Duden Deutsche Geschichte, Was jeder wissen muss
Konfessionelles Zeitalter
1495 luther und die Folgen Konfessionelles Zeitalter
1495–1648
Die Reformation erschüt-
terte nicht nur die einst
geistige Vormachtstellung
der Kirche. Auch die deut-
schen Fürsten nutzten sie,
um ihre Territorialmacht
Buch.indb 63 1648 auf Kosten kaiserlicher Zen-tralgewalt zu vergrößern. Das konfliktreiche Jahrhun-dert mündete 1618 in einen dreißig Jahre andauernden Krieg. 09.06.2009 18:30:38 Uhr
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Frühe Zeichen am Horizont
1495 Um finanzielle Hilfen der Reichsstände für einen beabsichtigten
Romzug zu erhalten, beruft Maximilian I. den Reichstag nach
Worms ein. Berthold von Henneberg, als Erzbischof von Mainz
zugleich Erzkanzler des Reichs, versucht, durch Bewilligungs-
versprechen Reformmaßnahmen zu erreichen, die auf die Ein-
schränkung königlicher Macht zugunsten der Stände zielen und
zugleich die Einheit des Reichs stärken sollen. Wichtigste Ergeb-
nisse der Versammlung, die wegen des Zusammentreffens aller
Stände als erster wirklicher Reichstag überhaupt gilt, sind die
Verkündung eines »Ewigen Landfriedens«, die Errichtung des
Reichskammergerichts, das ab 1526 in Speyer, ab 1693 in Wetz-
lar tagen wird, und die Einrichtung von zunächst sechs (ab 1512
zehn) Reichskreisen. Die Etablierung eines Reichsregiments als
dauerhafte ständische Mitregierung der Reichsstände und die
vom König gewünschte Einziehung einer allgemeinen Reichs-
steuer (»Gemeiner Pfennig«) scheitern dagegen.
MeIleNsTeIN
1495 Kaiser und Fürsten beschließen eine Reichsreform
7. august damit der von maximilian i. in Worms verkündete
»ewige Landfrieden« auch Wirklichkeit werden konnte, verab
schiedeten die auf dem reichstag zu Worms zusammengekom
menen Territorialherren, die reichsstände, gemeinsam mit dem
Kaiser einen Kompromiss zur reform der reichsverfassung. da
mit jeder seine ansprüche zukünftig nicht mehr durch das über
kommene mittelalterliche Fehderecht, sondern auf einem geord
neten rechtsweg durchsetzen konnte, sah der Beschluss die ein
richtung eines vom Kaiser unabhängigen reichskammergerichts
vor. auch wenn der zweite wichtige Beschluss, die neuordnung
des reichstags, zu Verfahrensfragen und Besetzung der Gremien
noch keine konkreten regelungen traf, so veränderten die Be
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schlüsse langfristig die politischen machtstrukturen im reich:
Geschwächt wurde die kaiserliche macht zugunsten der allmäh
lich stärker werdenden Landesfürsten. der hier etablierte staats
aufbau auf zwei Herrschaftsebenen, der in der föderalistischen
Tradition und Kompetenz der »deutschen Lande« steht, ließ
manche Historiker gar von einer »Wormser republik« sprechen.
1498 Der Portugiese Vasco da Gama entdeckt, nachdem er das Kap der
Guten Hoffnung umsegelte, den Seeweg nach Indien. Langfristig
sollte diese Seereise die mittelalterlichen Handelsströme im
Deutschen Reich und in Europa grundlegend verändern. Der
Handel mit Importwaren aus Asien verlagert sich von den Mit-
telmeerhäfen zu denen am Atlantik.
1499 Maximilian I. gesteht im Frieden von Basel den Schweizer Eidge-
nossen nach der Niederlage im Schweizerkrieg die faktische Los-
lösung vom Heiligen Römischen Reich zu. Der Kaiser muss nun
akzeptieren, dass für die Schweizer die Reichsverfassungsreform
von 1495 nicht gilt. Eine allseits anerkannte Souveränität erhal-
ten die Eidgenossen jedoch erst mit dem Westfälischen Frieden
(1648).
1508 Auch wenn er de facto seit seinem Regierungsantritt im Jahr 1493
schon kaiserliche Aufgaben übernahm, nimmt Maximilian I. erst
jetzt am 6. 2. im Dom von Trient den Titel eines »Erwählten Rö-
mischen Kaisers« an – ein untrügliches Zeichen dafür, dass kai-
serliche Macht und Anspruch nicht mehr ohne Weiteres von
den Großen des Reiches akzeptiert werden.
MeIleNsTeIN
1509 Der Mann, der die Zeitmessung transportabel machte
16. november Peter Henlein wollte das schlosserhandwerk er
lernen. nach der ausbildung zahlte der mittlerweile 29jährige
an jenem novembertag dem rat der stadt nürnberg die üblichen
drei Gulden und konnte sich fortan meister nennen. eigentlich
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ein alltäglicher Vorgang. Wäre da nicht die bahnbrechende idee
gewesen, die er wenige jahre zuvor gehabt hatte und nun umzu
setzen gedachte. eine von ihm erdachte und konstruierte sehr
kleine spiralfeder sollte den antrieb einer uhr, nicht größer als
eine Pillendose jener jahre, ermöglichen. Waren doch die bisheri
gen riesigen Zeitmesser von einem schweren Gewichtsantrieb und
damit von der schwerkraft abhängig. Henleins erfindung ermög
lichte es fortan manchem Bürger, seine uhr überall mit hinzu
nehmen. auch weil Peter Henlein die mechanik seiner gebauten
uhren bis zu seinem Tod im august 1542 immer weiter verbes
serte, machte ihn seine mechanische Pionierleistung zum vermö
genden nürnberger Bürger.
1512 Auf dem Reichstag zu Köln wird die Durchführung des 1495 in
Worms verkündeten »Ewigen Landfriedens« den zehn neu ge-
bildeten Reichskreisen übertragen. Die Grenzen dieser Kreise,
Bindeglieder gewissermaßen zwischen dem Heiligen Römischen
Reich und den Landesherrschaften, orientieren sich an den Fürs-
tentümern des Reichs. De facto überträgt damit der Kaiser den
Landesherren die Durchführung von Reichsrechten. Martin luther erhält an der Wittenberger Universität »Leucorea«
eine Professur für Bibelauslegung. In den folgenden fünf Jahren
als Universitätslehrer entwickelt er seine neue Theologie der
Rechtfertigungslehre: Die Gnade Gottes und die Rechtfertigung
des Menschen vor Gott sind allein, so Luther, durch den Glau-
ben bestimmt. Die bisherige theologische Auffassung der Straf-
gerechtigkeit Gottes dagegen lehnt er ab.
1514 Die Krise der Kirche im 16. Jh. nimmt ihren Anfang: Albrecht von
Brandenburg, Bischof von Mainz, Magdeburg und Halberstadt,
erlaubt in seinen Bistümern den Verkauf von Ablässen. Die Ein-
nahmen fließen auf die Bankkonten der Fugger, die sie nach
Rom weiterleiten, um dort den kostspieligen Lebenswandel von
Papst und Kurie zu finanzieren.
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67 Luther und die Folgen
MeIleNsTeIN
1516 Die Post ist da!
12. november in elf bis zwölf Tagen würden die kaiserlichen, in
Brüssel verfassten Briefe ihr Ziel in rom erreichen! ein gewagtes
Versprechen zu einer Zeit, in der der Zustand der Wege je nach
jahreszeit eher einem schlamm oder einem staubigen Trampel
pfad als einem gut ausgebauten Wegenetz entsprach. doch ge
nau diese Zusicherung hatte Franz von Taxis Kaiser maximilian
im Postvertrag von 1516 gegeben. der kaiserliche Hauptpost
meister konnte aber sicher sein, dass seine Postreiter, die auf
vorgegebenen routen die Briefe von Poststation zu Poststation
transportierten, ihn nicht im stich lassen würden. Hatte er doch
schon 1490 die erste kaiserliche Postlinie zwischen innsbruck
und dem nahe Brüssel gelegenen mecheln aufgebaut. auch da
mals schon war schnelle informationsvermittlung von Vorteil.
und so transportierte die taxissche Post ab 1505 auch die Post
der augsburger Handelshäuser. eine schnelle Kommunikation
versprach eben zusätzliche Gewinne.
1517 Am 31. 10. schreibt Luther an hohe kirchliche Würdenträger ei-
nen Brief mit seinen berühmten 95 Thesen gegen den Miss-
brauch des Ablasses. Die Thesen sind eine konsequente Ablei-
tung von Luthers Rechtfertigungslehre. Dass er sie an die Tür
der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben soll, gehört ver-
mutlich in das Reich der Legendenbildung.
die Krise nimmt ihren Lauf
1518 In Rom erhebt im Mai der Dominikanerorden offiziell Anklage
wegen Ketzerei gegen Martin Luther. Damit wird ein förmliches,
kirchliches Strafverfahren gegen den Mönch aus Wittenberg
eingeleitet.
Buch.indb 67 09.06.2009 18:30:39 Uhr
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Adam Ries, der in jenem Jahr eine Rechenschule in Erfurt führt,
veröffentlicht sein erstes Rechenbuch mit dem Titel »Reche-
nung auff der Linihen«. Bewusst hat Ries dieses Buch in Deutsch
verfasst, um damit besonders Handwerker und Kaufleute anzu-
sprechen.
Im Oktober wird Luther in Augsburg durch den päpstlichen Be-
auftragten Cajetan verhört. Luther argumentiert, dass er mit sei-
nen Thesen lediglich Missstände beseitigen und nicht die Auto-
rität des Papstes infrage stellen wollte. Durch den Tod des Kai-
sers im Januar 1519 ruht nun erst einmal das Verfahren gegen
den Reformator, da der Papst die Nachfolgeregelung in seinem
Sinn beeinflussen will.
