Einfühlsame Schmusekatze sucht temperamentvolles Herrchen zum Bauchkraulen
Phillis baut Betten
Schlussendlich musste ich mit einem Schrank, einem Bett und einem Nachttisch Tetris spielen. Es dauerte fast zehn Minuten, bis ich die ganzen Kartons irgendwie in meinen Kofferraum und auf die Rückbank manövriert hatte, sodass auch noch Platz für Penny übrig blieb. Die konnte ich bedauerlicherweise nicht dalassen.
„Gute Wahl mit dem dunklen Holz“, kommentierte meine Schwester fast ein bisschen stolz, als wir schließlich alle im Auto saßen und ich erleichtert vom Parkplatz rollte. „Wir können ja den Rest zusammen dekorieren, wenn Phil die Möbel zusammengebaut hat?“
„Klar, wieso nicht. Du hast bestimmt mehr Geschmack als mein Vater. Der stellt sich die Bude mit so kitschigen Glasfiguren und Uhren voll.“ Blaise zog demonstrativ eine angewiderte Grimasse.
„Ew“, machte Penny, die sich allein durch den Gedanken daran ekelte, „Das tu ich dir bestimmt nicht an. Scheußlich! Jonathan hatte zum Beispiel sein halbes Zimmer vollgestellt mit Schneekugeln, die er gesammelt hat. Zum Glück konnte ich ihn davon überzeugen, dass die sich im Keller besser machen.“
Hach ja, was hatte mein Schwager für ein Glück mit meiner Schwester gehabt…
„Wenn man vom Teufel spricht.“ Penny wühlte hörbar ihr klingelndes Handy aus ihrer Handtasche und hob ab. „Ja?“ Es dröhnte eine dunkle Stimme zurück, die ich sofort als Jonathans identifizierte. Ich mochte den Kerl, weil er ein praktischer, direkter Mann war, der meine aufbrausende Schwester mit nur einem Blick zum Schweigen bringen konnte – und das schaffte nicht mal ich. Außerdem war er ein fürsorglicher Vater und ein Sportfreak. Dinge, die ihn in meinen Augen eben sympathisch machten.
„Na, meine Amazone?“, tönte es viel zu laut aus dem Lautsprecher zurück, worauf Penny rot wurde und den Ton sofort leiser stellte. Ich gluckste und sah, wie Blaise sich neben mir ein Grinsen verkniff. Penny ignorierte uns und konzentrierte sich darauf zu antworten.
Nach dem kurzen, säuselnden Telefonat der beiden bohrte ich natürlich augenblicklich nach. Ich schaute grinsend durch den Rückspiegel zu meiner Schwester. „Er nennt dich Amazone? Echt jetzt?“ „Na und“, empörte Penny sich verlegen, „Jedes Pärchen hat seltsame Kosenamen, das ist ein ungeschriebenes Gesetz.“
„Aber Amazone?“, fragte Blaise grinsend nach und drehte sich fassungslos zu ihr um. „Weil du so eine Kriegerin im Bett bist oder…?“ Pennys Gesicht wurde rot und ich lachte laut auf. „Nein“, echauffierte sie sich und schlug dem Blonden sanft von hinten gegen den Oberarm. „Wegen meines Namens!“
„Penny?“, hakte Blaise verwirrt nach. „Was hat das mit Amazonen zu tun?“
Meine Schwester zwirbelte eine ihrer brünetten Strähnen und freute sich anscheinend darüber, eine neue Person mit ihrer tollen Geschichte nerven zu können. „Das ist bloß ein Spitzname. Eigentlich heiße ich ‚Penthesilea‘, wie die Tochter der Amazonenkönigin und Ares, dem Kriegsgott. Griechische Mythologie, sagt dir das was?“
„Äh“, Blaise schüttelte ratlos den Kopf, „Eher nicht. Höchstens aus Filmen etwas.“
„Jedenfalls war sie eine Amazone, die auch im trojanischen Krieg gekämpft hat. Sie starb im Kampf gegen Achilles, der sich aber kurz vor ihrem Tod noch in sie verliebte. Tragisch, oder?“ Penny seufzte und ich verdrehte die Augen. Sie konnte so dramatisch sein.
„Die kürzeste Tragödie der Geschichte“, kommentierte ich gelangweilt – war ja nicht das erste Mal, dass ich mir das anhören durfte – und brachte damit Blaise zum Lachen.
Na ja, immerhin konnte er noch über meine Witze lachen.
