Ho-

heitsansprüche gezwungen und unterstellt sich der Lehnshoheit

der polnischen Könige.

1476 Die aggressive Politik des Burgunderherzogs Karl des Kühnen

führt zu einer Reihe kriegerischer Auseinandersetzungen mit

den Nachbarterritorien. Auch die Schweizer Eidgenossen-

schaft beteiligt sich an den Kriegen gegen Burgund. Sie kämpft

siegreich in den Schlachten von Grandson und Murten. Im

Folgejahr fällt Karl in der Schlacht bei Nancy. Seine Tochter

Maria von Burgund wird mit Maximilian von Habsburg verhei-

ratet.

1486 Der Habsburger Maximilian I., der heute noch als »letzter Ritter«

gilt, wird zum König des Heiligen Römischen Reichs gewählt. Er

versucht, das Reich zu reformieren. Es gelingt Maximilian dabei

durch geschickte Heiratspolitik sein Territorium um die spani-

sche Krone sowie die Anwartschaft auf Böhmen und Ungarn für

das Haus Habsburg entscheidend zu vergrößern und damit die

Grundlagen für ein Reich zu legen, in dem nach Zugewinn der

südamerikanischen Besitzungen die »Sonne niemals unter-

geht«.

 

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MeIleNsTeIN

1486 Wegbereiter des Hexenwahns

in tiefstem innern überzeugt von der existenz dunkler Zauber

kräfte und Hexerei, verfasste der dominikaner Heinrich Kramer,

genannt auch institoris, mit seinem »Hexenhammer« (»malleus

maleficarum«) das grundlegende Werk des europäischen Hexen

wahns. Gegliedert in drei Teile, nahm der »Hexenhammer« zu

nächst Bezug darauf, was eine Hexe ausmache, und brandmarkte

dabei v. a. Frauen als für das Übel der schwarzen magie anfällige

Wesen. im zweiten Teil des Werkes widmete sich der dominika

ner magischen Praktiken, um schließlich im dritten Teil richtli

nien für den ablauf von Hexenprozessen nebst Beschreibung bei

spielhafter Fälle aufzuzeichnen. die abfassung des »Hexenham

mers« erfolgte im zeitlichen umfeld der sogenannten Hexenbulle

Papst innozenz’ Viii. Bis in das 17. jh. erschienen nicht weniger

als 29 auflagen des »Hexenhammers«, worin sich die nachhal

tige Wirkung von Kramers Gedankengut auf die Zeitgenossen wi

derspiegelt.

 

1488 Zur Sicherung des Landfriedens kommt es erneut zur Gründung

eines Städtebundes. Der schwäbische Bund ist eine Vereinigung

der schwäbischen Reichsstände, der später auch die Kurfürsten

von der Pfalz, Mainz und Trier, ferner Hessen, Bayern und die

meisten oberdeutschen Stände beitreten; Hauptort ist Ulm. Die

Reformation führt zu einer Aufweichung des Schwäbischen

Bundes, der sich schließlich 1533/1534 auflöst.

1489 Als drittes Kollegium nehmen die Reichsstädte neben weltlichen

und geistlichen Fürsten regelmäßig an den Reichstagen teil. 1492 In Spanien endet die Reconquista mit dem Fall Granadas. Alle Ju-

den werden ausgewiesen. Christoph Kolumbus betritt die »Neue

Welt«.

1494 Der Petershof, die älteste ausländische Niederlassung der Hanse

in Nowgorod, wird geschlossen.

 

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