Eine Mutter

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 32 von 36

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Eine Mutter

30. Pfeffer dictirt einen Brief.

30.

Pfeffer dictirt einen Brief.

Wochen vergingen und Monate. Die rauhen Herbststürme traten ein, Schnee fiel, und der Winter deckte die freundlichen Hügel und Gebirgszüge um Haßburg mit seiner weißen Decke und die Wasser mit Eis, und noch hatte die Monford'sche Familie mit keinem Menschen in der Stadt wieder verkehrt, noch hatte die Gräfin selber die Stadt nicht wieder betreten, oder auch nur einen einzigen Besuch selbst ihrer früheren intimsten Freunde angenommen.

Der Zustand des Grafen schleppte sich freilich auch nur langsam hin: die früher eingetretenen Schlaganfälle hatten sich mehrfach wiederholt, und so sehr Beide gewünscht haben mochten, diesen Ort, der jetzt für sie so furchtbare Erinnerungen trug, zu verlassen und eine andere Gegend, ein wärmeres Klima zu ihrem Aufenthalt zu wählen, so schüttelte doch der alte Ober-Medicinalrath dazu auf das Entschiedenste den Kopf und beharrte dabei, daß der Graf jetzt an eine Reise gar nicht denken dürfe, wenn er sich nicht muthwillig der größten Gefahr aussetzen wolle. Ihm bliebe vor der Hand nichts weiter übrig, als abzuwarten, ob sich sein sehr bedenklicher Zustand bessern würde, wozu er die Hoffnung keineswegs aufgegeben habe. Träte der Fall ein, dann würde er selber eine Reise nach Italien oder einem andern warmen Himmelsstrich dringend anrathen.

Ganz verändert war indessen die Gräfin selber geworden. Wie sie früher die Pflege des Kranken fast ausschließlich der Dienerschaft überlassen hatte, so wich sie seit jenem Tag, an welchem sie das Gärtnerhaus besucht, fast nicht mehr von dem Lager des Gatten, und wachte, wenn sich sein Zustand dann und wann verschlimmerte, halbe Nächte neben seinem Bett. Sie war auch viel freundlicher mit den Leuten selber geworden, und sogar der alte Haushofmeister, der ihr seit jenem Abend, wo sie den Brief verbrannte, lange Wochen durch wohl ehrerbietig, aber doch wie scheu ausgewichen war, fing an sich ihr wieder zu nähern und Mitleid mit ihr zu fühlen, denn er, vor allen Anderen, sah und fühlte die Veränderung zum Besseren, die mit ihr vorgegangen. Fiel sie doch mit einer wahren Hast über alle Briefe her, die ihr gebracht wurden, und legte sie dann traurig und oft mit einer unterdrückten Thräne bei Seite, wenn keiner von ihnen mehr die jetzt so heiß ersehnten Schriftzüge des verlorenen Kindes trug.

Aber Paula schien verschwunden; kein Brief von ihr war mehr eingetroffen, keine Zeitung nannte Handor's Namen, keine Nachforschung, die sie im Geheimen, besonders durch den Ober-Medicinalrath, anstellen ließ, führte zu irgend einem Resultat. Sie mußte todt sein oder Deutschland verlassen haben, denn alle Nachfragen blieben fruchtlos.

In Haßburg selber hatte man die Monford'sche Familie, die für Wochen lang das Tagesgespräch gebildet, fast vergessen. Eine Zeit lang wurde die Erinnerung daran wohl noch durch die nach dem Tode des Maulwurfsfängers gegen den Förster eingeleitete Untersuchung aufgefrischt, und dieser auch wegen Tödtung – aber mit mildernden Umständen, da er selber dabei verwundet worden – zu zwei Monaten Gefängnißstrafe verurtheilt. Jetzt hatte er diese abgesessen und Niemand sprach mehr davon oder dachte noch daran. –

Freundlicher hatten sich indessen die Verhältnisse in der Pfeffer'schen Familie gestaltet.

