Einfühlsame Schmusekatze sucht temperamentvolles Herrchen zum Bauchkraulen

Ein rolliger Kater

Zwei Wochen vergingen, in denen sich das Leben in unserem Haus wieder eingependelt hatte. Ich wusste, wann Blaise wie lange das Bad blockierte, um welche Uhrzeit er meistens telefonieren ging, an welchen Tagen er früher oder später Schulschluss hatte als ich, all sowas eben. Um diese anfänglichen Reibereien zu vermeiden, musste ich mir solche Sachen praktisch merken. Damit wurde der Alltag um einiges angenehmer.

Was nicht hieß, dass er sich seine spitzen Kommentare verkniff. Höchstens vor meiner Mutter, weil die uns ohnehin schon ab und an so seltsame Blicke zuwarf, als würde sie befürchten, dass wir uns jederzeit zum Duell herausfordern und uns gegenseitig erdolchen würden.

Um ehrlich zu sein, fand ich die Diskussionen mit ihm amüsant. Ich mochte keine Menschen, die zu allem ‚Ja und Amen‘ sagten oder sich überall einzuschleimen versuchten. Seine Sprüche waren lustig – und nicht halb so verletzend, wie sie klangen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er sie auch nicht aus diesem Grund äußerte, sondern bloß, weil er nicht wusste, wie er sich anders mit mir unterhalten sollte. Meine Nettigkeit war ja nicht positiv bei ihm angekommen. Blaise war niemand, der seine Gefühle durch Worte äußerte, weshalb ich einfach darauf wartete, dass sich die Sprüche zu normalen Konversationen entwickelten, bis hin zu einer Freundschaft.

Ich wollte mit ihm befreundet sein. Wirklich. Nicht nur, weil ich fest davon überzeugt war, dass er hier dringend jemanden brauchte, sondern auch, weil er mir sympathisch war. Kaum zu glauben, was? Nach dem ersten Eindruck …

Aber der täuschte ja bekanntlich gerne mal.

Penny bezeichnete es als zwielichtig, dass ich mich so dringend mit ihm anfreunden wollte. Immerhin war ich niemand, der Leuten hinterherrannte. Die meisten mochten mich prinzipiell – und die, die es nicht taten, existierten in meinem Umfeld gar nicht. Ich hatte ihr weisgemacht, dass Blaise anders war und wirklich nur Hilfe bräuchte und sie hatte bloß irgendwas Kryptisches von „dem Anfang vom Ende“ und „Herzschmerz“ geblubbert, was ich nicht verstanden hatte. Frauen halt.

Ich war jedenfalls stolz darauf, dass zwischen Blaise und mir nicht mehr ausschließlich diese abgrundtiefe Abneigung herrschte. Der Kerl war bloß eine von vielen zu meisternden Herausforderungen in meinem Leben, die meine Mutter mir ungefragt vor die Nase setzte.

Zu diesen Herausforderungen gehörte leider auch die Englischnachhilfe. Ich bereute zwar nicht, ihm zugesagt zu haben, aber mir graute es trotzdem davor, Blaise zu unterrichten. Wo sollte ich anfangen? Wie konnte ich ihm am effektivsten helfen? War ich überhaupt ein guter Lehrer? Nicht, dass er währenddessen wegdöste, wie Konrad es immer in Englisch tat… Schlussendlich entschied ich mich dazu, spontan auf seine Probleme einzugehen und mich danach zu richten. Unser Lehrbuch gab viel her und ansonsten existierte auch noch das Internet als Antwort aller Fragen.

Er hatte gemeint, es wäre gut, wenn wir jeden Donnerstagabend lernen könnten, notfalls, vor einem Test, auch nochmal Dienstag. Letzten Donnerstag hatte ich ihm bloß bei den Hausaufgaben geholfen, ohne, dass ich seine grundliegenden Lücken schließen konnte. Diesmal hatte ich ein paar Arbeitsblätter vorbereitet – ja, Tatsache, ich gab mir halt Mühe! – und auch ein paar Seiten aus dem Lehrbuch herausgesucht. Das alles half mir natürlich auch, meine eigenen Englischkenntnisse wieder aufzufrischen. Als ob ich noch den kompletten Stoff der letzten Jahre wusste!

Blaise war allgemein nicht sehr begeistert von der Nachhilfe, aber zeigte sich so enthusiastisch wie möglich, wahrscheinlich aus Dankbarkeit. Das einzige was ihn wohl antrieb, war ein gutes Abi.

