Eine Stunde hinter Mitternacht

Hermann Hesse · Kapitel 8 von 10

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Eine Stunde hinter Mitternacht

An Frau Gertrud.

 

Im einsamsten Gemach meines Schlosses, unter der Wölbung des schmalen

Fensters, sitzest du oft, Freundlichste unter meinen Toten. Über alles

Zusammensein und Händehalten hinaus dauert noch deine unbegreifliche, gütige

Gegenwart, wie eines Sternes, der verschollen ist und dessen Strahlen doch

lange Zeiten noch zu uns reichen.

Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich unter dem Himmel der Vita Nuova

gewandelt bin. Ich kann nicht zählen, wie oft ich verzweifelte, ein anderes Bild

deiner Erscheinung zu finden.

Keine Schönheit, wenn nicht die jenes süssesten Gedichtes, ist dir zu

vergleichen. Mir ist oft, als wärest du die gewesen, die einst an dem entrückten

Dante vorüber ging, und wärest nur einmal noch über die Erde gewandelt, im

Schatten meiner sehnsüchtigen Jugend. Dass ich dich mit leiblichen Augen

gesehen habe, dass deine Hand in der meinen lag, dass dein leichter Schritt

neben dem meinen über den Boden ging, ist das nicht eine Gnade der

Überirdischen, ist das nicht eine segnende Hand auf meiner Stirn, ein Blick aus

verklärten Augen, eine Pforte, die mir in das Reich der ewigen Schönheit

geöffnet ward?

In Schlafträumen sehe ich oft deine leibliche Gestalt und sehe die

feingliedrigen, weissen Finger deiner adligen Hände auf die Tasten des Flügels

gelegt. Oder ich sehe dich gegen Abend stehen, die Farbenwende des

erblassenden Himmels betrachtend, mit den Augen, welche von der

wunderbaren Kenntnis des Schönen voll tiefen Glanzes waren. Diese Augen

haben mir unzählige Künstlerträume geweckt und gerichtet. Sie sind vielleicht

das Unschätzbarste, was meinem Leben gegeben wurde, denn sie sind Sterne der

Schönheit und Wahrhaftigkeit, voll Güte und Strenge, unbetrüglich, richtend,

bessernd und belohnend, Feinde und Rächer alles Unwerten, Unwesenhaften und

Zufälligen. Sie geben Gesetze, sie prüfen, sie verurteilen, sie beglücken mit

überschwenglichem Glück. Was ist Vorteil, was ist Gunst, was ist Ruhm und

menschliches Lob ohne die Gewährung und das gnädige Leuchten dieser

unbestechlichen Lichter!

Der Tag ist laut und grausam, für Kinder und Krieger gerecht, und alles Tagleben ist vom Ungenügen durchtränkt. Ist nicht jeder eindämmernde Abend

eine Heimkehr, eine geöffnete Thür, ein Hörbarwerden alles Ewigen? Du

Wunderbare hast mich gelehrt, heimzukehren und mein Ohr den Stimmen der

Ewigkeit zu öffnen. Du sagtest, als schon das letzte Thor bereit war vor dir die

Flügel aufzuthun, zu mir die Worte: „Lass dir die Abende heilig sein und dränge

ihr Schweigen nicht aus deiner Wohnung. Auch vergiss der Sterne nicht, denn

sie sind die obersten Sinnbilder der Ewigkeit.“

Und ein andermal hast du gesagt: „Denke daran, auch wenn ich dir genommen

bin, Frieden mit den Frauen zu halten, denn alle Geheimnisse stehen ihnen am

nächsten.“ Seither habe ich mit niemandem solche Gespräche ohne Worte

gehabt, wie mit Sternen und Frauen.

 

In der Stunde, da wir unsre Freundschaft beschlossen, trat noch Einer zu uns,

unsichtbar und unbegreiflich, ein Geist und Schutzgott. Mir ist, er habe

unsichtbare Geberden eines Segnenden über mir gemacht, und jene Worte

geredet; apparuit jam beatitudo vestra. Dieser ist seitdem bei mir geblieben und

hat sich vielfältig oft an mir erwiesen, als ein Arm des Trostes, als ein

Rätseldeuter, als Dritter eines Glückes. Oft war meine Hand zu Übereilungen

hingeboten und er drängte sie zurück; oft war ich einer Schönheit

vorübergegangen und er nötigte mich still zu stehen und zurückzublicken; oft

wollte ich ein grünes Glück vom Ast brechen, und er riet mir: „Warte noch!“

Was versöhnlich und liebenswürdig ist, was holde Stimmen hat und tröstliche

Bedeutungen, was selten, edel und von abgesonderter Schönheit ist, hat seitdem

eine sichtbare Seite für mich und irgend einen Weg zu meinen Sinnen. Die

Ströme in der Nacht reden mir deutlicher, die Sterne können nicht mehr ohne

mein Mitwissen auf- und niedersteigen.

