Duden Deutsche Geschichte, Was jeder wissen muss

Alexander Emmerich · Kapitel 3 von 10

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Duden Deutsche Geschichte, Was jeder wissen muss

Konfessionelles Zeitalter

1495 luther und die Folgen Konfessionelles Zeitalter

1495–1648

 

Die Reformation erschüt-

terte nicht nur die einst

geistige Vormachtstellung

der Kirche. Auch die deut-

schen Fürsten nutzten sie,

um ihre Territorialmacht

 

Buch.indb 63 1648 auf Kosten kaiserlicher Zen-tralgewalt zu vergrößern. Das konfliktreiche Jahrhun-dert mündete 1618 in einen dreißig Jahre andauernden Krieg. 09.06.2009 18:30:38 Uhr

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Frühe Zeichen am Horizont

 

1495 Um finanzielle Hilfen der Reichsstände für einen beabsichtigten

Romzug zu erhalten, beruft Maximilian I. den Reichstag nach

Worms ein. Berthold von Henneberg, als Erzbischof von Mainz

zugleich Erzkanzler des Reichs, versucht, durch Bewilligungs-

versprechen Reformmaßnahmen zu erreichen, die auf die Ein-

schränkung königlicher Macht zugunsten der Stände zielen und

zugleich die Einheit des Reichs stärken sollen. Wichtigste Ergeb-

nisse der Versammlung, die wegen des Zusammentreffens aller

Stände als erster wirklicher Reichstag überhaupt gilt, sind die

Verkündung eines »Ewigen Landfriedens«, die Errichtung des

Reichskammergerichts, das ab 1526 in Speyer, ab 1693 in Wetz-

lar tagen wird, und die Einrichtung von zunächst sechs (ab 1512

zehn) Reichskreisen. Die Etablierung eines Reichsregiments als

dauerhafte ständische Mitregierung der Reichsstände und die

vom König gewünschte Einziehung einer allgemeinen Reichs-

steuer (»Gemeiner Pfennig«) scheitern dagegen.

MeIleNsTeIN

1495 Kaiser und Fürsten beschließen eine Reichsreform

7. august damit der von maximilian i. in Worms verkündete

»ewige Landfrieden« auch Wirklichkeit werden konnte, verab

schiedeten die auf dem reichstag zu Worms zusammengekom

menen Territorialherren, die reichsstände, gemeinsam mit dem

Kaiser einen Kompromiss zur reform der reichsverfassung. da

mit jeder seine ansprüche zukünftig nicht mehr durch das über

kommene mittelalterliche Fehderecht, sondern auf einem geord

neten rechtsweg durchsetzen konnte, sah der Beschluss die ein

richtung eines vom Kaiser unabhängigen reichskammergerichts

vor. auch wenn der zweite wichtige Beschluss, die neuordnung

des reichstags, zu Verfahrensfragen und Besetzung der Gremien

noch keine konkreten regelungen traf, so veränderten die Be

 

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65 Luther und die Folgen

 

schlüsse langfristig die politischen machtstrukturen im reich:

Geschwächt wurde die kaiserliche macht zugunsten der allmäh

lich stärker werdenden Landesfürsten. der hier etablierte staats

aufbau auf zwei Herrschaftsebenen, der in der föderalistischen

Tradition und Kompetenz der »deutschen Lande« steht, ließ

manche Historiker gar von einer »Wormser republik« sprechen.

1498 Der Portugiese Vasco da Gama entdeckt, nachdem er das Kap der

Guten Hoffnung umsegelte, den Seeweg nach Indien. Langfristig

sollte diese Seereise die mittelalterlichen Handelsströme im

Deutschen Reich und in Europa grundlegend verändern. Der

Handel mit Importwaren aus Asien verlagert sich von den Mit-

telmeerhäfen zu denen am Atlantik.

1499 Maximilian I. gesteht im Frieden von Basel den Schweizer Eidge-

nossen nach der Niederlage im Schweizerkrieg die faktische Los-

lösung vom Heiligen Römischen Reich zu. Der Kaiser muss nun

akzeptieren, dass für die Schweizer die Reichsverfassungsreform

von 1495 nicht gilt. Eine allseits anerkannte Souveränität erhal-

ten die Eidgenossen jedoch erst mit dem Westfälischen Frieden

(1648).

1508 Auch wenn er de facto seit seinem Regierungsantritt im Jahr 1493

schon kaiserliche Aufgaben übernahm, nimmt Maximilian I. erst

jetzt am 6. 2. im Dom von Trient den Titel eines »Erwählten Rö-

mischen Kaisers« an – ein untrügliches Zeichen dafür, dass kai-

serliche Macht und Anspruch nicht mehr ohne Weiteres von

den Großen des Reiches akzeptiert werden.

MeIleNsTeIN

1509 Der Mann, der die Zeitmessung transportabel machte

16. november Peter Henlein wollte das schlosserhandwerk er

lernen. nach der ausbildung zahlte der mittlerweile 29jährige

an jenem novembertag dem rat der stadt nürnberg die üblichen

drei Gulden und konnte sich fortan meister nennen. eigentlich

 

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ein alltäglicher Vorgang. Wäre da nicht die bahnbrechende idee

gewesen, die er wenige jahre zuvor gehabt hatte und nun umzu

setzen gedachte. eine von ihm erdachte und konstruierte sehr

kleine spiralfeder sollte den antrieb einer uhr, nicht größer als

eine Pillendose jener jahre, ermöglichen. Waren doch die bisheri

gen riesigen Zeitmesser von einem schweren Gewichtsantrieb und

damit von der schwerkraft abhängig. Henleins erfindung ermög

lichte es fortan manchem Bürger, seine uhr überall mit hinzu

nehmen. auch weil Peter Henlein die mechanik seiner gebauten

uhren bis zu seinem Tod im august 1542 immer weiter verbes

serte, machte ihn seine mechanische Pionierleistung zum vermö

genden nürnberger Bürger.

 

1512 Auf dem Reichstag zu Köln wird die Durchführung des 1495 in

Worms verkündeten »Ewigen Landfriedens« den zehn neu ge-

bildeten Reichskreisen übertragen. Die Grenzen dieser Kreise,

Bindeglieder gewissermaßen zwischen dem Heiligen Römischen

Reich und den Landesherrschaften, orientieren sich an den Fürs-

tentümern des Reichs. De facto überträgt damit der Kaiser den

Landesherren die Durchführung von Reichsrechten. Martin luther erhält an der Wittenberger Universität »Leucorea«

eine Professur für Bibelauslegung. In den folgenden fünf Jahren

als Universitätslehrer entwickelt er seine neue Theologie der

Rechtfertigungslehre: Die Gnade Gottes und die Rechtfertigung

des Menschen vor Gott sind allein, so Luther, durch den Glau-

ben bestimmt. Die bisherige theologische Auffassung der Straf-

gerechtigkeit Gottes dagegen lehnt er ab.

1514 Die Krise der Kirche im 16. Jh. nimmt ihren Anfang: Albrecht von

Brandenburg, Bischof von Mainz, Magdeburg und Halberstadt,

erlaubt in seinen Bistümern den Verkauf von Ablässen. Die Ein-

nahmen fließen auf die Bankkonten der Fugger, die sie nach

Rom weiterleiten, um dort den kostspieligen Lebenswandel von

Papst und Kurie zu finanzieren.

 

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67 Luther und die Folgen

 

MeIleNsTeIN

1516 Die Post ist da!

12. november in elf bis zwölf Tagen würden die kaiserlichen, in

Brüssel verfassten Briefe ihr Ziel in rom erreichen! ein gewagtes

Versprechen zu einer Zeit, in der der Zustand der Wege je nach

jahreszeit eher einem schlamm oder einem staubigen Trampel

pfad als einem gut ausgebauten Wegenetz entsprach. doch ge

nau diese Zusicherung hatte Franz von Taxis Kaiser maximilian

im Postvertrag von 1516 gegeben. der kaiserliche Hauptpost

meister konnte aber sicher sein, dass seine Postreiter, die auf

vorgegebenen routen die Briefe von Poststation zu Poststation

transportierten, ihn nicht im stich lassen würden. Hatte er doch

schon 1490 die erste kaiserliche Postlinie zwischen innsbruck

und dem nahe Brüssel gelegenen mecheln aufgebaut. auch da

mals schon war schnelle informationsvermittlung von Vorteil.

und so transportierte die taxissche Post ab 1505 auch die Post

der augsburger Handelshäuser. eine schnelle Kommunikation

versprach eben zusätzliche Gewinne.

 

1517 Am 31. 10. schreibt Luther an hohe kirchliche Würdenträger ei-

nen Brief mit seinen berühmten 95 Thesen gegen den Miss-

brauch des Ablasses. Die Thesen sind eine konsequente Ablei-

tung von Luthers Rechtfertigungslehre. Dass er sie an die Tür

der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben soll, gehört ver-

mutlich in das Reich der Legendenbildung.

 

die Krise nimmt ihren Lauf

 

1518 In Rom erhebt im Mai der Dominikanerorden offiziell Anklage

wegen Ketzerei gegen Martin Luther. Damit wird ein förmliches,

kirchliches Strafverfahren gegen den Mönch aus Wittenberg

eingeleitet.

 

Buch.indb 67 09.06.2009 18:30:39 Uhr

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Adam Ries, der in jenem Jahr eine Rechenschule in Erfurt führt,

veröffentlicht sein erstes Rechenbuch mit dem Titel »Reche-

nung auff der Linihen«. Bewusst hat Ries dieses Buch in Deutsch

verfasst, um damit besonders Handwerker und Kaufleute anzu-

sprechen.

Im Oktober wird Luther in Augsburg durch den päpstlichen Be-

auftragten Cajetan verhört. Luther argumentiert, dass er mit sei-

nen Thesen lediglich Missstände beseitigen und nicht die Auto-

rität des Papstes infrage stellen wollte. Durch den Tod des Kai-

sers im Januar 1519 ruht nun erst einmal das Verfahren gegen

den Reformator, da der Papst die Nachfolgeregelung in seinem

Sinn beeinflussen will.

