Eine Mutter
21. Der Wilddieb.
21.
Der Wilddieb.
Unten im Stübchen des Haushofmeisters, im Monford'schen Schlosse saß der alte Förster behaglich hinter einer Flasche Wein und einem großen Stück Kuchen, fest entschlossen, es sich den heutigen Abend einmal gut sein zu lassen – kam es doch überhaupt nicht häufig vor – als der Wiesenmüller, der auf der Stadtseite an das Gut stieß und häufigen Verkehr mit dem Haushofmeister hielt, das Zimmer betrat und sich mit zum Tisch setzte.
Natürlich wurde ihm ebenfalls sogleich ein Glas vorgesetzt, und das Gespräch drehte sich gerade um all' die verschiedenen Persönlichkeiten, welche sich heute zu dem Freibier eingefunden, während Jonas, der zwischen ihnen saß und immer noch glaubte, andere Leute merkten nicht, daß er taub sei, mit hineinsprach und oft die verkehrtesten Dinge vorbrachte.
»Der alte Fritz hat sich auch richtig eingefunden,« sagte der Müller; »das ist ein durchtriebener Halunke und weiß seine Zeit vortrefflich abzupassen.«
»Der Lump!« brummte der Förster in sein Glas hinein. »Der Graf hat ihm ja verboten, sich nach Dunkelwerden auf dem Grund und Boden hier wieder sehen zu lassen.«
»Ja, heute ist aber eine Ausnahme,« lachte der Holzhändler, »denn wenn er bei hellem Tag erst käme, wär' die Geschichte vorbei und er kriegte nichts mehr.«
»Schadete ihm auch nichts,« meinte der Müller, »und ich wollte, er hätte die hiesige Gegend nie gesehen, denn seit er da ist, spür' ich's an meinen Fischen.«
»Er stiehlt, wo er 'was kriegen kann,« nickte der Förster, »und meine Fasanen wissen davon zu erzählen.«
»Und Eure Forellen auch,« lachte der Müller; »meinem Gevatter, dem Mehlberg, hat er neulich sieben Pfund verkauft.«
»Der Cujon!« rief der Förster; »aber ich kann doch hier, Gott straf' mich, nicht den ganzen Tag im Park stecken, wo ich da drüben das große Revier und die Stadt in der Nähe habe, in der das Gesindel Alles brauchen kann, was vorkommt. Wenn er sich aber hier am Fischwasser herumtriebe, müßte ihn Jonas doch über Tag bemerkt haben. Habt Ihr den Fritz schon einmal angeln sehen, Jonas?«
»Du lieber Gott,« sagte der alte Mann, der indessen seinen eigenen Gedanken gefolgt war und jetzt merkte, daß er angeredet wurde, »als kleines Kind hab' ich sie ja schon auf den Armen getragen!«
»Wen?« schrie der Müller.
»Die liebe Comtesse, und wenn mich Gott leben läßt, kann ich jetzt auch vielleicht ihre Kindchen sehen.«
»Ob Ihr den alten Fritz nicht habt fischen sehen, fragt der Förster,« schrie ihm jetzt der Müller in's Ohr.
Jonas sah ihn ganz erstaunt an, denn er begriff die Frage nicht einmal gleich; endlich aber nickte er lächelnd mit dem Kopf und sagte:
»Den alten Fritz? Oh, gewiß, nach Maulwürfen. Seine Angelruthen stecken ja über die ganze Wiese, und er ist darin ein tüchtiger Kerl, das muß man ihm lassen; es macht's ihm Keiner nach.«
»Mit dem Alten ist ja nicht zu reden,« sagte der Förster halblaut, »und wenn wir so schreien, hört's am Ende der Halunke da draußen und lacht uns noch obendrein aus.«
»Hört einmal, Förster,« sagte der Müller leise, »der Maulwurfsfänger ist mit allen Hunden gehetzt, und so hält es verdammt schwer, hinter seine Schliche zu kommen; bei einem Glase Wein hat aber schon Mancher ausgeplaudert, wovor er sich sonst wohl gehütet und sich lieber die eigene Zunge abgebissen hätte. Wenn wir ihn nun einmal hereinriefen und ihm ein bischen zusetzten?«
»Der trinkt uns Beide unter den Tisch,« brummte der Förster.
