Eine Mutter

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 29 von 36

PDF-Seiten

Eine Mutter

27. Die Recension.

27.

Die Recension.

Am nächsten Morgen um zehn Uhr ging Rebe wieder, wie verabredet, zum Director Krüger, um dort das Repertoire für die nächste Vorstellung mit ihm zu besprechen. Er traf den Director in einer nicht geringen Aufregung, und als er nur das Zimmer betrat, rief ihm dieser schon, mit der Hand auf den Tisch zeigend, entgegen:

»Sehen Sie, habe ich Ihnen das nicht vorausgesagt? Jetzt können Sie die Folgen Ihres Leichtsinns erkennen.«

»Aber, bester Herr Director!«

»Haben Sie das Stadtblatt von heute Morgen schon gelesen?«

»Nein, noch nicht.«

»Na, dann machen Sie sich einmal ein Vergnügen. Da liegt der Wisch auf dem Tisch; Strohwisch thut sein Äußerstes.«

»In der That?« lächelte Rebe, indem er das Blatt aufnahm und hineinsah. »Aber es wird dann auch das Äußerste sein, und er ist nachher fertig.«

»Der? Noch lange nicht, da kennen Sie den nicht. Aber lesen Sie nur – nein, bitte, laut. Ich habe nur einen Blick darauf geworfen, weil mich der Grimm packte. Es ist wirklich ein malitiöser Kerl!«

Rebe las: »Theater in Haßburg. Hamlet, Prinz von Dänemark. Zur Feier...«

»Das können Sie überschlagen,« unterbrach ihn der Director, »das ist blos die Einleitung, und die Geschichte haben wir selber mit durchgemacht. Gleich da unten geht's an: Wir sind uns einer Versäumniß bewußt...«

»Ah, da. »Wir sind uns einer Versäumniß bewußt, dem Publikum nicht schon gestern über das Stück berichtet zu haben; aber wir müssen gestehen, daß wir volle vierundzwanzig Stunden gebraucht haben, um uns von unserem Erstaunen über das Gesehene und Erlebte zu erholen. Herr Horatius Rebe den Hamlet – wenn wir es nicht selber mit gelitten und ertragen hätten, wir würden es jetzt noch nicht glauben und das Ganze für einen wüsten, unnatürlichen Traum halten. Aber leider ist es nur allzu wahr, und wir müssen die Thatsache constatiren, daß Herr Horatius Rebe allerdings vorgestern Abend den Hamlet, diesen dänischen Prinzen, auf eine Weise mißhandelt hat, die unserem Nationalgefühl nichts zu wünschen übrig ließ. Wir geben auch zu, daß ohne Herrn Horatius Rebe eine Störung in der Vorstellung stattgefunden haben würde, das heißt, die ganze Vorstellung wäre unmöglich geworden. Aber war das Publikum nicht zehntausendmal besser daran, wenn es sein Geld zurück, als diesen entsetzlichen Hamlet vorgesetzt erhalten?

»Was wir dabei nicht begreifen, ist die bodenlose Selbstüberschätzung dieses jungen »Künstlers«, der es wagen konnte, ohne zu erröthen – denn er sah blaß aus, daß wir eine Zeit lang im Zweifel waren, welches der Geist sei – dem urtheilsfähigen und feingebildeten Haßburger Publikum eine solche Qual zu bereiten. Die Noth entschuldigt dies keineswegs, denn er konnte sich doch unmöglich einbilden, die geistvolle Auffassung eines Handor uns ersetzt zu haben – also was sonst? Er hat nur eine Rolle hergesprochen, damit das Stück gegeben werden konnte – nur damit kein rechtlicher Grund vorhanden war, dem Publikum das Eintrittsgeld zurückzuzahlen.

»Wir haben die Gutmüthigkeit des Publikums bewundert, daß es sich das gefallen ließ und sogar dem Delinquenten noch applaudirte; es sollte ihm das vielleicht in etwas die Angst vergüten, die er gehabt. Nun, Gott sei Dank, der Abend ist auch überstanden und wird hoffentlich nicht wiederkehren.

Laß, Vater, genug sein des grausamen Spiels.

»Herr Horatius Rebe mag ein recht lieber, braver Mensch und ein guter Bürger sein, aber wir können es ihm Schwarz auf Weiß geben, daß er ein sehr mittelmäßiger Schauspieler ist. Sein Hamlet war der Beweis dafür: keine Idee einer höheren Auffassung, keine Faser von Genialität, kein Funke jenes göttlichen Feuers, das die der Kunst Geweihten auch durchdringen und sie und dadurch den Zuschauer elektrisiren muß.

»Das Einzige, was uns Herr Rebe an jenem Abend gezeigt, ist, daß er ein gutes Gedächtniß hat; möge er deshalb nie vergessen, daß er seine ruhmreiche Laufbahn wohl noch immer auf einer kleinen Winkelbühne Deutschlands fortsetzen kann, daß es aber dem Haßburger Publikum nicht zugemuthet werden darf, einen solchen Genuß zum zweiten Male zu leiden. Wir warnen die Direction wohlmeinend vor einem solchen Mißbrauch des Vertrauens und hoffen, daß diese milde Rüge genügt hat, Herrn Horatius Rebe dem hiesigen kunstsinnigen Publikum nicht mehr gefährlich zu machen.

F. S.«

 

»Nun, wie gefällt Ihnen das?« sagte Krüger, als Rebe die Epistel beendet hatte und das Blatt wieder lächelnd auf den Tisch zurücklegte.

