Eine Mutter

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 22 von 36

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Eine Mutter

20. Hamlet, Prinz von Dänemark.

20.

Hamlet, Prinz von Dänemark.

Director Krüger, den wir verlassen haben, als er im Conversationszimmer von all' der Angst und Aufregung wie gerädert zusammenknickte, sollte aber noch nicht zu Ruhe kommen, denn wieder mußte das Orchester Nachricht haben, was es jetzt spielen sollte, da es den Trauermarsch doch nicht noch einmal beginnen konnte. Außerdem kam Fräulein Bellachini eben, von rauschendem Applaus und einer erneuten Blumensalve verfolgt, athemlos und erhitzt, aber mit einem ganz seligen Gesicht in das Conversationszimmer und warf dem Director lachend einen Blumenregen vor die Füße. Der mußte er etwas Angenehmes sagen, sonst gab sie ihm das zehnfach in allerlei Ärgerniß wieder zurück, denn genau so stolz wie eine Sängerin auf ihre Kehle, ist eine Tänzerin natürlich auf ihre Füße.

»Mein liebes, verehrtes Fräulein,« sagte er, sich mit einem innerlichen Seufzer von dem Sopha emporrichtend, »Sie haben getanzt wie ein junger Gott, wie eine Sylphide, eine Bajadere, eine Triade oder Gott weiß, wie die Dinger heißen – Sie haben getanzt wirklich zum – zum Küssen. – Erlauben Sie, daß ich Ihnen im Namen Deutschlands um den Hals falle...

»Mein bester Herr Director...«

Der Director fiel; während er sie aber etwas tragisch umarmte, sah er an der Thür Sulzer stehen und rief zugleich aus:

»Schicken Sie doch zum Donnerwetter zum Kapellmeister, daß er irgend etwas Schwermüthiges spielt – aber kurz! – Ist denn der Rebe fertig?«

»Er läßt eben sagen, es könne angehen.«

»Mein liebes Fräulein, der Erbprinz wird entzückt sein,« sagte Krüger, sie bei Seite schiebend. – »Jetzt müssen Sie aber hinaus, Sulzer, und die Veränderung anzeigen.«

»Mit der Krone?«

»Meinetwegen mit dem Reichsapfel – das ist ja alles Ein Deubel! Haben Sie in's Orchester geschickt?«

»Ja – was soll ich denn anzeigen?«

»Sagen Sie nichts von Rebe!« rief Krüger rasch – »wegen plötzlich eingetretener Heiserkeit des Herrn Handor hätte eins der Mitglieder die Rolle des Hamlet gleich und ohne Vorbereitung übernommen – Direction bäte um Nachsicht.«

»Soll ich Meier's dicken Backen auch gleich anzeigen?«

»Den werden sie selber sehen – na, wenn das heut Abend gut geht...«

»Wär' es nicht eigentlich passend, Herr Director, wenn Sie selber vorher hinauf in die Loge zum Erbprinzen gingen und ihm...«

»Mit meiner großcarrirten Hose?« rief Krüger, »auf die mir noch der Esel, der Schulze, vorher die Lampe gegossen hat? Sehen Sie einmal den Ölflecken – machen Sie, daß Sie hinauskommen!«

»Da fängt die Ouvertüre schon wieder an.«

»Na, dann warten Sie, bis sie fertig ist – nachher aber gleich – der Vorhang braucht gar nicht wieder zu fallen – Sie gehen nur ab.«

Es war jetzt in der That weiter nichts zu thun. Unten im Orchester spielten sie eins jener monotonen Stücke, die gewöhnlich in Schauspielen die Zwischenacte ausfüllen und nichts sind, als ein musikalisches Geräusch, bei dem sich das Publikum ungestört unterhalten kann, und Aus- und Eingehende die Thüren werfen.

»Ist denn Rebe n o c h nicht unten?« fragte der Director ungeduldig – »wenn wir jetzt noch einmal eine Pause machen müssen...«

»Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Director,« sagte aber dieser selber, indem er in vollem Costüm auf seinen Chef zutrat.

Er hatte die vorher aufgetragene Schminke abgenommen und sah eigentlich bei Lampenlicht geisterhaft bleich aus – aber zu der Rolle paßte es. Das Costüm saß seiner schlanken, edlen Gestalt ebenfalls wie angegossen, und Krüger sah ihn ordentlich überrascht an.