„Mutti steht ziemlich auf die griechische Mythologie und alles, was mit ihr zu tun hat. Da war’s natürlich praktisch, dass unser Vater ursprünglich aus Griechenland kommt. Und unsere Oma wollte, dass wir griechische Namen bekommen. Ich bin froh drüber.“
„Zu dir hätte auch super Chantal gepasst“, flötete ich und kassierte dafür sogleich einen Klaps gegen die Schulter. „Hey“, schimpfte ich, „Nicht den Fahrer schlagen, bist du irre?“
„Du bist doch bloß neidisch, weil du kein toller Held oder Krieger bist!“ Sie streckte mir die Zunge raus und ich fragte mich wie so oft, ob sie wirklich die Ältere von uns beiden war.
„Also ist Phil auch nur eine Abkürzung?“, stellte Blaise fest und besah mich ungewohnt neutral von der Seite. Ich lächelte ihn an und er wandte stur den Kopf wieder ab, als könnte er meine Visage nicht ertragen. Vielleicht interpretierte ich auch zu viel in seine Gesten.
„Hab dir doch gesagt, ich heiße nicht Philipp. Ich besitze natürlich auch so einen tollen mythologischen Namen“, bestätigte ich ruhig und trommelte auf dem Lenkrad herum. Im Radio lief irgendein rhythmischer Chartsong, der schon die ganze Woche rauf und runter gespielt wurde.
Blaise sah mich einige Zeit abwartend an und erwartete wohl, dass ich ihm verriet, wie ich tatsächlich hieß. Ich grinste jedoch lediglich in mich hinein und schwieg mich aus. Mein Name war mir zwar nicht peinlich, aber er würde ihn nicht erfahren, solange er sich mir gegenüber so distanziert verhielt. Den verdiente man sich mit Freundschaft.
Ansonsten sollte Phil reichen. Ich mochte meinen Namen nämlich, da konnte man sich immer sicher sein, dass Emailadressen oder Usernamen noch nicht vergeben waren. Abgesehen davon, dass Penny und ich damit gestraft waren, auf ewig Vor- und Nachnamen buchstabieren zu müssen, damit man sie auch richtig verstand. Grundsätzlich hießen wir nämlich, laut diversen Briefen und Einschreiben, immer Drimakis, Diwakis oder sogar mal Dimakus, statt Dimakis.
Das Gesprächsthema wurde daraufhin fallen gelassen und Penny gab sich damit zufrieden, mit Blaise die restliche Zeit zu planen, wie sie sein Zimmer einrichten konnten.
Zuhause angekommen, half Jonathan uns gnädigerweise die neu erstandenen Möbel mit reinzutragen. Für den Fitnesstrainer kein Problem.
Kurz darauf verabschiedete die kleine Familie sich – Penny ließ es sich dabei nicht nehmen, mir viel Glück zu wünschen, wobei auch immer. Ich schob es auf das Möbelbauen, auch wenn ich befürchtete, sie meinte etwas anderes.
Blaise strafte mich wie gewohnt mit Schweigen und so kam es, dass dieser Abend ausnahmsweise ereignislos zur Neige ging. Fast ein bisschen unheimlich. Kein Drama, keine peinliche Situation, sondern das einfache Ausschalten der Nachttischlampe. „Gute Nacht“, brummte ich irgendwann seufzend und verschränkte die Arme hinterm Kopf, ohne eine Antwort zu erwarten. Deswegen erschrak ich umso mehr, als nach einigen Minuten plötzlich ein brummendes, knurriges „Nacht, Tarzan“ geantwortet wurde.
In der Schule passierte nichts Außergewöhnliches. Es war ein Mittwoch wie jede Woche, bis auf die Tatsache, dass Becca und Konrad sich in multiplen Abständen über mich lustig machten und so taten, als würden sie sich gegenseitig irgendwas aus dem Gesicht wischen, ehe sie in wieherndes Gelächter ausbrachen. Ha ha, sehr lustig.
Blaise bekam davon zum Glück nichts mit. Keine Ahnung, ob er das so unterhaltsam gefunden hätte oder mir glatt noch eine verpasste, weil ich es gewagt hatte, seine Porzellanhaut anzutatschen.
Konrad bestand immer noch hartnäckig darauf, dass Blaise schwul war, nachdem er sich die meiste Zeit als einziger von uns mit ihm unterhielt. Dadurch erfuhr ich, dass Blaise nähen mochte und er etliche Modemarken erkannte – alles vielleicht nicht gewöhnlich für `ne Hete, aber noch längst nicht genug, um ihm einen Stempel aufzudrücken. Ach, selbst wenn, würde es mich nichts angehen. Homosexualität war ja kein Club, dem man plötzlich angehörte. Entgegen aller Überlegungen seitens der Heteros trafen wir uns nicht wöchentlich in einem blumengeschmückten Saal und diskutierten darüber, welcher männliche Schauspieler den geileren Arsch hatte.