„Ich hab mal ein paar Sachen rausgesucht“, fing ich lächelnd an und legte die Sachen auf seinem Schreibtisch ab. Mithilfe meiner Schwester sah das Zimmer nicht mehr so steril und unbewohnt aus, sondern tatsächlich lebendig. Auf dem Nachttisch erkannte ich seinen Liebesbär wieder, an den Wänden hingen zwei Bilder, irgendwelche Aufnahmen von Landschaften, an seinem Schrank klebte ein Karl Lagerfeld Kalender und auf seinem Schreibtisch befanden sich die einzigen richtigen Fotografien: Ein Schnappschuss von Blaise und einem etwas größeren Jungen mit Brille und ernstem Gesichtsausdruck beim Zocken, wahrscheinlich vor einem Jahr; und ein Foto von einer ausgesprochen hübschen Frau, die warm in die Kamera lächelte, mit einem Baby auf dem Arm, von dem ich mir sicher war, dass es Blaise war. Das war’s dann aber auch schon mit persönlichen Dingen, die etwas über ihn oder sein Leben preisgaben. Das einzige, was noch etwas über seinen Charakter aussagte, waren die zwei Stapel Bücher auf dem Schreibtisch. Die Genres waren dabei durchmischt, von Fantasy bis Romanzen einiges dabei, aber nichts Schlechtes. Sein Buchgeschmack war, um ehrlich zu sein, ziemlich gut. Über die Hälfte der Bücher hatte ich entweder selbst schon gelesen oder zumindest positive Kritik darüber gehört. Wenn ich nicht gerade einen auf Hobbyhandwerker oder Lieblingscousin machte, trainierte, schlief oder futterte, las ich. Eine Angewohnheit, die ich von meiner Schwester gelernt hatte. Ältere Geschwister beeinflussten einen enorm – anstatt Egoshooter am Computer zu zocken (obwohl die Phase auch mal da gewesen war, bis mein alter Rechner bedauerlicherweise den Geist aufgegeben hatte), bevorzugte ich es zu lesen. Ich hatte wahrscheinlich mehr Bücher verschlungen, als alle meine Mitschüler zusammen. Okay, vielleicht ein bisschen übertrieben, aber es war eben meine kleine Obsession, bevorzugt Science-Fiction Romane.

Selbst schreiben war hingegen nicht so mein Ding, ich mochte es lieber, diesen Teil der Arbeit wegzulassen und das gelungene Endprodukt zu analysieren. Ich lebte gerne einfach.

„Ein paar?“, fragte Blondie skeptisch nach und lupfte eine Augenbraue. „Sind das Arbeitsblätter?“

Ich ließ mich nicht verunsichern, grinste und ließ mich auf den Stuhl neben ihn plumpsen. Er zog einen der Texte hervor und ich entnahm ihn ihm sofort wieder. „Das sind bloß ein paar Aufgaben und zwei Texte aus dem Buch. Wir fangen mit Grammatik an und setzen das dann bei Textaufgaben um.“ Blaise warf mir einen ungläubigen, fast lächerlichen Blick zu. „Ohne Scheiß?“ Ich nickte lächelnd. „Ohne Scheiß. Komm, du bist nicht so schlecht wie du tust und je eher wir anfangen, desto…“ „Komm mir jetzt nicht mit der Kacke.“ Er seufzte. „Gib mir einfach die Arbeitsblätter…“

Eine Stunde später hatte ich es zumindest geschafft, gewisse grammatikalische Grundkenntnisse in sein geblichenes Haupt zu prügeln. Die ständigen ‚Hä?‘s hatten zwar – wiedermal – meine Geduld auf die Probe gestellt, aber ich hatte ja gewusst, worauf ich mich da einließ. Auch wenn mein Körper das anders sehen zu schien. Entweder brannten, wie so oft in letzter Zeit, meine Hormone durch, oder mir wurde wirklich immer wärmer, je näher ich Blaise kam. Lag bestimmt bloß an Körperwärme … Hitzestrahlung und so … und … hey, was machte mein Arm eigentlich über seiner Stuhllehne?

Seit wann lag der da?! Und wieso, bei Konrads Unterhosen, fiel mir ausgerechnet jetzt auf, dass er für einen Jungen ausgesprochen lange, schöne Wimpern hatte? Genauso dunkel wie seine Augenbrauen, während das Sonnenlicht von draußen seine blonden Haare beinahe weiß erscheinen ließen. Eine seltsame Mixtur, mit diesen grauen Augen, aber durchaus attraktiv. Keine Ahnung, wie ich das Grau hatte kalt finden können – seltsamerweise fand ich es jetzt eher … glänzend. Warm. Leuchtend…

„…richtig? Hallo? Verarschst du mich? Ich hab gefragt, ob das richtig ist, Phillis.“

Die grauen Iriden bohrten sich ungeduldig und verwirrt in meine. Ich wäre beinahe zusammengezuckt, versuchte aber meinen Schreck und die daraus folgende Verlegenheit mit einem Räuspern zu überspielen und nahm wie beiläufig meinen Arm von seiner Lehne.

„Zeig doch mal her.“ Ich schob das Blatt zu mir und überflog die Zeilen, ohne, dass ich die Wörter vor mir tatsächlich begriff. Himmel, was war denn mit mir los? Besaß ich die Konzentrationsspanne eines Goldfisches? Das war Blaise da neben mir und mein perfides Hirn hatte nichts Besseres zu tun, als über sein ansehnliches Äußeres zu philosophieren. Als wäre er ein verdammtes Männermodel oder Sexsymbol. Von wegen! Langsam kam ich mir verarscht vor. So nötig konnte ich es doch gar nicht haben.

