Einfühlsame Schmusekatze sucht temperamentvolles Herrchen zum Bauchkraulen

Nächtliches Geschnurre

„Was machst du denn da?“

Bis eben hatte ich bemüht unauffällig an der Badezimmertür gelehnt, das Ohr leicht an das Holz gepresst, aber als die schnarrende Stimme meiner Mutter hinter mir ertönte, zuckte ich auf frischer Tat ertappt zusammen.

Ich stolperte eilig zurück, hob wie zur Abwehr meine Arme und machte ein unschuldiges Gesicht. „Ich? Ähm, ich will eigentlich nur ins Bad … ich muss mal, echt dringend … aber ich glaube, Blaise ist drin.“

Mutti grinste über mein klägliches Unschuldslächeln und zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Ah ja, du hast also gelauscht. Du bist ein genauso schlechter Lügner wie dein Vater.“

Ich setzte bereits zu einer Verteidigung an, wurde aber im nächsten Moment auch schon zur Seite geschoben und meine Mutter übernahm den aktiven Part meines ungeplanten Lauschangriffs.

„Mit wem telefoniert er denn da?“, flüsterte sie voller Neugier, ein vergnügtes Lächeln auf den Lippen. Wirkte irgendwie perfide, meine sonst so tugendhafte Mutter bei so etwas zu beobachten. Gruselig.

„Mit seinem Freund“, erklärte ich knapp und presste mich neben sie. Mutti war nicht überrascht über die Tatsache, dass Blaise schwul war, was mich nicht sonderlich verwunderte. „Oh, er ist vergeben? Schade.“

Diese Aussage verpasste mir ein ziemlich ungutes Gefühl und aus reichlicher Erfahrung und Selbstschutz heraus, hakte ich nicht weiter nach. Sie schürzte die Lippen, während sich die Stimme hinter der Tür in einem aufgebrachten Ton erhob.

„Klingt, als würde er sich mit ihm streiten“, stellte Mutti mit unüberhörbarer Begeisterung fest. Okay, das war echt beunruhigend.

„Ich weiß nicht, ob du mit diesen gesellschaftlichen Gepflogenheiten vertraut bist, aber normalerweise freut man sich nicht so offensichtlich über das Unglück anderer. Zumindest hast du mir das immer erzählt!“ Ich gab ihr einen leichten Schubs, als sie mich unnachgiebig zur Seite drängeln wollte, um besser lauschen zu können.

Sie verdrehte die Augen und wank lässig mit der Hand ab. „Ach, papperlapapp! Er ist ein hübscher Junge, der Probleme mit seinem Freund hat, die früher oder später zum Aus führen werden, wie das eben so ist – und dann wirst du zur Stelle sein, mein stattlicher, umsorgender Sohn und ich bekomme endlich noch einen Schwiegersohn und süße, adoptierte Babys aus Afrika.“

Meine Kinnlade musste geräuschvoll auf den Boden geprallt sein, denn ich starrte meine Mutter gerade an, als wäre sie Jesus. Das hatte sie nicht gerade gesagt, oder? Ich träumte doch bestimmt. Sowas würde sie niemals einfach so vom Stapel lassen. Wie … unheimlich. „Mutti“, platzte es nach einigen Schocksekunden fassungslos aus mir heraus, „Hast du was genommen?“

Sie grinste mich wissend an, als würde sie in meine verdorbene Seele blicken können und meine tiefsten Abgründe erforschen. So, wie Mütter einen eben anstarrten, wenn sie längst von etwas Bescheid wussten, das man ihnen eigentlich hatte verheimlichen wollen.

„Penny hat mir gesagt, dass du…“

„Oh, nein“, unterbrach ich sie, ahnend, was kommen würde, „Ich hasse es, wenn sie dir was erzählt…“

Das war so typisch. Penny hatte mal wieder ihr Tratschmaul nicht halten können, nachdem sie gemerkt hatte, dass ich einen gewissen Beschützerinstinkt gegenüber Blaise entwickelt hatte – und mehr als das, was ihr wohl genauso aufgefallen war. Das war einer der Nachteile, wenn man eine Schwester besaß. Sie konnte sich jederzeit mit deiner Mutter gegen dich verbünden. Natürlich alles unter dem Vorwand, dass sie ja nur das Beste für mich wollten, ja ja.

„Du musst dich doch nicht schämen“, beschwichtigte sie mich mütterlich, was es nur schlimmer machte, „Er ist doch süß und ich glaube, es würde mir mal gut tun, wenn dir jemand nicht so in den Arsch kriecht.“

„Oh Gott, mach, dass dieses Gespräch vorbei ist“, erwiderte ich, die Hände wie zum Beten verschränkt und den Blick gen Decke. Mutti gab mir dafür einen beleidigten Klaps gegen die Schulter, doch bevor sie mich tadeln konnte, öffnete sich vor uns schwungvoll die Badezimmertür.

Wie zwei alte Waschweiber, die man beim Tratschen ertappt hatte, erschraken wir uns halb zu Tode. Meine Mutter fasste sich wie schwer getroffen an die Brust, einen baldigen Herzinfarkt erahnend, während ich mich damit begnügte, eine schuldbewusste Miene zu machen.

„Wer sich erschreckt, hat was zu verheimlichen“, merkte Blaise schnippisch an, als er in unsere panischen Gesichter blickte. Ihm war bewusst, dass wir ihn belauscht hatten. Viel hatte ich zwar letztendlich nicht verstehen können, dank diesem Britt Verschnitt hier, aber das, was ich verstanden hatte, war aufschlussreich genug gewesen, um einen winzig kleinen Keim Hoffnung in meinem vernebelten Verstand zu säen. Es waren einige böse Worte und Aussagen gefallen, unter anderem „Fick dich einfach“, „Dein ‚Sorry‘ kannst du dir sonst wohin schieben“ und „Geh doch zu deiner Fickelse“. Wenn ihr mich fragt, klang das nicht gerade nach einer gesunden Beziehung.

