Einfühlsame Schmusekatze sucht temperamentvolles Herrchen zum Bauchkraulen

... zwei Schritte zurück

Es dauerte gute fünf Minuten, bis Blaise sich soweit wieder beruhigt hatte, dass ich ihn loslassen konnte. Ich trat einen Schritt zurück, unwissend, was ich tun oder sagen sollte, während er sich die letzten Tränen vom Gesicht wischte und betreten zu Boden schaute.

Das war eine ziemlich unangenehme Situation. Blaise schämte sich sichtlich und ich hatte keinen Schimmer, wie ich reagieren sollte, da ich jederzeit erwartete, dass er erneut zur Hexe mutierte und mich beschimpfte.

Was jedoch nicht geschah.

Blaise atmete tief durch, ehe er aufsah und mich mit einer Mischung aus Distanziertheit und Dankbarkeit musterte. Sein Blick blieb an dem nassen Fleck an meiner Schulter hängen. Er seufzte und fuhr sich durch die blondierten Haare. „Es tut mir leid.“

„Nicht dafür!“ Ich schüttelte den Kopf und lächelte ihn aufmunternd an. „Das ist schon okay. Jeder hat mal `n Tief.“

„Nicht nur deswegen“, murmelte er beinahe schon und rupfte etwas Toilettenpapier ab, um sich die Nase damit zu putzen. „Ich war echt scheiße zu dir, obwohl ich dich gar nicht richtig kenne. Ich ging einfach davon aus, dass du … na ja…“

„Ein oberflächlicher Wichser bist? Hab ich schon gemerkt.“ Er lächelte bedauernd und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass er mich wirklich ansah. Es war so unnatürlich, dass er freundlich aussehen konnte, fast wie ein gezähmter Bär. Als wäre ich in seinen Augen zu einem menschlichen Wesen aufgestiegen.

Keine Ahnung, wieso sich das so erleichternd anfühlte. „Hey“, warf ich ein, bevor er sich Sorgen machte, „Das ist nicht schlimm. Ich bin groß, ich verkrafte das.“ Es hatte mich lediglich einige Nerven gekostet…

Ich wuschelte ihm abermals durchs Haar und diesmal lächelte er darüber. „War trotzdem scheiße. Bei mir läuft sowieso zurzeit einfach alles scheiße.“

Es war vielleicht keine gute Begründung für sein Verhalten, aber für mich durchaus eine akzeptable Entschuldigung. Was brächte es, ihm sein dämliches Verhalten übel zu nehmen. Erstens, wäre das kindisch, zweitens würde das nur mehr Ärger bringen und drittens schaffte ich es auch nicht, ihm das weiter krumm zu nehmen, wenn er mich so wehleidig ansah.

Wow, ich war ja echt leicht zu manipulieren.

Ich wollte etwas erwidern wie „Kann ich mir vorstellen“, aber das wäre stupide und gelogen gewesen, da ich nicht wusste, wie es war, wenn man plötzlich umziehen musste, weil man gemobbt wurde und Probleme Zuhause hatte. Das einzige Mal Stress hatte es hier wegen meines Outings mit meinem Vater gegeben und seitdem höchstens, weil ich mein Zimmer nicht aufräumte.

Also schob ich zurückhaltend meine Hände in die Hosentaschen und zuckte mit den Schultern. „Das wird schon“ – ich geborener Optimist! – „Wenn du mal jemanden zum Reden brauchst…“

„Damit ich dich wieder vollflenne wie ein pubertierendes Mädchen?“, grinste Blaise halbherzig und stopfte sich das Handy in die Hosentasche. Ich hatte die Vermutung, dass seine Heulattacke von seinem Telefonat herrührte. Vielleicht sein Vater oder dieser Robert? Ich war neugierig, obwohl ich nicht glaubte, dass er, wo wir uns ohnehin erst seit gestern kannten, sich mir plötzlich anvertrauen würde. Dafür war er zu misstrauisch.