1519 Weniger sind es die Bürgschaften der Fugger für Bestechungsgel-
der an die Kurfürsten, die den Ausschlag zur Wahl Karls V., des
Sohnes von Maximilian, zum König und Kaiser am 28. 6. geben.
Vielmehr ist es das Misstrauen der Fürsten gegen seinen Riva-
len, den französischen König Franz I. Die Fürsten ahnen nicht,
dass sie mit Karl V. nicht nur einen strammen Verfechter der ka-
tholischen Sache, sondern auch der universalen Reichsgewalt
wählen. Der kaiserliche Machtanspruch erfährt in der von Groß-
kanzler Mercurino Arborio di Gattinara wesentlich mitgepräg-
ten Idee der Universalmonarchie (»Monarchia universalis«) ihre
Zuspitzung. Die Kronen Frankreichs und Spaniens konkurrie-
ren jedoch mit diesem Konzept.
1520 Im Lauf des Jahres veröffentlicht Martin Luther seine drei großen
reformatorischen Programmschriften: »An den christlichen
Adel deutscher Nation«, »Von der babylonischen Gefangen-
schaft der Kirche« und »Von der Freiheit eines Christenmen-
schen«. Wie ein roter Faden durchzieht diese Schriften Luthers
Forderung nach einer Kirche aller Gleichgestellten, in der nicht
eine kirchliche Hierarchie den Willen Gottes verkündet. Am 10. 12. scheint es Luther endgültig auf eine Konfrontation mit
Rom anzulegen: Die vom Papst verkündete Widerrufsfrist lässt
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69 Luther und die Folgen
Luther, der eine große Popularität im Volk, aber auch die Unter-
stützung einiger Reichsfürsten besitzt, verstreichen und ver-
brennt öffentlich in Wittenberg die Bannandrohungsbulle »ex-
surge Domine«.
MeIleNsTeIN
1521 »Will ich nichts widerrufen«
18. april da stand er nun, der mönch aus Wittenberg, vor einem
der damals mächtigsten männer des erdenkreises und sollte
seine Lehren widerrufen. Kaiser Karl V. hatte ihm freies Geleit
zugesichert. doch dies nur, da martin Luther von mächtigen Gön
nern, allen voran Kurfürst Friedrich der Weise von sachsen, un
terstützt wurde. Luthers ansichten bargen genügend sprengstoff:
im Kern hatte Luther in jenen schriften das tiefe unbehagen gro
ßer Bevölkerungsgruppen gegenüber der allmächtigen und jedem
reformansatz verschlossenen römischen Kirche und Kurie in eine
neue Lehre gegossen. Luther musste sich in Worms der unter
stützung einflussreicher und nach Teilsouveränität gegenüber
Kaiser und Papsttum drängenden Fürsten sicher gewesen sein:
denn vor dem Kaiser verfällt Luther weder in demut noch wider
ruft er. so wies Luthers auftreten in Worms schon auf entwick
lungen zukünftiger jahre hin: die Verbindung reformatorischer
Bestrebungen mit dem Wunsch vieler Landesherren nach souve
ränität.
1521 Kurfürst Friedrich III., der Weise, von sachsen weiß, dass Kaiser
Karl V. ein Gegner der Schriften Martin Luthers ist. Aus Sorge
um den Reformator, über den der Kaiser tatsächlich wenige Tage
nach Worms die Reichsacht verhängt, bringt der Kurfürst Luther
auf die Wartburg in Sicherheit, der hier nun beginnt, die Bibel
ins Deutsche zu übertragen.
1522 Kaiser Karl V. siegt am 24. 4. über seinen Erzrivalen, den französi-
schen König Franz I., in der schlacht von la Bicocca in Oberita-
lien. Die Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser und
Frankreich, die sich über mehrere Jahrzehnte hinziehen und in
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denen es um Territorialfragen in Italien, Burgund und Südfrank-
reich geht, halten Karl V. davon ab, sich intensiv und zufrieden-
stellend um eine Lösung der Konfessionsfrage im Reich zu be-
mühen.
1524 Im Sommer kommt es in Schwaben zu ersten Bauernunruhen, die
sich im Lauf des kommenden Jahres auf Franken, Thüringen,
das Elsass und bis nach Tirol und Salzburg ausweiten. Der Bau-
ernkrieg 1524/1525, die erste vom Buchdruck geförderte Mas-
senbewegung, die im Namen des »gemeinen Mannes« beson-
ders in Oberschwaben, Franken, Thüringen und Tirol etwa
100 000 Menschen mobilisiert, ist der größte Sozialkonflikt in
der deutschen Reichsgeschichte.
1525 Auch wenn Kaiser Karl die Zeichen der Zeit, die im Reich eindeu-
tig auf Sturm stehen, nicht erkennen will, kann er außenpoli-
tisch punkten: In der Schlacht von Pavia am 24. 2. fällt König
Franz I. in seine Gefangenschaft. Nicht zuletzt deswegen schei-
tern die französischen Ansprüche auf Mailand und die Lombar-
dei.
Die Reformation zeigt erste wichtige politische und territoriale Er-
folge: Am 8. 4. säkularisiert Kurfürst Albrecht von Brandenburg
den Deutschordensstaat und empfängt ihn als Herzog von Preu-
ßen vom polnischen König zu Lehen.
Im thüringischen Frankenhausen zerschlagen die Reichsstände
den Traum der Bauern nach ein wenig Freiheit: Ein fürstliches
Landsknechtsheer besiegt am 15. 5. das Aufgebot vieler Tausend
Bauern. Tausende von ihnen werden im Kampf erschlagen oder
wenig später hingerichtet. Thomas Müntzer, ihr Anführer, wird
am 27. 5. in Mühlhausen enthauptet.
MeIleNsTeIN
1525 Zwölf Artikel der Bauernschaft veröffentlicht
20. märz ihre Forderungen waren konkret: so ging es ihnen um
eine Besserstellung im rahmen ihrer Leibeigenschaft, um nut
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71 Luther und die Folgen
zungsrechte von Wald und Flur, aber auch um strafen bei Verstö
ßen gegen landesherrliche Bestimmungen. doch werden die öko
nomischen und sozialen Forderungen, die die fünfzig abgesand
ten von oberschwäbischen Bauern an jenem märztag in
memmingen verabschiedeten, heute als rückwärtsgerichtetes
denken mit Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft eingeschätzt.
denn in jenen jahren, als in vielen regionen des reichs die Bau
ern den aufstand wagten, hatte der adel schon längst damit be
gonnen, im mittelalter gewachsene bäuerliche selbstverwaltun
gen zugunsten landesherrschaftlicher und damit zentralistischer
strukturen zurückzudrängen. Ganz ungehört jedoch blieben die
Forderungen der Bauern, die sich auch auf reformation und Bi
bel beriefen, nicht: noch im 16. jh. räumten die Landesherren
ihnen die möglichkeit ein, ihre rechte vor Gerichten einzuklagen.
1526 In der schlacht bei Mohács am 29. 8. fällt König Ludwig II. von Un-
garn und Böhmen im Kampf gegen die Osmanen unter Sultan
Süleiman II.; sein Reich zerfällt, die böhmische Krone gelangt an
seinen Schwager, Erzherzog Ferdinand, den späteren Kaiser und
Begründer der habsburgischen Donaumonarchie. 1527 Auch innenpolitisch führt die Reformation zu ersten Folgen: Mit
der umfangreichen Kirchen- und Schulvisitation, die der sächsi-
sche Kurfürst Johann der Beständige in seinem Territorium
durchführt und eine Überprüfung aller kirchlichen Angelegen-
heiten einschließlich des Wissensstandes der Pfarrer nach sich
zieht, bildet sich im Reich erstmalig ein evangelisches landeskir-
chentum. Viele Territorialherren folgen im Lauf des 16. Jh. dem
Beispiel Sachsens.
Auf Sold wartende Landsknechtstruppen Karls V. plündern das
mit Frankreich verbündete päpstliche Rom (»Sacco di Roma«). 1528 Albrecht Dürer stirbt am 6. 4. in seiner Heimatstadt Nürnberg. In
seinen Gemälden, Holzschnitten und Kupferstichen sowie in
seinen kunsttheoretischen Schriften hat Dürer spätgotisches
Buch.indb 71 09.06.2009 18:30:40 Uhr
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Herkommen mit der von ihm auf zwei Italienreisen (1494/1495
und 1505–1507) erfahrenen Renaissance fruchtbar verbunden. 1529 Als der Habsburger Ferdinand, Bruder und Vertreter des Kaisers
im Reich, auf dem Speyrer Reichstag ein Verbot aller Glaubens-
neuerungen in den Reichsterritorien verkündet und damit ein-
deutig gegen einen Reichstagsbeschluss von 1526 verstößt, legen
die protestantischen Reichsstände dagegen offiziellen Protest
ein. Von diesem Speyrer Protest leitet sich fortan die Bezeich-
nung »Protestanten« ab. Im selben Jahr kommt es vor den Toren Wiens zur ersten Belage-
rung der Stadt durch die Türken unter ihrem Sultan süleiman.
Auch wenn diese Belagerung wohl wegen eines frühen Winter-
einbruchs abgebrochen wird, bleiben für die Stadt an der Donau
und die habsburgischen Kernlande die türkischen Angriffe eine
dauerhafte Gefahr. Bis weit in das 17. Jh. hinein wird Österreich
und ganz besonders Wien unter den türkischen Expansionsplä-
nen zu leiden haben.
1530 Nach mittelalterlicher Tradition wird am 24. 2. Karl V. in Bologna
vom Papst zum Kaiser gekrönt. Karl V., der sich schon kurz nach
seiner Ernennung im Jahr 1519 den Titel »Kaiser« zulegte, wird
der letzte Kaiser sein, der vom Papst die Kaiserkrone empfängt.
