Eine Mutter
13. Verschiedene Kunstinteressen.
13.
Verschiedene Kunstinteressen.
Graf Rottack war an diesem Morgen in der Stadt gewesen, um noch einige Einkäufe zu machen. Als er zurückkehrte, fand er Helene allein in ihrer Stube, den Kopf in die Hand gestützt und eine helle Thräne im Auge, während die Kinder um sie her lustig und guter Dinge am Boden spielten.
»Und wieder so traurig, Herz?« sagte er, indem er auf sie zuging, sie leise umfaßte und ihre Stirn küßte; »kann ich denn gar kein Lächeln mehr auf Deine Wangen rufen?«
»Ach, Felix,« seufzte die junge Frau, indem sie ihr Haupt an ihn lehnte, »sei nur nicht böse, ich weiß, daß ich Unrecht thue, Dir Unrecht thue vor allen Anderen, denn kein Wesen in der Welt hätte mehr Ursache, sich glücklich zu fühlen, als ich; aber – der gestrige Morgen will mir noch immer nicht aus dem Kopf. Sie wußte, daß ich ihr Kind war, sie mußte es wissen, da Du ihr den Namen jener Frau genannt, und doch, wie kalt, wie stolz blieb sie gegen mich, wie verrieth kein Zug in ihrem Antlitz, daß ihr Herz nur den tausendsten Theil jener Sehnsucht fühlte, in meine Arme zu fliegen, wie sie mich fast verzehrt und aufreibt!«
»Sie mußte sich Gewalt anthun, Herz,« beruhigte sie Felix; »wer von uns weiß denn, was sie dabei gelitten?«
Helene schüttelte leise und traurig mit dem Kopf. »Jene eisernen Züge,« flüsterte sie, »sahen nicht aus, als ob je ihr Herz irgend eine Pein darauf hervorgerufen; sie war kalt wie Eis, und ihr Blick haftete neugierig, aber wahrlich nicht liebend auf mir.«
»Und doch hast Du Dich vielleicht geirrt, Helene!« rief Felix; »mußte nicht zuerst bei Deinem Anblick auch das Eine erste Gefühl die Oberhand gewinnen: die Angst, ihr Geheimniß verrathen zu sehen? Laß sie einmal mit Dir allein sein, laß sie Dich selber sprechen und Dir dabei in die lieben, treuen Augen sehen, und ihr Mutterherz wird schmelzen; sie wird das Kind in ihre Arme drücken!«
»Ach, und weiter verlange ich ja auch nichts auf der Welt, Felix, als nur einmal, ein einziges Mal an ihrem Herzen zu ruhen und den süßen Namen Mutter auszusprechen. Dann will ich ihren Frieden nie, nie wieder stören; ich ziehe fort mit Dir, wohin Du mich führst, und will selig sein – schwelgen in der Erinnerung an den einen Augenblick!«
»Und der Wunsch wird Dir erfüllt werden, Helene,« sagte Felix freundlich, »glaube mir; sie wird vielleicht noch Widerstand leisten, weil sie nicht weiß und wissen kann, wie weit Deine Ansprüche an sie gehen. Sie wird bis dahin ihrem eigenen Herzen Gewalt anthun, aber nicht weiter, und dann später die Stunde segnen, welche Dich wieder in ihre Arme führte. Glaubst Du mir?«
»Oh, ich glaube Dir ja so gern, mein Felix,« rief Helene, ihn an sich ziehend, »weiß ich ja doch, wie treu und gut Du es mit mir meinst!«
»Und nun auch nicht mehr traurig, mein Schatz,« lachte der junge Graf; »jetzt mußt Du Dich zerstreuen; Du darfst mir nicht länger grübeln und denken. Sieh nur das kleine fröhliche Völkchen, das sich dort am Boden balgt, oder noch besser, komm, wir wollen ein wenig musiciren, das verjagt Dir am besten alle häßlichen Gedanken; komm.« Und seine Geige, die unter dem Flügel stand, herausnehmend, stimmte er sie, während die Kinder ebenfalls ihr bisheriges Tollen aufgaben und Günther jubelnd ausrief:
»Das ist recht, nun können wir zusammen tanzen, Lenchen!«
Die Mutter mußte sich wohl fügen. Noch lag ein Zug von Wehmuth um die zarten Lippen, aber sie lächelte doch schon wieder, und bald übte die Musik ihren vollen Zauber auf sie aus, der sie rasch alles Andere vergessen ließ. Mitten in einer jener Weisen waren sie auch schon, die Felix damals in stiller Nacht unter dem Fenster der Geliebten gespielt, und die Kinder, rücksichtslos auf Tact und Tonstück, nur in der Lust, Musik zu hören, hatten sich dabei umfaßt und tanzten und jubelten im Zimmer umher, als einer der Diener die Thür öffnete und anfragte, ob Graf George Monford die Ehre haben könne, die Herrschaften zu sprechen. Er übergab dabei zugleich dessen Karte.