1519 Weniger sind es die Bürgschaften der Fugger für Bestechungsgel-

der an die Kurfürsten, die den Ausschlag zur Wahl Karls V., des

Sohnes von Maximilian, zum König und Kaiser am 28. 6. geben.

Vielmehr ist es das Misstrauen der Fürsten gegen seinen Riva-

len, den französischen König Franz I. Die Fürsten ahnen nicht,

dass sie mit Karl V. nicht nur einen strammen Verfechter der ka-

tholischen Sache, sondern auch der universalen Reichsgewalt

wählen. Der kaiserliche Machtanspruch erfährt in der von Groß-

kanzler Mercurino Arborio di Gattinara wesentlich mitgepräg-

ten Idee der Universalmonarchie (»Monarchia universalis«) ihre

Zuspitzung. Die Kronen Frankreichs und Spaniens konkurrie-

ren jedoch mit diesem Konzept.

1520 Im Lauf des Jahres veröffentlicht Martin Luther seine drei großen

reformatorischen Programmschriften: »An den christlichen

Adel deutscher Nation«, »Von der babylonischen Gefangen-

schaft der Kirche« und »Von der Freiheit eines Christenmen-

schen«. Wie ein roter Faden durchzieht diese Schriften Luthers

Forderung nach einer Kirche aller Gleichgestellten, in der nicht

eine kirchliche Hierarchie den Willen Gottes verkündet. Am 10. 12. scheint es Luther endgültig auf eine Konfrontation mit

Rom anzulegen: Die vom Papst verkündete Widerrufsfrist lässt

 

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69 Luther und die Folgen

 

Luther, der eine große Popularität im Volk, aber auch die Unter-

stützung einiger Reichsfürsten besitzt, verstreichen und ver-

brennt öffentlich in Wittenberg die Bannandrohungsbulle »ex-

surge Domine«.

MeIleNsTeIN

1521 »Will ich nichts widerrufen«

18. april da stand er nun, der mönch aus Wittenberg, vor einem

der damals mächtigsten männer des erdenkreises und sollte

seine Lehren widerrufen. Kaiser Karl V. hatte ihm freies Geleit

zugesichert. doch dies nur, da martin Luther von mächtigen Gön

nern, allen voran Kurfürst Friedrich der Weise von sachsen, un

terstützt wurde. Luthers ansichten bargen genügend sprengstoff:

im Kern hatte Luther in jenen schriften das tiefe unbehagen gro

ßer Bevölkerungsgruppen gegenüber der allmächtigen und jedem

reformansatz verschlossenen römischen Kirche und Kurie in eine

neue Lehre gegossen. Luther musste sich in Worms der unter

stützung einflussreicher und nach Teilsouveränität gegenüber

Kaiser und Papsttum drängenden Fürsten sicher gewesen sein:

denn vor dem Kaiser verfällt Luther weder in demut noch wider

ruft er. so wies Luthers auftreten in Worms schon auf entwick

lungen zukünftiger jahre hin: die Verbindung reformatorischer

Bestrebungen mit dem Wunsch vieler Landesherren nach souve

ränität.

 

1521 Kurfürst Friedrich III., der Weise, von sachsen weiß, dass Kaiser

Karl V. ein Gegner der Schriften Martin Luthers ist. Aus Sorge

um den Reformator, über den der Kaiser tatsächlich wenige Tage

nach Worms die Reichsacht verhängt, bringt der Kurfürst Luther

auf die Wartburg in Sicherheit, der hier nun beginnt, die Bibel

ins Deutsche zu übertragen.

1522 Kaiser Karl V. siegt am 24. 4. über seinen Erzrivalen, den französi-

schen König Franz I., in der schlacht von la Bicocca in Oberita-

lien. Die Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser und

Frankreich, die sich über mehrere Jahrzehnte hinziehen und in

 

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denen es um Territorialfragen in Italien, Burgund und Südfrank-

reich geht, halten Karl V. davon ab, sich intensiv und zufrieden-

stellend um eine Lösung der Konfessionsfrage im Reich zu be-

mühen.

1524 Im Sommer kommt es in Schwaben zu ersten Bauernunruhen, die

sich im Lauf des kommenden Jahres auf Franken, Thüringen,

das Elsass und bis nach Tirol und Salzburg ausweiten. Der Bau-

ernkrieg 1524/1525, die erste vom Buchdruck geförderte Mas-

senbewegung, die im Namen des »gemeinen Mannes« beson-

ders in Oberschwaben, Franken, Thüringen und Tirol etwa

100 000 Menschen mobilisiert, ist der größte Sozialkonflikt in

der deutschen Reichsgeschichte.

1525 Auch wenn Kaiser Karl die Zeichen der Zeit, die im Reich eindeu-

tig auf Sturm stehen, nicht erkennen will, kann er außenpoli-

tisch punkten: In der Schlacht von Pavia am 24. 2. fällt König

Franz I. in seine Gefangenschaft. Nicht zuletzt deswegen schei-

tern die französischen Ansprüche auf Mailand und die Lombar-

dei.

Die Reformation zeigt erste wichtige politische und territoriale Er-

folge: Am 8. 4. säkularisiert Kurfürst Albrecht von Brandenburg

den Deutschordensstaat und empfängt ihn als Herzog von Preu-

ßen vom polnischen König zu Lehen.

Im thüringischen Frankenhausen zerschlagen die Reichsstände

den Traum der Bauern nach ein wenig Freiheit: Ein fürstliches

Landsknechtsheer besiegt am 15. 5. das Aufgebot vieler Tausend

Bauern. Tausende von ihnen werden im Kampf erschlagen oder

wenig später hingerichtet. Thomas Müntzer, ihr Anführer, wird

am 27. 5. in Mühlhausen enthauptet.

MeIleNsTeIN

1525 Zwölf Artikel der Bauernschaft veröffentlicht

20. märz ihre Forderungen waren konkret: so ging es ihnen um

eine Besserstellung im rahmen ihrer Leibeigenschaft, um nut

 

Buch.indb 70 09.06.2009 18:30:39 Uhr

71 Luther und die Folgen

 

zungsrechte von Wald und Flur, aber auch um strafen bei Verstö

ßen gegen landesherrliche Bestimmungen. doch werden die öko

nomischen und sozialen Forderungen, die die fünfzig abgesand

ten von oberschwäbischen Bauern an jenem märztag in

memmingen verabschiedeten, heute als rückwärtsgerichtetes

denken mit Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft eingeschätzt.

denn in jenen jahren, als in vielen regionen des reichs die Bau

ern den aufstand wagten, hatte der adel schon längst damit be

gonnen, im mittelalter gewachsene bäuerliche selbstverwaltun

gen zugunsten landesherrschaftlicher und damit zentralistischer

strukturen zurückzudrängen. Ganz ungehört jedoch blieben die

Forderungen der Bauern, die sich auch auf reformation und Bi

bel beriefen, nicht: noch im 16. jh. räumten die Landesherren

ihnen die möglichkeit ein, ihre rechte vor Gerichten einzuklagen.

 

1526 In der schlacht bei Mohács am 29. 8. fällt König Ludwig II. von Un-

garn und Böhmen im Kampf gegen die Osmanen unter Sultan

Süleiman II.; sein Reich zerfällt, die böhmische Krone gelangt an

seinen Schwager, Erzherzog Ferdinand, den späteren Kaiser und

Begründer der habsburgischen Donaumonarchie. 1527 Auch innenpolitisch führt die Reformation zu ersten Folgen: Mit

der umfangreichen Kirchen- und Schulvisitation, die der sächsi-

sche Kurfürst Johann der Beständige in seinem Territorium

durchführt und eine Überprüfung aller kirchlichen Angelegen-

heiten einschließlich des Wissensstandes der Pfarrer nach sich

zieht, bildet sich im Reich erstmalig ein evangelisches landeskir-

chentum. Viele Territorialherren folgen im Lauf des 16. Jh. dem

Beispiel Sachsens.

Auf Sold wartende Landsknechtstruppen Karls V. plündern das

mit Frankreich verbündete päpstliche Rom (»Sacco di Roma«). 1528 Albrecht Dürer stirbt am 6. 4. in seiner Heimatstadt Nürnberg. In

seinen Gemälden, Holzschnitten und Kupferstichen sowie in

seinen kunsttheoretischen Schriften hat Dürer spätgotisches

 

Buch.indb 71 09.06.2009 18:30:40 Uhr

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Herkommen mit der von ihm auf zwei Italienreisen (1494/1495

und 1505–1507) erfahrenen Renaissance fruchtbar verbunden. 1529 Als der Habsburger Ferdinand, Bruder und Vertreter des Kaisers

im Reich, auf dem Speyrer Reichstag ein Verbot aller Glaubens-

neuerungen in den Reichsterritorien verkündet und damit ein-

deutig gegen einen Reichstagsbeschluss von 1526 verstößt, legen

die protestantischen Reichsstände dagegen offiziellen Protest

ein. Von diesem Speyrer Protest leitet sich fortan die Bezeich-

nung »Protestanten« ab. Im selben Jahr kommt es vor den Toren Wiens zur ersten Belage-

rung der Stadt durch die Türken unter ihrem Sultan süleiman.

Auch wenn diese Belagerung wohl wegen eines frühen Winter-

einbruchs abgebrochen wird, bleiben für die Stadt an der Donau

und die habsburgischen Kernlande die türkischen Angriffe eine

dauerhafte Gefahr. Bis weit in das 17. Jh. hinein wird Österreich

und ganz besonders Wien unter den türkischen Expansionsplä-

nen zu leiden haben.

1530 Nach mittelalterlicher Tradition wird am 24. 2. Karl V. in Bologna

vom Papst zum Kaiser gekrönt. Karl V., der sich schon kurz nach

seiner Ernennung im Jahr 1519 den Titel »Kaiser« zulegte, wird

der letzte Kaiser sein, der vom Papst die Kaiserkrone empfängt.

