Eine Mutter
31. Jeremias auf Reisen.
31.
Jeremias auf Reisen.
Es war bitterkalt die Nacht, und obgleich der März schon seit ein paar Tagen begonnen hatte, schien es doch fast, als ob der Winter noch gar nicht daran dächte, Abschied zu nehmen, oder doch wenigstens noch einmal zu guter Letzt zeigen wolle, was er könne.
Jeremias versuchte zu schlafen, aber es ging nicht; jede Viertelstunde stiegen Passagiere aus und ein, und die Schaffner schlugen dann jedesmal mit den Thüren, daß er immer wieder erschrocken emporfuhr. Und was ging ihm auch nicht Alles im Kopf herum! Brasilien, ja, in Brasilien war's jetzt freilich wärmer, und dort hätte er nicht so zu frieren brauchen – aber wieder dahin zurück? Früher hatte er sich dort allerdings wohl befunden, aber die deutschen freundlichen Verhältnisse auch fast vergessen gehabt. Jetzt, da er sie wiedergefunden, da er sich wohl darin fühlte, sollte er sie wieder verlassen und allein in die Fremde hinausziehen? Aber was wollte er hier? Sein Kind war jetzt bald versorgt und glücklich, und seine Frau – war es denn noch seine Frau, und er nicht rechtskräftig und für immer von ihr geschieden? Ja, so lange sie krank lag, konnte er sie besuchen und mit ihr verkehren; jetzt, da sie gesund und kräftig geworden und sich von Tag zu Tag mehr erholte, mußte das aufhören, das fühlte er selber, oder er brachte sie in das Gerede der Leute, die sich nicht leicht eine Gelegenheit entschlüpfen lassen, Übles von ihren Nebenmenschen zu denken und zu reden. Und sollte er in derselben Stadt mit ihr als Fremder leben? Das ging nicht, und es war das Allergescheidteste, er schiffte sich ruhig wieder nach Brasilien ein – Brasilien – Hundeleben dort, was ein Mensch nur aushalten mochte, wenn er nicht mehr in Deutschland existiren konnte.
Er wickelte sich fester in seine dicke Reisedecke, zog die Pelzstiefel noch höher herauf und drückte sich wieder in die Ecke. Er wollte schlafen. Das Grübeln und Nachdenken sollte der Teufel holen.
So verging die Nacht und der Morgen dämmerte endlich durch die fest und dick zugefrorenen Fenster des Coupés.
Jeremias beschäftigte sich jetzt eine Weile damit, sie mit Anhauchen wieder aufzuthauen, und brachte endlich glücklich ein kleines Loch zu Stande, durch das er hinaus in's Freie sehen konnte, gab es aber in Verzweiflung wieder auf, als er die trostlose, monotone Gegend entdeckte, durch die der Zug brauste. Schneefelder, so weit das Auge reichte; einzelne Züge von schwarzen Raben und dann und wann eine kleine, magere Kieferndickung; und dort drüben lag ein Dorf, ärmliche Hütten mit Strohdächern, aus denen der blaue Rauch in's Freie quoll. Die Aussicht lohnte nicht der Mühe, um sich fast die Seele aus dem Leib zu hauchen. Er ließ die Öffnung wieder zufrieren und bekümmerte sich nicht weiter um die Landschaft, bis der Zug endlich, etwa gegen Mittag, in Prag selber anhielt.
Er brauchte, dort angekommen, den halben Nachmittag, um sich erst wieder zu restauriren und ordentlich aufzuthauen, und benutzte indessen die Zeit, um sich aus dem Adreßbuch eine Anzahl Namen und Wohnungen abzuschreiben.
Gegen Abend ging er auf seine erste Wanderung aus, und zwar um zuerst jenen Herrn, einen Baron von Toggenburg, aufzusuchen, der dem Grafen Rottack geschrieben und an welchen ihm dieser einen Empfehlungsbrief mitgegeben. Dort aber, wie später beim Director des Theaters, erhielt er nur ganz unbestimmte, vage Nachrichten, die allein darin übereinstimmten, daß jener Boslaw, der wahrscheinliche Handor, Prag vor einiger Zeit wieder verlassen und sich nach Schlesien gewandt habe.