„Ich bin mit einer älteren Schwester aufgewachsen, schon vergessen? Die hat ständig geflennt.“ Ich erwiderte das Grinsen, bevor ich ernst wurde. „Aber ehrlich, wenn du drüber reden willst, ich stelle mich zur Verfügung. Ich lach dich auch nicht aus oder so. Mobbing ist einfach scheiße, das hat niemand verdient.“

Plötzlich hatte ich das Gefühl, etwas schrecklich Dummes gesagt zu haben. Die Stimmung schlug radikal um und es wurde gefühlte tausend Grad kühler im Raum.

Blaise Blick war vernichtend. „Ach so“, murmelte er grimmig, „Ich verstehe. Der dumme, kleine Blaise wird gemobbt und du machst einen auf Samariter.“ Er schnaubte abfällig und stand auf. Ich konnte nur verwirrt zusehen, wie er mich beim Vorbeigehen anrempelte. „Spar dir dein verdammtes Mitleid!“ Damit verließ er das Badezimmer und stapfte davon. Er hatte eindeutig ein Faible für dramatische Abgänge.

Was zum Teufel hatte ich denn jetzt wieder falsch gemacht?! Eine Unterhaltung mit Blaise glich dem Entschärfen einer Bombe. Wenn man auch nur eine falsche Bewegung machte oder den falschen Draht anschnitt … Bumm!

Ich hatte ihn bloß getröstet, wir hatten uns zum ersten Mal richtig unterhalten, ohne, dass Beleidigungen oder Schimpfwörter fielen und dann das, weil ich von seinem Mobbing gesprochen hatte? Gut, eigentlich hätte ich nicht wissen dürfen, warum er die Schule gewechselt hatte, aber was war so schrecklich daran, wenn ich es wusste? Wenn ich Mitgefühl zeigte? Ich tat das alles doch nicht, weil es mir einen Kick versetzte, mich um verletzte, kleine Diven zu kümmern! Das war nicht herablassend gemeint gewesen, also worüber regte er sich auf? Da hieß es, Frauen seien schwer zu verstehen. Dann probiert mal in Blaise Kopf zu schauen, das war ein Mysterium!

Statt einer nahenden Freundschaft zwischen Blaise und mir, herrschte nun die gleiche miese Stimmung wie zuvor. Außerdem hatte ich keinen Schimmer, wie ich mit ihm umgehen sollte. Einerseits wusste ich, dass er anders sein konnte, wenn er wollte und er war dankbar dafür gewesen, dass ich ihn getröstet hatte, andererseits war diese Freundlichkeit schnell wieder weg gewesen. Der Kerl war so launisch wie `ne hochschwangere Frau.

Den restlichen Abend und auch den nächsten Morgen, bis hin zur Fahrt zur Schule, strafte er mich mit eisernem Schweigen. Kaum im Schulgebäude angekommen, preschte er los und ließ mich zurück wie einen ausgesetzten Hund. Ich fühlte mich dezent verlassen.

Ich trat wenige Sekunden nach ihm in den Unterrichtsraum und setzte mich ebenso wortlos wie er auf meinen Platz. Becca fragte grinsend, ob ich mich immer noch nicht mit Blaise vertrug und ich antwortete lediglich mit einem ratlosen Schulterzucken. Konrad stürzte sich sofort auf den Blonden und quatschte ihn voll, als wären sie bereits jahrelang befreundet. Anscheinend fanden meine Freunde diese neue „Klatschstory“ äußerst amüsant.

„Hey, Konny“, unterbrach ich sein erheitertes Gegacker, wobei Blaise für ihn nur ein müdes Lächeln übrig hatte. „Ruben hat gefragt, ob du Lust hast Freitag mitzukommen? Er macht wieder `ne Runde.“

Konrad grinste nickend und legte seine Füße auf dem Tisch ab. „Klar! Wenn Fabian sich wieder betrinkt und jeden zu einem Rapduell herausfordert?“

Ich lachte bei der Erinnerung daran. „Unbedingt!“ Bevor wir uns noch weiter über die verborgenen Rapkünste Fabians auslassen konnten, stürmte bereits Herr Götz herein und warf atemlos seine Aktentasche auf den Lehrertisch. Sein Übergewicht machte ihm zu schaffen, deswegen schnaufte er auch, als er seinen Blick durch die Reihen schweifen ließ. Der ältere, grauhaarige Mann war einer der besten Lehrer an der Schule. Er war nett, aufgeschlossen und wusste, was er von welchem Schüler erwarten konnte, ohne unfair oder persönlich zu werden. Und na ja, ich war einer seiner Lieblingsschüler.