Abgesehen von meinen geheimen Sehnsüchten (die Rosamunde-Pilcher-Syndrom-Sirene ertönte), machte ich mir Sorgen um Blondie. Er wirkte gestresst, mitgenommen und alles in allem, einfach traurig. Ich hätte ihn am liebsten in den Arm genommen und getröstet – oder wäre nach Hamburg gefahren und hätte diesem Idiot von Mike sämtliche Knochen gebrochen.

Da ich aber ein Schmusekater war, entschied ich mich für die erstere Variante. Blaise wusste, dass wir gelauscht hatten, also war es abzustreiten pure Zeitverschwendung. Ich übersprang den unnötigen Part des sinnlosen Gequatsches und keinen Augenblick später fand sich Blondie in meinen kräftigen Armen wieder.

Er quietschte erschrocken, ähnlich einem Hamster, und zappelte hilflos, während ich seinen Rücken tätschelte. „Ich bin für dich da“, murmelte ich beruhigend.

Ein Grunzen war die Antwort. „Oh Gott, das ist, als würde man einen Gorilla umarmen“, kam es, kaum verständlich an meine Brust genuschelt, zurück. „Bist du ein lebendiger Schraubstock, oder was?!“

Ich tätschelte unbeirrt weiter. „Wenn du reden willst…“ „Ich will eigentlich nur atmen“, krächzte Blaise und windete sich erneut, wie ein Aal. Besorgt ließ ich ihn auf der Stelle los und musterte ihn, aus Angst, ich hätte ihn tatsächlich irgendwie angeknackst. Dann fiel mir auf, wie oberpeinlich ich mich gerade benahm, räusperte mich ausgesprochen erwachsen und lehnte mich gespielt lässig an die Wand.

Ich hatte anscheinend die Stufe des verknallten Vollidioten erreicht.

„Gott“, brummte Blaise und richtete pikiert seine Haare, er atmete sogar demonstrativ tief ein und aus, „Ich dachte schon, dass das letzte, was ich in meinem kümmerlichen Leben sehe, deine Brust sein wird. Hatte schon befürchtet, dass bei meiner Todesursache bloß ‚Körperlicher Überschuss von Fürsorge‘ stehen wird. Mann, wäre das peinlich gewesen in der Hölle“, scherzte er schwach und brachte mich zum Grinsen.

„Also“, flötete meine Mutter möglichst unbeteiligt, „Ich lass euch mal allein. Ich könnte Pasta machen…ja, Pasta ist gut.“ Viel zu offensichtlich zwinkerte sie mir – auch noch ziemlich schief – zu und ich schlug mir innerlich die Hand vor die Stirn. Wenigstens war sie endlich weg…

„Willst du reden?“, wiederholte ich meine Frage und sah ernst zu ihm herunter. Das leicht amüsierte Lächeln verrutschte ihm. Er hatte ablenken wollen, so wie ich ihn kannte. Aus seinen Augen konnte ich Enttäuschung lesen. Es brach mir fast das Herz, ihn so zu sehen.

„Nein, eigentlich nicht“, murmelte er unschlüssig und pfriemelte an seinem Shirtsaum rum. „Gibt nicht viel, worüber ich reden könnte.“ Blondie nickte mir noch knapp zu, ehe er langsam die Treppen runter schlurfte und mich sorgenvoll und nachdenklich zurückließ.

Ich musste irgendwas unternehmen. Das war keine Überlegung, sondern ein sicherer Entschluss. Aber was? Einfach wieder Filme mit ihm zu gucken, würde ihn zwar kurz ablenken, aber nicht gerade dauerhaft – und außerdem musste ich langsam anfangen, Mike in seinem Kopf gegenmeine liebenswerte Persönlichkeit einzutauschen.

Nur wie?

Mein plötzliches Selbstbewusstsein bezüglich meines Vorhabens, Blaise zu überzeugen, dass ich sein Traumtyp war, nahm ich vor allem aus den aufbauenden Jogging-Sessions mit Marie. Einerseits war ich mir ausgesprochen sicher, dass sie versuchte, mich umzubringen, andererseits gab sie ziemlich gute Ratschläge, was die Liebe betraf. Vielleicht war sie ein personifizierter Glückskeks.

Auch an diesem Morgen war ich mit ihr Laufen gewesen. Am Ende hätte ich beinahe meine Lunge rausgehustet, aber überlebt hatte ich, wider Erwarten, trotzdem. Außerdem hatte sie Recht gehabt – tatsächlich half es, meine Gedanken und Gefühle zu ordnen. Meiner Kondition schadete es jedenfalls nicht.

Sie war weit besser in Form als ich. Während ich teilweise kurz davor war, fröhlich auf den Bürgersteig zu reihern, hüpfte sie fidel und ausgeglichen vor mir rum. Neben ihr fühlte ich mich schrecklich alt und verbraucht. Es überraschte mich nicht, als sie erzählte, dass sie bei Marathons mitlief.

Jedenfalls hatte sie mir, nachdem sie mich, kurz vorm Zusammenklappen, auf eine Bank manövriert hatte, dazu geraten, etwas Selbstbewusstsein aufzubauen und mir zu holen, was ich wollte. Das klang nicht nach meiner üblichen Methode – nett lächeln, helfen und dann das Beste zu hoffen, aber ein bisschen Abwechslung konnte mir nicht schaden.

Ich hatte ihr alles erzählt, über Blaise und vor allem mich. Sie hatte mich nicht verurteilt, im Gegenteil, sie hatte verzückt aufgeseufzt. Meinen verpatzten Annäherungsversuch ihr gegenüber nahm sie mir auch nicht übel, sie meinte, sie würde es bedauern, aber auch bei ihr wäre der Funke nicht übergesprungen. Dann hatte sie das Thema gewechselt und mich gefühlte Stunden darüber zugetextet, wie man ihrer Meinung nach jemanden für sich erobern konnte.

Und eine ihrer aufgezählten Methoden klang tatsächlich gar nicht schlecht in meinen Ohren.