Was nun? Schlesien war groß, und auf ein solches Gerücht hin konnte er doch wahrhaftig nicht nach Schlesien reisen, um dort seine Nachforschung fortzusetzen.
Eine andere Sache, die ihn förmlich verwirrt machte, war die genaue Beschreibung der Person, die Boslaw bei sich gehabt: eine volle, üppige Gestalt, aber mit einem gemeinen sinnlichen Ausdruck in den Zügen, die besonders gern Champagner trank und in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts hier eine Masse Schulden machte.
Das war auf keinen Fall die junge, bildschöne Comtesse Monford gewesen, und hatte wirklich Handor seinen Namen in Boslaw umgeändert, wo konnte er dann das junge, unglückliche Geschöpf zurückgelassen haben, das er aus seiner Eltern Haus entführt?
Jeremias ließ sich übrigens keine Mühe verdrießen und besuchte sogar verschiedene Mitglieder des dortigen Theaters, um von diesen Näheres über jenen Boslaw zu hören – vergeblich. Die Leute wußten ebenfalls nichts weiter, als daß der Herr Boslaw ein einziges Mal aufgetreten und, da er total mißfiel, schon am nächsten Morgen wieder abgereist sei – wohin? Lieber Gott, wer fragte hier danach! Vielleicht erfuhr er das auf der Polizei.
Das war ein neuer Anhaltspunkt – an die Polizei hatte Jeremias noch nicht einmal gedacht. Spornstreichs lief er dorthin, und wenn es auch einige Schwierigkeiten hatte, unter all' den Beamten endlich den richtigen aufzufinden, der ihm über derartige Fremde Auskunft geben konnte, so ließ er sich doch keine Mühe verdrießen, ja, saß selbst anderthalb Stunden mit einer wahren Engelsgeduld auf einer Bank im Vorsaal, zwischen lauter Galgengesichtern und Dienstmädchen, immer von der Seite angesehen und beflüstert, was er wohl ausgefressen haben mochte, daß er hier sitzen mußte, bis die Reihe an ihn kam – und dann auch umsonst.
Der betreffende Beamte brachte wirklich heraus, daß sich ein Schauspieler Boslaw vor einiger Zeit hier in Prag drei Tage mit seiner Frau, Kathi Boslaw, aufgehalten und im »König Wenzel« logirt habe, dann aber wieder abgereist sei. Sein Paß war jedenfalls in Ordnung gewesen; was kümmerten sich die Leute darum, wohin »derartiges Volk« zog, wenn es ihnen hier nicht zur Last fiel!
»König Wenzel« – dort war vielleicht noch eine Möglichkeit, etwas Näheres zu erfahren, und Jeremias versäumte auch diese nicht – und wieder vergebens. Der Wirth wußte von dem jetzigen Aufenthalt des Herrn Boslaw gar nichts; er wollte aber, er wüßte es, daß er den Herrn noch fassen könnte, der nach bezahlter Rechnung seinem Kellner noch eine Flasche Champagner abgeschwindelt und, ehe er es erfuhr, das Weite gesucht hatte. Er schimpfte dabei entsetzlich auf die Schauspieler, die seiner Meinung nach nur allein deshalb in der Welt herumzögen, um arme Wirthe zu betrügen und sich nachher in's Fäustchen zu lachen.
Über die Frau, als Jeremias diese erwähnte, wußte er nun gar kein Ende zu finden. Das sollte ein wahrer Drache gewesen sein, die mit seiner eigenen Frau schon in der ersten Stunde Skandal gehabt und sich bodenlos gemein betragen hätte.
»Und können Sie mir keine Spur angeben, wo ich den Menschen wieder auffinden möchte?«
»Aha, Ihnen ist er wohl auch durchgebrannt?« lachte der Wirth. »Ja, lieber Freund, und wenn Sie ihn träfen, was würd's Ihnen helfen? Das ist eine pauvre Wirthschaft bei dem Pärchen, wenn die Madame auch aufgedonnert genug geht; aber 's ist ja Alles falsch. Einen Brillantschmuck hat die Person, der eine sechstausend Gulden werth sein müßte, wenn er ächt wäre; aber wo sollte die solche ächte Steine herkriegen? Landsleute sind's.«
»Herr Boslaw?« sagte Jeremias.
