Einfühlsame Schmusekatze sucht temperamentvolles Herrchen zum Bauchkraulen
Ein Schritt vor ...
Zu Hause angekommen warf ich wortlos meine Schlüssel in die Schale auf der Kommode, schmiss meine Jacke über die Lehne des Sofas und ließ mich auf selbiges fallen. Es war still im Haus, die Hunde waren draußen im Garten und das einzige Geräusch war das Zuklappen der Haustür, als Blaise sie hinter sich ins Schloss drückte.
Ich schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, in der Hoffnung, die Vorstellungen, wie ich den Kotzbrocken auf jede erdenkliche Art und Weise umbrachte, verdrängen zu können. Obwohl der Stoß von einer Klippe schon verlockend aussah.
Wir sprachen nicht mehr, seitdem er mich angepampt hatte, dass ich losfahren sollte. Was auch besser so war, weil ich weder wusste, was das für ein Hormonschub vor dem Auto gewesen war, noch, wie ich damit umgehen sollte.
Umgehen? Es war nichts passiert, wir hatten uns lediglich angestarrt. Ich sollte aufhören, aus kleinen Dingen einen Elefanten zu machen.
Das war nicht wie damals mit Lucas.
Ich massierte mir den Nasenrücken, um den Gedanken daran zu verdrängen und rappelte mich schweren Herzens wieder von der Couch auf. Mir blieb nicht mehr viel Zeit, bis ich zum Training musste und ich wollte vorher etwas gegessen haben, weil mich die Jungs sonst gnadenlos zusammenfalten würden.
Blaise war wohl ohne jeden Ton hoch ins Zimmer gestapft. Eigentlich tat es mir ja leid, ihn so angeschnauzt zu haben. Es kam so selten vor, dass ich wütend oder gar böse war, dass ich mich deswegen sogar unwohl fühlte. Ich hatte mich immer unter Kontrolle. Na ja, anscheinend hatte auch ich meine Grenzen.
Ich beschloss standhaft, dass es sich dabei um eine Ausnahme gehandelt hatte. Egal wie abstoßend Blaise auch war, ich sollte mich nicht davon beeinflussen lassen. Seine Probleme waren nicht meine Probleme. Da sieht man mal, wie gut erzogen ich war.
Das kleine, gehässige Stimmchen in meinem Kopf, das mich gehässig fragte, ob ich mir auch nur ein Wort davon selbst glaubte, ignorierte ich geflissentlich.
Ich schob mir fix eine Fertigpizza in den Ofen, weil Kochen leider zu den Fähigkeiten gehörte, die ich gnadenlos aus meinem Leben verbannt hatte, was wohl auch daran lag, dass meine Ma mich ziemlich bemutterte. Es war bereits ein Wunder, dass ich wusste, wie Geschirrspüler und Waschmaschine funktionierten.
Na ja, meine Fertigkeiten reichten bis hin zu Nudeln mit Soße und Toast. Halleluja!
Während die Pizza Urlaub im Ofen machte, wagte ich mich hoch in mein Zimmer, um meine Trainingssachen zu holen. Eigentlich wollte ich mir nur schnell meine Tasche schnappen, die grundsätzlich direkt neben der Tür lag, aber ich hatte den Drang, mich bei Blaise zu entschuldigen. Vielleicht brauchte er echt, wie Mama sagte, eine gewisse Zeit, um sich einzugewöhnen … wenn Lars ihn tatsächlich bloß abgeschoben hatte, war es kein Wunder, dass er scheiße drauf war, weil er lieber woanders wäre. Möglicherweise, irgendwann, wenn er sich damit abgefunden hatte oder feststellte, was für ein netter Kerl ich war – verdammt, ich war ja wirklich selbstverliebt – hörte er auf, mich zu behandeln, wie einen in Ungnade gefallenen Diener.