»Graf Monford?« Helene fühlte, wie sie erbleichte.
»Es ist der junge Graf,« flüsterte ihr Felix leise zu; »fasse Dich, Herz, ein Höflichkeitsbesuch. – Es wird uns angenehm sein.«
Wenige Secunden später öffnete sich die Thür und Graf George trat ein, aber nicht als förmlicher Besuch, wie Felix gedacht, sondern in seiner liebenswürdigen, offenen Weise, und schon in der Thür rief er freundlich:
»Ich kann es mir nicht vergeben, Sie gestört zu haben, und es ist unendlich liebenswürdig von Ihnen, gnädige Gräfin, daß Sie einem, doch eigentlich vollkommen fremden Menschen eine Ihrer liebsten Stunden zum Opfer bringen! Mein lieber Herr Graf, ich muß ernstlich um Entschuldigung bitten!«
»Seien Sie uns herzlich willkommen!« sagte Rottack freundlich, der sich schon lange zu dem offenen, ehrlichen Gesicht des jungen Mannes hingezogen gefühlt hatte; »bitte, legen Sie ab und setzen wir uns – keine Förmlichkeiten weiter – wir freuen uns aufrichtig, Sie bei uns zu sehen!«
»Und selbst, wenn ich gleich mit einer Bitte käme?«
»Vielleicht noch viel mehr, wenn Sie uns gleich Gelegenheit geben, Ihnen gefällig zu sein,« lächelte Rottack.
»Ich halte Sie beim Wort,« lachte George; »so will ich denn, wie man so sagt, gleich mit der Thür in's Haus fallen, damit ich Sie nicht zu lange von Ihren Instrumenten entfernt halte, denn dann ersuche ich Sie dringend, fortzufahren.«
»Und womit können wir Ihnen dienen?«
»Es ist ein Scherz. In acht Tagen soll die Verlobung meiner Schwester Paula gefeiert werden, und zwar mit dem jungen Grafen Bolten, und da Paula so außerordentlich für's Theater schwärmt und sich besonders auf unseren Liebhabertheatern selber ausgezeichnet hat, so habe ich mir für den Abend eine kleine Überraschung ausgedacht. Wir wollen nämlich unter uns ein kleines, allerliebstes Lustspiel aufführen, das ich heute Morgen zugeschickt bekommen habe. Unglücklicher Weise kommen aber mehr Personen darin vor, als ich an »Künstlern« stellen kann, und da hat mir – da die Zeit überdies drängt – die Verzweiflung den kühnen Entschluß eingegeben, Sie und Ihre liebenswürdige Frau Gemahlin um Hülfe und Beistand anzuflehen.«
»Das ist allerdings sehr liebenswürdig von Ihnen, mein bester Graf,« lächelte Rottack, während Helene leicht erbleichte; »aber erstlich gerathen wir da auf ein Feld, das wir Beide wohl noch nie betreten haben – nicht wahr, Helene?«
»Noch nie,« hauchte leise die junge Frau.