MeIleNsTeIN
1530 »Gepredigt im reinen Verständnis«
25. juni die Botschaft klang versöhnlich: Kaiser Karl V., der
den immer heftiger schwelenden Konfessionsstreit im reich end
lich lösen wollte, forderte im Vorfeld des augsburger reichstages
alle Beteiligten auf, ihre Glaubensgrundsätze dort vorzutragen.
das daraufhin von melanchthon verfasste und von allen sich zur
lutherischen reformation bekennenden reichsständen unter
zeichnete dokument wurde am 25. 6. in augsburg vor dem
reichstag verlesen. Obwohl die unterzeichner der »Confessio au
gustana«, des »augsburger Bekenntnisses«, mit dieser Glaubens
schrift einen vielleicht letzten Versuch unternahmen, eine mögli
Buch.indb 72 09.06.2009 18:30:40 Uhr
73 Luther und die Folgen
che spaltung der Kirche doch noch zu verhindern, blieben sie in
theologischen Fragen den lutherischen Thesen treu. die antwort
der katholischen seite kam umgehend: Brüsk lehnte sie das Be
kenntnis der Lutheraner ab. das undenkbare war in den Bereich
des möglichen gerückt: die spaltung der Christenheit. nicht zu
letzt deswegen stellt die »Confessio« eine entscheidende histori
sche Zäsur da.
die Krise eskaliert
1531 Nach dem für die evangelischen Reichsstände verheerenden Aus-
gang des Augsburger Reichstages vereinbaren diese in dem thü-
ringischen Ort Schmalkalden die Bildung eines Beistandsbünd-
nisses. Am 27. 2. tritt er offiziell in Kraft. Die Protestanten schei-
nen zu ahnen, dass der Kaiser an einer friedlichen Lösung des
Konflikts nicht mehr interessiert ist. Wie sehr die Bündnispart-
ner des schmalkaldischen Bundes recht behalten sollen, wird
wenige Jahre später deutlich.
Auch in der Schweiz steht es um die Sache der Reformation nicht
gut: Die evangelisch geführten Kantone erleiden in der Schlacht
von Kappeln am 11. 10. eine empfindliche Niederlage gegen das
Aufgebot der katholischen Eidgenossen. Auch der Reformator
Ulrich Zwingli kommt dabei ums Leben. Dieser Krieg gilt als ei-
ner der ersten, der um die Sache der Reformation geführt
wurde.
MeIleNsTeIN
1532 Das erste deutsche strafgesetzbuch wird verkündet
27. juli Konnte das Gericht dem angeklagten einen mord nach
weisen, so sollte der delinquent aufs rad geflochten werden.
Buch.indb 73 09.06.2009 18:30:40 Uhr
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Kam das Gericht jedoch zur Überzeugung, der Täter habe im af
fekt gehandelt und somit nur einen Totschlag begangen, drohte
ihm das schwert des Henkers. dies jedenfalls sah die »Constitu
tio Criminalis Carolina« vor, die nach langjährigen Verhandlungen
endlich auf dem regensburger reichstag verabschiedet und von
Kaiser Karl V. unterzeichnet wurde. neu war nicht nur, dass für
bestimmte straftaten ein einheitliches strafmaß vorgegeben
wurde. Wichtiger noch war die reform des strafverfahrens: nicht
mehr der angeklagte hatte seine unschuld zu beweisen, sondern
das Gericht musste ihn der Tat überführen. auch wenn nicht zu
letzt wegen der Zulässigkeit von Folter dieses erste strafgesetz
buch noch lange nicht unserem heutigen rechtsempfinden ent
sprach, so gilt die »Carolina«, auch »Peinliche Gerichtsordnung«
genannt, als wichtiger schritt zum modernen strafrecht.
1534 In Münster errichtet ein gewisser Melchior Hoffmann das soge-
nannte Täuferreich von Münster. Weite Teile der Bürgerschaft
unterstützen nicht nur die Wiedertäuferbewegung, die im Reich
letztlich nur eine Randerscheinung der reformatorischen Lehre
darstellt, sondern errichten in der Stadt eine Gewaltherrschaft,
die zu grausamen Exzessen gegenüber Andersgläubigen ausar-
tet. Erst 1535 beenden Truppen der Reichsstände gewaltsam das
Täuferreich. Den Namen »Wiedertäufer« leitet diese christliche
Gruppierung von ihrer Grundüberzeugung ab, dass ein Mensch
sich nur als Erwachsener in voller Glaubensüberzeugung, aber
nicht als Säugling taufen lassen kann. Darum muss jedes Mit-
glied der Gemeinschaft noch einmal »wiedergetauft« werden. Der wenig später zum Priester geweihte Ignatius von loyola grün-
det am 15. 8. die Gesellschaft Jesu. Unter einem anderen Namen
soll diese Gemeinschaft in wenigen Jahren zur argumentativ
schärfsten Waffe der Päpste im Zug der Gegenreformation wer-
den: dem des Jesuitenordens.
Buch.indb 74 09.06.2009 18:30:41 Uhr
75 Luther und die Folgen
MeIleNsTeIN
1534 Dank luther kann jeder nun die Bibel lesen
4. Oktober mag sein, dass es für manchen Bürger eine Offenba
rung war. sicher aber ist, dass ab dem Herbst des jahres 1534
die menschen nicht mehr auf einen Priester oder mönch ange
wiesen waren, wollten sie das Wort des Herrn verstehen. denn
mit dem erscheinen der von martin Luther ins deutsche über
setzten Gesamtausgabe der Bibel konnte sich ab sofort jeder sein
eigenes Bild von den Heiligen schriften machen. unbestritten ist
auch, dass durch Luthers Bibelübersetzung die reformation in
weiten Teilen der Bevölkerung einen enormen Zuspruch erhielt.
dank Gutenbergs erfindung des modernen Buchdrucks wurde die
Bibel nun zehntausendfach gedruckt und verkauft. auch wenn
Luther nicht als schöpfer der neuhochdeutschen schriftsprache
gilt, so hat er sie mit der Bibelübersetzung, die er bewusst in ei
nem der Volkssprache nachempfundenen stil verfasste, zur Voll
kommenheit geführt. Luthers Bibeltext genießt heute Weltlitera
turgeltung.
Die am 3. 11. unter König Heinrich VIII. erlassene Suprematsakte
begründet die englische Nationalkirche. 1536 Neben der Bibelübersetzung ins Deutsche sind es auch die wichti-
gen Schriften bedeutender Reformatoren, die der antipäpstli-
chen Bewegung Kraft verleihen, so die des bedeutenden Schwei-
zer Reformators Johannes Calvin. In diesem Jahr erscheint sein
Hauptwerk, »Unterweisung in der christlichen Religion«. 1541
setzt er seine Thesen in die Praxis um und führt in Genf eine re-
formierte Kirchenordnung ein.
1538 Als Gegengewicht zum Schmalkaldischen Bund bilden in Nürn-
berg katholische Reichsstände einen eigenen Bund. Auch wenn
der Kaiser diese Vereinigung nicht unterstützt, entwickelt sich
die Konfessionsfrage immer mehr zu einem politischen und mi-
litärischen Kräftemessen der Reichsstände untereinander. 1539 Was die Großen des Reichs nicht schaffen, erreichen ausländische
Mächte, wenn auch nur indirekt: Um einen Krieg gegen die Tür-
Buch.indb 75 09.06.2009 18:30:41 Uhr
1495–1648 76
ken führen zu können, ist Karl V. auf finanzielle Unterstützung
aller Reichsfürsten angewiesen. Angesichts dessen drängen die
Berater den Kaiser, Ausgleichsgespräche der konfessionell ver-
feindeten Reichsstände mit dem Ziel eines Kompromisses zu be-
fürworten. Nur widerwillig stimmt Karl diesem Frankfurter An-
stand zu.
1541 Die Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten scheinen
unüberbrückbar: Alle Beteiligten, die konfessionellen Reichs-
stände, die römische Kurie, aber auch Luther, lehnen eine Wei-
terführung der vor zwei Jahren vereinbarten Ausgleichsgesprä-
che ab. Obwohl die Delegationen schon zu zentralen religiösen
Fragen eine gewisse Annäherung erreicht hatten, scheitern die
Verhandlungen letztlich an der Sakramentenfrage.
MeIleNsTeIN
1543 Im Mittelpunkt steht die sonne und nicht die erde
24. mai nikolaus Kopernikus, domherr zu Frauenburg in Ost
preußen, wollte es so: erst nach dem Tod des nunmehr siebzig
jährigen im mai 1543 wurde sein bahnbrechendes Hauptwerk
»de revolutionibus orbium coelestium« veröffentlicht. in ihm ver
suchte Kopernikus zu beweisen, dass die Planeten, und damit
auch die erde, die sonne umkreisen und nicht, wie es das bis
dahin vorherrschende Weltsystem des Ptolemäus behauptete, die
sonne die erde. sogar die Kirche stand zuerst seinen schon
1514 in einem ersten entwurf geäußerten Thesen wohlwollend
gegenüber. erst einhundert jahre später setzte die römische Ku
rie das Hauptwerk des Kopernikus auf den index – vielleicht ge
rade deswegen, weil wenige jahrzehnte später johannes Kepler
mit seinen Planetengesetzen die grundsätzlichen Thesen des he
liozentrischen Weltsystems bestätigte. er korrigierte nur Koperni
kus’ annahme der kreisförmigen Planetenbahnen und wies nach,
dass sie die Form einer ellipse haben.
