Forever And Ever - I Am Lost Without You

Ann-Kathrin Kälberer · Kapitel 20 von 24

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Forever And Ever - I Am Lost Without You

Verluste

 

Wir waren bereits um die 100 Meter gelaufen, als sich ein gewöhnungsbedürftiger Geruch in meine Nase schlich.

Er erinnerte mich stark an die Londoner Kanalisation, welche wir auf einem Wandertag, der damals von der Schule organisiert wurde, erkunden mussten. Es war die totale Hölle gewesen.

Cynthia war zusammengebrochen und kaum dass sie wieder auf ihren Beinen stehen konnte, hatte sie sich übergeben. Das hatte ewig angedauert und in dieser Zeit hatten wir anderen den Gestank ertragen müssen. Cyn war damals in die Schule gebracht worden, während wir „Überbliebenen“ den ganzen Tag in der Kanalisation hatten verbringen müssen.

„Komm, Gwendolyn! Wir müssen weiter!“, rief mir Xemerius aus einiger Entfernung zu.

Allen Anscheins nach war ich so sehr in meinen Erinnerungen geschwelgt, dass ich stehen geblieben bin.

Verdutzt über mich selbst schüttelte ich meinen Kopf durch und setzte mich wieder in Bewegung, um den kleinen Dämonen wieder einzuholen.

Dieser hatte sich jedoch nicht einmal die Mühe gemacht, mir dies zu erleichtern und wenigstens etwas langsamer zu gehen.

Nein, er musste ja noch schneller laufen. Er verfiel ja beinahe schon ins Rennen.

Leicht hechelnd holte ich ihn schlussendlich aber doch noch ein.

„Musste das jetzt sein?“, fragte ich ihn aufgebracht, aber doch etwas außer Puste, als ich endlich wieder etwas Luft bekommen und mich etwas beruhigt hatte.

Für seine paar hundert Jahre, die er nun schon auf seinem Rücken trug, war er doch noch recht schnell unterwegs.

Bevor ich jedoch dem Gedankengang, ihn vielleicht bei einem Geister – und Dämonenmarathonlauf anzumelden – sollte so etwas einmal stattfinden –, weiterverfolgen konnte, gab der Schnellläufer seine Antwort: „Ja, das musste sein. Oder willst du, dass wir nicht rechtzeitig wieder hier draußen sind?“

Er schien keineswegs auch nur ansatzweise außer Atem zu sein wie ich, sondern sprach ganz normal mit mir.

Obwohl, „normal“ konnte man das auch schon nicht mehr nennen, immerhin hatte er mich gerade ganz schön zur Schnecke gemacht.

„Tut mir leid, ich wollte nicht so grob zu dir sein. Du musstest schon genug ertragen in letzter Zeit…“

„Kein Problem“, winkte ich ab, um dem Thema, welches er gerade wieder ansteuerte, auszuweichen.

Xemerius schien meinen Link zu verstehen, denn er schnitt sofort ein neues Thema an.

„Es ist wirklich praktisch, dass es in diesem Gang keinerlei Kreuzungen oder Abweichungen gibt, findest du nicht?“

„Ja, du hast Recht.“

Wir waren wirklich noch an keiner Abzweigung vorbei gekommen, was es meinen Brüdern sehr vereinfachen würde, da sie sich nicht würden merken müssen, an welcher Ecke sie nach rechts oder links abzubiegen oder geradeaus laufen müssten. Und für uns war es auch eine kleine Hilfe, denn wir würden es uns auch nicht merken müssen und wir müssten ihnen es nicht auch noch erklären. Das wäre nämlich dann wohl das größere Problem…

Nach ein bisschen Small-Talk verfielen wir in ein angenehmes Schweigen. Und meine Gedanken schweiften wieder zu Gideon ab.

Was er wohl gerade tat? Ich hoffte, dass er sich an sein Versprechen hielt und sich gerade nicht versuchte umzubringen…

 

Gideons Sicht

Ich musste aus dem Raum raus. Als Dr. White das, was ich bereits analysiert hatte, noch einmal wiederholt hatte, war in mir einiges zusammengebrochen. Ich hatte gehofft, ich hätte irgendetwas bei der Analyse falsch gemacht, doch dem war nicht so. Und diese Erkenntnis war grauenhaft.

Ich hätte es ja eigentlich gleich wissen müssen, als Gwen plötzlich mitten in unserer Wohnung stand. Aber ich hatte es nicht wahrhaben wollen.

Dann, als wir dort unten in dem alten Raum standen, wollte ich dem ganzen auch keinen Glauben schenken.

Doch nun war ich mir sicher: Ich hatte sie verloren.

Vielleicht war es Gwendolyn nicht bewusst gewesen, doch ich hatte sie und den kleinen Jungen gesehen.

Der Kleine sah so aus wie der kleine Robert. Dr. Whites Sohn, der jetzt wahrscheinlich als Geist herumrennt. Genauso wie meine Gwenny.

