Eine Mutter

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 24 von 36

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Eine Mutter

22. Ein gestörtes Fest.

22.

Ein gestörtes Fest.

Lautlose Stille herrschte in dem Festsaal, als der alte Graf ihn verlassen hatte und nicht zurückkehrte. Man wußte, es war etwas geschehen – aber was? Die Gräfin behauptete noch immer ihren Platz; ein Diener war an ihr vorbeigegangen und hatte ihr einige Worte zugeflüstert. Sie hielt sich stolz aufrecht und suchte ruhig auszusehen. War es möglich, noch einen Eclat zu vermeiden? Der Gedanke allein hielt ihre Sinne gefesselt.

Helene befand sich in einer furchtbaren Unruhe. Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Selbst die Diener sahen verstört aus – irgend etwas Entsetzliches – und Paula's Aufregung vorher! – Aber die Musik, die hinter ihrem Vorhang nichts davon bemerkte, spielte noch immer den Festmarsch weiter.

»Meine Gnädige,« flüsterte der Staatsrath seiner Nachbarin zu, »wie mir scheinen will, fallen wir mit unserem Tannhäuser vollständig aus der Rolle. Die Verwirrung tritt schon ein, ehe der Festmarsch zu Ende ist, und jetzt wird gleich der Chor der Pilger erschallen. Ich fürchte, wir bekommen heut Abend nichts zu essen.«

»Das wäre entsetzlich!« sagte das alte Stiftsfräulein mit einem giftigen Blick über die Tafel. »Und doch hat der Graf da Silber genug aufgeschichtet, um das Banket eines Kaisers zu überfüllen.«

»Ich habe einen starken Verdacht, daß die Platten – plattirt sind,« flüsterte der Staatsrath.

»Wohl möglich,« meinte das Fräulein; »lieber Gott, es ist ja Alles Schein heutzutage auf der Welt!« – und sie hatte wirklich Ursache, so zu reden, denn sie selber trug falsche Locken, falsche Zähne und falsche Wattirungen, und der Staatsrath, mit einem boshaften Blick über ihre Gestalt, flüsterte:

»Wie Recht haben Sie, meine Gnädige! Aber da kommt George, er sieht blasser aus, wie gewöhnlich.«

Der alte Graf Bolten, der sich bis jetzt außerordentlich ruhig gehalten und nicht von seinem Platz bewegt hatte, ging auf ihn zu, nahm seinen Arm, flüsterte einen Augenblick mit ihm und verließ dann den Saal.

»Was ist, George?« sagte die Gräfin. »Warum kommt der Vater nicht zurück? Wo bleibt Paula? Unsere Gäste warten...«

»Ein plötzliches Unwohlsein hat den Vater ergriffen,« sagte George mit heiserer, fast tonloser Stimme. »Es thut mir leid, die Gesellschaft zu stören; ich fürchte, er wird nicht bei der Tafel erscheinen können.«

Die Trompeten hinter dem Vorhange schmetterten ihre fröhlichen Weisen so stark hervor, daß die Worte beinahe unverständlich wurden. George schritt zu dem Vorhang, schlug ihn zurück und gebot Ruhe.

Mit einem Mißklang hörten die Leute überrascht mitten im Tact auf, und eine unheimliche Stille lag in dem Moment auf dem Saal. Da trat der alte Graf Bolten wieder in den Saal und sagte mit ernster, aber vollkommen leidenschaftsloser Stimme:

»Meine Herrschaften, es thut mir leid, Sie benachrichtigen zu müssen, daß wir uns in keinem Hause der Freude, sondern in einem Hause der Trauer befinden. Meinen alten Freund Graf Monford hat ein ernster Unfall betroffen, der seine Familie an sein Lager fesseln muß – die Tafel ist aufgehoben, denn es würde unmöglich sein, unter diesen Umständen noch längere Störung hier zu verursachen.«

»Aber was fehlt ihm? Was ist geschehen?« rief es von allen Seiten.

»Hoffentlich nichts,« erwiderte abweisend der alte Herr, »was uns verhindern könnte, in einigen Wochen, ja, vielleicht in einigen Tagen wieder eben so fröhlich hier zusammen zu kommen – Frau Gräfin, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meinen Arm biete und Sie hinüber zu Ihrem Gemahl führe.«

»Jetzt kommt der Chor der Pilger, meine Gnädige; habe ich es Ihnen nicht gesagt? Und wie gut die Suppe riecht!« flüsterte der Staatsrath seiner Nachbarin zu.

»Meine Nerven!« stöhnte diese und machte eine Bewegung, als ob sie sich an seinen Arm hängen wollte, dem der Hofmann aber geschickt auswich, indem er that, als ob er es gar nicht bemerkte, und sich rasch ab zu einem Andern der Gesellschaft wandte. Die Dame wurde deshalb n i c h t ohnmächtig.

Aber eine grenzenlose Verwirrung hatte sich indessen der Gäste bemächtigt. Felix war rasch zu Helenen hinüber gegangen. Er wollte mit George sprechen, aber dieser war seiner Mutter schon gefolgt, und aufdrängen durfte er sich nicht. Er fühlte auch recht gut, daß man jetzt der Familie keinen größeren Gefallen thun könne, als sie sobald als irgend möglich von der Gegenwart Fremder zu befreien; deshalb Helenens Arm ergreifend, flüsterte er ihr rasch zu:

»Komm, mein Herz, hier ist weiter nichts zu thun, als uns zu entfernen. Bei der wundervollen Nacht gehen wir recht gut zu Fuß in die Stadt zurück; laß uns ein wenig eilen, daß wir nicht in den Troß kommen.« Er nahm ihren Arm und führte sie aus dem Saal, und das war das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch.