Rebe's Erfolg am hiesigen Theater konnte als gesichert betrachtet werden, denn nach der Aufführung des Fiesco wagte sich keine Opposition mehr heraus – oder wurde vielmehr nicht mehr bezahlt und fiel deshalb von selbst weg. – Strohwisch hatte Haßburg verlassen, und Rebe bekam dadurch freien Raum und ehrliches Spiel, sich seine Stellung am Haßburger Theater zu erkämpfen, was er ehrenvoll that. Nacheinander, aber von dem vorsichtigen Director immer noch nur von Monat zu Monat engagirt, trat er in den bedeutendsten und schwierigsten Rollen auf und zeigte sich bald als ein so talent- und geistvoller Schauspieler, daß ihn das Publikum immer lieber gewann und ihm jetzt allabendlich die deutlichsten und lebhaftesten Zeichen seines Beifalls gab.

Aber trotzdem veränderte er seine Lebensart nicht. Seine Gage war schon jetzt eine sehr anständige, und er hätte mit Leichtigkeit ein besseres Quartier nehmen und besser leben können. Das Rechtlichkeitsgefühl aber, das ihn bisher geleitet, führte ihn auch weiter, und wenn er schon offen und ehrlich um Henriettens Hand bei den Eltern angehalten und ihre freudige Einwilligung erlangt hatte, weigerte er sich doch, Henriette früher heimzuführen, als er sich selber so viel Geld erspart habe, um seiner Frau eine freundliche und angemessene Heimath gründen zu können.

Jeremias erbot sich allerdings augenblicklich, ihm jede verlangte und nöthige Summe vorzustrecken, aber Rebe wies Alles, wenn auch freundlich und dankend, doch entschieden zurück. Er wollte sich selber und aus sich selber heraus seinen eigenen Herd gründen, und Henriette hatte ihn deshalb nur um so lieber.

Darin stimmte er aber ganz mit Pfeffer überein, daß er jetzt bei Krüger auch auf einen bestimmten und längeren Contract dringen müsse, denn das Provisorium hatte lange genug gedauert. Rebe schrieb auch deshalb an Krüger, und heute war eine schriftliche Antwort eingelaufen, worin sich der Director in den schmeichelhaftesten Ausdrücken erbot, einen fünfjährigen Contract mit Rebe als erstem Liebhaber und Helden einzugehen, und ihm ein Concept desselben unter sehr annehmbaren Bedingungen beilegte.

Rebe hatte augenblicklich zustimmen wollen, Pfeffer that aber Einspruch und behauptete, daß in einer so wichtigen Angelegenheit auch nothwendiger Weise großer Kriegsrath gehalten werden müsse. Außerdem sei es nicht einmal gerathen, diesem »Blutsauger«, wie er seinen Director im vertraulichen Gespräch gewöhnlich nannte, zu zeigen, daß man augenblicklich zuschnappe, sobald er einen Brocken hinhielt. Er müsse zappeln, er müsse eine Zeit lang in Ungewißheit gehalten werden, dann erst dürfe man hoffen, auf einen andauernd guten Fuß mit ihm zu kommen; sonst setze er seinen Schlachtopfern doch augenblicklich wieder den Daumen auf's Auge.

Rebe wollte dagegen protestiren, aber es half ihm nichts; er wurde gerade nicht überstimmt, aber von Pfeffer überschrieen, und willigte endlich lächelnd in einen »großen Rath«, der an diesem Nachmittag bei Pfeffer zusammenkommen und Rebe's Entschluß bestimmen solle.

Pfeffer's Schwester, die sich merkwürdig in den letzten Monaten erholt hatte und schon tüchtig wieder im Hause wirthschaftete, arrangirte mit Jettchen einen großen Kaffee, und selbst Fräulein Bassini war dazu eingeladen worden und erschien, eine halbe Stunde vor der Zeit, im höchsten Staat und Putz, so daß Pfeffer augenblicklich in sein Zimmer stürzte, den alten Schlafrock abwarf, ein weißes, allerdings etwas »mitgenommenes« Halstuch umband und in seinen alten blauen Frack mit blanken Knöpfen hineinfuhr, dazu ein Paar schmutzige Glacéhandschuhe anzog, seinen Cylinderhut aufsetzte und der Schwester nun, in der linken Hand die lange Pfeife und an den Füßen noch immer die grüngestickten Schlapp-Pantoffeln, entgegen ging, um sie höchst förmlich zu begrüßen.