»Und Sie haben wirklich noch Courage?«

»Sie sehen mich vollständig bereit, meinen Platz auszufüllen.«

»Na, Gott gebe seinen Segen dazu – Sie haben es selber gewollt.«

Die Musik schwieg; Sulzer gab das Zeichen zum Aufziehen des Vorhanges und trat dann rasch hinaus.

»Wer da?« schrie ihm Mauser aus dem Souffleurkasten, als ersten Ausruf Bernardo's, entgegen, denn er hatte mit Schmerzen auf den Beginn gewartet und glaubte natürlich, es sollte jetzt losgehen. Sulzer stutzte, und im Parket, wo man den Ruf deutlich gehört hatte, lachten Einige. König Claudius sammelte sich aber rasch wieder, und vortretend und zuerst den Erbprinzen, dann das Publikum mit einer ehrerbietigen Verbeugung begrüßend, brachte er die Anzeige der stattfindenden Veränderung.

Das Publikum nahm dieselbe ruhig hin, und nur ein leises Flüstern lief durch's Parterre, denn kein Name war genannt und Niemand wußte, wer jetzt den Hamlet spielen solle. König Claudius ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen ein, und Mauser selber unten im Souffleurkasten war in der äußersten Spannung, wer von Allen die Hauptrolle im Stücke so rasch übernommen haben konnte, daß er selber keine Ahnung davon hatte.

König Claudius aber war abgegangen. Aus der Coulisse trat der wachthabende Posten, Francisco, vor und schulterte seine Hellebarde, und Bernardo trat von der andern Seite auf.

Die erste Scene ging auch ruhig vorüber, und nur die Spannung des Publikums wurde mit der Verwandlung gesteigert.

Jetzt traten der König, die Königin, Hamlet, Polonius, Laertes und die Hofleute mit Gefolge auf, und Aller Augen hingen an dem Prinzen, aber jetzt nicht an dem Erbprinzen, sondern an dem von Dänemark, den man mit seinem bleichen Antlitz nicht einmal gleich erkannte. Aber plötzlich – Niemand wußte, woher er gekommen – flog der Ruf in einem hörbaren Zischeln durch das Theater:

»Rebe – Rebe spielt den Hamlet!«

Auf einer der vordersten Bänke saß Jeremias, der heute Rebe, wenn auch in einer kleinen Rolle, auf dem Zettel gefunden hatte und, ohne daheim etwas davon zu sagen, in's Theater gegangen war, um ihn selber einmal spielen zu sehen. War es überhaupt die letzte Rolle, in der er hier auftreten sollte. Sein Nachbar rief jetzt ebenfalls: »Rebe spielt den Hamlet!«, und es gab ihm einen ordentlichen Stich in's Herz, als er den Ausruf hörte.

»Rebe den Hamlet – na, wenn das gut geht!« stöhnte er, gleich dem Director – »was ist denn da vorgefallen und dem unseligen, verzweifelten Menschen in den Kopf gestiegen? Wenn er sich da blamirt – und natürlich wird er –, ist er für immer verloren!« – Jeremias wäre auch jetzt mit Vergnügen fortgegangen, denn er glaubte zu ahnen, was geschehen würde, und mochte das Elend nicht mit ansehen; aber es war unmöglich. Er saß gerade in der Mitte im Parquet, und die Sitze waren so eng, daß die ganze eine Reihe hätte aufstehen müssen, um ihn hinaus zu lassen, und was für Aufsehen würde das mitten im Act erregt haben! Er mußte schon bleiben, wo er war, und geduldig still halten. Was auch geschah, er konnte es doch nicht mehr ändern.

Und wie unbefangen der Mensch dabei aussah, und wie blaß aber auch! Während der König mit Polonius sprach, unterhielt er sich mit den Hofleuten, als ob ihn die ganze Geschichte gar nichts anginge. Im Hause selber herrschte dabei noch immer einige Unruhe, und das flüsterte und zischelte an allen Ecken und Enden. In dem Augenblick aber, wo sich der König an Hamlet wandte:

»Doch nun, mein Vetter Hamlet, und mein Sohn...«

herrschte Todtenstille, und man hätte ein Blatt Papier können fallen hören.