„Ja ja, ist alles richtig.“ Ich gab ihm das Blatt zurück und sah auf meine Armbanduhr. Ich wollte hier weg, möglichst schnell. „Jetzt such‘ dir noch einen Text von den beiden aus und schreib `ne kurze Zusammenfassung.“ Blaise seufzte und nahm das Blatt dazu hervor. „Krieg ich kein Lob? Kein Smiley unter der Punktzahl oder ein ‚Well done‘? Komm, eine Eins und ein Schulterklopfen wären doch drin, oder?“

Ich verdrehte die Augen, auch wenn ich mir ein Grinsen nicht verkneifen konnte. „Schon klar. Du kriegst deine Lorbeeren wenn du damit fertig bist. Hopp.“

„Woher denn die Eile?“, murmelte er, während er den Text überflog. Weil ich ihm schlecht sagen konnte, dass ich mich gerade unwohl in seiner Gegenwart fühlte, beschloss ich einen anderen Ausweg zu suchen. „Becca und Konrad wollten in einer Dreiviertelstunde kommen.“

Daraufhin nickte er nur noch, abwesend und in den Text vertieft und ich genoss den Moment der Ruhe.

Becca hatte vorgeschlagen, weil wir in Deutsch gerade ohnehin Faust behandelten, den Film davon auszuleihen und den anzusehen, bevor wir das gesamte Buch lasen. Goethe in allen Ehren, aber die Lust dazu, meine jetzige Lektüre zu pausieren und mir stattdessen eine klassische Tragödie reinzuziehen, war nicht da. Also hatten Konrad und ich dem Vorschlag freudig zugestimmt. Na ja, vielleicht auch nicht freudig.

Blaise brauchte eine gute halbe Stunde, um die Aufgaben zu erledigen. Das Korrigieren brachte ich im Handumdrehen hinter mich, was einerseits daran lag, dass er eine relativ schnelle Auffassungsgabe besaß und somit nicht viel zu korrigieren war und ich es andererseits nicht erwarten konnte, von diesem Arsch in viel zu engen Jeans wegzukommen.

Ich ließ ihm die Arbeitsblätter zum Lernen und verschwand kurz angebunden und zügig aus seinem Zimmer. Es war mir ein Rätsel, wieso ich Blaise auf einmal attraktiv fand. Klar, auf den ersten Blick hin hatte ich ihn schon als hübsch betrachtet, aber – wie meine Mutter so gerne betonte, wenn sie mich wieder mal für oberflächlich hielt – ein schlechter Charakter macht hässlich. So wie er sich am Anfang verhalten hatte, hatte er auf mich gewirkt wie eine altersschwache Hexe mit Warzen am Kinn, aus denen Haare sprießen. Jetzt, als sich etwas wie Freundschaft zwischen uns entwickelte, dachte der primitive Teil meines Hirns sich plötzlich, dass er tatsächlich in mein Beuteschema passte.

Scharf war er ja schon…

Schnauze, Penis!

Rebecca und Konrad erlösten mich von meinen dämlichen Gedankengängen. Becca kam grinsend herein und drückte mir eine Tüte Chips in die Hand, bevor sie meine Eltern im Wohnzimmer begrüßte. Konny klopfte mir bloß auf die Schulter und nahm mir die Tüte eiskalt wieder ab, um sie noch beim Gehen zu öffnen und kommentarlos hoch in mein Zimmer ging. Tja, beste Freunde eben.

Kopfschüttelnd sah ich nach Becca, die von meinem Dad bereits in eine Unterhaltung verwickelt worden war. Mein Vater mochte sie und hatte stets von ihr als seine zukünftige Schwiegertochter geschwärmt, bis ich eben Schluss gemacht und später sogar verkündet hatte, ich würde auch auf Jungs stehen. Das hatte ihm einen kleinen Dämpfer verpasst, obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass er immer noch hoffte, Rebecca und ich würden wieder zusammen kommen. Andauernd sollte ich sie zum Essen mitbringen, bloß um mir dann anhören zu müssen, wie reizend sie doch wäre. Ich meine, klar war sie reizend – aber eben nicht mehr reizend für mich, wenn ihr versteht.

„Kommst du?“, fragte ich eindringlich, den Laptop unterm Arm geklemmt, als ich neben Becca stand. Die nickte und folgte mir, natürlich nicht ohne sich noch mit einem umwerfenden Lächeln bei meinen Eltern einzuschleimen. Mutti wünschte uns grinsend viel Spaß – sie hatte den Film bereits gesehen und fand ihn, ihr Wortlaut, scheiße – und ich zog eine begeisterte Grimasse.

Oben angekommen, entdeckte ich einen lümmelnden Blaise auf meinem Bett, daneben Konrad, der die Chips aus der Tüte halb auf seinem Bauch ausgeleert hatte. Bei Blondies Anblick hatte ich beinahe ein Déjà-vu – wie an seinem ersten Abend hier, als würde er absichtlich ignorieren, dass das nicht sein Zimmer war.