»Und sorgt Sie das wirklich, was ein Strohwisch schmiert?« sagte er. »Ich kann mir doch nicht denken, daß es auch nur den geringsten Einfluß auf das Publikum selber haben könnte; also lassen Sie ihn schreiben. Notiz darf man ja doch von einem solchen Menschen micht nehmen.«

»Das sagen S i e , lieber Rebe,« rief der Director; »aber ich kenne die Welt und mein Publikum besser, und ich versichere Ihnen, der Artikel hat Sie hier zu Grunde gerichtet.«

»Und wollen Sie es trotzdem versuchen?«

»Ja, wollen S i e es denn versuchen?« rief Krüger erstaunt. »Mann Gottes, ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie bei Ihrem ersten Auftreten ausgepfiffen werden!«

»Ich habe keine Furcht, Herr Director,« sagte Rebe ruhig und entschlossen. »Mit solchen schmutzigen Waffen kann ich allerdings nicht kämpfen und werde es nicht, aber wir können jetzt gleich an mir die Probe machen, ob das Publikum wirklich ein Urtheil für sich selber hat, oder ob es sich von jedem lumpigen Literaten leiten und an der Nase herumführen läßt.«

»Ändern Sie einmal die Welt.«

»Ich will sie nicht ändern, ich will sie nur kennen lernen.«

»Na, das Vergnügen können Sie haben,« nickte Krüger; »so viel will ich Ihnen aber sagen, ich habe Sie im Voraus gewarnt. Ich riskire nichts dabei, denn ich bekomme jedenfalls ein volles Haus, und bin auch noch immer erbötig, Sie für einen vollen Monat zu engagiren, aber mit der Bedingung: fallen Sie beim ersten Auftreten gründlich durch, so ist unser Contract gelöst.«

»Und soll Herr Doctor Strohwisch das Urtheil sprechen?« lächelte Rebe.

»Nein,« rief der Director, »Sie selber, denn nach der nächsten Vorstellung bleiben wir nicht lange im Zweifel. Das Gute hat es jedenfalls, daß wir genau wissen, woran wir sind.«

»Gut, ich nehme es an,« nickte Rebe; »ich bin fest entschlossen, dieser Nichtswürdigkeit zu begegnen, und hoffe das Beste.«

»Hoffen, lieber Freund, hoffen ist gar nichts,« sagte der Director. »Aber wollen Sie wenigstens dieses Mal einen guten Rath annehmen?«

»Und welchen, Herr Director?«

»Sie haben den ersten nicht befolgt und, will ich recht ehrlich sein, vielleicht auch gut daran gethan. Ein solcher Mensch wie dieser Strohwisch und alle diese Art Leute ist nicht zu kaufen, sondern nur zu miethen, das heißt, mit Einer Zahlung können Sie sich ihrer nie versichern. Sie brauchen immer Geld und sind unersättlich. Aber wenn es Ihr Stolz auch nicht zuließ, jenen Burschen zu bestechen, so glaube ich, werden Sie doch nichts dagegen haben, seine Pläne zu kreuzen.«

»Wenn das auf ehrenvolle Weise geschehen kann.«

»Ehrenvolle Weise?« sagte der Director, den Kopf ungeduldig herüber und hinüber werfend. »Wenn mich ein unreines Thier anrennt, so sehe ich, daß ich ihm ausweichen kann, und jede Weise ist dabei ehrenvoll, denn Selbsterhaltung bleibt das Hauptgesetz in der Natur. – Ehrenvoll? Nennen Sie es etwa ehrenvoll, wenn Sie den Abend ausgepfiffen werden?«

»Wenn es ohne mein Verschulden und ungerecht geschieht.«

»Und wer fragt danach? Ich bitte Sie um tausend Gottes willen, lassen Sie doch nur die verfluchten Redensarten und werden Sie vernünftig – ohne mein Verschulden und unrecht! Lassen Sie Jemanden auf einen falschen Verdacht hin einstecken und ihm den Kopf herunterschlagen, glauben Sie, daß ihm das nachher eine Beruhigung sein kann, daß es ohne sein Verschulden und ungerecht geschah? Lauter Redensarten; hier haben wir es mit der Sache selber zu thun, und wenn Sie Alles geschickt anfangen, läßt sich dem Musjö doch noch am Ende ein Paroli bieten.«

»Aber wie?«

»Das will ich Ihnen sagen; Geld kostet die Geschichte, weiter nichts. Einige Dutzend Freibillets sollen Sie von mir haben, dann engagiren Sie noch eine Anzahl kräftiger Kerle, die...«

»Mein lieber Herr Director,« unterbrach ihn Rebe, »auf solche Spitzfindigkeiten verstehe ich mich nicht; da wäre ein Mittel, meiner Meinung nach, eben so niedrig wie das andere.«

»Aber die größten Künstler thun es!« rief der Director in Verzweiflung.

»Das mögen sie mit ihrem Gewissen ausmachen,« sagte Rebe ruhig; »ich habe vielleicht, wie ich Ihnen gern zugestehen will, ganz eigenthümliche Begriffe von Ehre, aber meine Meinung ist auch die, daß solche literarische Blutegel gar nicht existiren könnten und elend zu Grunde gehen müßten, wenn Alle so dächten wie ich. Von mir sollen sie wenigstens nie auch nur eines Groschens Werth Unterstützung bekommen, und sind s i e nur die Ursache, daß ich am Theater nicht vorwärts komme, gut, dann habe ich mir selber wenigstens keine Vorwürfe zu machen und kann nachher mit Ehren die Bühne verlassen.«

»Wieder »Mit Ehren«,« rief der Director ungeduldig. »Gut, dann machen Sie meinetwegen was Sie wollen, ich werde mir die Zunge nicht weiter daran verbrennen; Sie haben's nicht besser verlangt. Und worin also gedenken Sie das nächste Mal aufzutreten? Unser Repertoire kennen Sie ja.«

»Ich möchte Sie um den Fiesco bitten, Herr Director.«

»Fiesco, hm – meinetwegen; Eins ist so gut wie's Andere, und Fiesco auch eigentlich lange nicht da gewesen. Also nächsten Mittwoch, wenn es Ihnen recht ist, denn Sonntags bringt mir eine Posse mehr ein.«

»Und als zweite Rolle möchte ich Sie um den...«

»Thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie uns wegen der zweiten Rolle noch nicht den Kopf zerbrechen. Erst wollen wir einmal sehen, wie die erste abläuft.«

»Sie scheinen kein rechtes Vertrauen zu haben.«

»Hab' ich auch nicht,« sagte Krüger, »weil ich meine Pappenheimer kenne. Also auf morgen werde ich die erste Probe ansetzen, Herr Rebe, Sie sind doch fertig?«

»Ich könnte die Rolle morgen Abend spielen.«

»Alle Wetter, Sie wären in der That ein brauchbares Mitglied! Handor mußte immer vierzehn Tage Zeit haben, und nachher haperte es noch. Überlegen Sie sich nur die Sache mit den Freibillets noch einmal; ich gebe Ihnen mein Wort...«

»Ich werde es mir überlegen, Herr Director,« unterbrach ihn Rebe, »und bei jeder Stunde Nachdenken finden, daß ich so und nicht anders handeln konnte.«

»Sehr schön, Herr Rebe,« sagte der Director trocken, »dann wollen wir einmal am nächsten Mittwoch sehen, wie dick die Mauer sein wird, an der Sie Ihren Kopf zu versuchen gedenken. Guten Morgen!«

»Guten Morgen, Herr Director!« sagte Rebe und verließ langsam und nachdenkend das Haus.

