Eine Stunde hinter Mitternacht

Hermann Hesse · Kapitel 6 von 10

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Eine Stunde hinter Mitternacht

Das Fest des Königs.

 

Im Schloss des Königs wurde ein Fest bereitet. Der Palast und alle vornehmen

Häuser der Stadt waren mit Gästen überfüllt, denn zu den Festen des Königs

pflegte der Adel des ganzen Landes sich einzufinden.

Die breite Allee, welche vom Schlosse in die Stadt führte und die an

gewöhnlichen Tagen durch Ketten und Wächter versperrt wurde, war voll von

Reitern, Wagen, Sänften, Lastträgern und Müssiggängern zu Fusse. Der König

besass einen Marstall von hundert Schimmeln, und ausser den Prinzen und den

Grafen des Landes durfte niemand ein weisses Ross reiten, bei Todesstrafe.

Wenn nun auf dem überfüllten Fahrwege ein Schimmelreiter erschien, dem

wurde eine breite Gasse gebahnt, und auf beiden Seiten drängte sich das

wartende Volk, sich bückend und die Häupter zum Gruss entblössend. Da waren

Handwerker mit Leitern, Seilen, Brettern, Teppichen und gemalten Schildern,

buntgekleidete Musikanten, Trompeten, Geigen und grosse Trommeln tragend,

Blumenverkäufer mit Karren, auf welchen bunte und rare Blumen in Haufen

getürmt lagen, Herolde und Soldaten, Wagen, die mit vielerlei Geräte, Tapeten

und Tüchern beladen waren. Unzählige Neugierige in Sonntagskleidern

spazierten in dem geöffneten äussersten Ring des königlichen Parkes, durch den

die Platanenallee gezogen war. Handwerker waren beschäftigt, zwischen den

Bäumen lange Leinen mit aufgereihten, runden, rot und gelben Papierlaternen zu

spannen, welche am Abend zur Belustigung des Volkes und als fröhlicher

Anblick für die Herrschaften sollten angezündet werden. Die Arbeiter lachten

oder fluchten durcheinander, je nachdem sie von der Menge ermuntert oder

belästigt wurden. Trödler gingen umher, von vielen Kindern umringt, mit

Schmuck und allerlei Spielzeug und Flittern handelnd, Weiber, welche Brot und

Würste und Gebäck verkauften, und Blumenmädchen, die den jungen Städtern

Veilchensträusse anboten. Diese alle erfreuten sich reichlichen Zulaufs, und

zumal die Veilchenmädchen waren überall von eleganten, im Scherze

feilschenden jungen Männern unter vielerlei Schmeicheleien und spasshaften

Angeboten umringt.

Am dichtesten drückte sich das Volk vor dem geschlossenen eisernen

Hauptportal des Schlosshofes. Landleute und Städter drängten sich dort zu dem selten gewährten Anblick des Schlosses und brannten vor Begierde, hinter den

Bogenfenstern Einen vom Königshause zu erspähen, und wandten kein Auge

vom Schlosshof, sobald ein Lakei in roter Livree sichtbar wurde, oder ein

Offizier, oder nur ein gemeiner Diener, welcher Gerät trug oder Pferd oder Hund

nach den seitwärts zurückliegenden Prachtställen führte.