Ich weiß nicht, was diesmal anders war, aber ich grinste bloß und kapitulierte wortlos. Sollte er ruhig da sitzen, immerhin gehörte er irgendwie mittlerweile zu meinen Freunden, auch wenn er weder etwas davon wusste noch begeistert davon sein würde. Ich brauchte Konrad gar nicht fragen, um zu wissen, dass er ihn zum Filmgucken eingeladen hatte.

„Hat einer von uns eigentlich tatsächlich Faust gelesen?“, fragte Rebecca in die Runde, während sie die CD in meinen DVD-Spieler schob.

Synchrones Kopfschütteln, bis auf Blaise, der mit den Schultern zuckte. „Auf meiner alten Schule hatten wir’s bereits behandelt.“

„Und warum willst du dann den Film sehen?“ Ich setzte mich auf das Sofa und schaute zu ihm rüber. Es war eben schwierig für mich, mir vorzustellen, dass jemand freiwillig seine Zeit mit so was verschwendete.

Blaise lupfte, wie so oft, eine Augenbraue. „Soll ich lieber gehen?“

Himmel, jetzt drehte er mir wieder die Worte im Mund herum. „So hab ich das gar nicht gemeint!“, ereiferte ich mich schnell, um nicht wieder einen sinnlosen Streit zu provozieren, worauf Blondie mir lediglich ein amüsiertes Grinsen schenkte. „Ich weiß, Tarzan. Ich hab nur nichts Besseres zu tun. Kaum vorzustellen, was?“

Konrad lachte und warf mir einen ‚Nicht-dein-ernst?‘-Blick zu. Ich brummte verlegen in meinen nicht vorhandenen Bart und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du sollst mich doch nicht mehr Tarzan nennen.“

„Würde ich ja, wenn du nicht so ein Tarzan wärst.“

„Ach, halt die Klappe, Blondie.“

„Uh, sind wir jetzt eingeschnappt?“ „Na und?“

„Mädels!“ Becca fasste sich an die Stirn und sah zwischen uns hin und her. „Ich würde euch ja gerne ewig zuhören, aber könnten wir jetzt bitte den Film sehen? Ohne dieses peinliche Necken?“ Das Schmunzeln aus meinem Gesicht schwand und ich räusperte mich, um wieder zur Ernsthaftigkeit wiederzufinden. Blaise breites Grinsen half da nicht unbedingt.

„Du bist doch nur neidisch“, kam es grienend von Konrad, „Weil wir dich vernachlässigen, seit Blaise da ist. Soll ich dich mal in den Arm nehmen? Du weißt doch, dass wir immer einen Platz in unseren Herzen für dich haben werden, oder? Du bist doch unser ganzer Stolz!“

Rebecca verdrehte die Augen und erwiderte ein schlichtes „Arsch“, wobei sie sich dabei nur schwer das Lächeln verkneifen konnte. Dann drückte sie endlich auf Play und die längsten zwei Stunden meines Lebens begannen.

„Oh Gott“, stöhnte Blaise und rieb sich die Augen, die Haare verwuschelt, halb über mein Bett hängend. „Wieso werden solche scheiß Verfilmungen überhaupt produziert?“

„Damit verzweifelte Schüler wie wir unsere Freizeit damit verschwenden können“, gähnte ich und rappelte mich langsam vom Bett auf. Meine Knie knackten und ich hatte das Gefühl, als wäre ein Schwertransporter mit Vollgas über meinen Nacken gebrettert. Ich hatte zwischendurch das unbequeme Sofa verlassen, weil mir zum einen die Lehne zu hart war und zum anderen Rebecca ständig ihre Position wechseln musste, um mir entweder ihre kalten Füße in die Seite zu rammen oder gleich halb auf mir zu liegen. Also hatte ich kapituliert und mich zwischen Konrad und Blaise gequetscht, wo ich auch die letzten siebzig Minuten verbracht hatte, trotz der Tatsache, dass sich so ein hautnaher Kontakt mit Blondie seltsam angefühlt hatte. Ach, ich gab’s gerne zu, ich hatte es genossen. Na ja, musste ich doch auch, oder? Bevor er mir bei der nächstbesten Gelegenheit wieder verbal in die Eier trat, waren solche ruhigen Momente auch mal ganz nett. Freundschaftlich betrachtet natürlich. Außerdem war ich erwachsen – da sollte ich mich nicht von so etwas lächerlichem wie Hormonen aus der Ruhe bringen lassen.

„Kann mir mal einer erklären, warum die Olle ihr Kind ertränkt hat?“ Becca streckte sich müde und schaute auf ihre Armbanduhr.

„Weil sie vor Liebe irre geworden ist“, erklärte Konrad. „Wie Phil und du damals.“

Rebecca wurde rot und ich schmunzelte. Als ob wir irregeworden waren – viel hatte sich damals während unserer Beziehung nicht geändert. Nur, dass Konny immer kindische Kotzgeräusche gemacht hatte, wenn wir uns geküsst hatten.