Draußen auf dem Gang stand ein alter Diener, der dem Grafen seinen Rock gab.

»Können Sie mir nicht sagen, Freund, was vorgefallen ist?«

»Der große Gott weiß es!« sagte der Alte, und die Thränen standen ihm in den Augen – »aber Geheimniß kann's nicht mehr bleiben: die junge Comtesse ist fort und Graf Bolten ihr nach. Draußen im Park fiel eben ein Schuß, die Diener wollen mit Fackeln hinaus – das überlebt der alte Herr nicht.«

»Großer Gott, Paula?« rief Helene. Felix aber, ihr selber den Mantel umwerfend und ihren Arm in den seinen ziehend, führte sie hinaus in's Freie.

Nicht so rasch kam die übrige Gesellschaft fort. Viele der Damen, ja, die meisten trugen weiße Atlasschuhe, da man sehr stark auf einen kleinen Ball gerechnet hatte. Sollten sie in diesen den weiten Weg in die Stadt zurücklegen? Aber die Wagen konnte man doch auch unmöglich hier erwarten, und ein anderes Haus war nicht in der Nähe. Boten über Boten wurden jetzt vorausgeschickt, Leute waren dazu genug versammelt, um die Wagen zu beordern, daß sie wenigstens entgegenkamen, oder an Droschken auftrieben, was sich finden ließ – am Theater hielten jetzt eine Menge –, und wie die wilde Jagd hetzten eine Anzahl von jungen Burschen den Weg hinab und an Rottacks vorüber.

Immer leerer wurde es oben im Schlosse, immer unheimlicher. George selber war auf einem zweiten Pferd davongesprengt – wohin? Er wußte es selber nicht.

In Paula's Zimmer stand die Gräfin und las ein kleines Briefchen, das sie versiegelt auf der Tochter Toilettentisch gefunden. Ihr Gesicht war marmorbleich, aber keiner ihrer eisenharten Züge verrieth, welche Gefühle in diesem Augenblick ihr Inneres bewegten.

In dem Zettel, der »An meine Eltern« überschrieben war, standen nur folgende wenige Worte: »Lieber Vater, liebe Mutter! Ich kann den jungen Bolten nicht heirathen, ich würde unglücklich mein ganzes Leben sein. Ich liebe mit aller Kraft meiner Seele Rudolph Handor und werde sein Weib. Oh, verzeiht Eurer armen Tochter!«

Sie faltete das Billet zusammen, kleiner und kleiner, bis es einen dünnen Streifen bildete, und fast mechanisch hob sie es dann empor zum Licht, entzündete es und sah zu, bis es sich verzehrte, ja, die Spitzen ihrer weißen Glacéhandschuhe versengte. Dann schritt sie langsam hinüber zu ihrem Gatten, der noch immer bewußtlos auf einem Sopha lag, während ihm der Haushofmeister mit zitternden Händen kalte Umschläge um die Schläfe machte. Der alte Graf Bolten stand daneben, die rechte Hand auf den Tisch gestützt, in starrer Ruhe und verwandte keinen Blick von dem unglücklichen alten Manne.

Drei Boten waren nach verschiedenen Ärzten gesandt, um sie rasch herbeizurufen; sie konnten aber noch nicht da sein, der Weg war zu weit.

Die Gräfin trat in's Zimmer; Graf Bolten rührte sich nicht und wandte ihr den Blick nicht einmal zu. Sie zog ihre weißen Glacéhandschuhe aus, nahm dem Haushofmeister das nasse Tuch ab und sagte tonlos:

»Sehen Sie nach der Tafel – daß alle Fremden das Haus verlassen – einige junge Leute behalten Sie zurück, wenn wir vielleicht noch Boten gebrauchen sollten.«

»Zu Befehl, Frau Gräfin.«

»Wo ist George?«

»Fort – er hat sich ein Pferd satteln lassen.«

»Es ist gut – sehen Sie nach dem Hause.«

Der Haushofmeister zog sich mit einer Verbeugung und einem traurigen Blick auf seinen Herrn zurück; er wäre noch so gern bei ihm geblieben, aber seine Pflicht rief ihn auf seinen Posten. Die Frau Gräfin hatte Recht: die Masse dort aufgestellten Silbers durfte nicht ohne Aufsicht bleiben – daß sie nur daran gedacht hatte!

Eine halbe Stunde verging so. Graf Bolten rührte sich nicht, er schien wie aus Stein gehauen, und nicht regungsloser war der Ohnmächtige auf dem Sopha, dem die Gattin ruhig und mechanisch die Umschläge wechselte. Endlich fuhr ein Wagen vor. So still war es im Hause geworden, daß man deutlich das Knirschen der leichten Räder auf dem Kies hören konnte. Es war einer der Ärzte, der in Carrière herausgejagt sein mußte.

Draußen vor dem Fenster wurden auch Stimmen laut und Leute kamen mit Fackeln. Weder Graf Bolten noch Gräfin Monford beachteten es. Der Arzt schien einen Augenblick da draußen aufgehalten zu sein; es dauerte wenigstens unverhältnißmäßig lange, ehe er eintrat, oder däuchte ihnen die Zeit nur so lang? Endlich kam er und trat zu dem Lager des Kranken, dessen Hand er nahm, um den Puls zu fühlen.

»Gnädige Gräfin, ich bedauere unendlich...«

»Was halten Sie von seinem Zustand, Doctor?«

Der Doctor schüttelte mit dem Kopf – endlich frug er leise:

»Liegt irgend eine bestimmte Ursache dieser heftigen Störung der Lebensthätigkeit vor? Schreck oder Gemüthsbewegung?«

»Es ist möglich,« erwiderte kaum hörbar die Gräfin.