Ich beobachtete, wie Blaise sich zu meiner Mutter in die Küche gesellte und hörte teilnahmslos zu, wie sie sich unterhielten, bis ich entschlossen mein Handy zückte und die Nummer meiner Schwester raussuchte.

Sie ging nicht sofort ran. Das tat sie nie. Bei ihr konnte es Stunden dauern, bis sie abhob – und selbst dann ging öfter Tim ran, als sie. Manchmal fragte ich mich sowieso, warum sie überhaupt ein Telefon besaß.

Diesmal hatte ich Glück und nach dem achten Tuten meldete sich ihre vertraute Stimme. „Na, was gibt’s, Hummel?“

Ich brummte verstimmt über den lächerlichen Spitznamen, den sie mir als Kleinkind verpasst hatte, und versuchte ausnahmsweise mich nicht darüber aufzuregen. Da existierte halt dieses dämliche Foto von mir zu Fasching, als dicke Hummel verkleidet, aber da war ich neun gewesen und meine Mutter hatte mir keine freie Kostümwahl gelassen! „Du mich auch, Schwesterherz. Ich wollte eigentlich nur fragen, was ihr heute so vorhabt. Kommt ihr vorbei?“

„Ääääähm“, tönt es kurzzeitig überfordert aus dem Apparat zurück, „Schatz? Hatten wir heut was geplant?“ Es erklang eine tiefe, ruhige Stimme im Hintergrund und ich verdrehte die Augen. Meine Schwester war so schrecklich unflexibel.

„Nein, wir hatten nichts geplant. Vielleicht gehen wir noch auf den Spielplatz, es ist so schönes Wetter heute, nicht zu warm und nicht zu…“

„Cool, klingt gut. Es macht doch nichts, wenn Blaise und ich mitkommen, oder?“, unterbrach ich sie grob und grinste, als ich beobachtete, wie Blaise mit einer riesigen Schüssel Pasta und überfordertem Gesichtsausdruck die Küche verließ.

Penny klang verwundert. „Nein, wieso?“

„Schön. Wir kommen nach dem Mittagessen bei euch vorbei. Bis später!“

„Hey, warte mal, wann…“

Ich hatte bereits aufgelegt. Der Duft von frischer Bolognese stieg mir in die Nase und ließ meinen Magen verräterisch knurren. Ich hatte einfach immer Hunger.

Mein Vater saß bereits am Tisch, sein Diensthandy in der Hand, auf dem er wild herumtippte. Keine Ahnung, was er an einem Sonntag noch so dringend zu tun hatte. Blaise war dabei, Besteck zu verteilen, während Hektor und Nestor schwanzwedelnd auf dem Teppich saßen und das Essen auf dem Tisch anstierten.

Ich setzte mich an meinen gewohnten Platz und wartete, bis sich auch endlich Mutti zu uns gesellte und Paps sein Handy wegsteckte. Wenn meine Mutter das am Esstisch zu Gesicht bekäme, würde es wohl hochkant aus dem nächsten Fenster fliegen. Irgendwie hatte sie wohl die Hosen in dieser Ehe an…

„Wir gehen danach übrigens mit Penny und Anhang auf den Spielplatz“, verkündete ich Blaise locker, der gerade angestrengt versuchte, Nestors bettelnden Blick neben ihm zu ignorieren.

Er wirkte ein wenig überrollt. „Was? Direkt nach dem Essen? Hab ich noch Zeit mich umzuziehen?“

Ich runzelte perplex die Stirn. Soweit ich sehen konnte, trug er eine ausgewaschene Jeans und ein einfaches, weißes T-Shirt mit Aufdruck. „Wieso umziehen?“

„Ich seh doch aus wie der letzte Penner!“

Ich übersah Muttis amüsiertes Schmunzeln am anderen Ende des Tisches genauso wenig, wie das breite Grinsen meines Vaters. Ja ja, Hauptsache die wurden unterhalten.

„So ein Quatsch“, brummte ich und füllte mir bereits meine zweite Portion Nudeln auf den Teller, „Wen erwartest du denn da zu treffen? Karl Lagerfeld?“

„Na ja zumindest eine andere Hose würd’s tun…“

„Was gibt’s denn an der auszusetzen?“

„Die ist aus der letzten Saison, du Tölpel.“

Ich stöhnte genervt. „Wir gehen doch nur auf den Spielplatz! Da wird sie sowieso dreckig.“

„Warum? Soll ich mit dir im Sandkasten spielen, oder was?“

„Blaise…“, erwiderte ich drohend und hoffte damit endlich diese sinnlose Diskussion zu beenden. Was mir auch gelang. Blondie hob abwehrend die Hände und meinte kapitulierend „Schon gut!“. Ha, gewonnen!

Meine Eltern lachten sich derweil ins Fäustchen, wobei mein Vater es noch eher schaffte, eine ungerührte Miene zu machen, trotz der ausgeprägten Lachfalten um seinen Mund herum. Mutti war schon ganz rot und zur Krönung tuschelte sie noch viel zu laut Paps etwas von „Wie ein altes Ehepaar“ zu. Ich warf eine zusammen geknüllte Serviette nach ihr und traf ausnahmsweise – direkt zwischen die Augen.

„Jetzt hör endlich auf an dir rumzuzupfen“, schimpfte ich halbherzig und schlug Blaise‘ Finger von seiner Jeans, an der er bereits den ganzen Hinweg über rumgemehrt hatte. Sie wäre ja ‚altmodisch‘ und ‚total unpassend zu seinen Turnschuhen‘. Keine Ahnung, was er so gegen diese Hose hatte, mich interessierte es aber auch nicht sonderlich. Er konnte so eine Diva sein, wenn es um seine Klamotten ging – letztens hatte er mich beinahe fünf Minuten am Stück angepöbelt, weil ich aus Versehen Cola auf sein Hemd getropft hatte. Wenn er so grantig wurde, sah er richtig putzig aus.

