Eine Stunde hinter Mitternacht
Der Inseltraum.
Inhalt
Der Inseltraum 1
Albumblatt für Elise 29
Die Fiebermuse 31
Incipit vita nova 36
Das Fest des Königs 39
Gespräche mit dem Stummen 63
An Frau Gertrud 70
Notturno 76
Der Traum vom Ährenfeld 82
Der Inseltraum.
Eine langhin gewölbte, sanfte Welle hob meinen Kahn mit dem gerundeten
Bug auf das Gestein. Ein schiffbrüchiger Träumer verliess die Ruderbank und
dehnte die Arme dem stummen Lande entgegen. Mein purpurner Mantel war
mürbe geworden und warf von den Hüften abwärts weiche demütige Falten.
Meine Arme und mein Hals waren von Rudern und Fasten mager geworden,
mein Haar war lang gewachsen und bog sich in dichter Fülle in den Nacken. In
dem dunkelgrünen, stillen Gewässer der Bucht lag mein Spiegelbild gebreitet,
und ich sah, dass auf der langen Fahrt alles an mir anders geworden war,
brauner, schlanker und biegsamer. Auf meinen Wangen hatten grausame Stunden
Denkmale ihrer Gefahren und Niederlagen und Überwindungen geschaffen. Alle
Morgen ohne Sonne, an denen ich mit wunden Gliedern an mein Fahrzeug
geklammert hing, alle Stürme, die mir die Abgründe des Meeres zeigten, hatten
sich mir in Ecken und Furchen mit tiefer Schrift auf Wangen und Hals
geschrieben.
Aber meine Augen standen klar in weiten Höhlen, mit wachsamen
Kinderblicken. Sie hatten viele Nächte durchwacht und nach den ewigen Sternen
gesucht und die farbigen Nächte des Meeres aufmerksam durchdrungen nach
aufsteigenden Segeln oder Gestaden. Sie hatten viele Tage lang keinen Staub
gesehen und selten nur mit lächelnder Sehnsucht von ferne das Grün
vorübergleitender Wälder und den Rauch aus fernen, verborgenen Städten
gestreift. Nun lachten sie hell und gross mich aus dem glatten Spiegel an. Und
nun tranken sie den lange entbehrten Anblick der weissen Steine, der
bräunlichen Erde, der Gräser und Gebüsche. Ich sah die Luft um die Gebüsche
wie einen feinen, weisslichen Rand, denn ich war lange der Luft entwöhnt,
welche über Erde und Grünem ist. Meine Nüstern sogen mit scheuer Lust den
vollen, zärtlichen Duft der Wiese und des nackten Bodens, und mein Fuss trat
stark und schonend zugleich auf das köstliche Gut des festen Erdreiches.
Ein Wind kam lässig vom Lande zu mir geflogen. Er trug einen Geruch von
Waldkraut und einen leisen Duft aus entfernten Gärten. Da reckte ich in süsser
Wonne ihm beide Arme weit entgegen und fühlte mit Lust seinen weichen
Hauch meinen Fingern und Händen entlang und an meinen Schläfen hin gleiten, die der schneidenden Seewinde gewohnt waren.
Ich zog mein graues Boot auf den Sand und strich mit der Rechten über die
harte Wölbung des Bordes, die von meinen klammernden Händen geglättet war.
Darauf wandelte ich landeinwärts bis zu dem hohen Gebüsche, das dicht und
ringförmig wie eine Mauer stand und sich weiter erstreckte, als meine Blicke
reichten. Ich ging der grünen Hecke entlang und freute mich des warmen,
bläulichen Schattens, der von grüngoldenen Lichtern durchwirkt war. Mein
Gang führte über eine Wiese mit weichen Gräsern, welche allmählich höher
wurden und mit seidenen Blüten meine Kniee berührten. Die grasige Fläche lag
im hellen Sonnenlicht, nur der Rand, den ich entlang schritt, war von den hohen
Büschen mit einem gleichmässigen Schattenbande gesäumt.
Indem ich weiter schritt und eine linde Müdigkeit meine Kniee leicht befing,
that sich zu meiner Linken ein schmaler Eingang, einem Thore ähnlich, in die
Gebüsche auf. Ich erblickte ein grünes Dunkel, von einem Muschelpfad
durchschnitten, und im Hintergrunde ragende Baumkronen. Der Eingang aber
war durch eine künstlich gewundene Blumenkette verboten. Ich stand eine
Weile, und meine Augen badeten sich in dem zarten Dämmer und erfreuten sich
an der Stufenfolge sanfter Farben. Denn von der lichtgrünen Hecke bis zu den
halbsichtbaren Geheimnissen des innersten Haines zerfloss das Grün in tausend
Schatten; das Auge folgte begierig dem mählich vertieften Dunkel bis zu den
entferntesten, braunen Waldfarben und kehrte mit neuer Lust zu dem gelblichen
Licht der besonnten Wiese zurück.