»Und dann ist die Zeit zu einer solchen Vorbereitung doch auch wohl ein wenig sehr kurz. Haben Sie das Stück bei sich?«
»Nein, da wir nur Ein Exemplar besitzen, läuft mein Commissionär eben damit in der Stadt herum und läßt die wenigen Bogen in drei verschiedenen Druckereien zu gleicher Zeit setzen. Aber bis spätestens morgen in aller Frühe haben wir genügende Exemplare und bis zehn Uhr ist es längstens in Ihren Händen. Ihre Rollen sind klein, das Lernen wird Ihnen keine Schwierigkeit machen. Meine gute Mutter will selber so freundlich sein, die Leitung der Leseprobe zu übernehmen. Haben Sie Mitleid mit einem armen, unglückseligen Theaterunternehmer!«
Rottack sah sinnend vor sich nieder. So plötzlich bot sich da eine ja lange ersehnte Gelegenheit, in freundlichere und nähere Beziehung zu der sonst so schwer zugänglichen Monford'schen Familie zu treten – und Helene?
»So schicken Sie uns nur vorher wenigstens das Stück,« sagte er endlich lächelnd, »und bezeichnen Sie darin die uns zugedachten Rollen; wir wollen dann augenblicklich Kriegsrath mit einander halten, meine Frau und ich, und Sie keinesfalls lange in Ungewißheit lassen. Ist die Ausführung möglich, so sage ich, wenigstens für meine Person, zu.«
»Liebster, bester Graf, wie soll ich Ihnen danken?« rief George fröhlich. »Und Ihre Frau Gemahlin? – Aber ich will jetzt nicht drängen,« unterbrach er sich rasch, »und Ihnen vielleicht ein Versprechen abpressen, das Ihnen später unangenehm sein könnte. Nehmen Sie aber die Versicherung, daß Sie uns Allen eine große Freude damit machen würden, und besonders Paula, deren Herz Sie wahrhaft im Sturm erobert haben müssen, Frau Gräfin, denn sie konnte gestern gar nicht aufhören, von Ihnen zu reden.«
»Dann ist unser Gefühl ein vollständig gegenseitiges gewesen, Herr Graf,« lächelte Helene, »denn ich kann Ihnen versichern, daß auch ich Ihre Schwester bei dem ersten Begegnen herzlich lieb gewonnen habe, und mich also doppelt freue, das zu hören.«
»Wie gut Sie sind!« rief George. »Ist es aber nicht merkwürdig, daß sich Menschen oft so rasch zu einander hingezogen fühlen und, ohne mehr als ein paar gleichgültige Worte zu sprechen, mit einander Freundschaft schließen, während wir uns von Anderen, ohne daß sie uns je das Geringste zu Leide gethan, wieder eben so rasch und unerklärlich abgestoßen fühlen?«
»Es ist das eine Freimaurerei des Geistes,« lächelte Felix, »die sich an geheimen, oft unbewußten Zeichen versteht und erkennt, und sie übt, im Guten wie im Bösen, ihre Macht. Gute Menschen finden sich nicht rascher unter einander, wie ein paar richtige Gauner, die oft schon nach einem kaum flüchtig gewechselten Blick einander verstehen und Freundschaft, wenigstens Kameradschaft schließen.«
»Ich selber gebe außerordentlich viel auf den ersten Eindruck, den ein Fremder auf mich macht,« sagte George.
»Ich Alles,« rief Felix, »und kann wohl sagen, daß ich mich selten oder nie getäuscht. Ließ ich mich aber durch irgend welche Zufälligkeit bestimmen, von diesem ersten Eindruck abzusehen, dann durfte ich auch fest darauf rechnen, daß ich dafür büßen mußte.«
»Und sollte dieser Glaube an den ersten Eindruck, den ein Fremder auf uns macht, nicht oftmals auch die Ursache einer großen Ungerechtigkeit gegen ihn sein?« sagte Helene. »Was kann ein Mensch zum Beispiel für ein unschönes Gesicht, das uns doch nie gefallen wird, während er vielleicht das beste Herz darunter birgt?«
»Ein schönes Gesicht ist allerdings eine große Empfehlung im Leben,« sagte George, »und wer es erhalten, kann Gott nicht genug dankbar dafür sein; ein häßliches muß man eben hinnehmen, wie man Krankheit oder ein sonstiges Unglück hinnimmt.«
»Aber kann nicht ein unschönes Gesicht auch gut und freundlich sein?« sagte die junge Frau.