Pfeffer hielt denn auch, als Alle versammelt waren, in diesem Costüm seinen Vortrag, und Jeremias saß dabei und lachte, fing aber an mit dem Kopf zu schütteln, als sein Schwager Rebe aufzuhetzen begann, den Contract zurück zu weisen und höhere Bedingungen zu fordern. Die Gage war nämlich von Krüger selber so hoch gestellt, wie sie nur Haßburg mit seinen bescheidenen Verhältnissen zahlen konnte, und Jeremias protestirte heftig gegen jede solche Überschreitung des Möglichen. Pfeffer gab endlich nach.

»Gut, Kinder,« sagte er, während Fräulein Bassini daneben saß und an einem entsetzlich langen, brennend rothen Strumpf strickte, »ich habe nichts dagegen, wenn Rebe denn für eine solche Lumpengage bleiben soll, wo er in Berlin und Wien das Doppelte bekommen könnte...«

»Wenn nicht dort alle Stellen besetzt wären, Herr Pfeffer...«

»So habe ich auch nichts dagegen,« fuhr Pfeffer fort, »aber in Einer Sache müßt Ihr mir folgen – Rebe muß ihm einen derben Brief schreiben, in dem er den Contract allerdings annimmt, aber diesem Blutegel, diesem Krüger, auch zu verstehen giebt, daß er ihn durchschaut und sich seines Werthes vollkommen bewußt ist.«

»Aber, bester Herr Pfeffer,« sagte Rebe, »ich bin nicht im Stande einen Brief zu schreiben, in dem ich etwas Anderes sagen soll, als ich wirklich denke.«

»Dann werde ich Ihnen dictiren,« rief Pfeffer.

»Aber, Fürchtegott...« bat die Frau.

»Mach' mich nicht böse,« rief aber Pfeffer jetzt gereizt, »setzen Sie sich dahin, Rebe, dort liegt ein Briefbogen und Feder und Tinte, und fangen Sie an!«

»Aber willst Du das nicht lieber m i r dictiren, Onkelchen?« bat Henriette, »Horatius kennt doch noch nicht so genau Deine Art und Weise.«

»Ach was, Art und Weise – er muß sich hinein finden, und so viel Verstand wird er doch wohl haben! Schreiben Sie, Rebe!«

Seine Schwester Auguste saß dabei und schüttelte lächelnd den Kopf, aber sie sagte kein Wort; ja, als Jeremias auch dagegen reden wollte, faßte sie nur seinen Arm und flüsterte: »Laß ihn nur machen! Er will nun einmal seinen Willen haben; das Jettchen wird schon Alles wieder in die Reihe bringen!«

Rebe schien nicht halb damit einverstanden, aber er mochte Pfeffer auch nicht böse machen, setzte sich also an den Schreibtisch, rückte sich den Bogen zurecht, tunkte die Feder ein und sagte: »Also, Herr Pfeffer?«

Fürchtegott Pfeffer ging noch immer – eine höchst possirliche Gestalt – mit seinem Frack und den grüngestickten Pantoffeln, wie der langen Pfeife – in der Stube auf und ab und blies den Rauch in kleinen hellen Wolken von sich.

»Sind Sie so weit?«

»Ja!«

»Gut! so fangen Sie an. Überschrift: Herrn Director Krüger hier, – Mohrengasse 42, erste Etage, rechts, – erste Etage, rechts. Haben Sie rechts?«

»Nur weiter, ich komme schon mit!«

»Also – Schafskopf...«

»Aber, Herr Pfeffer,« sagte Rebe und sah verwundert zu ihm auf.

»So schreiben Sie doch nur, ich verliere ja sonst den Faden.«

Rebe schüttelte mit dem Kopf, und Henriette stand, mit der Hand seine Stuhllehne gefaßt, und sah ihm lächelnd über die Schulter.