Hamlet sprach aber seine kurzen Sätze einfach und verständig, die ersten Worte nur noch etwas leise – er war noch zu befangen. Trotzdem verstand man jede Silbe, denn das Publikum wagte kaum zu athmen, und schon bei der Anrede an die Mutter:

»Scheint, gnäd'ge Frau? Nein – ist! Mir gilt kein Scheint...«

schien er seine ganze Fassung erlangt zu haben oder hatte vielmehr das Publikum so vergessen, daß er nur Auge und Ohr für seine Rolle hatte, und nach dem Abgange der Übrigen, bei den heftigen Worten:

»Zerschmölze doch dies allzu feste Fleisch,

Zerging' und löst' in einen Thau sich auf!

Oh, hätte nicht der Ew'ge sein Gebot

Gerichtet gegen Selbstmord! Gott, oh Gott,

Wie ekel, schal und flach, wie unersprießlich

Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt...«

sprach er sie mit einer solchen edlen und auch in keiner Bewegung übertriebenen Leidenschaft, daß der Director, der indessen hinter der Coulisse wie auf glühenden Kohlen stand, fast unwillkürlich in sich hineinmurmelte: »Gut, bei Gott, recht gut! Verfluchter Kerl, der Rebe, wenn er nur so fortführe! Am Ende käme er noch unausgepfiffen durch.«

Rebe schien aber nichts Derartiges zu fürchten, denn in der nächsten Scene mit Horatio, Bernardo und Marcellus benahm er sich mit so edlem Anstand und sprach, was er zu sprechen hatte, so durchaus im Geist der Rolle, daß das Staunen im Zuschauerraume wuchs, während er die Damen durch seine wie für den Hamlet geschaffene Gestalt schon halb gewonnen hatte. Aber trotzdem regte sich keine Hand, Alles saß lautlos und still, wie erwartungsvoll, daß plötzlich irgend etwas Außerordentliches geschehen solle, bis zu der Scene mit dem Geist, wo er diesem folgt und ihn endlich stellt.

Barthel war schauerlich als Geist. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß ein im Fegfeuer leidendes Gespenst, wenn es einmal über der Erde erscheine, auch seine dort unten erlittenen Qualen deutlich kund geben müsse, und wimmerte seine Rolle kläglich ab. Die Haßburger hatten sich aber an ihn gewöhnt; sie wußten es nicht anders, als daß der Geist wimmern muß, und nur die Fremden im Theater schüttelten mit dem Kopf, wagten aber kein Urtheil kund zu geben.

Desto besser war Rebe, der in dieser Scene ordentlich aus sich herausging, ohne aber eine einzige unnatürliche Bewegung zu machen oder im Geringsten stark aufzutragen. Das Grausen, das ihn erfaßte, als er den Geist erblickte, theilte sich dem Publikum mit, und wie der Geist mit dem »Ade, ade, gedenke mein!« abwimmerte und Hamlet in die Worte ausbrach:

»Oh Herr des Himmels! Erde! Was noch sonst?

Nenn' ich die Hölle mit? –«

hörte man hier und da einzelne leise Ausrufe von: »Gut! Recht brav!« Aber keine Hand rührte sich.

Der Erbprinz selber schien ganz ergriffen von dem Spiel und gab unwillkürlich wieder das vorher so gut eingeschlagene Zeichen zum Applaudiren, indem er die Fingerspitzen der weißen Glacéhandschuhe vorn zusammenbrachte – aber es half nichts.

Bei der Tänzerin war es etwas Anderes gewesen und diese eine berühmte Notabilität; sie mußte beklatscht werden, oder ganz Haßburg hätte sich blamirt. Ihren Rebe aber, den kannten sie besser als irgend jemand Anders, und da hinein ließen sie sich nicht reden, und wenn es vom Erbprinzen selber gewesen wäre.

Der Vorhang fiel, und schweigend wie das Grab saß das ganze Haus, bis plötzlich wieder das Zischeln und Flüstern begann und Einer dem Andern seine Bemerkungen leise mittheilte, oder erst vorsichtig dessen Ansichten hören wollte.

Jeremias athmete tief auf. Wie der Vorhang fiel, war ordentlich, als ob ein Alp von seiner Brust genommen wäre, in einer solchen, fast fieberhaften Spannung hatte er in den vorigen Scenen gesessen und zugesehen. Jetzt war es vorbei, er konnte wenigstens einmal wieder ordentlich Luft schöpfen, und ein eigenes, merkwürdiges Gefühl durchzuckte ihn, als er dabei die verschiedenen, aber fast sämmtlich günstigen Urtheile über den neuen Hamlet hörte.