1544 Nach einem vierten Krieg gegen Frankreich zwischen 1542 und
1544 schließen Karl V. und der französische König Franz I. in
Buch.indb 76 09.06.2009 18:30:41 Uhr
77 Luther und die Folgen
Crépy endlich Frieden. Neben Mailand verzichtet Franz auch auf
die Lehnshoheit über Flandern. Der Kaiser will sich nach diesem
Sieg über seinen einstigen Gegner nun verstärkt um eine Lösung
der Konfessionsfrage im Reich kümmern.
1545 Papst Paul III. eröffnet das Konzil von Trient. Die letzte Tagungs-
periode dieser Zusammenkunft aller Bischöfe und Kardinäle en-
det erst 18 Jahre später im Jahr 1563. Das »Tridentinum« berät
über Glaubenslehre und Kirchenreform. Viele erhoffen sich von
diesem Konzil positive Impulse zur Überwindung der Glaubens-
spaltung im Reich. Doch es soll anders kommen: In Trient wer-
den die Fundamente für die Gegenreformation, den Kampf der
katholischen Kirche gegen Abweichlertum und Reformation, ge-
legt.
1546 Martin Luther stirbt in Eisenach. Am 18. 2. ist jener Mann tot, der
mit seinen Thesen und Schriften ein ganzes Jahrhundert in Auf-
ruhr versetzte und, ohne dass er es eigentlich wollte, die christli-
che Kirche spaltete.
Der Streit zwischen den Reichsständen eskaliert zum offenen
Krieg. Der Regensburger Reichstag ächtet Kursachsen und Hes-
sen. Ob er es darauf angelegt hat, ist umstritten: Jedenfalls nutzt
Karl V. die Verhängung der Reichsacht aus und beginnt gegen
die beiden protestantischen Landesfürsten den schmalkaldi-
schen Krieg.
MeIleNsTeIN
1546 Wahre Fürsten unter den anderen Kaufleuten
stellen sie sich vor, die einhundert größten unternehmen
deutschlands wären heute in der Hand eines einzigen Konzerns.
unvorstellbar? im 16. jh. gab es solch einen Firmenverbund: die
unternehmen der Fugger. 1546 hatte das Firmenimperium sei
nen Zenit erreicht: anton Fugger, der neffe jenes legendären ja
kob Fugger, der den Beinamen »der reiche« erhielt, verfügte
über ein Gesellschaftsvermögen, das die in europa, asien und
amerika agierende Firma in späteren jahren nie mehr erreichte.
Buch.indb 77 09.06.2009 18:30:42 Uhr
1495–1648 78
spricht die Geschichtsforschung heute vom »Frühkapitalismus«,
so meinen diese erklärungsversuche zuallererst unternehmungen
wie die der Fugger oder der Welser, Kaufmannsfamilien eben, die
durch den Fernhandel ein Vermögen verdient hatten. »Geld muss
arbeiten«, sagten sie und verliehen es an Fürsten und Kaiser, in
vestierten in edelmetallbergwerke, gründeten frühneuzeitliche
Gewerbeunternehmen und erhielten so noch mehr Kapital.
1547 Kaiser Karl siegt am 24. 4. in der schlacht von Mühlberg an der
Elbe über Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen. Wenig später
ergibt sich auch Philipp von Hessen. Beide Fürsten müssen nun
lange Haftstrafen antreten. Der Sachse wird außerdem gezwun-
gen, auf seine Kurfürstenwürde zu verzichten.
1548 Der Kaiser, der nun auf dem Höhepunkt seiner Macht ist, hofft,
trotz gegensätzlicher Nachrichten aus Trient, dass das Konzil
ausgleichende Beschlüsse fassen möge. Auf dem »Geharnischten
Reichstag« verkündet Karl V. deswegen das »Augsburger Inte-
rim«, das eine Übergangsreligion für die Protestanten bis zur
Entscheidung des Konzils ermöglichen soll.
Mit Zustimmung der Reichsstände gelten in den habsburgisch-
niederländischen Besitzungen nicht mehr die Beschlüsse des
Reichstages und des Reichskammergerichts. Dieser Burgundi-
sche Vertrag ist für die späteren Niederlande ein wichtiger
Schritt zur Loslösung vom Reich und damit zur Souveränität. 1552 Erneut kommt es zum Krieg der Konfessionen, der alle Bemü-
hungen des Kaisers zunichte macht. Ab März führt Kurfürst
Moritz von Sachsen, gemeinsam mit mehreren protestantischen
Fürsten, den Fürstenkrieg gegen Karl V. Der Kaiser muss von
Innsbruck nach Villach in Kärnten flüchten. Außerdem erreicht
der Kurfürst die vorläufige Aussetzung der Beschlüsse des Tri-
enter Konzils.
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79 Luther und die Folgen
Wiederum ist es die Türkenbedrohung, die die Habsburger zum
Einlenken zwingt. König Ferdinand und die Fürsten einigen sich
im Passauer Vertrag auf die Aufhebung des Augsburger Interims.
Außerdem werden in Passau die Weichen zum Augsburger Frie-
den gestellt: Alle Parteien einigen sich darauf, Verhandlungen
mit dem Ziel eines dauerhaften Friedens zu führen. 1553 Kaiser Karl V., der seit Februar zurückgezogen in Brüssel lebt,
scheint zu resignieren. In das Reich wird er nie mehr zurückkeh-
ren. Drei Jahre später, im Jahr 1556, tritt der Kaiser endgültig ab
und zieht sich nach Spanien in die Nähe des Klosters San Geró-
nimo de Yuste zurück. Sein Nachfolger wird sein Bruder Ferdi-
nand I. Am 21. 9. 1558 stirbt der erklärte Widersacher des Refor-
mators Martin Luther.
MeIleNsTeIN
1555 »Cuius regio, eius religio«
25. september »Wem das Land gehört, der bestimmt auch die
religion.« dieser satz nun steht eben nicht in jenem Friedens
werk, das der augsburger reichstag 1555 verabschiedete.
rechtsprofessoren haben ihn, um das Werk des augsburger reli
gionsfriedens auf eine griffige Formel zu bringen, wenige jahre
später formuliert. dennoch sagt er viel über den Kompromiss aus,
den die reichsstände in augsburg suchten und fanden. War ih
nen einerseits bewusst, dass eine religionseinheit kaum noch
möglich war, so versuchten sie wenigstens mit dem abkommen
eine machtpolitische Gemeinsamkeit für das reich herzustellen.
doch nicht der untertan konnte über seine Konfessionszugehö
rigkeit entscheiden, sondern nur der Herr, der jenes Territorium
besaß, auf dem der untertan wohnte. und noch ein Passus
machte den Frieden so brüchig: Geistliche, katholische Besitzun
gen waren von dem Kompromiss ausgeschlossen. nicht zuletzt
deswegen war bei manchem reichsfürsten der Friedenswille we
nige jahrzehnte später verflogen.
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1495–1648 80
nach augsburg:
die ruhe vor dem sturm
1555 Philipp II., Sohn von Karl V. und König von Spanien, übernimmt
nun auch offiziell die Herrschaft in den habsburgischen Nieder-
landen. Schon kurz danach nehmen dort die Repressionen ge-
gen die Protestanten zu. Eine große Anzahl der Verfolgten flüch-
tet aus den Niederlanden in das Heilige Römische Reich. Viele
von ihnen gründen wenige Jahre später in deutschen Handels-
städten große Bank- und Kaufmannshäuser.
MeIleNsTeIN
1559 Die Reichsmünzordnung ordnet das Chaos
19. august der euro hat einen nennwert von einem euro. sein
metallwert beträgt dagegen nur ein Bruchteil des nennwerts. als
der reichstag zu augsburg eine neuordnung des münzwesens
anstrebte, kannte man noch nicht dieses Prinzip der »scheide
münzen«. ein Taler bestand aus silber, ein Goldgulden aus Gold.
der metallwert einer münze entsprach damit seinem nennwert.
Wollte jedoch der Kaufmann einen Wertvergleich der unter
schiedlichen münzen vornehmen, benötigte er dafür ein münz
grundgewicht. 1524 hatte der reichstag daher die »Kölner mark«
als münzgewicht festgelegt. doch seitdem viele Fürsten die Ober
hoheit des Kaisers über das Goldmünzregal unterliefen und die
unterschiedlichsten silbermünzen prägten und in umlauf brach
ten, herrschte im reich ein heilloses münzchaos. so blieb dem
reichstag keine andere Wahl, als sich dem Faktischen zu beu
gen: ab dem august 1559 galt erstmals, zusätzlich zum Golddu
katen, silber in Form des reichsgulden als offizielle Währungs
einheit.
1563 Nach der Zerschlagung eines Adelsaufstandes in Bayern, dessen
Ursache Herzog Albrecht V. in der Verschwörung gegen sein ka-
tholisches Regiment sieht, erlaubt er dem Jesuitenorden in sei-
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81 Luther und die Folgen
nem Herzogtum, verstärkt eine Katholisierung der Bevölkerung
durchzuführen. Bayern als Vorreiter erlebt damit die erste große
Welle der Gegenreformation. In der Kurpfalz, einem Zentrum reformatorischer Kirchenpolitik,
veröffentlichen Kaspar Olevian und Zacharius Ursinus den Hei-
delberger Katechismus. Dieses Lehrwerk für Protestanten orien-
tiert sich stark an den theologischen Lehren Johannes Calvins.
Das Jahr der Veröffentlichung ist kein Zufall: So soll der Katechis-
mus dem Wirken des Jesuitenordens im Reich entgegenwirken. 1567 Unabhängig von der Konfessionsfrage vollzieht sich im Reich eine
weitere, doch ebenso wichtige Entwicklung. Die Hinrichtung
des fränkischen Reichsritters Wilhelm von Grumbach, der sich
in einem offenen Aufstand gegen die Zunahme landesherrlicher
Privilegien in den Territorien auf Kosten des niederen Adels zur
Wehr setzte, macht deutlich, dass die Territorialfürsten nicht
mehr bereit sind, ihre neu gewonnenen landesherrlichen Rechte
aus der Hand zu geben.
