Forever And Ever - I Am Lost Without You
Tränen
Gwendolyns Sicht
Der Gang, durch welchen wir liefen, wies noch immer keine Abzweigungen auf, und je mehr ich darüber grübelte, was Gideon wohl gerade tat, desto kürzer erschien er mir zu werden.
Plötzlich, ich war in Gedanken noch immer bei Gid, kamen wir an einer großen, hölzernen Tür an, die einen Spalt offen stand.
Schnell ging ich mit dem Dämonen an meiner Seite über die Schwelle und stand auf einmal mitten in Temple.
„Jetzt können wir uns sicher sein, dass dieser Weg von deiner Familie nach Temple führt“, wandte sich Xemerius an mich.
„Ja, das können wir“, bestätigte ich, wobei ich versuchte, interessiert zu klingen, doch in Wahrheit ging es mir relativ am Allerwertesten vorbei.
Mich interessierte jetzt viel mehr, was wir jetzt machen würden.
„Also ich fliege zu deinen Geschwistern zurück und erkläre ihnen, wie sie herkommen“, antwortete er, nachdem ich ihn gefragt hatte.
Ich wollte gerade dazu ansetzen, ihm mitzuteilen, dass ich mit ihm mitkäme, da sprach er auch schon weiter: „Aber ich gehe alleine. Was du in der Zwischenzeit machst, weiß ich zwar nicht, aber du gehst auf keinen Fall mit mir mit!“
Gerade wollte ich widersprechen, als er „Keine Widerrede!“ hinzufügte und einfach losflog.
„Bis heute Abend!“, rief er mir über seine Schulter noch zu, ehe er in dem spärlichen Licht, welches den Gang ausfüllte, verschwand.
Eingeschnappt stieß ich die Luft aus. Das konnte er doch nicht machen!
Um die Zeit irgendwie sinnvoll zu nutzen und dabei nicht nur herum zu stehen, entschied ich mich dazu, Temple ein wenig unter die Lupe zu nehmen.
Als erstes Ziel hatte ich mir Grandpas Büro ausgesucht, wo ich nun auf dem Weg hin war. Ich war gerade dabei, am Drachensaal vorbei zu gehen, da dieser auf dem Weg zu Lucas Büro lag, welches aufgrund der Tatsache, dass Falk, als er Großmeister wurde, ein neueres und persönlicheres Arbeitszimmer haben wollte, nun leer stand. Doch als ich direkt vor der großen hölzernen Tür zum Versammlungsraum der Wächter stand, hörte ich von drinnen einige Stimmen, die mich zum Stehenbleiben brachten.
Eine der Stimmen konnte ich sofort einer Person zuordnen: Dr. White.
So monoton und kalt konnte nur er sprechen.
Die anderen drei kannte ich auch, doch sie waren zu gedämpft, als dass ich sie jemandem hätte zuordnen können.
Was ich aber auch so herausfinden konnte, war, dass eine Stimme auf jeden Fall weiblich und die anderen zwei männlich waren.
Neugierig, wie ich war, steckte ich meinen Kopf durch die Wand hindurch, wodurch dieses ekelerregende Gefühl, welches die Wand verursachte, wieder kam, das ich jedoch gekonnt ignorierte.
Viel wichtiger waren für mich gerade die hier Anwesenden.
Da standen Dr. White, den ich ja draußen bereits erkannt hatte, Mr George mit seinem Handtuch, mein Onkel Falk und … Grace.
Meine Leiche lag noch immer auf dem Tisch, um welchen sich die vier versammelt hatten.
Irgendwie sah das Ganze recht merkwürdig aus, wie an einer Grab- oder Opferstelle.
Ein Schauer lief mir über den Rücken, den ich nun auch vollends durch die Wand gequetscht hatte.
Falk hielt Grace im Arm, die ununterbrochen schluchzte. Tränen quollen ihr aus den Augen und liefen ihr wie die Niagarafälle über das Gesicht.
„Hallo Gwendolyn!“, begrüßte mich jemand. Doch niemand der vier Anwesenden, die am Tisch waren, hätte mich bemerken können und ansonsten fand ich bei ihnen niemand mehr.
„Hier unten!“, lachte die Stimme.
Langsam ließ ich meinen Blick hinunter an mein Bein wandern, von wo mich ein grinsender Robert ansah.
Er saß im Schneidersitz auf dem Boden, wohin auch ich mich niederließ und ebenso wie er lehnte ich mich an die Wand, während er weitersprach.
„Die haben gerade besprochen, wann du beerdigt werden sollst.“ Das Grinsen war aus seinem Gesicht verschwunden und so sah ich nun in die traurige Miene des kleinen Jungen, der mir so ans Herz gewachsen war.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Es war klar gewesen, dass meine Beerdigung irgendwann käme. Aber allzu schnell sollte sie nicht von Statten laufen…
Mit meinen Gedanken war ich mal wieder meilenweit entfernt und erst als Robert mir eine Frage stellte, kam ich wieder in das Hier-und-Jetzt zurück.
„Wieso bist du eigentlich noch hier?“
Verwirrt schaute ich ihn an. Was meinte er denn jetzt? Er schien meine Verwirrung erkannt zu haben, denn er setzte noch hinzu: „Na, ich bin noch hier, weil ich Papa nicht verlassen kann. Aber wieso du?“
Allmählich verstand ich, was er meinte. War ja eigentlich nicht so schwer gewesen, das zu verstehen, oder?