Ich löste die Blumenkette in fröhlichem Übermut von den rundköpfigen
Pfeilern, dass der Eingang offen lag, und schlang das rot und weisse Gewinde
um Hals und Hüften, so dass ich wie zu einem Sommerfeste geziert war. Darauf
ging ich behutsamen Schrittes dem halben Dunkel entgegen. Ich fand ein
genaues Kreisrund aus dem Dickicht geschnitten, mit dichten Wänden von
jungen Stämmen und Büschen, und auch der schmale Pfad war künstlich durch
das wilde Gehölz gehauen. Durch die Wipfel überhängender Bäume sank ein
braun und grünes Licht. In dem runden Aushau war die Erde mit hellem Sande
bestreut, und zwei schmale, halbrunde Sitzbänke aus Marmor standen einander
gegenüber. Eine tiefe Waldstille lag darauf. Ich wandte mich und folgte dem
Pfad, der in die Tiefe des Haines führte. Mein Haupt ward von dem
ungewöhnten Dufte schwer und ich hörte das Klingen meines raschen Blutes.
Als ich einige Zeit gegangen war, wuchs die Schwere meiner Kniee, und ich
ersehnte einen Ort zu ruhen. Indem bog sich mein Weg und wurde breiter, und
die auf beiden Seiten schnell zurücktretenden Waldwände gönnten den Anblick
eines lichten Raumes, welcher sich weit ausdehnte und wie ein Garten
anzusehen war. Viele breite und schmale Wege, oft von Gebüsch gesäumt, schlangen sich um Rasenflächen und um Beete, in welchen Rosen und andere
vielfarbige Blumen in Pracht und Fülle wohlgepflegt und ohne braune Blätter
standen. In der Mitte des ebenen Gartens erblickte ich edle Gruppen alter
Bäume, hinter denen ein Bau, Palast oder Tempel, aus Marmor in dämmerndem
Weiss sich zeigte.
Eine niedrige Bank, von grossen Cypressen ganz beschattet, zog mich an. Ich
setzte mich in den weichen Rasen und lehnte das Haupt mit darunter gekreuzten
Armen gegen den steinernen Sitz, wie ich zuweilen in stillen Nächten an meiner
Ruderbank gelegen hatte. Ich schaute hoch über mir den weiten Himmel in
wunderbarer Bläue und wenig kleine, blanke Flaumwölklein ruhig stehend, dann
schloss ich die Augen und ergötzte mich an dem roten Schimmer, der mir durch
die Lider drang. Darauf neigte der Gott des Schlafes sich über mich und löste
mir wohlthätig die müden Glieder.
Meine Seele hob die Schwingen im Traum; die Bilder von gestern und
ehegestern erwachten zu neuer Schrecknis oder Trauer. Das Meer umdrängte
mein Fahrzeug mit peitschenden Wassern und der Himmel zürnte in Unwettern.
Und gewaltiger als der Himmel lag die lautlose, lang ersehnte, schwer zu
tragende Einsamkeit über mir. Und dahinter das Land, aus dem ich mich
gerissen, mit geräuschvollen Städten. Ein müdes Echo, ein halbverlorener Duft,
ein halbvergessenes Jugendlied — so war in Schmutz und Geräusch ein
Schimmer von Schönheit und Kunst gegossen. Wie oftmals sah ich dort ihr
scheues Licht in ängstlichen Reflexen, und zitterte mit ihr, und litt mit ihr!
Ferner noch mit altmodisch lichten Himmeln lagen die Frühlinge meiner
Kindheit und rührten mit zärtlichem Dufte an mein Herz.
Auf leisen Fittichen flog mein Traum über die verschlungenen Pfade meines
Lebens zurück bis zu den ersten Sonnenaufgängen, und schwebte lang in
verflogener Schwermut über den ersten Bergen, die ich erstieg, und über dem
Haus meines Vaters.
Die Sonne war über die Ränder der Cypressenwand gestiegen und traf meine
schlummernden Augen mit heissem Lichte. Ich hob das Haupt und erwachte
zum neuen Anblick des tiefen Himmels und des grünen Gartenlandes.
Helle Stimmen klangen in mein Ohr und ich hörte, dass es Menschenstimmen
waren, welche in übermütigen Rufen ihre Lust kundgaben. Es war aber in diesen
Stimmen ein reiner, meertiefer, metallener Grund, den ich nie bei Menschen
vernommen hatte und welcher an den unberührten ersten Fall einer frischen
Quelle erinnerte, so ohne Wissen von Unrat und so voll von Lust am Leben und
an der eigenen Schönheit. Es war darin der starke und süsse Ton, den wir mit unbeschreiblicher Beklemmung zu hören vermeinen, so oft unsre Seele mit den
Menschengeschlechtern der alten, goldenen Zeitalter traurige Unterredungen
pflegt.
Indem ich vorsichtig die breiten Fächer der Zweige teilte, erblickte ich eine
Schaar junger Frauen mit schlanken Leibern um einen vergoldeten Ball bemüht.
Sie waren in zwei Lager geteilt und führten einen anmutigen Krieg um den
Besitz des blanken Zierats, den ein lachendes Mädchen immer von neuem über
ihre Häupter hin empor warf. Sie trugen helle, weite Gewänder und die Haare
zumeist in einfache Knoten gebündelt. Ich sah die reinen Linien der Hälse und
Nacken, wenn sie sich bückten oder mit ganz zurückgelegten Häuptern nach
dem Fall des Spielzeuges spähten. Ich sah die zarten Grübchenformen der
Knöchel, über denen sich goldene oder weisse Sandalenbänder kreuzten. Ich sah
die bewegten schlanken Leiber, beim Laufen vorgebeugt, und die schönen, leicht
geröteten Arme, die sich häufig aus den weichen Falten der Oberkleider reckten.