»Der noch lange nicht,« rief der Müller; »eine bessere Gelegenheit finden wir auch im Leben nicht wieder. Merken kann er nichts, denn alle Arten von Leuten sind heut Abend hier versammelt. Wollen wir's nicht einmal versuchen?«
»Aber am Ende ist's dem Haushofmeister nicht recht, wenn wir den Vagabonden hier in sein Zimmer bringen.«
»Ach was, zu dem Zweck hat er gewiß nichts dagegen, denn er mag ihn auch nicht leiden, weil ihn der Lump immer so vornehm grüßt; und dann kommt der auch nicht vor den nächsten zwei Stunden wieder herein, denn er ist jetzt mit der Tafel beschäftigt, und nachher wird gespeist, wo er ebenfalls dabei sein muß.«
»Na, meinetwegen, dann holt ihn; ich stehe mit ihm nicht so grün, daß ich ihn einladen könnte, und er röche gleich Lunte.«
»Den wollen wir uns einmal langen,« lachte der Müller vergnügt vor sich hin, indem er von seinem Sitz aufstand; »paßt auf, den kaufen wir uns.«
»Wollt Ihr schon fort?« fragte Jonas erstaunt.
Der Müller schüttelte nur mit dem Kopf und verließ langsam das Zimmer, und der Förster qualmte indessen stärker aus seiner Pfeife, trank aber nicht mehr, weil er sich das auf nachher aufsparen wollte! Der Müller blieb aber entsetzlich lange; der alte schlaue Bursche wollte gewiß nicht mit. Endlich kam er wieder herein.
»Na, das ist merkwürdig,« sagte er, »die ganze Zeit hat der Fritz da an dem einen Baum gelehnt; der eine von meinen Burschen hat ihn deutlich gesehen, und der Hund war auch bei ihm, und jetzt ist er fort und nirgends mehr zu finden.«
»Er wird irgendwo an einem der Tische sitzen.«
»Gott bewahre; überall habe ich ihn gesucht, kein Mensch weiß etwas von ihm, und der Berthold, der die Getränke zu vertheilen hat, will ihn noch mit keinem Auge gesehen haben, und den hätte er sich gewiß gemerkt.«
»Dann hat die Canaille wieder 'was im Werk,« sagte der Förster, mit der Faust auf den Tisch schlagend, »und glaubt, weil ich hier fest hinter der Flasche sitze, daß ich ihm die Nacht nicht auf den Dienst passe. Ei Du heiliger Kreuzhimmelschwerenöther Du!« Und mit den Worten stand er von seinem Stuhle auf.
»Unmöglich wär's nicht,« lachte der Müller, »und dick genug hat er's dazu hinter den Ohren. Aber was will er in der stockfinstern Nacht machen? Der Mond geht erst um Mitternacht herum auf; da ist's nichts mit dem Angeln und Wildern.«
»Und mit dem Netzfischen auch nicht, wie?« sagte der Förster, indem er seine Flinte vom Nagel nahm. »Ne, Müller, wenn er nicht mehr da draußen steckt, dann ist er auch im Park auf irgend eine Lumperei aus, und da schmeckt mir doch hier kein Tropfen mehr, bis ich mich wenigstens überzeugt habe. Wo ist denn mein Forstgehülfe?«
»Ja, der steht bei den Böllern und kann nicht fort, bis die abgefeuert sind. Wartet lieber so lange, das wird nicht mehr so ewig dauern, und Zwei sind besser als Einer.«
»Die Böller werden nicht eher abgefeuert, bis die Tafel fast vorüber ist,« sagte einer der Diener, der sich einen Augenblick weggestohlen hatte, um hier rasch ein Glas Wein zu trinken; »dann wird erst die Gesundheit auf das Brautpaar ausgebracht.«
»So lange kann ich nicht warten,« brummte der Förster, indem er seinen Hut aufstülpte; »brauche auch wahrlich keinen Gehülfen und werde mit dem Lump schon allein fertig werden!«
»Was ist denn?« fragte der Lakai.
»Oh, ein Fuchs holt mir die Fasanen weg, und dem hab' ich ein Eisen gestellt,« sagte der Förster; »will nur einmal nachsehen, ob er drin sitzt.«
»Na, viel Glück!« rief ihm der Mann nach.