Das Schloss bestaunte ein jeder, der es zum ersten Male sah, und am meisten

die Landleute. Denn es war nach hierlands fremden Regeln unter dem Vater des

jetzigen Königs von einem südländischen Werkmeister erbaut worden, von

geringer Höhe, aber weitläufig und prächtig, und ganz aus Marmor. Dieses

Schloss und der dahinter liegende alte Park, der dem Volke unsichtbar und

niemals zugänglich war, galten als die Wunder des Landes. Die sichtbare vordere

Seite des Schlosses, mit zweimal vierzig Bogenfenstern, war von einem breiten

Giebel gekrönt, in dessen Dreieck ungeheure Menschen und Pferde auch aus

Marmor gemeisselt standen, die seitwärtigen in allerlei Lagen knieend, fallend

und liegend und so der Dreieckform lebendig angeschmiegt. Kleinere Figuren

von feiner Arbeit standen über dem Hauptthore, den Empfang heimkehrender

Sieger darstellend. Im Innern aber sollten Säle von unerhörter Höhe und Pracht

und Zimmer mit seidenen und goldenen Wänden sein, angefüllt mit Schätzen aus

vielen Zeitaltern und Kunstwerken berühmter Meister. Noch erstaunlichere

Gerüchte wussten viele von dem geheimnisvollen Park zu erzählen, der sich drei

Stunden weit erstreckte und von ausländischen Gärtnern und Förstern erhalten

wurde, welchen verboten war, sich jemals ausserhalb der ungeheuren Ringmauer

zu begeben, die den ganzen Park in stattlicher Dicke und Höhe umgab. Hirsche

und unbekannte Tiere und farbige, fremde Vögel, als Fasanen und Pfauen,

wusste man dort verborgen, und jahrhundertalte Wildnisse, ferner künstliche

Gewässer, Seen und springende Brunnen, Brücken und Beete voll seltener

Blumen, sowie ein fabelhaftes Jagdschloss, den Lustort des verwichenen

Fürsten, wo dessen lang verblichene Geliebten häufig umgingen, die Buhlereien

und Eifersüchte ihres vormaligen Sündenlebens erneuernd. Was immer an

dunklen Mordgeschichten und unerhörten verliebten Lustbarkeiten von heissen

Köpfen ersonnen und von eiligen Weiberzungen verschwatzt war, wurde auf das

unbekannte Jagdschloss gehäuft, welches den einen als ein schimmernder

Himmel auf Erden, den andern als Sammelort aller Schrecken und bösen Geister

erschien.

Die müssige Menge sog begierig die Geschwätze und geflüsterten Sagen und

den Duft des Wunderbaren ein, der sie nebst dem Rausch des Feiertages und der

Erwartung erhitzte und betäubte. Man sprach von den Pferden und Wagen der

Gäste, von den bevorstehenden Vergnügungen des Hofes und denen des Volkes,

welchem auf den Abend ein Feuerwerk versprochen war. Neben den anpreisenden Rufen der Verkäufer waren die von lautem Gelächter begleiteten

Spässe der Hanswurste zu hören, die Bettelreden sitzender Krüppel und

umhergestossener Einarmiger oder geführter Blinder, die ermahnenden, aber

wohlwollenden Stimmen anwesender Ratsherren, und das gelle Spassen und

jache Lachen der Freudenmädchen. Die Trinkbuden bevölkerten sich, und

mancher Unkluge nahm den erwarteten Genuss des Festtages im vorzeitigen

Rausch vorweg. Andere umstanden ein Kasperltheater oder ein Loosrad oder die

Wettspiele der Kinder, welche nach ausgehängten Preisen kletterten und

sprangen. Balladensänger und Sackpfeifer wurden angehört, im Gedränge

verloren sich Familien und Freunde auseinander und fanden sich Liebespaare,

denen die Wirre des Festplatzes ersehnte Gelegenheit zu verbotenen

Zusammenkünften gab.

In den gewundenen Spazierwegen des äusseren Parkes sassen und

lustwandelten die Alten, die Angesehenen der Stadt, reiche Bürger, Räte und

Richter, und langsame Pfarrer, im Genuss der gepflegten Zierbeete und Rasen

und der schattigen Ruhebänke. Ein feister Ratsherr erklärte mehreren Fremden

die Anlage der Alleen und Wege und die Lage des Schlosses, und rühmte den

Wohlstand seiner Stadt und den freigebigen Reichtum seines Königs.

Der Lärm, das Bürgergespräch, die modisch gekleideten Städter und das

glotzende, schwergestiefelte Landvolk schändeten die Alleen und die Gärten,

und stachen hart von dem Ernst der alten Platanen und von der eleganten

Schönheit der fürstlichen Anlagen ab, deren verschlungene Wege, von allerlei

seltenem Laub überschattet, dazu bestimmt waren, von Prinzessinnen in adliger

Gesellschaft oder von den Phantasiebildern eines fürstlichen Dichters beschritten

zu werden.

 

Um die Mittagstunde sammelten sich grosse Volkshaufen vor den Portalen des

Schlosshofes, neugierig auf die Tafelmusik und auf den erhofften Anblick der

Herrschaften. Ein dröhnender Jubel brauste empor, da der Kronprinz an einem

Fenster sich zeigte. Er war dunkel, mager, ein wenig gebückt, und hatte ein

scharfes, kluges, wachsblasses Gesicht mit dunklen, forschenden Augen. Er

bewegte grüssend das Haupt, und in eben diesem Augenblick trat der König

neben ihn, lächelnd und mit lebhafter Bewegung der grüssenden Hand. Er war

gross, dick und aufrecht; die Farbe seines breiten Bartes schwankte noch

zwischen blond und grau, sein Gesicht aber war frischrot und glänzend und die

Stirne schier ohne Falten. Er trug ein rotes Gewand mit breiten, weissen

Säumen. Er liebte alle Festlichkeiten und verbarg seine Fröhlichkeit der Menge

nicht. Kopfnickend verliess er mit dem Kronprinzen das Fenster.