Channing Tatum.
Nach der Schule ging ich mit den Hunden Joggen und zwang mich dazu, nach den fertigen Hausaufgaben mit dem Aufbauen der Möbel anzufangen. Mein Vater und ich hatten das alte Büro glücklicherweise bereits am Wochenende soweit ausgeräumt, dass zumindest genügend Platz dafür vorhanden war.
Ob genügend handwerkliches Talent vorhanden war, war eine andere Sache.
Immerhin hatte ich schon mal Möbel zusammengebaut. Sowohl mein Bett, als auch meinen Schreibtisch. Das hatte mich zwar einige Nerven und auch einen Daumen gekostet, aber ich würde sicher keinen Rückzieher machen. Vielleicht würde es dieses Mal ja schneller laufen…
Der Schreibtisch stellte tatsächlich kein schwerwiegendes Problem dar, genauso wenig der Nachttisch. Das beides kostete mich eine Stunde und das dämliche Bett lag noch vor mir. Und dabei war es so affig heiß, dass ich in meinem T-Shirt anfing ohne Ende zu schwitzen. Selbst das offene Fenster schaffte keine Linderung, also zog ich mir stattdessen ein altes Muskelshirt an, das ein wenig luftiger war. So hatte ich wenigstens nicht das Gefühl gleich zu ersticken.
Ich verlor bereits nach zwanzig Minuten die Geduld, was noch zusätzlich dadurch bestärkt wurde, dass auch noch Blaise aus dem Nichts auftauchte. Ich schwitzte, mir war warm und eine der Holzlatten hatte mir in die Hand geschnitten. Und mir fehlte ein größerer Bit.
Blaise Anwesenheit fiel mir erst auf, als ich plötzlich ein lautes Poltern hinter mir vernahm, mich erschrocken umdrehte und in den Flur spähte, wo ich den Blonden schließlich erblickte, der gerade verzweifelt versuchte, die Kommode gegenüber, die er anscheinend umgestoßen hatte, wieder aufzurichten. Ausnahmsweise war nicht ich der Tollpatsch.
Es dauerte eine ganze Weile, in der ich den, mittlerweile hochroten, Blaise dabei beobachtete, bis es ihm gelang, weil er irgendwie vollkommen unruhige, unkoordinierte Bewegungen vollführte. Was war der denn so durch den Wind?
„Ähm“, ich runzelte die Stirn, als er sich zu mir umdrehte und mich mit roten Wangen anstarrte, „ Alles okay…?“
Er machte sofort sein böses Gesicht, auch wenn es ihm so verlegen nicht ganz gelang. „Natürlich“, brummte er und trat unschlüssig auf der Stelle herum. „Ich sollte nur nachsehen, wie weit du bist. Deine Mutter…ähm…“
Er stockte und stotterte, weshalb ich verwirrt mein Schrauben unterbrach und mein Augenmerk wieder auf ihn richtete. Er starrte mich immer noch an. Fast so seltsam wie vorgestern, als ich mit Tim gespielt hatte.
Tat ich irgendwas, was er nicht leiden konnte? Oder merkwürdig fand? Hey, ich baute hier sein Bett zusammen, da sollte er mich nicht anstarren, wie ein Tier im Zoo.
„Meine Mutter?“, half ich ihm abwartend auf die Sprünge, nachdem er es vorzog, zu glotzen und zu schweigen.
Erschrocken stoppte er die Musterung meines Körpers und schaute mir wieder in die Augen. Mochte er mein Muskelshirt nicht? Oder war es, weil ich schwitzte? Ich konnte ja schwer meinem Stoffwechsel sagen, er sollte das bitte mal lassen mit dem Kühlen. Es war wirklich arschwarm! „Sie ist fast fertig mit dem Abendessen, deswegen…“
Er gestikulierte sinnlos in der Luft herum und ich nickte zum Verständnis, weil ich mir das Gestammel nicht mehr anhören wollte. Blondie brach sofort ab und sah runter auf den Werkzeugkasten vor seinen Füßen. Da fiel mir ein, dass ich einen Bit suchte.
„Hey, kannst du mir bitte einen anderen Bit geben? Am besten den größten, der drin ist.“
Ich drehte ihm wieder den Rücken zu und versuchte verzweifelt mit dem Akkuschrauber die Schrauben ins Gestell zu zwingen, was mehr schlecht als recht funktionierte. Weil ich hörte, wie Blaise sich hinter mir bewegte, ging ich davon aus, dass er mir den Gefallen tat. Blind hielt ich die Hand nach hinten und wartete, bis er mir das gewünschte Objekt in die Handfläche legte, staunte aber nicht schlecht, als er mir tatsächlich eiskalt eine Zange überreichte.