»Esel!« brummte der Waidmann vor sich hin, als er die Thür zudrückte und sich durch das Gedränge der draußen herumschwärmenden Gäste Bahn brach. Er hatte Gift und Galle im Herzen und erwiderte nicht einmal manchen ihm hier und da gebotenen Gruß.
Es trieb ihn auch, aus der Nähe des Schlosses fortzukommen, und rasch schritt er den Weg entlang nach dem Fluß hinüber, um dort vielleicht den »alten Cujon«, wie er ihn nannte, auf frischer That bei verbotenem Fischfang zu ertappen, und ihn dann den Gerichten ausliefern oder doch wenigstens die Anzeige machen zu können, denn eher wurden sie den frechen Gesellen nicht aus der Gegend los. Konnte er aber erst einmal eines Vergehens überwiesen werden, dann verstand es sich auch von selbst, daß man ihn hier erst abstrafte und nachher als Ausländer einfach über die Grenze schaffte.
Am Fluß selber kannte er genau jede Stelle, an der sich ein Fischdieb einigen Erfolg versprechen durfte, und am Strom hinauf hielt er sich ein Stück davon entfernt auf dem dunkeln und weichen Rasen, bis er einen solchen Platz erreichte und dann mit aller Umsicht dort hinüberschlich – aber immer vergebens. Da, wo er den Wasserrand erreichte, flog ein aufgescheuchter Vogel aus den Büschen, dort sprang ein Frosch in's Wasser, lauter Zeichen, daß sie kürzlich von keinem Menschen belästigt oder gestört worden, und er hatte den Drahtzaun schon fast erreicht, als er draußen vor dem Thor ein Pferd schnauben hörte.
»Na?« sagte der Förster und blieb erstaunt stehen, »wer hält denn jetzt da draußen vor dem Gitter? Die Gäste haben doch die Auffahrt alle vorn.« – Er wäre auch gern einmal vorgegangen, um den Kutscher zu fragen, was er da zu thun habe, denn Stadtwagen durften den Weg gar nicht fahren; knüpfte er aber hier ein Gespräch an, so verrieth er sich vielleicht dem möglicher Weise ganz in der Nähe befindlichen Fischdieb. Nicht einmal über das Gitter konnte er hier; ohne von dem Kutscher bemerkt und dann jedenfalls angerufen zu werden, und da der Maulwurfsfänger nicht innerhalb der Umzäunung stak, mußte er doch jedenfalls draußen sein, wo er auch noch weniger eine Entdeckung zu fürchten brauchte.
Der Förster also, dem nicht so viel daran lag, zu wissen, wer hier unbefugt fahre, da das auch eigentlich Sache des Haushofmeisters oder des Gärtners war, als vielmehr dem Maulwurfsfänger nachzuspüren, zog sich wieder in den Schutz der dichten Erlenschatten zurück und kreuzte, da er hier nicht durch den Fluß konnte, die Wiese. Weiter oben brauchte er dann nur dicht unter dem Holz über den Drahtzaun zu steigen und einen kleinen Bogen zu machen, und kam dann immer wieder, und zwar an einem der besten und bequemsten Fischplätze, an's Wasser.
Wie er den Waldrand erreichte und daran hinschlich, hörte er plötzlich ein Geräusch im Gehölz, als ob Jemand mit einem Stock auf den Boden schlüge. Er stutzte und horchte – jetzt war Alles ruhig. – Sollte denn der verteufelte Kerl selbst in dieser Nacht seinen Fasanen wieder nachstellen? Aber das war ja gar nicht möglich! Was hätte er denn in der Dunkelheit mit ihnen ausrichten können? Wenn man gegen die Bäume hinaufsah, war nichts als ein dunkler, undurchdringlicher Fleck zu erkennen, in dem man nicht einmal einen weißen Vogel so groß wie ein Truthahn unterschieden haben würde, viel weniger einen dunkeln Fasan, der sich an einen der gleichfarbigen und dichtbelaubten Äste schmiegte. Das war vollkommen unmöglich, und wenn – da wieder – wieder das nämliche Geräusch in den Büschen, genau so, als ob ein Rehbock den Grund mit den Vorderläufen schlägt.
Der Förster horchte noch gespannt, um sich der genauen Richtung zu vergewissern, als er hinter sich nach der Wiese zu ein Geräusch hörte und den Kopf rasch dorthin drehte.