MeIleNsTeIN

1530 »Gepredigt im reinen Verständnis«

25. juni die Botschaft klang versöhnlich: Kaiser Karl V., der

den immer heftiger schwelenden Konfessionsstreit im reich end

lich lösen wollte, forderte im Vorfeld des augsburger reichstages

alle Beteiligten auf, ihre Glaubensgrundsätze dort vorzutragen.

das daraufhin von melanchthon verfasste und von allen sich zur

lutherischen reformation bekennenden reichsständen unter

zeichnete dokument wurde am 25. 6. in augsburg vor dem

reichstag verlesen. Obwohl die unterzeichner der »Confessio au

gustana«, des »augsburger Bekenntnisses«, mit dieser Glaubens

schrift einen vielleicht letzten Versuch unternahmen, eine mögli

 

Buch.indb 72 09.06.2009 18:30:40 Uhr

73 Luther und die Folgen

 

che spaltung der Kirche doch noch zu verhindern, blieben sie in

theologischen Fragen den lutherischen Thesen treu. die antwort

der katholischen seite kam umgehend: Brüsk lehnte sie das Be

kenntnis der Lutheraner ab. das undenkbare war in den Bereich

des möglichen gerückt: die spaltung der Christenheit. nicht zu

letzt deswegen stellt die »Confessio« eine entscheidende histori

sche Zäsur da.

 

die Krise eskaliert

 

1531 Nach dem für die evangelischen Reichsstände verheerenden Aus-

gang des Augsburger Reichstages vereinbaren diese in dem thü-

ringischen Ort Schmalkalden die Bildung eines Beistandsbünd-

nisses. Am 27. 2. tritt er offiziell in Kraft. Die Protestanten schei-

nen zu ahnen, dass der Kaiser an einer friedlichen Lösung des

Konflikts nicht mehr interessiert ist. Wie sehr die Bündnispart-

ner des schmalkaldischen Bundes recht behalten sollen, wird

wenige Jahre später deutlich.

Auch in der Schweiz steht es um die Sache der Reformation nicht

gut: Die evangelisch geführten Kantone erleiden in der Schlacht

von Kappeln am 11. 10. eine empfindliche Niederlage gegen das

Aufgebot der katholischen Eidgenossen. Auch der Reformator

Ulrich Zwingli kommt dabei ums Leben. Dieser Krieg gilt als ei-

ner der ersten, der um die Sache der Reformation geführt

wurde.

MeIleNsTeIN

1532 Das erste deutsche strafgesetzbuch wird verkündet

27. juli Konnte das Gericht dem angeklagten einen mord nach

weisen, so sollte der delinquent aufs rad geflochten werden.

 

Buch.indb 73 09.06.2009 18:30:40 Uhr

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Kam das Gericht jedoch zur Überzeugung, der Täter habe im af

fekt gehandelt und somit nur einen Totschlag begangen, drohte

ihm das schwert des Henkers. dies jedenfalls sah die »Constitu

tio Criminalis Carolina« vor, die nach langjährigen Verhandlungen

endlich auf dem regensburger reichstag verabschiedet und von

Kaiser Karl V. unterzeichnet wurde. neu war nicht nur, dass für

bestimmte straftaten ein einheitliches strafmaß vorgegeben

wurde. Wichtiger noch war die reform des strafverfahrens: nicht

mehr der angeklagte hatte seine unschuld zu beweisen, sondern

das Gericht musste ihn der Tat überführen. auch wenn nicht zu

letzt wegen der Zulässigkeit von Folter dieses erste strafgesetz

buch noch lange nicht unserem heutigen rechtsempfinden ent

sprach, so gilt die »Carolina«, auch »Peinliche Gerichtsordnung«

genannt, als wichtiger schritt zum modernen strafrecht.

 

1534 In Münster errichtet ein gewisser Melchior Hoffmann das soge-

nannte Täuferreich von Münster. Weite Teile der Bürgerschaft

unterstützen nicht nur die Wiedertäuferbewegung, die im Reich

letztlich nur eine Randerscheinung der reformatorischen Lehre

darstellt, sondern errichten in der Stadt eine Gewaltherrschaft,

die zu grausamen Exzessen gegenüber Andersgläubigen ausar-

tet. Erst 1535 beenden Truppen der Reichsstände gewaltsam das

Täuferreich. Den Namen »Wiedertäufer« leitet diese christliche

Gruppierung von ihrer Grundüberzeugung ab, dass ein Mensch

sich nur als Erwachsener in voller Glaubensüberzeugung, aber

nicht als Säugling taufen lassen kann. Darum muss jedes Mit-

glied der Gemeinschaft noch einmal »wiedergetauft« werden. Der wenig später zum Priester geweihte Ignatius von loyola grün-

det am 15. 8. die Gesellschaft Jesu. Unter einem anderen Namen

soll diese Gemeinschaft in wenigen Jahren zur argumentativ

schärfsten Waffe der Päpste im Zug der Gegenreformation wer-

den: dem des Jesuitenordens.

 

Buch.indb 74 09.06.2009 18:30:41 Uhr

75 Luther und die Folgen

 

MeIleNsTeIN

1534 Dank luther kann jeder nun die Bibel lesen

4. Oktober mag sein, dass es für manchen Bürger eine Offenba

rung war. sicher aber ist, dass ab dem Herbst des jahres 1534

die menschen nicht mehr auf einen Priester oder mönch ange

wiesen waren, wollten sie das Wort des Herrn verstehen. denn

mit dem erscheinen der von martin Luther ins deutsche über

setzten Gesamtausgabe der Bibel konnte sich ab sofort jeder sein

eigenes Bild von den Heiligen schriften machen. unbestritten ist

auch, dass durch Luthers Bibelübersetzung die reformation in

weiten Teilen der Bevölkerung einen enormen Zuspruch erhielt.

dank Gutenbergs erfindung des modernen Buchdrucks wurde die

Bibel nun zehntausendfach gedruckt und verkauft. auch wenn

Luther nicht als schöpfer der neuhochdeutschen schriftsprache

gilt, so hat er sie mit der Bibelübersetzung, die er bewusst in ei

nem der Volkssprache nachempfundenen stil verfasste, zur Voll

kommenheit geführt. Luthers Bibeltext genießt heute Weltlitera

turgeltung.

Die am 3. 11. unter König Heinrich VIII. erlassene Suprematsakte

begründet die englische Nationalkirche. 1536 Neben der Bibelübersetzung ins Deutsche sind es auch die wichti-

gen Schriften bedeutender Reformatoren, die der antipäpstli-

chen Bewegung Kraft verleihen, so die des bedeutenden Schwei-

zer Reformators Johannes Calvin. In diesem Jahr erscheint sein

Hauptwerk, »Unterweisung in der christlichen Religion«. 1541

setzt er seine Thesen in die Praxis um und führt in Genf eine re-

formierte Kirchenordnung ein.

1538 Als Gegengewicht zum Schmalkaldischen Bund bilden in Nürn-

berg katholische Reichsstände einen eigenen Bund. Auch wenn

der Kaiser diese Vereinigung nicht unterstützt, entwickelt sich

die Konfessionsfrage immer mehr zu einem politischen und mi-

litärischen Kräftemessen der Reichsstände untereinander. 1539 Was die Großen des Reichs nicht schaffen, erreichen ausländische

Mächte, wenn auch nur indirekt: Um einen Krieg gegen die Tür-

 

Buch.indb 75 09.06.2009 18:30:41 Uhr

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ken führen zu können, ist Karl V. auf finanzielle Unterstützung

aller Reichsfürsten angewiesen. Angesichts dessen drängen die

Berater den Kaiser, Ausgleichsgespräche der konfessionell ver-

feindeten Reichsstände mit dem Ziel eines Kompromisses zu be-

fürworten. Nur widerwillig stimmt Karl diesem Frankfurter An-

stand zu.

1541 Die Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten scheinen

unüberbrückbar: Alle Beteiligten, die konfessionellen Reichs-

stände, die römische Kurie, aber auch Luther, lehnen eine Wei-

terführung der vor zwei Jahren vereinbarten Ausgleichsgesprä-

che ab. Obwohl die Delegationen schon zu zentralen religiösen

Fragen eine gewisse Annäherung erreicht hatten, scheitern die

Verhandlungen letztlich an der Sakramentenfrage.

MeIleNsTeIN

1543 Im Mittelpunkt steht die sonne und nicht die erde

24. mai nikolaus Kopernikus, domherr zu Frauenburg in Ost

preußen, wollte es so: erst nach dem Tod des nunmehr siebzig

jährigen im mai 1543 wurde sein bahnbrechendes Hauptwerk

»de revolutionibus orbium coelestium« veröffentlicht. in ihm ver

suchte Kopernikus zu beweisen, dass die Planeten, und damit

auch die erde, die sonne umkreisen und nicht, wie es das bis

dahin vorherrschende Weltsystem des Ptolemäus behauptete, die

sonne die erde. sogar die Kirche stand zuerst seinen schon

1514 in einem ersten entwurf geäußerten Thesen wohlwollend

gegenüber. erst einhundert jahre später setzte die römische Ku

rie das Hauptwerk des Kopernikus auf den index – vielleicht ge

rade deswegen, weil wenige jahrzehnte später johannes Kepler

mit seinen Planetengesetzen die grundsätzlichen Thesen des he

liozentrischen Weltsystems bestätigte. er korrigierte nur Koperni

kus’ annahme der kreisförmigen Planetenbahnen und wies nach,

dass sie die Form einer ellipse haben.

1544 Nach einem vierten Krieg gegen Frankreich zwischen 1542 und

1544 schließen Karl V. und der französische König Franz I. in

 

Buch.indb 76 09.06.2009 18:30:41 Uhr

77 Luther und die Folgen

 

Crépy endlich Frieden. Neben Mailand verzichtet Franz auch auf

die Lehnshoheit über Flandern. Der Kaiser will sich nach diesem

Sieg über seinen einstigen Gegner nun verstärkt um eine Lösung

der Konfessionsfrage im Reich kümmern.