Er musste als Geist hier auf der Erde bleiben, weil er kurz vor seinem Tod im Pool einen heftigen Streit mit seinem Vater gehabt hatte und hoffte, sein Vater würde seine Anwesenheit bemerken.
Seine Frage kam mir wieder in Erinnerung und ließ mich nicht weiter über ihn, sondern über mich nachdenken.
Ja, wieso war ich noch hier? Ich hatte keinen Streit mit jemandem gehabt.
„Ich…ich weiß es nicht genau…“, antwortete ich ihm stockend.
Wieso…
„Ich denke, ich weiß wieso…“, flüsterte der Kleine neben mir einige Zeit später, die ich mit grübeln verbracht hatte.
„Und warum?“, fragte ich mehr als verwirrt.
Ich meine: Ich wusste selbst nicht, weshalb ich noch hier war, und Robert wusste es?
„Na, du hängst an deinem Freund. Du liebst ihn mehr als alles auf der Welt. Ich vermute, du liebst ihn sogar mehr als dein eigenes Leben. Und er liebt dich auf dieselbe Art.“
Und wieder sah man, wie weise der kleine Siebenjährige schon gewesen war. Und das Schlimme war, wie ich fand: Er hatte Recht.
Tränen liefen mir über mein Gesicht. Ich konnte sie nicht stoppen und wenn ich ehrlich war, wollte ich auch gar nicht, dass sie versiegten.
Behutsam nahm Robert mich in den Arm und murmelte: „Nicht weinen, Gwendolyn. Nicht weinen…“, wobei doch wieder das Kind aus ihm sprach.
Ich wusste nicht, wie lange wir schon hier saßen. Mit der Zeit waren Grace, Falk und Roberts Vater gegangen und ein wenig später versiegten dann doch die Tränen. Nun waren nur noch der kleine Geisterjunge, meine Leiche, Mr George und meine geistige Wenigkeit im Raum anwesend.
Mr George saß an dem großen Tisch, der ihn auf irgendeine Weise noch kleiner erscheinen ließ, und tupfte mal wieder seine schweißüberzogene Stirn mithilfe seines Stofftaschentuchs ab.
Robert ließ mich los und stand auf, wobei er mich jedoch mit sich zog.
Ein wenig überrumpelt folgte ich ihm, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was er machen wollte.
Mit seinen kleinen, kurzen Beinen machte er zwar kleine Schritte, doch er war erstaunlich schnell an dem Versammlungstisch neben Mr George, wo ich nun auch verstehen konnte, was dieser sagte.
„Ach Gwendolyn, mein Mädchen… Wer hat dir das nur angetan?“, murmelte das netteste Logenmitglied, das es für mich neben Madame Rossini, Mrs Jenkins und Gideon hier gab, leise.
„Weißt du, ich habe ja nicht einmal eine Versicherung, dass du mich überhaupt hören oder verstehen kannst, aber ich möchte mich einfach mal für alles bedanken…“
Er nahm, während er sprach, meine Hand und begann, sich für alles Mögliche zu bedanken.
Dafür, dass ich ein wenig Leben in den Alten Schuppen, den andere Loge nannten, gebracht hatte.
Dafür, dass ich selbst Dr. White ein wenig aufgetaut hatte, wie er es nannte.
Und noch einiges mehr zählte er auf.
„Und dann wollte ich dir noch für das danken, was du aus Gideon gemacht hast. Weißt du, er war früher ganz anders, bevor du gekommen bist.
Er war gefühllos. Hat niemanden an sich rangelassen… Und dann kamst du und er war wie ausgewechselt. Und jetzt vorhin…
So wie er vorhin seine Gefühle gezeigt und die Trauer und Tränen zugelassen hat… Das hat er zuvor noch nie gemacht – zumindest habe ich so etwas bei ihm noch nie miterlebt.
Du hast ihn zu einem besseren Menschen gemacht. Doch er braucht dich… Du bist einfach zu früh von uns gegangen…“, beendete er seine Dankesrede, wobei er zum Ende hin immer leiser geworden war.
Aber ich hatte bereits gewusst, dass ich zu früh von der Erde gegangen war, denn ich hätte ja eigentlich nie sterben sollen. Für was war man denn bitte schön unsterblich?
Aber es war nun mal so… Und Vorwürfe konnte man mir und auch sonst keinem machen. Das hatte bisher zwar noch niemand, bis auf Gideon, der sich wahrscheinlich noch immer für meinen Tod verantwortlich machte, obwohl ihn keinerlei Schuld traf. Wenn dann war eine Person beziehungsweise zwei Personen daran schuld. Und an genau diesen würde ich mich für alles, was sie mir angetan hatten, rächen.
Mr George nahm noch einmal meine leblose Hand, die er zwischenzeitlich losgelassen hatte, drückte sie noch einmal und sagte dann leise: „ Gwendolyn, mein großes Mädchen, du fehlst uns allen sehr…“ stand von seinem Stuhl auf und verschwand daraufhin raschen Schrittes durch die Tür aus dem Raum, während auch ihm die Tränen kamen.
Ich stand wie angewurzelt da und wusste nicht, was ich machen sollte. Tränen hatte ich gerade nicht mehr, dafür hatte ich heute bereits genug geweint.
Durch einen lauten Knall wurde ich aus meinen Überlegungen geholt und ich drehte mich erschrocken um.