Ich zögerte jedoch, als ich mit gehobener Hand vor meiner Zimmertür stand. Die Tür war lediglich angelehnt, weshalb es ein leichtes war, das relativ laute Telefongespräch von Blaise zu belauschen. Okay, das war definitiv nicht die feine, englische Art. Irgendwie konnte ich meinen Körper aber auch nicht davon überzeugen, dass es unhöflich war, fremde Unterhaltungen abzuhören. Ich war ja nicht die NSA. „Ja, ich weiß“, ertönte Blaise Stimme deutlich, „Es war dumm von mir, das zu tun.“
Leider verstand ich nicht, was geantwortet wurde. Da fehlte eindeutig das Vulkaniergehör. Ein Seufzen seitens Blondie. „Ja, du hattest ja Recht“, Pause, „Mann, wie oft soll ich denn jetzt noch sagen, dass du Recht hattest?! Der allwissende Robert hat mal wieder richtig gelegen, Glückwunsch!“ Jetzt klang er patzig. Wenn auch noch lange nicht so, wie er mit mir sonst sprach. Dieser Robert musste ein Freund von ihm sein.
„Mir tut’s doch auch leid“, erwiderte Blaise ruhiger, „Ist scheiße gelaufen, Ende. Ich komm ja bald wieder. Wenn Mike erst…“, diesmal war ich mir sicher, dass er wütend unterbrochen wurde, „Hör auf, so über ihn zu reden! Du kennst ihn gar nicht richtig“, Pause, „Zumindest nicht so, wie ich ihn kenne“, Stopp, „Bist du jetzt auf der Seite von meinem Vater, oder was?!“, langsam kam ich mir wirklich schlecht vor, „Mir egal. Er will halt keinen Ärger mit seinen Eltern. Du verstehst das nicht“, oh, das war sicher nicht das, was dieser Robert hatte hören wollen, „Du kannst denken, was du willst“, er seufzte erneut, „Ist momentan einfach alles scheiße“, Pause, „Na ja, sind jedenfalls besser als mein Vater und Martha“, aha, das waren ja ganz neue Töne, „Nur der Sohn ist’n Arschloch.“
Nein, wie nett. Er präsentierte mich also von meiner Schokoladenseite. „Wieso? Ist so ein Sunnyboy, groß, muskelbepackt, arrogant“ – bitte, der nannte mich arrogant?! – „und macht auf lieben Cousin. Ich wette, der ist genauso ein intoleranter Wichser. Und ich hab keinen Bock mehr auf sowas.“
Tja, es war nett von ihm, mich muskelbepackt zu nennen. Nur weniger nett, mich als einen intoleranten Wichser zu bezeichnen. Sah ich echt so aus? Wie jemand, der einen mobbte – und darum ging es hier hundertprozentig – und in Kloschüsseln steckte? Klar, es gab Leute, die hatten wegen meiner Statur automatisch Respekt vor mir, aber mich direkt als Bösewicht darzustellen, war neu. Blondie schätzte mich komplett falsch ein.
Was wohl daran lag, dass er mir auch keine Chance gab diesen Eindruck zu ändern.
Nach dieser freundlichen Darstellung meiner Person war mir die Lust auf eine Entschuldigung vergangen. Ich wollte mir auch keine weitere Sekunde reinziehen, wie Blaise mich bei völlig Fremden niedermachte, also stratzte ich zielstrebig ins Zimmer, die erschrockene Diva ignorierend und versuchte mir so wenig wie möglich anmerken zu lassen, dass ich sein Gespräch belauscht hatte, auch wenn ich ihm am liebsten an den Kopf geklatscht hätte, dass er hier der intolerante Wichser war.
Ruhig, Phil. Lass dich nicht auf sowas herab…
„Kannst du nicht anklopfen?“, fauchte Blaise, der das Handy ein wenig verkrampft an sein Ohr presste. „Ich telefoniere.“ „Hab ich gehört.“ Oh, das war ja fast schon ein Geständnis, dass ich alles gehört hatte. Ablenken! „Ich will nur meine Trainingssachen holen.“
Er musterte mich prüfend, wahrscheinlich versuchte er herauszufinden, wie viel ich gehört hatte, aber ich setzte mein Pokerface auf und schulterte mit dem Rücken zu ihm meine Tasche. Ich würde ihm ganz sicher nicht die Gelegenheit geben, mich vollzunölen, weil ich ihn belauscht hatte. „Übrigens“, warf ich im Türrahmen stehend ein, „Das ist mein Zimmer. Und da werde ich sicher nicht anklopfen“, endete ich demonstrativ und marschierte erhobenen Hauptes davon. Im Flur hätte ich mir am liebsten an den Kopf gegriffen.