 

Dieser mein Tröster und unsichtbarer Dritter kam auch an einem Tage zu mir, da

mein Herz den Takt verloren hatte und mein Auge zu erblinden schien. Er

glättete meine Stirn, er lehnte zuweilen an mich und sagte mir etwas ins Ohr, er

ging vorüber und drückte mir die Hand. Du aber lagest in lauter Theerosen

gebettet, voller Friede, voller Verklärung, freundlich, aber ohne Lächeln. Du

lagst und rührtest keine Hand, lagst und warst kalt und weiss.

Diese Stunde erschien mir als eine unergründlich schwarze Nacht. Ich stand in

dichter Finsternis und wusste nicht wo ich war, ohne Nähe und Ferne, wie von

erloschenen Lichtern umgeben. Ich stand unbewegt und fühlte auf allen Seiten

Abgründe neben mir offen, spürte nur meine ineinander gelegten Hände hart und kalt, und glaubte an kein Morgen mehr. Da stand der Tröster neben mir,

umschlang mich mit festen Armen und bog mein Haupt zurück. Da sah ich im

Zenith eines unsichtbaren Himmels inmitten der vollkommenen Finsternis einzig

einen hellen, milden, strahlenlosen Stern von seliger Schönheit stehen. Als ich

diesen sah, musste ich eines Abendes gedenken, an dem ich mit dir im Walde

ging. Ich hatte meinen Arm um dich gelegt und plötzlich zog ich dich ganz an

mich her und bedeckte dein ganzes Gesicht mit schnellen, durstigen Küssen. Da

erschrakest du, drängtest mich ab und sahest wie verwandelt aus. Und sagtest:

„Lass, Lieber! Ich bin dir nicht zu Umarmungen gegeben. Der Tag ist nicht fern,

an dem du mich mit Händen und Lippen nicht mehr erreichen wirst. Aber dann

kommt die Zeit, dass ich dir näher sein werde als heute und jemals.“ Diese Nähe

überfiel mich plötzlich mit unendlicher Süssigkeit, wie ein völliges Aug in

Auge, wie ein Kuss ohne Ende. Was ist alle Liebkosung gegen dieses namenlose

Vereinigtsein!

Auf Wanderungen durch die Orte, an denen wir beisammen waren, kam diese

Wonne später noch manchmal über mich, schon lange Zeit nach deinem Tode.

Einmal, als ich im Schwarzwalde bergan durch einen dunklen Forst wanderte,

sah ich deine helle Gestalt von der Höhe her mir entgegen gehen. Du kamst mit

deinem alten Händewinken den Berg herab, begegnetest mir und warst

verschwunden, während zugleich deine Gegenwart mein Inneres süss und tief

erfüllte.

Am häufigsten aber trittst du an den Himmel meiner Träume wie damals am

Tag meiner grössten Finsternis, als der milde Stern der Gnade, voll seliger

Schönheit.

Am einen Abende, als Musik und lautes Gespräch dich bis in die letzten

Gartenwege verfolgte, fand ich dich dort auf und nieder gehend, gab dir meinen

Arm und begleitete dich. Da sagtest Du: „Wenn ich nicht mehr hier sein werde

und wenn du selber einmal leiser geworden bist, wird vielleicht dieser

vergehende Abend und mancher, der schon vergangen ist, dir gegenwärtiger und

wirklicher sein als deine eigene Hand. Dann wirst du Mitternachts irgendwo in

deinem Zimmer wach sein, vielleicht weit von hier. Vor deinen Fenstern aber

wird die nahe Welt zurückweichen und du wirst glauben, diesen Weg und uns

beide darauf wandeln zu sehen.“

Heute nun liegt dieser Abend vor mir, in die entfernte Musik mischen sich

wieder unsere leisen Stimmen, dass ich nicht weiss, ob jener Abend oder der

heutige wirklich und vom irdischen Monde erleuchtet ist.