1545 Papst Paul III. eröffnet das Konzil von Trient. Die letzte Tagungs-

periode dieser Zusammenkunft aller Bischöfe und Kardinäle en-

det erst 18 Jahre später im Jahr 1563. Das »Tridentinum« berät

über Glaubenslehre und Kirchenreform. Viele erhoffen sich von

diesem Konzil positive Impulse zur Überwindung der Glaubens-

spaltung im Reich. Doch es soll anders kommen: In Trient wer-

den die Fundamente für die Gegenreformation, den Kampf der

katholischen Kirche gegen Abweichlertum und Reformation, ge-

legt.

1546 Martin Luther stirbt in Eisenach. Am 18. 2. ist jener Mann tot, der

mit seinen Thesen und Schriften ein ganzes Jahrhundert in Auf-

ruhr versetzte und, ohne dass er es eigentlich wollte, die christli-

che Kirche spaltete.

Der Streit zwischen den Reichsständen eskaliert zum offenen

Krieg. Der Regensburger Reichstag ächtet Kursachsen und Hes-

sen. Ob er es darauf angelegt hat, ist umstritten: Jedenfalls nutzt

Karl V. die Verhängung der Reichsacht aus und beginnt gegen

die beiden protestantischen Landesfürsten den schmalkaldi-

schen Krieg.

MeIleNsTeIN

1546 Wahre Fürsten unter den anderen Kaufleuten

stellen sie sich vor, die einhundert größten unternehmen

deutschlands wären heute in der Hand eines einzigen Konzerns.

unvorstellbar? im 16. jh. gab es solch einen Firmenverbund: die

unternehmen der Fugger. 1546 hatte das Firmenimperium sei

nen Zenit erreicht: anton Fugger, der neffe jenes legendären ja

kob Fugger, der den Beinamen »der reiche« erhielt, verfügte

über ein Gesellschaftsvermögen, das die in europa, asien und

amerika agierende Firma in späteren jahren nie mehr erreichte.

 

Buch.indb 77 09.06.2009 18:30:42 Uhr

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spricht die Geschichtsforschung heute vom »Frühkapitalismus«,

so meinen diese erklärungsversuche zuallererst unternehmungen

wie die der Fugger oder der Welser, Kaufmannsfamilien eben, die

durch den Fernhandel ein Vermögen verdient hatten. »Geld muss

arbeiten«, sagten sie und verliehen es an Fürsten und Kaiser, in

vestierten in edelmetallbergwerke, gründeten frühneuzeitliche

Gewerbeunternehmen und erhielten so noch mehr Kapital.

 

1547 Kaiser Karl siegt am 24. 4. in der schlacht von Mühlberg an der

Elbe über Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen. Wenig später

ergibt sich auch Philipp von Hessen. Beide Fürsten müssen nun

lange Haftstrafen antreten. Der Sachse wird außerdem gezwun-

gen, auf seine Kurfürstenwürde zu verzichten.

1548 Der Kaiser, der nun auf dem Höhepunkt seiner Macht ist, hofft,

trotz gegensätzlicher Nachrichten aus Trient, dass das Konzil

ausgleichende Beschlüsse fassen möge. Auf dem »Geharnischten

Reichstag« verkündet Karl V. deswegen das »Augsburger Inte-

rim«, das eine Übergangsreligion für die Protestanten bis zur

Entscheidung des Konzils ermöglichen soll.

Mit Zustimmung der Reichsstände gelten in den habsburgisch-

niederländischen Besitzungen nicht mehr die Beschlüsse des

Reichstages und des Reichskammergerichts. Dieser Burgundi-

sche Vertrag ist für die späteren Niederlande ein wichtiger

Schritt zur Loslösung vom Reich und damit zur Souveränität. 1552 Erneut kommt es zum Krieg der Konfessionen, der alle Bemü-

hungen des Kaisers zunichte macht. Ab März führt Kurfürst

Moritz von Sachsen, gemeinsam mit mehreren protestantischen

Fürsten, den Fürstenkrieg gegen Karl V. Der Kaiser muss von

Innsbruck nach Villach in Kärnten flüchten. Außerdem erreicht

der Kurfürst die vorläufige Aussetzung der Beschlüsse des Tri-

enter Konzils.

 

Buch.indb 78 09.06.2009 18:30:42 Uhr

79 Luther und die Folgen

 

Wiederum ist es die Türkenbedrohung, die die Habsburger zum

Einlenken zwingt. König Ferdinand und die Fürsten einigen sich

im Passauer Vertrag auf die Aufhebung des Augsburger Interims.

Außerdem werden in Passau die Weichen zum Augsburger Frie-

den gestellt: Alle Parteien einigen sich darauf, Verhandlungen

mit dem Ziel eines dauerhaften Friedens zu führen. 1553 Kaiser Karl V., der seit Februar zurückgezogen in Brüssel lebt,

scheint zu resignieren. In das Reich wird er nie mehr zurückkeh-

ren. Drei Jahre später, im Jahr 1556, tritt der Kaiser endgültig ab

und zieht sich nach Spanien in die Nähe des Klosters San Geró-

nimo de Yuste zurück. Sein Nachfolger wird sein Bruder Ferdi-

nand I. Am 21. 9. 1558 stirbt der erklärte Widersacher des Refor-

mators Martin Luther.

MeIleNsTeIN

1555 »Cuius regio, eius religio«

25. september »Wem das Land gehört, der bestimmt auch die

religion.« dieser satz nun steht eben nicht in jenem Friedens

werk, das der augsburger reichstag 1555 verabschiedete.

rechtsprofessoren haben ihn, um das Werk des augsburger reli

gionsfriedens auf eine griffige Formel zu bringen, wenige jahre

später formuliert. dennoch sagt er viel über den Kompromiss aus,

den die reichsstände in augsburg suchten und fanden. War ih

nen einerseits bewusst, dass eine religionseinheit kaum noch

möglich war, so versuchten sie wenigstens mit dem abkommen

eine machtpolitische Gemeinsamkeit für das reich herzustellen.

doch nicht der untertan konnte über seine Konfessionszugehö

rigkeit entscheiden, sondern nur der Herr, der jenes Territorium

besaß, auf dem der untertan wohnte. und noch ein Passus

machte den Frieden so brüchig: Geistliche, katholische Besitzun

gen waren von dem Kompromiss ausgeschlossen. nicht zuletzt

deswegen war bei manchem reichsfürsten der Friedenswille we

nige jahrzehnte später verflogen.

 

Buch.indb 79 09.06.2009 18:30:42 Uhr

1495–1648 80

 

nach augsburg:

die ruhe vor dem sturm

1555 Philipp II., Sohn von Karl V. und König von Spanien, übernimmt

nun auch offiziell die Herrschaft in den habsburgischen Nieder-

landen. Schon kurz danach nehmen dort die Repressionen ge-

gen die Protestanten zu. Eine große Anzahl der Verfolgten flüch-

tet aus den Niederlanden in das Heilige Römische Reich. Viele

von ihnen gründen wenige Jahre später in deutschen Handels-

städten große Bank- und Kaufmannshäuser.

MeIleNsTeIN

1559 Die Reichsmünzordnung ordnet das Chaos

19. august der euro hat einen nennwert von einem euro. sein

metallwert beträgt dagegen nur ein Bruchteil des nennwerts. als

der reichstag zu augsburg eine neuordnung des münzwesens

anstrebte, kannte man noch nicht dieses Prinzip der »scheide

münzen«. ein Taler bestand aus silber, ein Goldgulden aus Gold.

der metallwert einer münze entsprach damit seinem nennwert.

Wollte jedoch der Kaufmann einen Wertvergleich der unter

schiedlichen münzen vornehmen, benötigte er dafür ein münz

grundgewicht. 1524 hatte der reichstag daher die »Kölner mark«

als münzgewicht festgelegt. doch seitdem viele Fürsten die Ober

hoheit des Kaisers über das Goldmünzregal unterliefen und die

unterschiedlichsten silbermünzen prägten und in umlauf brach

ten, herrschte im reich ein heilloses münzchaos. so blieb dem

reichstag keine andere Wahl, als sich dem Faktischen zu beu

gen: ab dem august 1559 galt erstmals, zusätzlich zum Golddu

katen, silber in Form des reichsgulden als offizielle Währungs

einheit.

1563 Nach der Zerschlagung eines Adelsaufstandes in Bayern, dessen

Ursache Herzog Albrecht V. in der Verschwörung gegen sein ka-

tholisches Regiment sieht, erlaubt er dem Jesuitenorden in sei-

 

Buch.indb 80 09.06.2009 18:30:42 Uhr

81 Luther und die Folgen

 

nem Herzogtum, verstärkt eine Katholisierung der Bevölkerung

durchzuführen. Bayern als Vorreiter erlebt damit die erste große

Welle der Gegenreformation. In der Kurpfalz, einem Zentrum reformatorischer Kirchenpolitik,

veröffentlichen Kaspar Olevian und Zacharius Ursinus den Hei-

delberger Katechismus. Dieses Lehrwerk für Protestanten orien-

tiert sich stark an den theologischen Lehren Johannes Calvins.

Das Jahr der Veröffentlichung ist kein Zufall: So soll der Katechis-

mus dem Wirken des Jesuitenordens im Reich entgegenwirken. 1567 Unabhängig von der Konfessionsfrage vollzieht sich im Reich eine

weitere, doch ebenso wichtige Entwicklung. Die Hinrichtung

des fränkischen Reichsritters Wilhelm von Grumbach, der sich

in einem offenen Aufstand gegen die Zunahme landesherrlicher

Privilegien in den Territorien auf Kosten des niederen Adels zur

Wehr setzte, macht deutlich, dass die Territorialfürsten nicht

mehr bereit sind, ihre neu gewonnenen landesherrlichen Rechte

aus der Hand zu geben.