Während draussen die Rufe der beglückten Menge langsam zerrannen, setzte

sich der König im roten Saale zu Tisch. Zwei schimmernde Reihen

geschmückter Herren und Edeldamen sassen an einer ungeheuren Tafel verteilt,

immer eine Dame zwischen zwei männlichen Gesellschaftern. Zur Rechten des

Königs sass die weiss gekleidete Königin, seine dritte Frau, von Allen ihrer

schlanken, stummen Schönheit wegen bewundert. Zur Linken des königlichen

Sitzes sass ein schwarzhaariger Buckliger, schweigsam und häufig aus

tiefliegenden, glänzenden Augen umherschauend. Dieser war des Königs

Bruder. Ihm war der scharfe, zähe Verstand zu eigen, welchen man oft bei

Krüppeln findet, und, unbekannt der Welt, leitete sein wacher Fleiss und sein

ernstes, scharfes Auge die Geschäfte der Regierung. Ihm verdankte unwissend

das Land seinen Wohlstand und der leichtherzige König die Erhaltung seiner

ererbten, unermesslichen Reichtümer.

An die Enden der Tafel waren die Prinzen gesetzt, der Kronprinz und sein

jüngerer Halbbruder, aus der zweiten Ehe des Königs, seiner Herzensehe

entsprossen, ein heller, fröhlicher Ritter. Die Grafen und Gräfinnen und Barone

und ihre Frauen und Töchter waren nach Neigung und Freundschaften gemischt,

die drei vornehmsten und ältesten Vasallen dem Könige gegenüber. Silberne

Teller und krystallene Weinkelche wurden von zahlreichen edelgeborenen Pagen

bedient. In der Nähe des Prinzen glänzte das helle Jünglingshaupt seines

Lieblings, des Sängers, welchen der König, da jener ein Meister seiner Kunst

und von feinen Sitten war, nach italienischem Vorbilde an sein Haus gefesselt

hatte. Er war dem König in kurzer Zeit lieb und befreundet geworden, denn er

verstand meisterlich alle angenehmen Künste, zumal Poesie und Gesang, und

war ein Erfinder vieler Feste, Tänze, Mummenschänze und sonst ergötzlicher

Belustigungen.

Der König redete viel mit den Frauen seiner Vasallen. Die Männer überliess er

seinem Bruder, der durch kurze, schwere Fragen und Blicke die Herren

durchforschte. Die Königin allein sass schweigsam und ohne viel zu lächeln. Ihr

feines, blasses Haupt wendete sich langsam zuweilen um, ihr dunkles Auge ging

durch die Reihen der Tafelnden, ruhte auf den Stirnen schöner Ritter, und ging

weiter, den Schönsten zu suchen. Ihr geschlossener Mund war von hellem Rot,

wie die Frucht der wilden Rose, fein und hochmütig, und karg mit Lächeln. Sie

lehnte oft im Sessel zurück und hörte aufmerksam den Geigern zu, welche auf

einer niederen Galerie gedämpfte, süsse Melodien spielten. „Eure königliche

Majestät lieben die Kunst der Musik?“ fragte sie ehrerbietig ihr Nachbar, ein

alter Graf. Sie wandte langsam das Haupt gegen ihn und die verschleierten

Augen.

„Ihr rietet richtig, Herr Graf“ sagte sie dann würdig, wandte wieder den Blick und hörte wieder auf die feinen Töne. Einmal wandte der Sänger sich um und

hüllte das Haupt der Königin in einen langen, glänzenden Blick, und wog im

Herzen sein Schicksal gegen eine junge, süsse Sehnsucht.

Nach aufgehobener Tafel legten sich viele in die Polster, zu ruhen, und andere

wandelten anschauend durch die Säle, deren Estriche mosaikgeschmückt und

deren Wände mit Bildern und köstlichen gewirkten Stoffen behangen waren. Der

Prinz nahm den Arm des Sängers und zog ihn über die breiten Treppen ins Freie.

An einer kühl verschatteten Ruhebank machten sie Halt. Der Sänger setzte sich

auf die Bank und lehnte sich an den gerundeten Stein. Der Prinz aber warf

seinen Mantel ins Gras und legte sich darauf. Er lehnte den blonden Kopf an das

Knie des Freundes und richtete die Blicke vergnügt auf den vom Gerank der

Zweige vergitterten lichten Himmel. Nach kurzer Weile begann er zu plaudern.