»Nein, die Steine – böhmische, mein' ich. Wenn Sie meinem Rath folgen wollen, lassen Sie ihn laufen; 's kommt nichts bei der Sache heraus, und Sie verreisen mehr Geld und Zeit dabei, als die Lumperei werth ist.«
»Und wo sich Herr Boslaw früher aufgehalten hat, davon wissen Sie gar nichts?«
»Nein, ich bin auch nicht neugierig danach und weiß nur so viel, daß wir ihn hier nicht wieder zu sehen bekommen werden.«
Es war aus dem Mann nichts weiter heraus zu bekommen, und Jeremias begann einzusehen, daß er sich seine Winterreise nach Prag hätte sparen können, denn hier, an Ort und Stelle, erfuhr er nur einzig und allein die Bestätigung dessen, was sie schon in Haßburg über den Aufenthalt des Menschen in Prag gehört.
Und sollte er noch länger hier bleiben? Er wäre am liebsten gleich zurückgekehrt, aber dem Grafen Rottack lag die Sache so am Herzen, die liebe junge Gräfin hatte ihn so darum gebeten; er mußte jedenfalls noch ein paar Tage zugeben; möglich ja doch, daß er noch irgend Jemanden traf, der ihn auf eine bessere Spur bringen konnte. Er wollte es jedenfalls versuchen, denn er haßte nichts mehr, als so ganz nutz- und erfolglos in der Welt herumgefahren zu sein.
Nur allein von den Schauspielern selber konnte er aber hoffen, irgend etwas über diesen vermeintlichen Handor oder seine früheren Verhältnisse zu erfahren; er studirte deshalb einige Theaterzettel durch, um keinen zu übergehen, schlug die Wohnungen auf und trat dann seine Wanderung an, die ihn allerdings mit einigen sehr interessanten Persönlichkeiten zusammenbrachte, sonst aber auch nicht den geringsten Erfolg hatte. Einige behaupteten allerdings, jener Boslaw sei ihnen bekannt vorgekommen und jedenfalls ein routinirter Schauspieler, sein jetziger Name ihnen aber gänzlich fremd, und da er nie mit irgend Jemandem von ihnen, ausgenommen auf der einen Probe, verkehrt, habe man sich auch nicht weiter um ihn bekümmert.
Das war das nämliche Resultat überall, wohin er kam, bei den Herren wie bei den Damen, und die letzteren besonders verwahrten sich gleich von vornherein gegen die Möglichkeit, auch nur den entferntesten Umgang mit einem solchen »Paar« gehabt zu haben, wie jener Herr und Frau Boslaw.
Jeremias wurde dadurch immer unsicherer und zuletzt ganz fest überzeugt, daß er hier auf einer vollkommen falschen Fährte herumsuche, denn Handor selber – was er früher von ihm gesehen – hatte sich immer sehr anständig benommen, und seine junge Frau, die liebenswürdige Comtesse Paula, hätte ja alle Herzen im Sturm erobern müssen. Boslaw und Handor mußten also ganz entschieden zwei total verschiedene Persönlichkeiten sein, und unter solchen Umständen blieb es dann allerdings das Beste, nur wieder ruhig nach Haßburg zurückzukehren und von dort aus zu sehen, ob man nicht eine bessere Spur bekommen könne.
Einmal mit diesem Entschluß im Reinen und in dem vollen Bewußtsein, in dieser fremden Stadt sein Möglichstes gethan zu haben, um das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen, packte er auch seinen Koffer wieder, zahlte seine Rechnung und ging hinaus auf den Bahnhof, um sein Billet zu lösen.
Das Wetter war bitter kalt, aber die Sonne schien hell und klar auf den knisternden Schnee nieder, und eine Menge Leute waren unterwegs, um den freundlichen Tag zu einem Spaziergang zu benutzen. Geputzte Menschen schritten überall an ihm vorüber oder er überholte sie; aber was kümmerten ihn die Fremden, er kannte doch keinen von ihnen, und eilte nur, ohne sich weiter umzusehen, dem Hausknecht nach, der in einem halben Trab, mit seinem Koffer aus der Schulter, vor ihm her lief.