»Na, nu seh' einmal ein Mensch an; wer hätte das dem Rebe zugetraut? Nicht gemuckst hat er bis jetzt, und gethan, als ob er nicht Drei zählen könnte, und nun rückt er auf einmal mit dem Hamlet heraus.«

»Na, aber der Handor hätt' ihn doch besser gespielt...«

»Nicht so viel, nicht die Probe; geschrieen hätt' er mehr, ja – aber der verfluchte Kerl sah ordentlich wie ein Prinz aus!«

»Ja, das war nichts,« sagte da ein Anderer, »die Scene mit dem Geist kann ein Jeder spielen, die spielt sich von selber – aber nachher wollen wir einmal sehen! Mein Hamlet wär's nicht.«

»Ach was, er macht's so gut er kann,« meinte Einer auf einer hintern Bank, »und wer weiß denn auch, wann er die Rolle übernommen hat? Der Handor steht ja noch auf dem Zettel.«

»Was nur dem heute fehlt?«

»Fehlen? Er hat wieder 'was zu viel – der Champagner wird heute gut geschmeckt haben!«

»Daß ihm nur noch Jemand 'was borgt! Mir ist er auch noch hundertfünfzig Thaler schuldig – das ist ein leichtfertiger Patron.«

»Da ist der Rebe ordentlicher, der bezahlt Alles, was er kauft.«

»Ja, aber er kauft nichts,« lachte ein kleiner dicker Mann; »der arme Teufel hat immer kein Geld...«

»Bst, es geht wieder an!« – Das Gespräch war abgeschnitten.

Oben auf der Bühne hatte indessen eine andere Scene gespielt, und kaum fiel der Vorhang, als der Director, ordentlich verlegen, auf Rebe zukam und, sich die Hände reibend, sagte:

»Nun, Herr Rebe, ich gratulire! Es – es geht ja recht gut. Ich – ich muß Ihnen gestehen, ich – habe das nicht erwartet.«

»Sie glaubten, ich würde durchfallen, Herr Director?«

»Aufrichtig gesagt, ja; das Schwierigste haben Sie freilich noch immer vor sich, aber bei einer so plötzlichen Übernahme einer Rolle ist das Publikum auch immer rücksichtsvoll genug, ein Auge zuzudrücken. Ich hoffe doch jetzt wenigstens, daß wir das Stück zu Ende bringen.«

»Woran Sie bis dahin gezweifelt haben. Es freut mich wenigstens, Herr Director, daß Sie, wenn ich morgen Haßburg verlasse, kein so hartes Urtheil über mich fällen werden, als das bisher vielleicht der Fall war. Ich habe Ihnen doch wenigstens bewiesen, daß ich nicht blos zum Stühlehinaustragen zu verwenden bin, und daß Sie mir die Rolle des Güldenstern mit recht gutem Gewissen hätten anvertrauen können.«

»Mein lieber Herr Rebe« (»lieber« Herr Rebe hatte er ihn noch nie genannt), sagte der Director wirklich etwas verlegen, »es – es thut mir in der Seele leid, daß wir es nicht früher einmal mit einer etwas bedeutenderen Rolle versucht haben! Halten Sie sich nur heut Abend tapfer; das Publikum ist noch merkwürdig still, aber verlieren Sie den Muth nicht, es geht doch vielleicht noch gut.«

»Mit ein klein wenig Nachsicht hoffe ich mein Versprechen zu lösen,« sagte Rebe; »aber das Orchester beginnt schon wieder. Entschuldigen Sie, Herr Director, ich komme nachher von der andern Seite, und möchte noch einen Blick in meine Rolle werfen.«

»Bitte, lassen Sie sich um Gottes willen nicht stören!«

Der Director war die übertriebene Höflichkeit. Er kannte sich selber nicht wieder, und Peters ging immer hinten auf dem Theater auf und ab und schüttelte mit dem Kopf. So etwas war ihm in seiner Praxis noch nicht vorgekommen.

Hinter der Scene stand Pfeffer als Todtengräber mit dem Geist.