Während Rebe die Unterredung mit dem Director hatte, wurde bei Pfeffers ein ganz eigenes kleines Familienfest gefeiert.

Der Mutter kränklicher Zustand schien sich nämlich in den wenigen Tagen, ja, man konnte fast Stunden sagen, so wesentlich gebessert zu haben, daß Alles im Hause einen freundlicheren Charakter annahm. – War es die veränderte Diät gewesen? Der frühere Doctor, der Theaterarzt (der »Thierarzt«, wie ihn Pfeffer gewöhnlich nannte), der die Stelle durch Protection erlangt, hatte die arme Frau auf Gott weiß was curirt, und ihr fast jede Nahrung entzogen. Es war eine ganz neue, von ihm erfundene Hungercur, der, wie das Gerücht ging, bis jetzt erst wenige Menschen zum Opfer gefallen. Dadurch aber kam Henriettens Mutter von Tag zu Tag mehr herunter, bis sie zuletzt so schwach wurde, daß sie nicht einmal mehr aufrecht sitzen konnte.

Wenn aber Jeremias auf der Welt irgend etwas haßte, so war es Hunger, oder gar eine Hungercur, die den Körper natürlich so schwächen mußte, daß er sich gar nicht mehr, nicht einmal gegen den Arzt, helfen und schützen konnte. Er ruhte deshalb auch nicht, bis er Pfeffer, oder vielmehr Auguste bewog, einen andern Doctor herbeizuziehen, und dieser erklärte denn auch natürlich augenblicklich, daß sie der frühere ganz falsch behandelt habe und die Kranke bei einer noch kurze Zeit fortgesetzten ähnlichen Cur nicht sowohl ihrer Krankheit, als ihrem Magen erlegen wäre. Nahrhafte Speisen wurden verordnet, und Jeremias schleppte herbei, was nur aufzutreiben war: ein Glas stärkenden kräftigen Weins; eine Stunde später stand ein Dutzend Flaschen alten Portweins in der Stube, und dann wo möglich etwas Bewegung, vor der Hand noch im Zimmer, und so viel frische Luft als thunlich.

Half dieses Alles, oder war es mehr ein Gemüthsleiden gewesen, das auf der Seele der Kranken gelegen, aber schon seit gestern Abend trat eine entschiedene Änderung zum Besseren ein, und Henriette sang heute Morgen wie eine Haidelerche im Hause herum.

Die Mutter saß am geöffneten Fenster, denn nach der gestrigen stürmischen und kalten Nacht hatte sich die Luft gereinigt und die Sonne schien warm und klar. Jeremias war fort gewesen, um Rebe aufzusuchen und Näheres über seine weiteren Pläne und Aussichten zu hören, aber er traf ihn nicht in seiner Wohnung und mußte unverrichteter Sache wieder zurückkehren.

»Das ist ein ganz verzweifelter Mensch, Auguste,« sagte er, als er in dem kleinen Zimmer auf und ab ging und sich den kahlen Kopf kratzte, »wie ich gestern mit ihm sprach und ihm meine Hülfe in Allem, was Jettchen betraf, antrug, faßte er mich bei der Hand und sagte: »Mein lieber Herr Stelzhammer, ich danke Ihnen herzlich für Ihre guten und freundlichen Absichten, und Sie wissen, daß Jettchen's Besitz das Höchste ist, was ich erstrebe, aber ich bin auch fest entschlossen, ihn mir selber zu verdanken. Ich will mir später nie Vorwürfe machen können, daß ich durch meine Frau vorwärts gekommen sei.«

»Und da hat er ganz Recht,« sagte Pfeffer, der in diesem Augenblick eingetreten war und die letzten Worte hörte, »der Rebe ist ein ganzer Kerl, das sage ich noch einmal, und es thut mir jetzt schmählich leid, daß wir ihn früher so unter der Kanone behandelt. Na, wie geht's heute Morgen, Guste, besser? Donnerwetter, Du kriegst ordentlich wieder rothe Backen!«

»Die höchste Zeit, daß ich von Brasilien herüber kam,« rief Jeremias, »Ihr hättet sie hier heilig verhungern lassen.«

»Der verdammte Theaterfriseur,« fluchte Pfeffer, »na, komm Du mir über die Schwelle, ausgenommen zu einem Krankheits- oder Pensionirungsattest! Du meine Güte, wenn ich das erst einmal in Händen hätte und das vermaledeite Komödienspielen an den Nagel hängen könnte!«

»Wünsch' Dir die Zeit nicht heran, Fürchtegott,« nickte die Frau, »alt werden wir Alle früh genug, und doch zehntausendmal lieber von Morgens bis Abends arbeiten, als so da liegen und anderen Menschen zur Last fallen.«

»Zur Last fallen,« brummte Pfeffer, »wem bist Du schon zur Last gefallen, und laß Du das das Jettchen hören, – aber alle Wetter,« unterbrach er sich plötzlich, aus dem Fenster sehend, »kommt denn da nicht Fräulein Bassini wie ein orangefarbener Blitzstrahl angeschossen? Na, die muß eine Neuigkeit haben, da möchte ich meinen Hals darauf verwetten.«

»Kommt sie denn her?« fragte Jeremias.