»Herr Stelzhammer!« schrie ihm da plötzlich Jemand so laut und so nahe in die Ohren, daß er ordentlich zusammenfuhr und sich bestürzt umsah. Dicht neben ihm stand aber ein kleiner, schmächtiger Herr, etwas schäbig gekleidet, mit einer langen italienischen Cigarre im Munde, der ihn ganz erstaunt zu betrachten schien. »Ja, wo zum Teufel kommen S i e denn her?«
Jeremias würde das ausdruckslose Gesicht im Leben nicht wieder erkannt haben, wäre er nicht durch das unmäßige Schreien des Mannes an die Persönlichkeit erinnert worden.
»Herr Du meine Güte,« rief er aus, »habe ich nicht das Vergnügen, mit Herrn Mauser...?«
»Na versteht sich – kennen Sie mich noch?«
»Heh, Hausknecht! Heh, holla!« schrie Jeremias indessen hinter dem davongelaufenen Burschen her. »Entschuldigen Sie einen Augenblick, ich bin gleich wieder da – ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen!« Und wie ein Pfeil schoß er hinter dem vorangegangenen Hausknecht her, um diesen mit seinen Sachen wieder zurück in das Hotel zu dirigiren.
Mauser blieb indessen ordentlich verblüfft mitten auf der Straße stehen. Der kleine Fremde aus Haßburg hatte i h m etwas Wichtiges zu sagen und brannte dabei durch, als ob er vor der Polizei davonliefe! Er sah ihm kopfschüttelnd nach und überdachte sich eben, was möglicher Weise die Ursache eines so wunderlichen Betragens sein könnte, als Jeremias mit dem glücklich eingeholten Hausknecht, dem er schon unterwegs seine Ordre gegeben, zurückkehrte, sich um diesen auch gar nicht weiter kümmerte, sondern ohne Umstände den Souffleur unter den Arm faßte und zu ihm sagte:
»Herr Mauser, Sie haben einen schmählichen Durst, wie? Hab' ich nicht Recht? Man sieht's Ihnen an, einen Durst, der unter Brüdern fünf Gulden werth ist und den es Sünde wäre, mit Wasser zu löschen. Sie sind doch kein Kostverächter?«
»Bitte,« schrie Mauser, »nie im Leben gewesen, und habe auch wissentlich nichts gethan, um einen solchen Verdacht zu rechtfertigen.«
»Schön, dann kommen Sie mit mir,« rief Jeremias, »oder wenn Sie einen Platz wissen, wo vorzüglicher Wein zu haben ist – denn das hiesige Bier soll der Teufel holen, wann er Lust hat –, so führen Sie mich, daß wir ein halbes Stündchen mit einander plaudern können.«
»Trinken Sie gern Ungarwein?« fragte Mauser, dem das Wasser schon im Munde zusammenlief.
»Leidenschaftlich.«
»Brav, dann kommen Sie, dann bringe ich Sie zu einem Platz, an dem Sie ein Glas Adelsberger kosten sollen, nach dem Sie alle zehn Finger lecken – bildlich gesprochen, natürlich.«
»Guter Mensch,« sagte Jeremias gerührt, während sich die Vorbeikommenden schon um die Beiden sammelten, weil sie glaubten, es beginne dort eine Prügelei, so furchtbar schrie Mauser. Jeremias faßte ihn aber ohne Weiteres unter den Arm, und da ihm Mauser die Richtung bezeichnete, schritten sie zusammen über die Brücke und betraten bald darauf eins jener alten Schenklocale mit gewölbten, kellerartigen Räumen, wie sie sich in vielen alten Städten, besonders aber in Österreich finden, wo dann ein höchst mittelmäßiges Bier, aber ein ganz ausgezeichneter Wein verzapft wird.
Dort, Jeder vor der Hand mit einem Seidel wackern Adelsberger vor sich, saßen die Beiden, und Jeremias ergab sich jetzt in das Unvermeidliche, von seinem Gefährten halb taub geschrieen zu werden, nur um aus ihm heraus zu bekommen, was er wußte. Glücklicher Weise befanden sich aber in diesem Augenblick gar keine Gäste weiter in dem niedern, halbdunkeln Raum, denn zum Abendbier war es noch zu früh und das schöne, klare Wetter hatte sie alle in's Freie hinausgelockt.