»Schreibe nur – schreibe,« flüsterte sie, und ein eigener Zug von Muthwillen zuckte ihr dabei über das liebe Antlitz.

»Haben Sie Schafskopf?«

»Ja, Herr Pfeffer!«

»Haben Sie endlich eingesehen, was ich Ihnen hier bin und leiste...«

»Aber,« wollte Rebe wieder remonstriren, Jettchen hielt ihm jedoch rasch den Mund zu und flüsterte wieder: »Schreibe nur!« Er wurde gar nicht klug aus ihr. Den Brief konnte er doch nicht dem Director schicken, das ging ja unmöglich an.

»Was ich Ihnen hier bin und leiste – haben Sie das?«

»Leiste,« wiederholte Rebe kopfschüttelnd.

»Das Lumpengeld, was Sie mir bieten, ist freilich kaum die Hälfte dessen, was ich verdiene...«

Rebe schrieb jetzt – er wollte wenigstens einmal sehen, was daraus würde, war aber fest entschlossen, nie in dieser Weise selber zu antworten.

»Haben Sie verdiene?«

»Verdiene...«

»Und in den zwei Monaten Urlaub, die Sie vernünftiger Weise eingeschoben...«

»Eingeschoben,« sagte Rebe.

»Werde ich das Dreifache herausschlagen – aber ich komme doch in der Zeit...«

»In der Zeit...«

»Aus der Schmiere hier fort...«

Rebe lachte, aber er schrieb weiter.

»Ich fühle, daß Sie mir mit dem Contract das Fell über die Ohren ziehen – über die Ohren ziehen – aber ich hoffe doch mit – dem Gelde auszukommen – Hol' Sie der Deubel – so, und nun Ihren Namen darunter.«

»Und den Brief soll ich fortschicken?«

»Gewiß!« nickte Pfeffer. – »Aber nun lesen Sie mir erst einmal vor, was Sie geschrieben haben.«

Rebe las: »Sie Schafskopf!«

»Ach, Donnerwetter – Unsinn!« rief Pfeffer.

»Ja, aber das haben Sie mir doch dictirt!«

»Aber Sie müssen doch,« brummte Pfeffer, – »den Teufel auch, Sie haben ja gar keinen Begriff vom Briefschreiben – da weiß Jettchen besser mit umzugehen – na, lesen Sie nur weiter!«

»Haben Sie endlich eingesehen,« las Rebe, »was ich hier bin und leiste? Das Lumpengeld, das Sie mir bieten...«

»Schwerenoth,« schrie Pfeffer und riß ihm das Blatt aus der Hand, »das wollen Sie doch nicht an den Director schreiben! Jettchen, setze Du Dich einmal hin – der Mensch ist so kindlich, als ob er gerade aus der Schule käme – Sie möchte ich zum Secretär haben!«

»Ja, lieber Onkel,« lachte Jettchen, und nahm Rebe's Platz ein, »nun dictire Du m i r einmal.«

»Also, bist Du fertig?«

»Alles bereit.«

Pfeffer, Rebe's Brief in der Hand, dictirte nun dem jungen Mädchen genau dasselbe, was auf dem Blatte stand, und Jettchen schrieb. Als er wieder mit »Hol' Sie der Deubel« schloß, nickte Jettchen und stand auf.

»So, nun lies einmal vor.«

Jettchen las: »Hochverehrter Herr!«

Pfeffer nickte, »das klingt schon besser!«

»Recht herzlich freue ich mich, daß Sie Ihre Zweifel endlich besiegt haben und mir vertrauen. Ich nehme den mir gebotenen Contract mit Dank an und bin Ihnen besonders für den zweimonatlichen Urlaub verpflichtet, den ich nicht allein dazu benutzen kann, andere Bühnen zu sehen und dort mein Glück zu versuchen, sondern mich auch noch weiter auszubilden. Ich fühle, daß Sie mir mit dem Contract...«

»Das Fell über die Ohren ziehen,« sagte Pfeffer.