Plötzlich vernahm ich ein Wipfelzittern über mir, und der goldene Ball fiel
neben mich weich in den Rasen. Ich nahm ihn auf, und mein Herz begann mit
hastigen Schlägen zu pochen wie Einem, der einer grossen Gefahr oder einem
grossen Glücke unvermutet ins Auge sieht. Die Spielerinnen eilten schon
meinem Versteck entgegen.
Ich brach durch den Busch und stand wie ein Gespenst vor der hellen Schaar,
den Ball in der Rechten hoch empor haltend. Ich warf ihn in die Lüfte, aber sie
wichen seinem Falle aus und standen mit erstaunten Augen vor dem Fremden.
Da ich näher schritt, teilte sich ihre Menge und liess eine breite Gasse meinem
Wandel frei. Aufschauend gewahrte ich eine hohe Frau mir nahe gegenüber
stehen, welche die Schönste und die Königin der andern war.
Ich schlug den Blick zum Boden nieder und neigte mich vor ihr. Ein weisses
Kleid floss in priesterlichen Falten lang von ihren Knieen, und sie war von einer
solchen Reinheit und Würde umgeben, dass plötzlich mein Sinn klein und voll
Scham wurde. Alle Irrwege, die ich gegangen war, alle Lästerungen, die ich
gethan hatte, und alles Hässliche und Kranke meines unstäten Lebens ward mir
schwer bewusst, und aller Glanz und Stolz fiel von mir ab. Ich lag auf den
Knieen und beugte mein Haupt in Scham und Demut, da sie ihre reine Stimme
erhob. Ihre Stimme war voller und prächtiger als die Stimmen der übrigen
Frauen, und hatte einen fürstlich hohen Ton, vor dem meine Scheu erschrak.
„Was suchst du hier, mein Freund, und wie hast du den Weg zu uns gefunden?“
Ich schaute auf und sah grosse Augen ernst auf mich gesenkt. „Den Weg zu
dir fand ich durch hundert einsame Tage und Nächte auf dem feindlichen Meer,
durch hundert Ängste und bange Nachtwachen. Mein Arm ist hager geworden
von der Mühsal der Fahrt, und meine Hände sind wund geworden. Ich trage einen Purpur, der aus deinem Lande ist und von dir mir in die Wiege ist gelegt
worden. Aber meine Hände sind befleckt und meine Augen voll Ekels
geworden, ich bin müde und unwert, den Purpur länger zu tragen, der für frohe
Hände und selige Augen bestimmt ist. Und bin gekommen, ihn zurückzugeben.“
„So wenig gilt dir der königliche Schmuck?“ fragte die Königin und heftete
wieder unbeweglich den ernsten Blick auf mich. „Ich kenne dich wohl, du
Müder. Ich bin über deinem Leben gewesen, ich habe deiner Kindersehnsucht
von blauen Bergen und deiner Knabenfrömmigkeit von Göttern erzählt. Ich
zeigte manches Mal deiner Ahnung die Bilder und Gleichnisse der Schönheit.
Warst du es nicht, der die Tempel, in welchen ich dich beten lehrte, zerstört und
der die Gärten der Liebe, deren Pforte ich dir zeigte, geschändet hat? Warst du es
nicht, der die Lieder, die ich dich singen lehrte, in Gassenlieder verkehrte und
der die Becher der Freude, die ich dir reichte, zur Trunkenheit missbrauchte?“
„Ich war es. Ich ging in der Irre, so oft du mir ferne warst. Ich habe oft die
Arme verlangend nach dir gebreitet und habe nach dir gerufen und alles
Ehrwürdige meiner frühesten Jugend beschworen, aber du erhörtest mich nicht,
und das Leben rollte tot an mir vorüber. Da verzweifelte mein Herz und fluchte
seinen Göttern und sank von allen Höhen. Ich bin nun müde des Fallens und
Wiederaufstehens — nimm dein Geschenk wieder, leg’ es auf härtere Schultern,
und lass mich werden, wie andre sind!“
Die Königin schaute zur Seite. Ich wagte einen schnellen Blick auf ihr
Gesicht, das mir eigen vertraut erschien, und sah den Schatten eines Lächelns
darauf. „Mich wundert“, sagte sie, „dass solcher Kleinmut den beschwerlichen
Weg zu unsrer Insel gefunden hat.“
„Nicht Kleinmut, meine Königin! Mich trieb der Ekel vom Leben, mich stiess
der Dunst der Städte und die geräuschvolle Lust ihrer Tempel von sich, auf der
Fahrt wuchs noch täglich mein Verlangen nach deinem Anblick. Arbeit und
Gefahr hat mich herb gemacht, die Einsamkeit befreite mein Auge von den
Dünsten des verlassenen Lebens. Und da ich dein Land mit sanften Höhen aus
blaueren Meeren langsam erstehen sah, da lernte mein verjüngtes Herz einen
neuen, fröhlichen Stolz. Als ich deinen Boden betrat, reckte ich Beterarme nach
seinen Wundern aus, ich ging durch deinen Wald als ein Wiedergeborener.
Wahrlich, fester zog ich den Purpur um meine Schultern und mein Gang war
nicht der Gang eines Büssers. Hinter jenem Dickicht lag ich im Grase gestreckt
und belauschte das Spiel deiner Frauen, und mein Herz schlug tiefe Schläge.