Echt, das war alles, was ich hervorbrachte?
Das ist mein Zimmer?
Richtig arm, Phil. Ich war eindeutig zu nett.
Rolf wartete bereits auf mich, als ich aus der Umkleide kam. Ich war mal wieder einer der letzten. Ich ging direkt auf ihn zu, um mich wegen der Verspätung zu entschuldigen, doch er warf mir einen seiner ‚Lass-Es-Einfach-Blicke‘ zu und ich reihte mich bei der Erwärmung ein. Ruben, ein ähnlich großer, braunhaariger Kerl, der gern ohne Ende quasselte, grinste mich von vorne an und ich zog eine Grimasse. Letzte Woche hatten wir gewettet, dass ich das nächste Mal wieder zu spät kommen würde – jetzt schuldete ich ihm ein Bier.
Das Training war anstrengend und ich fragte mich automatisch, ob Rolf mich für meine ständigen Verspätungen bestrafen wollte. Statt dem üblichen Trainingsverlauf – Erwärmung, Sparring, Lockerung – verdonnerte er mich zu ein paar Trainingssets, die mich beinahe meine Lungen hervorwürgen ließen.
Ja, er war eindeutig sauer.
Obwohl es wahrscheinlich mal wieder an der Zeit gewesen war, mich ein bisschen herauszufordern. Nach dem letzten Wettkampf hatte ich ein bisschen abgebaut. Da waren die Ferien gewesen, Klausuren …
Ich boxte seit neun Jahren, also seit meinem zehnten Lebensjahr. Das war ausnahmsweise die Idee meines Vaters gewesen, nachdem meine Eltern beinahe an mir verzweifelt wären, weil ich ein wenig unausgelastet war als Kind. Tatsächlich hatte mich das Training irgendwie beruhigt und kontrolliert, sodass Mutti nicht mehr täglich um zerbrochene Gegenstände oder dergleichen weinen musste. Ich mochte das Boxen. Man konnte Stress abbauen, baute Muskeln auf, tat was für seinen Körper und alles in allem war es ein sehr vielseitiger Sport. Abgesehen davon, dass sich auch so gut wie niemand mit einem angelegen wollte, wenn man erst mal erklärt hatte, dass man boxte. Obwohl ich natürlich niemals außerhalb des Ringes handgreiflich werden würde.
Ich hatte sogar schon einige Medaillen und Pokale gewonnen, auch wenn ich nicht vorhatte, ins Professionelle zu gehen. Wenn das mit dem Studium nichts wird, konnte ich vielleicht noch Trainer werden, aber ich hatte keine Lust auf den ständigen Stress mit den Kämpfen und dem Zusammenflicken meines Gesichtes und Körpers danach.
Was Rolf bedauerte, aber akzeptierte. Auch wenn er gerade mit einem Medizinball auf mich warf.
„So, noch drei Sets und dann wärmst du dich mit Ruben auf. Ich will dich in zwanzig Minuten im Ring sehen.“ Rolf nickte mir beiläufig zu und wandte sich an die Gruppe der Frischlinge, die sich gerade mit Schattenboxen vor den Spiegeln aufwärmten.
Nach den nervigen Sets gesellte ich mich zu Ruben, der gerade mit Niklas ein paar Schlagübungen trainierte.
Niklas nickte mir lächelnd zu und ging aus dem Ring, rüber zu seinem eigentlichen Sparringpartner. Nik war eigentlich ein netter Kerl, aber seit letztem Jahr war es fast eine unausgesprochene Regelung, dass wir uns lieber aus dem Weg gingen. Was nicht an ihm lag, sondern eher an seinem besten Freund.
Lucas. Meine Jugendsünde, sozusagen. Einer dieser Fehler, den jeder Teenager irgendwann mal beging.