»Eben ist sie in die Promenadenthür hineingefahren. Was das Frauenzimmer für eine Eile hatte!«

»Wer weiß, was sie hat,« sagte seine Schwester.

»Sicher nichts Gutes,« nickte Pfeffer, »sonst liefe sie nicht so rasch, darauf kannst Du Dich verlassen. Da ist irgend ein Unglück geschehen, oder der Teufel sonst wo los. Ich kenne meine Schwester.«

»Wenn Du nur immer 'was auf die arme Lise bringen kannst,« lächelte die Frau, »und Du hast sie doch lieb, und ich möchte keinem Andern rathen, Übles von ihr zu reden.«

»Wenn sie nur ein klein wenig Vernunft annehmen und sich nicht immer so verflucht lächerlich machen wollte,« sagte Pfeffer, »sonst ist sie ja gut genug, und auf's Theater paßt's. Sie spielt aber den ganzen ausgeschlagenen Tag Komödie, von dem Augenblick an, wo sie Morgens aufsteht, bis Abends, wenn sie wieder einschläft. Ein verrückteres Frauenzimmer ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen.«

»Habt Ihr es schon gelesen?« rief in diesem Moment die besagte Dame, wie sie nur den Kopf zur Thür hereinsteckte, »habt Ihr das Schandblatt schon gesehen? Es ist himmelschreiend, daß so etwas nur die Censur passirt. Da könnte man ja eben so gut in Brasilien bei den Cannibalen leben.«

»Bitte,« meinte Jeremias.

»Nun, hab' ich es nicht gesagt?« lachte Pfeffer.

»Was hast Du gesagt, was ist vorgefallen?« rief die Schwester heftig.

»Na, das mußt D u doch am besten wissen. Was hast Du denn da für ein Zeitungsblatt in der Hand?«

»Habt Ihr das Stadtblatt noch nicht gelesen? Dann habt Ihr nichts gelesen,« rief Fräulein Bassini mit Emphase.

»So, und was steht darin?«

»Eine Kritik über Rebe.«

»Alle Wetter! Gut?«

»Da lies, mach' Dir ein Vergnügen,« sagte Fräulein Bassini, »hier, von Herrn Doctor Strohwisch, Deinem guten Freund.«

»Meinem guten Freund?« brummte Pfeffer, indem er das Blatt nahm und leise vor sich hinmurmelnd an zu lesen fing.

»Und habt Ihr schon gehört,« fuhr indessen Fräulein Bassini fort, um ja keine Zeit zu versäumen, »daß sich des Lumps, des Handor wegen die beiden jungen Grafen von Monford und Bolten gestern duellirt haben und Graf Bolten den Andern todtgeschossen hat?«

»Oh Du lieber Gott,« stöhnte Auguste, »die armen Eltern!«

»Ja, das ist nun nobel,« sagte die Schwester, »damit geben sie einander die Ehre wieder, daß sie sich abschlachten. Die ganze Stadt ist voll davon.«

»Und so reiche, vornehme Leute!«

»Ja, wie gut könnten die es haben; aber ob es wohl Jemand einmal weiß, wenn es ihm wohl ist. Gott bewahre, immer will er's noch wohler haben, bis er zuletzt drin sitzt. So reiche Menschen; sie sitzen ja im Geld, sie wissen nicht wie tief, und silberne Spucknäpfe sollen sie in den Zimmern haben; aber Hochmuth kommt vor dem Fall.«

»Alle Teufel!« rief Pfeffer, der indessen die Einleitung überflogen hatte und jetzt zu dem Kern des Ganzen kam. Jeremias stand neben ihm und sah ihm über die Schulter in's Blatt.

»Oh Du Lumpenkerl!« murmelte er leise vor sich hin, und ballte schon in Gedanken die Faust.

»Das ist ja ein sauberer Patron!«

»Wie? Nu, was habe ich gesagt?«

»Was schreibt er denn?« fragte Auguste.

»Kannst die Bescherung gleich lesen – ei Du Himmelhund, Du Verdammter! Wenn er ihm fünf Thaler in den Rachen geschoben hätte –«

»Ja, schieb einmal, wenn Du nichts hast,« sagte Fräulein Bassini.

»Das ist derselbe Musjö, dem ich einmal auf Rebe's Treppe begegnet bin,« rief Jeremias.

»Nein, da hört Alles auf,« schrie Pfeffer, »ei zum Teufel mit dem Wisch!« und damit knillte er das Papier zusammen und schleuderte es auf die Erde.

»Aber, Fürchtegott,« rief Fräulein Bassini erschreckt, »die Zeitung gehört ja dem Schuhmacher, meinem Hausherrn – was hat denn das arme Papier nur gethan?« – und sie hob es auf und glättete es wieder aus.

»Bitte, laß es mich einmal lesen,« sagte Auguste, und streckte die Hand danach aus.

»Ja, ich möchte es auch einmal haben,« meinte Jeremias, »kann man denn nicht so eine Nummer zu kaufen bekommen?«

»Gewiß, in der Expedition, aber das fehlte auch noch.«

»Ich möchte doch eine Nummer haben,« meinte der kleine Mann, indem er sich heftig die Hände rieb, »und wenn es nur das wäre, um jedes Mißverständniß zu vermeiden.«

»Mißverständniß?«

»Das ist schändlich,« sagte Henriettens Mutter, »wirklich boshaft, niederträchtig, und ich begreife nur nicht, daß sich das Publikum dies gefallen läßt. Er sagt ihnen doch darin mit dürren Worten: Ihr versteht Alle nichts, daß ihr so ein Wesen von dem Rebe macht, ich bin der allein Kluge!«

»Und so ein Lump kriegt ein Freibillet,« rief Pfeffer, »na, wenn ich Director wäre, ich wollte Dich befreibilletten!«

»Der Mensch wird außerdem jetzt Alles daran setzen, um den armen Rebe vollends zu ruiniren,« sagte Fräulein Bassini, »denn er darf jetzt ja nicht einmal mehr applaudirt werden, sonst hätte er nicht Recht gehabt.«