1568 Mit der Hinrichtung des niederländischen Grafen von Egmont
durch den spanischen Herzog Alba beginnt in den Niederlanden
der Achtzigjährige Krieg. Was mit einem Aufstand beginnt, ent-
wickelt sich in den kommenden Jahrzehnten zum Freiheits-
kampf der Niederländer um die Loslösung von der spanischen
Krone. Erst im Westfälischen Frieden (1648) wird den Nieder-
ländern die volle Souveränität zugestanden.
1569 Der Geograf Gerhard Mercator, seit 1552 in Duisburg ansässig, ver-
öffentlicht seine große Weltkarte. Auch heute noch rühmt man
die Genauigkeit dieses Werkes. Mercator hat in der Karte die
Kontinente nach der nach ihm benannten »Mercatorprojektion«
ausgerichtet. Um eine winkelgetreue Abbildung der Weltkugel
zu erreichen, richtet er die Kontinente entlang der Nord-Süd-
Achse einer Zylinderprojektion aus. Auch wenn er damit eine
starke Verzerrung der Polarregionen in Kauf nimmt, bedeutet
diese neue Darstellung einen riesigen Fortschritt für die Seefahrt.
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1582 Papst Gregor XIII. führt die später nach ihm benannte Kalender-
reform durch. Doch ohne die in den letzten Jahrzehnten neu ge-
wonnenen astronomischen Erkenntnisse hätte der Papst die Re-
form nicht einleiten können. Denn nur das Wissen um die Pla-
netenbahnen ermöglicht eine genaue Berechnung der Tage, der
Wochen und der Monate. Im julianischen Kalender lässt Gregor
zehn Tage überspringen und passt ihn so den neuen Gegeben-
heiten an. Unter den Katholiken schnell verbreitet, wird der
»neue Stil« der Kalenderrechnung im Reich erst 1700 allgemein
verbindlich (»Reichsstil«).
1583 Wie sehr die Konfessionsfrage auch jetzt noch das Heilige Römi-
sche Reich beschäftigt, wird im Kölner Krieg überdeutlich. Die
Entscheidung des Kölner Erzbischofs und Kurfürsten Gebhard
Truchsess, sein Territorium evangelisch zu machen, stößt auf
den erbitterten Widerstand des Landtages und des Domkapi-
tels, die ihn nach regionalen Kämpfen absetzen und einen ka-
tholischen Nachfolger aus dem Haus Wittelsbach bestimmen.
So verhindert der Sieg der katholischen Rheinländer eine Ver-
schiebung der Stimmenmehrheit im das den Kaiser wählenden
Kurfürstenkolleg zugunsten der Protestanten.
1598 Das edikt von Nantes beendet die französischen Religionskriege:
Es bestätigt den Katholizismus als Staatsreligion, gewährt den
Protestanten (»Hugenotten«) aber Gewissensfreiheit, zudem
das Recht, Gottesdienste abzuhalten und Truppen an »Sicher-
heitsplätzen« zu unterhalten. Die Aufhebung des Edikts durch
Ludwig XIV. (1685) führt zu einer Auswanderungswelle der Hu-
genotten nach Deutschland und in die Niederlande. 1600 Um die Jahrhundertwende vollzieht sich in der Musik ein Wandel.
Die Stilrichtung der Polyfonie, die mit ihrem mehrstimmigen
und instrumental begleiteten Gesang die Musik der Renaissance
bestimmte, wird nun zunehmend von der Monodie abgelöst.
Der monodische Stil, ein einstimmiger Gesang mit Akkordbe-
gleitung, beeinflusst in Zukunft zunehmend die Musik des auf-
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83 Luther und die Folgen
kommenden Barock. Einer der führenden Vertreter dieses musi-
kalischen Wandels ist der Italiener Claudio Monteverdi. 1601 Johannes Kepler wird am Hof Kaiser Rudolfs II. Hofmathemati-
ker. Kepler, der durch die Beobachtung der Gestirne die Gesetz-
mäßigkeiten ihrer Umlaufbahnen errechnete, leitete davon seine
drei keplerschen Gesetze ab. Mit dieser empirischen Ableitung
naturwissenschaftlicher Gesetze, die Kepler ja nur durch seine
Beobachtung der Sterne aufstellen konnte, wird der Astronom
Wegbereiter der neuzeitlichen Naturwissenschaft. 1603 elisabeth I., seit 1558 Königin von England, stirbt. Unter ihrer Re-
gierung hat England einen großen wirtschaftlichen Aufschwung
und eine geistige Blütezeit erlebt. Der Sieg über die spanische
Armada (1588) hat dem Land, das außenpolitisch die Protestan-
ten unterstützte, zudem den Aufstieg zur Weltmacht geebnet.
Vorboten des Krieges
1606 Der Friede von Zsitvatorok beendet den »Langen Türkenkrieg«
(1593–1606) und stellt Habsburger und Osmanen diplomatisch
auf dieselbe Stufe.
MeIleNsTeIN
1608 Protestanten und Katholiken formieren sich
14. mai der Geist von augsburg, der noch 1555 in der Konfes
sionsfrage zu einem – wenn auch fragilen – status quo im reich
geführt hatte, schien endgültig verflogen. unversöhnlich waren
die katholischen und protestantischen Lager nur noch darauf be
dacht, durch gezielte Provokationen das Feuer endgültig zu ent
fachen. Provokativ war nicht nur die Verhängung der reichsacht
über das protestantische donauwörth durch die katholische
mehrheit im reichstag, sondern auch ihre Forderung, die nun
mehr protestantischen Bistümer in norddeutschland zu rekatholi
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sieren. die antwort kam umgehend: am 14. 5. beschlossen die
süddeutschen protestantischen Fürsten in auhausen ein Bünd
nis, die »union«, dem sich wenig später Brandenburg und wei
tere reichsstände anschlossen. als reaktion gründeten im dar
auffolgenden jahr die katholischen stände unter Führung Bay
erns, jedoch ohne Österreich, in münchen die »Liga«. sehenden
auges steuerten beide seiten der Katastrophe entgegen.
1608 Ein Bruderzwist im Haus Habsburg bricht zwischen Kaiser Ru-
dolf II. und Erzherzog Matthias aus. Mit der Entscheidung, dem
ungarischen Adel freie Religionsausübung einzuräumen, stößt
Matthias auf den erbitterten Widerstand seines Bruders. Um
ihre Unterstützung in den nun folgenden Auseinandersetzun-
gen mit seinem Bruder zu gewinnen, macht Matthias der Stän-
deopposition in den Habsburger Territorien umfangreiche Zu-
geständnisse.
1609 In der Auseinandersetzung mit seinem Bruder sucht auch Ru-
dolf II. Unterstützung. So sichert er im Majestätsbrief den böh-
mischen Ständen vollständige Religionsfreiheit zu. Gerade die
Zugeständnisse an die böhmischen Stände werden es sein, die
den Streit zwischen Habsburg und Böhmen eskalieren lassen
und damit den Dreißigjährigen Krieg auslösen. Auch um die im Nordwesten des Reichs gelegenen vereinigten
Herzogtümer Kleve, Jülich und Berg bricht mit dem Tod des kin-
derlosen Herzogs Johann Wilhelm ein erbfolgestreit aus. Neben
ausländischen Herrschern und dem Kaiser sind vor allem das
protestantische Brandenburg und das katholische Pfalz-Neu-
burg an der Erbschaft interessiert. In dem fünf Jahre andauern-
den Konflikt, der auch mit Waffengewalt ausgetragen wird, ste-
hen sich erstmalig auch die konfessionellen Schutzbündnisse
der Liga und der Union gegenüber. Nicht zuletzt deswegen ge-
winnt der Streit an reichspolitischer Bedeutung. Im Vertrag von
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85 Luther und die Folgen
Xanten im Herbst 1614 einigen sich die Konfliktpartner auf eine
Aufteilung der umstrittenen Territorien.
1617 Die böhmischen Stände wählen den habsburgischen Erzherzog
Ferdinand, den späteren Kaiser Ferdinand II., zum König von
Böhmen. Auch wenn im Reich eine Lösung der Konfessionsfrage
in weite Ferne gerückt ist und vieles auf eine gewaltsame Kon-
frontation der katholischen und der protestantischen Stände
hindeutet, scheint in Böhmen zwischen dem Haus Habsburg
und den Ständen Einvernehmen zu herrschen.
Doch der Schein trügt: Denn noch nicht einmal ein Jahr später
wird die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges in Prag ihren
Anfang nehmen.
MeIleNsTeIN
1618 Zündschnur am Pulverfass
23. mai die beiden kaiserlichen statthalter, die den »Prager
Fenstersturz«, den Wurf aus einem Fenster im Prager Hradschin,
überlebten, landeten nicht sanft auf einem misthaufen, wie eine
weitverbreitete mär uns weismachen will. Tatsache ist aber, dass
der Habsburger Kaiser matthias wenige Wochen zuvor das kon
fessionelle Zugeständnis, das sein Bruder, Kaiser rudolf ii.,
neun jahre zuvor den protestantischen böhmischen ständen ver
brieft hatte, mit voller Überzeugung gebrochen hatte. der Zorn
der mehrheitlich protestantischen Böhmen war groß: in Prag kam
es zu einem aufstand, in dessen Verlauf eine große anzahl böh
mischer ständevertreter zum Hradschin zog und nach einer im
provisierten Gerichtsverhandlung die beiden kaiserlichen statt
halter kurzerhand aus dem Fenster warf. das mag vielleicht eine
im affekt und Zorn vollzogene Lynchjustiz gewesen sein, ihre
auswirkung jedoch war katastrophal. Konfessioneller starrsinn
auf allen seiten und politischer unverstand führten nun gerade
wegs in ein dreißigjähriges blutiges Chaos.