„Hey, magst du am Freitag auch kommen?“, riss mich Ruben aus meinen Gedanken. Ich wandte mich ihm zu, während ich meine Boxhandschuhe anzog.
„Was geht denn am Freitag?“, fragte ich vorsichtig nach. Ruben machte oft am Wochenende eine Trinkrunde in seinem Partykeller, um ein wenig von der Woche auszuspannen. Da kamen meistens die Jungs vom Training und einige Freunde von denen. Meistens waren es ohnehin immer die gleichen, also fiel das nervige Vorstellungs-Stelldichein weg.
„Einfach `ne Runde, vielleicht gehen wir danach noch ins Funhouse. Kannst auch wieder Konrad mitbringen, wenn der Bock hat.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Klar, wieso nicht.“
Damit war unser Gespräch beendet. Denn bevor Rolf uns noch zusammenfaltete, weil wir lieber tratschten, als zu trainieren, fingen wir lieber von alleine an.
Zwei Stunden später war ich am Ende meiner Vitalität angelangt. Ich fühlte mich schlapp, meine Hände schmerzten und meine Füße wollten, genau wie ich, ins Bett. Der Tag war lang und anstrengend gewesen.
„Okay“, meinte Rolf, als ich mir mit den Zähnen einen Handschuh auszog. „Das reicht auch für heute. Ruben, vergiss nicht, dass in drei Wochen dein Kampf ist. Und Phil, komm noch einmal zu spät und du gehst joggen, bis dir die Beine taub werden, verstanden?!“ Ich nickte artig. „Gut. Ansonsten, arbeite an deinem linken Haken, der fällt nicht richtig. Und egal ob du müde bist oder nicht, Beinarbeit nicht vergessen. Die Deckung ist in Ordnung, du hast das Glück, dass du längere Arme hast als Ruben.“ Ruben schaute auf seine Arme und machte ein trauriges Gesicht. Ich grinste. „Grins nicht so dämlich, Phil. Und jetzt ab mit euch, die anderen sind schon unter der Dusche!“
Wir gehorchten natürlich sofort und verschwanden mit unseren Sachen aus der Halle.
Nach einer kalten Dusche und dem Umziehen verabschiedete ich mich von Ruben, dem ich nochmals zusagte wegen Freitagabend. Solche Runden waren mir oft lieber als direkt aufdringliche Partys. Man unterhielt sich, spielte irgendwelche Trinkspiele, hörte selbstausgewählte Musik und allgemein war es gemütlicher. Wenn man am Ende trotzdem in einen Club wollte, konnte man immer noch entscheiden, ob man gehen wollte.
Als ich das Auto neben unserer Garage parkte – mein Vater fand, dass sein Audi A4 es eher verdient hatte untergestellt zu werden, als mein alter BMW – und ausstieg, wollte ich möglichst schnell noch Abendbrot essen und dann vor die Glotze. Hausaufgaben waren mir im Moment egal. Die konnte ich mir auch notfalls noch morgen früh irgendwo besorgen, Theresa war nicht umsonst Jahrgangsbeste. Na gut, oder ich erledigte sie halt bevor ich ins Bett ging.
Vor der Haustür fielen mir dann auch die zwei Paar Schuhe auf, die ich zwar identifizieren konnte, aber nicht zu unserem eigentlichen Haushalt gehörten. Zumindest erkannte ich Blaise Converse, da ich nicht davon ausging, dass er Kinderstiefel der Größe 29 oder Frauenboots trug.
Kaum hatte ich die Tür geöffnet und meine Trainingstasche fallen gelassen, wurde ich nebst Hektor und Nestor auch von einem kleinen, brünetten Tornado begrüßt, der auf mich zustürmte und wahrscheinlich direkt in mich reingerannt wäre, wenn ich ihn nicht in letzter Sekunde hochgehoben hätte.