»Allerdings, Frau Gräfin, und wie oft finden wir das; aber der Charakter spricht sich gewiß darin aus.«
»Also wer von der Natur zum Beispiel einen boshaften Zug um den Mund bekommen hat,« meinte Helene kopfschüttelnd, »müßte deshalb auch entschieden boshaft sein und könnte nicht einmal dafür verantwortlich gemacht werden?«
»Umgekehrt, Schatz,« rief ihr Gatte. »Was Du da sagst, wäre ein Unglück für solche arme Menschen, nicht eine Eigenschaft, die uns sie meiden läßt. Nicht wer einen boshaften Zug um den Mund hat, wird dadurch boshaft, nein, wer boshaft ist, bekommt sicherlich diesen Zug. Das heißt: gerade der Charakter der Menschen prägt sich im Lauf der Jahre in dem Antlitz derselben aus: je älter sie werden, desto deutlicher, und wer das Verständniß dafür hat, liest die Schrift.«
»Aber manchmal irren wir uns doch,« sagte George. »So kenne ich hier einen jungen Schauspieler – unsern ersten Liebhaber – und einen tüchtigen Künstler, der auf mich bei seinem ersten Anblick, trotz seiner wirklich edlen Züge, jenen abstoßenden Eindruck gemacht hat, dessen Sie vorhin erwähnten, und der also auch deshalb für uns maßgebend sein sollte. Ich ließ mich aber dadurch nicht abschrecken und machte seine nähere Bekanntschaft, oder äußere Umstände ließen sie mich machen, und muß gestehen, daß sich bei diesem meine Menschenkenntniß nicht erprobte, denn er hat sich stets als einen liebenswürdigen, geistvollen und besonders fabelhaft gefälligen Mann gezeigt, dem ich schon unzählige Male verpflichtet bin.«
»Lieber Gott, wir können uns ja irren,« sagte Felix; »ich selber würde mich aber nach einer solchen erhaltenen Warnung – wie ich es nennen möchte – nur höchst vorsichtig mit ihm eingelassen und ihm – vielleicht – unrecht gethan haben.«
»Aber wir plaudern hier und ich halte Sie von Ihrer Musik ab.«
»Wir haben nur musicirt, um uns die Zeit zu vertreiben,« lächelte Helene; »der Grund ist jetzt vollständig weggefallen.«
»Und wenn ich Sie nun bäte, fortzufahren?«
»Wenn Sie Freude daran finden, von Herzen gern,« sagte Helene, ohne Weiteres von ihrem Stuhl sich erhebend, und sie wie Felix hatten bald wieder das vorhin unterbrochene Musikstück aufgenommen.
Am Markt, zwischen der Drachen-Apotheke und einem andern, sehr anständigen und hohen Gebäude, das einem Seidenhändler gehörte, stand ein schmales, vierstöckiges Haus mit nur zwei Fenstern Front und machte auf den Beschauer etwa den Eindruck, als ob sich ein Mensch mit angezogenen Armen in ein Uhrgehäuse geklemmt hätte und sich nicht regen und nicht rühren könne.
Dort residirte in der zweiten Etage Doctor Feodor Strohwisch, Dichter und Schriftsteller, oder vielmehr Privatgelehrter, wie er in dem Adreßbuch angegeben stand, der aber auch ein kleines Tageblatt redigirte und darin die Geißel über das Theater schwang. Und nicht über das Theater allein; Alles, was vorkam, jedes Fach, jede Kunst fand in ihm ihren unerbittlichen – oder eigentlich nicht ganz unerbittlichen Kritiker, denn es gab Mittel, ihn zu erweichen, und mit einer solch' liebenswürdigen Unverschämtheit drosch er auf Alles los, was sich unabhängig genug glaubte, ihn zu ignoriren, daß die Masse, welche selten ein eigenes Urtheil für sich selber hat, seine Kritiken endlich für baare Münze hinnahm und auch noch nebenbei seine Gelehrsamkeit bewunderte.
Von den Mitgliedern des Theaters, wenigstens von dem größten Theile derselben, war er gehaßt und gefürchtet zugleich, denn gegen sein Blatt gab es keine Appellation, da er ihm unbequeme Artikel nie aufnahm. Äußerlich behandelten ihn aber fast Alle sehr artig, und die boshaftesten Urtheile ließ man ruhig über sich ergehen, weil man nur dadurch noch boshafteren ausweichen konnte.