Der Arzt nickte, ohne etwas weiter zu fragen oder den Puls des Kranken loszulassen. Er hielt einen Aderlaß für nothwendig, aber ehe er ihn anwenden konnte, schlug der Kranke die Augen auf und stierte den Doctor bestürzt an.

»Mein bester Herr Graf, wie fühlen Sie sich jetzt? Es ist Ihnen plötzlich unwohl geworden, nicht wahr?«

Der Graf antwortete nicht. Er schloß die Augen wieder und legte seine Hand gegen die Stirn, als ob er sich auf etwas besänne. Er trug noch seine weißen Handschuhe, und der Arzt entfernte sie jetzt vorsichtig, was der Leidende ruhig geschehen ließ, und rieb ihm dann die Schläfe mit Eau de Cologne.

»Ich danke Ihnen, Doctor,« sagte der Kranke nach einiger Zeit – es waren die ersten Worte, die er wieder sprach –; »bitte, legen Sie mir die Handschuhe nicht fort, ich muß zur Gesellschaft zurück.«

Der Doctor sah die Gräfin fragend an.

»Heute Abend nicht mehr, George,« sagte diese. »Du hast sehr lange in Ohnmacht gelegen, die Gäste sind längst nach Hause, es ist spät.«

Der Kranke sah sie rasch an, und wieder fuhr er sich nach der Stirn, lag aber eine Weile ruhig. Endlich sagte er leise:

»Schicke George und Paula zu mir her; ich will sie sprechen.«

»Die Kinder sind schon im Bett,« erwiderte die Gräfin – »morgen früh – heute halte Dich nur ganz ruhig, daß Du morgen wieder wohl und kräftig bist. Fühlst Du Dich besser?«

Der Arzt hatte zu Graf Bolten aufgesehen, als dieser ihm ein Zeichen gab und das Zimmer verließ. Der Arzt folgte ihm nach einigen Secunden.

»Was halten Sie von dem Zustand des Kranken? Glauben Sie, daß es eine bloße Ohnmacht war?«

»Ich – hoffe, ja. – Hat der Graf Monford dieses Zucken des linken Augenlides schon öfter gehabt?«

»Ich glaube nicht; ich habe es nie bemerkt.«

»Es kann Schwäche im Auge sein; ich hoffe, es ist nicht mehr.«

»Und was fürchten Sie sonst?«

»Oh, nichts, in der That nichts! Nur im ersten Augenblick fürchtete ich, daß es ein leichter Schlaganfall sein könne. Er ist aber ja schon wieder vollkommen bei Besinnung.«

Der Graf nickte langsam mit dem Kopf und sagte endlich:

»Gehen Sie wieder zu dem Kranken hinein, Doctor, ich will nach Hause fahren. Ich glaube, Ruhe wird ihm am wohlsten thun. Gute Nacht, Doctor. Morgen früh bitte ich Sie, mir Nachricht zu senden, wie Sie ihn verlassen haben."

»Sehr gern, Herr Graf, ich werde nicht ermangeln – da draußen haben sie ja auch einen Verwundeten...«

»Einen Verwundeten?« fragte der Graf hastig und erschreckt.

»Den alten Förster. Sie brachten ihn eben in's Haus, wie ich ankam, aber es scheint nichts Gefährliches zu sein. Nur ein Schnitt oder ein Hieb durch's Gesicht – er war von Blutverlust wahrscheinlich ohnmächtig geworden. Ich werde dann gleich nach ihm sehen.«

Der Graf zog seinen Überrock allein an, denn die Diener waren alle hinausgegangen, nahm seinen Hut, nickte dem Arzt noch einmal zu und verließ das Haus, um sich erst der Richtung hinter dem Schlosse zuzuwenden, wo er noch die Fackeln sah.

Allgemeine Bestürzung herrschte indessen auch unter der Dienerschaft, der das Vorgefallene natürlich kein Geheimniß bleiben konnte, ja, die das eigentlich Geschehene sogar schon früher wußte, als die Herrschaft selber. Der junge Gärtnerbursche hatte nämlich erzählt, daß er, als er im Park heraufgekommen wäre, ein paar Frauen bemerkt hätte – Damen mit großen, weiten Kleidern, die rasch den Weg hinabgeeilt wären und von denen die eine etwas Schweres getragen hätte. Vorher aber habe er einen Wagen unten am Drahtthor halten sehen, und ein Herr dort habe ihn gefragt, ob die Tafel schon begonnen hätte. Er glaubte damals, daß der Herr mit zu den Gästen gehöre, vielleicht einer der Rittergutsbesitzer aus der Nachbarschaft, der den Weg durch den Wald gekommen sei; nur daß er nicht mitging oder das Thor nicht geöffnet haben wollte, wunderte ihn – auf was wartete er denn noch? Aber er mußte sich selber eilen, daß er das Tractement nicht versäumte. Die Damen, denen er nachher begegnete, machten ihn stutzig, und er erzählte, was er gesehen, dem einen Lakai, der jetzt seinerseits die Kammerjungfer der gnädigen Comtesse suchte, sie aber nirgends finden konnte. Ehe man aber der Herrschaft selber Mittheilung davon machen konnte, war die Flucht der Comtesse oder wenigstens ihre Abwesenheit schon bemerkt, und der Bericht des Gärtners konnte nur die Richtung andeuten, die sie genommen. Bald darauf sprengte Graf Bolten fort, und gleich danach fiel der Schuß in derselben Gegend.