Aber mein Auge ertrug deinen Anblick nicht; alles was unwert und krank an mir
ist, übermannte mich vor deiner Reinheit.“
„Steh auf!“ sagte sie nun mit einem gütig tiefen Ton, „und dränge mich nicht
um eine Antwort. Sei mein Gast und versuche noch einmal, unter meiner Herrschaft zu leben!“ Ich erhob mich mit unsicherem Blick. Die Schönste aber
nahm meine linke Hand und führte mich zu den wartenden Frauen. „Begrüsse
meine Freundinnen“, sagte sie, „und sieh, ob nicht eine dir bekannt ist.“ Da
geschah meinem Auge etwas Seltsames, indem ich mit einem freien Grusse
unter die schönen Gestalten trat. Überall sahen bekannte Augen mich an, ich
fand Bewegungen und Blicke, die ich zu andern Zeiten schon gesehen hatte, und
wunderte mich, dass ich die Schönen nicht mit Namen zu nennen vermochte.
Allmählich erkannte ich einige, und bald merkte ich wohl, dass alle schönen
Frauen, die ich gekannt und bewundert hatte, hier versammelt waren. Eine jede
aber war nur kenntlich durch eben die besonderen Seltenheiten, durch welche sie
für mein Auge irgend einmal reizend, verschieden von den andern und schöner
als die andern, hervorgetreten war. Alle Augenblicke meines Lebens, welche
durch den Anblick der Frauenschönheit wertvoll und liebenswert geworden
waren, lebten hier unvergänglich in herrlichen und vollkommenen Bildern. Von
diesen Frauen konnte keine den übrigen vorgezogen oder nachgesetzt werden,
nur die einzige Königin vereinigte auf eine wunderbare Art die vielfachen
besonderen Schönheiten in ihrem vollkommenen Wuchse und in der Bildung
ihres Angesichts, dessen Würde und Lieblichkeit ich über alle Bilder und
Lobpreisungen erhaben fand. Ihre Augen aber, wenn sie die meinigen ruhig und
freundlich trafen, riefen in mir den Frühling meiner ersten Liebe mit aller
verlorenen und beweinten scheuen Wonne wach.
Die Nacht zog ihren schwarzen Kreis enger um die Gärten; sie kam rasch und
herrisch wie die Nächte des Südens. Nach einander versanken Hügel, Wald und
Gebüsche, bis auch die nahestehenden schnell und lautlos sich verhüllten und
plötzlich in das Reich der Geheimnisse verschwanden.
Ich sass zu Füssen der Königin in dem weiten Halbrund einer offenen Halle.
Die schweren Säulen hoben sich rein und ruhig, Wächtern gleich, von der
matthellen Himmelsferne ab. Zwei rote Feuer brannten am Eingang in steinernen
Becken, über uns hing eine silberne, vierflammige Ampel. Von drei Seiten kam
die schwere Nachtluft herein und führte den Duft des wohlriechenden Öles in
langsamen Wogen davon. Das Meer, dessen Geräusch am Tage nicht bis in den
Palast und die Gärten reichte, sang gedämpft in grossen Rhythmen. Der Gesang
der Frauen war kaum verstummt und in der Luft lag noch ein feiner Nachhall
festlicher Melodien. Mir wurde eine kleine fünfsaitige Laute gebracht, die
Augen der Wartenden hingen an meinem Munde. Ich schloss die Augen und sog
den Duft der Nacht und fühlte ihr lindes Wehen in meinem Haar. Mein Herz war
voll wehen Glückes und meine Stimme zitterte, als ich zu singen begann. Mein Finger rührte an die feinen Saiten — ich hatte lange Zeit nimmer gesungen, der
Takt und Tonfall der Verse stieg mir neu und berückend zu Haupt.
Ich sang von einem vergangenen Sommer, da zum ersten Mal mein
Knabenauge an der Gestalt und dem Gange eines jungen Weibes hing. Und sang
von den späten Abenden, da der Lindenduft schwoll und da ich mein wehes
Verlangen mit wilden Schlägen über den schwarzen Weiher ruderte, da ich die
Bänke und Wege und Treppen besuchte und alle Stätten, an denen ich die
schlanke Wohlgestalt des Tages aus banger Ferne erblickt hatte. Von den Tagen,
da meine Liebe mich auf heissem Pferde in langen Ritten umhertrieb. Ich
gedachte der in Fülle erblühten Rosenhecken und pries die schattigen Gänge,
welche der Duft des Jasmin erfüllte.
Von den Frauen lächelten manche, und manche sahen mich aus grossen Augen
ernsthaft an. Als ich den Blick nach der Allerschönsten wandte, sah ich breite,
bläuliche Lider über ihren Augen geschlossen und sah einen holden Mund und
feine Wangen in sanften Frühlingsfarben, und eine blanke Stirn von krausem
Blondhaar fröhlich verschattet. Ich erblickte das Bild meiner ersten Liebe, schön
und verzaubert von Erinnerung und Heimweh, wie es manchmal in
Lieblingsträumen mir erschien. Mein Herz war erregt und schwer von Liedern
und Sehnsüchten einer andern Zeit. Ich berührte die Hand der Königin.
„Erinnerst du dich, Lieblichste?“
Sie lächelte und schlug die Augen auf. „Sag’, bist du nicht glücklicher als
Andere gewesen?“ Ich nickte leise mit dem Haupt und konnte mein Auge nicht
von den Lippen wenden, die Elisens Lippen waren.
„Bist du auch dankbar gewesen?“ Da ward ich traurig und musste das Haupt
wieder senken. Sie winkte einer der Frauen, welche aus dem mit reicher Kunst
aus Silber getriebenen Mischkrug eine leichte Schale mit süssem Weine füllte.