„Du träumst wohl, Konrad“, tadelte Götz und deutete auf Konrads Füße auf dem Tisch, „Wir sind hier nicht im Zoo, Freundchen. Und dein Nachbar da ist wohl der Neue?“

„Jap“, antwortete Konrad beinahe stolz, „Blaise hat sich den besten Platz ausgesucht.“

Herr Götze lächelte leicht und fing an, kopfschüttelnd das heutige Thema an die Tafel zu schreiben. „Daran wage ich zu zweifeln. Blaise, du kannst dich natürlich jederzeit umsetzen, wenn du deine Wahl bereust.“

Es folgte ein grinsendes „Alles klar“ von Blondie, der sich köstlich darüber amüsierte, wie Konrad sich künstlich aufregte, was für ein toller Sitznachbar er doch wäre. Buhu, na klar.

Englisch war eines meiner Lieblingsfächer, neben Sport und Deutsch. Seitdem ich es bevorzugte, allmögliche Serien und Filme auf Englisch zu sehen, hatte ich ein gewisses Gefühl für die Sprache entdeckt.

Was ich wohl üblerweise auch Lucas zu verdanken hatte. Immerhin etwas Positives.

Jedenfalls war ich einer der besten Schüler in dem Fach, weshalb es mich nicht wunderte, als ich die letzte Arbeit mit einer dicken Eins zurückbekam. Becca neben mir stöhnte genervt, weil sie einen Punkt an einer Eins vorbei war und Konrad hörte ich gut hörbar darüber jubeln, dass er eine knappe drei geschafft hatte. Er mochte zwar ein Genie in Naturwissenschaften sein, aber sprachlich gesehen war er nicht der gewandteste.

„Das war nur ein kleiner Einführungstest“, teilte Götze beruhigend mit, als ein paar enttäuscht über ihren Arbeiten hockten, „Wir haben das Thema gerade erst richtig angefangen. Und ihr habt jede Stunde die Chance, eure Hausaufgaben oder eine Stundenaufgabe abzugeben. Hier kommt keiner mit etwas Schlechterem als einer drei aus dem Kurs, damit das klar ist!“ Ich sagte doch, dass der Kerl schwer in Ordnung war. Manche Lehrer freuten sich beinahe diebisch darüber, wenn sie dir eine schlechte Note verpassen konnten – natürlich alles pädagogisch gesehen hilfreich, sie wollen dir ja nur zeigen, dass du dich mehr anstrengen sollst und so weiter – und dann gab es da Götze, der dir notfalls eine Eins aufs Zeugnis schmuggelte.

„So, we have a new student!“, fing Herr Götze nun den Unterricht an und schenkte Blaise ein freundliches Lächeln. „Blaise, right? Please, tell us something about yourself.“

Blaise wirkte mit einem Mal nicht mehr so selbstsicher oder locker, sondern eher überrascht und überfordert. Er wurde blass im Gesicht und fuhr sich unruhig durchs Haar. „Äh … I’m Blaise … I’m … äh … 18 years old and I’m from Hamburg.“

„A Hamburger!“ Niemand lachte über Götzes schlechten Witz außer ihm. Traurig, aber das taten Lehrer irgendwie öfter. Entweder, sie fanden sich tatsächlich lustig oder sie überspielten damit die Tatsache, dass sie eben nicht lustig waren. „What are your favorite subjects?“

„Art, German and French“, kam es zögerlich zurück und Becca stieß mir zweideutig grinsend den Ellbogen zwischen die Rippen. „Französisch, was?“ Ich verdrehte bloß die Augen über ihren schlechten Witz und sie schmollte.

„Not English? What a shame. Thanks, Blaise. I think, we’re all happy to have you here. Especially Konrad, right?“

Konrad, der glucksend neben dem sich langsam beruhigenden Blaise saß, grinste schelmisch und nickte enthusiastisch. „Yes, natürlich. He can learn a lot von mir.“ Zusätzlich wackelte er zweideutig mit den Augenbrauen und die Klasse lachte, bis auf meine Wenigkeit und Blaise. Ich musterte den Blonden prüfend, dem die Situation immer noch sichtlich unangenehm war. Ich fragte mich, ob das an der ungeteilten Aufmerksamkeit lag oder daran, dass er Englisch reden musste. Er hatte ziemlich unsicher gesprochen, als wäre er nicht wirklich geübt darin.