Kleine Kinder hätten so gut zu ihr gepasst, fand ich.

Und nun war alles vorbei.

Außer mein Leben, denn dies hatte ich ja Gwendolyn versprechen müssen, dass ich dieses nicht aufgeben würde.

Im Moment könnte ich mich für dieses Versprechen ohrfeigen.

Ich wollte und konnte nicht ohne sie leben, da war ich mir sicher. Und doch musste ich es.

Meiner Gwenny zuliebe.

Und doch würde ich mich am liebsten vor das nächste Auto schmeißen, die hier vor Temple rumfuhren.

Mir fiel erst jetzt auf, dass ich bereits einige hundert Meter an meinem Auto vorbeigelaufen war.

Schnell drehte ich um und lief zurück zu meinem Auto. Es war nicht mehr mein kleiner MINI, sondern ein schöner neuer Mercedes, den mir meine besten Freunde geschenkt hatten. Ich wollte schon immer so einen und so war es das beste Geburtstagsgeschenk, was man mir hätte machen können.

Obwohl es nun das schönste Geschenk gewesen wäre, wenn Gwen wieder da wäre. Aber das war sie nicht und würde sie wohl auch nie wieder sein.

Gefrustet und mit den Nerven am Ende öffnete ich die Tür meines Wagens, um mich hineinzusetzten und mit einem lauten Knall die Tür zuzuschleudern.

Ich wäre gerade wirklich gerne in Tränen ausgebrochen, aber da ich noch nach Hause kommen sollte, musste ich das nun aufschieben.

Jedoch hatte ich, als ich den Motor starten wollte, bereits einen kleinen Tränenschleier vor den Augen und musste mir erst einmal verstohlen über die Augen wischen, damit ich überhaupt die Straße sehen konnte.

Als ich nach rechts aus dem Fenster sah, blickte ich direkt in die Augen eines kleineren Jungen, der mich entgeistert ansah.

Er hatte kurze haselnussbraune Haare und große grüne Augen mit etwas Orange-braun drinnen.

Sein Alter schätzte ich auf ungefähr sieben bis zehn Jahre. Ich war zwar nicht sonderlich gut im Schätzen von dem Alter anderer Menschen, aber älter war er bestimmt nicht, das stand fest.

Er würde bestimmt der Mädchenschwarm schlecht hin werden, wenn die Zeit gekommen war.

Ich hingegen musste bestimmt schrecklich aussehen, mit meinen geröteten Augen, dem blassen Gesicht und den zerzausten Haaren.

Ja, aber auch wir Männer dürfen weinen. Das würde der Kleine aber auch noch früh genug erfahren.

Er starrte mich noch immer an und auch seine Mutter, die er an seiner Hand hielt, schaute nun in meine Richtung.

Als sie jedoch mein Gesicht sah, zog sie ihren Sohn langsam weiter, was dieser aber scheinbar nur widerwillig zuließ.

Mit einem entschuldigenden und mitleidigen Blick wendete sich auch seine Mutter von mir ab und ich kam mir noch mieser vor.

Schnell startete ich den Motor und fuhr los. Nur weg von Temple, weg von Gwennys Leiche und weg von allem und jedem.

Die Autofahrt hatte mich nur noch wütender gemacht. Alle anderen Verkehrsteilnehmer hatten mir mitfühlende Blicke zugeworfen, wenn sie einen Moment Zeit hatten, um in der Gegend herumzuschauen und dann an mir mit ihren Blicken hängen geblieben sind. Ich brauchte kein Mitleid oder ähnliches. Das einzige, was ich jetzt brauchte, war meine Gwenny. Doch diese würde es für mich nicht mehr geben.

Wieso musste das Schicksal so ein mieser Spieler im Spiel des Lebens sein? Wieso musste so etwas nur immer uns passieren?

Ich machte noch einen Abstecher zum Friedhof, auf welchem mein Dad begraben lag. Das machte ich zwar nicht unbedingt oft, aber im Moment war mir einfach danach.

Mit meiner Mum konnte ich ja nicht reden. Sie war nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen, aber wieso wusste ich gerade auch nicht mehr.

Und so kam es, dass ich eine Viertelstunde später vor dem Grab meines Vaters stand.

Hier war es so schön ruhig und man konnte sich einfach mal gehen lassen.

Alles vergessen. Oder zumindest versuchen, alles zu vergessen. Auch wenn das oftmals ganz schön kompliziert war.

Eine Träne, eine einzige Träne lief mir über das Gesicht.

Alle Menschen - oder zumindest die meisten Menschen - die ich liebte, waren gegangen.

Die einzigen, die noch da waren, waren Raphael mit seiner Leslie und meine Mum. Obwohl diese mich in letzter Zeit wohl eher nicht mehr so lieb hatte.

Natürlich waren da auch noch die Leute in der Loge, aber diese waren mir nicht so wichtig.

Vielleicht Falk, aber er war mit Mr George und Madame Rossini eigentlich der Einzige.