1568 Mit der Hinrichtung des niederländischen Grafen von Egmont

durch den spanischen Herzog Alba beginnt in den Niederlanden

der Achtzigjährige Krieg. Was mit einem Aufstand beginnt, ent-

wickelt sich in den kommenden Jahrzehnten zum Freiheits-

kampf der Niederländer um die Loslösung von der spanischen

Krone. Erst im Westfälischen Frieden (1648) wird den Nieder-

ländern die volle Souveränität zugestanden.

1569 Der Geograf Gerhard Mercator, seit 1552 in Duisburg ansässig, ver-

öffentlicht seine große Weltkarte. Auch heute noch rühmt man

die Genauigkeit dieses Werkes. Mercator hat in der Karte die

Kontinente nach der nach ihm benannten »Mercatorprojektion«

ausgerichtet. Um eine winkelgetreue Abbildung der Weltkugel

zu erreichen, richtet er die Kontinente entlang der Nord-Süd-

Achse einer Zylinderprojektion aus. Auch wenn er damit eine

starke Verzerrung der Polarregionen in Kauf nimmt, bedeutet

diese neue Darstellung einen riesigen Fortschritt für die Seefahrt.

 

Buch.indb 81 09.06.2009 18:30:43 Uhr

1495–1648 82

1582 Papst Gregor XIII. führt die später nach ihm benannte Kalender-

reform durch. Doch ohne die in den letzten Jahrzehnten neu ge-

wonnenen astronomischen Erkenntnisse hätte der Papst die Re-

form nicht einleiten können. Denn nur das Wissen um die Pla-

netenbahnen ermöglicht eine genaue Berechnung der Tage, der

Wochen und der Monate. Im julianischen Kalender lässt Gregor

zehn Tage überspringen und passt ihn so den neuen Gegeben-

heiten an. Unter den Katholiken schnell verbreitet, wird der

»neue Stil« der Kalenderrechnung im Reich erst 1700 allgemein

verbindlich (»Reichsstil«).

1583 Wie sehr die Konfessionsfrage auch jetzt noch das Heilige Römi-

sche Reich beschäftigt, wird im Kölner Krieg überdeutlich. Die

Entscheidung des Kölner Erzbischofs und Kurfürsten Gebhard

Truchsess, sein Territorium evangelisch zu machen, stößt auf

den erbitterten Widerstand des Landtages und des Domkapi-

tels, die ihn nach regionalen Kämpfen absetzen und einen ka-

tholischen Nachfolger aus dem Haus Wittelsbach bestimmen.

So verhindert der Sieg der katholischen Rheinländer eine Ver-

schiebung der Stimmenmehrheit im das den Kaiser wählenden

Kurfürstenkolleg zugunsten der Protestanten.

1598 Das edikt von Nantes beendet die französischen Religionskriege:

Es bestätigt den Katholizismus als Staatsreligion, gewährt den

Protestanten (»Hugenotten«) aber Gewissensfreiheit, zudem

das Recht, Gottesdienste abzuhalten und Truppen an »Sicher-

heitsplätzen« zu unterhalten. Die Aufhebung des Edikts durch

Ludwig XIV. (1685) führt zu einer Auswanderungswelle der Hu-

genotten nach Deutschland und in die Niederlande. 1600 Um die Jahrhundertwende vollzieht sich in der Musik ein Wandel.

Die Stilrichtung der Polyfonie, die mit ihrem mehrstimmigen

und instrumental begleiteten Gesang die Musik der Renaissance

bestimmte, wird nun zunehmend von der Monodie abgelöst.

Der monodische Stil, ein einstimmiger Gesang mit Akkordbe-

gleitung, beeinflusst in Zukunft zunehmend die Musik des auf-

 

Buch.indb 82 09.06.2009 18:30:43 Uhr

83 Luther und die Folgen

 

kommenden Barock. Einer der führenden Vertreter dieses musi-

kalischen Wandels ist der Italiener Claudio Monteverdi. 1601 Johannes Kepler wird am Hof Kaiser Rudolfs II. Hofmathemati-

ker. Kepler, der durch die Beobachtung der Gestirne die Gesetz-

mäßigkeiten ihrer Umlaufbahnen errechnete, leitete davon seine

drei keplerschen Gesetze ab. Mit dieser empirischen Ableitung

naturwissenschaftlicher Gesetze, die Kepler ja nur durch seine

Beobachtung der Sterne aufstellen konnte, wird der Astronom

Wegbereiter der neuzeitlichen Naturwissenschaft. 1603 elisabeth I., seit 1558 Königin von England, stirbt. Unter ihrer Re-

gierung hat England einen großen wirtschaftlichen Aufschwung

und eine geistige Blütezeit erlebt. Der Sieg über die spanische

Armada (1588) hat dem Land, das außenpolitisch die Protestan-

ten unterstützte, zudem den Aufstieg zur Weltmacht geebnet.

 

Vorboten des Krieges

 

1606 Der Friede von Zsitvatorok beendet den »Langen Türkenkrieg«

(1593–1606) und stellt Habsburger und Osmanen diplomatisch

auf dieselbe Stufe.

MeIleNsTeIN

1608 Protestanten und Katholiken formieren sich

14. mai der Geist von augsburg, der noch 1555 in der Konfes

sionsfrage zu einem – wenn auch fragilen – status quo im reich

geführt hatte, schien endgültig verflogen. unversöhnlich waren

die katholischen und protestantischen Lager nur noch darauf be

dacht, durch gezielte Provokationen das Feuer endgültig zu ent

fachen. Provokativ war nicht nur die Verhängung der reichsacht

über das protestantische donauwörth durch die katholische

mehrheit im reichstag, sondern auch ihre Forderung, die nun

mehr protestantischen Bistümer in norddeutschland zu rekatholi

 

Buch.indb 83 09.06.2009 18:30:43 Uhr

1495–1648 84

 

sieren. die antwort kam umgehend: am 14. 5. beschlossen die

süddeutschen protestantischen Fürsten in auhausen ein Bünd

nis, die »union«, dem sich wenig später Brandenburg und wei

tere reichsstände anschlossen. als reaktion gründeten im dar

auffolgenden jahr die katholischen stände unter Führung Bay

erns, jedoch ohne Österreich, in münchen die »Liga«. sehenden

auges steuerten beide seiten der Katastrophe entgegen.

 

1608 Ein Bruderzwist im Haus Habsburg bricht zwischen Kaiser Ru-

dolf II. und Erzherzog Matthias aus. Mit der Entscheidung, dem

ungarischen Adel freie Religionsausübung einzuräumen, stößt

Matthias auf den erbitterten Widerstand seines Bruders. Um

ihre Unterstützung in den nun folgenden Auseinandersetzun-

gen mit seinem Bruder zu gewinnen, macht Matthias der Stän-

deopposition in den Habsburger Territorien umfangreiche Zu-

geständnisse.

1609 In der Auseinandersetzung mit seinem Bruder sucht auch Ru-

dolf II. Unterstützung. So sichert er im Majestätsbrief den böh-

mischen Ständen vollständige Religionsfreiheit zu. Gerade die

Zugeständnisse an die böhmischen Stände werden es sein, die

den Streit zwischen Habsburg und Böhmen eskalieren lassen

und damit den Dreißigjährigen Krieg auslösen. Auch um die im Nordwesten des Reichs gelegenen vereinigten

Herzogtümer Kleve, Jülich und Berg bricht mit dem Tod des kin-

derlosen Herzogs Johann Wilhelm ein erbfolgestreit aus. Neben

ausländischen Herrschern und dem Kaiser sind vor allem das

protestantische Brandenburg und das katholische Pfalz-Neu-

burg an der Erbschaft interessiert. In dem fünf Jahre andauern-

den Konflikt, der auch mit Waffengewalt ausgetragen wird, ste-

hen sich erstmalig auch die konfessionellen Schutzbündnisse

der Liga und der Union gegenüber. Nicht zuletzt deswegen ge-

winnt der Streit an reichspolitischer Bedeutung. Im Vertrag von

 

Buch.indb 84 09.06.2009 18:30:43 Uhr

85 Luther und die Folgen

 

Xanten im Herbst 1614 einigen sich die Konfliktpartner auf eine

Aufteilung der umstrittenen Territorien.

1617 Die böhmischen Stände wählen den habsburgischen Erzherzog

Ferdinand, den späteren Kaiser Ferdinand II., zum König von

Böhmen. Auch wenn im Reich eine Lösung der Konfessionsfrage

in weite Ferne gerückt ist und vieles auf eine gewaltsame Kon-

frontation der katholischen und der protestantischen Stände

hindeutet, scheint in Böhmen zwischen dem Haus Habsburg

und den Ständen Einvernehmen zu herrschen.

Doch der Schein trügt: Denn noch nicht einmal ein Jahr später

wird die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges in Prag ihren

Anfang nehmen.

MeIleNsTeIN

1618 Zündschnur am Pulverfass

23. mai die beiden kaiserlichen statthalter, die den »Prager

Fenstersturz«, den Wurf aus einem Fenster im Prager Hradschin,

überlebten, landeten nicht sanft auf einem misthaufen, wie eine

weitverbreitete mär uns weismachen will. Tatsache ist aber, dass

der Habsburger Kaiser matthias wenige Wochen zuvor das kon

fessionelle Zugeständnis, das sein Bruder, Kaiser rudolf ii.,

neun jahre zuvor den protestantischen böhmischen ständen ver

brieft hatte, mit voller Überzeugung gebrochen hatte. der Zorn

der mehrheitlich protestantischen Böhmen war groß: in Prag kam

es zu einem aufstand, in dessen Verlauf eine große anzahl böh

mischer ständevertreter zum Hradschin zog und nach einer im

provisierten Gerichtsverhandlung die beiden kaiserlichen statt

halter kurzerhand aus dem Fenster warf. das mag vielleicht eine

im affekt und Zorn vollzogene Lynchjustiz gewesen sein, ihre

auswirkung jedoch war katastrophal. Konfessioneller starrsinn

auf allen seiten und politischer unverstand führten nun gerade

wegs in ein dreißigjähriges blutiges Chaos.