„Sag’ mir doch, du Kenner, was ist das Schönste und Begehrenswerteste in der

Welt? Ist es der Schmuck des Reichtums, oder des Ruhmes, ist es der

himmlische Zauber der Kunst, oder der brünstige Schrei eines entzündeten

Weibes, oder das Leben der Hirten?“ Der Sänger lachte. „Du Ungeduld! Du

suchst den Schatz des Glückes in der Schale einer Nuss. Aber die Schönheit und

das Glück sind reicher als wir, und haben tausend Wege, und tragen Früchte auf

allen Bäumen. Was ist Reichtum ohne Liebe, oder Wollust ohne Schönheit? Am

begehrenswertesten aber scheint mir vielleicht dieses: Ein Weib von höchster

Geburt und adligem Herzen, das in Liebe sich seiner Rechte entkleidet. Welches

bittet, indem es schenkt.“

Der Prinz legte sich weiter zurück, und lächelte, und spielte mit seinen

schlanken, weissen Fingern. Der Freund fuhr fort: „Auch wird das, was uns

gestern liebenswert und unübertroffen schien, im Schatten der Ereignisse mit den

Tagen blasser und verliert seinen frischen Reiz. Ich erfand vor einigen Jahren, in

Italien, als zum ersten Mal eine verliebte Weiberhand mich streichelte und mein

Herz voll neuer Wonne war, — da erfand ich aus meiner Lust ein Lied für die

Geige, und that darein, was ich Süsses und Heimliches wusste und glaubte lang,

in dieser Weise sei aller Zauber und alles Holde versammelt, so als wiege sich

das Glück selber im Netz der Töne. Als ich dasselbe Lied hernach der zweiten

und der dritten Frau zu hören gab, und als neue Lieder mich umtrieben und

gesungen sein wollten, da sah ich den Boden der Tiefe und musste lachen. Und

jetzt scheint es mir ein liebliches Kinderlied zu sein.“

Vom breiten Weg her kam Geräusch. Der Kronprinz und des Königs Bruder

traten in den Schattenkreis des Gebüsches. Da der Kronprinz den Bruder zu den

Füssen des Sängers liegen sah, ging über seine harten Lippen ein scharfes

Lächeln. Er grüsste nicht und kehrte nach dem Schlosse zurück, der Oheim aber

senkte mit Wohlgefallen das ernste Auge auf die Befreundeten. „Siehe da, meine Blondköpfe! Nennt mir, worüber Ihr redetet, damit ich teilnehme!“ Der Sänger

verneigte sich und nötigte den königlichen Kanzler zu sitzen. Der Prinz, seines

Kopfkissens beraubt, setzte sich mit gekreuzten Beinen gegen die Bank

gewendet. „Euer Neffe wünscht zu erfahren, was wohl in der ganzen Welt das

Schönste und Begehrenswerteste ist.“

„Eine leichtsinnige Frage“, sagte der Alte, — „und eine schwere Frage! Hattet

Ihr ihm eine Antwort?“

„Er meinte, das Höchste wäre: Eine —“ die starke Hand des Sängers presste

sich auf den lachenden Mund des Prinzen und erstickte den Rest seiner Antwort.

„Narreteien!“ Der Bucklige heftete seinen klaren Blick auf den Ungestümen und

drohte scherzhaft mit dem Finger. „Eine Frau“, — vollendete er den Satz. „Aber

welche nun? Herr Künstler, Eure blonde Jugend weiss in der Liebe besser

Bescheid als meine unreizende Person.“

„Eure Gnaden überfordern mich. Mir war bisher die Liebe nur ein Schmuck

und Spiel, oder ein Gegenstand für meine Singweisen. Ein Künstler, wer er sei,

bedarf der Frauen, denn ihre Nähe macht glücklich und warm, was beides der

Künstler zu seiner Arbeit sein muss.“

Der Prinz schnitt ein drolliges Gesicht. „Freilich! aber nicht die Künstler

allein. Notwendig sind die Frauen auch für die Prinzen, die in Friedenszeiten an

langer Weile leiden.“ „Halt an!“ rief der Oheim. „Deine Abenteuer sind uns

sattsam bekannt. Mich wundert, wie lange du noch an langer Weile leiden willst.