Der Haushofmeister hatte eine Anzahl von Pechfackeln herausschaffen lassen, um sie heute vielleicht beim Heimfahren der Herrschaften zu verwenden. Mit einigen von diesen machte sich nun eine Anzahl junger Burschen, darunter der Forstgehülfe, auf, um den Park abzusuchen, und da sie sich auf den Wegen vertheilten, trafen sie hier auf den ohnmächtig gewordenen alten Förster, den sie jetzt zurück zum Schloß trugen. Mehrere wurden freilich nach dem Drahtthor geschickt, um dort nach dem Wagen zu sehen, aber der war natürlich fort. Nur die Gleise desselben fanden sie im Sande, wo er gehalten, dann hatte er den dort einzigen Weg nach dem Dorfe eingeschlagen – aber wohin dann weiter? Im Dorf selber liefen vier Wege nach vier verschiedenen Richtungen ab – welchen hatte der Wagen nun verfolgt? Das Dorf lag auch zu weit, um dort jetzt nachzusehen; auch ging der Wind heut Abend ziemlich heftig, und sie hätten sich mit den Pechfackeln, die fortwährend Funken abwarfen, doch nicht zwischen die Strohdächer hineinwagen dürfen. Die Bauern würden es gar nicht gelitten haben.

Der Förster erholte sich übrigens sehr rasch wieder und kaum wie sie ihn in des Haushofmeisters Zimmer auf ein schnell hergerichtetes Lager gelegt hatten. Blutverlust mußte die Ursache seiner Ohnmacht gewesen sein, vielleicht auch der Schmerz der Wunde mit der Aufregung. Wie aber das vorquellende Blut gerann, hörte auch die Blutung von selber auf; der Alte sah aber schrecklich aus.

Der Schnitt ging ihm über dem rechten Auge weg quer über die Nasenwurzel und dann schräg die linke Backe hinab, den er vollständig geschlitzt hatte, daß er auseinander klaffte. Seine Kleider waren dabei bis hinab wie mit Blut getränkt, und die Leute fürchteten zuerst, daß er noch vielleicht eine andere und gefährlichere Wunde an sich habe. Er wurde deshalb ausgezogen und untersucht; es ergab sich aber glücklicher Weise nichts Derartiges, und als er wieder zu sich kam, bestätigte er auch, daß er nirgends sonst getroffen sei; nur den Schnitt habe ihm der verfluchte Kerl, der Maulwurfsfänger, gegeben, als er ihn beim Wildern erwischt, und die kleine Kröte, der Spitz, müsse ihn auch in die Beine gebissen haben – der eine Hinterlauf schmerze ihn schändlich da unten um die Wade herum.

Das erwies sich in der That so; die Hose war dort an drei oder vier Stellen zerrissen und das scharfe Gebiß der kleinen Bestie tief in das Bein eingedrückt, daß das Blut daran herunter gelaufen.

Also mit der Flucht der Comtesse hatte diese Verwundung, wie die Leute anfangs geglaubt, gar nichts zu thun. Dem alten Manne that aber besonders die zerschnittene Backe so weh, daß ihm das Sprechen außerordentlich schwer wurde. Er wollte noch etwas sagen, ließ es aber wieder sein und flüsterte nur das Eine Wort: »Doctor –« dann legte er den Kopf zurück, um sich auszuruhen. Der Doctor war aber noch drinnen beim Grafen und konnte nicht herausgerufen werden – er sollte sich nur noch ein klein Weilchen gedulden, er käme gleich.

Jetzt fuhren noch rasch hintereinander zwei Wagen vor, in denen die beiden anderen herbeigerufenen Ärzte saßen. Der eine von diesen wurde auch sofort bedeutet, daß er, so schnell er irgend könne, hinüber in des Haushofmeisters Zimmer käme, wo ein Verwundeter läge; vorher mußten die beiden Herren aber pflichtschuldigst zum Grafen hinein. Der eine fragte nur: »Was für eine Wunde?«

»Ein Schnitt durch's ganze Gesicht.«

»Nun, das ist nicht so gefährlich, ich komme gleich hinüber« – und damit war er rasch verschwunden, und der Förster mußte warten.

Bei dem Grafen aber konnten sie gar nichts thun. Er hatte sich wieder erholt, fühlte sich jedoch noch sehr angegriffen und beantwortete die an ihn gerichteten Fragen zuerst nur ganz unvollständig und dann gar nicht mehr, und winkte endlich mit der Hand – er wollte allein sein.

Die Ärzte zogen sich zu einer Berathung zurück, das heißt, keiner von ihnen wollte den andern fragen, was er über die Sache denke – er hätte sich dadurch etwas vergeben können –, sondern nur seine Meinung geltend machen. Der Hausarzt, ein Ober-Medicinalrath, behandelte die Sache auch sehr cavalièrement. – Es hatte nichts zu sagen: er kannte die Natur des Grafen – morgen würde nichts von der heutigen Schwäche übrig sein. Es war nur eine Nervenaufregung oder Überreizung, er hoffe das Beste. Die beiden anderen Herren waren ja doch nur aus Versehen, oder in der Angst, ihn nicht gleich zu treffen, gerufen worden.

Der zuerst gekommene Arzt widersprach dem vollkommen und hielt es für einen Nervenschlag, der vielleicht wiederkehren könne. Der Ober-Medicinalrath zuckte die Achseln – was half es ihm zu widersprechen! Er hatte die Behandlung des Kranken ja doch von jetzt ab allein, und die Consultation war eine bloße Höflichkeitsform. Er bat die Herren, ihn zu entschuldigen, da er noch einen andern Fall im Hause zu behandeln habe, und ging zu dem alten Förster hinüber.