»Wißt Ihr 'was Neues, Barthel?«

»Nichts, mein Prinz,« erwiderte Barthel mit den Worten des Güldenstern, »außer daß die Welt ehrlich geworden...«

»So will ich's Euch sagen,« rief Pfeffer, »in dem Rebe steckt ein Schauspieler!«

»Es brauchte kein Todtengräber vom Grabe herzukommen,« citirte Barthel weiter, nur mit einer Veränderung des Textes, »uns das zu sagen – aber was für einer, ist die Frage.«

»Ein tüchtiger, wackerer Schauspieler!« rief Pfeffer in Eifer. »Hol' mich der Teufel, der Handor reicht ihm das Wasser nicht in der Scene.«

»Bah,« sagte Barthel, der von der Schauspielkunst ganz eigene Ideen hatte, »er sprach den Hamlet etwa gerade so, als ob Sie oder ich einen Geist gesehen hätten und außer sich wären – von Kothurn keine Spur – man darf doch nie vergessen, daß man auf dem Theater ist!«

»Ich will Ihnen 'was sagen, Barthel,« meinte Pfeffer, »Sie sind ein Esel und verstehen vom Hamlet gerade so viel wie der Peters!«

»Ich will I h n e n 'was sagen, Pfeffer,« erwiderte Barthel, »wir sind gute Freunde, aber Sie brauchen deshalb nicht gleich so grob zu werden...«

»Ruhe da hinten, es geht an!« rief der Inspector aus der Coulisse heraus, und im nächsten Augenblick ging der Vorhang wieder in die Höhe.

In der zweiten Scene erregte der neugeworbene Güldenstern mit seinem dicken Backen einige Heiterkeit, denn der Regisseur hatte ihn nicht mit angemeldet; aber das Publikum beruhigte sich bald darüber, denn Meier, als welcher er bald erkannt wurde, war eine zu beliebte und allbekannte Persönlichkeit in der Stadt, für deren bestes Bier er als Orakel galt, als daß man ihn irgend hätte kränken mögen. Außerdem lag es auf der Hand, daß er nur aus Gefälligkeit in Rebe's Rolle eingetreten sei. Der Erbprinz lachte aber, daß er sich zurückbeugen und sein Gesicht mit dem Tuch bedecken mußte, und Meier warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

Der zweite Act ging wieder so ruhig vorüber, als der erste. Nicht einen einzigen Applaus bekam Hamlet, obgleich die Zuschauer doch bei Fräulein Bellachini bewiesen hatten, daß sie applaudiren konnten. Peters ging um den Director herum. –

»Herr Director!«

»Ja, Peters.«

»Der Rebe macht seine Sache gar nicht so schlecht; soll ich einmal wieder in's Parterre hinunter und vielleicht mit einer Kleinigkeit...« – er zeigte dabei seine zwei hornharten Fäuste.

»Um Gottes willen, Peters!« rief der Director erschreckt. »Rebe ist in dem Act viel schwächer, als im ersten – ein einziges verkehrtes Beifallszeichen, und der Teufel geht am Ende los! Wir wollen Gott danken, wenn wir die Sache ruhig zu Ende bringen!«

»Wie Sie meinen; manchmal hängt's aber nur an einer Kleinigkeit...«

»Ja wohl thut's das,« rief der Director, »und wir wollen es selber nicht muthwillig heraufbeschwören! Die Heidenangst, die ich heut Abend ausstehe, werde ich überhaupt im Leben nicht vergessen!«

Als der Vorhang fiel, regte sich Niemand. Selbst der Erbprinz hütete sich, einen zweiten Versuch zu machen, da der erste so gründlich mißglückt war. Rebe schien etwas befangen, denn die übrigen Schauspieler wichen ihm aus, aber er suchte seiner Furcht Herr zu werden.

Fräulein Bellachini tanzte wieder in diesem Zwischenact, und Rebe benutzte die Zeit, um indessen hinter der Bühne mit dem Laertes, einem jungen, ganz geschickten Schauspieler, die Zweikampf-Scene ein wenig einzuüben, da diese in der Ausführung besondere Schwierigkeiten hat und leicht lächerlich wird. Rebe selber wußte übrigens vortrefflich mit der Stoßwaffe umzugehen, und da sich sein Gegner auch alle Mühe damit gegeben hatte, ging es recht gut.

Jetzt kam der dritte Act – kam die Scene mit der Mutter, und Rebe entwickelte da eine so volle Kraft und schöne, edle Sprache, daß sich im Publikum immer mehr ein Gefühl zu regen begann, er habe doch am Ende wohl einen Beifall verdient, aber Jeder scheute sich den Anfang zu machen.