 

Buch.indb 85 09.06.2009 18:30:44 Uhr

1495–1648 86

 

der BöhmischPfälzische Krieg

 

1619 In Böhmen überschlagen sich nun die Ereignisse. Die Stände set-

zen Ferdinand als König von Böhmen ab. Wenige Tage später

wählen und krönen sie den Führer der protestantischen Union

im Reich, Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, zum neuen König.

Spätestens mit dieser Wahl eskaliert der böhmische Konflikt zur

Reichsangelegenheit.

Der inzwischen am 28. 8. zum Kaiser gewählte Ferdinand II. sucht

Verbündete, um den Aufstand in Böhmen niederzuschlagen.

Nicht ganz bedingungslos stellt sich Herzog Maximilian I. von

Bayern, der Führer der katholischen Liga, an seine Seite. Als Preis

für seine Hilfe verlangt er die Erstattung sämtlicher Kriegskosten

und, im Fall eines Sieges über Friedrich von der Pfalz, die Über-

tragung der pfälzischen Kurwürde auf das Haus Wittelsbach. Da

der Kaiser auf die Forderungen des Bayern eingeht, sind nun die

Schutzbünde der katholischen Liga und der protestantischen

Union zum ersten Mal Kriegsparteien, die sich gegenüberstehen. Auch wenn der Konflikt der Konfessionsparteien mit den Mitteln

des Krieges ausgetragen wird, hat diese Entwicklung vorerst noch

kaum Auswirkungen auf den Handel und die Wirtschaft. In Ham-

burg zeichnet sich mit der Gründung der ersten »Girobank« so-

gar noch eine Entwicklung ab, die für das Handels- und Finanz-

wesen im Reich weitreichende Auswirkungen hat. Denn die ein-

zige Aufgabe dieser Girobank ist es, eine unausgemünzte

Währungseinheit, die »Mark Banco«, zu schaffen. Diese Wäh-

rung, die damit nur in den Büchern der Bank und ihrer Kunden

als virtuelle Verrechnungseinheit zu finden ist, ermöglicht es den

Kaufleuten, ohne Rücksicht auf die Vielzahl der in Europa exis-

tierenden Münzen, mit nur einer Währungseinheit zu rechnen. 1620 Die erste Schlacht im Dreißigjährigen Krieg wird auf dem Weißen

Berg bei Prag geschlagen. Das Heer der katholischen Liga be-

 

Buch.indb 86 09.06.2009 18:30:44 Uhr

87 Luther und die Folgen

 

siegt vernichtend das böhmisch-pfälzische Aufgebot. Fried-

rich V., über einen Winter hinweg König von Böhmen, muss aus

Prag fliehen. Nachdem über ihn die Reichsacht verhängt wird,

flüchtet der »Winterkönig« in die Niederlande.

1621 Nach dem Sieg über die protestantischen Stände setzt in Böhmen

eine umfangreiche Rekatholisierung ein. Die Rache Ferdinands

trifft besonders den Landadel. Durch Enteignung verlieren viele

Grundbesitzer ihr Land, das nun an kaisertreue Anhänger aus

dem Reich verteilt wird. Auch das Blutgericht, das Ferdinand

über die Führer der Ständeerhebung verhängt, ist fürchterlich.

27 Personen werden am 21. 6. in Prag hingerichtet. Ihre Köpfe

werden anschließend zur Abschreckung auf den Prager Brücken

öffentlich zur Schau gestellt.

Obwohl einige Söldnerführer der Union den Kampf um die Ober-

und Kurpfalz des geächteten Friedrich von der Pfalz weiterfüh-

ren, können Ligatruppen gemeinsam mit spanischen Einheiten

unter Führung von Johann von Tilly das Kurfürstentum erobern

und besetzen. Die Residenz Heidelberg fällt 1622. 1623 Herzog Maximilian I. von Bayern erhält nun den Lohn für seinen

Beistand an der Seite des Kaisers. Ferdinand II. überträgt ihm

die Oberpfalz und die pfälzische Kurwürde als Pfandbesitz. Ge-

rade dieser Vorgang und der Konflikt, der sich durch den Über-

gang der Kurfürstenwürde an die Wittelsbacher ergibt, wird zu

einem jahrelangen Streit im Reich führen und das Kriegsgesche-

hen weiter antreiben. Sogar bei den Friedensverhandlungen in

Münster wird er einer der wichtigsten Problemfelder darstellen.

Das Problem wird im Vertrag von 1648 so gelöst, dass die Wit-

telsbacher die Kurwürde wie auch die Oberpfalz behalten dürfen

und den Nachkommen des ehemaligen Pfälzer Kurfürsten ein

verkleinertes Territorium mit einer eigenen Kurwürde zugestan-

den wird.

1624 Mit der Übertragung der Leitung der französischen Politik an

Kardinal Richelieu beginnt in Frankreich die »Herrschaft der

 

Buch.indb 87 09.06.2009 18:30:44 Uhr

1495–1648 88

Kardinäle«. Sie bestimmen fortan für viele Jahrzehnte die Grund-

linien französischer Innen- und Außenpolitik. Auch für den spä-

teren Frieden im Reich wird das diplomatische Geschick des

Kardinals von Vorteil sein. Maßgeblich wird er am Zustande-

kommen des Westfälischen Friedens beteiligt sein.

 

der dänischniederländische Krieg

1625 Auch wenn nun Kaiser Ferdinand II. die Macht im Reich mit Un-

terstützung der katholischen Liga sicher in den Händen hält,

ahnt er, dass ihm neues Ungemach droht. Denn im Norden des

Reichs stellt der dänische König Christian IV. ein großes Heer ge-

gen den Kaiser auf. In seiner Funktion als Herzog von Holstein

ist der Dänenkönig Oberster des niedersächsischen Reichskrei-

ses. Unterstützung erhält Christian IV. auch von der englischen

Krone und den Niederlanden, die immer noch im Unabhängig-

keits- und Freiheitskampf gegen die habsburgisch-spanische

Krone stehen. Die Ziele dieses Bündnisses, der Haager Allianz,

sind vielfältig. Das erklärte Ziel sieht Christian IV. jedoch in der

Rückeroberung der böhmischen Krone für Friedrich V., der in-

zwischen Schwiegersohn des englischen Königs ist. Mit der Unterstützung der protestantischen Reichsstände durch

Christian IV. tritt der Krieg, der bisher auf Böhmen und die Pfalz

beschränkt blieb, in eine neue Phase ein: der des Dänisch-Nie-

derländischen Krieges.

MeIleNsTeIN

1625 Die Kriegsgeschäfte des Herrn von Wallenstein

7. april es versprach, ein einträgliches Geschäft zu werden: der

zum Katholizismus konvertierte böhmische edelmann albrecht

von Wallenstein schlug dem in Geldnot versinkenden Kaiser Fer

 

Buch.indb 88 09.06.2009 18:30:44 Uhr

89 Luther und die Folgen

 

dinand ii. vor, ihm ein Heer von 50 000 mann zur Verfügung zu

stellen, finanziert von ihm, dem Böhmen. Für den nötigen Geld

fluss sorgte der Bankier des Herrn von Wallenstein, der Flame

Hans de Witte. der hatte schon im Vorfeld Finanziers und Kredit

geber ausfindig gemacht, die eine prächtige rendite erwarteten.

doch kein Kredit ohne sicherheiten: die sagten Wallenstein und

de Witte ihren Geldgebern durch das einziehen von Kontributio

nen, die sie dem adel und dem gemeinen Volk in den besetzten

Gebieten aufzwingen wollten, zu. am 7. 4. willigte der Kaiser,

nicht zuletzt wegen der Gefahr, die ihm durch den eintritt des

dänischen Königs Christian iV. in den Krieg drohte, ein und er

nannte Wallenstein zum Oberbefehlshaber aller Truppen und zum

Herzog von Friedland. ende des jahres befehligte der Böhme

über 50 000 soldaten. Warum wohl nannte man diesen Krieg den

»Krieg der Gulden«?

 

1626 Trotz der gewaltigen Streitmächte, die der Dänenkönig Chris-

tian IV., aber auch Ernst von Mansfeld als Oberbefehlshaber der

Unionstruppen aufstellen können, bleiben ihnen Erfolge versagt.

Ja, das Gegenteil dessen tritt ein: Gegen das Heer der Liga unter

Johann von Tilly erleidet Christian IV. in der schlacht bei lutter

am Barenberge bei Salzgitter eine bittere Niederlage. Auch von

Mansfeld kann nichts gegen das kaiserliche Aufgebot Wallen-

steins und dessen überragende Kriegstaktik ausrichten. In der

Schlacht an der Elbbrücke bei Dessau wird sein Heer vernich-

tend geschlagen.

Nach den Schlachterfolgen vereinigen Tilly und Wallenstein ihre

Armeen und unterwerfen gemeinsam die norddeutschen pro-

testantischen Territorien. Dem Dänenkönig Christian IV. bleibt

keine andere Wahl: Er zieht sich aus Deutschland zurück. Im

Frieden von lübeck wird sich drei Jahre später Dänemark ver-

pflichten, keinen Einfluss mehr auf die inneren Streitigkeiten im

Reich zu nehmen.

 

Buch.indb 89 09.06.2009 18:30:45 Uhr

1495–1648 90

1628 Der Dank des Kaisers ist Wallenstein nach seinen Erfolgen gewiss:

Ferdinand II. ernennt ihn zum »General des Baltischen und Oze-

anischen Meeres« und zum Herzog von Sagan. Wallenstein ist

nun nicht mehr nur Feldherr und Kriegsunternehmer, sondern

mit kaiserlicher Unterstützung auch zum Herzog (ab 1629 auch

Herzog von Mecklenburg) aufgestiegen. Die beispiellose Karri-

ere des böhmischen Edelmannes, protegiert vom Haus Habs-

burg, erregt das Misstrauen aller Reichsstände, im Besonderen

aber auch das der katholischen Fürsten.