Hier aber war nicht viel zu thun. Er nähte die furchtbare Wunde ziemlich gleichmüthig zu, wobei er sich erkundigte, woher der Alte den Schnitt habe, legte dann einen Verband um, betrachtete sich die Bißwunden, ließ sie auswaschen, verordnete kalte Umschläge und ließ sich dann von dem Haushofmeister ein Zimmer anweisen. Er wollte hier übernachten, falls die Frau Gräfin noch einmal nach ihm verlangen sollte.

Der alte Förster fühlte sich indeß durch das Zunähen der Wunde und den Verband sehr erleichtert; er ließ sich noch ein Glas Wein geben, um sich ein wenig zu stärken, und verlangte dann nach seinem Forstgehülfen.

Während er so da lag, war ihm doch die Sache mit dem Schuß, und daß er nachher noch ein Rascheln in den Büschen gehört hatte, im Kopf herumgegangen. Wenn er den Menschen nun doch, obgleich er blind in den Busch gefeuert und tief gehalten, getroffen? Der Forstgehülfe stand noch draußen und besprach die Familienverhältnisse mit einem der Lakaien, der höchst entrüstet über die Flucht war, denn das Kammermädchen schien Eindruck auf ihn gemacht zu haben, und nicht ihm einmal hatte sie sich entdeckt!

»Herr Förster, Sie haben nach mir verlangt!«

»Ach, Wenzel, sind Sie das? Stopfen Sie mir erst einmal meine Pfeife; sie steckt in der linken Rocktasche und der Tabaksbeutel in der rechten.«

»Ja wohl, Herr Förster.« Die Pfeife wurde gestopft und gebracht. Wenzel zündete einen Fidibus an, aber das Rauchen wollte nicht recht gehen. Hatte die Pfeife keinen Zug, oder that ihm dabei die Backe so weh? Der Forstgehülfe selber probirte, sie zog vortrefflich; der Förster nahm sie noch einmal zwischen die Lippen, aber es ging nicht. Er seufzte tief auf und gab sie Wenzel zurück.

»Rauchen Sie sie selber, Wenzel,« sagte er traurig; »es geht nicht. Der verfluchte Maulwurfsfänger!«

»Und weiter soll ich nichts?« fragte der Forstgehülfe, der, dem Auftrag gehorsam, die Pfeife zwischen die Zähne nahm.

»Doch Wenzel; setzen Sie sich einmal einen Augenblick hierher. Das Maul thut mir so weh, ich kann nicht laut sprechen. Nehmen Sie sich Jemanden mit einer Laterne mit, und gehen Sie auf den Platz zurück, wo Sie mich vorher gefunden haben. Das wissen Sie doch, wo das war?«

»Ja wohl, Herr Förster.«

»Gut, von da an gehen Sie auf meinem Schweiß zurück bis zu dem Fichtenstreifen, der am Hafer hinläuft. Sie können nicht fehlen, er muß überall auf den Büschen sitzen. Dort finden Sie eine Drahtschlinge, die der verdammte Halunke, der Maulwurfsfänger, gelegt hat, und ein Stück Wild darin; ich weiß nicht, was es ist, ich hatte keine Zeit, nachzusehen.«

»Der Lumpenkerl!« sagte der Forstgehülfe in gerechter Entrüstung – »ob ich's mir nicht immer gedacht habe!« und qualmte stärker.

»Halten Sie's Maul und hören Sie zu!« sagte der Förster – »gerade wo das Stück liegt, hab' ich gestanden, auf der andern Seite drüben und links hinein in die Fichten geschossen; die Schrote müssen noch in den Zweigen sitzen. Nehmen Sie sich lieber zwei Laternen mit, daß Sie besser sehen können, und suchen Sie mir die Fichten ab, ob ich den Lump nicht doch vielleicht zu Holz geschossen habe.«

»Glauben Sie, daß er etwas hat?«

»Ich weiß es nicht; hingehalten hab' ich – ein bischen tief – aber ich konnte nichts sehen; der Schweiß lief mir in's Auge und stockfinster war's auch, und der Kerl stak in dem jungen Holz drin – aber nachher hat's geraschelt; es ist doch möglich, daß ihm ein paar Schrote in die Beine gefahren sind – 's ist zwar nur Nummer sechs, aber ich möchte doch nicht gern, daß der Kerl die Nacht im Busch läge. Machen Sie, daß Sie fortkommen. Wenn Sie zurück sind, sagen Sie mir Antwort, dann will ich einschlafen.«

Der Forstgehülfe gehorchte dem Befehl; junge Burschen, die ihn begleiten wollten, waren noch genug da, und die Fackeln aufgreifend, welche schon vorher benutzt worden, schritt der kleine Trupp rüstig durch den Park, bis sie die Gegend erreichten, wo sie vorher den Förster gefunden.

Hier übernahm der Forstgehülfe die Leitung. Zuerst mußten sie noch eine kurze Zeit nach der wirklichen Stelle suchen, aber die war bald gefunden, denn in den erst am Nachmittag frisch geharkten Wegen waren die vielen Fußtritte deutlich erkennbar. Und dort lag auch die Blutlache. Hier über den Weg war der alte Mann herübergekommen, Blutzeichen fanden sich überall, die an den Kleidern niedergetropft; dort war er aus den Büschen herausgekommen, ein paar Zweige, an die er sich gehalten, fanden sie eingeknickt, niederhangend und voller Blut – überall hingen in der That die Spuren und führten deutlich zu dem Fichtenstreifen hinüber, wo der von dem gefangenen Wildkalb geschlagene Fleck ihnen schon von Weitem die Stelle zeigte.