Ungläubig und mit hochgezogenen Augenbrauen wandte ich mich um, nur um festzustellen, dass er mich schon wieder – oder immer noch? – mit seinen grauen Augen durchbohrte. Er war irgendwie nicht ganz bei der Sache, hatte ich das Gefühl.
„Äh, Blaise. Das ist eine Zange“, ich wedelte mit dem Ding vor seiner Nase rum, „Und kein Bit.“ In welcher Welt waren sich eine Zange und ein kleiner Bit so ähnlich, dass man sie verwechseln konnte?! Hatte der Kerl Gras geraucht?
„Ich weiß doch“, schnauzte er und riss mir das Werkzeug förmlich aus der Hand. Aufgebracht stapfte er zurück zum Werkzeugkoffer, kramte endlich einen Bit hervor und warf ihn mir kurzerhand zu. Dann schnaubte er und verschwand polternd, wie er gekommen war, irgendwelche Flüche vor sich hin brummelnd.
Äußerst suspekt, der Kerl. Aber ich hatte gerade keinen Nerv übrig, um mir wegen seines merkwürdigen Verhaltens den Kopf zu zerbrechen. Ich war leider nicht multitaskingfähig und wollte nicht riskieren, mir nebenbei mit dem Akkuschrauber ein Guckloch zu verpassen.
Nach über einer weiteren Stunde war ich endlich fertig mit dem Bett. Beinahe hätte ich vor Erleichterung aufgejauchzt und einen Freudentanz vollführt, wenn mir mein Rücken nicht so verdammt wehgetan hätte. Das Abendessen hatte ich willentlich verpasst, weshalb ich mich jetzt durchgeschwitzt, müde und kaputt in die Küche quälte und mir übrig gebliebenes Futter auf einen Teller lud. Am Ende glich es einer großen Fresspyramide, aber mein Körper schrie gerade nach vielen Kohlenhydraten.
Am Esstisch traf ich auf Blondie, der mit Brille und ernster Miene vor seinem Laptop hockte und auf die Tasten einhackte. Das schwarze Gestell auf seiner Nase stand ihm überraschend gut und ließ ihn harmloser wirken, als er tatsächlich war. Fast wie Ablenkungsmanöver, um die Aufmerksamkeit von seinen bohrenden, bösen Augen zu nehmen…
Ich setzte mich wortlos gegenüber und schaufelte mir zu dem klackenden Tippgeräusch rhythmisch Fleisch in den Mund. Es war seltsam, so still zu essen. Normalerweise hätte meine Mutter längst losgequatscht, von Penny ganz zu schweigen. Das war gespenstisch hier. Mutti war unten in der Waschküche, wenn ich mich nicht irrte und von Blaise durfte ich kein vernünftiges Gespräch erwarten.
Innerlich seufzend stand ich nach vollbrachter Fressattacke auf und legte meinen Teller in die Spüle. Dadurch konnte ich direkt über Blaise Schulter auf seinen Laptopbildschirm gucken und stockte.
Das war ein Blog.
Und nicht irgendein Blog, sondern ein Fashionblog.
Lauter Klamotten, Marken und anderes Gedöns. Und ich wäre nicht noch perplexer gewesen, wenn ich nicht gesehen hätte, dass Blaise gerade etwas auf diesem Blog hochlud. Was es also zu seinem Fashionblog machte.
Ich konnte Blogger nicht ausstehen, weil die meisten meines Wissens nach nur unsinniges, dummes Zeug quasselten, von ihrem ach-so-schrecklichem Leben oder dämlichen Sonnenuntergangskulissen, die sie beim Spazieren in der Stadt gegen das Licht fotografiert hatten. Gut, ich kannte mich nicht wirklich mit Blogs aus, aber für mich waren sie halt nichts.
Am schlimmsten fand ich jedoch diesen aufkommenden Hype um Fashionblogs. Oftmals erstellt von siebzehnjährigen Mädels mit Ombré Style, Hipstermütze und diesen kreativen Jutebeuteln.
Na ja, jeder hatte halt seine Hobbies. Von Konrad wusste ich ja bereits, dass Blondie nähen konnte und Kleidung mochte, also eigentlich kein Wunder.
Aber das Blaise zu diesen Fashion-Groupies gehörte…
Ich gluckste und Blondie fuhr mit krauser Stirn zu mir herum.