»Natürlich,« sagte Pfeffer, »was der jetzt thun kann, thut er.«

»Und ich glaube nicht einmal, daß ihn der Director nach d e r Recension wieder spielen läßt,« fuhr Fräulein Bassini fort, »ich kenne ihn, und was der für eine Angst vor diesem aufgesteckten Strohwisch hat, kann gar kein Mensch glauben.«

»Dann geschieht ein Unglück,« sagte Jeremias, und seine Stimme hatte etwas Feierliches, »dann geschieht wahrhaftig ein Unglück.«

»Na, was wird für ein Unglück geschehen,« brummte Pfeffer, »wer einmal Pech haben soll, verliert die Butter vom Brode.«

»Da kommt Jettchen,« rief die Mutter rasch, die das junge Mädchen draußen hörte, »thut die Zeitung weg; sagt ihr nichts davon, das arme Kind kränkt sich sonst zu sehr.«

Fräulein Bassini schob sie rasch in ihre Tasche, aber wie Jettchen eintrat, stockte das Gespräch, und Jeremias selber machte ein so bestürztes Gesicht, daß sie gleich wußte, es war etwas vorgefallen.

»Guten Morgen mitsammen,« rief sie lachend aus, sah aber Alle dann erstaunt im Kreise an und sagte: »Nun, was habt Ihr denn, Ihr seht mich ja Alle so merkwürdig an, was ist denn? Mutter, es ist irgend etwas geschehen?«

»Nichts, was uns beträfe, Kind,« fiel aber hier Fräulein Bassini ein, die sich noch am ersten faßte, »aber hast Du noch nichts von dem Unglück bei Monfords draußen gehört?«

»Leider ja,« nickte Jettchen traurig – »Du lieber Gott, so ein junges, hoffnungsvolles Blut, und in seinem frischesten Alter!«

»Kanntest Du den jungen Grafen?«

»Ich habe ihn draußen im Schlosse gesehen, als ich früher der Comtesse manchmal Arbeiten hinaufbrachte, und in letzter Zeit ist er auch manchmal mit Graf Rottack hier vorbeigeritten. Es war derselbe, Onkel, der damals dem armen Jungen hier vor dem Hause, dem Graf Bolten den Karren überritten hatte, Geld gab, um ihn für den Verlust zu entschädigen.«

»Und der Nämliche hat ihn jetzt todtgeschossen?«

»Und was für Strafe bekommt er nun?«

»Strafe?« sagte Fräulein Bassini, »solche vornehme Herren werden sie auch strafen! Übrigens ist er noch dieselbe Nacht fortgereist, und nun sucht ihn, wenn Ihr ihn haben wollt.«

»Aber was hast Du nur, Vater?« sagte Jettchen, die erstaunt Jeremias betrachtete. Dieser war indessen in der Stube, sich immer die Hände reibend, auf und ab gegangen, und so mit seinen eigenen Gedanken dabei beschäftigt, daß er die Frage nicht einmal gleich hörte.

»Was ich habe, Kind?« sagte er dann, als Jettchen die Worte wiederholte, »oh, oh, nichts, ich dachte nur in dem Augenblick gerade an 'was, ich habe noch etwas zu thun, beinah' hätte ich's vergessen. Also guten Morgen miteinander!«

»Wo willst Du denn hin, Jeremias?«

»Ich muß einmal nach Hause, ich komme nachher wieder!«

»Um zwölf Uhr essen wir.«

»Gut, ich werde kommen, sollte ich aber um zwölf Uhr nicht da sein, so wartet nicht auf mich, denn es ist doch möglich, daß ich Abhaltung bekäme,« und mit den Worten schoß er zur Thür hinaus.

»Was hat nur der Vater?« sagte Jettchen verwundert; »er sah so merkwürdig verstört, so zerstreut aus.«

»Gott weiß es,« brummte Pfeffer, »irgend noch ein paar brasilianische Schrullen vielleicht, die ihm im Kopf herumgehen! Laß ihn nur laufen, der findet sich wieder zurecht, dafür ist mir gar nicht bange. Wo warst Du, Jettchen?«

»Ich habe den Brautkranz fortgetragen,« sagte das junge Mädchen, »und jetzt gar nichts weiter zu thun, als den bestellten Kranz für Graf Rottack zu machen.«

»Das ist gescheidt, da kannst Du Dich endlich einmal ausruhen.«

»Aber die Zeit wird mir lang werden, und was hätte ich Alles zu thun bekommen können! Wie viele Arbeiten waren bestellt, aber Vater wollte es ja nicht leiden.«

»Ganz vernünftig von ihm, denn Du hättest Dich caput gearbeitet, das ist sicher. Nun aber sieh nach Deiner Küche, Schatz, daß wir 'was zu essen bekommen!«

»Ist Alles in Ordnung, Onkel,« nickte Jettchen, »brauche nur ein wenig nachzulegen, denn während es kochte, bin ich blos die zwei Schritt hinüber gelaufen. Punkt zwölf Uhr kann das Essen auf dem Tisch stehen.«

Jeremias stieg in einer unbeschreiblichen Stimmung die Treppe hinab, und niemand Anders war die Veranlassung dazu, wie der arme, unselige Recensent.

»Oh Du Federfuchser,« rief er dabei halblaut vor sich hin und ballte die gar nicht so unansehnliche Faust gegen das Treppengeländer, »oh Du verfluchter Federfuchser – hätt' ich Dich, wie wollt' ich Dich!« Aber er hatte ihn eben nicht, und es blieb ihm nichts weiter übrig, als Rebe aufzusuchen, um mit diesem zu besprechen, was sich etwa in der Sache thun ließ, denn daß sich etwas thun ließ, davon war er fest überzeugt.

Rebe fand er allerdings, aber bei ihm selber auch nicht die geringste Unterstützung in der Angelegenheit.

Rebe blieb dabei, daß die Persönlichkeit, von welcher der Angriff stamme, so tief unter ihm stehe, daß er gar nichts in der Welt mit ihm anfangen könne, und was das beträfe, gegen ihn zu agiren, so würde er sich dadurch mit diesem Strohwisch genau auf Eine Stufe stellen, daran sei also gar nicht zu denken. Die einzige Waffe, die er in Händen habe, sei die, dem Publikum durch seine Darstellung zu beweisen, daß Jener gelogen habe; weiter könne er nichts, weiter werde er nichts thun.