„Ihr wart mal ein Paar?“, kam es geringfügig überrascht von Blaise.

Ich zuckte mit den Schultern und tauschte mit Becca einen kurzen Blick aus. „Na ja, das war vor zwei Jahren.“

„Vor einem Jahr und sechs Monaten“, fügte Rebecca besserwisserisch hinzu und ich verdrehte die Augen. „Da wurde aus Freundschaft kurzzeitig mal mehr.“

„Bis?“, hakte Blaise neugierig nach. Bei Konrads dreckigem Grinsen, das er daraufhin zeigte, schrillten meine Alarmglocken. Da konnte nur was Blödes folgen.

„Bis Phil das Uf…“

„Hey“, platzte just in dem Moment meine Mutter strahlend herein, in der Hand eine großen Teller mit Häppchen, „Ich hab mir gedacht, ihr habt doch bestimmt Hunger?“

Die Drei hatten die Unterhaltung sofort vergessen – das Essen wurde freudestrahlend entgegengenommen, während ich Blaise prüfend musterte. Ob er ahnte, was Konrad ihm hatte sagen wollen? Es war zwar ein wenig offensichtlich, aber Blondie hielt mich ja immerhin für einen intoleranten Wichser, da wäre die Option, dass ausgerechnet ich schwul war, doch abwegig. Ich wusste nicht, ob ich es gut oder schlecht fand, wenn Blaise es erführe. Ich war mir sicher, dass er nicht homophob war – um ehrlich zu sein, vermutete ich mittlerweile eher, dass wir beide etwas quer waren – aber irgendwie befürchtete ich, dass er mich komplett anders behandeln würde, wenn er es wüsste.

Das Thema schien unter den Tisch gefallen. Nachdem das Essen verputzt war, verabschiedeten Konrad und Becca sich, letztere überredete uns sogar noch, am Samstag mit ihr ins Funhouse zu gehen. Konny war zwar nicht begeistert, ließ sich aber breitschlagen, als Blaise und ich bereits zugesagt hatten. Dann verschwanden sie auch schon und ich durfte Chipskrümel von meinem Bettlaken pflücken.

Vielleicht war in einen Club zu gehen keine unbedingt schlechte Idee. Man trank, man feierte und man lernte neue Leute kennen, wobei ich letzteres in einem gewissen Maße dringend nötig hatte. Meinen Seelenverwandten dort zu finden, hoffte ich zwar nicht, aber ein kleiner Flirt würde mich durchaus mal auf andere Gedanken bringen…

Als ich bereits umgezogen und mit ausgeschalteter Nachttischlampe im Bett lag, zuckte ich wegen eines plötzlichen penetranten Klopfens an der Wand hinter mir vor Schreck zusammen. Scheiße, sowas machte man einfach nicht um elf, wenn das gesamte Haus bereits ruhig war! Ich wäre beinahe aus meinem verdammten Bett gefallen.

„Hey, Tarzan?“

Mann, waren die Wände dünn. Blaise Bett grenzte, wie ich gerade feststellte, genau an die Wand, die unsere beiden Zimmer trennte. Kein Wunder, dass ich seine Stimme laut und deutlich vernahm. Ein bisschen gruselig. „Was denn?“, fauchte ich, noch immer erschrocken, zurück.

„Philander?“

„Was?“

„Heißt du Philander?“

Ich lachte laut auf. Fast. Soweit ich wusste, hieß Philander so etwas wie ‚Freund der Männer‘. Wenn er wüsste, wie richtig er damit lag – obwohl das natürlich nicht mein Name war.

„Nein.“

Ich hörte ihn drüben fluchen und lachte erneut. Es war ja fast schon rührend, wie dringend er herausfinden wollte, wie ich hieß.

„Dann gute Nacht, Tarzan.“

Ich schüttelte mit dem Kopf, musste aber über beide Ohren grinsen. „Nacht, Blondie.“

Der Rest der Woche verstrich eigentlich ereignislos. Freitag in der Pause hatte Leonard, ein kleingeratener Junge mit Hakennase aus einem anderen Stammkurs, einen blöden Kommentar neben mir über Blaise gerissen, von wegen Tucke oder halbes Mädchen, als Blondie sich in der Gruppe über Modetrends unterhalten hatte. Wahrscheinlich hatte da bloß der Neid gesprochen, weil der weibliche Anteil unserer Stufe sich bestens mit Blaise verstand und seine Nähe suchte wie die Fliegen. Die Eifersucht war Leonard förmlich ins Gesicht geschrieben. Blaise brauchte nur Lächeln und etwas sagen wie „Das Oberteil betont deine Figur perfekt“ und die Weiber seufzten im Akkord. Leonard war noch kleiner geworden als ohnehin schon, als ich ihn mit dem bösesten Blick, den ich auf Lager hatte, von oben herab taxierte, bis er sich unauffällig einige Schritte von mir entfernte.

Man musste ja auf seinen Stiefcousin aufpassen.

