Eine Stunde hinter Mitternacht

Hermann Hesse · Kapitel 7 von 10

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Eine Stunde hinter Mitternacht

Gespräche mit dem Stummen.

 

Du lächelst? Du wiederholst deine ungesagte Frage? Was soll ich dir sagen!

Dieses dunkle Zimmer, diese ungeschmückten Wände mit den Viereckspuren

von Bildern, die keine Nachfolger fanden, dieses Knisterfeuer im Öflein, dieses

Mondlicht auf unsern Händen und auf dem geöffneten Klavier, diese Stille und

späte Stunde redet verständlicher als mein Mund von dem, was in mir zu Worte

kommen möchte.

Einem Jugendkameraden müsst’ ich mich vertrauen, flüsternd und mehr mit

Blicken und Geberden redend, Einem, dem schon der Name eines Hauses oder

Feldes genügte, um eine ganze Geschichte zu verstehen; Einem, der mich oft mit

„Weisst du noch?“ und gesummten Liedversen unterbräche.

Was weisst du, wenn ich sage: Meine Mutter? Du siehst dabei nicht ihre

schwarzen Haare und ihr braunes Auge. Was denkst du, wenn ich dir sage: Die

Glockenwiese? Du hörst dabei nicht das Windrauschen in den Kastanienkronen,

und spürst nicht den Duft der Syringenhecke, und siehst nicht die blaue Fläche

der Wiese, welche ganz mit den schwanken Glockenhäuptern der blauen

Kampanula bedeckt ist. Und wenn ich dir den Namen meiner Vaterstadt sage,

dessen Laut mir schon das Blut bewegt, so siehst du nicht die Türme und den

herrlich überbrückten Strom, und siehst nicht den Hintergrund der Schneeberge

und hörst nicht die Volkslieder unsrer Mundart, und hast nicht selber Lust und

Heimweh dabei!

Lieber lass mich dir ein Märchen erzählen. Zwei Geiger hatten eine gute

Freundschaft untereinander, und waren beide bettelarm. Nun geschah’s an einem

schwarzen Tag, dass ihnen einfiel in die Wette zu spielen, wer von beiden der

grössere Geiger wäre. Von da an wuchs ihr Ruhm; aber einer traute dem andern

nimmer, denn beide hatten ihre Seelen in Neid und Ehrgeiz bis in den Grund

durchlauscht und alle Tiefen ans Licht ihrer Kunst gezogen. Da spielte der Eine

in einer mondhellen Nacht ein trauriges Lied. Das war so aus Nacht und Leid

gezogen und so voll schwermütigen Andenkens an die eigene verstörte

Freundschaft, dass es tiefer und herzbannender als irgend sonst ein Lied zu hören

war. Dieses Lied vernahm der andere Geiger voll Neides, drang in die Stube des

Freundes und mordete Geiger und Lied. Von dieser Nacht an ward er der erste Meister seiner Kunst. Er spielte an Fürstenhöfen und machte die Herzen der

Könige zittern, denn seine Weisen drangen in den Grund der Seele, wo die Engel

und Teufel der ungeborenen Gedanken und Thaten wohnen. Sein Gesicht aber

wurde mager, blass und scharf, sein Herz wurde zu einem Sitz aller Ängste, alles

Misstrauens und aller Bosheit, und sein Spiel bestahl und schändete täglich die

unantastbarsten Innerlichkeiten seiner Seele. Eines Tages nun vermass er sich

vor vielen Hörern jenes letzte Lied seines Freundes zu spielen. Da stand

plötzlich der Ermordete vor ihm, das Messer in der Brust, und spielte auf seiner

Geige mit, noch weher, noch mächtiger, so dass der Meister schreckblass und

stieräugig vor der Menge stand. Diese sah den Ermordeten nicht und hörte nur

mit einem Grausen, dass Zweie geigten. Eine Angst ging durch den grossen

Saal, und als der Spieler zu Ende war, war eine Totenstille.

Du lächelst? Du wiederholst deine ungefragte Frage? Weiss ich, ob du ein

Messer bei dir trägst? Habe ich nicht, während ich neben dir sitze und deine

Hand halte, einen Schatz bei mir, dessen Wesen und Glanz dir noch unbekannt

ist? Ein Lied, dessen Zauber zum Neid reizt? Einen Schmerz, der dich

beschämen könnte? Und wie dann, wenn ich eines Tages dir ins Auge blickte

und mein Lied mit dir spielte?

 

Du lächelst? Verzeih mir, Schweigsamer! Du bist das Marmorbild, dem ich

spielend gern meine goldenen Ringe an die Finger lege. Wie aber, wenn du

plötzlich aufhörtest zu lächeln und die steinernen Finger zusammenkrümmtest?

Aber ich weiss noch ein anderes Märchen.