Jeremias suchte ihn darauf aufmerksam zu machen, daß er sein Fortkommen an hiesiger Bühne sichern wolle, und Rebe behauptete, das wäre nur dadurch möglich, daß er alle Chancen liefe. Aber sich jetzt und für Eine Vorstellung einen Erfolg sichern und damit alle übrigen noch in Frage gestellt lassen, käme ihm ungefähr ebenso vor, als ob Jemand über einen mächtigen Strom schwimmen wolle und zuerst in einem Teich versuche, ob er sich eine so lange Zeit über Wasser halten könne, bei dem Versuch aber Blasen unter die Arme binde. Er täusche Niemanden damit als sich selber, und müsse dann später dafür büßen.

Es war mit dem Menschen nichts anzufangen, denn er blieb hartnäckig dabei, daß er ehrenvoll siegen oder lieber seine Stellung aufgeben und anderswo beginnen wolle; denn nur dadurch könne er sich seine Selbstachtung und die Achtung anderer ehrenwerther Leute bewahren.

Jeremias mußte ihm ja wohl im Herzen Recht geben. Es war ganz hübsch und ehrlich gehandelt, aber dumm, stockdumm, wenn er das auch nicht gerade aussprach, und in voller Verzweiflung lief er endlich hinüber zu Director Krüger, um von diesem vielleicht eine andere Ansicht zu hören. Das Mittagessen bei Pfeffers hatte er lange vergessen und versäumt.

Hier fand er seinen Mann. Krüger, dem selber daran lag, daß sich Rebe am hiesigen Theater behaupten möge – denn wo fand er solchen ersten Liebhaber gleich für die Gage wieder, mit der er sicher die erste Zeit mit Rebe abschließen konnte –, gab Jeremias in Allem Recht und war so vollkommen in jeder Hinsicht seiner Meinung, daß ein Gespräch fast ganz unmöglich wurde.

Der Director theilte dem kleinen, lebendigen Fremden auch ganz aufrichtig seine eigenen Ansichten über den Recensenten mit; weshalb sollte er sich auch geniren? Strohwisch kostete ihm überhaupt jährlich viel Geld, und Jeremias begriff zuletzt nur das nicht, wie man sich noch mit einem solchen Menschen abgeben und in persönlichem Verkehr mit ihm stehen konnte.

»Lieber Gott,« sagte der Director, »was will ich dagegen thun? Soll ich mir mein ganzes Theater fortwährend schlecht machen lassen? Das Publikum bekäme doch zuletzt, wenn es das alle und alle Tage hörte und läse, einen Widerwillen dagegen und ginge mir schließlich gar nicht mehr hinein; deshalb zahle ich ihm das Blutgeld und stopfe ihm das Maul.«

»Also wann ist Fiesco?«

»Nächsten Mittwoch; wenn Sie etwas thun könnten – aber um Gottes willen, ohne daß es Rebe erführe, denn er würde die ganze Geschichte verderben –, so wäre es mir sehr angenehm, und auf meine Unterstützung dürfen Sie rechnen.«

»Aber in welcher Art?«

»Ich will Ihnen sagen, was ich fürchte,« erwiderte Krüger. »Ich fürchte, Strohwisch wird Anstalten getroffen haben, Herrn Rebe das nächste Mal auspfeifen zu lassen; er hat mir genau dasselbe schon einmal gemacht.«

»Aber das Publikum wird sich das nicht gefallen lassen.«

»Lieber Gott, alle Menschen erfreuen sich zuweilen an einem Skandal,« sagte Krüger, »und wenn nur drei oder vier in derartigen Arbeiten geschickte Leute vortheilhaft im Parterre placirt sind, so finden sie überall ein paar nichtsnutzige Jungen, die ihnen helfen. Sie glauben gar nicht, wie das Pfeifen ansteckt.«

»Hurrjeh,« sagte Jeremias, »vielleicht käme er selber hinein; wenn ich nur dann in der Nähe wäre!«

»Er selber würde sich wahrscheinlich ruhig verhalten, aber das Ganze dirigiren.«

»Na, warten Sie 'mal, dagegen ließe sich doch am Ende noch 'was thun. Apropos, haben Sie Polizei im Theater?«

»Auf die dürfen Sie nicht rechnen,« sagte der Director; »allerdings stehen ein paar Mann im Vorsaal, aber bei derartigen Gelegenheiten verhalten sie sich rein passiv.«

»Sehr schön,« sagte Jeremias, »weiter verlange ich nichts, und nun empfehle ich mich bestens!«

»Sie sind fremd hier in der Stadt, Herr Stelzhammer?«

»Fremd allerdings; aber ich glaube, ich weiß Jemanden, der mich unterstützen kann.«

»Darf ich fragen, wen?«

»Ihren Theaterdiener Peters.«

»Da sind Sie in vortrefflichen Händen,« lachte Krüger vergnügt; »aber lassen Sie ihn um Gottes willen nicht ahnen, daß ich von der Sache etwas weiß!«

»Haben Sie keine Sorge – bitte, bemühen Sie sich nicht, ich finde schon meinen Weg!« Und während der Director oben in seinem Zimmer, sich vergnügt die Hände reibend, auf und ab ging, stieg Jeremias langsam die Treppe hinunter.

Director Krüger wohnte zwei Treppen hoch, und jede Etage bestand aus zwei Abtheilungen Stufen, die in dem alten Hause ziemlich steil aufwärts führten, aber durch Seitenfenster hell erleuchtet wurden.

Jeremias war eben den ersten Absatz hinabgestiegen, als ein Herr dicht unter ihm die Treppe heraufkam und zu ihm aufsah. Der Fremde, welcher etwa einen Kopf größer als unser kleiner Freund sein mochte, stand noch drei oder vier Stufen unter ihm, als er den Kopf zu ihm empordrehte und Jeremias plötzlich halten blieb.