Jeremias brauchte mit seiner Sache nicht hinter dem Berg zu halten, und nachdem er vor allen Dingen Mauser's Neugierde in Betreff Haßburger Neuigkeiten befriedigt hatte, erzählte er ihm geradezu, weshalb er hierher gekommen sei, und sich so gefreut habe, ihn anzutreffen. War also jener Boslaw wirklich der vermuthete Handor?
»Na, versteht sich,« schrie Mauser, wie Jeremias nur die beiden Namen zusammen nannte. »Ich sage Ihnen, mein lieber Herr Stelzhammer, der Musjö kriegte keinen schlechten Schreck, wie er mich hier als Souffleur fand, denn davon hatte er keine Ahnung, und ich mußte ihm in die Hand versprechen, Keinem vom hiesigen Personal seinen wirklichen Namen zu verrathen. Er habe, wie er meinte, seine Gründe, hier nicht gekannt zu sein, und darin log er gewiß nicht. Ich versprach's ihm auch, und hab's bis jetzt gehalten; wenn Sie aber apart deshalb hierher gereist kommen, so sehe ich nicht ein, weshalb ich's Ihnen verheimlichen soll. Was schert mich der Musjö Handor oder seine saubere Mamsell!«
»Aber das konnte doch unmöglich die junge Comtesse Monford sein! Heh, Mamsell, bitte noch um ein paar frische Seidel für uns; der Wein ist wirklich ausgezeichnet.«
»Freut mi, daß er Ihna schmeckt,« sagte das dralle Schenkmädel und nahm die leeren Seidelflaschen mit fort.
»Die? Bah!« rief der Mauser, der dem Mädchen freundlich zugenickt hatte. »Gott bewahre, wenn sie auch jetzt ihre Brillanten trägt. Das arme Geschöpf hat er ja schon lange sitzen lassen, weil sie krank und elend wurde.«
»Sitzen lassen?« rief Jeremias, fast von seinem Stuhl emporfahrend.
»Ih versteht sich, das war doch klar, daß er sich mit der nicht lange herumschleppen würde. 's ist ein gewissenloser Halunke.«
»Aber w o , um Gottes willen, bester Mauser? Wissen Sie nicht, wo sie zu finden ist? Gerade ihretwegen bin ich ja hier, was schert mich der Schuft, der Handor!«
»So?« sagte Mauser. »Ja, ob sie noch jetzt da sitzt, weiß ich nicht, vor zwei Monaten aber traf ich sie zufällig in einem kleinen, erbärmlichen Dorf, ein paar Meilen von hier: Hrzib.
»Wohl bekomm's Ihnen!« sagte Jeremias. »Und wissen Sie nicht, wie das Dorf hieß?«
Mauser sah ihn erstaunt an. »Ich nannte es Ihnen ja eben: Hrzib.«
»Wie?« rief Jeremias verblüfft.
»Hrzib!« wiederholte noch einmal Mauser mit einem ganz entschiedenen Kopfschleudern.
»Du meine Güte,« sagte Jeremias, »ich glaubte vorhin, Sie hätten geniest!«
»Ja, Sie müssen auch niesen, wenn Sie's aussprechen wollen,« versicherte Mauser; »ganz verfluchte Namen, die böhmischen, die Zunge geht Einem ordentlich entzwei.«
»Und wie weit von hier liegt das Dorf?«
»Ach, mit der Eisenbahn kommen Sie bald hin; aber garantiren kann ich Ihnen nicht, daß sie noch dort ist. Sie war damals krank im Wirthshause; ich sah sie in der Gaststube und hätte sie auch gern angeredet, aber sie zog sich so furchtsam vor mir zurück, daß sie mir leid that, und ich dachte mir auch, daß es ihr gerade nicht angenehm sein könnte, Jemanden aus Haßburg zu begegnen.«
»Und wie kommt man am besten dorthin?«
»Wie Sie hinkommen? Sie fahren bis Podiebrad mit der Bahn und nehmen sich dort einen Wagen oder Schlitten. Wo logiren Sie denn hier?«
»Im Schwarzen Roß.«
»Donnerwetter, Sie geben's fein; aber der Wirth dort kann Ihnen genau die Route beschreiben. Ich fürchte, Sie machen eine Metzgerfahrt, denn ich kann mir nicht denken, daß sich das arme Weibchen in dem Nest zwei Monate aufgehalten hat.«
»Und ihr Mann war damals bei ihr?«
»Gott bewahre, der bummelte in der Welt herum. Wie mir die Wirthsleute sagten, hatte er sie dort gelassen und versprochen, gleich zurückzukehren, war aber schon vierzehn Tage fort, und wie er jetzt hierher kam, trieb er sich mit einem so gemeinen Geschöpf herum – pfui Teufel!«
»Aber Sie nannten doch dort ihren Namen, daß die Leute in ihre Heimath schreiben konnten?« rief Jeremias.