Wenn die Geschäfte dir widerwärtig sind, warum treibst du keine Studien und

keine ernstliche Kunst? Dein Bruder studiert in der kargen Zeit, welche er nicht

den Staatsgeschäften widmet, die Geschichte der Malerkunst und die

Sammlungen meines Vaters.“ Der Prinz unterbrach ihn heftig. „Mein Bruder! Er

arbeitet, weil er geizig ist, und weil ihn zu regieren lüstet. Mag er studieren, so

viel er will, er lernt doch nur Jahreszahlen und Namen, und sein Kunstverstand

ist auf die Kenntnis der Bilderpreise beschränkt. Wie viel Goldstücke für eine

Leinwand bezahlt werden, ist ihm wichtiger zu wissen als alle Geschichte. Sein

Gehirn ist eine Rechentafel.“

Der Oheim gab keine Antwort und betrachtete mit Sorge die blanke Stirne des

Prinzen, und seine frohen, genusssüchtigen Kusslippen, und die ganze ziere

Gestalt. Er war das Abbild des Königs, in feineren, eleganteren Linien, mit

denselben sorglosen Manieren, aber noch deutlicher mit dem Stempel des

Leichtsinns gezeichnet. Da beide Jünglinge schwiegen, zog der Alte ein kleines,

fein in Leder gebundenes Büchlein hervor und bat den Sänger vorzulesen, wobei

er eine Stelle mit dem Zeigefinger bezeichnete. Die klingenden Verse eines

italienischen Dichters flossen rein vom Munde des Lesers, dem beruhigenden

Gesang eines fallenden Wassers zu vergleichen.

Während der Lesung entwich der Prinz leise seitab, liess einen Schimmel

satteln und that einen übermütigen Ritt nach der Stadt, durch die hastig

ausweichende Menge in schonungslosem Trab sich drängend. Er hatte für den

Abend ein Maskenkleid zu arbeiten gegeben, nun wandelte in der letzten Stunde

die Lust zu einer Änderung ihn an. Nach kurzer Frist ritt er den Weg zurück,

vom scheuen Volk gegrüsst, über welches er hin und wieder einen Wurf von

kleinen Münzen streute.

Der Sänger, nachdem ihn des Königs Bruder dankend und freundlich

entlassen, ging nachdenklich in den Palast zurück. Er wandelte durch Gänge und

Säle bis zu der schmalen Wand eines Kabinettes, wo das gemalte Bild der

Königin in goldenem Rahmen hing. Vor diesem stand er lang. Und da er sich mit

heissen Augen von dem Bildnis wandte, trat eben mit ihren Frauen die Königin

selber durch die Thüre. Er bückte sich tief. Sie fragte nach dem Prinzen. „Er

verliess mich bald nach der Mahlzeit. Befehlet Ihr ihn zu suchen?“

„Der Wildfang! — Bemühet Euch nicht. Habt Ihr Lust mir zu dienen, so

bringet Eure Violine her. Ihr Klang ist mir lieb, denn er erinnert mich meiner

fernen Heimat.“ Er eilte nach seiner Geige. Sie begehrte das schöne Spielwerk

zu sehen und nahm es in ihre feinen Hände. Ihre Linke umschloss den schlanken

Geigenhals. „Ein gepriesener Meister hat sie gebaut“, erklärte der Sänger, „und

sie vermag mehr als irgend sonst ein ähnliches Stück. Man sagt, dass der langher

verstorbene italienische Meister den Laut menschlicher Stimme aus ihr zu

locken verstand.“ Aus ihren Händen nahm er die Geige zurück und sah mit

glänzendem Auge die Spur ihrer Finger, von einem schmalen Hauchstreif

gesäumt leicht und schmal auf die blanke Fläche gedrückt. Darauf presste er das

feste Kinn auf die Wölbung und geigte einen langen, wachsenden Ton. Der süsse

Laut erfüllte das ganze Gemach, und zitterte, und wurde zur Sprache einer

brennenden Sehnsucht. Die Königin schloss die Augen und wiegte leise das

zarte Haupt, auf dem das Auge des Spielers glühend und beschwörend ruhte.

In dieser Stunde erkannte der Sänger, dass seine neue Liebe kein Spiel und

Schmuck war, sondern ein Ernst und eine Wunde. Er spielte seiner hohen Dame

zu Dank. Sie gab ihm, was sie zuvor noch nie gethan hatte, beim Weggehen die

Hand, die schmale, königliche, und sagte: „Ihr verstehet Eure Kunst! Ich habe

lange nicht so süsse Töne vernommen. Habt Dank!“

 

Am Abend begann in dem grössten Saal des Schlosses das Maskenfest. Die

Gäste trugen Florlarven und allerlei Gewänder persischer, griechischer,

spanischer und sonst fremdländischer Art, oder Tierfelle, oder die Kostüme

heidnischer Götter. Der Saal war reich geschmückt und von goldenen Kronleuchtern erhellt.