Er zog eine vielsagende Miene und verschränkte, fast schon schmollend, die Arme vor seiner Brust. Ich seufzte und gab ihm einen sanften Schubser. „Du siehst gut aus, also hör auf drüber nachzudenken.“

Blaise war kurzzeitig etwas überrascht über das unerwartete Kompliment, sodass sich ungewollt ein kleines Grinsen in sein Gesicht schlich. Als er bemerkte, dass ich ihn immer noch beobachtete, biss er sich rot geworden auf die Unterlippe und tat so, als wäre nichts gewesen. Ich grinste still in mich hinein. Sah aus, als würde Blondie auf Komplimente stehen.

Ich konnte mich nicht weiter über meinen kleinen Erfolg freuen, denn just in diesem Moment wurde die Haustür vor uns aufgerissen und ein aufgeregter, kleiner Timmy stand vor uns, ein Schuh an einem Fuß und ein Arm in einer Jacke. Als er mich erblickte, fing er an über das ganze Gesicht zu strahlen.

„Phil!“ Er ließ den Rucksack, den er bis eben in der Hand gehalten hatte, arglos fallen und stürzte sich in meine Arme. Es war immer wieder ein schönes Gefühl, so begrüßt zu werden. „Hallo, Kleiner“, grinste ich und fuhr durch seine gestutzten Locken. Anscheinend war meine Schwester mal wieder mit der Schermaschine unterwegs gewesen.

Nach einigen Sekunden Knuddeln löste er sich von mir und stellte wohl endlich fest, dass ich nicht alleine war. Ein bisschen überrascht schaute er mit seinen Knopfaugen hoch zu Blaise, der, unwissend, wie er sich verhalten sollte, noch an Ort und Stelle stand und schräg lächelte. Ich hätte über diesen hilflosen Anblick am liebsten gelacht.

„Timmy, willst du Blaise nicht hallo sagen?“, versuchte ich den beiden zu helfen, was auch klappte. Tim hörte auf, den Blonden lediglich anzustarren und reichte ihm höflich die Hand, die dieser auch sofort ergriff.

„Hallo, Tim“, grüßte Blaise freundlich und lächelte nett. Das war doch schon viel besser!

Der Sechsjährige schien erfreut über den neuen Besucher zu sein, immerhin zog er Blaise nach der Begrüßung förmlich in die Wohnung. Blondie war davon so überrascht, dass er mir lediglich einen verwirrten Blick schenken konnte, ehe ich ihm grinsend folgte.

„Du kannst mich ruhig auch Timmy nennen, das stört mich nicht“, erklärte der kleine Knopf gerade aufgeschlossen, immer noch Blaise‘ Hand umklammernd, „Soll ich dir mal die Wohnung zeigen? Du warst hier ja noch nie.“

Und schwupps, damit hatte er die sonst so kratzbürstige Diva völlig handzahm hinter sich her in sein Spielzimmer gezerrt. Wenn das doch mal immer so einfach wäre…

„Ihr seid zu früh!“, begrüßte mich Penny barsch, als ich zu ihr in die Küche trat. Sie packte gerade einige Babysachen in ihre monströse Mama-Tasche. Ehrlich, das Ding musste bestimmt an die zehn Kilo wiegen. Mütter hatten aber auch irgendwie immer alles dabei – von Feuchttüchern bis Süßigkeiten ausnahmslos alles. Letztens hatte ich einen alten Schnuller da drin gefunden, der bestimmt noch aus Tims Kleinkindzeiten stammte.

„Ein Zauberer trifft genau dann ein, wenn er es beabsichtigt“, grinste ich und wich im nächsten Moment auch schon einer kleinen Gummibärentüte aus. Glücklicherweise war meine Schwester genauso zielsicher wie ich.

„Du brauchst hier gar nicht Gandalf zu zitieren, du Hobbit. Guck mal lieber nach Emma und Jonathan, immer wenn er sie wickelt, fällt sie fast vom Wickeltisch.“ Sie duldete keinen Widerspruch, das entnahm ich zumindest ihrer hektischen Gestikulation, also trollte ich mich. Schon im Flur kam mir mein zukünftiger Schwager mit der frisch gewickelten Emma auf dem Arm entgegen, die mit ihren Patschhänden gierig nach seiner Brille griff. Jonathan war etwas kleiner als ich, aber nicht weniger muskulös, was als Fitnesstrainer auch kein Wunder war. Sein blondes, kurz rasiertes Haar schimmerte im Licht etwas rötlich.

„Hey“, lächelte er und befreite das Gestell aus ihren Händen, „Hat Penny wieder behauptet, sie würde mir vom Wickeltisch fallen?“

Ich lachte und schlug in seine ausgestreckte Hand ein. Er roch nach Babypuder und sein T-Shirt war an der Schulter bereits stilvoll von Emmas Speichel durchtränkt. Vater sein musste ein wahrer Segen sein.

„Da rutscht sie einem einmal fast aus der Hand und es wird einem ewig nachgehalten“, schmunzelte er und überreichte mir vorsichtig meine brabbelnde Nichte. Sofort wurde ich aus großen, bernsteinfarbenen Iriden angestarrt. Als ich grinste, fing sie an zu lachen und zeigte ihren einzelnen, kleinen Schneidezahn. Sie war wesentlich leichter zu bespaßen, als Tim in diesem Alter. Der war ausgesprochen schläfrig und knatschig gewesen, während Emma sich beinahe für alles begeistern konnte.

Zwanzig Minuten später hatte sich unsere kleine, lärmende Reisegruppe endlich auf den Weg gemacht. Blaise war nur froh darüber gewesen, nachdem Tim ihm fast jedes seiner Spielzeuge spektakulär präsentiert hatte. Nach dem dritten, hilfesuchenden Blick seinerseits hatte ich mitleidig eingegriffen und beschlossen, dass es Zeit war, loszugehen.