Strohwisch durfte in der That Alles sagen und sagte Alles, und im Laufe der Jahre hatte er sich eine Sicherheit und Unfehlbarkeit angeeignet, die wirklich nichts zu wünschen übrig ließ.
In seinem Zimmer sah es sehr gelehrt und sehr unordentlich aus. Ein großer Mahagoni-Schreibtisch, der seine eigene unquittirte Rechnung in dem einen Gefach sorgfältig versteckt hielt, als ob er sich selber darüber schäme, stand in der einen Ecke, unmittelbar am Fenster. Vier oder fünf Bücherregale mit einer neueren und viel benutzten Ausgabe des Brockhaus'schen Conversations-Lexikons füllten die eine Wand, ein sehr elegantes, aber etwas beschmutztes Sopha, mit einem Spiegel in Goldrahmen darüber, die andere.
Auf dem Sopha lagen vier oder fünf gestickte Rückenkissen, eine gestickte Cigarrentasche aber geöffnet auf dem Tisch; unter dem Spiegel befand sich ein sinniger Neujahrswunsch aus Menschenhaaren geflochten, und den Tisch bedeckte eine weiße gehäkelte Decke mit hellblauen Vergißmeinnicht darin; kurz, die Spuren weiblicher Arbeit waren überall, auf Fußbank, Briefhalter, Papierkorb, Briefbeschwerer u. s. w. anzutreffen.
Über dem Schreibtisch aber hingen zwei Lorbeerkränze, der eine mit hellblauem, der andere mit rosaseidenem Bande, und einem Spruch von zierlicher Frauenhand geschrieben, den man aber von unten aus auf dem überhaupt auch etwas rauchgeschwärzten Papier nicht lesen konnte.
An der Wand befanden sich ein paar an die äußerste Grenze des Schicklichen streifende französische Kupferstiche von badenden und nach dem Bade tanzenden Nymphen, und rechts und links vom Spiegel zwei ebenfalls französische Studienköpfe, bis an den untern Rand des Rahmens decolletirt.
Sämmtliche Stühle waren übrigens mit neuen, unaufgeschnittenen, in gelbem, grauem, grünem, blauem und rothem Papier broschirten Büchern bedeckt, und selbst auf dem Boden lag noch eine Anzahl von ihnen zwischen Cigarrenstummeln, Papierstreifen und zerschnittenen Zeitungen.
Feodor arbeitete. Er saß auf einem Drehstuhl und hatte eine Cigarre im Munde, die vorn brannte und die er hinten kaute, und dann und wann schrieb er eine Zeile und strich darauf das Geschriebene wieder durch.
Da klopfte es laut an die Thür, und mit seinem Herein! erschien Handor, den Hut nachlässig auf dem Kopf, einen Glacéhandschuh angezogen, den andern in der Hand.
»Guten Tag, Doctor! Stör' ich?«
»Nun, Sie verderben wenigstens nichts, denn ich quäle mich eben wieder mit so einem verfluchten Gelegenheitsgedicht.«
»Daß Sie's nicht satt kriegen!« lachte Handor.
»Es ist eine rein verzweifelte Arbeit,« rief der Doctor, »immer etwas Pikantes sagen zu sollen, wenn...«
»Einem nichts einfällt – trostlos!«
»Na, das wär' das Wenigste,« bemerkte Strohwisch; »aber man will doch auch nicht all' sein Pulver auf eine Sache verschießen, die Einem nichts einbringt, als vielleicht ein lumpiges Mittagessen.«
»Sonst ist wohl kein Honorar zu fürchten?«
»Gott bewahre; es ist für den Commerzienrath, der morgen sein commerzienräthliches fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiert. Was das Alles für Ursachen zu Festen sind! Aber was fehlt Ihnen? Sie sehen verdrießlich aus.«
»Ach was,« sagte Handor, indem er sich aus der offenen Cigarrentasche eine Cigarre nahm und sie anbrannte, »ich habe mich wieder einmal über den Lump, den Rebe, geärgert – eingebildeter Esel! Aber der Director hat ihm gekündigt, er muß fort. Da können Sie sich nachher eine Güte thun und ihm eine Grabschrift schreiben.«
»Werde ich ihm besorgen,« lachte der Doctor, sich vergnügt die Hände reibend, »werde ich ihm mit Vergnügen besorgen, und noch dazu in Versen unter »Eingesandt«-Rebe, bebe, lebe, strebe, gebe, hebe – es paßt nur eigentlich kein pikanter Reim auf den langweiligen Namen.