„Phil!“, grinste mein Neffe und lachte, als ich ihn gleich über meine Schulter legte. Ich zwickte ihm in die Seite, was ihn noch mehr zum Kichern brachte, während ich mit ihm ins Wohnzimmer spazierte. „Iiih“, quietschte er, „Deine Haare sind nass!“
Meine Schwester Penny saß auf der Couch, auf ihrem Schoß die kleine Emma, die an einem Ohr ihres Kuschelhasens lutschte, und neben ihr ein grinsender Blaise. Sie unterhielten sich anscheinend angeregt, da sie nicht einmal aufsahen, als ich das Zimmer betrat.
„Hey“, warf ich einfach in den Raum hinein und nahm Tim von meiner Schulter, um ihn kopfüber an den Beinen hochzuhalten. Er jauchzte und versuchte angestrengt, mit den Händen auf den Parkettboden zu kommen, aber er war zu hoch in der Luft.
„Na, irgendwann lässt du ihn mal fallen“, betonte Penny halbherzig zur Begrüßung und beobachtete, wie ich Tim langsam runterließ. Er rollte sich ab und landete sanft vor mir auf dem Rücken. Als ob ich unvorsichtig mit einem Fünfjährigen umgehen würde. Der war ja nicht Mamas Geschirr.
„Ich hab noch nie ein Kind von dir fallen lassen“, betonte ich grinsend und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Blaise mich seltsam musterte.
„Noch nicht. Emma ist erst sechs Monate alt, du Tollpatsch hast noch einige Gelegenheiten, sie fallen zu lassen.“ Penny zwinkerte mir zu und Emma blubberte erheitert. Stimmte sie ihr zu?
Ich verdrehte die Augen und wandte mich Tim zu, um mich von dem unangenehmen Gefühl abzulenken, dass ich gerade angestarrt wurde. Was hatte Blaise denn? Hatte ich was im Gesicht? Hatte Ruben mir mal wieder einen Bluterguss verpasst?
„Timmy, wie war’s im Kindergarten?“ Sofort verfinsterte sich das Gesicht der Sprungfeder. Er hüpfte auf den Sessel und stöhnte sogar genervt. Und das in dem Alter! Als er mich aus seinen bernsteinfarbenen Augen ansah, die kurzen Locken chaotisch auf dem Kopf, kam ich nicht umhin, die Ähnlichkeit zu meiner Schwester zu bemerken. Sie hatten die gleiche Augenfarbe, Gesichtsform und Mundpartie. Nur die Haare waren etwas heller, aber die würden sicherlich auch noch so tiefbraun werden wie Pennys und meine. Auch der gebräunte Teint war beinahe derselbe. Im Sommer sahen wir grundsätzlich aus, als kämen wir frisch aus dem Toaster. Das war wohl alles ein Erbe unseres Vaters, auch wenn wir nicht ganz so osteuropäisch aussahen wie er. Ich mochte meine griechischen Wurzeln, auch wenn ich leider nicht viel mit ihnen anfangen konnte. Mein Griechisch umfasste lediglich einfachste Sätze und Vokabeln, diese dann auch noch richtig zu Schreiben grenzte an ein Wunder. Und im Gegensatz zu meinem Vater, erkannte man nicht direkt, woher wir abstammten. Die meisten tippten einfach auf etwas Südländisches, wenn sie mich sahen – oder dachten, ich würde ins Sonnenstudio gehen. In Griechenland war ich zuletzt mit zwei Jahren gewesen. Ein richtiger Bezug zu meiner Herkunft war also eher nicht da.
„Doof“, antwortete Tim schließlich ernst, „Ich will nicht in den Kindergarten.“ Ich hob amüsiert die Augenbrauen, hob ihn hoch und setzte mich mit ihm auf dem Schoß auf den Sessel. „Und wo willst du stattdessen hin?“ „Zuhause bleiben“, erklärte er fröhlich, „Oder hier her.“
„Dann wärst du aber alleine hier.“
Jetzt grinste er diebisch. „Dann könnte ich mit deiner Playstation spielen!“ Ich prustete und tippte mir mit dem Finger an die Stirn. „Du hast ja wohl `n Vogel. Davon träumst du, Kleiner!“
Er stieß ein langgezogenes, enttäuschtes „Ooooh“ aus und sprang auf, um zu Emma zu hasten und ihr ihren Hasen wiederzugeben, den sie gerade hatte fallen lassen. Momentan war er noch fasziniert von seiner sabbernden Schwester, aber mal abwarten, wann die Eifersuchtsphase kam. Immerhin war er fünf Jahre lang ein Einzelkind gewesen. So, wie meine Schwester es darstellte, war ich auch nicht immer ein Segen als kleiner Bruder für sie gewesen.