»Hurrjeh!« rief er aus, indem er sich so klein machte, daß er seinen Kopf ziemlich in eine Richtung mit dem die Treppe Heraufkommenden brachte und beide Hände dabei auf die Kniee stützte. »Habe ich nicht das Vergnügen, den Herrn Doctor Strohwisch vor mir zu sehen?«

»Das ist allerdings mein Name,« sagte der Herr. »Und mit wem hab' ich die Ehre?«

»Na, seh'n Sie einmal an,« rief Jeremias, ohne die Frage zu beantworten, »und so hübsch allein unter vier Augen! Da erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen gleich zu sagen, mein lieber Herr Strohwisch, daß Sie ein ganz miserabler, erbärmlicher Dintenkleckser und Schubbejack sind!«

»Sie alberner Esel!« rief der Doctor, der gar nicht gleich wußte, über was er am meisten erstaunen sollte, über die kleine, geduckte, komische Gestalt, die vor ihm kauerte und die er deshalb auch, was persönliche Kraft anbetraf, bedeutend unterschätzte. »Was unterstehen Sie sich? Fort, oder ich werfe Sie die Treppe hinab!«

»So?« sagte Jeremias, der nur auf eine solche Einladung gewartet zu haben schien, drückte sich mit der Linken seinen Hut fest und hatte aber auch im nächsten Moment schon den Doctor beim Kragen, der sich wie ein Kind in seinem Griffe wand.

»Herr, lassen Sie mich los!« schrie er.

»Treppe hinunter – so?« rief Jeremias. »Wundervolle Idee – Kopf weg unten!« Und ehe der »Doctor« nur einen Hülferuf ausstoßen konnte, hatte er ihn herumgedreht, und wie ein Pfeil schoß er die Treppe hinab.

Jeremias' Blut war aber jetzt aufgeregt. Alberner Esel hatte er ihn genannt – was vorangegangen, zählte nicht – und die Recension geschrieben, und da unten kullerte er auf der Treppe herum. Unglücklich für ihn trug Doctor Strohwisch auch ein spanisches Rohr in der Hand, und Jeremias wußte eigentlich später gar nicht mehr recht, wie es gekommen war; ehe er sich aber auf etwas besann, war er die Stufen hinab unten bei seinem Schlachtopfer, hatte ihm den Stock aus der Hand gerissen und zerwalkte ihn dabei nach Herzenslust.

Strohwisch schrie um Hülfe und versuchte zuletzt, zur Verzweiflung getrieben, Gegenwehr; aber jetzt wurde Jeremias erst recht böse. In der Etage, wo er sich befand, wurden Stimmen laut, und um den Kampfplatz auf neutrales Gebiet zu verlegen, faßte er den Unglücklichen wieder beim Kragen und warf ihn vor sich her den nächsten Absatz hinunter, von wo nur noch eine niedere Stufenreihe bis zur Hausthür blieb, und hier folgte Fortsetzung.

Oben in der zweiten Etage stand Director Krüger, schaute über das Geländer hinab und hätte vor Wonne applaudiren mögen, wenn er es sich nur getraut hätte. Unten in der ersten Etage war das Dienstmädchen und dann der Herr Ober-Appellationsrath X. mit der Frau Ober-Appellationsräthin und Fräulein Tochter herausgekommen. An der Hausthür, da der Schall des Tumults hinausdrang, hatten sich ebenfalls Leute gesammelt und drängten zuletzt bis in's Haus hinein. Und oben auf dem ersten Absatze stand Jeremias und prügelte Strohwisch, bis er den Stock in Atome zerschlagen hatte und seinen Arm nicht mehr rühren konnte; dann warf er ihn den letzten Absatz hinunter, den Stummel des spanischen Rohrs, mit einem sehr zierlich geschnitzten Elfenbeinknopfe daran, hinter ihm her, und während er selber an ihm vorüberschritt, sagte er: »So, Herr Doctor, jetzt wünsche ich Ihnen wohl zu bekommen. Mein Name ist Jeremias Stelzhammer.«

»Herr Stelzhammer,« sagte da ein Mann in einem rothen Kragen, der sich indessen durch die immer anwachsenden Zuschauer in das Haus gedrängt hatte, »es thut mir leid, Sie in Ihrer Beschäftigung zu stören.«

»Bitte, ich bin eben fertig,« meinte Jeremias.

»Nun desto besser,« sagte der Mann; »aber nun ersuche ich Sie auch, einmal ein bischen mit mir zu kommen, denn ich habe hier auf Ruhe und Ordnung zu sehen.«

»Mein lieber Herr,« erwiderte Jeremias, jetzt nicht im Geringsten um die Folgen besorgt, denn er sah wohl, daß er es hier mit einem Polizeidiener zu thun hatte, »Ruhe herrscht jetzt, und daß der Herr da o r d e n t l i c h e Prügel besehen hat, wird er Ihnen selber bezeugen können. Ich hoffe, Sie sind nun befriedigt.«

»Doch nicht so ganz,« lachte der Gerichtsdiener, »Sie müssen mit.«

»Verhaften Sie den Kerl im Namen des Gesetzes!« schrie jetzt Strohwisch, der sich kaum von seiner Betäubung erholt hatte. »Ich bin hier auf die nichtswürdigste Weise von ihm angefallen und mißhandelt worden; mein Eigenthum ist dabei zerstört, mein Stock in Selbstvertheidigung zerschlagen, meine Hose zerrissen und beschmutzt...«

»Die Keile nennt er Selbstvertheidigung!« lachte Jeremias.

»Na,« meinte der Polizeidiener mit einem Blick auf die robuste Gestalt des Doctors, »Sie sehen mir allerdings aus, als ob Sie sich hätten wehren können; aber das ist einerlei, Sie mögen das Beide vor Gericht ausmachen.«

»Aber ich werde doch nicht...«

»Ja, Sie müssen auch mit,« sagte der Mann trocken; »ich kann hier nicht untersuchen, wer angefangen hat. Also bitte, machen Sie keine Umstände.«

Immer mehr Leute hatten sich indessen in das Haus gedrängt; denn was sieht das Publikum lieber, als eine Prügelei mit späterer Abführung der Betheiligten durch die Polizei, die gerade so dazu gehört, wie die Verlobung von zwei verliebten Paaren am Ende eines Lustspiels.