Der König trug keine Larve und nur ein altertümliches, reichzackiges Diadem

als besonderen Schmuck. Der Kronprinz war in einer dunklen Mönchskutte

leicht zu erkennen. Sein Bruder aber wurde von niemandem erkannt. Er war mit

Wams und Hut eines Lanzknechts bekleidet und nicht der Einzige, der diese

einfache Tracht gewählt hatte. Der Sänger trug einen künstlichen, schwarzen

Bart und die volkstümliche Kleidung der Neapolitaner. Er suchte die Nähe der

Königin, welche die bunte Volkstracht ihrer südlichen Heimat trug. Ein

Gewimmel von Wilden und Bären, von Göttern und Göttinnen, von Schäfern,

Gnomen und Bergknappen erfüllte den grossen Saal.

Der Prinz verliess bald unbemerkt das Fest. Er warf einen schweren Mantel

über und befahl einem vertrauten Diener, ihm zu folgen und ihm nahe zu

bleiben, wohin er ginge. Ihn verdross das steife Volk der Edelleute und ihr

höfisches Geschwätze. Er steckte ein Jagdmesser in den Gürtel, als handlichste

Waffe für jede Not, und verliess den Palast. Der Schlosshof und die Allee und

alle Anlagen bis zur Stadt waren von farbigen Laternen erleuchtet, und das

trunkene Volk lärmte feiertäglich durch die Wege. Trinkbuden und Tanzplätze

waren übervoll, und erhitzte Tänzer und Trinker lachten, jodelten und stritten

miteinander. Der Prinz begab sich mitten in das Gedränge und hatte bald an

jedem Arm ein lachendes Mädchen hängen. Er tanzte und trank und stand den

Scherzworten der Zuschauenden und den Flüchen der Eifersüchtigen lachend

Rede. Die Weiber wurden von den kecken Manieren und feinen Reden des

Unbekannten gelockt, und seine Lippen brannten bald von vielen Küssen. Da

waren Helle, Dunkle, Schlanke, Breite, Verschämte und Schamlose. Das Auge

des Prinzen fand Gefallen am Gewühl der Tausende, sein verwöhntes Herz ward

von dem raschen Takt der rohen Musik und vom Anblick des masslosen Pöbels

erregt und schlug in volleren Wellen.

Indessen lauschte die Gesellschaft des Königs auf die leichten, zarten Weisen

einer auserlesenen Musik und genoss die Lust des galanten maskierten Spiels. Es

wurde wenig getanzt. Die meisten sassen auf niedern Polstersitzen oder standen

und spazierten in kleineren Gesellschaften umher. Die Königin bewegte sich

lebhaft und gesprächig zwischen den Gruppen. Man erkannte die Blasse,

Schweigsame nicht mehr. Sie erinnerte sich der Feste ihrer Heimat, ihrer Pracht

und Freiheit, und nippte häufig ohne Scheu am Weinkelch. Das leichte Fieber

der Festfreude entflammte ihren sehnsüchtigen Sinn und stachelte ihr

unbefriedigtes Herz, und gab ihrer fremden Schönheit einen neuen, süssen Reiz.

Sie versammelte einen Hofstaat junger Edelleute um sich her, welchen der

verkleidete Sänger sich zugesellte. „Siehe da, ein Landsmann!“ rief sie ihm zu.

„Mir ist, ich wär’ Euch schon am Posilippo begegnet.“ Der Sänger grüsste mit

einem blitzenden Blicke. „Ich kannte Euch wohl!“ antwortete er. „Solche

Blumen wachsen hierlands nicht. Ich grüsse Euch vom Golf, Herrin, als der

Abgesandte Eurer Heimat.“

„Meinen Dank, Landsmann! Wem aber habt Ihr Euern Schatz zu hüten

gegeben, da Ihr so weite Reisen wagtet?“

„Ich habe keinen. Mein Auge ging müssig, seit mein Stern mich verliess, und

ich reiste, ihn zu suchen. Mich freut, ihn so glänzend zu finden.“

„Ich sehe wohl, Guter, man versteht in Neapel noch wie vordem zu

schmeicheln.“

„Schmeicheln, Herrin? Wir sind nur gewohnt, der Wahrheit weniger rauhe

Gewänder anzulegen, als in Nordland Sitte ist.“

Die Königin reichte dem Höflichen einen vollen Becher. „Dies nehmt als

Willkomm! Er wuchs am Vesuv.“ Damen mischten sich unter den Kreis der

Königin, so dass dieser sich bald in plaudernde Paare und Doppelpaare teilte.

