Forever And Ever - I Am Lost Without You

Ann-Kathrin Kälberer · Kapitel 24 von 24

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Forever And Ever - I Am Lost Without You

Unerwartete Begegnungen

 

Gideons Sicht (immer noch)

Ich machte immer kleiner werdende Schritte auf dem Weg in den Keller, wo Falk und Thomas bestimmt schon auf mich warteten.

Ich wollte nicht in die Vergangenheit, um Paul und seiner Frau die schlechte Nachricht überbringen zu müssen. Könnte das nicht jemand anderes machen?

Ach, ich vergaß! Es kann ja nur ich in die Vergangenheit reisen. Wie konnte ich das nur vergessen? Die sarkastischen Bemerkungen überschlugen sich geradezu in meinem Kopf, sodass ich das Gefühl bekam, dass meine Gedanken bestimmt ihr Talent im Saltos springen unter Beweis stellen wollten.

Immer mickriger wurden dabei meine Schritte, bis sie sogar so klein waren, dass selbst ein Baby sie um Meilen hätte schlagen können.

Die Zeit lief an mir vorbei, das Blut rauschte in meinen Ohren und ich versuchte krankhaft nicht an das Treffen mit Gwens Eltern oder überhaupt an Gwendolyn zu denken.

Dadurch fing ich dann irgendwann an, meine Minischritte und die kleinen Steine, die in den Boden eingearbeitet waren, in Gedanken zu zählen. `501, 502, 503,... 798, 799, 800...`

Doch selbst das wurde mir zu blöd.

"Gideon!" Thomas' Schrei hallte durch die unterirdischen Gänge.

Aufgrund dessen, dass ich die gesamte Zeit über meinen Blick entweder auf den Boden oder meine Füße gerichtet hatte, hatte ich überhaupt nicht darauf geachtet, wohin ich gelaufen war. Daher stand ich nun in einem spärlich beleuchteten Gang, irgendwo unter London und wusste nicht einmal, aus welcher Richtung ich gekommen war.

Dies war einer der Nachteile, wenn man sich orientierungslos im Kreis drehte, wie ein Karussell ohne Bremse, und davor nicht vom Boden aufgeblickt, sondern wie ein gebannter Irre auf seine Schuhe gestarrt hat...

In dem Moment fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, der in einem großen Möbelhaus seine Eltern verloren hat, weil er einen Moment zu lange bei einem Möbelstück verweilt und dabei nicht darauf geachtet hat, wohin seine Eltern gelaufen sind.

Ich hätte heulen können....

"Wenn er sich etwas angetan hat, Thomas! Ich könnte mir das niemals verzeihen!" Falks Stimme klang genauso verzweifelt, wie ich mich im Augenblick fühlte.

"Falk? Thomas?", schrie ich in den dunklen Teil des Ganges, in welchem ich die beiden Männer vermutete. Dort waren gerade die Lampen ausgegangen und die Dunkelheit kam mit den Glühbirnen, die allesamt der Reihe nach erloschen, näher und näher.

Noch einmal schrie ich die Namen der beiden Männer mit aller Kraft und mit einem Schlag gingen alle Lichter aus.

"Hilfe!", rief ich verzweifelter denn je, denn meine Taschenlampe lag seit Wochen im alten Alchemielabor herum und würde wohl nicht von alleine den Weg zu mir finden.

Hilflos stand ich daher hier im Dunklen und versuchte irgendein Geräusch in meiner Umgebung wahrzunehmen, um einem möglichen Hinterhalt gewappnet zu sein. Nach der Drohung von vorhin rechnete ich mit allem.

Doch nichts.

Einige Zeit hörte man überhaupt nichts, abgesehen von meinem immer unregelmäßiger werdenden Atem.

Mir kam es vor, als stände ich bereits seit Stunden im der stillen Dunkelheit, als ich wieder Stimmen vernahm.

„Hallo? Gideon?“

„Ich sage dir doch; Du hast dir das nur eingebildet, Falk!”

„Nein, ich bin hier!“, rief ich so laut wie ich nur konnte. Noch immer konnte ich nicht die Richtung bestimmen, aus welcher Falks und Thomas‘ Stimmen an mein Ohr drangen. Das Echo und der Schall hier unten waren einfach zu groß.

So stand ich also eben halt immer noch wie ein nasser Sack hier herum und wartete. Wieder verging eine Weile und dann hörte ich auf einmal Schritte.