»Meine Herren,« sagte der Diener der öffentlichen Sicherheit zu den Eindrängenden mit jener Hochachtung, die er stets Leuten gegenüber beobachtete, gegen welche »noch nichts Gravirendes bekannt geworden«, »seien Sie so gut und gehen Sie nach Hause; Sie sehen, es ist Alles vorüber. Bitte, machen Sie Platz, es kann ja kein Mensch durch.«

Die Leute gaben langsam Raum; aber Doctor Strohwisch brauchte noch einige Zeit, um seine sehr derangirte Toilette etwas in Ordnung zu bringen. Er wollte auch noch Schwierigkeiten machen, mit einem Polizeidiener am hellen Tag durch die Straßen zu gehen, aber es half ihm nichts. Der Mann des Gesetzes blieb unerbittlich wie das Gesetz selber, und wenige Minuten später expedirte der würdige Beamte die beiden Übelthäter zum innigen Vergnügen einer Anzahl zerlumpt und anständig gekleideter Straßenjungen nach dem Rathhaus hin. –

Die Straße herab kam Graf Rottack. Er sah ernst und angegriffen aus, und als er dem Menschenknäuel begegnete, wollte er eben, vor der Berührung damit zurückscheuend, nach der andern Seite der Straße hinüberbiegen, als sein Blick auf Jeremias fiel und er erstaunt und verwundert stehen blieb.

»Aber, Jeremias, um Gottes willen, was haben Sie denn gemacht? Was ist vorgefallen?«

»Nur eine Kleinigkeit, Herr Graf,« lächelte der kleine Mann, aber doch etwas verlegen, in solcher Gesellschaft gerade von ihm betroffen zu werden; »ich und der Herr da geriethen ein wenig aneinander.«

»Ich leiste Bürgschaft für den Herrn,« sagte Felix zu dem Gerichtsdiener; »mein Name ist Graf Rottack.«

»Thut mir leid, Herr Graf,« erwiderte der Mann ruhig, »das hier nicht annehmen zu können. Meine Pflicht ist, die beiden Männer auf's Rathhaus hinaufzuführen und die Anzeige zu machen. Dort notirt dann der Herr Actuar den Fall, und wenn Sie mit hinaufgehen, so hat es nicht die geringste Schwierigkeit, daß der Gefangene augenblicklich auf freien Fuß kommt.«

»Schön.«

»Aber, bester Herr Graf!«

»Gehen Sie nur voran,« lächelte dieser, »denn escortiren möchte ich mich nicht gern lassen; ich folge Ihnen aber augenblicklich.«

Er zog sich zurück, denn einige der Zuschauer, die vielleicht gehofft hatten, daß irgend ein gewaltsames Einschreiten oder sonst ein amüsanter Zwischenfall eintreten könne, preßten näher. Das Rathhaus war nicht weit entfernt, und nachdem die beiden Feinde, nicht gerade zur Erbauung des ziemlich bös zugerichteten »Doctors«, noch eine Weile in dem Vorsaal hatten warten müssen, da gerade ein Dienstmädchen wegen versuchten Diebstahls verhört wurde, kamen sie endlich vor.

Die Verhandlung war übrigens eine kurze; Jeremias, der vorher seinen Vor-und Zunamen wie überhaupt eine kurze Lebensbiographie zu Protokoll geben und erklären mußte, daß er noch nie vor Gericht gestanden, leugnete nicht, den Doctor Strohwisch zuerst angefaßt und geprügelt zu haben, und da Graf Rottack jetzt ebenfalls vorgelassen wurde und erklärte, Bürgschaft für das Erscheinen des Herrn vor Gericht leisten zu wollen, so wurde der Delinquent entlassen.

Der Doctor, eine allbekannte Persönlichkeit in Haßburg, blieb noch oben, um seine Klage gegen den Überfall zu formuliren und gleich aufnehmen zu lassen.

»Aber nun sagen Sie mir um Gottes willen, Jeremias,« rief Rottack, als sie wieder zusammen auf der Straße waren, »was hat Sie denn zu einem solchen Gewaltstreich bringen können? Wir sind doch hier nicht mehr in Brasilien!«

»Mein lieber Herr Graf,« sagte der kleine Mann und schämte sich jetzt ein wenig der Rolle, die er gespielt, »Sie haben Recht – ich hätt's nicht thun sollen, aber die Galle lief mir über. Der Mensch war ein Recensent, und – da hab' ich noch einmal den Hausknecht herausgekehrt; aber ich verspreche es Ihnen, es soll zum letzten Mal geschehen sein, denn ich darf Ihnen doch keine Schande machen!«

»Und was, beim Himmel, haben Sie mit den Recensenten zu thun?« lachte Graf Rottack.

»Das ist weitläufig, das erzähle ich Ihnen ein andermal. Und wie geht es der Frau Gräfin?«

»Sie ist unwohl,« seufzte Felix; »manches Leid verwandter Freunde hat sie tief betroffen und angegriffen. Aber von Ihnen selber weiß ich gar nichts weiter, seit wir uns bei jenem Fräulein – wie hieß sie doch gleich?«

»Bassini.«

»Ja, ganz recht – bei jenem Fräulein gesehen. Haben Sie Frieden mit Ihrer Familie geschlossen? Sie hätten uns wohl einmal, als alten Freunden, Nachricht geben können.«

»Ich gestehe, daß ich wie ein schlechter Kerl gehandelt habe,« rief Jeremias; »aber erstens wußte ich nicht, ob ich Ihnen recht kam, und dann hab' ich die Zeit über so viel zu thun gehabt. Aber Gott sei Dank, es geht Alles recht gut, und wenn Sie es mir erlauben, so komme ich einmal in diesen Tagen und statte ausführlichen Bericht ab.«

»Das soll ein Wort sein, Jeremias,« sagte Graf Rottack, ihm die Hand reichend. »Glauben Sie mir, wir haben die alten Freunde noch nicht vergessen und viel zu wenig neue gefunden, um sie entbehren zu können.«

»Lieber Herr Graf...«

»Auf Wiedersehen, Jeremias!« Und Graf Rottack schritt, tief aufseufzend, die Straße hinab.