Einen Ritter, welcher einen einzigen Freund besass, lüstete eines Tages in die

Zukunft zu sehen. Er fragte einen Zauberkundigen, den er reich beschenkte. Der

Zauberkundige sah dem Ritter eine Weile ins Auge und sagte dann: „Diese

Nacht, im Traum, wird dir Antwort werden.“

In der Nacht, in einem schwülen Fieberschlaf, sah der Ritter zwei

Lebenslinien, Strömen zu vergleichen, neben einander laufen. Er erkannte sein

Leben und das seines Freundes. Die beiden Linien verschlangen und wirrten

sich, und nach einer kurzen Verknüpfung floss eine, die andere besiegend und

fressend, breit und glänzend lange fort. Auf diesen Traum hatte der Ritter einen

bösen Tag. Darauf beschlich er nächtens die Burg seines Freundes, ihn zu

ermorden. Er kletterte auf den Wall, fiel in den Graben und brach den Hals. Der

Freund betrauerte ihn lang, ward mächtig und reich und erreichte ein hohes

Alter.

Mich wundert oft, welcher von uns das zähere Leben habe. Wenn mich nach

einem grausigen Traum gelüstet, dann denke ich mir, du begännest einmal zu

reden und sagtest mir plötzlich ein Wort von den vielen Worten, die du von mir

gehört hast. Würde nicht die unerhoffte Rückkehr dieses Wortes mich zu Tode

erschrecken? Oder du gingest von mir und trügest die Last meiner Geständnisse

mit dir hinweg. Wäre mir da nicht wie einem Reichen, dessen Kleinode ein Kind

durch die Raubgier einer bevölkerten Strasse trägt? So gebe ich dir täglich einen

neuen Schatz zu hüten und mache dich täglich nach neuen Bürden lüstern.

Weisst du aber, ob ich nicht grausam bin? Oder weisst du das besser als ich?

Oft meine ich, dass du mich besser kennen müssest, als ich selbst vermag.

Oder weshalb schüttelst du das Haupt, wenn ich dir eine alte Sache wieder

erzähle und ändere darin eine Farbe, einen Namen oder nur eine Geberde? Wenn

du mich lügen hörtest? Wenn ein Streit zwischen uns entstände? Müsste es nicht

ein Streit auf Leben und Tod sein? So weiss ich nicht, ob du meiner Langmut

anheimgegeben bist, oder ich der deinigen.

 

Zuweilen, wenn dein Lächeln eine meiner Erzählungen begleitet, scheint es mir

Augenblicke lang das Lächeln des Wiedererkennens zu sein. Bist du dabei

gewesen, als ich dieses that und jenes zu thun unterliess? Hast du zugesehen, als

ich diesen Frevel beging und jene Wohlthat übte? Ist das, was dich an mich

fesselt, vielleicht die Folge einer früheren mir unbekannten Gegenwart, ein böses

Gewissen, eine Mitwisserschaft, ein böses Mitgewissen? So wäre der Grund

unsrer Gemeinschaft ein Spiegel- und Trostbedürfnis, die Notwendigkeit eines

Mitleidenden, und vielleicht der allezeit wache Argwohn Zweier, die ein

gemeinsames Verbrechen begangen haben. Also dass wir aneinander leben und

aneinander zu Grunde gehen müssten?

Oder wie kommt es, dass du gerade dann immer zu mir trittst, wenn eine Lust

zu Rede und Vertraulichkeit sich in mir regt, als fürchtetest du, diese möchte sich

einem Dritten offenbaren? Was beschwert denn meine Erinnerung, das für Einen

zu schwer zu tragen wäre!

 

In Stunden, welche schweren Träumen vorausgehen, in diesen unruhig trägen,

bleigrauen, fiebernden Stunden hat mich oft eine stachelnde Begierde erfüllt,

dich zu quälen, dir schmerzliche Geheimnisse zu rauben und dich stöhnen zu

hören, dir den Fuss auf die Brust zu setzen oder dich eng zu würgen. Dann, wenn

meine Einbildung schon dein Ächzen vernahm und Blut an deinem Halse sah,

tratest du manchmal zu mir. Ich aber wurde von Angst und Mitleid ergriffen, streichelte deine Hände, nannte dich mit Schmeichelnamen und vermied es, in

deine Augen zu blicken. Weshalb hatte ich Angst vor dir?

Oder weshalb liebe ich dich? Denn ich liebe dich mit der Liebe, welche jeder

Verwandlung fähig ist und keine höchste Stufe kennt. Ich liebe dich wie ein

gutes Haustier, ich liebe dich wie eine Schöpfung meiner Kunst, ich liebe dich

wie man die Rätsel und das Schauerliche liebt. Ich liebe dich auch wie ein Glied

meines Leibes, und liebe dich wie einen morgenden Tag, und wie ein Abbild

meiner selbst, und wie meinen Dämon und meine Vorsehung. Wie aber liebst du

mich?