Der Sänger aber blieb der Königin nahe und umgab ihre Sinne mit dem Netz

seines flüssigen, süssen Geplauders. Er sah ihren roten Mund in häufigem

Lachen glänzend, und sah ihre schneeweissen Zähne, und das sacht gerundete,

reine Kinn, und glänzende Augen hinter der seidenen Larve. Zuweilen sah er

hinter ihr den allein umherwandelnden Kronprinzen einen Augenblick stille

stehen mit widerlichem, horchendem Kopfdrehen. Dieser erkannte den Sänger

nicht und wunderte sich über die verwandelte Laune der Stiefmutter. Einmal, da

sein Schatten ihr wieder über die Schulter hereinfiel, wandte sie sich rasch und

unmutig zu dem Sänger. „Sagt mir doch, Landsmann, was sucht der Mönch

unter den Fröhlichen?“

Der Neapolitaner schaute in das harte Gesicht des Lauschers und antwortete

spöttisch: „Ihr seht ja, er ist am unrechten Ort und kann die Thüre nicht finden.

Also ein Hansnarr wider Willen.“ Der Mönch ging bitter lächelnd weg, gegen den Tisch des Königs, welcher mit mehreren Alten sich abseits reichlichen

Weines erfreute und des Gesprächs über die beendigten Jagden.

In einem Augenblicke, da die Spielleute ruhten, wurden auf einen Ruf des

Königs die Vorhänge von allen Fenstern gezogen. Jedermann erhob sich und

blickte ins Freie. Da standen die unendlichen Reihen der Baumwipfel im

Schimmer der bunten Lampen, das verworrene Jauchzen des Volkes schwoll her,

vom Winde in schwankende Wellen gebrochen, und verschlungene Flammen

eines grossen Feuerwerks fieberten lohhell am matten, dunklen Himmel auf. Ein

dünner Schleier von Dunst und Rauch hing ruhig über den hohen Bäumen, vom

Feuerwerk mit breiten Flüssen roten und gelben Lichtes getränkt.

Zur selben Zeit kehrte leise der Prinz in den Saal zurück, mit verträumten

Augen und schweren, lächelnden Lippen. Der Kronprinz erkannte ihn bald. Er

ahnte seine verborgenen Lustbarkeiten und mass ihn mit hässlichem Hohn. Denn

er hasste den weichlichen und verschwenderischen Bruder im Grunde seines

herben Herzens. Eine Weile später, als der ernüchterte Prinz die Königin unter

den Masken suchte, fand er sie nicht. Er fragte den zechenden Vater. Der hob

kaum das verschleierte Auge vom Becher. „Such’, junger Herr“, sagte er mit

rauhem Lachen. „Ihr Jungen seid da, nach den Weibern zu sehen.“

 

Die Königin lauschte indess in einem entfernten Zimmer auf die unermüdeten

Scherzreden des Sängers, und auf seine italienischen Lieder. Ihr brannte die Stirn

vom starken Wein der Fröhlichkeit, und ihr Herz schlug berauscht in heftigen

Schlägen. Sie sass tief in einem Ruhesessel und blickte mit entrückten Augen

auf die zusammengepressten Spitzen ihrer zarten Finger. Der Sänger sass auf

einem höheren Stuhl ihr nahe, bewegte die Finger über den Saiten einer Guitarre

und sang welsche Romanzen und plauderte, und mischte den Ernst der

brennenden Leidenschaft in sein buntes Geschwätz. Das Spiel der Worte rann

ohne Hindernis über die Lippen des Liederfertigen, und ihn machte das

schwindelnde Wandeln auf der Grenze des Scherzes trunken. Er verfolgte die

Spur seiner Reden auf ihrem erregten Gesicht und im Zucken ihrer spielenden

Finger. Seine Worte legten unvermerkt die Flitterkleider des Maskenscherzes ab,

sie gewannen doppelte Bedeutung, sie begannen ihre verborgene Kraft und

Wärme hervorzukehren, und nur die gefährlichsten Verräter kleidete noch der

hüllende Flor der galanten Komödie.

Die Königin hörte auf mit den Fingern zu spielen; sie schloss fein geäderte

Lider über den heissen Augen und wiegte sich in ihrer Wärme und im halben

Wissen von der Gefahr. Ihr Traum vieler sehnsüchtig durchwachter Nächte zog

lebendig in lodernden Farben durch ihr Gemüt und alles, was ihr einsames Herz jemals Prächtiges und Wunderbares über die Liebe ersonnen hatte. Der

Liedermeister senkte seine Stimme zu einem warmen Flüstern, er bog sich näher

zu der Schauernden, er spann ihren Sinn dicht in den Schleier geflüsterter

Schmeichelreden und verschwiegener Wünsche. Beiden blieb ein blasses,

grausam verzogenes Antlitz verborgen, das einen Augenblick durch die sacht

geöffnete Thüre spähte, und blass und grausam wieder verschwand.