Anfangs dachte ich mir, das wäre nur eine Einbildung, doch bei näherem Hinhören war ich mir sicher: Da kamen Personen.

Um genau zu sein zwei Personen.

Die Schritte wurden immer lauter und langsam konnte ich auch Mr Georges lautes Schnaufen vernehmen.

Der Arme war einfach auch nicht mehr der Jüngste und noch dazu war er schlicht und ergreifend für sein Alter überarbeitet.

Bei Gelegenheit sollte ich Falk mal darauf ansprechen, seinen Mitarbeitern nicht zu viel Arbeit aufzutragen…

Die Dunkelheit, die um mich herum herrschte, war erdrückend und daher war es mehr als befreiend, als ich einen kleinen Kegelförmigen Lichtstrahl an der rechten Seite von mir auf dem Boden erkennen konnte.

„Hallo!“, schrie ich und hörte daraufhin ein erleichtertes Aufatmen. Schnellen Schrittes ging ich in die Richtung, um meinen Rettern entgegen zu eilen.

Der Lichtkegel wurde immer größer und nach kurzer Zeit sah ich die Silhouette zweier Männer.

„Mensch, Gideon! Was hast du dir dabei nur wieder gedacht?“, fragte der eine Umriss und obwohl es als Vorwurf gedacht gewesen ist, war die Erleichterung nicht zu überhören.

Keine 5 Sekunden später wurde ich von der Taschenlampe in Falks Hand so dermaßen geblendet, dass ich aus Reflex die Augen zukneifen musste.

„Oh, ‘Tschuldigung…“, murmelte der Großmeister und stellte das Licht leiser.

Aufgrund dessen, dass das Sehen nun um Meilen angenehmer war, konnte ich meine Augen nun ohne Probleme wieder öffnen.

Vor mir standen der kleine Mr George und mein Onkel, der ja eigentlich gar nicht mein Onkel war, und ich hatte das Gefühl, dass beide mit den Tränen zu kämpfen hatten. Bei beiden funkelte die Flüssigkeit schon stark und auch mir traten wieder welche in die Augen.

Ungefähr zehn Sekunden standen wir regungslos da und starrten uns einfach nur an, ehe wir einander in die Arme fielen und den Tränen freien Lauf ließen.

So schluchzten wir vor uns hin, bis uns allen auf einen Schlag wieder der Ernst meiner Lage bewusst wurde.

Schnell lösten wir uns wieder voneinander, doch nicht, ohne dass ich ihnen beiden einen dankbaren Blick zugeworfen hatte.

Man sagt ja auch so schön: Ein Blick sagt mehr als tausend Worte.

Den Weg leuchteten wir uns mit der kleinen Taschenlampe, die mehr Licht ausstrahlte, als man es vielleicht auf den ersten Blick für möglich gehalten hätte.

Zum Chronographen war es – entgegen meinen Vermutungen – gerade mal ein Katzensprung – lediglich einige Ecken weiter und man war da.

Daher waren wir auch nach bereits 3 Minuten des Schweigens dort angekommen.

Die Stille, die herrschte, kam mir auf gewisse Weise gerade recht, da ich nicht erklären wollte, wie es dazu kommen konnte, dass ich mich hier – in den Gängen von Temple, wo ich mich für gewöhnlich so gut auskannte wie in meiner Hosentasche – hatte verlaufen können.

Doch auf eine andere Weise war sie mir auch unangenehm. Sie lag schwer auf mir und außerdem konnte ich somit meinen Gedanken nachhängen, die sich ausnahmslos um das, was geschehen war und nun noch kommen würde, drehten.

Mit meinen Gedanken war ich gerade mal wieder hinter dem Mond, als Thomas mich mit einem Räuspern wieder auf sich und Falk aufmerksam machte. Mir war gar nicht aufgefallen, dass wir bereits im Chronographenraum standen und die beiden die Zeitmaschine bereits aus ihrem Safe geholt hatten.

„Hä? Was?“

Beide sahen mich erwartungsvoll an und mir war nichts bessere eingefallen, als wie diese super intelligente Antwortfragen zu stellen. Innerlich hätte ich mir einen Kopfschuss verpassen können.

Falk hatte allen Anscheins gerade etwas höchstwichtiges gesagt oder gefragt, doch meine Ohren hatten durch meine Gedankenlosigkeit auf Durchzug geschaltet.