„Was ist so lustig, Tarzan?“, brummte er und schob sich die leicht verrutschte Brille wieder hoch. Niedlich…
Bevor ich mich hätte stoppen können, plapperte mein loses Mundwerk bereits drauf los. Achtung, unbedachte Wörter im Anmarsch! „Ein Fashionblog?“ Blaise Wangen färbten sich leicht rötlich und Gift spritzend klappte er grob den Laptop vor sich zu. „Warum nicht? Was gibt’s da zu lachen?“ Argh, blöder Phil! Natürlich stand er zu seinem Hobby – warum auch nicht? Aber ich Trottel machte mich über seine Interessen lustig. Mal wieder sehr charmant! „Nichts, ähm … sorry. Das kam falsch rüber“, versuchte ich vergeblich das Schlimmste noch abzuwenden – doch zu spät.
„Falsch rüber, na klar“, schnaubte Blaise und klemmte sich beim Aufstehen den Laptop unter den Arm, „Findest du ganz witzig, was? Kann ja nicht jeder rumlaufen wie’n Troll.“ Abschätzig wanderte sein Blick an mir herunter, obwohl es einige Sekunden dauerte, bis er sich von mir loseisen konnte, so hatte ich das Gefühl. „Und an deiner Stelle würde ich mal duschen. Du stinkst.“
Damit rümpfte er die Nase und ließ mich wie den letzten Depp stehen. Ich schnüffelte unauffällig an meinem miefigen Muskelshirt und seufzte. Er hatte Recht. Ich war echt ein stinkender Troll. Irgendwie konnte ich es nicht lassen, jedes mögliche Fettnäpfchen mitzunehmen.
Da hatte ich ja wieder was angerichtet…
Als ich oben ankam, hatte Blaise seinen Koffer und sein Bettzeug bereits in sein neues Zimmer verfrachtet. Das ausgeklappte Sofa strahlte eine ungewohnte Leere aus. Dabei waren es bloß vier Tage gewesen. Eigentlich hätte ich mich gar nicht daran gewöhnen können, mein Zimmer mit zu teilen, in der kurzen Zeit. Trotzdem fühlte ich das schlechte Gewissen an mir nagen. Warum konnte ich nicht einmal meine dumme Klappe halten? Wo es mich doch sowieso schon belastete, wenn jemand auf mich sauer war.
Ich schob das Sofa wieder zusammen, warf die passenden Kissen darauf und setzte mich.
Wieso war es eigentlich so schwierig, sich mit Blaise anzufreunden?
Wieso war es für ihn so schwierig, sich mit mir anzufreunden?
Ich war ja nun wirklich umgänglich…
Bis Freitag war eigentlich alles wie immer. Blaise konnte mich nicht ausstehen, war aber nun vom Stadium ‚Ignorieren‘ dazu übergegangen, mich zu beleidigen, wo es ihm möglich war. Ich hatte also offiziell eine neue Stufe in seiner Hassskala erreicht. Ob es dafür einen Preis gab? Außer seiner Abscheu? Eine kostenlose Kastration?
Freitagabend kam schneller als gedacht. Während ich schließlich unten auf dem Sofa hockte und von Konrad vollgequasselt wurde, hatte Blaise sich oben bereits seit einer halben Stunde im Bad eingesperrt, um sich fertig zu machen. Irgendwie hatte ich kaum noch Lust, mit zu Ruben zu gehen. Ich würde mich lieber mit einer DVD vor meinen Fernseher hocken und Chips essen, aber aus der Nummer kam ich wohl nicht mehr raus. Blaise schien sich gefreut zu haben, dass man ihn eingeladen hatte und Konrad ließ sich gemütliche Abende mit Bier eh nie durch die Lappen gehen.
„Was macht der denn da oben?“, brummelte ich und stützte mein Kinn lustlos auf einer Hand ab. Konrad gab mir mit dem Fuß einen unsanften Stoß gegen den Oberschenkel. „Guck nicht so gequält! Dass wir da hingehen war deine Idee. Und ich geh sicher nicht mit dir irgendwohin wenn du so’n Gesicht machst!“
Ich brummte und Konrad gab mir einen weiteren Tritt, als endlich Blaise ganz in Prinzesseninnenmanier die Treppe runter stolzierte. Fehlte nur, dass mir bei seinem Anblick die Luft weg-
Himmel, ging die Hose noch enger?!
Er trug eine enge, dunkelblaue Jeans mit Löchern, ein Jeanshemd, dessen obersten Knöpfe geöffnet waren und dort helle Haut offenbarten und passende, schwarze Chucks. Er sah aus wie eines dieser leicht androgynen Männermodel aus den Katalogen.
Ich schüttelte den Kopf und stand ein wenig zu ruckartig auf. Also wenn der Kerl nicht schwul war, dann hatte er einen eindeutig zu gefährlichen Modegeschmack für eine Hete!