Buch.indb 85 09.06.2009 18:30:44 Uhr
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der BöhmischPfälzische Krieg
1619 In Böhmen überschlagen sich nun die Ereignisse. Die Stände set-
zen Ferdinand als König von Böhmen ab. Wenige Tage später
wählen und krönen sie den Führer der protestantischen Union
im Reich, Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, zum neuen König.
Spätestens mit dieser Wahl eskaliert der böhmische Konflikt zur
Reichsangelegenheit.
Der inzwischen am 28. 8. zum Kaiser gewählte Ferdinand II. sucht
Verbündete, um den Aufstand in Böhmen niederzuschlagen.
Nicht ganz bedingungslos stellt sich Herzog Maximilian I. von
Bayern, der Führer der katholischen Liga, an seine Seite. Als Preis
für seine Hilfe verlangt er die Erstattung sämtlicher Kriegskosten
und, im Fall eines Sieges über Friedrich von der Pfalz, die Über-
tragung der pfälzischen Kurwürde auf das Haus Wittelsbach. Da
der Kaiser auf die Forderungen des Bayern eingeht, sind nun die
Schutzbünde der katholischen Liga und der protestantischen
Union zum ersten Mal Kriegsparteien, die sich gegenüberstehen. Auch wenn der Konflikt der Konfessionsparteien mit den Mitteln
des Krieges ausgetragen wird, hat diese Entwicklung vorerst noch
kaum Auswirkungen auf den Handel und die Wirtschaft. In Ham-
burg zeichnet sich mit der Gründung der ersten »Girobank« so-
gar noch eine Entwicklung ab, die für das Handels- und Finanz-
wesen im Reich weitreichende Auswirkungen hat. Denn die ein-
zige Aufgabe dieser Girobank ist es, eine unausgemünzte
Währungseinheit, die »Mark Banco«, zu schaffen. Diese Wäh-
rung, die damit nur in den Büchern der Bank und ihrer Kunden
als virtuelle Verrechnungseinheit zu finden ist, ermöglicht es den
Kaufleuten, ohne Rücksicht auf die Vielzahl der in Europa exis-
tierenden Münzen, mit nur einer Währungseinheit zu rechnen. 1620 Die erste Schlacht im Dreißigjährigen Krieg wird auf dem Weißen
Berg bei Prag geschlagen. Das Heer der katholischen Liga be-
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87 Luther und die Folgen
siegt vernichtend das böhmisch-pfälzische Aufgebot. Fried-
rich V., über einen Winter hinweg König von Böhmen, muss aus
Prag fliehen. Nachdem über ihn die Reichsacht verhängt wird,
flüchtet der »Winterkönig« in die Niederlande.
1621 Nach dem Sieg über die protestantischen Stände setzt in Böhmen
eine umfangreiche Rekatholisierung ein. Die Rache Ferdinands
trifft besonders den Landadel. Durch Enteignung verlieren viele
Grundbesitzer ihr Land, das nun an kaisertreue Anhänger aus
dem Reich verteilt wird. Auch das Blutgericht, das Ferdinand
über die Führer der Ständeerhebung verhängt, ist fürchterlich.
27 Personen werden am 21. 6. in Prag hingerichtet. Ihre Köpfe
werden anschließend zur Abschreckung auf den Prager Brücken
öffentlich zur Schau gestellt.
Obwohl einige Söldnerführer der Union den Kampf um die Ober-
und Kurpfalz des geächteten Friedrich von der Pfalz weiterfüh-
ren, können Ligatruppen gemeinsam mit spanischen Einheiten
unter Führung von Johann von Tilly das Kurfürstentum erobern
und besetzen. Die Residenz Heidelberg fällt 1622. 1623 Herzog Maximilian I. von Bayern erhält nun den Lohn für seinen
Beistand an der Seite des Kaisers. Ferdinand II. überträgt ihm
die Oberpfalz und die pfälzische Kurwürde als Pfandbesitz. Ge-
rade dieser Vorgang und der Konflikt, der sich durch den Über-
gang der Kurfürstenwürde an die Wittelsbacher ergibt, wird zu
einem jahrelangen Streit im Reich führen und das Kriegsgesche-
hen weiter antreiben. Sogar bei den Friedensverhandlungen in
Münster wird er einer der wichtigsten Problemfelder darstellen.
Das Problem wird im Vertrag von 1648 so gelöst, dass die Wit-
telsbacher die Kurwürde wie auch die Oberpfalz behalten dürfen
und den Nachkommen des ehemaligen Pfälzer Kurfürsten ein
verkleinertes Territorium mit einer eigenen Kurwürde zugestan-
den wird.
1624 Mit der Übertragung der Leitung der französischen Politik an
Kardinal Richelieu beginnt in Frankreich die »Herrschaft der
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1495–1648 88
Kardinäle«. Sie bestimmen fortan für viele Jahrzehnte die Grund-
linien französischer Innen- und Außenpolitik. Auch für den spä-
teren Frieden im Reich wird das diplomatische Geschick des
Kardinals von Vorteil sein. Maßgeblich wird er am Zustande-
kommen des Westfälischen Friedens beteiligt sein.
der dänischniederländische Krieg
1625 Auch wenn nun Kaiser Ferdinand II. die Macht im Reich mit Un-
terstützung der katholischen Liga sicher in den Händen hält,
ahnt er, dass ihm neues Ungemach droht. Denn im Norden des
Reichs stellt der dänische König Christian IV. ein großes Heer ge-
gen den Kaiser auf. In seiner Funktion als Herzog von Holstein
ist der Dänenkönig Oberster des niedersächsischen Reichskrei-
ses. Unterstützung erhält Christian IV. auch von der englischen
Krone und den Niederlanden, die immer noch im Unabhängig-
keits- und Freiheitskampf gegen die habsburgisch-spanische
Krone stehen. Die Ziele dieses Bündnisses, der Haager Allianz,
sind vielfältig. Das erklärte Ziel sieht Christian IV. jedoch in der
Rückeroberung der böhmischen Krone für Friedrich V., der in-
zwischen Schwiegersohn des englischen Königs ist. Mit der Unterstützung der protestantischen Reichsstände durch
Christian IV. tritt der Krieg, der bisher auf Böhmen und die Pfalz
beschränkt blieb, in eine neue Phase ein: der des Dänisch-Nie-
derländischen Krieges.
MeIleNsTeIN
1625 Die Kriegsgeschäfte des Herrn von Wallenstein
7. april es versprach, ein einträgliches Geschäft zu werden: der
zum Katholizismus konvertierte böhmische edelmann albrecht
von Wallenstein schlug dem in Geldnot versinkenden Kaiser Fer
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89 Luther und die Folgen
dinand ii. vor, ihm ein Heer von 50 000 mann zur Verfügung zu
stellen, finanziert von ihm, dem Böhmen. Für den nötigen Geld
fluss sorgte der Bankier des Herrn von Wallenstein, der Flame
Hans de Witte. der hatte schon im Vorfeld Finanziers und Kredit
geber ausfindig gemacht, die eine prächtige rendite erwarteten.
doch kein Kredit ohne sicherheiten: die sagten Wallenstein und
de Witte ihren Geldgebern durch das einziehen von Kontributio
nen, die sie dem adel und dem gemeinen Volk in den besetzten
Gebieten aufzwingen wollten, zu. am 7. 4. willigte der Kaiser,
nicht zuletzt wegen der Gefahr, die ihm durch den eintritt des
dänischen Königs Christian iV. in den Krieg drohte, ein und er
nannte Wallenstein zum Oberbefehlshaber aller Truppen und zum
Herzog von Friedland. ende des jahres befehligte der Böhme
über 50 000 soldaten. Warum wohl nannte man diesen Krieg den
»Krieg der Gulden«?
1626 Trotz der gewaltigen Streitmächte, die der Dänenkönig Chris-
tian IV., aber auch Ernst von Mansfeld als Oberbefehlshaber der
Unionstruppen aufstellen können, bleiben ihnen Erfolge versagt.
Ja, das Gegenteil dessen tritt ein: Gegen das Heer der Liga unter
Johann von Tilly erleidet Christian IV. in der schlacht bei lutter
am Barenberge bei Salzgitter eine bittere Niederlage. Auch von
Mansfeld kann nichts gegen das kaiserliche Aufgebot Wallen-
steins und dessen überragende Kriegstaktik ausrichten. In der
Schlacht an der Elbbrücke bei Dessau wird sein Heer vernich-
tend geschlagen.
Nach den Schlachterfolgen vereinigen Tilly und Wallenstein ihre
Armeen und unterwerfen gemeinsam die norddeutschen pro-
testantischen Territorien. Dem Dänenkönig Christian IV. bleibt
keine andere Wahl: Er zieht sich aus Deutschland zurück. Im
Frieden von lübeck wird sich drei Jahre später Dänemark ver-
pflichten, keinen Einfluss mehr auf die inneren Streitigkeiten im
Reich zu nehmen.
Buch.indb 89 09.06.2009 18:30:45 Uhr
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1628 Der Dank des Kaisers ist Wallenstein nach seinen Erfolgen gewiss:
Ferdinand II. ernennt ihn zum »General des Baltischen und Oze-
anischen Meeres« und zum Herzog von Sagan. Wallenstein ist
nun nicht mehr nur Feldherr und Kriegsunternehmer, sondern
mit kaiserlicher Unterstützung auch zum Herzog (ab 1629 auch
Herzog von Mecklenburg) aufgestiegen. Die beispiellose Karri-
ere des böhmischen Edelmannes, protegiert vom Haus Habs-
burg, erregt das Misstrauen aller Reichsstände, im Besonderen
aber auch das der katholischen Fürsten.