Die Scene spielte er durch, von Anfang bis zu Ende ganz vortrefflich, und todtenstill saß das Parterre dabei, denn der erste Rang hält es gewöhnlich für unter seiner Würde, zu applaudiren. Es greift auch die Glacéhandschuhe zu sehr an, und wie darf da der Schauspieler in Betracht kommen, der all' seine Kräfte darangesetzt hat, seiner Aufgabe zu genügen, und dem das Publikum durch nichts, nichts weiter auf der Welt lohnen kann, als augenblicklichen Beifall!

So kamen die letzten Worte:

»Nun, Mutter, gute Nacht – der Rathsherr da

Ist jetzt sehr still, geheim und ernst fürwahr,

Der sonst ein schelm'scher alter Schwätzer war.

Kommt, Herr – ich muß mit Euch ein Ende machen –

Gute Nacht, Mutter...«

Aber das letzte »Gute Nacht, Mutter« sprach er so ergreifend, so wunderbar wahr, daß dem kleinen Jeremias die Thränen in die Augen traten.

Und keine Hand regte sich. Jetzt aber hielt sich Jeremias nicht länger. Seine Handschuhe hatte er schon lange ausgezogen, um zu augenblicklichem Dienst bereit zu sein – jetzt hieb er ein, und wie der erste Schall durch das Haus flog, war es, als ob ein Zauber gebrochen wäre, der bis jetzt Alle befangen gehalten hätte.

Einen solchen Applaus hatte selber die berühmte Tänzerin nicht bekommen: das ganze Haus dröhnte förmlich vom Klatschen und Beifallssturm, in das der Erbprinz jetzt mit augenscheinlicher Freude und mit gutem Willen einstimmte.

»Rebe 'raus!« gellte da zwischendurch eine Stimme, und: »Rebe 'raus!« schrie das Publikum wie aus Einem Munde und als ob es das Versäumte jetzt mit Lärmen und Toben wieder nachholen wollte.

Der Vorhang stieg in die Höhe, aber Rebe kam nicht. Die Ungeduld wuchs, die Leute geberdeten sich wie toll und pochten, stampften, klatschten und schrieen: »'Raus, 'raus! Rebe, Hamlet, Hamlet! Rebe, 'raus, 'raus, 'raus!«

Ein schützender Engel waltet über Allem – Fräulein Rottenhöfer glaubte oder hoffte, ihren Namen mitzuhören.

»Aber, Herr Rebe, so kommen Sie doch, wir werden ja gerufen!«

»Aber, mein bestes Fräulein...«

»Sind Sie ein wunderlicher Heiliger! So kommen Sie doch!« und seine Hand ergreifend, zog sie den schüchternen Hamlet unter einem neuen Ausbruch von Jubel und Beifall auf die Bühne hinaus.

Rebe stand wie betäubt, und Pfeffer ging immer um ihn herum, als ob er ihn anreden wollte, änderte aber eben so oft seine Absicht wieder und machte fortwährend und in Gedanken vergebliche Versuche, seine Hände in die gewohnten Seitentaschen seines alten Rockes zu bringen. Das Costüm hatte leider keine.

Fräulein Bellachini zürnte. Sie war auch gerufen, aber nicht so, und beim zweiten Mal hatte man sogar – da es Peters nicht mehr für nöthig fand – ihren Tanz nicht einmal da capo verlangt.

»Sie schreien wie verrückt,« sagte sie, als sie sich in ihre Garderobe zurückzog; »ich bin froh, daß ich mich nur für diesen einen Abend engagirt habe.«

Jetzt war aber Bahn für Rebe gebrochen. Schon im vierten Act, bei den kleinen Scenen, wurde jede einigermaßen passende Stelle lebhaft applaudirt, und im fünften Act, in der Scene mit dem Todtengräber, brach der Sturm auf's Neue aus. Es war gut, daß Fräulein Bellachini das Theater verlassen hatte. Nicht enden wollte aber der Beifall in der Fechtscene, die auch wirklich vortrefflich von Beiden gegeben wurde, und als der Vorhang endlich zum Schlusse fiel, ging es von Frischem an.

Erst mußten Alle heraus, nur Meier mit seinem dicken Backen fehlte, und Fräulein Rottenhöfer erschien im Mantel und ohne Stroh in den Haaren. Dann wurde Rebe noch besonders gerufen, und wie der Vorhang kaum wieder herunter war, mußte er noch einmal heraus.