»Wo's mich nicht juckt, kratz' ich mich nicht,« sagte Mauser; »wenn sie das wollte, konnte sie's selber thun. Werde mich hüten und mich in Familien-Angelegenheiten mischen – einmal gemacht, und nicht wieder.«
»Ob man wohl noch heut Abend hinkommen könnte?« sagte Jeremias, der keine Ruhe mehr hatte.
»Sie sind wohl toll!« rief Mauser; »es dämmert schon und die Nächte sind stockdunkel. Wenn Sie Nachts von Podiebrad fort wollten und bei dem Schnee vom Wege abkämen, könnten Sie Hals und Beine brechen. Wollen Sie absolut nachsehen, so fahren Sie morgen früh mit Tagesanbruch weg; nachher haben Sie den ganzen Tag vor sich. 's wird doch ein vergebener Gang sein, denn sie ist nicht mehr dort.«
»Und in welchem Wirthshause war sie?«
»In welchem? Glauben Sie, daß in dem Nest mehr wie eins ist? Ne, da können Sie nicht irre gehen.«
»Aber den Namen von dem verwünschten Ort behalt' ich in meinem Leben nicht. Wie hieß er?«
»Hrzib; na warten Sie, ich gehe nachher mit Ihnen in Ihr Hotel und beschreib' es dem Wirth selber. Das wird das Gescheidteste sein – wie?«
»Sie sind ein Goldmann, Herr Mauser; ich weiß nicht, wie ich es Ihnen danken soll.«
»Bitte,« schrie Mauser; »trinken wir noch ein Seidel?«
»Sechs, wenn Sie wollen,« rief Jeremias, »da ich heut Abend doch nicht mehr fahren kann; denn ich glaube selber, es ist am besten, ich warte bis morgen früh.«
»Denken Sie nur gar nicht daran.«
»Dann sind Sie auch heut Abend mein Gast, und Sie haben sich noch außerdem eine sehr wackere Familie zum höchsten Dank verpflichtet.«
»Reden wir nur gar nicht mehr davon,« schrie Mauser, äußerst vergnügt über die Aussicht eines fidelen Abends; »famoser Zufall, daß wir uns hier getroffen haben, und – Apropos, wie geht es denn Fräulein Bassini, Ihrer Fräulein Schwägerin? Sie soll leben, Herr Stelzhammer, Sie soll, hol' mich der Teufel, leben!«
Jeremias fand, daß dem kleinen Mann der starke Wein etwas zu Kopf gestiegen war, und da jetzt auch schon mit anbrechendem Abend einzelne Gäste eintrafen, schlug er ihm vor, noch einen kurzen Spaziergang zu machen und dann im »Schwarzen Roß« zu soupiren.
Das war nicht abzuschlagen, und Jeremias brachte später den kleinen fidelen Souffleur – der glücklicher Weise heut Abend nicht zu souffliren hatte, oder es wäre um das Stück geschehen gewesen – auf seine eigene Stube, wo sie bei einem delicaten Abendbrod und noch delicateren Weinen so lange zusammen saßen, bis Mauser selber erklärte, heute fände er den Heimweg nicht mehr, so viel sei sicher, und morgen früh würde ihn der Nachtwächter wohl halb oder dreiviertel erfroren an irgend einer Straßenecke treffen.
Dem wollte ihn Jeremias doch nicht aussetzen, ließ ihm also ein Zimmer im Hotel geben, brachte ihn selber zu Bett, und traf dann seine Vorbereitungen, um am nächsten Morgen mit dem Frühzug nach Podiebrad und von da ohne Säumen nach jenem bezeichneten Dorf mit dem entsetzlichen Namen hinüber zu fahren.