Herr Götze bedachte Konrad mit einem skeptischen Blick und seufzte, als wäre alle Hoffnung für ihn gerade gestorben. „Okay“, er schüttelte nochmals den Kopf, „Let’s start. Well…“

Es stellte sich heraus, dass Blaise tatsächlich nicht sehr gut in Englisch war. Das wunderte mich – immerhin hatte er behauptet, er würde Französisch mögen und gegenüber Englisch war Französisch ungefähr so verständlich, wie das brunftige Brüllen eines paarungsbereiten Hirsches. Zumindest für mich.

Nach der Doppelstunde hielt Herr Götze Blaise noch kurz zurück, um mit ihm zu reden. Ich schwöre, ich wollte wirklich nicht zum Wiederholungstäter werden, aber ich konnte nicht anders, als im Türrahmen stehen zu bleiben und zu lauschen. Das war eine Krankheit! „Ich habe deine letzten Noten gesehen. Ich weiß ja nicht, woran es liegt, aber wenn du Hilfe brauchst, kannst du jederzeit Bescheid sagen. Das wird schon. Allzu schwierig wird der Leistungskurs hier nicht und ansonsten helfen dir sicher auch deine Mitschüler. Muss ja nicht gerade Konrad sein, aber soweit ich weiß, wohnst du bei Phils Familie und der ist ein vorbildlicher Schüler.“

Pries Götze mich gerade als Nachhilfelehrer an? Seine hohe Einschätzung von mir in allen Ehren, aber war das sein Ernst? Klar, ich quatschte Blaise stundenlang mit Vokabeln und Grammatik voll und er ignorierte mich gekonnt. Für 3,50€ die Stunde, sicher!

Ach, ich wusste doch sowieso, dass ich Softy ihm sofort helfen würde, sollte er mich fragen – woran ich aber zweifelte. Dafür war er zu stolz. Und hatte gestern einen zu dramatischen Abgang hingelegt.

Trotzdem hörte ich, wie Blondie sich höflich bei Götze bedankte und bevor er in mich hineinrasselte, machte ich eiligst einen Abgang. Sonst würde es doch nur Beleidigungen regnen.

Nach der achten Stunde wartete ich mit Konrad und Becca auf Blaise und Theresa, die beide im Kunstleistungskurs waren und anscheinend noch Farben auswaschen mussten oder sowas. Ich konnte mit Kunst leider gar nichts anfangen, wie meine liebste Schwester nicht selten implizierte. Sie ritt gerne darauf herum, dass sie der kreative Part der Familie war. Seit meinem vierten Lebensjahr hatten sich meine Zeichenfertigkeiten leider nicht mehr gesteigert. Mama hatte sich jahrelang ein gerührtes, dankbares Lächeln abgerungen, als ich ihr Bilder von krummen Blumen, Delphinen, die mutierten Haien ähnlich sahen und Maushunden geschenkt hatte.

„Ach“, Konrad klopfte mir, plötzlich erleuchtet, grob auf die Schulter. Höher kam er aber auch nicht, also war es ihm zu verzeihen. „Ich hab Blaise übrigens überredet, dass er Freitag mitkommt.“

Verwundert blinzelte ich. „Du hast was?“

Konrad zuckte mit den Schultern, als wäre es kein großes Ding. „Sollte ich nicht? Hab gedacht, das hilft ihm vielleicht. So zum Eingewöhnen und Leute kennenlernen.“

„Nein, ist schon okay.“ Ich kratzte mich am Kopf. Konrad und sein Überredungstalent. „Ich hätte nur nicht gedacht, dass er mitkommen will. Vor allem, wo ich doch dabei bin.“

„Jetzt übertreib nicht“, tat Konny es ab, „Er hasst dich nicht, niemand kann das. Er ist bloß eingeschüchtert. Er weiß nicht, wie er mit deiner ganzen Männlichkeit umgehen soll.“

Konrad grinste diebisch, Becca fing an hysterisch zu lachen und mir blieb nichts anderes übrig, als mitzulachen. Der Typ hatte `ne riesige, unheilbare Macke. So eine Scheiße hatte ich nicht mehr gehört, seitdem die NPD ihr Wahlprogramm vorgestellt hatte.