Er selber stand hier vollständig gedeckt mit seiner dunkeln Kleidung im Schatten der Bäume; ihn konnte Niemand sehen, das wußte er gut genug, so lange er sich wenigstens nicht von der Stelle bewegte, und sich langsam dem neuen Geräusch zukehrend, erkannte er jetzt eine lichte Gestalt, der eine andere, dunkler gekleidete wie ein Schatten folgte. Beide schritten auf dem hier mitten durch die Wiese führenden Kiesweg entlang und eilten, allem Anschein nach, der Richtung zu, in der er das Pferd hatte schnauben hören.
»Das ist doch merkwürdig,« dachte er, indem er mit dem Kopf schüttelte, »da drinnen im Schloß fängt die Geschichte gerade an, und da sind zwei Damen, die jetzt schon genug davon haben? Und aus der Stadt können sie auch nicht sein, denn wie kämen die mit ihrem Wagen da hinten an das Gitter? Muß doch einmal nachher den Haushofmeister fragen. Oder ging' ich nicht lieber gleich selber hin und sähe zu? Die Sache kommt mir beinahe verdächtig vor und 'was Heimliches muß jedenfalls dahinter stecken.«
Der Förster stand noch unschlüssig, was er thun sollte, als sich der Lärm im Busch wiederholte, jetzt aber viel lauter und anhaltender, als vorher. Es schlug in den Büschen, als ob Jemand mit Gewalt durch ein Dickicht brechen wolle und nicht hindurch könne, oder an einem Busch risse, der nicht nachgeben wollte.
Selbst die beiden Frauen auf dem Weg schienen das Geräusch gehört zu haben, denn wie der Förster den Kopf noch einmal dorthin wandte, sah er, daß sie ihren Schritt beeilten, und besonders die erste in dem lichten Kleide flog wie ein gescheuchtes Reh den Weg entlang, während die andere, welche etwas zu tragen schien, nicht so rasch folgen konnte und eine Strecke zurückblieb. Zu jeder andern Zeit würde dem Förster diese nächtliche und, wie es schien, sehr eilige Wanderung der beiden Damen verdächtig vorgekommen sein und er wahrlich nicht versäumt haben, der Sache näher auf die Spur zu kommen. Aber da drin im Busche war etwas los; das klang jetzt genau, als ob sich ein Stück Wild irgendwo gefangen habe oder vielleicht im Todeskampf mit den Läufen austräte. Was kümmerten ihn die Frauenzimmer; sein Beruf lag dort im Busch drin, und sich den Hut fest auf den Kopf ziehend, daß er ihm nicht in der Dunkelheit von irgend einem vorstehenden Zweig abgeschlagen wurde, tauchte er rasch in den schmalen Streifen Dickicht ein, der die Wiese von dem Kiefernwäldchen abschied und etwa zwanzig Schritt breit sein mochte. War es doch nur eine Anpflanzung von Blüthenbüschen, um mit diesen die Lichtung zu verdecken, welche die hochstämmigen Kiefern bildeten.
Der Förster hütete sich dabei viel Geräusch zu machen. Während er aber selber durch die Büsche kroch, konnte er natürlich nichts hören, denn die Zweige rauschten zu viel neben ihm. Nur erst wie er den Rand und damit das offene Holz erreichte, hielt er wieder still und horchte; da drüben raschelte und schlug es noch, aber auch von links her glaubte er ein Geräusch zu hören, und als er den Kopf dorthin wandte, vernahm er die Schritte eines Menschen, der sich unfehlbar in dem dichten Schatten jenes angepflanzten Fichtenstreifens hielt, denn zu erkennen war in der Dunkelheit und hier in einer Art von Wald nicht das Geringste.
So wie er selber aber nichts sehen konnte, so brauchte er jetzt auch nicht zu fürchten, von jemand Anderem gesehen zu werden, und vorsichtig aus dem Gebüsch heraustretend, glitt er mit auf den Kiefernadeln vollständig geräuschlosem Tritt der Richtung zu, nach der er die Schritte und jetzt auch noch das immer stärker werdende Rascheln in den Büschen hörte.
