Eine Stunde hinter Mitternacht

Hermann Hesse · Kapitel 3 von 10

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Eine Stunde hinter Mitternacht

Albumblatt für Elise.

 

Mein Erstling du, meine Blonde, Frühlingbekränzte! Aus dem Frühlingsbilde

des Sandro Botticelli blickst du mich zuweilen an, mit den vergessenen Zügen.

In einem unvergesslichen Frühsommer, zur Zeit meiner ersten Lieder, war

parküberschattet wenig Tage lang eine selige Nähe um mich, ein auferstandener

Traum, mit unfassbarem Traumgesicht, flüchtig und schwer mit Namen zu

nennen. Und das warst du. Ohne Vorher und Hernach, wie ein einziger, niemals

wiederkehrender Strahl glückfarben gebrochenen Lichtes — ich weiss nur noch,

du hattest hellrote Mädchenlippen, du trugst einen schweren Bund blonden

Haares und hattest eine zärtlich milde Liederstimme. Und hiessest Elise.

Du Fee! Du Blüte, du Leichte, Körperlose! Du gleitest über den

ausgespannten Teppich meiner jugendlichsten Glücksträume wie eine lind

bewegte Musik, oder wie eine duftende Erinnerung, oder wie der Geist einer

verklärten, tiefgründigen Jugendzeit. Nimm meinen heimlichen Gruss! Nimm

den Feiertagszauber jener Sommerfeste im Park, und den Schatz meines

Andenkens an alle Märchen jener Zeit! Nimm, was meine verschwenderische

Jugend hat, die verwunschenen Kleinode von Träumen, über denen jene

versunkenen Junihimmel in fabelhafter Bläue lohten!

Nimm auch noch, Prinzessin, ein Lied von mir! Ich fand es dort, wo unser

Tannenschlag endet und der Buchenhochwald der Berthaburg beginnt, auf der

Bachbank, über unsrem durch den Waldrand leuchtenden Kornblumenfelde. Es

ist das früheste meiner Lieder, dessen ich mich zu erinnern vermag.

Der Zeller Hirt treibt heim. Der laute Bach

Stürzt dunkle Wasser den besonnten nach.

Die Ferne raucht; die ganze Welt liegt weit.

So möcht’ ich stehen ein’ und alle Zeit.

So steh’n und hold mit Träumerblicken schaun

Lustwandeln dich, du schönste aller Fraun.

Da nahst du dich. Ich berge mein Gesicht

Von Thränen heiss. Du aber weisst es nicht.