Horatius Rebe,
Wer kann, bebe
Bei dem Abgang dieses Lichts,
Doch vergebe
Horatius Rebe
Daß er uns hier schadet nichts.
Das ist gut, wie?«
»Werden Sie nicht langweilig,« sagte Handor, indem er seinen Hut auf den Tisch stellte, seinen Handschuh hinein und sich selber dann zwischen die Rückenkissen auf das Sopha warf. »Was ich gleich sagen wollte, Doctor, wissen Sie genau, wann der Erbprinz hier eintrifft?«
»Nun, versteht sich doch von selbst; werde ich das nicht genau wissen! Am nächsten Freitag Morgen mit dem Zehn-Uhr-Zug. Dann ist großer Empfang – militärisch natürlich – Alles in Uniform, wo, zwischen all' den goldenen Epauletten und Ordenssternen, der Bürgermeister, als Vertreter der Stadt, allein im Frack wie ein schwarzes Schaf in der Heerde herumläuft. Mittags Diner auf dem Rathhaus, Abends Festvorstellung im Theater – »Hamlet« auf speciellen Wunsch – nach dem Theater Fackelzug und dann Kneiperei bis zum nächsten Morgen, wozwischen ein geplagter Redacteur dann auch noch seine Correspondenzen schreiben soll.«
»Hm, merkwürdig,« sagte Handor, der die letzten Worte gar nicht gehört zu haben schien.
»Merkwürdig? – was ist merkwürdig?«
»Oh, nichts, es fiel mir nur ein, wie so Vieles manchmal auf Einen Tag zusammentrifft.«
»Ja, er bleibt auch nur zwei Tage in Haßburg, und am zweiten Tag ist großer bal paré, mit der ganzen haute volée geladen. Wunderbares Leben doch, das so ein Prinz führt! Bei Jove, ich glaube, ich habe auch eine gute Natur, aber wenn ich nur eine einzige Woche so durchschwiemeln sollte, ging ich wahrhaftig drauf!«
»Lieber Doctor,« sagte Handor gleichgültig, »wenn sich ein solcher Prinz derartigen »Genüssen«, die für ihn Alltäglichkeiten sind, mit einer solchen Leidenschaftlichkeit hingeben wollte, wie Sie gewöhnlich dabei entwickeln, so hielt er's auch nicht aus. Aber, was ich Sie schon immer einmal fragen wollte: von wem haben Sie eigentlich die beiden Lorbeerkränze, welche da über Ihrem Schreibtisch hängen?«
»Oh,« sagte Feodor bescheiden, »sie sind nur von Damen.«
» N u r von Damen?«
»Ja; in unserem literarischen Club feiern wir manchmal geistige olympische Spiele...«
»In Ihrem Vergötterungsverein,« lachte Handor, »wo Ihr Euch gegenseitig anbetet und hinter dem Rücken dann auf einander schimpft.«
»Hören Sie einmal, Handor, das ist übertrieben!«
»Gehen Sie mir weg; mich haben sie auch einmal mit hineingeschleppt, um mich bei einer Tasse heißem Zimmtwasser, das die Dame vom Hause Thee nannte, und bei drei unsichtbaren Butterbrödchen sechs Stunden auf das Tödtlichste langweilen zu lassen. Das war ein furchtbarer Abend, Doctor!«
»Sie übertreiben wahrhaftig,« rief Feodor, seinen Kopf zurückwerfend; »ich habe doch auch von meinen Gedichten vorgelesen.«
»Leider!«
»Sie sind unausstehlich heute, und ich wollte dieses unglückselige Geschöpf, dieser Rebe, wäre erst einmal über alle Berge; früher finden Sie doch Ihren Humor nicht wieder.«
»Ach was, Rebe,« sagte Handor verächtlich; »glauben Sie, daß mir der Patron nur eine Stunde von meiner Zeit vergiften könnte?«
»Na, was steckt Ihnen denn sonst in den Gliedern – Schulden? Lieber, bester Freund, Sie sind doch hoffentlich auch schon auf dem Standpunkt angelangt, daß, wenn sich Jemand Schulden halber Sorgen zu machen hat, es entschieden nur der Gläubiger sein kann – Gläubiger – ein famoser Name übrigens, weil er glaubt, daß er Geld kriegt; hahahaha!«
»Sehe ich aus wie Jemand, den die Schulden drücken?« spottete Handor, indem er seine Cigarrenasche auf den Teppich abstrich.