Jonathan und Penny liefen vor uns, den Kinderwagen vor sich herschiebend. Ich hörte Emma fröhlich plappern – und leider auch die quietschigen, merkwürdigen Antworten meiner Schwester darauf. Als würde sie mit einem Welpen reden.

Tim lief wie gewohnt an meiner Hand, rechts von mir Blaise, der wie wild versuchte, seine Hände an seiner Hose abzuschmieren. Seinem angeekeltem Ausdruck nach zu urteilen, funktionierte es nicht.

„Was machst du da eigentlich?“, fragte ich nach einer Weile belustigt. Er brummte unbestimmt und gab sein Gefuchtel endgültig auf.

„Ich habe klebrige Hände“, klärte er mich pikiert auf, „Warum müssen Kinder immer kleben?“

Ich lachte auf und sah runter zu Tim, der gerade träumerisch in die Weltgeschichte glotzte. „Keine Ahnung, weil sie auf klebrige Dinge stehen?“

„Ekelig“, nuschelte Blaise vor sich hin und rieb abermals über seine Handflächen, „So eine verdammte Scheiße…“

„Das darf man nicht sagen!“, polterte Timmy überraschend laut los. Sowohl Blaise als auch ich erschraken bei der Lautstärke und zuckten zusammen. „Das sind böse Wörter!“

Blondie seufzte entnervt und ich stieß ihm meinen Ellbogen in die Seite. „Tim hat Recht, du musst dich entschuldigen.“

Sein Blick war abschätzig. „Nicht dein ernst, Tarzan.“

Tim und ich nickten gleichzeitig bekräftigend, wobei ich mir angestrengt das Grinsen verkniff. „Doch!“

„Verarsch mich nicht, Phil!“, knurrte er unwillig, woraufhin Tim noch empörter dreinschaute. „Da, schon wieder!“

„Also wirklich, Blaise“, tadelte ich gespielt, „Du musst ein gutes Vorbild für die Kinder sein.“

Ich sah in seinem Gesicht, dass er mir in diesem Moment wohl am liebsten an die Kehle gesprungen wäre. Einfach göttlich, wie seine Wangen sich rot färbten und es in seinen Augen aufblitzte.

„Es tut mir leid“, fauchte er, „Ich werd’s nicht wieder sagen.“

„Das hoffe ich doch“, grinste ich nun doch und wich im nächsten Augenblick schon seiner Hand aus. „Hey“, schrie ich theatralisch und versteckte mich hinter Tim, der uns lachend beobachtete. „Penny! Penny, Blaise schlägt mich! Tu was!“

Meine Schwester drehte sich mit skeptischem Blick um und sah halb belustigt und halb verlegen dabei zu, wie ich mich mit meinen knapp 1,90m hinter ihrem sechsjährigen Sohn vor Blaise versteckte. „Männer“, murmelte sie laut, „Werden nie erwachsen.“

„Tim, hilf mir! Greif ihn mit deinen Klebehänden an!“ Ich packte Timmy bei den Handgelenken und fuchtelte mit seinen Händen vor Blaise rum, der zwar die Augen verdrehte, aber grinsen musste.

Tim quietschte lachend auf, als er von Blondie in die Seite gepiekst wurde, was ihn flüchten ließ und ich so mein unfreiwilliges Schild verlor. Bevor Blaise mich jedoch angreifen konnte, hatte ich ihn schon bei den Händen gepackt und abgewehrt. Durch den Schwung, den er mitbrachte, war es schließlich meine Brust, die ihn bremste. Es gab einen dumpfen Laut, als er gegen mich prallte, ich hatte seine Hände noch immer im Griff.

Seine Stirn befand sich direkt an meinem Kinn und ich spürte sein überraschtes Ausatmen am Hals. Eine Gänsehaut zog sich über meinen Nacken. Er war nah, sehr nah. Aber er regte sich nicht – hatte er sich wehgetan? War er sauer? Ich ließ seine Hände frei und suchte besorgt in seinem Gesicht nach irgendwelchen Anzeichen dafür, doch mein Blick wurde von seinem aufgefangen. Ich konnte in dem endlosen Grau nichts finden, er starrte mich bloß an. Sekundenlang. Gefühlte Stunden. Dabei bewegte er sich kein Stück weg.

Als ich schon langsam anfing, mich unwohl zu fühlen, bemerkte er schließlich, in welcher Situation wir uns immer noch befanden – Tim stand neben uns und belehrte uns quakend, dass man sich nicht hauen durfte – und schreckte zurück. Ich blinzelte perplex, seine heftige Reaktion verwirrte mich und sah zu, wie er bemüht lässig grinste, als wäre wiedermal nichts passiert.

Doch ich sah es. Das bildete ich mir nicht ein. Er war rot – knallrot, ohne zu übertreiben. Und er hatte mich angestarrt. Ich war nicht naiv, da war etwas…

Ich hatte eine gewisse Wirkung auf ihn. Das konnte er nicht bestreiten. Das durfte er nicht.

Mein Herz schlug noch wie wild, als wir den Spielplatz bereits erreicht hatten. Ich würde ihn schon noch so weit kriegen.

„Tim! Hör auf, mit Sand zu werfen!“ Ich warf meinem Neffen einen warnenden Blick zu, der kapitulierend „Och Mann“ brummte und zum Klettergerüst eilte. Penny saß mit Jonathan und Emma auf einer Bank am anderen Ende des Spielplatzes. Blaise stand neben mir und beobachtete, wie Timmy sich durch das Gerüst hangelte.

„Ihr müsst mitkommen!“, rief er enthusiastisch und lachte uns von oben herab an. Blaise und ich schauten uns gleichzeitig ungläubig an und grinsten wissend.

„Nein, lieber nicht“, antwortete ich dem Kleinen, der enttäuscht über eine Brücke tippelte.