Nachdem Tim gegangen war, konnte ich mich auch auf das Gespräch Pennys mit Blaise konzentrieren. Schien mal wieder so, als würde sich jeder mit ihm verstehen, außer meiner Wenigkeit. Das warf eher ein schlechtes Bild auf mich, als auf ihn.
Ich war unschuldig, ich schwör‘s!
„Wo waren wir? Kunstleistungskurs. Du bist also kreativ?“ Penny bedachte unseren Hausdrachen mit ihrem typischen, neugierigen Blick. Wäre sie nicht Fotografin geworden, hätte ich darauf bestanden, dass sie Journalistin werden sollte. Die bohrte solange, bis sie herausfand, was sie wissen wollte, glaubt mir. Hätte ich mich nicht freiwillig vor ihr geoutet, hätte sie das für mich übernommen.
Ich registrierte sofort, wie Blaise mich kurz, aber misstrauisch anschaute, bevor er antwortete. Als würde ich jede Information von ihm gegen ihn verwenden. Als ob ich so ein Untier wäre! „Ich zeichne ab und zu gern, ja.“ Er zuckte bescheiden mit den Schultern. „Für den Unterricht reicht‘s.“ „Du bist bestimmt gut.“ Penny zwinkerte ihm zu. „Bei Gelegenheit würde ich gern mal eine Zeichnung von dir sehen. Ich zeichne nur noch mit Tim“, besagter Junge jagte gerade Nestor hinterher, der mit einem von Tims Spielzeugautos im Maul versuchte den Abgang zu machen, „Und bei dem scheint das Talent leider verloren gegangen zu sein. Der malt genau wie Phil.“ „Hey“, mischte ich mich empört ein, „Ich kann malen!“ Meine Schwester schnaubte. „Blumen, ja. Aber das war’s auch schon. Deine Figuren sind Strichmännchen und deine Katzen sehen aus, als hätten sie Tumore am Kopf.“ Beleidigt rappelte ich mich auf und schmollte theatralisch. „Tim fand’s toll“, erklärte ich überzeugt und gesellte mich zu meiner Ma in die Küche, in der ich sie schon die ganze Zeit herumwerkeln hörte. Wohnzimmer und Küche trennte nur ein Türbogen, sodass man grundsätzlich mitbekam, was in dem jeweils anderen Raum vor sich ging.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte ich halbherzig, während Mutti das Fleisch in der Pfanne umdrehte und gleichzeitig mit der anderen Hand eine Herdplatte niedriger stellte. Mütter konnten zaubern, ungelogen. Bei Bedarf hatten sie plötzlich dreißig Hände und machten alles gleichzeitig – staubsaugen, singen, Wäsche aufsammeln, dich anschnauzen, weil du nicht aufgeräumt hast und dann noch zufällig Dinge finden, die du in deinem Zimmer eigentlich vor ihr versteckt hattest.
„Nein, ist fast fertig. Du könntest den Tisch decken. Timmy, hör ich dich da etwa an der Süßigkeitenschublade?“ Es folgte ein „Och, Mann“ von Tim. Wie gesagt, zaubern. „Teller hab ich schon rausgestellt.“
Ich schnappte mir besagte Teller und Besteck und ging rüber zum Esstisch im Wohnzimmer. Da erwartete mich jedoch ein lustiges Bild.
Penny versuchte gerade Blaise davon zu überzeugen, dass er Emma mal halten sollte, die ohnehin schon mit ihren Patschehändchen nach ihm griff, während Blondie verzweifelt versuchte, meine Schwester davon zu überzeugen, dass er nicht wollte. Sein Gesicht drückte pure Überforderung aus.