1629 Kaiser Ferdinand II., der durch die Siege Wallensteins und Tillys

den Einflussbereich der Habsburger bis an die Ostsee ausdehnt,

ist nun auf dem Höhepunkt seiner Macht. Sich dieser kaiserli-

chen Macht bewusst, erlässt er am 6. 3. das Restitutionsedikt.

Damit ordnet Ferdinand II. die Rückgabe aller seit dem Jahr 1552

von den protestantischen Landesherren eingezogenen geistli-

chen Güter an. Von Anfang an ist dieses Edikt als einseitiger kai-

serlicher Akt bei allen Reichsständen, unabhängig von der kon-

fessionellen Zugehörigkeit, umstritten. Der Kaiser ahnt noch

nicht, dass er mit diesem Beschluss, der den Konfessionsstreit

zugunsten des Katholizismus verschiebt, den Bogen überspannt

hat.

1630 Die Reichsstände sehen in den kaiserlichen Erfolgen und dem da-

mit einhergehenden Machtzuwachs Ferdinands II. allmählich

eine Bedrohung ihrer eigenen Privilegien. Maximilian I. von Bay-

ern – eigentlich der engste Weggefährte Ferdinands II. – und

weitere Fürsten wollen nun auf dem Kurfürstentag zu Regens-

burg dem Kaiser seine Grenzen aufzeigen. So zwingen sie Ferdi-

nand II., Wallenstein aus seinen Diensten zu entlassen. Ihre

Forderungen gehen aber weiter: Der Kaiser soll zukünftige

Entscheidungen zur Kriegsführung und zur Außenpolitik den

Reichsständen vorlegen.

 

Buch.indb 90 09.06.2009 18:30:45 Uhr

91 Luther und die Folgen

 

der schwedische Krieg

MeIleNsTeIN

1630 Die weiße lilie unterstützt den löwen aus Mitternacht

26. juni die Prophezeiung aus dem 16. jh. schien in erfüllung

zu gehen: da sollte aus dem hohen norden, den man damals mit

ternacht nannte, ein Löwe kommen und den adler bekämpfen.

das Wappentier des Kaisers war ein adler. soweit die mystik,

nun die Wirklichkeit: der schwedische König Gustav ii. adolf war

ein überzeugter Protestant. mit unbehagen musste er zusehen,

wie das katholische Österreich seine macht bis an die Ostsee

ausgedehnt hatte. der schwede aber, der dadurch sein Herr

schaftsgebiet bedroht sah, brauchte Geld, wollte er aktiv in den

Krieg eingreifen. also nahm er Kontakt zur französischen Krone

auf, der die macht der Habsburger schon immer ein dorn im

auge war. Frankreich erklärte sich umgehend bereit, die Kriegs

züge Gustav adolfs zu finanzieren. als am 26. 6. die schwedi

schen Truppen unter Führung des Königs auf der Ostseeinsel

usedom landeten, war damit der einstmals innerdeutsche Kon

flikt endgültig zum europäischen Krieg eskaliert.

1631 Im Januar beschließen Schweden und Frankreich im Bündnisver-

trag von Bärwalde auch offiziell und formell die Unterstützung

der schwedischen Intervention durch die französische Krone.

Gustav II. Adolfs Unterstützung, die den Beginn der dritten

Phase des Krieges markiert, wird unterdessen von den protes-

tantischen Reichsständen mit Begeisterung aufgenommen. So

verbündet sich Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen mit dem

Schwedenkönig und führt seine Truppen in Absprache mit ihm

gegen Böhmen.

Auch wenn Gustav II. Adolf noch versucht, der bedrängten Stadt

Magdeburg zu helfen, und seine Truppen dorthin verlagert, kann

er den Fall der Stadt nicht mehr verhindern. Wenige Monate

später jedoch, am 17. 9., stellt er das Heer Tillys bei Breitenfeld in

 

Buch.indb 91 09.06.2009 18:30:46 Uhr

1495–1648 92

der Nähe von Leipzig und besiegt die Ligaarmee. Zum ersten

Mal im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges wird mit diesem Sieg

die bisherige Erfolgsserie von Kaiser und katholischer Liga un-

terbrochen.

Doch nicht nur die Schweden, die nach dem Erfolg bei Breiten-

bach ohne Widerstand zum Rhein vordringen, zeigen Ferdi-

nand II. auf, dass er den Höhepunkt seiner Macht überschritten

hat. Auch die sächsischen Truppen unter Kurfürst Johann

Georg I. von Sachsen können mit der einnahme Prags einen gro-

ßen Erfolg verbuchen.

MeIleNsTeIN

1631 »Rinnt allzeit frisches Blut«

20. mai der Kaiser wollte ein exempel statuieren! mit der er

oberung magdeburgs, des großen und einflussreichen Handels

zentrums an der elbe, mit der einnahme jener protestantischen

stadt, die ein Bündnis mit dem schwedenkönig eingegangen

war, wollte Ferdinand endgültig beweisen, dass er es ernst

meinte mit der restitution, der rückführung aller deutschen

Lande zum wahren Glauben, dem katholischen. nebenbei hätte

die eroberung der reichen stadt ihn ein wenig von seiner chroni

schen Finanznot erlöst. doch es kam anders. nach einer monate

langen Belagerung stürmten am morgen des 20. 5. die kaiserli

chen Truppen magdeburg. unter der Bevölkerung der in Flam

men stehenden stadt richtete eine entfesselte soldateska ein

dermaßen blutiges und grauenhaftes Gemetzel an, dass es, liest

man die Berichte der Überlebenden, jeden erstarren und schau

dern lässt. 1639 zählte die dem erdboden gleichgemachte stadt

nur noch 450 einwohner.

1632 Mit dem ungehinderten Vordringen der schwedischen Armee

nach Süddeutschland wird deutlich, welche bedrohlichen Aus-

maße der Kriegseintritt des Schwedenkönigs für den Kaiser, aber

noch mehr für seinen engsten Verbündeten, den bayerischen

Kurfürsten Maximilian I., annimmt. Am 15. 4. treffen die Armeen

 

Buch.indb 92 09.06.2009 18:30:46 Uhr

93 Luther und die Folgen

 

Gustav Adolfs II. und Tillys erneut in Rain am lech aufeinander.

Verzweifelt versucht Tilly, den Übergang der schwedischen

Truppen über den Lech zu verhindern. Doch auch hier besiegt

Gustav Adolf II. den gegnerischen Feldherrn und erzwingt so den

Übergang über den Fluss. Tilly, der in dieser Schlacht schwer ver-

wundet wird, stirbt wenig später an seinen Verletzungen. Durch diesen Sieg steht dem Schwedenkönig auf seinem Zug in

die Residenzstadt München kein Widerstand mehr im Weg. Am

17. 5. übergibt der Stadtrat Gustav Adolf II. die Stadtschlüssel.

Die Demütigung für den bayerischen Kurfürsten Maximilian I.,

der wenige Tage vorher nach Salzburg flüchtete, kann nicht grö-

ßer sein. Denn mit dem Schwedenkönig reitet auch der einst

schärfste Gegenspieler des Bayern, der Pfalzgraf und Winterkö-

nig Friedrich V., in die Stadt ein.

Die bedrohlichen Umstände sind es jetzt, die den Kaiser zwingen,

die Entlassung Wallensteins rückgängig zu machen. Ferdi-

nand II., der den General zwei Jahre zuvor sowieso nur auf Druck

der Reichsfürsten entließ, stattet Wallenstein mit umfassenden

Vollmachten aus: Der Herzog tritt sein Amt »in absolutissima

forma« an. Auch jetzt wieder zeigt sich das taktische Geschick

des Feldherrn. Nachdem Wallenstein zunächst die Sachsen aus

Böhmen vertreibt, zieht er mit seiner Armee nach Norden. Am

6. 11. kommt es bei lützen in der Nähe von Breitenfeld zum Auf-

einandertreffen der kaiserlichen Armee mit den Truppen des

Schwedenkönigs. Auch wenn die Schlacht für beide Seiten ohne

erkennbaren Sieger endet, mündet sie für die Schweden in einer

Katastrophe: Durch eine Kugel wird Gustav Adolf II. tödlich ge-

troffen.

MeIleNsTeIN

1632 »Reiß ab, wo schloss und Riegel für«

im juni Überall brannten sie in jenen jahren: die scheiterhau

fen des Hexenwahns, der zu Tausenden Frauen, männern und so

 

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gar Kindern das Leben kostete. durch die Folter presste man den

menschen Geständnisse ab, die jedem aufgeklärten denken

Hohn sprachen. einer der wenigen, die diese Barbarei kritisier

ten, war der jesuitenpater Friedrich spee von Langenfeld. in vie

len städten erlebte er den Wahn der Hexenprozesse hautnah mit.

im juni 1632 veröffentlichte er anonym in einer von ihm überar

beiteten zweiten auflage der »Cautio Criminalis« seine Kritik an

der Folterpraxis der Hexenprozesse. durch Folter, so spee, würde

jeder alles gestehen, dessen man ihn beschuldigen würde. spee,

der im alter von 44 jahren 1635 starb, war damit einer der weni

gen mutigen menschen, die ihr Wort gegen Folter und Hexen

wahn erhoben. mag sein, dass spee viele seiner schlimmen er

lebnisse vor augen hatte, als er sein berühmtes Kirchenlied »O

Heiland, reiß die Himmel auf« zu Papier brachte.

1633 Der schwedische Reichskanzler Oxenstjerna, der nun als Nachfol-

ger des gefallenen Königs Gustav Adolf II. die schwedischen Ak-

tionen im Heiligen Römischen Reich leitet, versucht nach dem

Schock von Lützen zu retten, was zu retten ist. So erreicht er im

April den Zusammenschluss der fränkischen, schwäbischen und

rheinischen Reichskreise zum Heilbronner Bund unter seiner

Führung.