Sie nahm das zierliche Gefäss und bot es mir freundlich hin. „Du bedarfst nun
der Ruhe. Trinke und lege dich schlafen. Meine Gastfreundschaft wird deinen
Schlummer beschützen.“
Ich trank und reichte der Gütigen dankbar meine Hand. Die schöne Dienerin
öffnete mir im Innern des geräumigen Palastes ein Gemach, entzündete eine
hängende Ampel und verliess mich. Das Gemach war von mässiger Grösse, mit
hohen Fensteröffnungen. In der Mitte war ein niedriges und einfaches Lager
bereitet. Ich legte mich nieder und sah die Wände entlang in der Höhe des
Estrichs einen schmalen Fries gezogen, darauf in halberhabener Arbeit die
Tugenden Weisheit, Mässigkeit, Gerechtigkeit und Tapferkeit der Schönheit
dienten und Opfer brachten. Die sanften und edlen Formen dieser Bilder
breiteten ihre Ruhe und Einfalt auf meinen erregten Sinn und begleiteten ihn als
schwebende Traumbilder in den Schlaf.
Als ich am frühen Morgen stark und fröhlich erwachte, sah ich über mich ein
helles Angesicht geneigt, das ganz von langen, mattfarbenen Haaren umkränzt
war. Mein Herz erkannte das schöne Bild und begrüsste die Wartende mit dem
Namen, den sie trug, als noch ihr leiser Schritt stundenlang neben mir durch
Hain und Wiesen ging. „Frau Gertrud!“
„Komm mit,“ rief sie bittend, „wir wollen die Wege aufsuchen, die wir sonst
gegangen sind.“ Hinter dem Palast und diesen weit überragend war ein Hain
alter Platanen, welche in Paare und Gruppen verteilt wie Freunde standen. Frau
Gertrud ging neben mir auf dem gewundenen Fusswege. Der Weg aber und der
Hain waren vollkommen dem Weg und Hain ähnlich, in denen wir vor Zeiten zu
lustwandeln geliebt hatten. Mein Herz war weich und hörte Winde und
Vogelrufe mit leiser Wehmut klingen. Durch denselben Rasen war mein Fuss
einst geschritten, dieselben Winde und Vogelrufe waren einst in mein Ohr
gekommen, und ich wusste kaum: war das gestern, oder war’s vor vielen
vergessenen Jahren.
„Kennst du ihn?“ fragte Frau Gertrud und legte ihre Hand an den gefleckten
Stamm einer Platane, die wir damals, weil sie die älteste und höchste war, den
„Vater“ genannt hatten. Ich nickte still. „Und kennst du noch dieses Grün und
Gelb, und diese Wege und Gebüsche?“ Mir war wohl und müde zu Sinn. Ich
nickte still.
„Dein Spätsommertraum!“ sagte sie. „Dein Liebling! Die Lieder, die du von
ihm gedichtet hast, die Tage, an denen du Heimweh nach ihm hattest, die
Nächte, da er Dich auf breiten Flügeln besuchte, deine eigene Erinnerung und
Sehnsucht ist es, welche dich umgiebt.“
Ich legte Frau Gertruds schmale Hand in meine Hand und fand wie vormals
ein Wohlgefallen an ihrer adligen Form und Weisse, an den blass gezogenen
Adern und an dem Hellrot der zarten Finger. „Weisst du noch“, fragte Frau
Gertrud, „jenen ersten Mittag unter den überhängenden Zweigen der Syringen?“
„Ich weiss noch. Ich weiss auch alles noch, was damals war. Wie du mein
Trost und Ratgeber warst und an die ferne Mutter mich erinnertest. Ich war
krank und verirrt gewesen, da wecktest du, was noch fromm und ehrfürchtig in
mir war. Du lehrtest mich wieder die verlorene Schönheit suchen und jung
werden, wenn ich sie in herrlichen Augenblicken erschaute.“
„Einmal, mein Freund, wolltest du von mir und deinem Glücke ein Lied
erschaffen. Weisst du noch? Deine Tage und Nächte waren des werdenden
Liedes voll, und mit fleissiger Liebe suchtest du nach allem, was selten und
kostbar ist, nach Lichtern und Tönen, die noch kein Künstler fand, nach
Liebesworten und Worten der Ehrfurcht, die noch kein Dichter sagte. Siehe um
dich! Hier liegt in ungehoffter Vollendung dein ganzes Lied. Bäume und Büsche in edlen Gruppen, goldene und braune Lichter, Gesänge auserwählter
Waldvögel. Und auch mich siehe an! Was noch klein und zufällig und künstlich
an mir war, das ist von mir genommen. Was du hier siehst, das alles ist schöner
als alle Wirklichkeit, und wirklicher als alle Wirklichkeit. Erlausche jeden leisen
Tonfall des Windes, trinke mit ungetrübten Augen die vielerlei Farben des
Laubes, sorge, dass dies alles dein eigen werde! In der Ferne wirst du des Nachts
erwachen und wirst mit Qualen jeden Laut und jeden Schatten vermissen, dessen
dein inneres Auge nicht mehr mächtig ist. Dann aber wird auf hundert Wegen
dein Lied dir entgegenkommen, die Wonnen deiner ersten Gesänge werden dich
heimsuchen, Fremdes wird mit Fremdem sich verbinden, dein Werk wird
wachsen und an Leben zunehmen, bis es in einer stillen Stunde die Werkstätte
verlässt und vollendet, rein und wohllaut vor Dir steht.“
Frau Gertrud schwieg und legte wieder ihre Hand in meine Hand. Das
Rauschen entfernter Wasserkünste klang kühl und freundlich zu uns her. Über
das Himmelsrund, welches von den Platanenwipfeln eingeschlossen war, glitt
ohne Flügelregen langsam hoch oben ein grosser Vogel.