Der Kronprinz stiess, in den Festsaal zurückkehrend, auf den Prinzen, welcher

seine Mutter suchte. — „Die Königin erwartet dich. Dort, im blauen Zimmer.

Aber schone sie; sie ist müde.“ Der Kronprinz trat wieder in den Saal. Aus der

vor ihm geöffneten Flügelthüre brauste ein Strom von Musik und Gelächter dem

Prinzen nach, welcher auf die Schwelle des Zimmers trat, in dem er die Mutter

erwartete.

Dem Eintretenden klang der Laut erstickter Seufzer und Liebesreden

entgegen, und erwiederter Küsse. Drei zu Tod erschrockene Menschen schrieen

in diesem Augenblicke weh und gellend auf. Die kalte Hand des Grausens

trennte mit einer Berührung drei nahe Befreundete. Der blasse Prinz riss zitternd

den falschen Bart aus dem Gesicht des erstarrten Liebenden und schrak vor dem

erkannten Freund in zuckendem Schmerz zurück. Noch einen Augenblick

standen sich die Männer mit stieren Augen schweigend gegenüber, und leerten

den Kelch der bittersten Bitternis bis auf die Neige.

Dann gewann der Prinz die Herrschaft über seine Sinne wieder. „Hol’ eine

Waffe, Bettelbube!“ rief er dem Freunde zu. Seine Stimme war schrill, brechend

und ohne Nachhall, wie der Ton eines springenden Trinkglases. Das Herz

wendete sich in seinem Leibe um und wurde voll Galle. Die beiden Menschen,

auf welche er Jahre lang alles Gute und Zärtliche seines Herzens gehäuft hatte,

standen vor ihm wie Tempelräuber. Der Sänger rannte nach einem Schwerte. Der

Prinz riss eines von der Wand des Ganges. Die Kämpfer klirrten wild und rasend

aufeinander. Kaum dass der unsinnige Kampf begonnen hatte, fiel der Prinz mit

blutendem Halse nieder. Dem Sänger rann ein roter Streif von der zerhauenen

Wange. Er sah den Freund am Boden sich verblutend winden und sah über ihn

die todblasse Königin gebückt. Sein Blick verwirrte sich und seine Gedanken

wurden uneins, flackernd und blutig. Er ging mit dem roten Schwert in der Hand

nach dem Saal, von scheuen Lakaien geflohen und angekündigt. Er trat in die

Flügelthür und stiess die Schwertspitze vor sich in den Boden, mit einem lauten,

wahnsinnigen Gelächter.

Im Saal entstand eine enge Stille. Dem König rann der vergossene Wein

über’s ganze Gewand. Dann ward ein Lärm und eine Verwirrung ohne gleichen.

Keiner rührte an den bluttriefenden Schwertträger. Verstörte Pagen, weinende

und ohnmächtige Weiber, ratlose Männer, entsetzte Greise drängten sich zwischen umgestürzten Sesseln und Geräten. Krüge und Flaschen wurden

umgestossen, über zerrissene Tafeltücher floss in geruhigen Bächen der edle

Wein. Die Musik spielte noch eine kleine Weile fort und brach dann jäh

erschrocken mitten im Liede ab. Der Kronprinz trat dem Sänger zuerst entgegen.

„Was ist’s, Liedler?“

„Deinen Blonden hab’ ich erschlagen. Er liegt und mein Schatz kann ihn

nimmer wecken.“ Die Diener hatten indess Waffen herbeigetragen und

zahlreiche Edle stürzten gegen die Thüre. Der Kronprinz aber drängte sie

zurück. „Haltet Ruhe, ihr Herren! Eilet lieber, nach dem Prinzen zu sehen.“

Der Erschlagene und die über ihn gebückte Königin wurden von einem

grossen Gedränge umringt. Im Saal blieb allein der König zurück, dessen

Verstand vom genossenen Wein verdunkelt war. Zu ihm trat der entstellte

Sänger, sein Liebling, und trank aus seinem Becher. Der Kronprinz stand in der

Thüre und betrachtete mit grausamer Neugier den Trunkenen und den

Wahnsinnigen, welche in dem verlassenen Prunksaal, aus Einem Becher

trinkend, sonderbar und traurig anzusehen waren, wie ein fabelhaftes Fratzenbild

eines seelenkranken Malers.

In diesem Augenblick loderte das letzte Feuerwerk prachtvoll hinter allen

dunklen Fenstern auf. Das Volk wälzte sich in grossen Haufen vor das still

gewordene Schloss und schmückte mit seinem dankbaren Jubelgeschrei das Fest

des Königs.