»... ein ehrendes Zeugnis meiner bisherigen Leistungen geben,« las Jettchen, »und hoffe auf ein recht freundliches künftiges Zusammenleben mit Ihnen und meinen Collegen.«

»Hol' Sie der Deubel,« nickte Pfeffer vergnügt.

»Hochachtungsvoll,« las Jettchen, »Ihr ergebenster Horatius Rebe.«

»Bravo!« rief Pfeffer, »der Brief hat Hand und Fuß. Sehen Sie, Rebe, von dem Mädel können Sie noch 'was lernen!«

»Ja, aber mein bester Herr Pfeffer,« lachte Rebe, »wenn Sie sagen: Hol' Sie der Deubel...«

»Meine ich immer »hochachtungsvoll«,« rief Pfeffer – »das versteht sich doch von selbst und sieht ein Kind ein!«

Jeremias hatte ruhig dabei gesessen und sich vortrefflich über Pfeffer's Briefdictiren amüsirt, als es plötzlich anklopfte und auf sein »Herein« ein Bedienter in Livrée auf der Schwelle erschien. Jeremias kannte übrigens die Livrée, es war die des Grafen Rottack.

»Sie entschuldigen – ist Herr Stelzhammer hier zu – ah,« unterbrach er sich, als er den kleinen Mann erkannte und ihm einen Brief überreichte – »wären Sie so freundlich, mir Antwort zu sagen?«

Jeremias brach den Brief auf. Er enthielt nur wenige Zeilen, in denen ihn Graf Rottack bat, sie doch, sobald es irgend anging, zu besuchen, da er dringend weitere Auskunft wünsche.

»Ist der Herr Graf jetzt zu Hause?«

»Allerdings, und wartet jedenfalls, bis ich ihm Antwort bringe.«

»Schön – dann sagen Sie ihm, ich würde gleich kommen.«

»Sehr wohl, Herr Stelzhammer,« und der Diener entfernte sich.

»Wegen der Geschichte?« fragte Pfeffer, als er fort war.

»Jedenfalls,« nickte Jeremias – »und hast Du nichts weiter von der Sache gehört?«

»Nichts weiter, als was die Lise erzählt hat.«

»Mit Handor?« meinte diese, »das ist sicher; die Ronelli, die vor einiger Zeit in Prag gastirte, jetzt aber schon lange wieder von da fort ist, hat mir selber geschrieben, daß er unter einem andern Namen dort aufgetreten, aber durchgefallen wäre. Wo er aber jetzt stecken mag, weiß Gott!«

»Und wie lange ist das her?«

»Ja, das schreibt sie nicht.«

»Kennen Sie denn Niemanden in Prag?«

»Keine Seele – wenn nur der Mauser noch hier wäre – der hat Verwandte in Prag und könnte es von dort gewiß leicht erfahren.«

»Der Mauser? – der Souffleur? Ist denn der fort?«

»Oh, schon über sechs Wochen – er hatte ja einen Zank mit dem Director und ging damals ab. Natürlich aber hat Keiner von uns je wieder etwas von ihm gehört.«

»Wenn ich den Brief nur einmal bekommen könnte,« sagte Jeremias.

»Es steht weiter nichts davon drin,« versicherte Fräulein Bassini. »Die Ronelli ist ja in Prag nur dreimal aufgetreten und dann nach Schwerin gegangen, und schrieb mir auch das Wenige nur, weil sie glaubte, daß es mich interessiren könne. Wenn nur der Mauser noch da wäre, der könnte uns gewiß weitere Auskunft verschaffen. Doch was liegt daran, wo sich der Lump, dieser Handor, jetzt aufhält, und ich möchte wirklich wissen, was der Graf mit dem zu schaffen hat.«

»Ich will wenigstens hören, was er verlangt,« sagte Jeremias, seinen Hut aufgreifend. »Sobald ich kann, komme ich zurück.«