„Du hast Probleme, Konrad“, lachte Rebecca, bevor Theresa und Blaise aus ihrem Unterrichtsraum kamen und auf uns zu liefen. „Aber wir haben gelernt, damit zu leben.“

„Danke“, grunzte er und schlang automatisch einen Arm um Theresa, nachdem sie sich wortlos neben ihn gestellt hatte. Blaise bedachte mich derweil mit einem eindeutig auffordernden Blick. Ich ahnte, was er mir sagen wollte, aber solange er nicht tatsächlich mit mir sprach, würde ich nicht auf dieses kindische Verhalten eingehen. Er konnte ruhig mit mir reden, das war ja wohl nicht zu viel verlangt.

„Habt ihr gemalt?“, fragte Becca aus dem Nichts und wandte sich Blaise zu. Erst da fiel mir auf, was Rebecca wohl meinte. Abgesehen davon, dass seine Hände teilweise blau waren, zeichnete seine Wange eine gut sichtbare Farbspur in vielfältigen Nuancen – von Grün zu Rot alles dabei.

Blaise nickte verwirrt und Rebecca zwinkerte ihm amüsiert zu. „Sieht man. Du hast da Kriegsbemalung.“

„Ups.“ Blondie wischte sich unkoordiniert über die Wange und verteilte die Farbe nur noch großzügiger. Grinsend sah ich dabei zu, wie er verzweifelt in seinem Gesicht rumschmierte, bis Theresa ihm helfen wollte und es mit der Farbe an ihren Fingern lediglich verschlimmerte. Becca kicherte bereits, als ich mit einem Taschentuch aus meinem Rucksack das lustige Schauspiel, ohne groß darüber nachzudenken, unterbrach.

„Das kann man sich ja nicht ansehen“, meinte ich leichtfertig und entfernte durch ein-, zweimal Reiben die Fingerfarbe. Dass seine Wangen seltsamerweise danach immer noch rot waren und mich alle komisch anstarrten, registrierte ich gar nicht richtig.

Nach einigen Augenblicken kam wieder Leben in den stocksteifen Blaise, der jetzt zischend meine Hand aus seinem Gesicht schlug und mich böse taxierte. „Griffel weg, Tarzan!“

Ein wenig erschrocken zog ich die Hand zurück, fast wie ein Kind, dass auf die heiße Herdplatte gegriffen hatte. Ich hatte mir nichts dabei gedacht, aber dass Blaise derartig reagierte, hätte ich eigentlich ahnen müssen. Ein Wunder, dass er mich nicht gleich gebissen hatte.

Was war das auch für eine spontane Eingebung gewesen? Völlig bescheuert. Da konnte ich auch tollwütige Füchse im Wald streicheln gehen und erreichte den gleichen Effekt.

Meine verdammte Nettigkeit.

Blondie brummte und trabte dramatisch und mit roten Wangen davon. Rebecca, Theresa und Konrad warfen sich verschwörerische Blicke zu und ich verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust. Himmel, der Kerl war erst zwei Tage da und nutzte die Zeit ausnahmslos, um mir auf vielfältige Arten auf die Nerven zu gehen. Ich stieg einfach nicht dahinter. Er motzte mich an, spurte, wenn ich ihn anschrie, ließ sich trösten, wollte aber keinen Beistand und motzte mich wieder an. Ich hasste dieses Wechselspiel!

Ich mochte unkomplizierte Menschen. Jemand wie Konrad. Der entweder ständig sagte, was er dachte, oder sowieso die meiste Zeit gut drauf war.

