Eine Stunde hinter Mitternacht

Hermann Hesse · Kapitel 5 von 10

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Eine Stunde hinter Mitternacht

Incipit vita nova.

 

In meinem Leben ist wie im Leben der meisten Menschen ein Punkt der

Wandlung in’s Besondere, ein Ort der Schrecken, der Finsternisse, des Verirrt-

und Alleinseins, ein Tag unerhörter Betäubung und Leere, aus dessen Abend

neue Sterne am Himmel und neue Augen in uns hervorgehen.

Da ging ich frierend unter den Trümmern meiner Jugendwelt, über

zerbrochene Gedanken und gliederzuckende, verzerrte Träume, und was ich

anschaute, fiel in Staub und hörte auf zu leben. Freunde gingen an mir vorbei,

welche zu kennen ich mich schämte, Gedanken sahen mich an, die ich

vorgestern gedacht hatte, und waren so entfernt und fremd geworden, als wären

sie hundertjährig und nie mein Eigentum gewesen. Alles wich von mir weg, ich

war bald von einer ungeheuren Leere und Windstille umgeben. Ich hatte nichts

Nahes mehr, keine Lieblinge, keine Nachbarschaft, und mein Leben stieg in mir

als ein schüttelnder Ekel empor. Als wäre jedes Mass überfüllt, jeder Altar

entheiligt, jede Süssigkeit verekelt, jede Höhe überklommen. Als wäre jeder

Schimmer einer Reinheit verfinstert und schon jede Ahnung einer Schönheit

verzerrt und mit Füssen getreten. Ich hatte nichts mehr, mich danach zu sehnen,

nichts mehr anzubeten und zu hassen. Alles was Heiliges, Ungeschändetes und

Versöhnendes noch in mir war, hatte Blick und Stimme verloren. Alle Wächter

meines Lebens waren eingeschlummert. Alle Brücken waren abgebrochen und

alle Fernen ihrer Bläue beraubt.

Als alles Lockende und Liebenswerte mir so verschwunden war und ich wie

ein Schiffbrüchiger des Geistes erschöpft und unaussprechlich beraubt und arm

zum Bewusstsein meines Elendes erwachte, da senkte ich das Auge, erhob mich

mit schweren Gliedern und wanderte aus allen Gewöhnungen meiner

Vergangenheit wie ein Gerichteter, der bei Nacht seine Wohnung verlässt, ohne

Abschied zu nehmen und ohne die Thüren hinter sich zu verschliessen.

Wer hat je der Einsamkeit auf den Boden geschaut? Wer kann sagen, dass er

das Land der Entsagung kenne? Meinen Blicken schwindelte, als ich mich über

den Abgrund bückte, sie fielen ohne ein Ende zu finden. Ich wanderte durch das

Land der Entsagung, bis meine Kniee vor Müdigkeit brachen, und noch lag die

Strasse in unverminderter Ewigkeit vor meinem Schritt. Eine stille, traurige Nacht wölbte sich tröstend und schläfernd über mir. Schlummer und Traum

kamen zu mir wie Freunde zu einem Heimkehrenden, und lösten eine tödliche

Last wie ein Reisebündel von meinen Schultern.

Bist du schon schiffbrüchig gewesen und sahest Land und einen Schwimmer

sich dir nähern? Bist du schon todkrank gewesen und thatest genesend den ersten

Trunk frischer Gartenluft und spürtest das süsse Wallen des sich erneuernden

Blutes? Wie diesen Erretteten und diesen Genesenen, so überflutete mich ein

Wirbel von Dankbarkeit, Ruhe, Licht und Wohlsein, als ich in jener Nacht

erkannte, dass unerforschliche Wesen sich freundlich zu mir neigten.

Der Himmel hatte ein anderes Ansehen als jemals zuvor. Die Stellung und

Wiederkehr der Gestirne trat mit meinem innersten Leben in einen

vorbestimmten Freundesbund und das Ewige verknüpfte etwas in mir deutlich

und wohlthätig mit seinen Gesetzen. Ich fühlte in meinem aus der Wüste

aufgerichteten Leben einen goldenen Grund gelegt, eine Kraft und ein Gesetz,

nach welchem, wie ich mit herrlichem Erstaunen empfand, künftig alles Alte

und Neue in mir sich in edlen Krystallformen ordnen und mit allen Dingen und

Wundern der Welt wohlthätige Bündnisse schliessen müsste.

Incipit vita nova. Ich bin ein Neuer geworden, mir selber noch ein Wunder,

ruhend zugleich und thätig, empfangend und schenkend, ein Besitzer von

Gütern, deren werteste ich vielleicht noch nicht kenne.