1634 Aber auch für Wallenstein scheinen die Sterne, wie ihm sein Ast-

rologe Seni prophezeit, nicht gut zu stehen. Jedenfalls nimmt der

Herzog aus Friedland Geheimverhandlungen mit dem gegneri-

schen Lager ohne Wissen des Kaisers auf. Ob er nun wirklich

Frieden sucht oder nur seine eigenen Machtpläne im Sinn hat,

sei dahingestellt. Gegner Wallensteins am Wiener Hof, die durch

Spitzel im Offizierslager des Friedländers über Wallensteins

Pläne informiert sind, tragen diese dem Kaiser vor. Ferdinand II.

ächtet daraufhin den einst so mächtigen Feldherrn und enthebt

ihn all seiner Ämter.

Im Februar befiehlt der Kaiser die ermordung Wallensteins. Den

offenen Konflikt mit seinem einstigen Feldherrn scheint Ferdi-

 

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nand II. zu scheuen. Am 25. 2. wird Wallenstein in seinem Quar-

tier in Eger meuchlings umgebracht. Die Täter erhalten später

eine hohe kaiserliche Belohnung.

Auch wenn der Kaiser jetzt ohne seinen überragenden Feldherrn

auskommen muss, wendet sich der Kriegsverlauf dennoch zu

seinen Gunsten. Im September schlägt die kaiserliche Armee

mit Unterstützung spanischer Einheiten das schwedisch-sächsi-

sche Heer bei Nördlingen in Bayern. Damit ist die schwedische

Vormacht in Süddeutschland endgültig gebrochen. Infolge die-

ser Niederlage löst sich wenig später der Heilbronner Bund auf.

 

der schwedischFranzösische Krieg

 

1635 Die protestantischen Reichsstände erkennen nun allmählich, dass

der Krieg gegen die kaiserliche Macht immer mehr zu ihren Las-

ten geht. Auch die katholischen Reichsstände sehen, dass der

schon Jahrzehnte andauernde Krieg nur Elend, Hunger und Seu-

chen über das Land bringt. Hatten die protestantischen Landes-

herren den Eintritt des Schwedenkönigs in den Krieg fünf Jahre

zuvor noch bejubelt, so ist nun Ernüchterung eingekehrt. Schwe-

dische Truppen stehen in ihrem Tun den kaiserlichen in nichts

nach. Beide Seiten müssen, wollen sie den Tross ihrer riesigen

Armeen ernähren und finanzieren, die Durchzugsgebiete zur

Plünderung freigeben oder von den eroberten Gebieten hohe

Kontributionen abverlangen. So suchen die verfeindeten Parteien

nach vielen Jahren Krieg einen Weg, Frieden zu schaffen. Kaiser und Kursachsen vereinbaren endlich am 30. 5. in Prag ei-

nen Friedensschluss. Sachsen sagt dem Kaiser u. a. gegen dessen

Verzicht auf die Umsetzung des Restitutionsediktes von 1629

Unterstützung im Kampf gegen die Schweden zu. Die Tatsache,

dass fast alle Reichsstände wenig später dem Frieden beitreten,

 

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ist ein weiterer Beleg für die katastrophalen Auswirkungen des

Krieges, unter dem die Menschen leiden und auch Handel und

Wirtschaft schwere Einbußen hinnehmen müssen. Die Friedensverhandlungen und der Friede von Prag zeigen Frank-

reich überdeutlich, dass die Schweden auch von protestanti-

schen Reichsständen keine Unterstützung mehr erhalten. Das

Ziel der französischen Krone ist aber weiterhin, den Einfluss des

Hauses Habsburg in Europa zurückzudrängen. So bleibt dem

Land im Westen des Heiligen Römischen Reichs keine andere

Wahl, als selbst aktiv zu werden. Die Kriegserklärung ergeht

nicht an das Reich und die Reichsstände, sondern an Spanien,

dessen Krone im Besitz des Hauses Habsburg ist. Mit dieser Ent-

scheidung wird deutlich, dass Frankreich nur die Position des

habsburgischen Kaisers schwächen will. Der Eintritt Frank-

reichs markiert den Beginn der vierten und letzten Etappe des

Dreißigjährigen Krieges.

1636 Trotz des Friedensschlusses von Prag bleiben Erfolge im gemein-

samen Kampf von kaiserlichen und kursächsischen Truppen ge-

gen Schweden aus. Wider Erwarten sind die schwedischen Trup-

pen den vereinigten Heeren sogar überlegen: In der schlacht bei

Wittstock in Brandenburg siegt die schwedische Armee gegen

das kaiserlich-sächsische Heer.

1637 Nach dem Tod von Ferdinand II. übernimmt sein Sohn Ferdi-

nand III. die kaiserliche Regentschaft im Heiligen Römischen

Reich. Den Wechsel auf dem Kaiserthron nimmt Papst Ur-

ban VIII. zum Anlass, eine Friedensinitiative zu starten. Auch

wenn der nach Köln einberufene Friedenskongress erst einmal

scheitert, hat der Papst damit einen möglichen Weg vorgezeich-

net, wie der Frieden im Reich wiederhergestellt werden kann.

Nur wenn sich alle Konfliktparteien zusammensetzen, kann ein

tragfähiger Friedenskompromiss zustande kommen. Fast unbemerkt vom Rest Europas erreicht in den benachbarten

Niederlanden eine Entwicklung ihren Höhepunkt und Zusam-

 

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menbruch, die später unter dem Namen »Tulpenwahn« in die

Geschichte eingehen soll. Nur wenige Niederländer können sich

anscheinend dem Reiz der Spekulation mit Tulpenzwiebeln ent-

ziehen. Wie an den Börsen mit Wertpapieren gehandelt wird, so

spekuliert der kleine Mann, aber auch reiche Kaufleute, mit den

Blumenzwiebeln oder Optionsscheinen auf Neuzüchtungen. Im

Februar platzt die Spekulationsblase und führt zum finanziellen

Ruin vieler Niederländer.

1638 Die Bedeutung, die der französische Eintritt in den Konflikt hat,

wird nun am weiteren Kriegsverlauf immer deutlicher. Die kai-

serlichen und reichsständischen Truppen geraten zunehmend

in die Defensive. Die Franzosen nehmen Breisach ein und schwe-

dische Truppen dringen sogar bis nach Prag vor. 1640 Unabhängig vom Verlauf des Dreißigjährigen Krieges markiert

der Regierungsantritt von Friedrich Wilhelm, dem »Großen Kur-

fürsten«, den Beginn des Aufstiegs Brandenburg-Preußens zu

einer der führenden Mächte in Europa. Der Kurfürst legt mit

dem Umbau seines Landes zu einem Staat kalvinistisch-absolu-

tistischer Prägung den Grundstein für die weitere Entwicklung

Brandenburg-Preußens.

1641 Nicht zuletzt die Erfolge französischer und schwedischer Trup-

pen zeigen nun auch dem Kaiser, dass eine Friedenslösung der

einzige noch offene Weg ist, Stabilität im Reich wiederherzustel-

len. Nachdem sich schon wenige Jahre zuvor Frankreich und

Schweden auf einen Friedenskongress in Münster und Osna-

brück verständigen konnten, stimmt nun auch Kaiser Ferdi-

nand III. unter dem Druck des Faktischen den Friedensverhand-

lungen zu.

1644 Auch dank venezianischer und päpstlicher Vermittlung können

sich die Kriegsparteien in Münster und Osnabrück auf einen ge-

meinsamen Verhandlungsprozess verständigen. Während des

nun vier Jahre dauernden Kongresses werden die beiden Ver-

handlungsorte zu kriegsfreien Zonen erklärt.

 

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1648 »Geh aus, mein Herz, und suche Freud«

24. Oktober allein die dauer der Verhandlungen beweist, wie

schwierig es für alle Kriegsparteien war, den lang ersehnten Frie

den zu finden. ab 1644 verhandelten der Kaiser und das reich

mit Frankreich in münster und mit den schweden in Osnabrück.

als endlich im Oktober 1648 der Westfälische Friede unterzeich

net wurde, besiegelten die Vertragspartner eine Ordnung, die in

den wesentlichen Punkten bis zum ende des alten reichs

(1806) Bestand haben sollte. aus den vielen einzelergebnissen

des Vertrages und den Gebietsveränderungen, die er mit sich

brachte, ragt besonders der machtzuwachs, den fortan die Terri

torialfürsten des reichs erhielten, heraus. auch wenn der Kaiser

seine stellung im reich behielt, so war in münster ein weiterer

schritt hin zu den souveränen Fürstenstaaten im Heiligen römi

schen reich getan. dabei bedeutete die reichsständische »Liber

tät« keineswegs die aufgabe gemeinsamer Verantwortung für das

reich. insofern stellt die Verfassung des Westfälischen Friedens

einen Kompromiss zwischen universalmonarchie und Partikular

mächten dar. Bedeutsame Folge war die Festigung der föderati

ven Traditionen deutschlands und eine insgesamt defensive,

friedfertige außenpolitik des reichs.

 

1648 Am Ende des Dreißigjährigen Krieges, der auch aus konfessionel-

len Motiven geführt worden war, heute jedoch meist als auf

deutschem Boden ausgetragener europäischer Staatsbildungs-

konflikt angesehen wird, steht nicht nur die endgültige Etablie-

rung der drei Konfessionskirchen von Katholiken, Lutheranern

und Reformierten in Deutschland. Denn der am 24. 10. von 148

Gesandten unterzeichnete Westfälische Friede hebt auch nun-

mehr definitiv anerkannte Staaten aus der Taufe (die Nieder-

lande und die Schweizer Eidgenossenschaft), verhindert die Bil-

dung anderer Staatswesen ebenso definitiv (Böhmen) und

schafft mit der Verabschiedung universalmonarchischer Illusio-

nen eine neue europäische Ordnung.

 

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