Etwas Derartiges war in Haßburg noch nicht geschehen, so lange die alte Stadt stand.

Jetzt endlich beruhigte sich der See – er hatte sein Opfer, und der Director wollte eben auf Rebe zugehen, um ihm seine Anerkennung auszusprechen, als der Hofmarschall aus der Loge des Erbprinzen auf die Bühne kam und den Director ersuchte, einen Augenblick zu dem gnädigsten Herrn heraufzukommen, der ihn zu sprechen wünsche.

»Mich? Heiland der Welt!« sagte Director Krüger erschreckt; »aber ich – ich bin ja nicht – entschuldigen Sie einen Augenblick!« und wie ein Wetter schoß er in das Conversationszimmer, wo er wild nach Peters schrie.

»Peters, Peters! Verfluchter Kerl, wo steckt der nur wieder?«

»Aber, Herr Director, hier bin ich ja – ich habe vor Verzückung auf Einem Bein gestanden!«

»Haben Sie meinen Frack mitgebracht? Ob ich es mir denn nicht immer dachte, daß noch ein Unglück passiren würde! Meinen Frack will ich – hören Sie denn nicht?«

»Aber da liegt er ja auf dem Sopha! Wo wollen Sie denn noch hin?«

»Zum Erbprinzen – er hat ja nach mir verlangt!«

»Mit dem Fettfleck?«

»Herr Du mein Gott, an den Fettfleck habe ich gar nicht gedacht! Oh, daß diesen Schulze der Teufel holte!«

»Glaube nur nicht, daß er unter den vielen Schulzes den richtigen findet,« meinte Peters. »Aber warum nehmen Sie nicht Herrn Rebe's dunkle Hosen? Er ist noch in der Garderobe.«

»Die sind mir ja um einen Fuß zu lang!«

»Krempeln wir auf,« sagte Peters.

»Es geht nicht mehr, er wartet!« ächzte der Director, der seinen alten Rock schon abgeworfen hatte und sich in den etwas engen Frack hineinzwängte – »wo ist mein Hut? Ich halte meinen Hut vor!«

»Da sieht der Fettfleck beinah' noch besser aus,« sagte Peters; »Sie haben den alten erwischt.«

»Na, dann kann's nichts mehr helfen; ein Unglück kommt nie allein, und wenn ich jetzt in Öl eingekocht wäre wie eine Sardine, warten kann ich ihn nicht länger lassen!«

»Das Schnupftuch hängt Ihnen hinten heraus,« sagte Peters.

Der Director steckte es in wilder Hast wieder ein, und sich unterwegs die in Unordnung gerathenen Haare ein wenig zurecht drückend, schoß er in voller Flucht zurück auf die Bühne, um sich dem übermäßig besternten und beordenten Hofmarschall zur Verfügung zu stellen.

Dieser führte ihn auch ohne Weiteres der fürstlichen Loge zu, und Krüger, etwa mit einem Gefühl wie ein Subalternbeamter, der vor einen Vorgesetzten citirt ist und die Gewißheit hat, einen tüchtigen Rüffel zu bekommen, folgte ihm so rasch er konnte.

Der Erbprinz erwartete ihn oben. Der Wagen stand schon lange unten, seiner harrend, aber er blieb trotzdem zurück und sah indessen zu, wie sich das Haus leerte.

»Herr Director Krüger, Königliche Hoheit.«

»Ah, lieber Director, es freut mich, Sie kennen zu lernen – ich bin Ihnen dankbar für Ihre Aufmerksamkeit!«

»Königliche Hoheit,« stotterte Krügen

»Heut Abend aber,« fuhr der Prinz fort, »bitte ich Sie, Ihrem Herrn Rebe in meinem Namen für den Genuß zu danken, den er mir durch sein vortreffliches Spiel bereitet hat. Er ist jetzt noch in Costüm, sonst hätte ich ihn selber heraufrufen lassen, und so ersuche ich Sie denn, ihm in meinem Namen diese Tuchnadel zu überreichen, die er mir zum Andenken tragen mag,« und mit den Worten nahm er seine eigene Brillantnadel aus der Cravatte und überreichte sie dem Director.