Der Großmeister verdrehte nur seine Augen, doch ehe er das, was er gesagt hatte, wiederholen konnte, hatte sich Thomas bereits zu Wort gemeldet.

Er meinte, ich solle nicht lange um den heißen Brei herumreden, da ich nicht wirklich viel Zeit hätte.

Gerade wollte ich ihm dazwischenreden, dass ich niemals um den heißen Brei reden würde, da schaltete sich Falk ein: „Doch, das tust du. Gerade in solchen Momenten, mein Lieber“.

Mr George ließ sich davon nicht beirren und fuhr ungehalten fort, dass Lucy mit Paul bereits im Raum sitzen würden und es dadurch wohl eher weniger zu Komplikationen kommen würde.

Dieses kleine Detail war mir auch schon bewusst – sogar schon seit einigen Tagen…

Nachdem er endlich mit seiner Rede fertig war, gab er mir noch ein „Kopf hoch!“ mit auf den Weg, wobei er wohl selbst bemerkte, dass es nicht einmal annähernd überzeugend rüberkam.

Falk schaute nur traurig zu mir, bat um meinen Finger und fragte, kurz bevor mein Fleisch die Nadel berührte: „Bereit?“

Ruckartig entzog ich ihm meinen Finger und sah ihn mehr als schockiert an. Wie konnte er mich nur so etwas fragen? Genau jetzt? Ausgerechnet das?

Tränen sammelten sich in meinen Augen an und auch Falk schien gerade aufzugehen, dass das, was er soeben von sich gegeben hatte, nicht das Richtige gewesen war.

Es war der Spruch von Gwen und mir und mit ihm verband ich so vieles. Viel zu viel. Nie wieder wollte ich ihn hören – außer aus Gwennys Mund.

Doch dies war – wie bereits erwähnt – unmöglich. Also wollte ich ihn nie wieder von irgendjemandem vernehmen.

„Es tut mir so leid, Gideon!“, sagte er reumütig. „Ich wollte dir doch nur so etwas wie Glück wünschen. Das ist halt zur Gewohnheit geworden…“

Gewohnheit… Nichts sollte zur Gewohnheit werden. Das hatte ich auch erfahren. Gwen war für mich selbstverständlich geworden – jeden Tag war sie bei mir gewesen. Jede verdammte Sekunde, die ich frei gehabt habe, hatte ich für sie zur Verfügung gestellt. Und jetzt, wo ich sie nicht mehr hatte, wurde mir schmerzhaft bewusst, wie sehr sie mein Leben doch beeinflusst hatte.

Und wieder einmal stand die Frage in meinem Kopf: Wie sollte ich nur ohne sie mein Leben verbringen? Mein Leben hatte ohne sie an meiner Seite doch gar keinen Sinn mehr!

„Darf ich trotzdem deinen Finger haben?“, holte mich Falk wieder aus meiner Gedankenwelt raus. Widerwillig streckte ich ihm Gewünschtes hin und ließ mir langsam in die Fingerkuppe pieksen.

Das weiße Licht umhüllte mich und trug mich Jahrzehnte in der Geschichte zurück.

Nach nicht einmal zwei Sekunden erlosch das Licht wieder. Noch immer stand ich in dem kleinen Raum, doch er sah ein wenig anders aus.

Auf dem Sofa, das dort, wo es nun stand, in meiner Gegenwart nicht existierte, saßen – oder besser gesagt lagen Paul und Lucy engumschlungen und knutschten wie wild.

Hätte mir noch vor einigen Wochen solch ein Bild ein Grinsen oder zumindest ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, so versetzte es mir nun nur noch einen weiteren Stich in meine Herzgegend.

Den Schmerz unterdrückte ich jedoch mittlerweile beinahe gekonnt und machte die beiden Turteltauben auf mich aufmerksam.

Erschrocken wichen diese auseinander und sahen mich mit geröteten Wangen, verstrubbelten Haaren sowie geweiteten Pupillen und großen Augen an.

„Oh…“, entfuhr es Lucy leise und sie wurde vor Scham noch röter im Gesicht. Eines der Merkmale, die Gwen von ihr geerbt hatte. Sie war auch immer genauso schnell peinlich berührt gewesen.