1629 Kaiser Ferdinand II., der durch die Siege Wallensteins und Tillys
den Einflussbereich der Habsburger bis an die Ostsee ausdehnt,
ist nun auf dem Höhepunkt seiner Macht. Sich dieser kaiserli-
chen Macht bewusst, erlässt er am 6. 3. das Restitutionsedikt.
Damit ordnet Ferdinand II. die Rückgabe aller seit dem Jahr 1552
von den protestantischen Landesherren eingezogenen geistli-
chen Güter an. Von Anfang an ist dieses Edikt als einseitiger kai-
serlicher Akt bei allen Reichsständen, unabhängig von der kon-
fessionellen Zugehörigkeit, umstritten. Der Kaiser ahnt noch
nicht, dass er mit diesem Beschluss, der den Konfessionsstreit
zugunsten des Katholizismus verschiebt, den Bogen überspannt
hat.
1630 Die Reichsstände sehen in den kaiserlichen Erfolgen und dem da-
mit einhergehenden Machtzuwachs Ferdinands II. allmählich
eine Bedrohung ihrer eigenen Privilegien. Maximilian I. von Bay-
ern – eigentlich der engste Weggefährte Ferdinands II. – und
weitere Fürsten wollen nun auf dem Kurfürstentag zu Regens-
burg dem Kaiser seine Grenzen aufzeigen. So zwingen sie Ferdi-
nand II., Wallenstein aus seinen Diensten zu entlassen. Ihre
Forderungen gehen aber weiter: Der Kaiser soll zukünftige
Entscheidungen zur Kriegsführung und zur Außenpolitik den
Reichsständen vorlegen.
Buch.indb 90 09.06.2009 18:30:45 Uhr
91 Luther und die Folgen
der schwedische Krieg
MeIleNsTeIN
1630 Die weiße lilie unterstützt den löwen aus Mitternacht
26. juni die Prophezeiung aus dem 16. jh. schien in erfüllung
zu gehen: da sollte aus dem hohen norden, den man damals mit
ternacht nannte, ein Löwe kommen und den adler bekämpfen.
das Wappentier des Kaisers war ein adler. soweit die mystik,
nun die Wirklichkeit: der schwedische König Gustav ii. adolf war
ein überzeugter Protestant. mit unbehagen musste er zusehen,
wie das katholische Österreich seine macht bis an die Ostsee
ausgedehnt hatte. der schwede aber, der dadurch sein Herr
schaftsgebiet bedroht sah, brauchte Geld, wollte er aktiv in den
Krieg eingreifen. also nahm er Kontakt zur französischen Krone
auf, der die macht der Habsburger schon immer ein dorn im
auge war. Frankreich erklärte sich umgehend bereit, die Kriegs
züge Gustav adolfs zu finanzieren. als am 26. 6. die schwedi
schen Truppen unter Führung des Königs auf der Ostseeinsel
usedom landeten, war damit der einstmals innerdeutsche Kon
flikt endgültig zum europäischen Krieg eskaliert.
1631 Im Januar beschließen Schweden und Frankreich im Bündnisver-
trag von Bärwalde auch offiziell und formell die Unterstützung
der schwedischen Intervention durch die französische Krone.
Gustav II. Adolfs Unterstützung, die den Beginn der dritten
Phase des Krieges markiert, wird unterdessen von den protes-
tantischen Reichsständen mit Begeisterung aufgenommen. So
verbündet sich Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen mit dem
Schwedenkönig und führt seine Truppen in Absprache mit ihm
gegen Böhmen.
Auch wenn Gustav II. Adolf noch versucht, der bedrängten Stadt
Magdeburg zu helfen, und seine Truppen dorthin verlagert, kann
er den Fall der Stadt nicht mehr verhindern. Wenige Monate
später jedoch, am 17. 9., stellt er das Heer Tillys bei Breitenfeld in
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der Nähe von Leipzig und besiegt die Ligaarmee. Zum ersten
Mal im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges wird mit diesem Sieg
die bisherige Erfolgsserie von Kaiser und katholischer Liga un-
terbrochen.
Doch nicht nur die Schweden, die nach dem Erfolg bei Breiten-
bach ohne Widerstand zum Rhein vordringen, zeigen Ferdi-
nand II. auf, dass er den Höhepunkt seiner Macht überschritten
hat. Auch die sächsischen Truppen unter Kurfürst Johann
Georg I. von Sachsen können mit der einnahme Prags einen gro-
ßen Erfolg verbuchen.
MeIleNsTeIN
1631 »Rinnt allzeit frisches Blut«
20. mai der Kaiser wollte ein exempel statuieren! mit der er
oberung magdeburgs, des großen und einflussreichen Handels
zentrums an der elbe, mit der einnahme jener protestantischen
stadt, die ein Bündnis mit dem schwedenkönig eingegangen
war, wollte Ferdinand endgültig beweisen, dass er es ernst
meinte mit der restitution, der rückführung aller deutschen
Lande zum wahren Glauben, dem katholischen. nebenbei hätte
die eroberung der reichen stadt ihn ein wenig von seiner chroni
schen Finanznot erlöst. doch es kam anders. nach einer monate
langen Belagerung stürmten am morgen des 20. 5. die kaiserli
chen Truppen magdeburg. unter der Bevölkerung der in Flam
men stehenden stadt richtete eine entfesselte soldateska ein
dermaßen blutiges und grauenhaftes Gemetzel an, dass es, liest
man die Berichte der Überlebenden, jeden erstarren und schau
dern lässt. 1639 zählte die dem erdboden gleichgemachte stadt
nur noch 450 einwohner.
1632 Mit dem ungehinderten Vordringen der schwedischen Armee
nach Süddeutschland wird deutlich, welche bedrohlichen Aus-
maße der Kriegseintritt des Schwedenkönigs für den Kaiser, aber
noch mehr für seinen engsten Verbündeten, den bayerischen
Kurfürsten Maximilian I., annimmt. Am 15. 4. treffen die Armeen
Buch.indb 92 09.06.2009 18:30:46 Uhr
93 Luther und die Folgen
Gustav Adolfs II. und Tillys erneut in Rain am lech aufeinander.
Verzweifelt versucht Tilly, den Übergang der schwedischen
Truppen über den Lech zu verhindern. Doch auch hier besiegt
Gustav Adolf II. den gegnerischen Feldherrn und erzwingt so den
Übergang über den Fluss. Tilly, der in dieser Schlacht schwer ver-
wundet wird, stirbt wenig später an seinen Verletzungen. Durch diesen Sieg steht dem Schwedenkönig auf seinem Zug in
die Residenzstadt München kein Widerstand mehr im Weg. Am
17. 5. übergibt der Stadtrat Gustav Adolf II. die Stadtschlüssel.
Die Demütigung für den bayerischen Kurfürsten Maximilian I.,
der wenige Tage vorher nach Salzburg flüchtete, kann nicht grö-
ßer sein. Denn mit dem Schwedenkönig reitet auch der einst
schärfste Gegenspieler des Bayern, der Pfalzgraf und Winterkö-
nig Friedrich V., in die Stadt ein.
Die bedrohlichen Umstände sind es jetzt, die den Kaiser zwingen,
die Entlassung Wallensteins rückgängig zu machen. Ferdi-
nand II., der den General zwei Jahre zuvor sowieso nur auf Druck
der Reichsfürsten entließ, stattet Wallenstein mit umfassenden
Vollmachten aus: Der Herzog tritt sein Amt »in absolutissima
forma« an. Auch jetzt wieder zeigt sich das taktische Geschick
des Feldherrn. Nachdem Wallenstein zunächst die Sachsen aus
Böhmen vertreibt, zieht er mit seiner Armee nach Norden. Am
6. 11. kommt es bei lützen in der Nähe von Breitenfeld zum Auf-
einandertreffen der kaiserlichen Armee mit den Truppen des
Schwedenkönigs. Auch wenn die Schlacht für beide Seiten ohne
erkennbaren Sieger endet, mündet sie für die Schweden in einer
Katastrophe: Durch eine Kugel wird Gustav Adolf II. tödlich ge-
troffen.
MeIleNsTeIN
1632 »Reiß ab, wo schloss und Riegel für«
im juni Überall brannten sie in jenen jahren: die scheiterhau
fen des Hexenwahns, der zu Tausenden Frauen, männern und so
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gar Kindern das Leben kostete. durch die Folter presste man den
menschen Geständnisse ab, die jedem aufgeklärten denken
Hohn sprachen. einer der wenigen, die diese Barbarei kritisier
ten, war der jesuitenpater Friedrich spee von Langenfeld. in vie
len städten erlebte er den Wahn der Hexenprozesse hautnah mit.
im juni 1632 veröffentlichte er anonym in einer von ihm überar
beiteten zweiten auflage der »Cautio Criminalis« seine Kritik an
der Folterpraxis der Hexenprozesse. durch Folter, so spee, würde
jeder alles gestehen, dessen man ihn beschuldigen würde. spee,
der im alter von 44 jahren 1635 starb, war damit einer der weni
gen mutigen menschen, die ihr Wort gegen Folter und Hexen
wahn erhoben. mag sein, dass spee viele seiner schlimmen er
lebnisse vor augen hatte, als er sein berühmtes Kirchenlied »O
Heiland, reiß die Himmel auf« zu Papier brachte.
1633 Der schwedische Reichskanzler Oxenstjerna, der nun als Nachfol-
ger des gefallenen Königs Gustav Adolf II. die schwedischen Ak-
tionen im Heiligen Römischen Reich leitet, versucht nach dem
Schock von Lützen zu retten, was zu retten ist. So erreicht er im
April den Zusammenschluss der fränkischen, schwäbischen und
rheinischen Reichskreise zum Heilbronner Bund unter seiner
Führung.