„Phil würde das Klettergerüst bestimmt nur zum Einstürzen bringen“, griente Blondie neben mir. „Wie Godzilla.“

Empört schnaubte ich. „Jetzt bin ich schon Godzilla?!“

„Wäre dir King Kong lieber?“

„Wäre es dir lieber, wenn ich deine ach-so-tollen Klamotten verbrenne?“

Blaise lachte spöttisch. „Oh, das machst du nicht, dafür bist du viel zu nett.“

„Stimmt, obwohl … du ohne Klamotten wäre bestimmt auch nicht schlecht.“ Ich lächelte unschuldig und linste rüber, um seine Mimik bei meiner gewagten Aussage zu verfolgen. Erst schaute er mich mit großen, erschrockenen Augen an, ehe er unsicher lächelte, beinahe fragend, ob ich das jetzt ernst gemeint oder bloß einen Witz gemacht hatte. Das sah so drollig aus, dass ich lachen musste.

Das Lachen lockerte ihn wieder auf. „Haha“, machte er und verdrehte die Augen, „Sehr witzig.“

Ich wollte gerade etwas erwidern, als über den Spielplatz ein unzufriedenes Schreien hinweg erklang. Das klang nach einer schlechtgelaunten Emma. Sofort verselbstständigten sich meine Beine – typisches Fürsorglicher-Onkel-Syndrom – und ich eilte zu meiner Schwester.

„Ssshh“, versuchte Penny die Kleine zu beruhigen, hin und herwiegend, doch vergeblich. Sie seufzte, als sie mich erblickte und reichte Emma kapitulierend an mich weiter. „Na gut, ich geb’s ja schon auf.“

Ich grinste siegessicher und schaukelte sie in meinen Armen, in denen sie ohnehin schon beinahe versank, und erwartete wie selbstverständlich, dass sie aufhörte mit weinen.

Doch irgendwie schaffte nicht mal ich es, sie diesmal zu trösten. Ich runzelte perplex die Stirn, unwissend, was ich tun sollte, während Penny gehässig lachte, bis Jonathan ihr netterweise einen kleinen Schubs mit dem Ellbogen verpasste.

„Hey, Kleine“, murmelte ich bemüht, „Ich bin’s, Onkel Phil. Du liebst Onkel Phil doch, oder nicht?“

Just in diesem Moment kam Blaise angetrabt, Tim auf seinem Rücken, den er huckepack hergetragen hatte. Begeistert sah er dabei nicht gerade aus, aber ich war zu abgelenkt, um mich darüber lustig zu machen.

„Bei deinem Gorillagesicht würde ich auch nicht aufhören“, kommentierte er neckisch, wurde bei meinem bösen Blick jedoch sofort wieder handzahm.

Er seufzte geschlagen, ließ Timmy runter und trat zu mir. „Lass mich mal“, verkündete er ruhig, was mich eine Augenbraue lupfen ließ.

„Du?“

Blondie stöhnte genervt. „Ja, ich bin nicht so sozial behindert, wie du denkst.“ Dann räusperte er sich und schaute mich aus grauen Hundeaugen an, sodass ich fast augenblicklich weich wurde. Mist, der Idiot hatte mich schon ganz schön in der Hand. „Bitte.“

Brummelnd drehte ich Emma so, dass sie direkt in Blaise Gesicht sehen konnte. Der warf mir einen prüfenden Blick zu, als wollte er mich warnen, auch nur einen blöden Kommentar abzulassen. Bevor ich fragen konnte wieso, fing er an sanft auf die kleine Heulboje einzureden.

Und nicht irgendwie, nein. Auf Französisch.

Mir blieb die Luft weg.

Diese Pestbeule konnte tatsächlich fließend französisch sprechen.

Ich schluckte hart, nicht nur, weil mich diese Tatsache völlig überraschte, sondern auch, weil es mich, absurd, ich weiß, irgendwie anmachte.

Okay, um Himmels Willen, Phil! Lass dir jetzt bloß nichts anmerken!

Ich schaute vorsichtig rüber zu Penny und Jonathan. Meine Schwester lächelte beeindruckt und selbst Jonathan sah fasziniert dabei zu, wie das Heulen meiner Nichte abebbte und sie interessiert Blaise Worten lauschte. Es klang melodisch und weich, ganz anders, als er sonst sprach.

Trotz meines Französisch Unterrichts seit der fünften Klasse, verstand ich kein Wort. Er redete zu schnell und rhythmisch. Dafür, dass der Gute kein Englisch konnte, stellte Französisch wohl kein Problem für ihn dar.

Als Emma schließlich ruhig und entspannt in meinen Armen lag, überreichte ich sie zurück an ihre Mutter, damit sie gefüttert werden konnte. Tim fragte Penny aufgeregt, was Blaise gesagt hatte, worauf wir alle nur ratlos mit den Schultern zucken konnten.

Blondie, der von uns allen ungeniert angestarrt wurde, grinste verlegen. „Ich hab ihr nur irgendwas vom Wetter und vom Spielplatz erzählt. Der Klang beruhigt Kinder meistens.“

„Wie man hier sieht“, kommentierte Jonathan lächelnd, während ich lediglich doof gucken und rumstehen konnte.

Blaise bemerkte mein ungläubiges Starren und verschränkte verteidigend die Arme vor der Brust. „Na, was für ein dummer Spruch liegt dir auf den Lippen?“

Ich plusterte beleidigt die Backen auf, weil er schon wieder das Schlechteste von mir dachte, ignorierte die Frage aber. „Wieso kannst du so gut französisch?“

„Meine Mutter kam aus Frankreich“, erklärte er knapp und es schien auch so, als wollte er nicht weiter darüber reden. Ein seltsamer, trauriger Ausdruck hatte sich dabei in sein Gesicht gestohlen, kaum zu erkennen, aber ich war mittlerweile ziemlich gut darin geworden, in ihm zu lesen.