Am liebsten hätte er freilich gleich noch heut Abend nach Haßburg hinüber telegraphirt, daß er eine Spur gefunden habe und ihr jetzt folgen wolle, um Rottacks wenigstens einige Hoffnung zu machen. War aber das junge, unglückliche Wesen nicht mehr in jenem kleinen Nest und verlor er dort wieder ihre Spur – was dann? Es blieb immer besser, erst dort an Ort und Stelle seine Nachforschungen zu beginnen, was er auch mit der größten Sicherheit thun durfte, denn wenn er die Comtesse auch schon in Haßburg gesehen hatte, ihn kannte sie auf keinen Fall, selbst wenn er auch seinen Namen nannte.
Beim Portier ließ er jetzt nur noch auf die Tafel schreiben, daß er zur rechten Zeit geweckt sein wolle, und legte sich dann mit dem beruhigenden Bewußtsein schlafen, doch jetzt ein bestimmtes Ziel zu haben, dem er nachfahren könne, und nicht mehr länger in der Irre umhersuchen zu müssen.
Jeremias hatte am vorigen Abend wie Mauser ganz tüchtig gebechert, aber der kleine Mann konnte auch eine ordentliche Portion vertragen, und um halb sechs Uhr am nächsten Morgen saß er schon fertig angezogen und reisebereit vor seinem Kaffee, und unten klingelten auch gleich darauf die mit tönenden Schellen behangenen Pferde, als der Kutscher aus dem Thorweg heraus und vor das Haus fuhr, um dort seinen Passagier zu erwarten und nach dem Bahnhof zu bringen.
Und der Wind pfiff nicht schlecht am Fluß herauf, der Himmel hatte sich dabei umzogen, und es fing an gefrorenen Regen herunter zu werfen, der, wo er in's Gesicht traf, wie Nadeln stach. Aber was half's; der Weg mußte zurückgelegt werden, und mit einer Anzahl wollener Decken versehen, die er sich vom Wirthe geborgt hatte, um nachher von Podiebrad Fuhrgelegenheit zu nehmen und ordentlich eingepackt zu sein, warf er sich in sein Coupé und sah mit Ungeduld der Zeit entgegen, die ihm Gewißheit über die Gesuchte bringen sollte.
In Podiebrad hatte es auch keine Schwierigkeit, ein Fuhrwerk nach jenem Dorfe, dessen Namen er deutlich geschrieben auf einem Zettel bei sich trug, zu finden, und gegen Mittag etwa erreichte er den kleinen Ort und hielt bald darauf vor der Schenke – einem traurigen, wüsten Aufenthalt.
Und hier sollte er die junge, an jede Bequemlichkeit von Jugend auf gewöhnte Comtesse finden? Er schauderte ordentlich, als er sich die Möglichkeit dachte, daß sie hier Monate lang allein und freundlos gehaust habe. Das war auch gar nicht möglich, und er fürchtete jetzt fast ebenso, ihr hier zu begegnen, wie er sich früher danach gesehnt hatte, sie anzutreffen.
»Und was mache ich mit den Pferden, Herr?« fragte der Kutscher, als Jeremias vor der Schenke aus dem Schlitten stieg.
»Stellt sie ein, Freund,« lautete die Antwort, »ein Stall wird doch hier zu finden sein. Ich bleibe wahrscheinlich ein paar Stunden hier und fahre dann wieder zurück.«
Damit trat er in das Haus und in die niedere, furchtbar geheizte Gaststube, aus der ihm aber ein widerlicher Dunst entgegen schlug, daß er ordentlich erschreckt einen Moment in der Thür stehen blieb, um seine Lunge erst an diese Atmosphäre zu gewöhnen.
Gäste waren nicht im Zimmer, einen Fuhrknecht ausgenommen, der am Tisch saß, ein großes Glas Branntwein vor sich hatte und aus einer kurzen, schmutzigen Pfeife Wolken stinkenden Tabaksqualms ausstieß. Jeremias war in Brasilien gerade nicht mit sehr vorzüglichem Tabak verwöhnt worden, der hier roch ihm aber doch außer dem Spaß. Aber was half es; es mußte ertragen werden, und mit einem freundlichen Gruß gegen den Mann, der ihm nur kurz zunickte, wandte er sich an ein weibliches Individuum, möglicher Weise die Wirthin oder auch vielleicht eine Dienstmagd, die aber von Schmutz starrte, und fragte sie, ob hier im Hause eine Dame seit einiger Zeit logire.