Ich hatte meinen Dad und meine große Liebe verloren. Sie waren von mir gegangen.

Wie gerne wäre ich mit ihnen gegangen, doch mir fiel das Versprechen wieder ein, welches ich Gwen gegeben hatte.

Leider hielt ich immer meine Versprechen - vor allem bei ihr.

Nach einer halben Stunde, die ich stillschweigend mit den Gedanken an meinen Vater am Grab verbracht hatte, machte ich mich wieder auf den Weg zu meinem Auto. Ich glaubte zwar nicht wirklich an so etwas wie einen Gott, aber ich glaubte daran, dass mein Dad mich hören konnte, wenn ich an ihn dachte.

Er war immer bei mir. In meinem Herzen und meinem Gedächtnis. Ebenso Gwendolyn.

Die Autofahrt war wie zuvor auch. Ich wurde wieder mit mitleidigen Blicken überhäuft und dann hatten allen Anscheins nach auch noch alle Ampeln das Bedürfnis, genau dann rot zu werden, wenn ich vorbeifuhr. Das grenzte fast schon an einer Verschwörung…

Somit kam es, dass ich eine gefühlte Ewigkeit später total gestresst und mit den Nerven endgültig am Ende zu Hause ankam.

Dort sprang ich regelrecht aus dem Auto, knallte noch schön die Autotür zu und hastete die Treppen hoch.

‚Nur nicht in der Öffentlichkeit weinen!‘, pflichtete ich mir bei, während ich versuchte die Tür aufzuschließen. Es war schon genug gewesen, dass ich auf dem Friedhof meinen Kummer gezeigt hatte. Aber dort war ja auch niemand gewesen, der mich hätte sehen können.

Jetzt konnte ich die Tränen gerade noch zurückhalten, doch als ich dann im Hausflur stand, brachen sie nur noch so über mich ein.

Ich wollte nicht mehr.

Ich schleppte mich ins Wohnzimmer, wo ich wieder mit allem konfrontiert wurde. Dort standen alle Bilder von meiner Gwenny, die ich hatte.

Bilder meiner toten Gwenny, die nun keine Ahnung – wo war und welche mich nicht begleiten würde. Den Grund wusste ich nicht, aber er war mir im Moment auch egal.

Doch ich hatte ihr versprochen, dass ich gehen würde. Also sollte ich wohl jetzt mal anfangen, meinen Koffer zu packen.

Damit fing ich eine Stunde später auch an.

Im Kleiderschrank ließ ich Gwendolyns Sachen liegen. Vielleich würde Grace ja kommen und die Klamotten wegbringen.

Ich suchte meine Sachen zusammen und stopfte alle irgendwie in das meiner Meinung nach viel zu kleine Ding namens Koffer.

Da der Erste bereits nach einem Drittel des Schranks überfüllt war und bereits Anstalten machte, nicht mehr zuzugehen, kletterte ich auf einen Stuhl, den ich im Esszimmer geholt hatte, um an die anderen Koffer auf dem Schrank zu kommen.

Dabei wäre ich zwar beinahe heruntergefallen, aber das hätte mir eigentlich auch nicht mehr viel ausgemacht.

Die anderen vier Koffer unten zu haben, erleichterte die Sache ungemein. Ich hatte aber am Ende gerade mal zwei-ein-halb Koffer vollgepackt, weshalb ich schon einmal meine restlichen Sachen, die unbedingt mit mussten, in die noch leere Flächen packte.

Das war eine schöne Abwechslung zu dem Trauern. Doch Gwen bekam ich damit nicht ganz aus dem Kopf. Das wollte ich auch gar nicht.

Ich würde sie immer lieben, da war ich mir sicher.

Wie kam sie nur auf die Idee, dass ich sie jemals vergessen würde? Ich hatte zwar die ganze Ewigkeit dafür Zeit, aber sie war meine Liebe fürs Leben.

Bei dem Gedanken daran, dass ich die Ewigkeit mit niemandem wirklich würde teilen können, überrollten mich erneut die Tränen, die ich die letzten Stunden mit Erfolg hatte stoppen und verdrängen können. Weinend setzte ich mich auf mein Bett und vergrub mein Gesicht in beiden Händen.

Die Koffer hatte ich bereits ins Esszimmer gebracht, wo sie warteten, dass der übernächste Tag kam. Ich verabscheute diesen Tag jetzt schon. Ich wollte hier nicht weg. Nicht auf die andere Seite von England.

Immer noch weinend legte ich mich ins Bett, welches sich so leer anfühlte. Das war es ja auch. Leer.

Keine Gwenny war da, die ich hätte in die Arme nehmen können. Nur ich. Und ich war auch leer. Ich fühlte mich wie eine leere Hülle ohne Inhalt.

Mein Inhalt, ja sogar Lebensinhalt, war gestorben.

Mit diesem Gedanken fiel ich in einen traumlosen, tiefen Schlaf.