Paul hingegen sah mich nur verwirrt, aber gleichzeitig auch ein Stück wütend an.

„Seit wann bist du hier?“, knurrte er mich an, was mich sofort einen Schritt nach hinten machen ließ. Eindeutig: Paul war noch immer nicht gut auf mich zu sprechen – zumindest dann nicht, wenn ich ihn bei intimen Dingen störte.

Doch bevor er mir noch an die Gurgel hätte springen können, fasste Lucy ihm beruhigend an die Schulter.

Langsam beruhigte er sich wieder und als Paul sich wieder vollkommen eingekriegt hatte, wandte sie sich wieder an mich.

„Was führt dich zu uns? Und wo ist Gwendolyn?“

Der nächste Schmerz breitete sich in meiner Brust aus, doch dieses Mal konnte ich ihn einfach nicht ignorieren. So sehr ich es auch versuchte; Es klappte nicht.

Aufgrund dessen sank ich kraftlos auf der Stelle, wo ich gerade stand, auf die Knie und weinte hilflos.

Der letzte Rest meines sowieso schon mickrigen Energievorrates hatte meinen Körper und meine Seele innerhalb von zwei Sätzen verlassen.

Als kleines Häufchen Elend weinte ich mit den Händen vor meinem Gesicht und wusste nicht, wie ich aufhören sollte.

Erst als sich eine Hand auf meine Schuler legte, traute ich mich aufzublicken, wobei jedoch meine Tränen noch immer nicht ganz versiegt waren.

Mein Blick traf direkt in die blauen Augen Lucys, welche mich auch sofort wieder an Gwen denken ließen.

Erneut stieß ich ein Schluchzen aus – wie so oft in den letzten Minuten.

Fürsorglich – beinahe mütterlich – fragte sie mich, was los sei, doch ich konnte ihr nicht antworten. Wollte ihr nicht die Wahrheit sagen. Nicht den Grund nennen, weswegen ich hier war.

Lucy half mich langsam vom Boden auf und lotste mich zu der Sitzgarnitur, wo bereits Paul saß. Mittlerweile hatte sein Blick zu mitleidig gewechselt und von der Wut war kein Hauch mehr zu sehen.

Über die Sitzgelegenheit war ich mehr als froh, da ich mir nicht sicher war, ob meine Beine nachgeben würden oder nicht, wenn ich meinen Nervenzusammenbruch gerade eben erklären sollte.

Lucy strich mir währenddessen, dass ich mir mal wieder Gedanken machte, beruhigend über den Rücken und auch Paul rutschte zu mir rüber.

Langsam verebbten zwar die Tränen, doch anstelle dessen zitterte ich wie Espenlaub. So sehr wie nun, hatte ich noch nie gezittert.

Auch innerlich bebte ich.

Ich wollte schreien, meiner Verzweiflung Platz machen, doch nichts kam aus meinem Mund – abgesehen von einem leisen Schluchzen.

Langsam wurde ich wieder ruhiger.

Dies lag aber daran, dass mit wieder in den Sinn kam, dass die Zeit knapp war, und nicht daran, dass der Schmerz nachließ. Denn das war keines Falls der Fall.

„Was ist los? Was ist mit ihr?“ Lucy schien die richtigen Schlüsse aus meiner Reaktion auf ihre vorherigen Fragen gezogen zu haben.

Und so kam es, dass ich meinen Beinahe-Schwiegereltern die schlimmsten Tage meines unsterblichen Lebens in Kurzform erzählte.

Nichts, was mir im Geringsten wichtig erschien, ließ ich aus.

„Gwenny ist…tot?“, flüsterte Lucy, nachdem ich fertig war. Ich konnte sie nur zu gut verstehen – ich wollte und konnte es auch nicht begreifen.

Pauls Blick war ihm entwichen – er starrte ohne wirklichen Zentralpunkt an die gegenüberliegende Wand.

Meinen Blick hatte ich auf den Boden gesenkt, sodass ich beiden nicht in die Augen sehen musste. Ich hatte versagt – Und das wusste ich auch.

„Es tut mir so Leid… Ich hätte sie besser beschützen sollen…“

„Nein!“ – Paul unterbrach mich so scharf, dass ich augenblicklich verstummte und mich reflexartig kleiner machte. Immer weiter verkroch ich mich im Sofa.