Die Antwort, welche er bekam, war böhmisch; das Frauenzimmer verstand kein Wort Deutsch und zeigte nur dabei auf den Fuhrknecht, der ihr wahrscheinlich als Dolmetscher dienen sollte.
Er wandte sich jetzt an diesen und wiederholte seine Frage, bekam aber auch keine Antwort, denn der Mann unterhielt sich jetzt erst eine ganze Weile mit der Frau in einem Kauderwälsch, von dem Jeremias natürlich keine Sterbenssilbe verstand. Endlich drehte er wieder den Kopf nach ihm herum.
»Wen suchen Sie?« sagte er allerdings auf Deutsch, aber so gebrochen, daß Jeremias genau aufpassen mußte, wenn er die Worte verstehen wollte.
»Eine Dame,« sagte Jeremias, »die vor etwa zwei oder drei Monaten in dieses Dorf gekommen und allein hier geblieben ist.«
»Eine Dame?« wiederholte der Mann erstaunt und mit dem Kopf schüttelnd. »Was sollte die hier machen?«
»Ein junges Frauenzimmer,« lenkte Jeremias ein, der daran dachte, daß der Bursche unter Dame vielleicht etwas ganz Anderes verstand.
»Ja so!« rief der Fuhrknecht, und jetzt begann wieder ein langes Gespräch mit dem Weib hinter dem Ofen, das beschäftigt war, ein paar Suppennäpfe auszuwischen. Jeremias wartete auch geduldig seine Zeit ab, um die Beiden nicht zu stören.
»Sie kam mit einem Manne?« fragte endlich der Fuhrknecht wieder, und Jeremias nickte nur.
»Und der Mann ging nachher fort und kam nicht wieder?«
»Dieselbe. Ist sie noch hier im Hause?«
Der Fuhrknecht schüttelte mit dem Kopf. »Nein, die ist lange fort.«
»Fort? Aber wohin?« rief der kleine Mann in Verzweiflung. »Kann mir denn Niemand sagen, wo sie sich jetzt aufhält?«
»Bei Blshrad.«
»Herr Gott, wieder so ein Name!« stöhnte Jeremias. »Aber wo liegt das?«
»Wo das liegt?« sagte der Mann erstaunt.
»Ich meine, ob es weit von hier ist?«
»Ne,« sagte der Bursche.
»Aber wie komm' ich hin?«
»Wie Sie hinkommen? Na, ganz leicht; grad' über die Straße hinüber, das vierte oder fünfte Haus links.«
»Hier im Ort?« rief Jeremias und fuhr mit Blitzesschnelle von seinem Sitz empor.
»Nu ja, versteht sich,« nickte der Mann; »das Weibsen hatte kein Geld mehr, und der Wirth hier, mit nur einer ordentlichen Stube im Hause, wo sich Fremde unterbringen ließen, konnte die doch nicht Jemandem lassen, der nicht einmal mehr dafür bezahlte. Es war aber auch zu kalt, um sie auf die Straße zu setzen; sie wäre draußen erfroren, und da ist sie derweil bei Blshrads untergebracht.«
Die Frau fuhr aber wieder dazwischen und redete auf den Fuhrknecht ein, während dieser ihr beifällig zunickte.
»Was sagt sie?« fragte Jeremias.
»Wenn Ihr zu dem kranken Weibsen gehörtet,« meint sie, »so solltet Ihr auch das zahlen, was sie hier noch schuldig ist, denn die paar Lumpen, welche sie zurückbehalten hätte, wären nicht die Hälfte werth.«
»Oh Du mein großer Gott,« seufzte Jeremias vor sich hin, »zu welch' erschrecklichem Elend bin ich da gekommen!«
»Und wollen Sie's zahlen?« fragte der Mann.
»Ja, Alles – gewiß!« rief Jeremias in furchtbarer Aufregung; »führen Sie mich nur hinüber. – Hier, guter Mann, hier haben Sie Geld, kommen Sie mit hinüber und zeigen Sie mir das Haus; ich möchte keinen Augenblick mehr versäumen. Oh das arme, unglückliche Geschöpf!«