Andern Tages wachte ich frühe auf, noch ehe die ersten Vögel sangen. In der
Nacht war ein schwacher Regen gefallen. Die Erde war noch feucht und duftete
herb. An den Blättern hingen klare Wassertropfen. Mit jedem Schritt und
Atemzug fühlte ich in mir Jugend und Gesundheit. Die Fernen und der kräftig
blaue Himmel hatten ein heiteres und jungfräuliches Ansehen. Nur vor langer
Zeit, als ich ein Knabe war und ehe die Ahnung der Liebe und heissblütiger
Leidenschaften mich umtrieb, hatte die Erde mir dies genügsam fröhliche
Gesicht gezeigt.
Ich schlug einen wenig gepflegten Waldweg ein, der bald gegen die Mitte
eines alten Forstes hin mehr und mehr verwilderte. Ein schwerer Wind fuhr über
die Kronen alter Eichen, die mit vielfach gekrümmten Ästen über ersticktes
Untergehölz hinweg einander umschlangen und gemeinsam als ein einträchtiges
Riesengeschlecht nach Raum und Helle sich streckten. Oft fand ich auf den
schwarzen Waldboden scharfe Spuren kleiner Hufe gedrückt, den Pfad der Quere
schneidend, und einmal meinte ich im Halbdunkel eines nahen Dickichtes den
feinen Kopf eines Hirsches sich schlank und königlich erheben und wenden zu
sehen. Ich spähte und lauschte und stand manchmal mit verhaltenem Atem lange
still, bis meinen oft erregten und getäuschten Sinnen der Wald voll von
Erscheinungen und schweigsamen Wundern war. Ein breiter Bach ging brausend
über Stein und Moos bergab in ein plötzlich hereintretendes Thal. In den Tiefen
seines Bettes, die von Wasserstürzen überwölbt waren, schwammen lautlos und dunkel scheue Forellen und verschwanden wie dunkle Blitze, sobald nur mein
Schatten über ihren Schlupfwinkeln hinwegstrich.
Dem fröhlichen Stürmer folgend gelangte ich unversehens in ein
wohlbekanntes Thal. An dessen Mündung bog ich um die vortretende Höhe und
verliess den Bach, der zur andern Seite strebte und bald nur noch leise zu hören
war. Ein junger Buchenstand, langsam sich lichtend, trat endlich ganz zurück
und gab ein heimlich anmutendes Bild meinen Blicken frei. Mehrere Hügel
streckten in ein breites Wiesenthal bewaldete Ausläufer vor. Vor mir lag in
hohen Binsen ein dunkler Weiher, an dem ich als Knabe viele Mittagstunden
verweilt hatte. Einzelne Laubbäume mit astlos hagern Stämmen und hohen,
spärlichen Kronen spiegelten sich voll in der bräunlichen Fläche. Die ersten
Lebensträume waren an diesem Schilfufer über die Tiefe meiner Knabenseele
gegangen, sich in der unbewegten Fläche spiegelnd. Die ersten, wunderlich
krausen Dichtergedanken hatte diese freundlich ernste Einsamkeit in mir erregt.
Ich beschattete meine Augen mit der Rechten und sog die milden Farben in
mich ein, und die Stille, und den Frieden, von dem mir schien, als hätte ich ihn
dort an den Lieblingsplätzen einer anderen Zeit zurückgelassen. Die trockenen
Spitzen der Halme und Schilfblätter bewegten sich unregelmässig mit einem
leblosen Geräusch, welches die Stille noch fühlbarer machte. Am jenseitigen
Ufer stieg aus dem warmen, feuchten Boden ein dünner Dampf, der die weiter
liegenden Hügel mit dem hellen Himmel zu einer sanften Ferne verband. Und
über den nächsten Hügelrücken ragte kurz und spitz der schmale Turm der
Klosterkirche. Dort begann auch bald ein reines Geläute. Die langen Töne
gingen in milden Wellen über mich hin.
Hinter dem Hügel wusste ich das Kloster stehen, wo ich zuerst über Heute und
Morgen denken lernte, wo ich zum erstenmal die herbe Süssigkeit des Wissens
kostete und die süsseren Ahnungen verhüllter Schönheit. Dort vernahm mein
empfänglicher Sinn alle grossen Namen, die hoch und feierlich über meinen
Gedanken standen, die grossen Namen des Perikles, des Sokrates und Phidias,
und den grösseren des Homer.
Mein Geist sah die Wölbungen der Säle und die gotischen Fenster der
Kreuzgänge deutlich vor sich stehen, und es zog mich stark hinüber, die wehe
Lust des Wiedersehens zu kosten. Aber ich blieb; ich fürchtete, mir das innere
Bild zu zerstören; ich fürchtete Andere dort gehen zu sehen, wo ich in Träumen
heimisch war.