Ich beschloss, das Thema vorerst ruhen zu lassen und mich darauf zu konzentrieren, meinen Hormonüberschuss wieder in den Griff zu bekommen. Schande, hatte das scharf geklungen…

Nachdem ich mein Testosteron gezügelt hatte, war es auch schon Zeit, nach Hause zu gehen. Es wurde dunkel und Emma war bereits im Kinderwagen eingeschlafen. Tim maulte kurz rum, bis sich Jonathan ihn schlicht und einfach unter den Arm klemmte und sich von uns verabschiedete. Blaise und ich mussten in eine andere Richtung laufen, weshalb sich unsere kleine Reisegruppe auflöste.

Zuhause angekommen redeten wir nicht viel. Ich zog mir direkt noch die Reste vom Mittagessen rein, während Blaise, wider Erwarten mal nicht telefonieren ging, sondern mit Nasenfahrrad vor seinem Laptop hockte und wild herumtippte.

So verging über eine Woche. Zwischen Blaise und diesem berüchtigten Mike herrschte Funkstille, während wir in der Woche relativ viel miteinander unternahmen. Einmal gingen wir mit Marie und Rebecca in die Stadt und anschließend ins Kino, um irgendeine unsinnige Komödie zu sehen. Blaise war den ganzen Tag so gut drauf gewesen wie noch nie. Seine Spitzen mir gegenüber klangen beinahe liebevoll und auch dem Körperkontakt, den ich bemüht unauffällig immer wieder aufbaute, wich er nicht aus. Marie registrierte das alles natürlich und zog mich in einer ruhigen Minute bei Seite, um mir Mut zuzusprechen und zu betonen, wie verdammt niedlich wir zusammen aussähen. Auch Rebecca meinte in der Schule schließlich zu mir, dass es fast gespenstisch sei, wie gut Blaise und ich uns auf einmal verstanden. Ihr Blick blieb dabei skeptisch, als würde sie ahnen, dass ich dabei war wegen meiner Dummheit mal wieder mächtig auf die Fresse zu fallen. Sie kannte mich einfach zu gut.

Mit der Zeit traute ich mich immer mehr. Eine kleine Berührung da, ein Kompliment hier – ich konnte förmlich beobachten, wie sehr ich Blaise damit durcheinander brachte. Und ohne gemein oder schadenfroh klingen zu wollen, ich genoss es. Jedes Mal, wenn er rot wurde, wenn er anfing zu stottern oder unsicher zu werden, bevor er mich schließlich gereizt anschnauzte und wegscheuchte, brachte mich zum Grinsen.

Es war Donnerstagabend, als ich schließlich, mehr unabsichtlich, das Fass zum Überlaufen brachte. Freitag hatten wir einen fetten Englischtest vor uns, für den ich zusammen mit Blaise lernte. Blondie war davon derartig gestresst, dass sein Verstand irgendwie blockierte und jegliche Konzentration flöten ging. Nachdem er die dritte Aufgabe hintereinander falsch gelöst hatte, seufzte ich geschlagen und klappte das Buch zu. Wir hockten bestimmt schon drei Stunden in seinem Zimmer auf dem Teppich, umringt von leeren Chipstüten und Cola-Dosen. Wir brauchten dringend eine Pause. Eigentlich war ich auch überzeugt davon, dass Blaise den Stoff mittlerweile drauf hatte, aber er war anscheinend einer dieser Schüler, die die schiere Panik bei wichtigen Klausuren packte.

„Was ist denn?“, blinzelte Blondie mich verwirrt an, als ich das Buch weglegte, „Ich bin doch noch nicht fertig. Ich muss noch ein paar Aufgaben machen, sonst krieg ich das nie richtig hin…“

„Du kannst das“, erwiderte ich abwinkend und streckte mich auf dem Boden aus. Mein Rücken schmerzte, weil ich die ganze Zeit im Schneidersitz dagehockt hatte. Langsam wurde ich echt alt. „Du machst dir bloß zu viele Gedanken.“

„Das sagt sich so leicht, wenn man so ein Englischgenie ist“, brummte er missgelaunt und war versucht, das Buch von mir wiederzuholen. Ich packte es jedoch und ließ nicht los, während er wie ein Irrer daran zog – natürlich völlig unnötig, gegen mich kam die Diva nicht an.

„Lass los!“, keifte er verkniffen und rüttelte an meinem Arm. Ich drehte mich zur Seite weg und entwand mich seinem Griff. „Du brauchst `ne Pause, du Zicke!“

„Ich muss noch lernen!“, zischte er zurück und zog verzweifelt wie ein kleines Kind an einem Zipfel meines Shirts, doch ich blieb unnachgiebig.

„Fahr dich mal runter! Trink’n Kaffee, oder so. Du bist total unentspannt.“ Ich stand auf, streckte mich nochmals und klopfte mir Chipskrümel von meiner Jogginghose.

„Ich gebe dir gleich mal ‚unentspannt‘“, murmelte Blaise in seinen nicht vorhandenen Bart. Ich grinste über den kleinen Giftzwerg nur und beschloss, dass eine warme Dusche jetzt das Beste für meine strapazierten Glieder wäre. Also wuschelte ich Blondie noch einmal tröstend durchs Haar und verzog mich.

In meinem Zimmer nahm ich mir Schlafsachen aus dem Schrank, scheuchte Nestor von meinem Bett und marschierte ins Bad, wo ich mich sogleich von Shirt und Hose befreite. Der Sportunterricht hatte mir mal wieder einige Blessuren beschert – Konny ließ es sich beim Basketball natürlich nicht nehmen, mich mit Ellbogen voraus zu tackeln. Hinzu kam, dass ich mit meiner Größe ein leichtes Angriffsziel darstellte, wenn es vorm Korb zu Reibereien kam. Ich arme, gequälte Seele!

Das war gewiss nicht mit den Verletzungen zu vergleichen, die ich mir durchs Boxen schon zugezogen hatte. Der Cut auf meiner rechten Augenbraue war immer noch zu sehen.

„Phil!“, plärrte es plötzlich lautstark durch den Flur. Ich erschrak so sehr, dass ich das Handtuch, das ich mir gegriffen hatte, spontan fallen ließ.