Um den Gedanken loszuwerden blubberte ich laut etwas von „Bereits den Motor anlassen“ und schlenderte bemüht lustlos aus dem Haus. Wenn ich bereits meinen Stiefcousin – ich meine, Blaise! – anziehend fand, waren meine Hormone eindeutig zu übergriffig. Gut, das letzte Mal war fast ein ganzes Jahr her, aber das war längst kein Grund gleich die Kontrolle zu verlieren!
Keine drei Meter hinter mir traten auch Konrad und Blaise aus dem Haus und verabschiedeten sich noch freundlich von Mutti, die winkend im Türrahmen stand und uns viel Spaß wünschte.
„Weißt du, wer alles da ist?“, fragte Konny, als er auf der Beifahrerseite einstieg und sich anschnallte. Der Motor schnurrte bereits ungeduldig und ich stellte meinen Sitz ein. Ich hasste es, wenn Mutti mit meinem Auto fuhr, die saß so nah am Lenkrad, dass sie beinahe ihr Kinn drauf ablegen konnte.
„Ich denke mal wie immer. Fabian, Steffen, Torsten, Niklas…“
„Niklas?“ Konrad klang nicht begeistert. „Klasse.“
Ich schmunzelte leicht und warf ihm einen kurzen, amüsierten Blick zu. „Langsam könntest du mit der Nummer aufhören. Ist schon ein Jahr her, dass er‘s bei dir verkackt hat.“
„Einer muss ihm den Scheiß ja übel nehmen“, erklärte Konrad gleichgültig, „Wenn du Spacken mal wieder viel zu nett für diese Welt bist.“
Ich gluckste und beschloss, dass Gespräch zu beenden und loszufahren, weil Blaise auf der Rückbank mittlerweile schon ungeduldig mit dem Fuß wippte. Es war kurz nach acht und wenn wir zu spät kämen, würde Ruben uns bei den kommenden Trinkspielen benachteiligen.
Wir waren nicht die letzten, aber Ruben ließ uns für die zweiminütige Verspätung alle zwei Shots trinken. Blaise zog bei dem puren Wodka eine angewiderte Grimasse, trug es aber wie ein Mann. Allgemein machte er sich den Abend ganz gut. Die Jungs waren nett zu ihm und er integrierte sich reibungslos durch lustige Sprüche oder spitze Kommentare – die natürlich alle ausschließlich mir galten. Alle amüsierten sich köstlich darüber, dass ich anscheinend als heutiges Opfer auserkoren worden war. Selbst die Trinkspiele verlor ich fast alleingehend. Das war eindeutig nicht mein Abend.
„Wenn Phil noch mehr trinkt, muss ich ihn nach Hause tragen“, lachte Konny schadenfroh und wedelte demonstrativ mit der Hand vor meinem Gesicht rum. „Alter, wie viele Finger zeige ich?“
„Gleich gar keine mehr“, drohte ich halbherzig und schlug seine Griffel weg. „Ich vertrag mehr Alkohol als du trinken kannst, also tu nicht so!“
„Schon gut, du Angeber“, grinste Ruben und mischte die Karten neu. „Verlieren wirst du aber trotzdem, Großer.“
Ich schnaubte belustigt und nahm meine Karten entgegen, ehe Steffen mich darauf aufmerksam machte, dass mein Glas mal wieder leer war. Ich hatte mittlerweile das Gefühl, dass das Glas keinen Boden hatte, so oft, wie ich schon nachgeschenkt hatte…
„Blaise, gibst du mir bitte mal den Wodka?“ Ich streckte ihm die Hand entgegen, weil die Flasche direkt vor seinen Füßen platziert war, aber Blondie dachte gar nicht daran.
„Ehrlich, noch mehr Wodka? Nicht, dass deine Pille dann nicht mehr wirkt“, erwiderte er süffisant grinsend und tippte auf seinem Handy rum, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen.
„Wieso, willst du mich etwa schwängern?“, pampte ich zurück. Derweil hatte Fabian, der uns belustigt beobachtete, längst die Flasche an mich weitergereicht.
„Bitte? Für mich ist dein Gesicht eigentlich schon Verhütung genug.“ Er lupfte eine Augenbraue und ich zog eine Grimasse. Der Herr hatte also sein loses Mundwerk wiedergefunden, super. Die kleine Auseinandersetzung wegen seines Fashionblogs war wohl sowas wie eine Kriegserklärung für ihn gewesen…
Das ging schon den ganzen Abend so – was natürlich zur allgemeinen Belustigung beitrug. Zum Glück besaß ich ein dickes Fell und Geduld, jeder andere hätte dem blondierten Idioten längst den Hals umgedreht. Seltsamerweise musste ich mir irgendwann eingestehen, dass ich den Schlagabtausch eigentlich ganz unterhaltsam fand. Es war zumindest besser, als von ihm ignoriert zu werden.