Ich deckte den Tisch und hörte, wie Emma zu quengeln begann, weil ihr Drang nach Blaise Aufmerksamkeit nicht erfüllt wurde, da der sich immer noch verweigerte. Bevor sie hätte anfangen können zu weinen, war ich fix bei ihr und pflückte sie schwungvoll von Pennys Schoß, die nur beleidigt dabei zusah, wie Emma sofort erheitert gluckste. Sie hatte letztes Mal bereits betont, dass sie eifersüchtig darauf war, wie ihre eigene Tochter – Zitat: „Mein eigen Fleisch und Blut!“ – sie verriet und so gut wie nie auf meinem Arm weinte.
Tja, das waren Onkel-Superkräfte, da konnte sie nichts gegen tun.
„Na, will der böse Blaise nicht mit dir spielen?“ Ich hörte ein Schnauben und grinste zufrieden. „Dann spielt eben Onkel Phil mit dir.“ Sie kicherte, als ich große Augen machte und die Lippen schürzte, bevor ich schmatzende Geräusche machte. Bei jedem Ton lachte sie. Ich mochte zwar gerade aussehen wie der größte Vollidiot – Gott bewahre, dass das jemals einer meiner Trainingskollegen zu sehen bekam – aber solange Emma glücklich war, war’s gar nicht so wichtig.
Erst, als Mama das Essen auftischte und ich Emma zurück an ihre Mutter gab, damit sie gestillt werden konnte, bemerkte ich, dass Blaise mich wieder so merkwürdig musterte. Es war kein böser Blick wie sonst, sondern fast schon hinterfragend. Und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, auch ein wenig bewundernd.
Nach dem Essen verzog ich mich hoch ins Zimmer und vollbrachte irgendwie auf magische Weise meine Deutschhausaufgaben zu Faust, während nebenbei irgendeine Sitcom im Fernsehen lief. Penny war vor einer halben Stunde mitsamt Emma und Tim abgedüst und meine Mutter korrigierte mit Glitzer, Smileystempel und Rotstift irgendwelche Arbeiten.
Nach einer halben Stunde hörte ich jemanden die Treppe hochkommen, was kein Wunder war, bei den knarrenden Teilen. Man konnte sich wirklich niemals betrunken nach Hause schleichen – Mutti bekam es immer mit.
Es handelte es sich jedoch um Blaise, der, wie ich durch die offene Zimmertür sehen konnte, auf seinem Handy rumdrückte, bevor er sich wiedermal im Bad einschloss. Keinen Schimmer, wieso er sich beim Telefonieren verbarrikadierte, aber das musste ja einen schwerwiegenden Grund haben. Entweder, er mochte die Atmosphäre, wobei ich daran zweifelte, oder er hatte Angst, ich würde ihn belauschen. Ups.
Nicht, dass ich jemals lauschen würde, also … ähm …
Eine gute halbe Stunde und dreißig verzweifelte Versuche, ein anständiges Fernsehprogramm zu finden, musste ich dringend pinkeln. Das blöde war jedoch, dass Blaise sich da drin immer noch feierte. Egal, wie sehr ich mir versuchte, einzureden, dass ich Herr über meine Blase war, hatte die völlig andere Pläne.
Auch wenn das wahrscheinlich wieder auf eine Auseinandersetzung hinauslaufen würde, beschloss ich, anzuklopfen und zu hoffen, dass Voldemort da drin sein Telefonat für mich kurz unterbrechen oder woanders weiterführen könnte.
„Hey“, ich klopfte vorsichtig, „Kann ich kurz auf Klo?“
Es war still und ich überlegte kurz, ob es möglich war, dass er aus Versehen im Klo ertrunken war. Eher unwahrscheinlich. „Blaise, ich muss mal. Dringend.“
Wieder Stille, bevor endlich seine Stimme ertönte, wenngleich sie seltsam verschnupft klang. „Geh weg!“
Na toll. Ich würde sicher nicht wie ein räudiger Hund in den Garten pinkeln! „Komm schon, ich will doch nur kurz auf Klo!“ Erneut keine Antwort. Für wen hielt er sich, den Badezimmergott? Der konnte mir doch nicht verbieten auf mein eigenes Klo zu gehen! „Blaise, ich komm gleich rein!“ „Verpiss dich, ich hab abgeschlossen.“
Gut, okay. Er hatte es nicht anders gewollt.