»Himmelhund!« fluchte der Forstgehülfe, als er das verendete Thier, noch in der Schlinge festsitzend, fand und sich jetzt niederbog, um es frei zu machen und mit zum Schloß zu nehmen – »wenn ihm der Alte doch nur den.... vollgeschossen hätte!«

»Da knurrt ein Hund!« rief Einer der Leute. Alle horchten, und deutlich hörten sie jetzt aus den Büschen heraus einen menschlichen Ruf nach Hülfe.

»Da liegt er!« rief der Forstgehülfe, und sich rasch emporrichtend, griff er nach einer der Fackeln und preßte durch die Fichtendickung der Stelle zu, von der er den Ruf zu hören geglaubt. Er brauchte nicht weit zu gehen. Kaum zehn Schritt in den Fichten drin schlug ein kleiner Hund an, und dort fanden sie, bleich und mit Blut bedeckt, aber bei voller Besinnung, den Maulwurfsfänger, der hier den Schuß erhalten hatte und zusammengebrochen war.

»Hallo! wen haben wir da?« rief der Forstgehülfe, während er scheu vor dem Anblick zurückprallte und der Hund ein wüthendes Geheul ausstieß. Die dichten Büsche ließen auch kaum die Gestalt erkennen, denn die Fichtenzweige bogen sich von allen Seiten über ihn hin.

»Tragt mich zu Jonas hinüber,« bat der Unglückliche – »mir ist das Bein zerschossen, ich kann nicht mehr!«

Der Vorschlag war in der That vernünftig. Des alten Gärtners Haus lag kaum dreihundert Schritt von dort im Dickicht drin, während die Entfernung nach dem Schloß die dreifache gewesen wäre. In's Schloß hätten sie ihn aber überhaupt gar nicht schaffen dürfen; dort herrschte überdies schon Verwirrung genug, und wenn jetzt der angeschossene Mensch noch dazu gekommen wäre – das ging gar nicht. Der alte Jonas hatte aber oben in seinem Hause noch ein kleines Zimmerchen, das gar nicht benutzt wurde. Dort konnten sie ihn bequem unterbringen, und die einzige Schwierigkeit war jetzt nur, ihn aus dem Dickicht heraus auf den Weg zu schaffen. Der Forstgehülfe schüttelte mit dem Kopf. –

»Seid Ihr bös getroffen?«

»Das Bein ist ab – unter der Hüfte – die Geschichte ist aus.«

Der Jäger wollte etwas darauf erwidern, aber er fühlte selber, daß die Zeit dazu nicht passend wäre. Der arme Teufel schien hart genug gestraft, und jetzt blieb ihnen nichts weiter übrig, als ihm so rasch als möglich Hülfe zu bringen.

Einer der Leute – denn es waren deren mehr herausgekommen, als sie zum Fortschaffen brauchten – mußte gleich in's Schloß zurück, um den Ober-Medicinalrath zur Gärtnerwohnung zu begleiten, den anderen befahl der Forstgehülfe, der sich ziemlich gut zu helfen wußte, ihre Jacken auszuziehen und den Verwundeten, so gut es eben ging, hinein zu legen, während drei auf jeder Seite trugen. Er selber ging ihnen dabei mit seinem Beispiel voran und zog seinen Rock aus, und sie stellten dadurch eine erträgliche Bahre her, um den Verwundeten so schmerzlos als irgend möglich fortzuschaffen.

Zwei von den Leuten mußten vorangehen und die Büsche zurückbiegen; wie sie aber den Verwundeten aufgreifen wollten, fiel der Hund wie toll über sie her und biß nach ihnen.

»Ruhig, Spitz,« sagte der arme Teufel mit schwacher Stimme, »'s ist aus mit uns Beiden; zurück, Spitz, zurück, komm, mein Hund!«

Das kleine kluge Thier winselte kläglich und zeigte noch immer die Zähne; aber es war ordentlich, als ob es verstand, was sein Herr zu ihm gesagt, denn es widersetzte sich nicht mehr den fremden Männern, die den Hülflosen jetzt so sorgsam wie nur irgend möglich auffaßten und aus dem Busch hinaustrugen.

Sobald sie erst einmal den offenen Weg erreichten, ging es etwas besser, und der Maulwurfsfänger klagte auch nicht. Nur als sie ihn etwas weiter am Teich vorbeitrugen, stöhnte er: »Wasser – will mir Keiner einen Tropfen Wasser geben?«

Einer der Männer sprang hinunter und holte Wasser in seinem Hut, von dem der Verwundete gierig trank; dann lag er wieder still, bis sie das kleine, ziemlich einsam gelegene Haus erreichten und ihm dort, mit Laubstreu und einer wollenen Decke drüber, ein Lager zurecht machen konnten. Einer blieb oben, um die Nacht bei ihm zu wachen, denn man durfte ihn nicht hülflos dort zurücklassen.

Bald darauf kam auch der Ober-Medicinalrath, der, nachdem er die Wunde untersucht hatte, den Kopf bedenklich schüttelte.

»Heut Abend scheint ja hier auf dem Schloß der Teufel los gewesen zu sein,« sagte er, »und Ihr habt genug Unglücksfälle für ein ganzes Jahr. Haltet Euch still, Freund, das ist das Beste, was ich Euch rathen kann.«

»Ich werde bald still genug sein,« flüsterte der Alte.

»Nun, so arg ist's nicht,« beruhigte der Arzt; »ein Schuß in's Bein ist noch kein Schuß in den Leib, und ich denke, ich bringe Euch wieder auf die Füße. Wo seid Ihr zu Hause?«

»Fragt die Maulwürfe, die könnten's Euch eben so gut sagen; für jetzt wohne ich in Haßburg in der Färbergasse.«

»Ich will dafür sorgen, daß Ihr heut Abend noch bessere Pflege bekommt,« sagte der Ober-Medicinalrath, »denn nach der Stadt kann ich Euch mit dem Bein nicht transportiren lassen; wir müssen eine Entzündung vermeiden. Habt Ihr eine gute Natur?«

»Wie ein Pferd,« sagte der Alte.

