Eine Stunde hinter Mitternacht

Hermann Hesse · Kapitel 9 von 10

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Eine Stunde hinter Mitternacht

Notturno.

 

Mein Ross hält an, reckt den schönen Hals und wiehert in den Abend. Ich

grüsse dich! Ich grüsse dich, meine Cederndunkle Zuflucht! Du

Friedebringende, du Weltferne, Unberührte, mit dem schwarzen, kostbaren

Gürtel!

In einem tiefen, tagebreiten Cederwald liegt ein See und eine granitene Burg

verschlossen. Ein Schloss für die Ewigkeit gebaut, kolossal und quaderfest, mit

ungeheuren normännischen Ecktürmen, und mit einer einzigen Thüre. Diese

öffnet sich auf eine Treppe aus breiten Quaderstufen, und die Treppe führt in den

schwarzen, bodenlosen See. Der eisgraue Wächter hört und erkennt mein Ross.

Er tritt bedächtig durch die eherne Thüre und über die grünlichen Stufen. Er löst

das Königsboot von der schweren Kette und rudert lautlos mit einem Ruder über

das spiegelschwarze Wasser. Er nimmt mich auf und steuert zurück. Wir legen

das Boot wieder an die Kette mit den eisernen Viereckgliedern.

Wir setzen uns auf die Schwelle der ehernen Thür. Das Wipfelflüstern wächst

im Abendwind, die Dämmerung schleicht zwischen den Stämmen am Ufer hin.

Der Wächter hat das Greisenhaupt auf beide harte Hände gestützt und dringt mit

langen, ruhigen Blicken in den Abend. Vor uns liegen die vermoosenden Stufen

und der unbewegte See, auf beiden Seiten steht die tausendjährige, hohe Wand

des heiligen Waldes und schliesst gegenüber am fernen Seerande den dunklen

Ring. Stunden fliegen auf unhörbaren Fittigen über uns hinweg.

Jenseits des Wassers zittert über den Wipfeln ein kleines Licht herauf, hebt

sich und wächst und beginnt hell zu leuchten, und löst sich schwebend als voller

Mond vom Walde los. Von unserem Sitze anhebend verbreitet sein Licht sich

langsam über den See, bis die runde Wasserfläche ohne Schatten in reinem,

tiefem Lichte schwimmt, unbewegt, wie ein unendlicher Spiegel. Mit

unvermindertem Glanze blickt der silberne Mond aus der unergründlichen Tiefe.

Der Wächter ruht mit unverwandtem Blick auf dem langsamen Wandel des

Spiegelmonds. Sein Gesicht ist traurig, und ich fühle wohl, dass er mit mir reden

möchte. Ich frage ihn, und ich dämpfe schnell meine Stimme zum Flüsterton,

erschrocken über ihr Hallen in dem einsamen Waldrunde. Ich frage ihn: „Du bist

traurig. Woran denkst du?“

Er wendet nicht den Blick, aber er senkt ein wenig das weisse Haupt und

seufzt. Und sagt: „Vor tausend Jahren sass ich hier auf dieser Thürschwelle, und

blickte über den nächtigen See. Dort aber, in der Mitte des Wassers, wo jetzt der

Mond sich abmalt, schwamm ein Totenkahn und brannte steilauf in lohroten

Flammen. Der ganze See war rot vom Widerschein des brennenden Nachens.

Und der darin lag, war mein letzter König.“

Der Greis bedeckt sein Haupt mit dem Gewand. Nach einer Weile enthüllt er

sich und hat noch Tropfen im Bart. Er erzählt: „Wenige Zeit danach stiess ich

den letzten Leichenkahn von dieser Treppe brennend hinaus. Lag eine

übermenschlich schöne, schneeblasse Dame in purpurnen Prachtkleidern darin.

Meine letzte Königin.“ Der Cederwald rauscht tieftönig auf. Aus dem

bodenlosen Wasser blickt traurig der runde Mond. „Diese hab’ ich geliebt“. —

—

„Seit allen vielen Jahren bewahrte ich das Schloss, und sass stille Abende lang

auf meiner Treppe. Aber du weisst dies ja wohl, denn du hast mich ja mit Namen

gerufen und bist der Einzige, der diese Zuflucht seit tausend Jahren betreten hat.