„Ähm, Phil“, fing schließlich Becca vorsichtig an und schaute mit hochgezogenen Augenbrauen zu mir auf, „Hast du Mutterkomplexe?“

Konrad prustete los und ich verdrehte die Augen. „Ha ha, sehr lustig. Ich wollte bloß nett sein!“

„Das war ein wenig aufdringlich“, erklärte Theresa als einzige sachlich. „Es war ihm unangenehm.“

„Unangenehm?“, warf Konrad grinsend dazwischen. „Noch `n bisschen länger und er hätte geschnurrt, wetten? Oh Phil, du bist so zärtlich!“, quiekte er mit verstellter Stimme, bis ich ihm grob in den Bauch boxte und er röchelnd abbrach.

„Fick dich, Konrad“, brummte ich eingeschnappt und schulterte wieder meinen Rucksack. „Vergiss nicht, wer sich immer anhören durfte, wie geil du Theresa findest. Oh Mann, hast du ihre Augen gesehen? Oder ihre Beine? Oder ihren Arsch? Sie ist sooooo perfekt!“ Konrad lachte verlegen, während Theresa ihn erheitert musterte und ich triumphierend auf seine Schulter klopfte. „Also, sei lieber ruhig, bevor du dich über mich lustig machst. Ich muss ihm dann auch mal hinterher, bevor er wieder durchbrennt. Wir sehen uns!“

Mit einem Heben der Hand verabschiedete ich mich von der Runde und verließ das Schulhaus. Es war ziemlich warm, sodass mir draußen direkt eine heftige Hitzewelle entgegenschlug. Bereits der kurze Weg zum Auto brachte mich in meinem T-Shirt und der Collegejacke – ein Geschenk meiner Schwester, sie stand auf amerikanisches Zeug – ins Schwitzen. Keine Ahnung, warum die Sonne Ende September nochmal so aufdrehen musste.

Ich hatte Glück, denn Blaise hatte mir die Ehre erwiesen, am Auto zu warten. Er lehnte an der Beifahrertür und schaute grimmig. Das war durchaus ein Fortschritt, wenn man bedachte, dass er diesmal nicht wie ein trotziges Kind davongerannt war.

„Mutti hat gesagt, dass ich dich heut Nachmittag mit Penny zu Ikea fahren soll, damit wir langsam dein Zimmer einrichten können“, berichtete ich halbherzig, nachdem wir eingestiegen waren und ich den Motor startete.

Blaise zuckte mit den Schultern. „Niemand zwingt dich.“

Oh, da kannte er meine Mutter aber schlecht. Abgesehen davon, tat ich das natürlich gerne, was der Kerl nicht zu verstehen schien. Hielt er denn so wenig von seinen Mitmenschen, dass er dachte, man müsste andere zwingen, um ihm zu helfen?

Langsam bekam ich die Einsicht, dass es nicht an mir oder meinem Verhalten lag – zumindest nicht hauptsächlich – dass er mich so abfertigte, sondern daran, was Blaise von Menschen erwartete. An seiner Einstellung und seinen Erfahrungen. Er wertete Personen, die er nicht kannte, nicht gerade hoch ein. Was wohl wiederum auch an dem Mobbing lag, das er durchgemacht hatte.

Ich weiß nicht wieso, aber ich wollte, dass er mir eine Chance gab.

„Muss auch niemand“, erwiderte ich schlicht und beendete das Gespräch damit.

Zuhause erwartete uns bereits Penny mitsamt Nachwuchs. Tim spielte mit Mutti Mau-Mau und Emma schlief selig in ihrem Maxi-Cosi, worauf mein Neffe mich äußerst diskret mit einem lauten „Sssshh!“ aufmerksam machte.

„Ihr könnt noch fix essen, aber dann müssen wir auch schon los. Jonathan kommt uns“, damit deutete sie auf sich und ihre Kinder, „um sieben abholen, deswegen müssen wir uns etwas beeilen.“

Wir taten wie geheißen, schaufelten uns kommentarlos schnellstmöglich die Lasagne rein und spurteten dann mitsamt Penny zum Auto, auf direktem Weg nach Hamburg, die nächste Großstadt, die ein Möbelhaus wie Ikea beherbergte. War an sich eine läppische Fahrt von einer Stunde, wenn man auf der Autobahn nicht so schlich wie meine werte Schwester – weshalb auch ich fuhr. War ja immerhin mein Auto.