»Gut, dann hoffe ich Euch durchzubringen; aber Ruhe und keine spirituösen Getränke, überhaupt keine Aufregung. Diese Nacht macht ihm kalte Umschläge; ich will sehen, vielleicht bekomme ich noch Eis in der Stadt und schicke Euch davon heraus. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, Herr Doctor!« sagte der Maulwurfsfänger, schloß die Augen und legte sich auf seinem Lager zurück. – –

Unten im Schloß war die Gräfin in dem Zimmer, in welchem der Graf lag, in fieberhafter Ungeduld auf und ab gegangen; aber der weiche Teppich ertödtete jeden Schall, so daß der Kranke, der wie schlafend lag, nichts davon hören konnte. Sie erwartete Nachricht von George, von Hubert, denn das Furchtbare war geschehen, ihre Tochter hatte sie vor den Augen der Welt compromittirt, aber das Furchtbarste konnte ihr doch nicht aufbehalten bleiben. Beide junge Leute waren den Flüchtigen nach, die kaum eine Viertelstunde, ja vielleicht nicht einmal zehn Minuten Vorsprung hatten, und Einer von ihnen mußte sie ja doch überholt haben.

Aber sie kamen nicht zurück; Minute nach Minute, Stunde nach Stunde verging, und vergebens horchte sie den klappernden Hufen eines der Pferde.

Der Ober-Medicinalrath kehrte zurück und erkundigte sich nach seinem Patienten. Er schlief, oder lag wenigstens regungslos auf seinem Sopha, wie er ihn vorher verlassen hatte, schien auch nicht zu hören, was um ihn her vorging, beantwortete wenigstens keine der an ihn gerichteten Fragen.

Der Ober-Medicinalrath wollte sich auf sein Zimmer zurückziehen und rieth der Gräfin, ebenfalls schlafen zu gehen. Bei dem Kranken konnte ja eine Wache zurückbleiben und sie augenblicklich rufen, sobald er etwas verlange; ihr selber würde diese unnöthige und gewaltsame Aufregung nur schädlich sein. Die Gräfin verweigerte es; sie wollte wachen, sie war nicht müde.

Der Ober-Medicinalrath zuckte die Achseln und verließ das Zimmer; e r war müde.

Wieder verging eine halbe Stunde – da hörte sie Hufschläge auf dem Pflaster des Hofes, die anhielten. Sie öffnete rasch das Fenster und horchte hinaus. Stimmen konnte sie hören, aber keine Worte unterscheiden. Sie klingelte, und es dauerte eine Weile, bis ein Diener kam.

»Wer ist da gekommen?«

»Graf Hubert.«

»Ich lasse ihn bitten, in das Empfangszimmer zu gehen.«

»Er ist schon wieder fort, Frau Gräfin,« sagte der Lakai.

»Schon wieder fort?«

»Ja, er fragte nur, ob Niemand zurückgekommen wäre, und dann, ob Graf George im Hause sei. Als wir das verneinten, sprang er aus dem Sattel, warf Einem der Stallleute den Zügel zu und schlug rasch den Weg nach der Stadt zu Fuß ein.«

»Und Graf George, mein Sohn, ist noch nicht zurückgekehrt?«

»Nein, Frau Gräfin.«

»Was waren das für Leute mit Fackeln, heut Abend?«

»Der Förster hat einen Wilderer erwischt und auf ihn geschossen, den alten Maulwurfsfänger, der immer in den Park kam, und dem Förster hat er das ganze Gesicht mit dem Messer zerschnitten.«

»Der Maulwurfsfänger?«

»Ja, Frau Gräfin. Der Förster hat ihn in's Bein geschossen; er liegt oben beim tauben Jonas im Hause.«

Die Gräfin hörte schon gar nicht mehr, was er sprach. »Sobald mein Sohn zurückkehrt, werde ich gerufen,« sagte sie, »ich muß ihn sprechen, ehe er zu Bett geht. Der Haushofmeister soll dann einen Augenblick zu meinem Mann kommen; ich muß mich umziehen. Wo ist mein Kammermädchen?«

»Draußen, glaub' ich, Frau Gräfin; sie war vorhin in der Küche.«

»Sie soll in mein Zimmer kommen.«

Die Befehle waren rasch erfüllt, und die Gräfin zog sich hastig in ihr Zimmer zurück, um ihren Ballstaat mit einem einfachen Hauskleid zu vertauschen. Der Schmuck drückte sie, den sie trug, und das schwere Seidenkleid, dessen Rauschen ihr wie Hohn und Spott in den Ohren klang.

Kaum war sie umgekleidet, als Graf George auf müde gerittenem Pferd zurückkehrte. Es war indessen nahe an zwölf Uhr geworden.

Der Diener kam und meldete der Gräfin die Rückkehr ihres Sohnes, und die Dame sagte rasch: »Er soll in den Speisesaal kommen, ich will ihn sprechen.«

Noch zögerte sie einen Augenblick; aber der Graf schlief, wie es schien, fest. Er hielt die Augen geschlossen und athmete leicht. Sie bog sich über ihn und horchte seinen Athemzügen; er regte sich nicht, und leise verließ sie das Gemach, um George zu sprechen.