Da ich ja nicht erst seit kurzem in diesem Haus lebte, sondern seit meiner Geburt, wusste ich über jede Eigenart des Gebäudes Bescheid. Und weil ich mit einer älteren Schwester gesegnet worden war, wusste ich natürlich auch, wie man ins Bad kam, wenn es einem stundenlang versperrt wurde.
Ich schnappte mir meine Krankenkassenkarte, drückte sie in die Türspalte und öffnete das Schloss. Innerhalb von Sekunden hatte ich die Tür aufgerissen, tief Luft geholt und Worte bereit gelegt, um Blaise über gewisse Menschenrechte aufzuklären, als ich jedoch unvollrichteter Dinge wie erstarrt stehen blieb, bei dem Anblick, der sich mir bot.
Diesmal war es kein nackter Blaise, sondern ein weinender.
Jeden Abend was Neues.
„Scheiße“, entfuhr es mir ungehalten, was ich sogleich wieder bereute. Blaise, der bis eben mit dem Handy in der Hand auf dem Klodeckel gesessen hatte, wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht und setzte das übliche Ich-Hasse-Dich-Abgrundtief-Gesicht auf.
„Ich hab doch gesagt, verpiss dich!“ Er schubste mich leicht, was jedoch kaum Wirkung zeigte. Ich machte lediglich einen kleinen Schritt nach hinten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Blondie starrte mich aus wütenden, verquollenen Augen an und irgendwas in mir brach.
Scheiße, mein verdammtes Kryptonit.
Ich konnte einfach niemanden weinen sehen.
„Na, freust du dich? Die dumme Heulsuse, was?“, fing er grantig an, nachdem ich ihn bloß wortlos angestarrt hatte. „Mach doch `n Foto, Arschloch!“
„Blaise…“ „Halt die Schnauze und verpiss dich endlich!“
Das wäre wahrscheinlich das Beste gewesen, aber irgendwie konnte ich es nicht. Ich konnte ihn nicht so zurückgelassen. Mit den Tränenspuren im Gesicht und den roten Augen. Das war, als würde ich zusehen, wie jemand einen Welpen trat.
Wortlos schloss ich die Badezimmertür hinter mir und ging vorsichtig, fast wie bei einem erschrockenen Reh, auf ihn zu. Er registrierte mein Verhalten mit einem skeptischen, ängstlichen Blick, als erwartete er, ich würde ihn aus dem nächsten Fenster werfen. Stattdessen breitete ich die Arme aus und tat etwas, was ich in geraumer Zeit abgrundtief bereuen würde.
Ich umarmte ihn.
Er zuckte bei der sanften Berührung derartig zusammen, dass ich sofort wusste, dass er was anderes erwartet hatte. Ich drückte ihn an mich und schloss die Arme um seine Schultern. Becca hatte mir einmal gesagt, ich wäre der perfekte Kuschelbär und für irgendwas musste diese Fähigkeit doch nützlich sein. Trösten wäre doch eine gute Verwendung.
Erst wehrte Blaise sich fluchend – es fielen Worte wie „Irrer“ und „Perverser“ – bis der Widerstand mit einem Schluchzen brach und ich spürte, wie seine schlanken Finger an meinem Rücken in mein Oberteil griffen und er seine Stirn an meine Schulter lehnte.
Es war egal, dass er mich eigentlich verabscheute. Er war so gut wie allein hier und ich wusste, wann man jemanden brauchte, der einen hielt. Und Blaise war jemand, der es zwar nicht zugeben würde, aber ganz sicher gerade Trost brauchte. Das hier brauchte.
Und ich war niemand, der Mitgefühl verweigerte.
Ich hätte nur nie geahnt, dass das der Anfang einer nervenaufreibenden Kette von Ereignissen sein würde, die mein Leben komplett auf den Kopf stellen würden.