»Na, dann sind Sie verliebt,« rief Feodor, »heh? Hab' ich's getroffen, hat der haßburgische Herzbrecher auch endlich einmal seine Meisterin gefunden? Handor, der erste Liebhaber des haßburgischen Theaters, wirklich verliebt, ohne Schminke und Gasbeleuchtung – es ist eine himmlische Idee! Übrigens – Donnerwetter, was mir da einfällt – haben Sie schon davon gehört, daß dieser Rebe ein Heidenglück macht?«
»Ein Heidenglück – welches?«
»Er heirathet das hübsche Blumen-Jettchen, das spröde, alberne Ding, dem alten Pfeffer seine Nichte, deren Vater gestern mit einer Million von Ostindien zurückgekommen ist.«
»Unsinn,« sagte Handor, »eine von Ihren gewöhnlichen Tageblatt-Enten.«
»Na, Sie werden's sehen. Der Rebe hat mit dem Mädel schon lange ein Verhältniß gehabt, aber natürlich Pauvreté in allen Ecken. Jetzt macht sich die Sache. Am Ende werden wir ihn hier noch nicht einmal los.«
»Vom Theater gewiß, und das Andere kümmert mich wenig,« sagte Handor gleichgültig, indem er aufstand und seinen Hut aufnahm.
»Sie wollen wieder fort?«
»Ich habe zu thun. Apropos, Doctor, können Sie mir nicht wenigstens einen Theil von den hundert Thalern zurückzahlen, die ich Ihnen neulich borgte? Trauvest quält mich mit den paar Thalern, die ich ihm schuldig bin.«
»Lieber, bester Freund,« rief Feodor – »kahl wie eine Feldmaus im Augenblick; die Gelder kommen erbärmlich ein, und in der letzten Zeit habe ich gar nichts verdienen können, weil ich fortwährend mit Ihnen beschäftigt war.«
»Mit mir?«
»Meine Correspondenzen für die verschiedenen Blätter. Ich sage Ihnen, die eine Recension über Ihren »Fiesco« hat mich vier volle Stunden gekostet, so ausführlich habe ich Alles besprochen, und ich taxire meine Arbeitsstunden stets auf einen Louisd'or.«
»Das ist viel.«
»Geistige Arbeiten, lieber Freund, sind keine Holzhackerarbeit; die Fäuste können immer schaffen, aber der Kopf braucht seinen Genius, und wenn der ausbleibt, steckt er fest.«
»Und wann können wir Abrechnung halten?«
»Ich erwarte eine bedeutende Honorarzahlung in den nächsten Tagen.«
»Schön, also auf Wiedersehen, Doctor!«
»Auf Wiedersehen, lieber Handor, auf Wiedersehen!«
Handor hatte die Thür hinter sich zugedrückt, und Feodor sah ihm, freundlich mit der Hand winkend, nach; dann aber murmelte er leise vor sich hin:
»Einfaltspinsel, eingebildeter – will in allen Blättern gelobt und herausgestrichen sein und dann auch noch geborgtes Geld wieder haben – es ist wirklich großartig! Wer hält ihn denn hier am Theater? Niemand weiter als ich, und wenn ich ihn fallen lasse, ist er in vierzehn Tagen fertig; keine Hand rührt sich mehr – ich müßte meine Haßburger nicht kennen. – Komm Du mir!« Und die unangenehmen Gedanken abschüttelnd, drehte er sich wieder auf seinem Stuhl herum, griff die Feder auf und begann von Neuem sein commerzienräthliches Ehrengedicht, das aber trotz alledem nicht recht fließen wollte – der Genius war noch nicht da.