Ich hörte, wie Blaise aufgebracht in die Richtung meines Zimmers stapfte, mich dort offensichtlich nicht fand und Sekunden später knurrend gegen die Tür klopfte. „Ich hab dir schon tausendmal gesagt, dass du deinen Scheiß bei mir aufräumen sollst, bevor du verschwindest, Tarzan!“

Ich schnaubte amüsiert und stellte mich doof: „Was? Ich kann dich hier nicht hören!“

„Philemon! Ich weiß genau, dass du mich verstehst!“

Ich verkniff mir krampfhaft das Lachen. „Waaaas?“

Daraufhin ertönte ein wutentbranntes Schnauben, ehe die unverschlossene Tür aufgerissen wurde und eine aufgebrachte Diva im Türrahmen stand. Ich grinste unschuldig.

„Du räumst das gefälligst weg!“, schnauzte er sogleich, „Ich habe noch nie so einen unordentlichen Menschen wie dich gesehen!“

„Du bist einfach viel zu penibel“, erwiderte ich leichtfertig und hob das Handtuch wieder auf. Als ich mich bewegte, schien auch Blaise zu bemerken, in was für eine Situation er da gerade hineingerasselt war. Ich, halbnackt vor ihm, lediglich in Boxershorts. Er erstarrte.

Ich registrierte sofort, wie unwohl ihm war und wie verkrampft er den Blick von meinem Oberkörper lösen musste. Aha, da stand jemand eindeutig auf Muskeln.

Sein Adamsapfel bewegte sich, als er sichtbar schluckte. „Es gibt halt Menschen, die halten Ordnung.“ Blaise hob das Kinn und schien seine Fassung wiedergefunden zu haben. „Ich räum dir jedenfalls nicht mehr hinterher.“

Ergeben seufzte ich. „Na gut, wie du befiehlst, Gebieter.“ Die Antwort war ein ungeduldiges Schnauben und das Knallen der Tür, als er sie hinter sich ins Schloss warf.

Zwei Stunden später, gegen zehn Uhr abends, ging ich frisch geduscht, rasiert und entspannt rüber zu Blaise Zimmer, um meine aufgezwungene Arbeit zu verrichten. Ich klopfte nicht an – eine schlechte Angewohnheit von mir, laut meiner Schwester – und trat direkt in den dunklen Raum. Verdutzt, weil Blaise anscheinend schon zu schlafen schien und das Chaos, das ich hinterlassen hatte, bereits aufgeräumt war, stand ich mit dem Türgriff in der Hand da.

„Blaise?“, flüsterte ich leise, erhielt jedoch keine Antwort, außer einem tiefenentspannten Stöhnen vom Bett. Wahrscheinlich schlummerte der schon seit einer Stunde selig wie Dornröschen.

Ich zuckte mit den Schultern und wollte gerade das Zimmer verlassen, als ein erneutes Stöhnen mich davon abhielt. Jetzt, beim zweiten Mal Hören, klang es gar nicht mehr so entspannt, sondern eher … erregt?

Ich blieb wie erstarrt stehen und starrte rüber zu dem Knäuel unter der Bettdecke. Soweit ich das in dem fahlen, mickrigen Licht erkennen konnte, waren seine Augen geschlossen – sein Mund jedoch nicht. Eben diesem entflohen plötzlich weitere schlüpfrige Laute, die mir wie ein Stromschlag durch meine Glieder direkt in den Unterleib schossen.

Scheiße, das bildete ich mir doch nicht ein!

Wie mechanisch schloss ich die Tür hinter mir, so leise wie möglich. Keine Ahnung, warum ich nicht einfach peinlich berührt das Zimmer verließ, immerhin schien Blaise gerade eindeutig feuchte Träume zu haben und das war nichts, was ich belauschen sollte. Aber ich konnte nicht. Ich konnte einfach nicht gehen, verdammt.

Das war doch purer Masochismus, der mich dabehielt. Immerhin erträumte sich da Blondie bestimmt gerade eine heiße Nacht mit seinem Lover – und der war, falls es einer vergessen haben sollte – nicht ich. Also, warum zum Teufel tat ich mir das an?

Ich atmete tief ein und aus, um zu verhindern, auf der Stelle wie der letzte Vollidiot mit einem Mörderständer in seinem Zimmer rumzustehen, als er anfing, irgendwas Unverständliches in sein Kissen zu brabbeln, um kurz darauf verhalten zu stöhnen. Ich blinzelte in der Dunkelheit, um mich darauf konzentrieren zu können, was er da murmelte. Klang wie …

„Nicht … nicht …“, hauchte er.

Nicht? Wurde der in seinem Traum vergewaltigt, oder wie durfte man das interpretieren? Sollte ich ihn wecken? Obwohl das vielleicht eine echt miese Idee war, wenn man halbsteif abends seinen Stiefcousin beim sexträumen stalkte. Der wäre bestimmt begeistert!

„…aufhören“, ah, daher wehte der Wind also, „…Tarzan.“

Beinahe hätte ich erwartet, dass er von dem Geräusch, wie meine Kinnlade gerade fröhlich gen Teppich krachte, aufwachte, doch der Gute schlief ungestört weiter stöhnend in seinem Bettchen.

Das hatte er gerade wirklich gesagt, oder? Das träumte ich doch nicht? Ich kniff mir vorsichtshalber selber fest in den Unterarm, nur um zu realisieren, dass das gerade echt passierte.

Er hatte Tarzan gestöhnt! Da hatte ich mich definitiv nicht verhört. Und wenn er nicht gerade einen besorgniserregenden Affenmenschenfetisch besaß, dann konnte er nur eine Person damit meinen.

Mich.

Blaise hatte gerade einen feuchten Traum mit mir – und ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Am Ende beschränkte ich mich auf ein debiles Grinsen und die Frage, als ich endlich in meinem eigenen Bett lag, wie ich mit diesem offensichtlichen Erfolg umgehen sollte…

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Tag der Veröffentlichung: 09.01.2016

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Areia A.

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