Die Sonne glänzte auf der Spitze des Turmes. Der Hügelrücken stand scharf
und ernst zwischen hier und dort, zwischen mir und jenen untergegangenen
Dämmerungen. Ich streckte grüssend die Hand aus und war im Innern bewegt.
Ein Stück von mir lag dort begraben, und welch eine Fülle unentfalteter Regungen und unerlöster Jugendträume!
Ein schmaler Brettersteg ragte in den Weiher. Ich beschritt das zitternde
Gerüste und beugte mich, wie ich oft gethan, über die Brüstung vor. Mein
Spiegelbild lag ruhig im Wasser. Ich suchte Züge an ihm, die mich an das
Gesicht erinnerten, welches damals aus derselben Tiefe mich ansah. Dann
verliess ich den stillen Ort und wanderte langsam durch die Waldung zurück.
Im Garten fand ich die Königin mit ihren Frauen im Kreise sitzend. Eine Schale
voll goldgelber, duftender Früchte ging von Hand zu Hand, und jede der
Spielerinnen musste ein Wort über die Früchte sagen, ehe sie eine der lockenden
verspeisen durfte. Die Schale schwankte eben in dem Händlein einer kleinen
Schwarzen, hinter deren Sitz ich gerade ankam, noch von einer Oleanderreihe
verborgen. Die Kleine beugte sich über das schöne Gefäss, einen hellen Nacken
mit schwarzen Ringelhaaren zeigend, und suchte mit bedächtigen Augen die
reifste Frucht. Diese zog sie am Stiel mit zwei Fingern heraus, hob sie
bewundernd über sich und näherte sie langsam ihrem lüsternen Munde. „Da
derjenige nicht hier ist“, sagte sie lachend, „welchem allein ich die Süsse gönnte,
erlaubt mein Neid mir nicht, diese Schönste einer andern zu überlassen.“
Sprach’s und that einen guten Biss in das süsse Fleisch, indem ich eben aus dem
Gezweige hervortrat.
Die Frauen, welche mir gegenüber sassen und mich zuerst erblickten, brachen
in ein lustiges Gelächter aus, das sich zu beiden Seiten des Kreises, da immer
eine Nachbarin der nächsten nach mir deutete, bis zu der vor mir Sitzenden
fortsetzte. Diese blickte mit Verwunderung im Kreise umher, noch die Schale in
der Linken, lachte mit, ohne zu wissen warum, stand schliesslich auf und drehte
sich um, wobei sie erschrocken und schnell errötend mich mit der angebissenen
Frucht berührte. Dann aber fasste sie sich eilig, sagte herzhaft „Da!“ und hielt
mir den Bissen vor den Mund.
„Erst deinen Spruch!“ ermahnte heiter die Königin. „Diese köstlichste eurer
Früchte“, sagte ich schnell, „ist mir eine sichtbare Gunst des Glückes, welche
abzuweisen mir verderblich sein würde. Also gönnt sie mir und erlaubt, dass ich
meine tapfere Vorkosterin Fortuna nenne. Tibi, Fortuna!“ Der süsse Bissen
erfrischte mich bis ins Mark.
Indessen war es Mittag geworden und wir wichen vor der heisseren Sonne in
die Halle zurück. Nebst den Früchten wurde Brot und Honig gebracht, Milch in
Kannen und Wein in einem steinernen Krug. Wir bedienten einer des andern
Hände mit Wasserbecken und sassen fröhlich zu Mahl. Neben mir an sass
Fortuna, viel geneckt und mit lächerlichen Kosenamen gerufen, tapfer und plaudernd. Sie schwieg aber und horchte, und ich auch, als eine der Frauen mit
halbem Ernst Erzählungen aus meinem Leben vorzutragen begann, von den
Meisten oft durch Gelächter und neue Geschichten unterbrochen. Auch die
Königin nahm teil.
„Erinnerst du dich noch“, sagte diese zu mir, „an die Geschichte vom Blondel,
aus deiner Kinderzeit? Es ist den Dichtern gegeben, dass sie sich mehr als andre
Menschen ihres frühesten Lebens erinnern. Wenn du noch weisst, so erzähle uns
doch davon.“
Die Begebenheit aus meiner ersten Knabenzeit, an die ich Jahre lang nicht
gedacht hatte, stand plötzlich wieder deutlich vor mir, wie eine schüchterne
Kindergestalt. Und ich berichtete: „Als ich noch klein und keine sechs Jahre alt
war, geschah es irgendwo und wann, dass ich die Geschichte des Liedsängers
Blondel zu hören bekam. Ich verstand sie wohl schlecht und vergass sie bald,
aber der zarte, freundliche Name Blondel blieb in meinem Gedächtnis und
schien mir wunderbar fein und wohltönend, so dass ich ihn mir oft leise
vorsagte. Mit diesem Namen genannt zu werden, dünkte mich über alles köstlich
und herzerfreuend. Also überredete ich im Spielen bald einen nachbarlichen
Kameraden, mich so zu nennen, was mir überaus angenehm und schmeichelnd
war. Nun gewöhnte sich das Büblein an meinen Spielnamen, und eines
Vormittags kam er vor unser Haus, um mich abzuholen, stellte sich an den Zaun
und rief aus vollem Halse gegen die Fenster: „Blondel! Komm herunter,
Blondel!“ Mein Vater und die Mutter und Besuche waren im Zimmer, und mein
laut ausgerufenes Lieblingsgeheimnis beschämte und empörte mich so sehr, dass
ich mich nicht ans Fenster zu gehen getraute und nachher meinem erstaunten
Kameraden zornig die Freundschaft aufkündigte, welche freilich bald wieder
zusammenwuchs.“
„So war es“, sagte die Königin. „Nun aber, wenn du willst, erzähle uns, wo du
dich heute am Morgen aufhieltest. Ich hatte gedacht dir das morgendliche Meer
zu zeigen; du aber warst fort, ehe die Sonne schien.“
Ich verspürte früh’ eine Lust zu laufen und geriet in einen tiefen Wald, der
mich mit allerlei Schatten und Geheimnissen weiter lockte, bis ein liebliches
Wunder vor mich trat. Ich stand vor einem Weiher, dessen Spiegelgewässer
meine zartesten Jugendgedanken noch mit allem kostbaren Duft bewahrt hatten.