„Mama hat gesagt, wir können so viel kaufen, wie du möchtest“, lächelte Penny fröhlich und beugte sich zu uns vor. Ich verbannte sie prinzipiell auf die Rückbank, wenn sie mit mir fuhr, weil sie ungefähr die schrecklichste Beifahrerin der Welt war. Den Titel hatte sie sich ehrenhaft mit diversen Sprüchen wie „War da nicht ein Stoppschild?“ oder „Du fährst viel zu schnell!“ oder gar „Oh mein Gott, hast du überhaupt den Schulterblick gemacht?! Du bringst uns noch um!“ verdient.

„Das ist wirklich nett“, erwiderte Blaise dankbar. „Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich noch brauche.“ „Kein Problem“, grinste Penny, als wäre das ihr Stichwort gewesen, „Dafür bin ich ja da! Mutti hat mir alles genau erklärt. Wir brauchen einen kleinen Schrank, einen Nachttisch, ein Bett und alles, was du dir vielleicht noch wünschst.“

Na klasse, in meinen Ohren klang das bloß nach viel Arbeit, die ich wieder erledigen musste. Als ob hier irgendjemand außer meiner Wenigkeit Möbel zusammenbauen würde. Dass ich nicht lache!

Die restliche Fahrt plapperte Penny heiter drauf los. Sie redete von ihrem Beruf als Fotografin, wie sie Jonathan kennengelernt hatte und leider auch über die Geburt von Emma. Nichts gegen Kinder, aber Geburten waren für mich so ziemlich das ekeligste, was ich mir vorstellen konnte. Ich meine, da kommen Babys … aus … und Blut … und … danach …

Einfach ew.

Ich hätte beinahe erleichtert aufgeseufzt, als wir schließlich endlich bei Ikea angekommen waren. Kaum zu glauben, aber ich war keine Person, die gerne einkaufen ging, schon gar nicht Möbel. Mit sowas konnte man mich foltern.

Und so fühlte es sich auch an.

Blaise und Penny schafften es, bei jeder neuen Tapete, jedem andersfarbigen Teppich und jedem verdammten Vorhang stehen zu bleiben. Es nützte nichts, sie darauf aufmerksam zu machen, dass wir eigentlich nach viel wichtigeren Dingen suchten, sie gingen trotzdem glücklich weiter ihrer Beschäftigung nach. Blaise gewiss nicht ohne mich giftig anzuschauen.

„Wie findest du eigentlich die Schule hier? Ist bestimmt anders als in der Großstadt.“ Penny sah fragend von dem Gardinenstoff auf. Sie redete, als würde er aus einem anderen Land kommen und nicht bloß aus einem anderen Bundesland.

Blondie fuhr sich mit einer Hand durch das gestylte Haar, bevor er sie in die Hosentasche steckte. Es wunderte mich, dass da Platz war, so eng wie die Hosen waren. „Es ist ganz nett hier. Irgendwie offener als in Hamburg.“ Verwundert blinzelte Penny. „Offener? Echt? Ich dachte eher, es wäre andersrum.“ Blaise lächelte leicht und ich lehnte mich neben ihm an die Wand, um so zu tun, als würde das Gespräch mich gar nicht beschäftigen. Obwohl meine Ohren gerade tellergroß wurden.

„Ja, in großen Städten sind die Leute irgendwie … misstrauischer, finde ich. Viele sind oberflächlich und unterscheiden nur in Schwarz und Weiß.“ Es fiel mir schwer, mir dabei nicht vorzustellen, wie irgendwelche Typen auf ihm rumhackten und dumme Kommentare abgaben, während er verzweifelt versuchte, sich verbal zu verteidigen. Dabei schoss mir das Bild von einem weinenden Blaise in den Kopf und ich wurde seltsamerweise wütend.

„Das Problem wirst du bei uns nicht haben. Du findest bestimmt schnell Freunde. Und Phil ist ja auch noch da, der ist sowieso die netteste Person, die du weit und breit finden kannst“, feixte meine Schwester mit blitzenden Augen.

Ich zog eine Grimasse und Blaise schnaubte. So viel dazu.

Penny schüttelte über uns grinsend den Kopf und stapfte weiter zu der Abteilung mit den Schlafzimmermöbeln, ohne sich nach uns umzudrehen.