„Ihr seid echt niedlich“, grinste Steffen. „Wie ein altes Ehepaar.“
Sein Grinsen verschwand innerhalb von Sekunden, als sowohl Blaise als auch ich ihn gleichzeitig böse anstarrten. „Uh“, flötete Konrad und lachte, „Wenn Blicke töten könnten…“
Just in dem Moment trötete Blaise Handy los. Ohne ein weiteres Wort verschwand er damit aus dem Keller und ging nach oben. Damit lenkte er auch die Aufmerksamkeit weg und die Jungs starteten zeitgleich ein Gespräch über das kommende Fußballspiel vom FC Bayern. So schnell wurde das Thema gewechselt.
Da war nur noch Konrad, der unauffällig mit der Hand auf sein Handy deutete und mir dann zunickte. Es dauerte einige Gesten, bis ich verstand, dass er wollte, dass ich auf mein Smartphone schaute.
Niklas hat gefragt, ob Blaise dein Neuer ist
Ich hätte am liebsten laut losgeprustet, wenn das nicht viel zu auffällig gewesen wäre. Grinsend sah ich auf und begegnete dem angesäuerten Gesicht von Konrad.
„Was geht ihn das an?“, brummte mein bester Freund und nippte an seinem Gin Tonic. „Erstattet der Bericht, oder was?“
Das Grinsen verging mir ein bisschen und auch ich nahm einen großen Schluck von meiner Mische. „Kann ich mir nicht vorstellen.“
„Na ja, berechtigt ist die Frage schon“, entgegnete Konny plötzlich bemüht ernst, obwohl ich die Belustigung in seiner Stimme hören konnte. „Ist er dein Neuer, Phil?“
Ich schlug ihm grob gegen die Stirn und wollte ihn gerade zurechtweisen, weil Blaise eher meine neue Pestbeule war, als ich ruckartig innehielt und die Ohren spitzte.
„…und er kommt in den nächsten Semesterferien her. Er meint, er vermisst das gute, deutsche Essen hier“, erzählte Niklas amüsiert gerade gut hörbar Fabian und verpasste mir damit einen dämpfenden Schlag in die Magengrube. Mein Frühwarnsystem schrie in meinem Kopf Zeter und Mordio.
Es gab nur einen Bekannten, den er damit meinen könnte.
Nur einen blonden Chaoten, der in den Semesterferien Niklas besuchen wollte, weil er das Essen vermisste.
Ach scheiße, wieso zog mich der Gedanke daran eigentlich immer noch so runter? Und wieso posaunte Niklas das in meiner Anwesenheit heraus, als wäre es ein Grund zu feiern?!
Steif und unwohl stand ich auf und verließ mit einem knappen Kommentar, dass ich aufs Klo müsste, den Partykeller. Konrad hatte nicht mal die Gelegenheit, etwas zu antworten. Irgendwie wollte ich nur noch so schnell wie möglich an die frische Luft. Keine Ahnung, ob es an dem ganzen Alkohol lag, den ich bis dato bereits konsumiert hatte, aber als mir draußen die kühle Nachtluft entgegenschlug, war mir tatsächlich ein wenig schwindelig.
Aus der Zigarettenschachtel, die ich vom Tisch hatte mitgehen lassen, schnappte ich mir Feuerzeug und eine Zigarette, die ich mir umstandslos in den Mund steckte und anzündete.
Eigentlich war ich kein Raucher – zum Teufel, ich hasste es zu rauchen. Der Gestank, der Geschmack und die Folgeschäden erst. Vor allem als Sportler. Aber immer, wenn es um dieses leidige Thema ging, zündete ich mir eine an. Das war fast schon ein Zwang. Eine sehr schlechte Angewohnheit, schon klar.
Meine Laune hatte jedenfalls den Tiefpunkt erreicht, was noch zusätzlich davon unterstützt wurde, dass Blaise mit wütendem Gesichtsausdruck aus dem Schatten der Hauswand trat und auf mich zu stapfte. Das konnte ja nur besser werden. Seit Montag kam er grundsätzlich wütend, angefressen oder traurig von seinen Telefonaten. Diesmal war er eine Mischung aus allen drei Dingen.
„Na, will Phil zu den coolen Kids gehören? Oder sind das nur Kaugummizigaretten?“, fuhr er mich gleich an, nachdem er mich vor der Haustür entdeckt hatte. Diesmal war mir nicht danach, mich mit der blondierten Plage rumzuschlagen, also warf ich ihm einen abweisenden Blick zu und beließ es dabei. Er nur leider nicht. „Tust du jetzt genervt, oder was?“
„Ich habe gerade keinen Nerv für dein Gequatsche, Prinzessin“, fauchte ich ungeduldig und zog an meiner Zigarette.