1634 Aber auch für Wallenstein scheinen die Sterne, wie ihm sein Ast-
rologe Seni prophezeit, nicht gut zu stehen. Jedenfalls nimmt der
Herzog aus Friedland Geheimverhandlungen mit dem gegneri-
schen Lager ohne Wissen des Kaisers auf. Ob er nun wirklich
Frieden sucht oder nur seine eigenen Machtpläne im Sinn hat,
sei dahingestellt. Gegner Wallensteins am Wiener Hof, die durch
Spitzel im Offizierslager des Friedländers über Wallensteins
Pläne informiert sind, tragen diese dem Kaiser vor. Ferdinand II.
ächtet daraufhin den einst so mächtigen Feldherrn und enthebt
ihn all seiner Ämter.
Im Februar befiehlt der Kaiser die ermordung Wallensteins. Den
offenen Konflikt mit seinem einstigen Feldherrn scheint Ferdi-
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nand II. zu scheuen. Am 25. 2. wird Wallenstein in seinem Quar-
tier in Eger meuchlings umgebracht. Die Täter erhalten später
eine hohe kaiserliche Belohnung.
Auch wenn der Kaiser jetzt ohne seinen überragenden Feldherrn
auskommen muss, wendet sich der Kriegsverlauf dennoch zu
seinen Gunsten. Im September schlägt die kaiserliche Armee
mit Unterstützung spanischer Einheiten das schwedisch-sächsi-
sche Heer bei Nördlingen in Bayern. Damit ist die schwedische
Vormacht in Süddeutschland endgültig gebrochen. Infolge die-
ser Niederlage löst sich wenig später der Heilbronner Bund auf.
der schwedischFranzösische Krieg
1635 Die protestantischen Reichsstände erkennen nun allmählich, dass
der Krieg gegen die kaiserliche Macht immer mehr zu ihren Las-
ten geht. Auch die katholischen Reichsstände sehen, dass der
schon Jahrzehnte andauernde Krieg nur Elend, Hunger und Seu-
chen über das Land bringt. Hatten die protestantischen Landes-
herren den Eintritt des Schwedenkönigs in den Krieg fünf Jahre
zuvor noch bejubelt, so ist nun Ernüchterung eingekehrt. Schwe-
dische Truppen stehen in ihrem Tun den kaiserlichen in nichts
nach. Beide Seiten müssen, wollen sie den Tross ihrer riesigen
Armeen ernähren und finanzieren, die Durchzugsgebiete zur
Plünderung freigeben oder von den eroberten Gebieten hohe
Kontributionen abverlangen. So suchen die verfeindeten Parteien
nach vielen Jahren Krieg einen Weg, Frieden zu schaffen. Kaiser und Kursachsen vereinbaren endlich am 30. 5. in Prag ei-
nen Friedensschluss. Sachsen sagt dem Kaiser u. a. gegen dessen
Verzicht auf die Umsetzung des Restitutionsediktes von 1629
Unterstützung im Kampf gegen die Schweden zu. Die Tatsache,
dass fast alle Reichsstände wenig später dem Frieden beitreten,
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ist ein weiterer Beleg für die katastrophalen Auswirkungen des
Krieges, unter dem die Menschen leiden und auch Handel und
Wirtschaft schwere Einbußen hinnehmen müssen. Die Friedensverhandlungen und der Friede von Prag zeigen Frank-
reich überdeutlich, dass die Schweden auch von protestanti-
schen Reichsständen keine Unterstützung mehr erhalten. Das
Ziel der französischen Krone ist aber weiterhin, den Einfluss des
Hauses Habsburg in Europa zurückzudrängen. So bleibt dem
Land im Westen des Heiligen Römischen Reichs keine andere
Wahl, als selbst aktiv zu werden. Die Kriegserklärung ergeht
nicht an das Reich und die Reichsstände, sondern an Spanien,
dessen Krone im Besitz des Hauses Habsburg ist. Mit dieser Ent-
scheidung wird deutlich, dass Frankreich nur die Position des
habsburgischen Kaisers schwächen will. Der Eintritt Frank-
reichs markiert den Beginn der vierten und letzten Etappe des
Dreißigjährigen Krieges.
1636 Trotz des Friedensschlusses von Prag bleiben Erfolge im gemein-
samen Kampf von kaiserlichen und kursächsischen Truppen ge-
gen Schweden aus. Wider Erwarten sind die schwedischen Trup-
pen den vereinigten Heeren sogar überlegen: In der schlacht bei
Wittstock in Brandenburg siegt die schwedische Armee gegen
das kaiserlich-sächsische Heer.
1637 Nach dem Tod von Ferdinand II. übernimmt sein Sohn Ferdi-
nand III. die kaiserliche Regentschaft im Heiligen Römischen
Reich. Den Wechsel auf dem Kaiserthron nimmt Papst Ur-
ban VIII. zum Anlass, eine Friedensinitiative zu starten. Auch
wenn der nach Köln einberufene Friedenskongress erst einmal
scheitert, hat der Papst damit einen möglichen Weg vorgezeich-
net, wie der Frieden im Reich wiederhergestellt werden kann.
Nur wenn sich alle Konfliktparteien zusammensetzen, kann ein
tragfähiger Friedenskompromiss zustande kommen. Fast unbemerkt vom Rest Europas erreicht in den benachbarten
Niederlanden eine Entwicklung ihren Höhepunkt und Zusam-
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97 Luther und die Folgen
menbruch, die später unter dem Namen »Tulpenwahn« in die
Geschichte eingehen soll. Nur wenige Niederländer können sich
anscheinend dem Reiz der Spekulation mit Tulpenzwiebeln ent-
ziehen. Wie an den Börsen mit Wertpapieren gehandelt wird, so
spekuliert der kleine Mann, aber auch reiche Kaufleute, mit den
Blumenzwiebeln oder Optionsscheinen auf Neuzüchtungen. Im
Februar platzt die Spekulationsblase und führt zum finanziellen
Ruin vieler Niederländer.
1638 Die Bedeutung, die der französische Eintritt in den Konflikt hat,
wird nun am weiteren Kriegsverlauf immer deutlicher. Die kai-
serlichen und reichsständischen Truppen geraten zunehmend
in die Defensive. Die Franzosen nehmen Breisach ein und schwe-
dische Truppen dringen sogar bis nach Prag vor. 1640 Unabhängig vom Verlauf des Dreißigjährigen Krieges markiert
der Regierungsantritt von Friedrich Wilhelm, dem »Großen Kur-
fürsten«, den Beginn des Aufstiegs Brandenburg-Preußens zu
einer der führenden Mächte in Europa. Der Kurfürst legt mit
dem Umbau seines Landes zu einem Staat kalvinistisch-absolu-
tistischer Prägung den Grundstein für die weitere Entwicklung
Brandenburg-Preußens.
1641 Nicht zuletzt die Erfolge französischer und schwedischer Trup-
pen zeigen nun auch dem Kaiser, dass eine Friedenslösung der
einzige noch offene Weg ist, Stabilität im Reich wiederherzustel-
len. Nachdem sich schon wenige Jahre zuvor Frankreich und
Schweden auf einen Friedenskongress in Münster und Osna-
brück verständigen konnten, stimmt nun auch Kaiser Ferdi-
nand III. unter dem Druck des Faktischen den Friedensverhand-
lungen zu.
1644 Auch dank venezianischer und päpstlicher Vermittlung können
sich die Kriegsparteien in Münster und Osnabrück auf einen ge-
meinsamen Verhandlungsprozess verständigen. Während des
nun vier Jahre dauernden Kongresses werden die beiden Ver-
handlungsorte zu kriegsfreien Zonen erklärt.
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MeIleNsTeIN
1648 »Geh aus, mein Herz, und suche Freud«
24. Oktober allein die dauer der Verhandlungen beweist, wie
schwierig es für alle Kriegsparteien war, den lang ersehnten Frie
den zu finden. ab 1644 verhandelten der Kaiser und das reich
mit Frankreich in münster und mit den schweden in Osnabrück.
als endlich im Oktober 1648 der Westfälische Friede unterzeich
net wurde, besiegelten die Vertragspartner eine Ordnung, die in
den wesentlichen Punkten bis zum ende des alten reichs
(1806) Bestand haben sollte. aus den vielen einzelergebnissen
des Vertrages und den Gebietsveränderungen, die er mit sich
brachte, ragt besonders der machtzuwachs, den fortan die Terri
torialfürsten des reichs erhielten, heraus. auch wenn der Kaiser
seine stellung im reich behielt, so war in münster ein weiterer
schritt hin zu den souveränen Fürstenstaaten im Heiligen römi
schen reich getan. dabei bedeutete die reichsständische »Liber
tät« keineswegs die aufgabe gemeinsamer Verantwortung für das
reich. insofern stellt die Verfassung des Westfälischen Friedens
einen Kompromiss zwischen universalmonarchie und Partikular
mächten dar. Bedeutsame Folge war die Festigung der föderati
ven Traditionen deutschlands und eine insgesamt defensive,
friedfertige außenpolitik des reichs.
1648 Am Ende des Dreißigjährigen Krieges, der auch aus konfessionel-
len Motiven geführt worden war, heute jedoch meist als auf
deutschem Boden ausgetragener europäischer Staatsbildungs-
konflikt angesehen wird, steht nicht nur die endgültige Etablie-
rung der drei Konfessionskirchen von Katholiken, Lutheranern
und Reformierten in Deutschland. Denn der am 24. 10. von 148
Gesandten unterzeichnete Westfälische Friede hebt auch nun-
mehr definitiv anerkannte Staaten aus der Taufe (die Nieder-
lande und die Schweizer Eidgenossenschaft), verhindert die Bil-
dung anderer Staatswesen ebenso definitiv (Böhmen) und
schafft mit der Verabschiedung universalmonarchischer Illusio-
nen eine neue europäische Ordnung.
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