Wer es sei, der hier bei Nachtzeit in dem Dickicht herumsprang, ließ sich allerdings nicht unterscheiden, ja, der Förster hatte noch nicht einmal die Gestalt erkennen können; aber das blieb sich gleich. Wer sich auch hier befand, war auf faulen Pfaden und hatte hier nichts in der Nacht zu suchen, und die Flinte gespannt in der rechten Hand, den Finger am Bügel, um rasch damit nach dem Drücker herunterfahren zu können, glitt er so leise, aber auch so rasch, wie er möglicher Weise konnte, weiter auf seiner Bahn.
Das Geräusch der Schritte hörte er dabei, als er einen Moment anhielt, um zu horchen, eine kurze Strecke vor sich; jetzt ließ es sich nicht mehr unterscheiden, da es aus einer Richtung mit dem andern kam, das stärker und heftiger wurde, aber genau auf der nämlichen Stelle blieb. Der Förster war nahe genug gekommen, um sicher zu bestimmen, daß es aus dem schmalen Fichtenstreifen herrührte, der an dem jetzt draußen angebauten Haferfeld entlang lief. Was, um Gottes willen, war da nur los? Hatte sich ein Stück Wild gefangen – Schlingen? Zum ersten Mal zuckte es dem alten Forstmann durch den Sinn: dort war eine Schlinge gestellt, und er ertappte den Verbrecher jetzt auf frischer That.
Der Maulwurfsfänger indessen, mit keiner Ahnung, daß ihm sein grimmigster und gefährlichster Feind so dicht auf den Fersen sei, sprang so rasch er konnte der Richtung zu, in der er das gefangene Wild mit den Läufen schlagen hörte. Er achtete dabei nicht einmal auf seinen kleinen Spitz, der dicht hinter ihm folgte, dem aber das Geräusch in der Nachbarschaft dabei nicht entgangen war.
Das kleine kluge Thier stutzte und knurrte leise, denn es wußte recht gut, daß es nicht laut werden durfte – der Maulwurfsfänger hatte es schon seit langen Jahren darauf dressirt, – aber sein Herr hörte nicht. Er lief ihm nach, bis er dicht hinter ihm war, und knurrte stärker, aber mit nicht besserem Erfolg. Der Maulwurfsfänger, von der Leidenschaft ergriffen, hörte und sah nichts weiter, als seine Beute. Der Förster saß, er hatte ihn selber gesehen, in der Stube des Haushofmeisters hinter einer Flasche Wein; der Forstgehülfe war mit den Böllern beschäftigt, weiter hatte er Niemanden zu fürchten, und es blieb ihm da übrig Zeit, den Lohn für seine Mühen zu nehmen und fortzuschaffen. Und mit Einem Sprung in das Dickicht hinein, war er auf dem gefangenen Schmalthier und genickte es ab.
Jetzt war Alles todtenstill – nein, da drinnen regte sich 'was, und sein Spitz, der in diesem Augenblick dicht hinter ihm stand, knurrte lauter.
»Was giebt's, Spitz?« rief der Alte erschreckt. »Kommt Jemand?«
Der Spitz knurrte noch einmal und schlug plötzlich laut an; der Wilddieb erschrak, denn das war ein untrügliches Zeichen, daß ihm Gefahr in unmittelbarer Nähe drohe. Fast unwillkürlich griff er freilich nach der Schlinge, um diese zu lösen und seine Beute frei zu bekommen; aber die Hände zitterten ihm dabei, und er horchte gespannt nach den Kiefern hinüber.
Lange in Zweifel sollte er aber nicht bleiben. War der Förster schon überhaupt in nächster Nähe, durch den Todeskampf des Thieres der richtigen Stelle zugelenkt worden, so verrieth jetzt das Bellen des Hundes nicht allein den genauen Punkt, sondern auch den, mit dem er es hier zu thun hatte.