Er fand den jungen Grafen Rottack schon seiner harrend, und dieser kam auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und rief: »Mein lieber Jeremias, ich bin Ihnen unendlich dankbar für Ihre Freundlichkeit. Wir haben Sie sehnsüchtig erwartet!«

»Mein bester Herr Graf!«

»Kommen Sie herein – Helene ist auch drin und will Sie sprechen – wir müssen zusammen berathen, was zu thun ist.«

Helene begrüßte den alten Freund in der That auf das Herzlichste – aber wie bleich und leidend sah sie aus – wo war das Feuer und Leben geblieben, das sonst aus ihren guten Augen sprühte – wie wehmüthig lächelnd reichte sie ihm die Hand, und wie ängstlich drängte sie danach, die Sache erledigt zu sehen, die jetzt ihre ganze Seele in Anspruch nahm: das Schicksal der armen Paula.

Rottack unterstützte sie darin. »Die Nachricht, die Sie uns neulich gaben, Jeremias,« rief er aus, »hat Bestätigung erhalten. Ich habe augenblicklich nach Prag an einen Freund geschrieben, und heute Morgen kam die Antwort. Ein Schauspieler, der sich dort Boslaw nannte und in Prag auftrat, scheint allerdings dieser unglückselige Handor zu sein, der jene Gegend jetzt unter einem falschen Namen bereist, möglicher Weise, um seinen Gläubigern keine Spur seines Aufenthalts zu geben. Das Gerücht nannte dort wenigstens jenen Namen.«

»Und wo steckt er jetzt? Ist er noch in Prag?«

»Das weiß Gott,« seufzte Felix – »von Prag scheint er fort zu sein.«

»Er kann es nicht gewesen sein,« rief Helene, »die Beschreibung jener Person, die er bei sich hatte, paßt doch wahrhaftig nicht auf Paula.«

»Hatte er Jemanden bei sich?« sagte Jeremias.

»Allerdings,« nickte Felix, »dieser Boslaw soll mit einem Frauenzimmer gereist sein, das er für seine Frau ausgab – eine kleine dicke Person, anscheinend eine Böhmin – aber Gott weiß, was da vorgegangen ist!«

»Es ist nicht möglich!« rief Helene unter vorquellenden Thränen.

»Frau Gräfin,« sagte Jeremias, »es ist Alles möglich auf der Welt, besonders das; denn daß sich eine anständige Dame nicht lange mit diesem – Lump glücklich fühlen konnte, war vorauszusehen. Aber was wollen Sie jetzt thun?«

»Sie sollen uns helfen, Jeremias!« rief Graf Rottack.

»Ich? – Aber wie?«

»Sie sind mit den Verhältnissen am Theater bekannt. Sie haben hier eine Menge von Leuten kennen gelernt und können dort rasch neue Bekanntschaften anknüpfen. Ich würde selber reisen, aber ich darf jetzt meine arme Helene nicht allein lassen; so thun Sie uns die Liebe und machen Sie den Versuch, ob Sie nicht an Ort und Stelle etwas Näheres erfahren können. Daß Sie praktisch sind, weiß ich – Sie werden nichts versäumen, und an Geld steht Ihnen zu Gebot, was Sie brauchen.«

»Mein lieber Herr Graf,« sagte Jeremias verlegen, »das ist eine ganz eigenthümliche Sache, und ob ich gerade zu so etwas passe, weiß ich wahrhaftig nicht. Wirklich den Fall gesetzt, daß ich sie finde, was kann ich thun? Wenn die junge Gräfin bei ihrem jetzigen Manne bleiben will, wie kann ich als ein vollkommen fremder Mensch sie daran hindern, und ihr Mann würde mich erst recht ansehen, wollte ich sie nur danach fragen. Ich glaube, ich geriethe da in eine höchst unglückliche Situation und müßte jedenfalls wieder unverrichteter Sache abziehen.«

»Sie sollen nichts thun, Jeremias,« rief Helene bittend, »als den Thatbestand erforschen – nur uns Gewisses über dort berichten, denn wir kennen keinen Menschen, auf den wir uns so fest verlassen könnten, als auf Sie.«

»Hm, das ließe sich schon eher hören,« nickte Jeremias, »abkommen könnte ich jetzt hier; was ich zu thun hatte, ist besorgt, und wenn ich wüßte, daß Ihnen damit ein Gefallen geschähe...«

»Ich würde Ihnen ewig dankbar dafür sein,« rief Helene.