Ein wenig eingeschüchtert sah ich zu ihm hoch. Er war im Sitzen – und gerade jetzt – doch ein kleines bisschen größer als ich.

Den Zusammenhang seiner Worte mit meinen fand ich momentan nicht und als habe Lucy meine Gedanken gehört, fragte sie: „Was?“

„Nein“, wiederholte Paul seine Worte. „Gideon, du hast dein Bestes getan. Dich trifft keine Schuld. Du hast dein Bestes getan, doch es hat eben dieses eine Mal nicht ausgereicht.“ Seine Stimme wurde immer lauter. „Ich bin verdammt froh, dass unsere Gwenny – mein kleines Mädchen – so jemanden wie dich kennen und lieben lernen durfte…“

Pauls Gefühlsschwankungen waren unheimlich. Gerade eben hatte er mich noch zusammengeschissen und nun bedankte er sich indirekt und fing hemmungslos an zu schluchzen? Ich machte mir ernsthafte Sorgen um ihn.

Doch irgendwo konnte ich ihn auch verstehen…

Jetzt saßen wir schlussendlich zu dritt hier und heulten uns die Augen aus dem Kopf.

Nach etwa fünf Minuten, in denen sich auf dem Fußboden sowie der Couch ein Meer aus Tränen gebildet hatte, machten sich erste Anzeichen für den bevorstehenden Zeitsprung bemerkbar.

Meine Augen brannten und meine Nase lief unaufhörlich, als ich mich schweren Herzens von den beiden verabschiedete.

Ich würde die beiden wohl niemals wieder sehen, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie in ihrem Leben jemals in World Ends gewesen waren/sein würden/gewesen sein würden. Das mit den Zeitformen war mir wahrhaftig ein Rätsel…

Meine Fast-Schwiegereltern nahmen mich beide noch einmal in den Arm und als Paul an der Reihe war, flüsterte er mir ein letztes Mal etwas ins Ohr. „Ich hätte dich wirklich gerne als Schwiegersohn gehabt.“

Dann ließ er mich los und ich stellte mich etwa zwei Meter von ihnen entfernt auf.

„Es tut mir so leid“, flüsterte ich noch einmal, ehe mich das weiße Licht umhüllte und mich in meine Gegenwart mitnahm.

Gwendolyns Sicht

Robert und ich waren nach dem unbeabsichtigten Treffen mit Gideon wieder in die andere Richtung gegangen. Es tat viel zu sehr weh, Gideon so verletzt zu sehen, als dass ich das noch länger mit ihm dort ausgehalten hätte. Der Griff um meine Hand wurde stärker und so sah ich zu meinem kleinen Begleiter hinunter, der mich mit seinen großen, klare Augen ansah.

„Was ist?“ Unbeholfen wie ich war, war mir keine bessere Frage eingefallen. Er war einfach so stehen geblieben und auch ich war somit gezwungen, stehen zu bleiben. Hoffnungsvoll sah er mich an.

„Können wir da rein“, er zeigte auf eine Tür rechts von mir, „gehen?“

Da mir kein Grund einfiel, warum wir nicht reingehen sollten, willigte ich ein. Doch die Frage, was sich darin befinden würde und weshalb er ausgerechnet jetzt dort hineinwollte, da wir immerhin zuvor auch schon vorbeigegangen waren, spukte in meinem Kopf herum und ließ mich nicht los. Doch ich fragte ihn nicht.

Robert strahlte mich vor Freude an und zog mich durch die Wand.

Das erste, was mir auffiel, war die Unordnung, die für die Loge so unnatürlich wie 40°C in der Antarktis war. Überall lagen irgendwelche Dinge herum. Vor einem Wandschrank stapelten sich haufenweise Klamotten; T-Shirts, Hosen und andere diverse Kleidungsstücke. Weiter links lagen Schuhe verstreut herum und Jacken zusammengeknüllt daneben. Auf der anderen Zimmerseite war ein Regal, voll mit Büchern, angebracht, welches sich nach rechts bog. Es erinnerte stark an ein im Sturm stehendes, jedoch fest im Boden verankertes Regal, das seine beste Zeit bereits hinter sich hatte. Der hölzerne Schreibtisch, der daneben stand, hätte zum Teil gut in das letzte Jahrhundert gepasst. Er war so wie der Schreibtisch meines Großvaters, auch wenn es sich bei diesem hier um ein anderes Model zu handeln schien. Auch er war beladen mit unzähligen Sachen. Arbeiten konnte man auf jeden Fall nicht mehr. In der Relation zu diesem war selbst mein Ehemaliger aufgeräumt.