Das war auch das einzig halbwegs interessante, was passiert war, bevor Rebecca und Theresa im Duo kurz vor acht am Samstag bei mir aufkreuzten. Konrad würde nachkommen, weil er noch, laut Theresa, schwer damit beschäftigt war, irgendeine Schlacht bei seinem Online-Spiel für sich zu gewinnen.

Ich war noch ungeduscht und in Jogginghose, weil Blaise diesmal länger als sonst das Bad blockierte, ließ die Mädels aber rein und führte sie hoch in mein Zimmer, wo ich bereits einige Gläser zum Vorglühen bereit gestellt hatte.

„Willst du so gehen?“, fragte Theresa halb lächelnd und setzte sich aufs Sofa, wo sie sich lediglich Cola in ihr Glas füllte. Sie trank so gut wie nie etwas – ein gutes Pendant zu ihrem Freund – und fuhr uns deswegen praktischerweise meistens auch nach Hause.

Ich runzelte die Stirn und schaute an mir herunter. Die Jogginghose hatte ein Loch am Knie und mein Shirt war ein Stück zu kurz, sodass grundsätzlich ein Zentimeter Hüfte oder Bauch hervorblitzte. Ich schnaubte. „Klar, das trägt man jetzt so.“ Becca wackelte mit den Augenbrauen. „Also, ich kann mir vorstellen, dass das durchaus bei einigen ankommt. Wie wär’s, wenn du vorne noch einen Knoten in dein Shirt machst?“

Die Mädels lachten und ich machte grinsend „Haha“.

Nach einigen Minuten gesellte sich schließlich auch ein wie gewohnt perfekt gestylter Blaise dazu. Er roch nach Aftershave und seinem Mandelshampoo. Der Duft benebelte mich kurz, sodass mir die enge, schwarze Jeans und das dunkle Shirt mit dem V-Ausschnitt erst danach auffielen. Das Outfit wurde durch schwarze Sneaker und einige Holzperlenarmbänder in verschiedenen Farben abgerundet – kurzum hatte er es mal wieder geschafft, mich wie einen modischen Unfall neben sich aussehen zu lassen. Mir war bislang noch bei keinem Mann derartig aufgefallen, wie er sich kleidete. Ich wusste meistens nicht mal bei mir selbst, was ich da gerade trug.

„Miau“, machte Rebecca, nachdem sie Blaise begutachtet hatte. „Du bist ja zum Fressen.“

Blondie lachte herzhaft und schmiss sich locker auf meinen Schreibtischstuhl, auf dem er dann zu uns rüber rollte. „Danke“, erwiderte er glucksend, nicht gerade bescheiden.

Um den Anblick seiner haarlosen Brust, von der dank des Ausschnitts nicht zu viel und nicht zu wenig zu sehen war, verarbeiten zu können, verabschiedete ich mich ins Bad, um endlich auch an meinem Äußeren zu arbeiten. Was hieß, dass ich in Rekordgeschwindigkeit duschen ging, Zähne putzte, ein bisschen Gel in die braune Mähne schmierte und mich rasierte, bis ich bemerkte, dass ich die Jeans und das Hemd, was ich anziehen wollte, in meinem Zimmer vergessen hatte. Um die Mädchen nicht zu schocken, schlüpfte ich, zwar immer noch nass, wieder in Jogginghose und Taschentuchoberteil und tapste barfuß zurück.

„Hab was vergessen“, erklärte ich den verwunderten Gesichtern, während ich, ohne groß Zeit zu verschwenden, zu meinem Schrank ging und aus dem obersten Fach Hemd und Hose zog.

„Ach, bauchfrei ist wieder in?“, scherzte Theresa bei meinem Anblick, da sich durch das Heben meiner Arme das Oberteil noch weiter gelüftet hatte, als ohnehin schon. Ich nickte ihr mit den Augenbrauen wackelnd zu und klemmte mir die Klamotten unter den Arm, während Blaise, der sich kurz nach meinem Erscheinen an seinem Bier verschluckt hatte, lautstark hustete und Rebecca ihm mit einem strahlenden Grinsen auf den Rücken klopfte. Der Szene keine weitere Beachtung schenkend, ging ich wieder ins Badezimmer.

Eine halbe Stunde später stand schließlich auch Konrad auf der Matte. Wir spielten ein paar Trinkspiele, um nicht nüchtern in den Club zu müssen – das würde ich nicht aushalten – und machten uns gegen kurz nach elf auf den Weg. Wie bereits erwartet, fuhr Theresa uns.

Voll war es noch nicht, wenn auch bereits gut gefüllt. Der Türsteher fragte bloß die Mädchen und Blaise nach dem Ausweis, was ich mit einem Grinsen quittierte. Konny war seit den Trinkspielen schon gut drauf, weshalb der auch gleich mit Theresa auf die Tanzfläche stürmte, wo gerade 90er gespielt wurden. Becca und ich warfen uns vielsagende Blicke zu, ehe wir mitsamt Blaise an die Bar übersiedelten.