»Königliche Hoheit,« stammelte dieser wieder, »sind so gnädig...«

»Guten Abend, Herr Director, nochmals, ich bin Ihnen sehr dankbar!« und fort war er, und in einer solchen Aufregung befand sich der Director, daß er selbst seinen Fettfleck vergessen hatte, und in einem Zustand, von dem er sich selber später keine Rechenschaft ablegen konnte, zurück auf die jetzt leere und fast dunkle Bühne schoß. Er schüttelte dabei fortwährend mit dem Kopf und murmelte in einem fort: »Noch gar nicht dagewesen, noch gar nicht dagewesen!«

Rebe war noch in seiner Garderobe; Krüger folgte ihm dahin fast willenlos.

»Herr Rebe, der Erbprinz läßt Ihnen in meinem Namen sagen...«

»In Ihrem Namen, Herr Director?«

»In seinem Namen, wollte ich sagen, daß er Ihnen unendlich dankbar für den Genuß des heutigen Abends ist und Sie bittet, diese Tuchnadel – Mensch, Sie haben ein Heidenglück! – zu seinem Andenken zu tragen.«

»Herr Director!« sagte Rebe erschrocken.

»Es ist so, Rebe, bei Gott! Seine Königliche Hoheit war unendlich gnädig und hat sich bei mir auch bedankt.«

»In der That?«

»Rebe,« fuhr der Director gerührt fort, »ich habe Ihnen Unrecht gethan, Sie sind zurückgesetzt worden, ungerechter Weise zurückgesetzt worden – Sie hätten eigentlich besser beschäftigt werden müssen, und ich sehe ein, daß Ihnen Unrecht geschehen ist.«

»Herr Director,« sagte Rebe ruhig, »es freut mich wenigstens, daß Sie das noch im letzten Augenblick erkannt haben, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß das mein schönster Lohn heut Abend ist. Wir werden also wenigstens in Frieden und Freundschaft scheiden.«

»Wir wissen noch gar nicht, ob wir scheiden, Rebe,« platzte der Director heraus, »das wissen wir noch gar nicht! Kein Mensch weiß überhaupt, was am nächsten Tag geschieht, ja, an dem nämlichen, und wenn mir heute Morgen Jemand erklärt hätte, daß Sie heut Abend den Hamlet spielen würden, so...« er schwieg erschrocken still, weil er sich beinahe verschnappt hatte. Rebe aber fuhr lächelnd fort:

»Würden Sie ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt haben.«

»Lieber Herr Rebe, ich bitte Sie um Gottes willen...«

»Ich danke Ihnen für Ihre bessere Meinung heut Abend, Herr Director, aber Sie entschuldigen jetzt. Ich fühle mich doch etwas angegriffen und will machen, daß ich nach Hause komme.«

»Soll ich Ihnen vielleicht einen Wagen besorgen?«

Rebe lächelte. – »Tausend Dank, nein – ich wohne gar nicht so weit von hier und bin gewohnt, den Weg im schlechtesten Wetter zu Fuß zu gehen. Gute Nacht, Herr Director.«

»Gute Nacht, lieber Rebe, schlafen Sie recht wohl – Sie können heute auf Ihren Lorbeern ausruhen.«

Rebe knöpfte sich seinen Rock bis oben zu und verließ rasch die Garderobe. Unten an der Treppe ging ein Mann in einem braunen Überrock auf und ab – es war Pfeffer. Rebe wollte mit einem Gruß an ihm vorübergehen.

»Herr Rebe!« rief ihn Pfeffer an.

»Mein bester Herr Pfeffer...«

»Geben Sie mir Ihre Hand.«

Rebe schüttelte die dargebotene aus allen Kräften.

»Sie sind ein ganzer Kerl!« sagte Pfeffer, drehte sich ab und verschwand hinter einer der Coulissen.

Rebe verließ das Theater; er schöpfte tief und anhaltend Athem, als er die frische Nachtluft draußen erreichte. Es war ihm so leicht, so froh zu Sinn, er fühlte den Boden kaum, auf den er trat. Mit raschen Schritten eilte er nach Hause – Essen und Trinken? Er dachte gar nicht daran. Seine Glieder zitterten, seine ganze Gestalt bebte, und als er sein kleines, ärmliches Zimmer im vierten Stock erreichte, schob er den Riegel hinter sich zu, warf sich auf das Sopha, barg sein Gesicht in den Händen und weinte wie ein Kind.