Robert schien sich hier auszukennen und sah nicht annähernd so erstaunt und verwirrt aus wie ich. Das Zimmer erschreckte mich sogar einen kleinen Moment lang, doch das legte sich relativ schnell wieder.

Ich wollte gerade ansetzen, ihn zu fragen, was wir hier eigentlich machten, da hörten wir eine Stimme. Sie kam von der zweiten Tür, die sich neben dem Schreibtisch befand, und wurde immer lauter. Die Türklinke wurde heruntergedrückt und die Tür öffnete sich einen kleinen Spalt, da stoppte sie mitten in der Bewegung. Die Stimme sagte noch: „Bis später dann“ und verstummte.

Schritte entfernten sich von der Tür und die Person, zu der die Stimme gehörte, öffnete die Tür und blieb in dieser stehen. Mit dem Bild, das sich mir nun bot, hätte ich jetzt nicht gerechnet…

Gideons Sicht

Man hätte meinen können, ich hätte keine Lebensenergie mehr, so schlaff stand ich bei Falk und Mr George herum. Ich hatte ihnen alles erzählen müssen; Von der Mimik und Gestik Paul und Lucys und auch alles, wie ich gehandelt hatte. Nun stand ich hier, hatte alles getan, was getan werden musste und wusste nicht mehr weiter. Falk sah nachdenkend in die Leere und auch Thomas sah aus, als wäre er mit seinen Gedanken nicht hier. Nur ich stand hier und wusste nichts mit mir anzufangen – geschweige denn mit meinen Gedanken!

Und so stand ich also nun hier. Was sollte ich schon groß machen? Niemand hatte mir einen Auftrag erteilt und auch sonst hatte ich ja keine Ahnung mehr, was überhaupt noch zu tun war. Vielleicht sollte ich mal mein Zimmer noch einmal überprüfen, ob ich nicht doch noch etwas vergessen hatte einzuräumen…

Mit meinen Gedanken war scheinbar doch noch etwas anzufangen, wie mir auffiel, als ich recht unsanft aus den Planungen, meine Wohnung auf den Kopf zu stellen, gerissen wurde. Mein Onkel war so verwirrt gewesen, dass ich nicht auf seine Frage reagiert hatte, sodass er mich plötzlich an der Schulter genommen und einmal durchgeschüttelt hatte.

„Was sollte das denn jetzt?“, patzte ich ihn an. Das tat schon richtig weh. Wo hatte er nur diese Kraft her? Ging er vielleicht ins Fitnessstudio und ich wusste nichts davon? Also Speck hatte er trotzdem noch…

„Du warst nicht da! Was ist nur mit dir los?“, patzte er zurück.

„Aber du ja auch nicht, oder? Bei euch beiden hab ich doch keine Ahnung mehr, was ich machen soll. Wieso bin ich denn eigentlich noch hier?“, schrie ich zurück. Die plötzliche Wut war nicht mehr zu unterdrücken, doch wusste ich nicht einmal, woher sie überhaupt kam. Sie überflutete mich einfach und ich konnte nichts dagegen machen.

„Wir machen uns doch nur Sorgen!“, mischte sich nun auch Mr George ein.

„Kann ich ja verstehen, aber ich will doch nur wissen, was jetzt los ist! Was hab ich noch zu tun! Und habt ihr eine Ahnung, wie weh das tut, wenn man plötzlich aus den Gedanken gerissen und herumgeschleudert wird?“ An Falk gewandt fügte ich noch hinzu: „Du hast einen ganz schön kräftigen Griff, weißt du das?“

Mit einem Mal war meine ganze Wut wie weggeblasen und eine furchtbare Müdigkeit breitete sich dort aus, wo sich nun eine Leere befand. Wie eine Marionette, der man die Fäden abgeschnitten hat, ließ ich mich auf einen Stuhl fallen. Ich war verausgabt, hatte keine Kraft mehr zum weiterkämpfen. Ich gab auf.

Ich weiß nicht mehr, was danach passierte und was Falk und Thomas gesagt hatten. Mein Kopf war wie leergefegt und mein Wille, irgendetwas zu tun, war nicht mehr vorhanden. Was auch immer die beiden gesagt hatten, was nun noch zu tun sei; Ich wusste es nicht mehr.