Dieser hatte indessen sein Pferd abgegeben und der Mutter Botschaft erhalten. Er betrat gleich nach ihr den Saal, dessen Tafel noch mit allem Geschirr, wie es die Gäste verlassen, gedeckt stand – wo hätten die Diener Zeit gehabt, es fortzuräumen? Nur das Silber war beseitigt und verschlossen, mit Ausnahme der schweren silbernen Armleuchter, von denen noch zwei auf dem Tisch brannten. Weder die Gräfin noch der junge Graf hatten ja zu Nacht gespeist, und das Essen mußte doch für sie bereit gehalten werden, wenn sie danach fragen sollten.

»Wo warst Du, George?« rief ihm die Mutter entgegen, wie er nur die Schwelle betrat. »Hast Du sie gefunden?«

George schüttelte finster mit dem Kopf. »In die Nacht bin ich hinein geritten,« sagte er, »was mein Pferd laufen konnte; hätte ich zufällig den rechten Weg getroffen, so mußte ich sie erreichen, ehe sie den ersten Meilenstein hinter sich wußten. Aber im Dorfe gehen vier Wege ab – ich habe keine Spur von ihnen entdeckt.«

»Und jetzt?«

»Ich bin nur zurückgekommen, um zu hören, ob Hubert sie vielleicht gefunden. Weit kann sie ja doch nicht sein, allein mit ihrem Kammermädchen.«

»Hubert ist zurück – umsonst! Und glaubst Du, daß sie allein gereist ist?«

»Nun, mit Bertha; Beide sind sie ja gesehen worden, wie sie durch den Park eilten.«

»Und weißt Du, wer im Wagen auf sie gewartet hat?«

»Im Wagen?« wiederholte George erschreckt.

»Jener Schauspieler Handor,« sagte die Mutter mit furchtbarer Ruhe.

»Handor?« schrie George emporfahrend.

»Still,« sagte die Mutter, »wir brauchen unsere Schande nicht selber in die Welt zu schreien, es wird das ohnedies zeitig genug von anderen Leuten geschehen!«

»Aber es ist nicht möglich,« rief George aus, der sich indessen auf die Einzelheiten besann – »Handor spielte heut Abend in der nämlichen Zeit, in der Paula entfloh, in der Stadt den »Hamlet«, und das Theater ist keinesfalls vor zehn Uhr aus gewesen, ja, kaum dann, da ich mich erinnere, daß auch noch in den Zwischenacten etwas angezeigt war.«

»Ich habe den Brief, den mir Paula zurückgelassen, verbrannt,« sagte die Mutter kalt; »sie nennt darin mit einfachen Worten ihren Verführer. Möglich aber, daß sie allein von hier fortgefahren, wenn er wirklich gespielt hat, um sich dann nach der Vorstellung irgend ein Rendezvous zu geben und gemeinschaftlich ihre Reise fortzusetzen; aber in dem Wagen hat ein Herr gewartet.«

»Im Wagen?«

»Der Gärtnerbursche hat ihn selber gesprochen.«

George ging mit gekreuzten Armen im Saale auf und ab. Auf dem Tisch, neben den beiden zurückgelassenen Gedecken standen noch mehrere Flaschen Wein. Er nahm die eine und goß in ein Wasserglas ein; aber er sah nicht, was er ausgoß, so flimmerte es ihm vor den Augen, und die rothe Fluth schoß über das Tischtuch. Dann stürzte er den Inhalt des Glases hastig hinunter.

»Gute Nacht, Mutter!«

»Wo willst Du hin?«

»Noch einmal fort; ich habe mir nur den Schimmel satteln lassen und muß vor Tag wenigstens die Spur haben. Das darf nicht sein, das darf nicht sein, es ist zu furchtbar!«

»Und welchen Zweck hast Du dabei?«

»Welchen Zweck?« rief George erstaunt. »Dir Deine Tochter wieder zuzuführen – die Ehre unseres Hauses zu retten!«

»Ich habe keine Tochter mehr!« sagte die Gräfin mit eisiger Kälte. »Und die Ehre unseres Hauses? Glaubst Du, daß es morgen in der Stadt noch e i n e Dienstmagd giebt, die nicht am Brunnen die Ehre unseres Hauses bespräche?«

Ehe George etwas darauf erwidern konnte, öffnete sich plötzlich die Thür, und der alte Graf, mit einem Antlitz, das auch jeder Blutstropfen verlassen hatte, und gläsernen, stieren Augen, betrat den Saal.

»Mein Vater!«

»Bitte, meine verehrten Herrschaften, behalten Sie Platz!« sagte der alte Herr mit markerschütternder Freundlichkeit; »meine Paula wird gleich erscheinen – nur ein leichtes Unwohlsein.«

»Großer, allmächtiger Gott,« stöhnte George und barg das Antlitz in den Händen, »das ist schrecklich!«

Der alte Graf ging zum Tisch, setzte sich dort auf einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hand; während er aber so da saß, liefen ihm die großen, hellen Thränen an den Wangen nieder.

»Mein lieber, lieber Vater!« rief George, sprang zu ihm und umschlang ihn mit den Armen.«

»George,« rief der alte Mann und sah ihn an, »bist Du mir noch geblieben?«

»Mein guter Vater, darf ich Dich jetzt zu Bett geleiten?«

»Ja, geh zu Bett, George,« drängte auch die Frau, »die Ruhe wird Dir gut thun; es ist spät geworden.« Und sie half ihm dabei von der andern Seite, um ihn vom Stuhl aufzuheben. Der alte Graf richtete sich aber von selber empor.

»Ja, Kinder,« sagte er, »ich will zu Bett gehen, ich bin recht müde geworden. Deinen Arm, George; so, das geht schon. Gute Nacht, Ottilie, gute Nacht!« Und mit festen Schritten verließ er, von dem Sohn gestützt, den Saal.