»Topp! ich reise,« sagte Jeremias entschlossen – »Ihnen, Frau Gräfin, habe ich noch nie 'was abschlagen können, das wissen Sie wohl von alten Zeiten her – Apropos nichts wieder von Santa Clara gehört?«

»Wir haben Briefe erhalten,« sagte Felix, »aber es steht nichts darin, was Sie interessiren könnte – ausgenommen, daß die Colonie unter Sarno's Führung blüht und gedeiht und – ja, doch das Eine – daß Baron Jeorgy plötzlich verschwunden ist!«

»Durchgebrannt,« lachte Jeremias, – »nur ein Wunder, daß er sich so lange gehalten hat.«

»Und Director Sarno hat sich verheirathet,« sagte Helene.

»Hurrjeh!« rief Jeremias voller Erstaunen, indem er blitzschnell herumfuhr – »ob ich's ihm nicht immer prophezeit habe! Aber wen?«

»Ein junges, braves Mädchen, die Tochter eines Colonisten, die mit ihren Eltern einen der furchtbaren Parcerie-Verträge im Norden durchgemacht hatte,« sagte Felix.

»Und es geht ihm gut?«

»Vortrefflich – aber jetzt, Jeremias, ist keine Zeit mehr zu versäumen. Wenn Sie uns wirklich die Liebe erzeigen wollen, so müssen Sie unverweilt aufbrechen. Sind Sie mit warmen Kleidern versehen?«

»Hinlänglich – ich habe mich noch immer nicht wieder an die Kälte gewöhnen können und friere mordmäßig.«

»Und bei Ihnen zu Hause geht Alles gut?«

»Danke, ja! Meine selige Frau ist wieder ganz auf dem Zeug.«

»Ihre selige Frau?« lachte Helene.

»Ach ja so,« sagte Jeremias erschreckt; »weiß der liebe Gott, wie es kommt, aber das Wort fährt mir immer heraus. Es ist mir in einem fort, als ob mir die Frau schon einmal gestorben und jetzt erst wieder neu geboren wäre. Aber was kann's helfen,« setzte er seufzend hinzu, »geschehen ist nun einmal geschehen, und das einzige Glück, daß ich doch jetzt im Stande bin, Manches gut zu machen, was ich früher verdorben. Nachher gehe ich wieder nach Brasilien.«

»Sie wollen zurück?« rief Helene erstaunt.

»Es wird sich nicht anders machen – was soll ich hier, wenn ich das Mädel versorgt weiß – aber jetzt haben wir Anderes zu denken,« brach er kurz ab, »und, wie gesagt, wenn ich Ihnen damit dienen kann, brech' ich die Nacht noch auf – viele Vorbereitungen habe ich überdies nicht nöthig.«

»Und tausend Dank im Voraus,« rief Rottack, ihm die Hand herzlich schüttelnd, »Sie glauben nicht, welche Last Sie mir dadurch von der Seele nehmen.«

»Und wie heißt der Herr, der Ihnen von dort geschrieben?«

»Kommen Sie jetzt mit in mein Zimmer, Jeremias,« sagte der junge Graf, »dort gebe ich Ihnen alle in meinem Besitz befindlichen Notizen, und sobald Sie dort etwas Näheres erfahren, telegraphiren Sie augenblicklich.«

Jeremias bedurfte keiner großen Unterweisung, denn er fand sich außerordentlich leicht in Alles, also auch in das, was hier von ihm verlangt wurde. Dann ging er noch einmal zu Pfeffers, um diesen anzuzeigen, daß er auf acht oder zehn Tage verreisen werde, packte nachher seinen Koffer und erwartete dann unten auf dem Bahnhof den Abendzug, der zwischen neun und zehn Uhr durchkam.