»Hab' ich Dich endlich einmal erwischt, Dich neunhäutige Canaille?« schrie er, indem er in die jungen Fichten hineinsprang, während er mit der Linken sein Gesicht gegen die schlagenden und stachlichten Büsche schützte, in der Rechten aber noch immer das gespannte Gewehr hielt. »Steh, Schuft, oder ich schieße Dich wie einen tollen Hund über den Haufen!«
Der Maulwurfsfänger hatte im Nu die Gefahr erkannt, aber er verlor seine Besinnung nicht. Der Förster durfte nicht schießen, das wußte er recht gut, die Gesetze verboten es; vor ihm lag das weite Haferfeld, und mit drei Schritten Vorsprung hätte ihn der Alte im Leben nicht eingeholt. So half es denn nichts; die schon sicher geglaubte Beute mußte er freilich im Stich lassen, aber für sich selber fürchtete er auch keinen Moment, und mit einem leisen, eigenthümlichen Pfiff, den sein Spitz gut genug kannte, richtete er sich empor und sprang über das erlegte Stück hinweg, um das Freie zu gewinnen – aber hier fing er sich im wahren Sinne des Worts in seiner eigenen Schlinge.
Der starke Messingdraht war nämlich hoch genug gespannt, um den Kopf eines Stück Wildes in seinen Bereich zu bringen, wonach er dann, sobald sich etwas darin gefangen hatte, auf der einen Seite losriß, damit die Schlinge auf der andern desto fester angezogen werden konnte. Das Wildkalb hatte aber, von der Gewalt, die es festhielt, fortdrängend, seinen Kopf auf die entgegengesetzte Seite gebracht, und als es im Todeskampfe zusammenbrach, drückte es hier den Messingdraht mit sich nieder. Wenn sich aber der kleine, schwanke Fichtenstamm, an welchem derselbe befestigt war, auch halb niederbog, so blieb der Draht doch an jener Seite höher gespannt, was der Mann natürlich in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Als er deshalb über das Wildkalb hinwegsprang, hakte sein einer Fuß darin, und ehe er den andern vorbringen konnte, um sich zu stützen, verlor er das Gleichgewicht und schlug der Länge nach auf den Boden nieder.
Der Förster, welcher jetzt dicht an ihm war, bekam hier einen freieren Blick, als unter den dunkeln Kiefern, da schon das lichte Haferfeld den Hintergrund bildete. Er hatte die aufspringende Gestalt auch bemerkt, und trotz seiner Jahre noch immer ziemlich rüstig, zögerte er keinen Augenblick, den Verbrecher zu packen. Sprang er dann in das Feld, ei, in die Beine durfte er ihn schießen, das war erlaubt, das wollte er wenigstens verantworten, oder dachte auch vielleicht in dem Augenblick gar nicht einmal daran, ob da eine Verantwortung nöthig sei. Nur erst einmal haben, das Andere fand sich alles nachher. Da sah er, wie der Flüchtling auf den Boden niederschlug, er hörte den Fall und setzte mit einem Jubelruf hinterdrein.
Hier aber störte ihn der Spitz, der ihm mit Wuthgekläff nach den Beinen fuhr, so daß er unwillkürlich erschreckt zur rechten Seite hinüberprallte, wo er ebenfalls gegen den starken Draht stieß. Das aber war kein Hinderniß. Ein Tritt nach dem Hund machte ihm einen Augenblick Luft; den Draht hielt er in der Hand und bückte sich geschwind darunter durch, und so rasch war das Alles gegangen, daß er dem zu Boden Geworfenen schon die Hand auf den Rock legte, als sich dieser von der Erde wieder emporschnellte und jetzt mit Einem Satz in's freie Feld hinausfliehen wollte.
Aber so leicht ging das nicht mehr. Der alte Förster hatte ihn wie mit eisernem Griff am Rock, und fühlte jetzt nicht einmal, daß ihm der Köter wieder nach den Beinen fuhr.
»Steh, Hund!« schrie er, die Flinte noch immer mit der Rechten haltend, »oder, Gott straf' mich, ich schieß' Dich zusammen!«
»Alter Tropf,« zischte der zur Verzweiflung getriebene Wilddieb zwischen den Zähnen durch, »Du hältst mich noch nicht!« Und den Arm herumwerfend, schnitt er ihm mit dem scharfen Genickfänger, den er noch immer in der Hand hielt, quer durch das Gesicht hinüber. In demselben Moment that er einen Ruck, und während der Förster, durch Schmerz und Schreck übermannt, einen Augenblick in seinem Griff nachließ, riß er sich los und sprang jetzt, nicht in das offene Haferfeld, sondern in das Fichtendickicht hinein, wohin ihm der Alte mit der Wunde gar nicht folgen konnte.