Über einen jenseitigen Hügel blickte der Turm des Klosters, das vor Zeiten mich
und meine liebsten Jünglingsträume beherbergt hat.
„Ich weiss,“ sagte die Schönste, „das war deine edelste und ehrfürchtigste
Zeit. Damals sah ich dich schwermütige Waldwege thun und knabentraurig in
gefallenen Blättern rauschen, und nie bin ich dir näher gewesen, als an jenen
Abenden, da du deine Geige an dich nahmst oder das Buch eines verehrten Dichters. Damals sah ich die Schatten der späteren Jahre sich dir nähern und
fürchtete für dich, und ahnte wohl, dass du einmal mit einer neuen Jugend und
einer neuen Trauer zu mir kommen würdest. Um jener sehnsüchtigen Zeit willen
liebte ich dich noch in deinen verlorensten Jahren.“
Während sie dieses sagte, gliederte sich vor meiner Betrachtung wie ein Bild
meine ganze Jugend und sah mich traurig mit Augen eines misshandelten Kindes
an. Die Königin aber liess eine Geige herbeibringen, beendete das Mahl und bat
mich zu spielen. Auch die Frauen bedrängten mich bittend und neckend, und
Fortuna reichte mir mit einer gnädigen Bewegung den Bogen. So setzte ich leise
an und zog den Bogen mild und probend, bis meine Finger sich wieder in die
harten Geigergriffe gewöhnt hatten. Dann legte ich mich mit Lust in das Spiel
und strich die leidenschaftlichen Takte einer dunklen Jugendphantasie. Und
hernach, da ein langer Blick der schönen Frau Gertrud mich bat, spielte ich ein
Notturno von Chopin, jenes schönste, windverwehte, dessen Takte sich wie die
Lichter eines mondbeglänzten Meeres bewegen.
Ich war mit der Königin auf Waldwegen in ein Gartenschloss in der Nähe des
Meerufers gegangen. Dort führte sie mich vor eine hohe, bemalte Wand. „Mein
Lieblingsbild“, sagte sie. Mit grosser Kunst war hier ein südländischer Garten
gemalt, voll dunkler, tiefschattiger Gebüsche, mit griechischen Bildsäulen und
einer springenden Wasserkunst, an deren unterstes Becken eine Leier gelehnt
war. „Kennst du den Garten?“
„Nein. Aber die Leier ist Ariosts.“ Sie lächelte. „Ariosto! Hier wandelt er
noch zuweilen und sagt mir ein helles Spiel wiegender Oktaven vor, und lässt
sich unter Scherzen von mir bekränzen.“
Auf einen leisen Wink der Herrin ward plötzlich die ganze bemalte Wand
hinweggerückt. Ein unermesslicher Horizont rundete sich vor uns aus, und zu
unsern Füssen lag dunkelgrün der ganze Garten des Bildes. Ein schlanker,
dunkler Mann trat langsam aus einem Rondell, bückte sich nach der Leier und
ahmte darauf spielend den Silberlaut der Fontäne nach. Darauf schritt er abwärts
gegen das dunkelnde Meer und verschwand an der Gartenmauer. Mir ging die
ganze Erscheinung vorüber wie ein Verspaar des Orlando, schlank, edelförmig,
und schalkhaft wie ein Mädchengelächter. Dann ging ich selber, an der Hand der
Königin, an das Meerufer hinab. Die leicht bewegte Fläche der See lag blau und
rot und silberschillernd weit hinaus. Auf diesem Farbenspiel ruhten unsre Blicke
lang mit fröhlichem Ergötzen. Dann bog die Schönste einiges Zweigwerk
auseinander und zeigte eine weisse, schmale Treppe, welche ins Wasser führte.
An diese fand ich mein Boot gebunden. Die Königin brach einen Zweig Orangeblüte, warf ihn in das Boot, drängte mich sanft hinab und gab mir die
Hand.
„Nun reise gut! Abschiednehmen ist eine Kunst, die niemand zu Ende lernt.
Ich weiss, du wirst einmal wieder kommen, bei mir Licht zu schöpfen, und
einmal, wenn du keines Ruders mehr bedarfst.“
Mit einem schweren Gurgellaut zerbrach eine Welle an den Stufen und nahm
rückflutend mein Boot auf ihren Rücken. Ich breitete beide Arme nach der
hellen Gestalt, bis sie mit einem leichten Grüssen seitab in die Wandelgänge
Ariostos verschwand. Die Nacht kam schnell und schlug den schweren Mantel
der Finsternis um meine Trauer, und blickte herrlich aus tausend tröstenden
Augen auf meine langsame Heimfahrt.