Was allerdings nicht an mir vorbeigegangen war, war die Tatsache, dass sie mich erneut in ein anderes Jahr schicken wollten, da ich mein Zeitfenster noch nicht ausgefüllt hatte. Die Gefahr wäre sonst noch zu hoch gewesen, dass ich plötzlich und ohne Vorwarnung gesprungen wäre.

Das weiße Licht umhüllte mich und trug mich in der Zeit zurück. Es würde wohl das letzte Mal sein, dass ich in diesem Raum elapsierte, denn wer wusste schon, wann ich wieder nach London zurückkehren würde und ob da dann noch die Loge stände.

Nach wenigen Sekunden verschwand das weiße Licht wieder und meine Augen mussten sich einen Moment erstmal an die ungewohnte Dunkelheit hier unten gewöhnen. Blind tastete ich mich bis zur Wand voran und dort angekommen, weiter zum Lichtschalter.

Ein leises Knacksen und der Raum war von der kleinen Glühbirne erhellt. Die aufkommenden Erinnerungen blockte ich gekonnt ab. Viel zu viel verband ich mit dem kleinen Raum hier unten…

„Was zum…?“, kam es plötzlich vom Sofa, das mit der Rückenlehne zu mir stand.

„Kann man sich hier denn nicht einmal fünf Minuten vom Dienst ausruhen? Ich hab‘ die Erlaubnis von Großmeister Lucas Montrose. Ich darf hier pausieren! Machen Sie, dass Sie hier rauskommen!“

Das konnte nicht sein, Lucas ließ hier unten doch nie und nimmer jemanden schlafen, wenn er doch wusste, dass ich gelegentlich einige Stunden hier verbringen musste!

Und bitte wieso kam mir diese Stimme so unglaublich bekannt vor?

„Ehm, es tut mir leid, dass ich störe, aber ich habe ebenfalls eine Aufenthaltserlaubnis für diesen Raum von Lord Lucas erhalten.“

Langsam schritt ich auf das Sofa zu.

„Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“, kam es in zickigen Ton von dort. Ich stand nur da und konnte meinen Augen nicht trauen.

„Das solltest du doch eigentlich wissen, oder nicht, Gwenny?“

Prompt riss sie ihre Augen auf und starrte mich mit offenstehendem Mund an.

„Gideon! Was machst du denn hier?“ Wieso sah ich so etwas wie Entsetzen in ihrem Blick?

„Sollte ich das nicht eher dich fragen? An welchem Tag bist du gesprungen?“

Ich konnte es nicht fassen. Sie so lebendig zu sehen… Aber ich durfte nicht auffällig handeln, sonst würde ich alles zerstören. Oder aber alles retten…

„Du bist im Moment eigentlich bei deinen Prüfungen. Zumindest solltest du da eigentlich sein.“

Meine Prüfungen. Die waren vor einer oder zwei Wochen gewesen. ‚Ich könnte sie retten!‘, rief eine Stimme in meinem Kopf.

„Ich weiß, worüber du nachdenkst. Und nein, du kannst – egal wie sehr du es auch willst – nichts für mich tun. Es muss so sein. Du kannst das Schicksal, wenn es so geschehen ist, nicht ungeschehen machen. Du könntest die ganze Zeit zerstören. Und damit wäre es auch nicht besser gemacht“, sagte sie, machte mir auf dem Sofa Platz und richtete ihr Oberteil, das ein wenig nach oben gerutscht war.

„Woher weißt du davon?“

Traurig lächelnd sah sie mir in die Augen und antwortete: „Man hat es mir gesagt. Aber ich werde es dir nicht sagen, wer es war. Das wäre wieder so etwas, was die Zeit viel zu sehr beeinträchtigen könnte.“

„Und wieso kann ich dich nicht retten? Ich will dich nicht verlieren!“

Ich verstand sie einfach nicht. Die Zeit wurde nicht allzu sehr manipuliert. Verdammt, ihr Leben stand hier gerade auf dem Spiel und ich hatte es in der Hand, sie zu retten!

Tränen liefen mir über mein Gesicht. Langsam rückte Gwendolyn näher zu mir heran, wischte mir die Tränen weg und nahm mich in ihre Arme.