„Schön, ist mir eh lieber, wenn du die Fresse hältst.“ Blaise seufzte und stellte sich tatsächlich wortlos neben mich. Verwundert über seine augenscheinliche Kapitulation stand mir der Mund offen. Seit wann gab er denn nach? Das war ja … gruselig.
Ich sah ihn wohl ziemlich offensichtlich überrascht an, denn irgendwann stöhnte er entnervt und verschränkte die Arme vor der Brust. „Glotz nicht so, Tarzan! Ich hab halt grad keine Lust auf dumme Unterhaltungen. Und jetzt gib mir eine!“
Bevor ich hätte widersprechen können, hatte Blaise nach der Schachtel in meiner Hand gegriffen und sich eine Zigarette stibitzt. Auch das Feuerzeug entriss er mir flink. „Du rauchst?“, entfuhr es mir skeptisch, während ich dabei zusah, wie er ungeschickt versuchte, die Fluppe anzuzünden.
Er verdrehte die Augen und hustete Rauch aus. „Du“, Husten, „etwa?!“
Da hatte er auch wieder Recht. Ich zuckte kommentarlos mit den Schultern und starrte in den Himmel. Keine Sterne, bloß Wolken. Wir sagten beide nichts, das einzige was man hörte, war sein gelegentliches Husten.
Irgendwann konnte ich mir das Lachen nicht mehr verkneifen. „Du krepierst ja gleich.“
„Ach, halt die Klappe“, brummte er zurück, warf aber seine Zigarette neben meinen bereits ausgetretenen Stummel und trat drauf.
„Seit wann kann so’n Regenbogenscheißer wie du eigentlich schlecht drauf sein?“, fragte er plötzlich und schaute von der Seite her zu mir herauf.
Seit wann interessierte sich so ein Kotzbrocken wie du eigentlich für mich? Aber das fragte ich natürlich nicht. Stattdessen atmete ich tief durch und beschloss, dass ich genügend Trübsal geblasen hatte. „Ich dachte, du hast keine Lust auf dumme Unterhaltungen?“
Jetzt grinste er sogar leicht. „Stimmt. Eigentlich wollte ich dich was ganz anderes fragen.“ Er biss sich auf die Unterlippe und zupfte an seinen gegelten Haarsträhnen. Anscheinend schien ihm diese Frage viel abzuverlangen. „Frag ruhig“, versuchte ich ihm ruhig zu helfen. Er seufzte.
„Ich bin grottenschlecht in Englisch und wollte dich fragen, ob du mir Nachhilfe geben könntest. Nur, bis ich einigermaßen auf’m Stand bin. Ich hätte ja jemanden anderen gefragt, aber wie’s aussieht, bist du der einzige Trottel, der mir echt helfen könnte.“
Ich blinzelte ihn völlig verwirrt an, ehe ich laut auflachte. „Was? Dein Ernst? Du beleidigst mich quasi nonstop und giftest mich an ohne Ende … und fragst jetzt, ob ich dir helfen kann?“
Blaise brummte in seinen nicht vorhandenen Bart und hob das Kinn. „Ja oder nein, Tarzan?!“
Eigentlich müsste ich nein sagen. Und ihm verdeutlichen, dass er sich wie ein riesen Arsch verhielt. Dass er gar keine Hilfe verdient hatte und ich viel zu nett zu ihm war, während er Galle auf mich spuckte. Am Ende könnte ich ihn dann stehen lassen und hätte ihm einen riesen Denkzettel damit verpasst.
Eigentlich.
„Okay, ich mach‘s.“
„Schön, such ich mir halt wen…was?“ Blaise stotterte und starrte mich an. Allein deswegen hatte es sich schon gelohnt.
Ich grinste und zuckte mit den Schultern. „Ich hab kein Problem damit dir zu helfen. Unter der Bedingung, dass du mich nicht mehr Tarzan nennst.“
Blaise fuhr sich durchs Haar und schaute nachdenklich. Anscheinend hatte ihn meine Zusage überrascht. „Wenn du mir sagst, wie du wirklich heißt, vielleicht.“
„Phil.“
„Ich meine deinen richtigen Namen“, fügte Blaise ungeduldig hinzu. Als ob ich das nicht wüsste. Obwohl es mich wunderte, dass ihn das tatsächlich interessierte.
„Verdien ihn dir doch“, grinste ich und er verdrehte die Augen.
„Phillipos?“
„Nein.“
„Phillipe?“
„Nein!“
„Phillis?“
„Blaise!“
„Was denn? Hätte doch sein können…“