„Was wollt ihr?“, fragte ich meine Begleiter. Als größte Person hier, war es ein leichtes für mich die Bar zu erreichen und dran genommen zu werden. Ich konnte über die Männer vor mir sogar einfach rüber greifen.

„Tequila?“ Becca schaute fragend und sowohl Blaise als auch ich nickten zustimmend. Bevor einer von ihnen auch nur die Geldbörse hätte zücken können, hatte ich einen Zehneuroschein gezückt und dem Barkeeper auf die Theke geknallt. Wir tranken den Tequila pur und schüttelten uns im Nachhinein.

Die Musik wurde nicht besser und eine Weile lang war das einzig unterhaltsame Konrad, der mit Theresa über die Tanzfläche wirbelte, bis es mit der Zeit voller wurde und mehr und mehr Leute den Club füllten. Wir trafen auf ein paar Klassenkameraden, einer gab mir sogar ein Bier aus, und unterhielten uns, bis kurz nach Mitternacht Blaise spurlos verschwand und eine gute Dreiviertelstunde später mit zerknittertem Gesichtsausdruck wieder auftauchte. Auf meine Frage hin, wo er gewesen war, bestellte er sich bloß kommentarlos einen Cocktail. Obwohl das eigentlich schon Antwort genug war – das war seine ‚Ich-War-Grad-Telefonieren‘-Laune. Es würde mich brennend interessieren, wer ihm grundsätzlich derartig die Laune verdarb.

Nach dem dritten Cocktail innerhalb kürzester Zeit, war Blaise Zustand besser, aber nicht mal annähernd mehr nüchtern. Ich hatte mit Theresa getanzt – Konrad war ihr mit dem ständigen Gewirbel auf die Nerven gegangen – bis sich plötzlich zwei Arme um meinen rechten geschlungen hatten und ein deutlich alkoholisierter Blaise von unten zu mir herauf grinste und lautstark verkündete, dass wir mal shoppen gehen sollten.

Perplex blinzelte ich ihn an, bis eine erleichtert aussehende Becca durch die Masse zu uns stolperte. „Puh“, atmete sie aus, „Ich hatte Angst, der wäre verloren gegangen. Ist einfach abgehauen, der Trottel!“ Blaise schürzte wegen der Beleidigung angefressen die Lippen. „Guck nicht so! Ich schütte mir nicht innerhalb einer Stunde die Birne zu und spiel dann im Club verstecken!“ Ihr Blick war anklagend.

„Beccaaaa!“ Konrad legte ihr schwankend einen Arm um die Schultern, „Lass Blaisi doch mal in Ruhe! Das nennt man feiern, was er da macht!“

Um ehrlich zu sein, feierte er gerade nicht, sondern zog debil grinsend an meinem Arm, aber ich wollte ja nicht klugscheißen. Ich philosophierte gerade nur angestrengt, ob er mir damit etwas vermitteln wollte oder bloß mühevoll versuchte, das Gleichgewicht zu halten. Im flackernden Licht der Scheinwerfer strahlten seine Augen hellgrau.

„Vielleicht sollte er mal Wasser trinken“, schlug Theresa gewohnt sachlich vor, den Blonden prüfend musternd.

Ich nickte zustimmend und entfernte seinen Klammergriff, um ihn am Handgelenk packen zu können. Das warme Gefühl, das sich breit machte, als ich seine Haut berührte, ignorierte ich geflissentlich.

„Ich will einen Tequila Sunrise!“, verkündete Blaise stolz und lehnte sich an die Bar. Seine Stimme klang nasal, aber sonst nüchtern. Wenn er nicht solche offensichtlichen Koordinationsstörungen hätte, würde man gar nicht bemerken, dass er betrunken war. Bloß seine Augen sahen ein wenig verklärt aus. Bei seinem Anblick schlug der Beschützerinstinkt in mir Purzelbäume. Zumindest glaubte ich, dass der es war.

„Sorry, Blondie. Kein Alkohol mehr für dich. Ich bestell dir ein Wasser.“ Ich lächelte dem Barkeeper zu, der die Unterhaltung mitbekommen hatte und er nickte mir verstehend zu. „Warum hast du dich denn so abgeschossen?“

„Weil Mike ein Arschloch ist“, erklärte er schnaufend und pustete sich wütend eine blonde Strähne aus der Stirn. Ich hatte keinen Schimmer wer Mike war, bezahlte also und drückte ihm das Wasser ohne Worte sogleich in die Hand. Er trank sogar, wirkte aber enttäuscht, als er realisierte, dass es sich dabei um keinen Cocktail handelte.

„Willst du nach Hause?“, fragte ich ruhig und erntete ein Kopfschütteln. „Willst du zurück zu den anderen?“ Wieder ein Kopfschütteln. Damit war ich einverstanden. Irgendwie war ich stolz darauf, dass er sich in seinem Zustand an mich gewandt hatte und nicht etwa an Rebecca oder Konrad. „Willst du mal raus?“ Diesmal nickte er. Ich lächelte aufmunternd und schob ihn vor mir her, raus aus dem überfüllten, stickigen Club, weg von der dröhnenden Musik und dem vibrierenden Bass.