Es tat gut, sie so wirklich in die Arme zu nehmen. Sie doch noch einmal lebendig zu erleben.

Und es tat weh. Es tat so scheiß verdammt weh, als würde man 30 Messer oder mehr in die Brust gerammt bekommen, nicht daran sterben, auch nicht ohnmächtig werden, sondern diese qualvollen Schmerzen ertragen müssen.

Ich wollte eine Antwort. Ich brauchte sie.

Doch anstatt dass sie mir antwortete, küsste sie mich. Erst langsam und dann immer wilder. So sehr, dass sie plötzlich über mir auf dem Sofa lag.

„Weißt du, wie sehr ich dich vermisse?“, flüsterte ich. Sie hatte ihren Kopf auf meiner Brust gebettet und ihre Arme um mich geschlungen.

„Ich vermisse dich auch…“, flüsterte sie.

„Es tut mir so schrecklich leid, dass ich so viel Zeit für meine Prüfungen verbraucht habe. Viel lieber hätte ich etwas mit dir unternommen. Ehrlich…“

„Ich vermisse dich…“, flüsterte sie noch einmal und legte ihre Lippen auf meine und es kam mir so vor, als würde sie sich daran festhalten – festklammern. An einem einzigen Kuss. Wir legten beide so viel Liebe in diesen Kuss, dass ich dachte, ich würde abheben. Einfach schweben. Sogar noch mehr als all diese Abermillionen Male davor.

„Für immer und ewig“, flüsterte ich in den Kuss hinein. „Für immer und ewig gibt es nur dich für mich. Ich werde dich für immer und ewig vermissen und niemals vergessen.“

„Ich muss gleich los“, flüsterte sie und stand auf. „Ich liebe dich, Gideon! Vergiss das nie!“

„Ich liebe dich auch, Gwenny…“ Sie sah mir tief in die Augen und noch einmal flüsterte sie: „Ich vermisse dich“, ehe sie in rotem Licht dahinging.

„Ich vermisse dich noch viel mehr, als du dir überhaupt vorstellen kannst“, flüsterte ich, doch sprach dabei mit der Luft. Gwendolyn war weg.

Nur noch ihr Geruch lag ein wenig in der Luft und der Geschmack ihrer Lippen haftete noch an meinen Lippen. Und während ich versuchte, mir das alles einzuprägen und als unauslöschliche Erinnerung in mein Herz zu verinnerlichen, fiel mir plötzlich meine Frage wieder ein. Die Frage, auf die ich immer noch keine Antwort hatte.

Ich brauchte doch die Antwort, dachte ich mir. Doch ich würde sie wohl niemals bekommen.

„Wieso kann ich dich nicht retten? Ich will dich doch nicht verlieren!“

Mit den Nerven am Ende und dem Kopf in die Hände gestützt, saß ich auf dem Sofa und wartete auf meinen Rücksprung.

Wie lange lag sie wohl schon dort auf dem Sofa, als ich dazugekommen war? Sie meinte, sie hätte sich gerade erst fünf Minuten hingelegt, doch war das nicht eher rhetorisch gemeint?

Tausende Fragen und Gedanken schossen mir durch den Kopf und so bekam ich nicht mit, wie die Zeit verstrich und ich plötzlich zurücksprang. Niemand wartete im 21. Jahrhundert, als ich landete. Niemand, der mir Schutz geben konnte, wenn ich ihn bräuchte.

Schnell schmierte ich noch in das Notizbuch hinein, dass ich den Rubin – Gwen – getroffen hatte, die mich für einen Wächter des 20. Jahrhundert gehalten hatte, und dass aber sonst nichts passiert war. Zumindest nichts, was von Wichtigkeit war.

Nachdem dies geschehen war, steuerte ich die Tür an.

Wieso war denn hier niemand? Wo waren die alle? Was, wenn ER nun auftauchen würde?

Ich könnte mich nicht wehren.

Und während ich mir all diese Gedanken machte, lief ich ohne Probleme zum Ausgang. Niemand kam mir entgegen. Niemand kreuzte meinen Weg.

Nicht einmal eine kleine Seele kam an mir vorbei…

Texte: Ann-Kathrin Kälberer, Kerstin Gier

Bildmaterialien: http://www.66-69.ukdo.de/gedenken.htm

Alle Rechte vorbehalten.

Tag der Veröffentlichung: 04.03.2016

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