Du hast ja auch die Schlüssel Ihrer Gemächer! Willst du eintreten?“

Wir schliessen hinter uns das Thor. Der Wächter nimmt die Fackel vom Ring

und leuchtet mir die Treppen hinan. Ihr heimatliche, tausendjährige Treppen! Ihr

bronzene Zierleuchter! Ihr Fliesengänge, in denen das Echo königlicher Schritte

erwacht, wenn ich darüber trete! An der letzten Thüre bleibt der Wächter stehen,

und bückt sich tief, und lässt mich allein. Ich trete in das alte Zimmer, ich spüre

den Gruss der vergangenen Zeiten, denselben, den ich schon als ein scheuer

Knabe vor vielen Jahren hier verspürte. Gemach unserer letzten Königin!

Scharlachene Teppiche, löwenköpfige hohe Sessel, goldnes und edelsteinenes

Frauenspielwerk. Ein heidnischer Gott, eine Kriegsbeute, steht mitten im

Gemach, hat ein goldenes Stirnband umgelegt und die kleine Harfe der Königin

im Arme hängen. Das ist die Harfe, welche Nächte lang mit langen Klagtönen

den See und die stillen Schwäne bezauberte! Das ist die Harfe, die den Gesang

des blonden Mitternachtsbuhlen begleitete!

Der rauschte in verwölkten Sturmnächten nass und blank aus dem zitternden

See und trat durch die schlafenden Knechte, und kosete im dunklen

scharlachenen Zimmer mit der Liebeskönigin. Der stiess das lange

Schlangenschwert durch die fröhliche Brust des letzten Königs. Der küsste in

einer brausenden Gewitternacht den Tod auf den roten, liebekundigen Mund der

Königin.

Die ebenholzene Harfe hängt im Arm des stillen Gottes. Ich betrachte lang

ihre schlanke, fremde Form mit dem perlgezähnten, smaragdäugigen

Drachenkopf, und die feinen Saiten, und atme die unermesslichen Schicksale und Leidenschaften einer vergangen unvergänglichen, übermächtigen Zeit.

Das Fenster ist unverhängt; ich lege mich in das Gesimse. Treppe und See

liegt unter mir. Der Wächter sitzt traurig auf seiner Stufe und sättigt sein Auge

an der Seetiefe und bewahrt in seiner Eisenbrust das brandende Meer seiner

unsterblichen Liebe. Wächter, See und Wald seit tausend Jahren ohne Tod und

Zeit, zauberversunken, im Ring wachhaltender Jahrhunderte und darüber, ohne

Tod und Zeit, der volle ruhige Mond. Jeder Atemzug ein Trunk aus dem

unerschöpflichen Becher der Ewigkeit, jeder Herzschlag eine stille ungezählte

Welle im Meer des Schweigens!

Nahe erscheint auf dem Wasser, wie ein leuchtender Streif, eine weisse Helle.

Bleibt stehen, schlägt mit Flügeln und ist ein grosser Schwan. Der Schwan rudert

langsam fort. Fort und weit in den See hinein. Dort hält er an, ist kaum noch

sichtbar, hebt sich wund und stolz, und sinkt in Grund. Ein süsser, wunder Ton

kreist über Schloss und See, und ich weiss nicht, ist es ein Schwanenlied oder

ein erwachter Ton der schwarzen Liebesharfe. Der Wächter aber ist aufgestanden

und blickt mit erhobenem Haupt entrückt und selig dem weissen Wunder nach,

breitet beide Arme aus und steht noch lang, den süssen Ton im Ohr. Auch ich;

und mich kühlt eine selig wohllaute Stille bis ins Herz.

Der Wächter fragt mit einem Blick herauf. Ich nicke zu, verschliesse das

Gemach der Königin und steige die breite Treppe nieder. Das Boot ist schon

gelöst. Ich steige ein, und der Greis taucht das lautlose Ruder tief in die

schwarze Flut.