Wir warfen uns einen kurzen, fast prüfenden Blick zu, ehe wir ihr folgten. Es wunderte mich sowieso, seit wann jeder in meinem Umfeld meinte, mich anpreisen zu müssen wie einen Rassepudel.

Er ist ja so nett!

Ja, nett ist der kleine Bruder von scheiße – zumindest schien Blaise das zu denken.

„Wann wollt ihr die Möbel eigentlich zusammenbauen?“, fragte Penny beiläufig, wobei sie gerade mit Blaise ein Futonbett in Augenschein nahm.

Bevor Blaise hätte antworten können, war ich eingesprungen. „Ich mach das morgen Abend, denk ich mal.“

Sofort traf mich der überraschte Blick des Blonden vor mir. Keine Skepsis, kein Misstrauen, bloß Überraschung. „Du?“ Verwirrt und schief grinsend erwiderte ich den Augenkontakt. „Wer denn sonst? Ich mach das schon, kein Problem.“

Aha, kein Problem also, Phil? Wie war das noch, als ich das letzte Mal etwas zusammengebaut hatte? Richtig, ich hatte mir den Finger gebrochen. Tja, die meisten Unfälle passieren im Haushalt…

„Oder soll ich nicht?“, hakte ich vorsichtshalber nach, als er mich immer noch anstarrte.

Er schüttelte mit dem Kopf und hob abwehrend die Hände. „Nein, nein, schon gut. Ich bin nur … also … ähm … danke.“

Wow. Hatte sich Cinderellas böse Stiefmutter gerade wirklich bei mir bedankt? Der war ja jeden Tag für eine Überraschung zu haben!

„Süß“, murmelte derweil Penny in sich herein, was hoffentlich nur ich gehört hatte. Ich schaute sie drohend an und sie tat unschuldig. Unbekümmert schickte sie Blaise los, nach den Preisen der anderen Futonbetten zu schauen, die sie eben gesehen hatte und wartete geduldig, bis der Blonde sich einige Meter entfernt hatte, ehe die Worte aus ihr raus sprudelten.

„Warum hilfst du dem Kleinen so? Er giftet dich die ganze Zeit ohne Ende an. Wenn ich so zu dir war, hast du meine Lieblingsbücher zerschnitten.“

Ich verkniff mir das schadenfrohe Grinsen bei dem Gedanken und zuckte mit den Schultern. „Ich bin eben nett. Und aus dem Alter raus, wo ich mich leicht provozieren lasse.“

Sie starrte mich einige Augenblicke an, bevor sie ihr „Oh“-Gesicht machte und sich die Hand gegen die Stirn schlug. „Du hast ihn weinen gesehen, oder?“

Das war gruselig, wie gut meine Schwester mich kannte. Ertappt und skeptisch kratzte ich mich am Kopf. „Ja, ähm … woran merkt man das denn?“

„Ich bitte dich“, spielte Penny sich sogleich auf, „Ich kenne dich. Erstens, ist die Stimmung zwischen euch echt seltsam und zweitens, mutierst du immer zur Übermutti, nachdem du jemanden weinen gesehen hast. Ich meine, du willst freiwillig sein Zimmer umbauen?“

„Das stimmt doch gar nicht, ich mutier doch nicht zur Übermutti!“ „Ach ja?“ Penny lachte. „Wie war das, als ich damals geweint habe, weil ich Liebeskummer hatte? Du warst sieben und wolltest den Jungen verprügeln. Und da hattest du noch Angst im Dunkeln.“

„Also, das ist jetzt…“

„Oder damals“, überging sie mich einfach, „als du mit Rebecca Schluss gemacht hast und sie bitterlich geweint hat. Du bist so zur Übermutti mutiert, dass du kurz davor warst, ihr einen Heiratsantrag zu machen.“

Ich brummte unbestimmt und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Blaise zu uns zurück schlenderte. „Okay“, ging ich mit, „Ich seh’s ja ein.“

„Gut.“ Penny grinste zufrieden. „Ich find’s süß, dass du dich um ihn kümmern willst. Ich hab das Gefühl, dass er das braucht.“

Blaise kam bei uns an, warf uns fragende Blicke zu, weil wir unser Gespräch abrupt beendeten und ich musste lächeln.

Ja, ich war ein guter Kuschelbär.