Der Förster fühlte, wie ihm das Blut in's rechte Auge rann, und fast rasend vor Wuth, riß er die Flinte an die Backe und drückte ab. Sehen konnte er nichts, denn die Gestalt des Flüchtigen war schon im Dickicht verschwunden; nur die Richtung hielt er, und fast unwillkürlich tief, um keinen Mord zu begehen. Aber zeichnen wollte er den Halunken, daß er ihm morgen seine Thäterschaft beweisen konnte, und kein Gericht in der Welt hätte ihn deshalb, wie er meinte, verurtheilen dürfen.
Erst mit dem Schuß selber kam er eigentlich wieder zur Besinnung und horchte jetzt in den Wald hinein, während er sich mit der linken Hand in's Gesicht fühlte. Heiland der Welt, was ihm der Schuft für einen Schnitt versetzt hatte, und wie das brannte und blutete! Seine ganze Hand war naß, und er fühlte, wie ihm der warme Strom in den Bart hineinlief. Aber nichts regte sich im Gebüsch; war der Bursche doch in's freie Feld hinausgeflohen? Er sprang dort hinüber, aber er konnte nichts sehen. Das rechte Auge war schon völlig zugeklebt, und vor dem linken flimmerte es ihm wie tausend Sterne und Lichter.
Da drinnen war es ihm eben, als ob er etwas hätte rascheln hören; jetzt Alles wieder ruhig, es konnte eine Maus gewesen sein – oder hatte er den Menschen todtgeschossen?
Es fing an ihm unheimlich da draußen allein im Walde zu werden – und wie ihn sein Gesicht schmerzte! Was konnte er auch weiter jetzt hier thun? Es blieb am besten, er ging zurück in's Schloß, um dort seinen Bericht abzustatten und sich die Wunde verbinden zu lassen, es wurde ihm überhaupt schon so weich und schwach um's Herz und in den Gliedern. Das war ein schöner Festabend, wo er einmal hatte recht vergnügt sein wollen; Jesus, wie mußte er jetzt aussehen und die Leute erschrecken, wenn er dort zurück zu den fröhlichen Menschen kam – und heute gerade Verlobung! Aber allein wäre er nicht mehr im Stande gewesen, sein eigenes, fast eine halbe Stunde entferntes Forsthaus zu erreichen; er wollte, daß er erst die kurze Strecke nach dem Schloß zurückgelegt, so schwer, so furchtbar schwer wurden ihm die Glieder.
Draußen am Haferrand konnte er nicht hingehen; dort war ein tiefer Graben, über den er jetzt nicht zu springen wagte. Er taumelte in das Kieferwäldchen zurück, um wieder auf den freien Kiesweg im Innern des Parks zu kommen. Dort hatte er auch nicht mehr so weit nach dem Schlosse. Jetzt erreichte er die Büsche, die ihn noch vom Wege trennten; dort hindurch führte irgendwo ein schmaler Pfad, aber wie sollte er den jetzt finden? Er mußte gerade hindurch, und wie weh das that, wenn ihn einer der Zweige auf die Wunde schlug, und wie schwindelig er wurde! Es war ihm ordentlich, als ob der Boden unter seinen Füßen schwanke; aber weiter, nur weiter, daß er wieder zu Menschen, zu Hülfe kam und dort seine Geschichte erzählen konnte.
Jetzt sah er den lichteren Grasplatz vor sich – da war auch der Weg – Gott sei Dank! Den Park entlang galoppirte ein Reiter, was das Pferd laufen wollte; war das der Maulwurfsfänger? Aber wo hatte der so schnell das Pferd herbekommen? Es wurde ihm immer schwächer zu Sinn; seine Gedanken verwirrten sich, weite, glänzende Regenbogen flimmerten ihm vor den Augen und der ganze Park drehte sich mit ihm. Hatte er denn auch die rechte Richtung eingeschlagen und lag das Schloß dorthin zu oder dort drüben? Er war ganz irre geworden und blieb stehen; wie ihm die Kniee zitterten! Er streckte den Arm aus, um sich an etwas zu halten; aber die tastende Hand griff nichts weiter, als die elastischen Zweige der nächsten kleinen Büsche.
Noch that er einige Schritte vorwärts über den Weg hinüber auf den Rasen; er fühlte, daß er umsinken müsse – dann schwanden ihm die Sinne und er brach ohnmächtig, wo er stand, zusammen.