Die kalte Nachtluft war so erfrischend wie ein Mentosbonbon. Blaise setzte sich draußen auf eine Mauer neben dem Gebäude und legte das Gesicht in die Hände. Unwissend, was ich tun sollte, stellte ich mich ihm gegenüber und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich hatte nicht viel getrunken, zumindest nicht genügend, um angetrunken zu sein und das Umsorgen der Blondine vor mir hatte mich noch nüchterner gemacht. Er brummelte etwas von „Sandalen und Socken“ und fluchte andauernd, was mich unpassenderweise zum Lächeln brachte.

„Geht’s deinem Freund gut?“

Überrascht wandte ich den Blick nach links. Ein hübsches Mädchen stand da und lächelte mich freundlich an. Sie wirkte nicht betrunken, weshalb ich kurz überlegte, warum sie mich angesprochen haben könnte, bis mir einfiel, dass ich sie kannte. Sie war eine Bekannte von Becca, zumindest hatte ich sie mal zusammen gesehen und hieß Marie oder Maria, irgendwas in der Richtung. „Der braucht nur mal `ne Pause“, erklärte ich, ihr Lächeln erwidernd. In dem kurzen Kleid musste sie frieren, aber sie machte keinerlei Anzeichen davon. Der schwarze Stoff betonte ihre langen, schlanken Beine und ihre Kurven. In jeder anderen Situation hätte ich die Chance eventuell genutzt – immerhin hatte ich mich eigentlich von Blaise ablenken wollen – um mit ihr in eine Unterhaltung zu kommen, aber in diesem Moment dachte ich nicht mal annähernd daran. Ich war eher genervt davon, dass sie mich ansprach.

„Hast du Rebecca gesehen?“ Sie strich sich ihr brünettes Haar über die Schultern und tat so, als würde sie sich umsehen. „Ich dachte, ihr wärt zusammen hergekommen.“

„Sind wir auch.“ Ich nahm Blaise die Wasserflasche ab, als sie drohte, von seinem Schoß zu fallen. „Sie muss irgendwo drinnen sein“, fügte ich bei und drehte ihr den Rücken zu, als sie noch immer keine Anstalten machte, zurück in den Club zu gehen. Blondie hatte mittlerweile den Kopf gehoben und betrachtete Marie (oder Maria?!) grinsend. Kurz darauf ertönte ein kleinlautes „Danke“ und ich vernahm das Geräusch ihrer Absätze auf dem Asphalt, die sich entfernten.

Blaise gluckste unkontrolliert, nachdem sie verschwunden war. „Du bist’n Idiot, Tarzan.“

Ich verdrehte wegen des Spitznamens die Augen. Selbst betrunken blieb er dabei. „Wieso?“, fragte ich halbherzig und nahm selbst einen Schluck aus der Wasserflasche.

„Weil sie auf dich steht. Sie hat dich mit ihren Blicken“, er schwankte und ich drückte ihn zurück auf die Mauer, „ausgezogen!“

Schmunzelnd zuckte ich mit den Schultern. „Sie wird schon jemand anderen finden.“

„Sorry, dass du dich um mich kümmern musst“, murmelte er plötzlich ruhig und sah entschuldigend zu mir auf. Es war fast schon ein bisschen unheimlich, wie freundlich er betrunken war. Ob er sich daran morgen überhaupt noch erinnern konnte? Ich bezweifelte es.

„Ich muss das nicht. Ich helfe gern.“ Irgendwie bekam ich das Gefühl, dass ich ihm das noch öfter erklären müsste.

„Ja ja“, kicherte Blaise, „Du Samariter, ich weiß schon. Dabei ist die echt heiß gewesen!“

Ich runzelte die Stirn und fragte mich, ob er das ernst meinte oder das eine betrunkene Form seines Sarkasmus war – bei ihm wusste man ja nie. Der Satz widersprach wieder Rebeccas Theorie, dass er schwul war. Er würde sie doch nicht heißen finden, wenn er eigentlich auf Männer stand. Oder war das rein objektiv gemeint gewesen?

„Weißt du“, er legte eine Hand auf meine Schulter und fing an mich zu tätscheln wie eine alte Oma, „wenn ich nicht schwul wäre, dann hätte ich sie nach ihrer Nummer gefragt.“

Objektiv, eindeutig objektiv!

Wären in dem Moment nicht etliche meiner Synapsen durchgebrannt, dann hätte ich bemerkt, dass ich ein blöderes Gesicht machte, als ein Teenagermädchen, das auf den positiven Schwangerschaftstest in ihrer Hand starrte.

Sprachen Kinder und Betrunkene nicht immer die Wahrheit? Er behauptete das doch nicht aus Spaß, oder?

Und scheiße, warum schrie eigentlich eine perverse, kleine Stimme in meinem Kopf gerade lauthals „Jackpot“? Hatte ich meinem Geschlechtsorgan nicht gesagt, es sollte die Klappe halten?!

Verdammt, ich hatte ein mächtiges Problem…